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Full text of "St Petersburger Medicinische Wochenschrift 13.1888"

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Über dieses Buch 

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Jahren 












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1868-1883 















St Petersb urger 
Medicinische Wochenschrift 


Karl Krannhals Dehio 
(Johannes Schröder, Theodor V.) 








































































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St Petersburger 

* 

Medicinische Wochenschrift 


UNTER DER RED ACTION VON 


Prof. Ed. v. WAHL, 

Dorpat. 


Dr. Theodor v. SCHRÖDER, 

St Petersburg. 



XIII. JAHRGANG. 

(NEUE FOLGE V. JAHRGANG;. 






t 


ST. PETERSBURG. 
1888 . 


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Inhalts-Verzeichnis s. 

(Die mit einem * bezeichnten Zahlen beziehen sieb auf Original-Arbeiten). 


A. 

Abführmittel, die — insbes. d. Kies 53. 
Abortusreste, Retention v. — und deren Be¬ 
händ]. 433. 

Acetanilid als Nervinum 305* Verhalten d. 

— im thier. Stoffwechsel 305. 

Acetylen 37. 

Acidum gymnemicum 134. 

Actinomycose 119*. Primäre — d. Gehirns 
29JU. 

ActünJmycosis, üb. klin. Mikroskopie u. Bac- 
teriologie d. — 76*. Fall v. — 8p. 
Adenom, retrobulbäres — 256* 

Aether-Spray bei Pediculi pub. 91. 
Akromegalie 379. 

Albuminurie, Behandl. <L — b. acuten lnfec- 
tionakrankheiten 281. Die pathogenen 
Bedingungen d. — 380. 2 Fälle v. Inter- 
mittirender — 70. 

Alcoholismus b. einem 14-jähr. Knaben 224. 
Alimentation u. Medication per Rectum bei 
Hautkrankheiten 305. 

Alopecia neuro tica, Fall v..— 245. 
Ambusturen, z. Therapie d. — 223* 
Ammoniak gegen Seekrankheit 384. 
Amputationen und Exarticulationen im Au* 
gusta-Hosp. 1871—85 180. 

Amylenhydrat 397. — als Hypnoticum 180. 

— als Schlafmittel 170. 

Amyloide Degenerationd. Leber 72. 

Anämie, Heilung d. Bieraer sehen pemickteem 

— durch Abtreibung v. Bothrioceph. lat. 
140. 

Auästhesie, locale — u. locale anästhesirende 
Mittel 314. 

Anästhetica, z. Gebrauch d. — 124. Z. Lehre 
v. d. - 387. 

Anastomosenbildung am Darm, Bedeutung d. 

— f. d. operat. Behandl. d. Vereng. 388. 
Anatomie, Grundlagen der —des Menschen 

(russ.) v. Pahnsch 348. Grundzüge d. r — 
d. Menschen 114. 160. Lehrbuch der pa¬ 
thologischen — v. Birch-Hirschfeld 114. 
Aneurysma d. A. mammaria int. 118* — der 
Aorta 330* 

Aneurysmen, Pathogenesis d. — 7. 

Anilin Vergiftung, Fall von — 70> 
Anophthaunus, doppelseitiger — 141. 
Anthrarobin, neues Heilmittel bei Hautkrank¬ 
heiten 208. 

Anthrarobin und Chrysarobin 432* 
Anthropologie und Medicin in ihren Bezie¬ 
hungen zu einander 261* 
Anthropologische Gesellschaft, russische — 91. 
Antifebrin als Antarheumaticum 16* — bei 
CerebrospinalmeningHis 330. — b. Flim- 
raerscotom 330- — b. Tabetikern 331. 

— b. Typhus 330. 

Antrpyrin als Nervinum 305. — b. Keuch¬ 
husten 373. — h. Pollutionen 341- — 
bei Neurasthenia sexual. 341. — gegen 
Chorea 116. Subchtane Injectionen yon 

— 323. 

Antiseptica, d. in der Augenheilkunde ge- 
branchten — 380. 

Apomorphinum muriat. als local. Anästheti- 
cum 12* 

Arensburg als Curort 262. 

Argyrie, Fall v. — in Folge v. Lapisätzungen 
d. Rachens 322. 


Sach-Begister. 

Arsenik- und Phosphorvergiftung, patholog. 
Veränd. in der Leber bei acuter — 211*. 
Vergiftung mit — 11. 

Arthrectomie, Tiling’sche Methode d. —■ Dis- 
cuss. 389. 

Arzneimittel der heutigen Medicin 71. Die 
neueren — in ihrer Anwendung und Wir¬ 
kung 106. 

Arzneipflanzen und Volksmittel ifn fernen 
Osten 150. 

Ascites b. Stieldrehung einer Ovarialcyste 271. 

Asthma, die cardiale Dyspnoe u. d. card. — 53. 
—, sein Wesen u. s. Behandl. 289. —, z. 
Aetiologie d. Vol. pulm. acut. u. d. asth- 
mat. Anfalles 208. 

Atherom, Fall v. — am 1. Zeigefinger 410. 

Athetose 330- 

Athmoskop 349. 

Augenheilanstalt, Mittheilungen a. d. St. Pe¬ 
tersburger — 373- 

Augenheilkunde, die in d. — gebrauchten An- 
tiseptica 380. Grundriss d. — Knies 
381. — v. Vossius 449. Propädeutik f. 
d. Studium d. — 87. 

— und Ophthalmoskopie 171. 

Augusta-Hospital, Statistik d. Amputat. und 
Exart. p. 1871-85 180- 

B. 

Bacteriengehalt, üb. d. — einiger Gebrau chs- 
wässer Dorpats 385 *. 

Baden, d. Technik dessel. 247. 

Bäder bei Scharlach 291. Vergl. Wirkung 
warmer — ans Süsswasser u. Druskeniki- 
Mineral wasser 142. v 

Bandwurmcur 116. 

Bauchwunde, Fall v. — 410- 

Beobachtungen, med. — in Nord-Sibirien 59*. 

Bergeon'sche Kohlensäure - Schwefelwasser¬ 
stoff!* ly stiere 281. 

Bericht üb. d. Sanitätszustand in d. Nicol ai- 
Cavallerie-Schule i. J. J£87 245*. 

Blase, d. reizbare — od. idiopathische Blasen¬ 
reizung 425. 

Blindheit, Statistik d. — in Russland 281- 

Blutcyste des Halses 88. 

Borofnehsin 215. 

Bothriocephalus latus als Ursache v. pernic. 
Anämie 140. 

Bradycardie 387. 

Brechoentrum 47. 

Bronchophonie im Initialstadium d. Phthise 
339. 

Bursa pastoris 319. 

c. 

Cadaverin, Jodoform u. Eiterung 416. 

Calomel, subcutane Injection b. Syphilis 271. 
Ueb. d. diuret. Wirkung d. — 377*. 

Cannabispräparate, über d. neueren — 448. 

Carbolsäure subcutan b. Pustula maligna 130. 

Carboisäurevergiftung, Fall v. — 272. 

Carbon-Natron-Oefen 233. 

Carcinoma oesophagi 72. 

Carcinom d. Rectum, z. Exstirpat deslb. 141. 
Primäres — d. Gallenblase 329. Studien 
z. Aetiologie deslb. 159. 

Caries d. Wirbel 329. 

Cerebrospinal-Meningitis, Wesen u. Behandl. 
160. 

Cerium oxalicum gegen Hustei 9 } 


Ceruminalpfröpfe, Erweichung u. Entfernung 
d. - 427.' 

Chemie, Lehrb. d. physiol. und pathol. — 97. 

Grundzüge der — 106. 

Chininum muriaticum zu subcutanen Injec¬ 
tionen 241. 

Chinojodin 435. 

Chirurgie, Beiträge z. kliu. — 26. Lehrb. d. 

— v. König (russ.) 132. 

Chlorose, Aetiologie d. — 24- Zur klin. Dia¬ 
gnostik d. — 16. 

Chloroformtod, Fall v. — 411. 

Chloroformwasser, antisept. Wirkung desselb. 
254. 

Cholera asiatica, Schutzimpfung geg. d. — 315. 
Behandl. d. — 306- 

Cholera-Vibrio, über d. Einwirkung d. Jodo¬ 
formdämpfe auf den — 9. 

Chromsäure b. Fusssohlerissen 367. 
Chrysarobin u. Anthrarobin 432. 
Chylopericardium, Analyse 289. 

Circumcision als Ursache v. Syphilisinfection 
314. 

— und Cocaininjeetion 248. 

Oircnmcisio ritualis Hebraeornm 333*. 

Cocain b. Chloroformnarkose 149, 353- — b. 

( ’ircumcision 248. — b. Tracheotomie 134. 
Synthetische Darstellung d. — 443- 

— und Morphinismus 416. 
Cocainentziehung, Therapie d. Reconvalescenz 

imeh — 406- 
Coeainsaccharat 20(>. 

Oocainvergiftung, Fall von schwerer — 416. 

Symptome u. Bell. d. — 401. 
Coffeindoppelsalze b. Lungenerkrankung. 388. 
Corna diabeticum 450. 

Concretionen. üb. Auflösuug harnsaur. — 131. 
Coiuluraugo b. Magenkrebs 355. 

Congress, VII. — f. innere Med. in Wiesbaden 
150. 

Contagiosität d. Kinderlähmung 284. 

Corset b. Spondylitis n. Anders 450. 

Creolin 64. — als Antisepticum u. Antipa- 
rasiticum d. Darmcanals 365- Ueber d. 
antisept. Werth d. — 406- 
Curmethoden, diätet. — b. chron. Krankheit. 
198. 

Cyste der Zunge 15*. 

Cystitis chron., Behandl. mit Salol 412. 
Oystoskop 340- 

d. 

Darmeinklemmungen, z. operat. Behandl. der 
inneren — 62. 

Darmresection b. eingeklemmten Hernien 141. 

— b. incarcerirter Cruralhernie 409. Me¬ 
thode z. Verringerung d. Gefahren d. — 
372. 

Daumenlose Hand, Operation d. — 397* 
Desinfection d. Hände d. Arztes 80. — von 
Instrumenten 347. 

Diabetes, d. Diagnose d. — 381. Reaction auf 
Zucker b. — 92. Coma b. — 450. 

— mellitus, z. Aetiologie d. — 37. 
Diätetische Cunnethoden bei chron. Krank¬ 
heiten 198. 

Digitalis, Indicationen f. d. Verordnung d. — 
320. 

Digitalem, Wirkung auf d. Herz — 449. 
Diphtherie, Behandlungsmethode d. — nach 
Wyss im Elis.-Kiuderhosp. 1857—86 230. 
Entfernung der Membranen b. — 427. 



Ueber d. Behamll. v. — »1. Na$e 105. Z. 
Therapie <L — 216. 

Divertikel d. Urethra, Fall v. Stein im — 90. 
Stein 'aus einem — 55. 

Dorpater Gymnasium in gesundheitlicher Be¬ 
ziehung 288. 

Dysenteria mercurialis, Heilung ders. 62- 
Dysenterie, d. Mikrobe d. epidem. — 354. 

E. 

Echinokokkus der Niere, Nephrectomie 317*. 

Fall v. — d. Schilddrüse 259*. 

Echolalia 89. 

Ectasia ventriculi paradoxa 397. 
Eisensaccharat, löslicher 92. 

Eiterung, Cadaverin, Jodoform u. — 416. Z. 
Aetiologie d. —- 17(>. Ueber d. Ursachen 
d. 43. 

Elektricitiit, Einflus- der — auf d. Gasstoff¬ 
wecksei b. Thieren 142. — geg. Schlan¬ 

gen etc. 265. 

Elektrolyse, z. quaut. Quecksilberbestimmung 
im Harne 72. 

Elythrohysterotomie 41*. 

Embryo, 5—6-wöchentlicher — 64. 

Emphysem b. Fractur d. Felsenbeins 272. 397. 
Emphyseme pulmonum 198. 

Epdoakopie d, männl. Harnblase 159. 
Endocarditis, über die Aetiologie d. — 237. 
Ueber rheum. — 45- 

Enuresis nocturna, Behandl. d. — in. Rhus 
aromatica 231. 

EntzÜ^dungstheorie, eine neue -- 371. 
Epilepsie, üb. d. Temperatur d. — in d. ein¬ 
zelnen Anfällen 105. 

Ergotin b. Intermittens 87. 

Erlebnisse, meine. F. v. Arlt. 44. 

Erysipel 425. Primäres — des Larynx 71. 
Ueb. Aetiologie v. — u. Puerperal lieber 
296. Z. Beh. d. — 328. 

Erysipelas, Beh. d. — mit Ichthyol 432. 
Erysipeloid 70. 

Erythroflein 38, 123- 

Exstirpation, üb. totale — d. Uterus, Discus- 
sion 90, Vaginale — d. Uterus 115. 141. 
Exspirationsluft, d. Nichtvorkommen von Mi¬ 
kroorganismen in d. — 140. 

Extractum Cascarae Sagradae als Autirheu- 
maticmn 383 

Kxtr. Stryckni b. Dysurie u. Strangurie 18. 

F. 

Facialisparalvse, d. elektr. Bell. d. refrigerat. 

- 70. 

Färbungsmethode d. elast. Fasern 198- 
Fäulnissvergiftung 54. 

Ferrum sulfuricum als Reagens auf Zucker im 
Harn 92. 

Fettleibigkeit, z. Therapie der übermässigen 
* — 96*. Neuere Behandlungsweisen der 

- 62. 

Fettherz, Ortei-Cur b. — 25. 

Fieber, z. Pathol. u. Hydrotherapie d. - 340. 
Fischpulver 87. 

Fibrom yoraa d. Oorp. ut. 72. 

Fliegen als Infectionsträger f. Tubercul. 341. 
Fluor, Vorkommen v. — im Organismus 305. 
Fluorwasserstoffsäure b. Phthisis 17. 

— -Inhalationen b. Lungen tu bereu!. 388- 
FlussspathRäure b. Schwindsucht 12. 
Fracturen, Compend. d. Lehre v. d. — 171. 
Fremdkörper, Casuistisckes über — 11. — 

in der Luftröhre 256. — in einem Peri- 
nealabscess 90. — in den Verdauungs¬ 
wegen 256- 

Frauenkrankheiten, spec. Pathol. n. Therap. 

d. — v. Slawjanski 425. 

Frauenmilch, Einfl. d. Nahrung auf d. — 25. 
Fussschweisse, Beh. v. — m. Chrom säure 367. 
Fussresectionen nach Wladimirow - Mikulicz 
13*. 275*. 

G. 

Gallenblasenkrebs, Fall v. primärem — 329. 
Gallenprobe Olivers im Harn 376* 

Garnisons • Lazareth, Mittheilungen aus d. — 
z. Hannover 281. 

Geburtscomplicatiou durch eine eingeklemmte 
Ovarialcyste 262. 


üeburUkülfe, d. letzte Decenuiuin d. — 175*, 
184*. 

Gehirn, Bewegungen desselb. unter verschied. 
Einflüssen 90. 

Gehirnkrankheiten, üb. d. Localisat. d. — 25. 
Gehörorgane v. Schulkindern in d. städt. Ele¬ 
mentarschulen 410. 

Gehörwahrnehmnngen, üb. subjective — 381. 
Geisteskranke, abnorm tiefe Körpertempera¬ 
turen b. — 267*. 

Geistesstörung etc. bedingt durch Krankhei¬ 
ten d. Mittelohrs 288* 

Gelenkentzündungen, d. Pathol. u. Therap. d. 

— v. M. Schtlller 418. 

Gelenkrheumatismus, üb. subcut. Knotenbil¬ 
dung b. acutem — 433. 

Gerinnung sterilisirter Milch 262. 
Geschlechtsbestimmung des Kindes 376. 
Glycerin als Abführklysma 314. 
Glycerinsuppositorien als Abführmittel 291. 

— an Stelle d. Glycerinklystiere 420. 
Graviditas extrauterina 434. 

Guajakh&rz als Reagens auf Eiter 159. 
Gynäkologische Operationen, Grundriss d. — 

v. Hofmeier 398- 

H. 

Haematometra lateralis, wiederholte Laparo¬ 
tomie d. — 421*. 

Haematoma vulvae, z. Casuistik d. extrapuerp. 

— 87. 

Haemomediastinum nach Stichverletzung der 
A. mammaria int. 113. 
Halswirbelverletzung 329- 
Handwörterbuch d. ges. Med. 25- 
Harn, d. — Syphilitischer 72. Nachweis von 
Zucker im — 92. 

Harnanalyse, kurzes Lehrb. d. — v. Schotten 

425. 

Harnröhre. < 1 . Stricturen n. Fisteln d. — 160. 
Hautemptindlichkeit, Einfluss d. Flussbäder 
auf d, — 142. 

Hautverpflanzung n. Thiersch 246- 
Hebaimnenwesen in Riga 189. 198- 
Helleborgin, Wirkung auf d. Herz — 449. 
Hemianopie, klin. Studie d. - 236- 
Ilcmia inguino-praeperitonealis sin. incarce- 
rata 325*. 

Hernien, Discuss. in d. ßrit. med. ass. über d. 
Radicaloper. der — 123. Darmresection 
b* eingeklemmten — 141. 

Herzgrenzen, üb. Bestimmung d. — b. Kin¬ 
dern 141- 

Herzkrankheit» n. d. Behandl. d. ebrou. — 54. 
Hetfbtoflsförmen, normale w. patholog. — 216. 
Heutieber, d. Pathologie d. — 289. 
Hirnkrankheiten, d. chinirg. Beh. v. — 188. 
Hirnrinde. Einfluss d. nil'd. Speichelsecre- 
tion 417. 

Hirn. Phänomen d. Schwirren* desslb. 248. 

Hirsuties, Studien über — 433. 

Hoden. Lagcanomalien desslb. 143. Verlage¬ 
rung d. linken — 88. 

Hornhautflecken, Aufhellung d. — durch den 
galvan. Strom 381. 

Hüftgelenk-Luxation, Behandl. v. — mit d. 

I Gvpscorset 273- Zur operat. Behandl. d. 

j - 271. 

Hungern, über d. — d. .Menschen 142. 
Hydarthros genu, Fall v. intermitt. — 322. 
Hvdrargyrum jodo-tannicum, z. subcutan. In¬ 
ject. 284. 

Hydrargyrum oxydatum flavum, subcut In- 
jectionen v. — 248. Intramusculäre In- 
jectionen v. — b. Syphilis 89- 
Hydrophthalmos anterior‘282. 

Hydrotherapie b. Lungenphthise 37. 

Hygiene b. d. Zttndholzfabrikation 262- Hand¬ 
buch d. — und Gewerbekrankheiten von 
Pettenkofer und Ziemssen 114. 
Hypnotismus 10. Ueber Anwendung v. — 
in d. prakt. Med. 329, 449. Genese v. — 
26. Bibliographie d. — 449. 

Hysterie, Kennzeichen d. Lähmung. b. — 225. 
Behandlung d. — mit Suggestion 449. 

L 

Ichthyol b. Erysipel 328, 432. 

Icterus cat., Behandl. des — mit Kaltwasser- 


klystiereu 208. — b. Typhus abd. 433. 
Fieberhafter — 270. 

Ignipunctur b. Rheumatismus 339. 

Ileus, z. Beh. d. durch acuten Darmverschluss 
bedingten — 78. 

Impfverhältnisse im Gouv. Twer 142. 
Inhalationsapparat f. äther. Oele 115. 
Insufficienz d. Aortenklappen, Inconstanz d. 

diastol. Herzgeräusches b. — 429*. 
Intermittens, z. Beh. d. — mit Ergotin 87. 
Intrapleurale Injectionen v. sterilisirter Luft 
bei auf Pneumothorax folgend. Pleuraer¬ 
güssen 405. 

Irresein, Beziehungen d. moral. — z. d. erb¬ 
lich degen. Geistesstörung 216. 

Irre Verbrecher, über — 238. 

J. 

Jahrbuch, ärztliches — pro 1888 71. 

Jod-Ausscheidüng, Einfluss hoher Temp. u. d. 

Schweisses auf die — 271. 

Jodoform, Cadaverin, — u. Eiterung 416- 
Jodoformdämpfe, über die Einwirkung d. — 
auf d. Cholera-Vibrio 9. 

Jodoform 37. — geruchlos zu machen 383. 
Zur antibacillären Wirkung des — 237. 
Zur —frage 170. 

Jodoformium bituminatum b. Ulc. raolle 387. 

K. 

Kieselfluorwasserstoffsäure als Antisepticum 
217. 

Kaiserschnitt, Statistik desselb. d. Pet. Ent- 
bindnngsanst. 140. 

Kalomel b. Variola 112- 
K&mphersänre, üb. locale Auwend. d. — 432. 
Kehlkopfkrebs, d. — u. s. Behandl. 320. 
Kehlkopfschiiitt, d. äussere — 149. 

Kemmern, balneolog. Mittheilungen Üb. Bad 

— 147*. 

Keratitis, eine eigenthüral. Form v. — b. In¬ 
termittens 114. 

Keuchhusten, Beh. d. — mit Antipyrin 373. 
Ueber Pathogenese u. Therapie d. —- 54. 
Z. Frage d. — Bacterie 193*^ 

Kies als Abführmittel 53. 

Kinderkrankheiten. Handbuch d. — v. Ger¬ 
hardt 87. 

Kinder, über kränkliche n. in ihrer Entwickl. 

zurückgebliebene — 261- 
Klimatologische Section in Jalta. Protokolle 
d. — 382. 

Klystiere, Bergeon sche — m. Kohlensäure u. 
Schwefelwasserstoff 281. Glycerin in 
Form v. Minimal — 314. 

Knotennaht, continuirliche —- 89. 

I Kommabacillen, üb. intraperiton. Einspritzun¬ 
gen v. Koch’»ehern — 51, 52- 
Kopfverletzungen, Casuistik d. —* 51. 
Körperbeschaffenheit, üb. d. Bezeichnung der 

— durch Ziffern 413*. 

Körpergewicht, Veränderungen desslb. durch 
Krankheiten 149. 

Körpertemperataren, z. Casuistik d. abnorm 
tiefen — b. Geisteskranken 267*. 
Kraukenheil-Tölz 438. 

Krankheiten des Respirationsapparates, z. lo¬ 
calen Behandl. ders. 52. 

Krebsbacillus, d. Soheurlen sehe — ein Sapro- 
phyt 247. 

Kreosot b. Lungentuberoulose 25. — b. Lun¬ 
genschwindsucht 140. — bei Phthisis 

340. Z. Beh. d. Lungen tu berculose mit 

— 169. 

Kreuznacher Mutterlauge u. Chlorcalcium b. 

Beh. d. Hautkrankheiten 433, 448- 
Kriegsverwundete, erstes Obdach d. — 373. 
Kropf, endemische Ausbreitung desslb. unter 
d. Tscheremissen etc. 142. Entfernnng 
v. Stücken aus — ohne Tamponade und 
Blutverlust 188. 

Künstliche Ernährung, s. Frage d. — d. Säug¬ 
lings 285*. 

Knpfersalze, Reagens auf — 92- 

Li. 

Lager, Einfluss d. — auf die Gesundheit der 
Soldaten 61. 

Digitized by * ^.ooQie 



Laparotomien, 30 —i Eigenthiimliehkeiten d. | 
Antisepsis u. d. klin. Verlaufes 260* 25 

— aus d. Roahdest wenski-Krankenb anse 
347. Z. Casuistik d. diagnost. — 271. 

Larynxphthiae, die Heilbarkeit d. — 140. 

Leberabscess, über Verbreitung und Aetiolo- 
gie d. — 9- 

Leberkrebs, ein Fall v. Nebennieren- u. — 63. 

Leberthran 116- 

Leichenwarze, d. sog. — und ihre Stellung z. 
Lupus u. Tuberculose 231- 

Lexicon, biographisches — d. hervorragenden 
Aerzte aller Zeiten 106. 

Lepra auaesthet., über die bei — im Rücken¬ 
mark vorkommenden Bacillen 253. Die 
—Frage in d. Ostseeprovinzen 111. 43 
Fälle v. — in St. Petersb. 359*. Ein Fall 
v. — mixta 106. Das — Hospital in Rio 
de Janeiro 216. Ueber — mutilans und 
trophoneurot. Verfchderungen 86. — 

tuberosa 284- 

Leukomaine u. Ptomaine, Üntersuch.-Method. 
u. Bez. z. Pathol. d. — 425. 

LeukoplaBia buccalis 18- 

Lipezk’sche Mineralwässer 142. 

Lipom, Studien über d. — 113. 

Lithium carbonicum, Verordnungsweise des 
- 73. 

Litholyse 159. 

Localisation b. Gehirnkrankheiten 283, 290. 

Lues congenita tarda 17. 

Lungenfranken, Erfahrungen eines — 62- 

Lungenkrebs, primärer — 10. 

Lungenphthise, zur Patholog. u. Hydrothera- 
phie der — 37. 

Lunge n mJiwin dsncht, Beh. mit Kreosot 140. 
Die neuen antisept. Behandlungsmethod. 
d. — 254. Heilung d. — durcn Einath- 
mung feucht-warmer Luft etc. 417. Re¬ 
sultate d. Bergeonsohen Behandlungsme¬ 
thode d. — 63. Zur Therapie d. chron. 
bacill. — 219*, 283*. 

Lüngentuberculose, üb. d. Heilbarkeit der — 
230. Heilung d. — durch Gesichtserysi¬ 
pel 451. 

Luxatio femori8 congen. 262. 

Lymphangiom der Pia spinalis 149. 

Lymphe, Gewinnung v. — a. Vaccinepusteln 

~ 240. 

Lyssa, z. Statistik ders. 73- 

M. 

Magen, Neurosen desselb. 132. 

— und Darmcanal, d. Grenzen ders. 251*. 

— d. Säuglinge, Mikroorganismen ii 
320. 

M&genausspülung mit Chloroformwasser 126- 
Unangenehme Ereignisse b. — 284. 

Magendiagnostik, d. moderne — 437*. 

Magengeschwür, üb. Zeichen u. Behandl. der 
chron. — 245* Zur operat. Beh. d. ste- 
nosir. — 245. 

Magenhusten 78- 

Magenkrankheiten, z. Diagnostik d. — 301*. 

Magenkrebs, Beh. d. — mit Condurango 355. 

Magnetismus, d. thierische — (Hypnotismus) 
u. s. Genese 26, 449. 

Malaria b. Matrosen 90. 

MaUeus, Fall v. - 410. 

Massage, gynäkologische - 44- Z. —thera- 
pie 198. Präkt. Anleitung z. Beh. durch 
- 434. 

Mastdarm, anatom. Untersuchungen und eine 
neue Methode d. Inspection d. — 150. 

Mastitis, Behandl. d. — m. weissem Bildhauer¬ 
thon 321. 

Mechanische Behandlung, Beiträge z. — 348. 

Medicinal-Kalender f. Deutschland 441, 449. 

Medicin, die •— im Jahre 1886- Jahrbuch d. 
med. Lit. 9. 

Meningitis, 3 Fälle v. — b. Kindern 88. 

Meteorologische Beobachtungen an Curorten 
109*. 

Mikrobe d. epidem. Dysenterie 354- — n der 
Septhämie 320- —n der Pyämie 323* 

Mikr oorganismen, d. Nichtvorkommen d. — 
in £ Exspirationsluft 140. — im Magen 
der Säuglinge 320. Jahresbericht üb. d. 


Fortschr. in d. Lohre von d. pathogenen ’ 

— etc. 434. 

Mikroskopische Tabellen 10- 
Milch gel£e, Vorschrift für — 73- 
Milch, Gerinnung sterilisirter — 262. 
Militärbekleidung, porös - wasserdichte Klei¬ 
derstoffe f. d. — 131. 

Militär-Sanitätswesen, Jahresbericht über d. 

Leist, und Fortschr. d. — 434- 
Milzbrand, d. Heilung dessälb. 178. 
Milzexstirpation 51. 

Mineralschlamm 142. 

Mineralwässer, hydrotechnische Untersuch, d. 

— v. Poliustrowo 88. 

Mittelohr-Krankheit, als Ursachen, zu Geistes¬ 
störung, Zwangsbewegungen etc. $88. 
Morbus Brighti m. Aneurysma Aortae abdom. 
272. 

Morphinismus und Cocain 416. 

Morphium- u. Cocainentziehung, Therapie d. 

Reconvalescenz nach — 406. 

Mundhöhle b. Säuglingen, Reinigen d. —, Dis- 
CU88. 410- 

Muskelatrophie, progressive — 262- 
Musculns stemocleido mast., osaificirter Cla- 
Vicular-Ansatz dess. 90 
Muskeln, ungewöhnl. Entwickelung d. — 81. 
Myoplastik 55. 

Myxoedema, Conclusions of the — Committee 
313. , 


N. 


216 . 


Nabelschnur, Behdl. d. unterbundenen 
Nabelverblutung, ein Fall v. — 97. 
Nachblutung tödtl. — a. d. A. femoralis in 
Folge v. Atheromatose 389- 
Nagelschmutz, Bemerk, überd. bacteriolog. 
Charakter dess. 80. 

Naphthalin b. Kinderdurchfall 53. — b. ehr, 
Darm- u. Blasencatarrh 440. 
Naphtharausch 451. 

Narkose, die feineren Veränd. d. Pulses in d. 
— 387. Gemischte — (Chloroform und 
Cocain) 353. 

Natron sulfobenzoicum als Verbandmittel 12. 
Nebenrtierenkrebs, ein Fall v. —und Leber¬ 
krebs 63. 

Nephrectomie wegen Echinokokkus der Niere 
317*. 

Nephritis, eine 20 Jahre dauernde — etc. 387. 
Nervdrücken, üb. therapeutisches — 97. 
Nervenkörperchen b. Menschen 448. 
Nervensystem, Erkrankungen dess. nach Er¬ 
schütterung d. Rückenmarks 179. 

Nervus buccinatorius, z. Resection d. - 
Neurasthenie, d. — und ihre Behdl. 106- 
Neurosen, üb. — d. Magens 132. 

Neuritis multiplex, Pathol. u. Beh. d. — 
Nitroglycerin, z. Behdl. mit — 55- 


339. 


170. 


o. 


190. 


Ober-Salzbrunn, Analyse d. Quellen v. 

Oertel-Cur b. Fettherz 25. 

Oertel’sche Heilmethode, üb. d. Anwendbark, 
d. — b. Klappenfehlern 298- 

Oesophagostomie, ein Fall v. — wegen Oeso- 
phaguskrebs 318*. 

Oesophagotomia et resectio oesoph. endotho- 
raoicae 371. 

Oesophagusstricturen, Behdl. d. — m. Dauer- 
canülen 246- 

Ohrenheilkunde, Lehrb. d. — v. Politzer 132. 

Oberschenkelfractur, schädl. Wirkung d. senk¬ 
rechten Extension b. Behdl. v. — 87. 

Ophth&lmoblennorrhoea neonatorum, über d. 
Vorkommen d. — in St. Pbg. 155*. Zur 
Statistik d. — 223. 

Ophthalmologie, Traite^compl. d'— p. Wecker 
et Landolt 247. 

Opium, Fall v. Vergiftuug durch — 122. 

Orthopädie, Semiotik d. — 271. 

Osteomyelitis 45. Fall v. — acuta 224. 

Ovarialcy8te, Ascit b. Stieldrehung d. — 271. 
Eingeklemmte — als Geburtscoraplication 
262. 

Ovarfotomie, 5 Fälle v. — 347. 

Oxynaphtoösäure, d. ot — 328- - und ihre 

physiol. Wirlning 321- 

Ozoü. üb. Desinfectionswirkung d. — 142. 


p. 

Papain b. Leucoplasia buccal. 18- 
Paralysis ascendens, atypischer Fall v. — 89. 
Paraphimose, z. Beh. d. — 340. 

Pathogenesis der Aneurysmen etc. 7. 

Pediculi pubis, Aether-Spray gegen — 91- 
Peganutn Harmola als Emmenagogum 401. 
Pellagra, üb. d. nervös. Störungen b. ■— 237. 
Pemphigus b. Kinder im Zusammenhang mit 
Ausschlag b. Thieren 87- 
Perforationen d. Magens n. Darms, Behdl. d. 

traumat. — 25- 
Perimetritis lateralis 142.' 

Perineorrhaphie durch Spaltung d. Sept. recto- 
va$. u. Lappenbild. 79. 

Peritonitis pelvica lat. 142. 

Phänomen d. Sch wirreng d. Hirns 248- 
Pharmaceutische Praxis, Handbuch d. — von 
Hager (ross.) 261. 

Pharmakodynamik, Beitrag z. — d. Schwefels 
245. 

Pharmakologie u. Receptur, Lehrb. d. — von 
Cloettn 441. 

Phlegmone, acute in&ct — d. Pharynx 179. 
Phosphor- u. Arsenikvergiftung, pathol. Ver¬ 
änd. in d. Leber b. acuter — 211*. 
Phthisis, d. Therapie d. — v. Dettweiler und 
Penzoldt 255. Zur Beh. d. — m. Kreo¬ 
sot 340- Zur Diagnostik des Initialste- 
diums d. — etc. 339. 

Physiatrische Beiträge 403*. 

Physiologische Arbeiten, gesammelte v. Cyon 
26L 

Physostigmin b. Nervenkrankheiten 12. 
Pikroadonidin 322* 

Pilzkrankheiten d. Haut, neue Behdl.-Methodc 
d. - 306. 

Placenta praevia, Tamponade b. — 63. 
Plastische Operationen, üb. einige — 87. 
Pleuraergüsse, Beb. d. — m. Inject, sterilis. 

Luft 405. 

Pleurakrebs 10. 

Pleuraexsudate, Diagnostik d. — 248- 
Pneumatische Kammern u. d. Indicationen f. 

d. Gebr. d. erhöhten Luftdrucks 433. 
Poliustrowo, Mineralwässer v. — 88- 
Polyneuritis, z. PathoL u. Beh. d. — 170- 
Pomoren am Weissen Meere 141. 
Pneumatocele capitis etc. 397. 

Pneumonia crouposa, Mortalität d. — in St. 
Ptbg. bez. d. Abhängigkeit v. Alter 328- 
Zur Statistik d. — u. d. complic. Menin¬ 
gitis 197. Z. Statistik d. — in St. Ptbg. 
pro 1881—86 142. 

Pneumonie, rodiment. u. larvirte — etc. 69. 

Zur Kenntniss d. — 406- 
Pravaz’sche Spritzen zu reinigen 273- 
Processus mastoideus, z. Aetiologie d. Eite- 
rungsprocesse ringsum d. — 227*. 
Pruritus vaginalis, Aetiologie 262- 
Pseudo-Rheumatismus in Folge v. Ueberau- 
strengung 319- 

Psoriasis als Symptom d. Tabes dorsalis 21*. 
Psychiatrie, Lehrb. d. — v. Krafft-Ebing 282. 
Ptomaine u. Leukomaine, Untersuch.-Method. 

u. Bez. z. Pathol. d. — 425. 

! Puerperalfieber,Mittelz. Verhütung d. — 380- 
Pustula maligna, Beh. d. — mit Carbols. 130- 
Pyämie, Mikroben d. — 323. 

Pyelitis calcolosa 72* 

Pyelo-Nephrose, ein Fall von — mit Nieren¬ 
stein 72. 

Pylorusresection 141. 

Pyopneumothorax tuberculosus 365- 
Pvrogallussäure als Reag. auf Kupfersalze 92- 


Q. 

Quecksilber-Bestimmung, quantitative — des 
Harnes 72. 

R. 


Ranzen, neue Art d. Tragens dess. 88. 
Raynauds Krankheit, zwei Fälle v. — 130. 
Reai-Encyclopädie d. ges. Heilkunde von Eu¬ 
lenburg 255- 

Reflexhusten, über — 246. 

Reitknochen 90. 

Digitized by V. 


9a 

loogle 



Resectiun d. Ellenbogengelenks n. Tiling 284* 

— d. Hüftgelenks 418. Tiling’sche Me¬ 
thode d. — 248. 

Retinitis haemorhag. nach ausgedehnt. Haut¬ 
verbrennung 440. 

Rheumatismus, Behdl. d. — mit elektr. Mas¬ 
sage etc. 255. 

Bhinosclerom, 3 Fälle v. —■ 63. 

Rhns aromatica b. Enuresis nocturna*231- 
Riesenwuchs, krankhafter — 379. 

Ruminatio humana, ein Fall v. — 1 *. 

s. 

Saccharin 307, 331. 

Salicylsäure u. Salol b. acut. Gelenkrheumat. 
179. 

Salol bei acut. Gelenkrheumat. 179. — bei 

chron. Cystitis 412. 

Salz-Liman v. Budaki, Analyse d. Wassers u. 

Schlammes aus d. — 433. 

Salzsäure, eine neue Meth. z. Nachweis freier 

— 223. 

Sarcom d. Orbita 256- 

Sassenhof bei Riga, Anstaltsbericht v. — 33*. 
Säugling, z. Frage d. künstl. Ernährung dslb. 
285*. 

Säuglingsalter, über plGtzl. Todesfälle im — 
381. 

Schädelbrüche. Mechanismus d. — 36- 
Schädelbruch, lochform. — 88 . 

Scharlach, z. Kenntn. d. Nachfiebers b. — 423. 
Schilddrüse, üb. d. Einfluss d. Exstirpation d. 

— auf d. Centralnervensystem 105, 449- 
Schilddrüsenarterie, Ligatur d. — behufs Ein¬ 
leitung d. Atrophie v. Kröpfen 365- 

Schlangenbiss, Heilung v. — 191. 
Schmiercur, Exitus letalis in Folge v. — 62. 
Schnucken, Mittel gegen — 92. 

Schusswunde d. r. Schläfe u. Orbita 88 . 
Schwefel, Beitrag z. Pharmakodynamik deslb. 
245. 

Schwefelsäure, rohe — als Desinfectionsm. 189- 
Schwefelwasserstoffausscheidung im Urin 223- 
Schwindsucht, Veränderungen a. periph. Ner¬ 
ven b. d. — 141, 223. 

Sclerose en plaques 89. 

Scorbut in unserer Armee 289. 

Scotom, centrales 330. 

Sectio alta subpubica 208. 

Sectio lateralis in anat.-chir. Bez. 409- 
Seekrankheit, Ammoniak gegen — 384- 
Semiotik d. Orthopädie 271. 

Semmelweis, Ign. Phil., Biographie 79. 
Senkgruben, Verunreinigung d. Bodens durch 

— 262. 

Shelesnowodsk 262. 

Septhämie, d. Mikroben d. — 320. 

Sibirien, med. Beobachtungen in Nord-Sibir. 
59*. 

Simulation, üb. — geistiger Störungen 322. 
Sinus maxillaris, Beh. d. Catarrhs d. — 383. 
Sinusverletzungen, d. unmittelbaren Gefahren 
b. — 424. 

Somnambulismus 141. 

Soxhlet scher Milch-Sterilisations-Appar. 365. 
Speichel ßecretion. Einfluss d. Hirnrinde auf d. 

- 417. 

Spinalparalyse, 2 Fälle v. acuter aufsteigend. 

- 393*. 

Spondylarthritis synovialis 440- 
Spondylitis, Corset b. — 450« 

Sterblichkeit, Ursachen d. — unter d. Einge¬ 
borenen Klein-Asiens 141. 

Stricturen, narbige — d. Pylorus 141- 


Strophanthus bei Herzaffectionen 169. Wir¬ 
kung d. — auf d. Nieren 272. Z. —Wir¬ 
kung 245. 

Strophanthus hispid.. üb. d. Wirkung d. — 9. 

Strophanthus Komb 6 9. 

Strophanthustinctur, therap. Werth ders. 8 . 

Sublimat b. Stomatitis 152- Saure —Lösung 
als Desinficiens u. Verbandmittel 78. 

Succinimid-Quecksilber, z. subcut. Inject. 424. 

Suggestion, Hervorrufung der Menstruation 
durch mündliche — etc. 54. — b. Hyste¬ 
rie u. Hypnotismus 449. 

Sulfonal 215. 431, 440. — b. Nachtschweissen 
d. Phthisiker 265. Formel u. physiolog. 
Wirkung d. — 172. Wirkung d. — 386, 
397. Zur klin. Würdigung d. Wirkung 
d. — 347. 

Syphilis, ausgebreitete symmetr. Verunstal¬ 
tung auf Grund hereditärer — 424. Beh. 
d. — m. subcut. Calomel-Inject 271. — 
nach Beschneidung 314. Der Harn b. — 
72. Beh. d. — des Nervensystems wäh¬ 
rend d. letzten 13 Jahre 253. Die Theo¬ 
rie d. Hg.-Wirkung b. —- 89- Die — u. 
d. venerischen Krankheit, v. Finger 374. 
Extrasexuell erworbene — 97. Fälle v. 
ungewöhnlich. —Infection 261- Maass¬ 
regeln z. Verhinderung d. Ausbreitung d. 
— in Russland 312. Pathol.-anat. Sta¬ 
tistik der visceralen — 231. Rückwir¬ 
kung der — auf die Berufs - Armeen 25. 
Ueber d. Kampf mit d. — 312* Ueb. ex¬ 
tragenitale —Infection 270- Zur Beh. 
d. — m. CalomeUnjectionen 369*. 

Syphilidolog.-dermatol. Kliniken in Deutsch¬ 
land u. Oesterreich 353- 

T. 

Tannin gegen tubercul. Erkrankungen 304. 

Terpenthin bei Nasenbluten 133. 

Terpenthinöl-Bäder 233. 

Tetanus, sur l’origine 6 quin« du — 372. — 
infectiöser Natur 435. 

Thermometrie, über locale — u. Bestimmung 
d. Wärmeverlustes v. d. äuss. Haut 330. 

Thermometer v. Hartert 401. 

Thierhaare als Verbandmaterial 89. 

Thomsen'sche Krankheit, üb. d. elektr. Reac- 
tion d. Muskeln b. d. — 440. 

Thoracoplastik nach Estländer 88 . 

Tollwuth, Resultate d. Pasteur'schen Impfun¬ 
gen d. — in Warschau 196. Todesfälle 
nach Pasteur’schen Impfungen d. — 189. 
Tod n. Pasteur'scher Impfung d. — 232. 

Toxikologie, Compendium der prakt. — 37. 

Trachealknorpel, histockem. Beob. über die 
hyaline Grundsubst. dess. 253- 

Tracheotomie, üb. Hindernisse b. Entfernung 
d. Canüle nach — 322- Unzweckmässig¬ 
keit silberner Oanülen bei — 354. Zur 
Nachbehandlung nach — 1&9. 

Trachom, eine neue Methode d. Chirurg. Beh. 
d. chron. folliculären — 3 *. 

Trinker und Nichttrinker. Gesundheits - Sta¬ 
tistik d. — 250. 

Tripper, s. Urethrit. gonorrh. 

Tropäolinpapier als Reagens auf freie Salz¬ 
säure im Magen 180. 

Tuberkelbacillen, einfache u. rasche Färbung 
derselb. 321. 

Tuberkelbacillus, Verbreitung d. — durch d. 
Fliegen 265. 

Tuberkel-Riesenzellen, über die phagocytäre 
Rolle d. — 380. 


Tuberculose, Aetiologie d. — 400. Chron. — 
d. Nieren tn. intercurr. Erkrank, d. Nieren 
351*. — d. Lungen, Behdl. mit Fluor- 
wasserstoffsäure-Inhal. 388. Experiment. 
Untersuchung.'üb. — 417. Primäre — d. 
Larynx 137*, d. Larynx etc. 140. Z. Beh. 
d. — m. Kreosot 169. Z. Impfung d. — 
v. d. Haut aus 417. Z. Prophylaxe d. — 
223. 

Tuberculöse Erkrankungen. Tannin gegen 

— 304. 

Tuberculosis verrucosa cutis 231- 
Typhus abdominalis, üb. d. Einfluss febrifuger 
Mittel auf d. Häufigk. d. Rückfälle d. — 
365. — mit Icterus 433. 

Typhus, Statistik d. Evangel. Hospit. p. 1886 
u. 1887 354. 

u. 

Ujäsdowsches Militär-Hospital, Med. Arch. d. 

— 381. 

Ulcus molle, Beh. d. — m. Jodoformium bitu- 
minatam 387. Neue Behänd]. - Methode 
d. — 248. 

Ulcus ventriculi chron., neue Theorie für das 
Entstehen d. — 79- 
Umbilicalhernie, Operation d. — 142 
Unterkiefer, Fall v. Luxation d. — 256- 
Urethral-Irrigator 143. 

Urethralstein, ein Fall v. - 1 - 90- 
Urethritis gonorrhoica, z. Beh. d. chron. — 231. 
Utenisexstirpation 262. 

Uterus septus, Fall v. — 247. 

V. 

Vacuolenbildung, über die path.-anat. Bedeu¬ 
tung d. — in d. Nervenzellen 93 *. 
Vagina septa, Fall v. — 247. 
Varicoceleoperation 25. 

Variola, Verhütung der Narbenbildung b. — 
durch Calomel 112. 

Venerische Krankheiten, Curaus d. — v. Gay 
374. Vorles. üb. — v. Mansurow 374 . 
Verbrecher, üb. irre — 238. 

Verein St. Petrsb. Aerzte, Bericht üb. d. wiss. 

Thätigkeit dess. pro 1887 132- 
Vergiftung, 5 Fälle v. — mit Pilzen 150. 
Vergiftungen, die erste Hülfeleistung bei — 
(russ.) 224. 

Verunstaltungen d. menschlichen Körpers, üb. 
künstl. — 410. 

Vesico-Vaginalfistel, ein seltener Fall v. — 89. 
Volksmittel im fernen Osten 150- 
Volumen pulmonum acutum, z. Aetiol. d. — 

u. d. asthmat. Anfalls 208. 

w. 

Wanderniere, üb. d. — d. Frauen 198. 
Warzen, z. Beh. derselb. 98. 

Weil’sche Krankheit 372. 

Weine, ttb. d. Bestandteile einiger in Ptrsbg. 

verkäufl. — 89. 

Wiesbaden als Curort 433- 
Wildbad, d. Eigenart d. Warmquellen v. — 
247. 

Wirbelerkrankungen Erwachsener, nam. auch 

v. Soldaten 86 . 

z. 

Zange, von Lasarewitsch 142. 
Zimmergymnastik 247. 

Zunge, Exstirpation d. — wegen Krebs 418* 


Namen-Register. 


Adamkiewicz 448- 
Adelmann + 224. 
Afanassjew 76*. 

Afonski f 250- 
Agnew 1181- 
Ahlfeld 63- 
Anacker 314. 

Anders 90, 248, 418,450- 
Andreesen 109*. 
Andrejew, F. f 73. 
Andrejew f 307. 
Anfimow 93*. 

Anrep 54- 


Aiituschewitsch + 162. 
1 Archangelsk! + 107. 
iv. Arlt, F. 44. 
'Amheim 330. 

•Assmuth 330, 340- 
•Aufrecht 179, 387. 
Uvelis 170- 
Awtokratow 105. 
de Azavedo Lima 216. 

,Baaz 160. 
jBachutow f 356. 
'Balmaschow 61. 


Balogh f 264. 1 

v. Bamberger, Heinr. 298. 

t 390, 400. , 

Bari6 208- 1 

Barthel 247. 

de Bary, Prof. Heinr. f 38. 
v. Basch 53. , 

Bassanin f 341. 

Baturski 126. 

Baturski, A, f 200* i 

! Baumann 172. 

Baum garten 434. 

Bechterew 417. ! 


Behrend 208. 

Behrens 10. 

Behring 37, 406. 416- 
Beloussow 97. 
v. Berg, C. f 240. 
Berg, Fr. 148*. 
Bergmann 11, 45, 71. 
v. Bergmann 188. 
Bemheim 449. 
Bernstein f 126. 
Besser 320, 323. 
Bessels + 143. 
Betjuzki + 98. 


1 Bettelheim 116. 
Beuermann 241. 
Bianchi 126. 

Bidder 64, 421*. 
Bilibin 90. 

Billroth 365. 
Binswaager 216. 
Birch-Hirschfeld 114. 
Bishop 289. 
Bjelewzew f 367. 
Bielzow f 451. 

Bloch 433. 

mt i©0O 





Blumenau 440. 

Boas 180, 291. 

Boddaert f 209. 
Bogdanowski f 375- 
Boguachewski f 143. 
Bohn f 57. 

Bolotnikow, N. W. + 233. 
Borelias 97. 

Borezki, M. f 162- 
Börner 441. 

Bornhardt 413*. 

Boshko f 451. 

Braatz 119*, 351*. 

Braus 62. 

Brauser -j* 315. 

Brochin + 133. 

Brown, L. 134. 

Bruck 79. 

Brügelmann 289. 
v. Brunn 169- 
Bruns 26- 
Brusjanin 88. 

Brysgalow + 115. 

Buch 26L 403*- 
Büchner 9- 
Budge f 256. 

Bufalini 435. 

Bujwid 196. 

Bull 70, 78, 87. 

Bunge, A. 59*. 

Bunge, G. 97. 

Busch, N. f 133. 

Busch, K. f 151. 

Butz 275*, 325*. 

Bystrow 88- 

Cadiat f 341- 
Canbreile 383- 
Cantani 305. 

Caspari 440. 

Caw 349- 
Ceccherelli 304. 

Chalibow f 240- 
Chantemesse 354- 
Chasen f 181. 

Chassiotis 253. 

Chaümont f 152. 
Cheesman 323. 

Chisholm 124. 
Chochrjakow, M. f 18. 
Chomse 111. 

Clarke 24. 

Cloetta 441. 

Cornet 417- 
Couetoux 284. 

Cramer, T. 198. 

Crainer, M. f 307. 
Csatary 9. 

Cullimore 9. 

Curschmann 78. 
v. Cyon 261. 

Davidsohn 347. 

Davidson f 232. 

Dehio 1*, 70,137*, 429*. 
Desiderjew f 331- 
Dessoir 449. 

Dettweiler 255. 
Djakonow 281« 

Dlauhy f 273. 
Dobroljnbow f 115. 
Dobrowolski f 107. 

Doch man n 254. 
Dombrowski 418. 
Dombrowski, A. f 442- 
Domville f 264. 

Dresch 92. 

Drewing + 348. 
Drzewiecki 112. 

Dubinin 142. 

Duprö 116- 
Dupuy 376. 

Dylewski f 315- 

Eck f 133. 

Ehrendorfer 380. 
v. Ehrenwall 319- 
Ehrmann 387. 

Eichbaum 381. 

Eisenhart 16. 


Kerkowius f 348- (Losowski y 348. 

Kernig 10r 03, 329. 340,;Lossew f 435. 

Löw 9. 

Löwensohn f 435. 


Ellenberger 321. 

Emmerich 178, 187. 
Endrshewitsch f 66- 
Engelskjön 70. 

Eppinger 7- 
- Erb 379, 

|lErnroth 141.# 

Eulenburg 255. 

I Fabricius j 315. 

Fagonski 216. 

Fabnieres f 341. 

Fedeli f 133- 
Fedorow 141, 142* 

Fedotow 271- 
Fehleisen 170- 
Feoktistow f 81. 

Fererri 424- 
Fialkowski f 151. 

Fiedler 372. 

Finger 231. 374. 

Fieuzal f 299. 

Fischer, E. f 189- 
Fothergill f 256. 

Foville 18. 

Frankenhftueer 330, 354. 
Fränkel, E. 237. 

Frankel. Q. 245. 

Fräntzel 25. 

Friedmanu 62. 

Fromm 247. 

Fürbringer 80. 

Fftrstner 322- 

Gaethgens 273. 434. 

Gager 388- 
Gailhard 372. 

Galka f 375. 

Gamalein 315- 
Garfunkel 107. 

Gay 312, 374. 

Gempt 388- 
Gerchen f 256. 

Gerhardt. (\ 87, 246. 
v. Giacich 384- 
Giesel 443. 

Gietl f 107. 

Ginger 51. 

Glagolew f 307. 

Glax 132. 

Globa 88. 

Göden f 171. 

Goldberg 271- 
Goldenberg 131. 
Goldschmidt 123. 
Gontscharow 410. 
jGolowazki 262. 

Golubew, P. f 143. 
Golubow, J, f 250 
Golubzew f 240- 
Golynez 142. 
jGolyuz 328. 
jGoodlerin 383- 
IGorbatschewski f 367. 
Goniowski v 57. 

Gowssejew 51. 

Gräber 16- 
Grabner 285 
Grabowska + 133. 

Graff 419. 

Grammatikati 141, 347. 
Grammatschikow 281. 

Grau 2/2- 
Grawitz 381- 
Gream + 299. 

Gregory f 435- 
Greiffenhagen 36. 

(1 rewingk + 375. 

Grigg 240, 

Grigoropnlo f 356. 

Grimm, .1. 243*. 

Grimm f 240. 

Grob 387. 

Grosch 113- 
v. Grttnewaldt 41*,90, 115. 
Grusdow f 435. 

Gumprecht 423. 

Gnndobin 231. 

Günzburg 223. 


Gurlt 106* 

Gürtler 180. 

Guttmann 140- 
Gutzmann 223- 

Haas f 162- 
Hach 189. 
v. Hacker 388- 
Häckermann + 383. 

Haenel 416- 
Hagen f 224. 

Hager 261. 

Hagmann 271. 

Hahn 188, 372- 
v. Haken f 419- 
Hall 381. 

Hamburger f 115. 

Hampeln 45. 

Hannosset f 181. 

Hamack 106. 

Harting 427. 

Hartmann 296. 

Hasebrock 289. 

Haudelin 106- 
v. Haudring 369*, 385 J 
Hay 200. 

Heckei 12- 
Heiberg, H. 86. 

Heiberg, J. f 181. 

Hellat 111. 

H6rard 17. 

Hering f 375. 

Herrraaun 329. 330. 

Heryng 140. 

Herzenstein 262- 
Hilbert 305. 

Hiller 131, 365. 

Himmelfarb 87. 

Hippius 223. 

Hirsch 106, 339. 

Hirschberg 123. 

Hochham 8. 

Hock 87- 
Hoffmann 341- 
Hofmeier 398, 406. 
Hofmeister 321- 
Holländer f 419- 
Holm 247. 

Holst 55- 
v. Holst, L. f 75, 183. 329. 
Holsti 440. 

Horzetzkv 86- 
Hüber 27Ö- 
Hüber. R. 330. 

Hübner 291- 
Httppel 449- 
Hnchard 320. 

lgnatjew 197. 
lgnatjew, W. K. 377*. 
Israel, J. 87. 

Iwanow 393*. 

Iwanowski. R. f 400. 

Jadlowkiu f 98- 
Jagodinski f 256. 
Jagodsinski 425. 

Jansen 11. 

Jappa 141, 223- 
Jaroschewski 67- 
Jaschtschenko 251*. 
Jaworski 397. 

Jelatschitsch f 162- 
Jefremow f 126. 

Jelin 432. 

Jelissejew 141. 261. 

Jerozki f 315- 
Jo&nnissiani f 65. 

Josse 305. 

v. Kaczorowski 53* 

Kadner 198- 
Kamenew f 57. 

Kandarazki 142. 

Kandier f 382- 
Kappeier 387. 

Karanenko f 299. 
Karewski 123- 
Karner f 217. 

Käst 172- 


355. 

Kilcher f 217. 

Kirchner 270- 
Kisch 25,96*. 

Kislakowski 142. 

Kissel 141. 

Kleinwächter, W. 180- 
Knies 381- 
Robert 37. 

Koch 330- 
Kohlschütter 149. 

a ski 54. 
er 123. 

Kolotenko f 411. 

Koltypin f 73- 
König 132. 

Königstein 123- 
Konstantinow f 356. 
Korezki 141. 

Kortschewski f 224. 
Kossolapow f 81. 
Kossorotow 54. 

Kostezki, W. f 107. 

Knie 317*, 318*. 
v. Krafft-Ebing 282. 
Krannhals 301*. 

Kr&ssowski 140- 
Kriwolnzki f 348. 

Krull 417. 

Kuehn, A. 69. 

Kurlow 230- 
Kurtschinski 216. 

Kurz 246. 

Küstner 175*. 

v. d. Laan f 200- 
Landolt 247. 

Langenbuch 208. 
Langerhans, P. f 273. 
Langgaard 215. 

Laplace 78, 189- 
Lasarewitsch 262- 
Lashenizvn f 200. 
Laschkewitsch f 232, 250- 
Latkina + 250- 
Lauenstein 397. 

Laves 397. 

Lawrow. P. f 46- 
ILawrow, A. f 189. 
ILebedew 382- 
1 Leber 371. 

I Lehmann 340. 

1 Leloir 353. 
iLemoine 105. 

LenhossSk f 426. 

Leontjew f 451. 
v. Lessen 417- 
Letzel 433. 

Levinstein 406- 
Lewentauer 314. 

Lewin 38, 123. 

! Leyden 170, 365. 

| Liderwald 89. 
j Liebe rmann 443- 
v. Liebig, G. 433. 

|Liebreich 73, 123, 190, 273. 
Lier 433,448- 
Lindmann 433. 

(Lindner 198- 
Linzbauer, F. f 356- 
Lipinski f 273. 

Lippe, A. t 91. 

Litwinow f 419- 
Ljubimow 215- 
|Lobanow f 323. 

! Loebisch 62, 106- 
Loewe 427. 

ILoginowitsch f 240. 
Lombroso 225- 
Lominski 130- 
Lomtschinski f 383- 
Longinow f 133. 

Loomis 321. 

Loren t f 411. 

Lorenz f 232- 
Loring f 209. 

Löschner f 143- 
Losinskaja f 240. 


Lübbert 328. 
Lnkaschewitsch 142. 
jLnkasckewitsch, W. f 341. 
Lukjantschikow f 171. 
Lunin 53, 322. 

' 

M&ack 449. 

Madelung 62, 113. 
Magawly 330- 
Maier, R. f 400. 
Maikewitsch f 284. 

Maisei 321. 

Malarewski 261. 

Malek f 232. 

Maltschenko f 400. 
Mamonow f 341. 
Mandelbaum f 240. 
Mansurow 312, 374. 

Marcus 223- 
Markonet, G. f 12. 

Marson 92. 

Martensen 365. 

M&rtinean f 126. 
Martinotti 198. 

Martins 216. 

Marzinowski f 307. 
Masslow f 383- 
Matthes 150- 
Melnikow f 341- 
de Meredon^a f 341. 
Metaniew f 81. 
Metschnikow 380- 
Miershejewski 89. 

Mikulicz 245. 
van Millingen 114. 

Miram 11, 262. 

Mislawski 417. 

Mitchell 25- 
Moeli 238. 

Monastvrski f 199. 256. 
Morawski f 200- 
Mordhorst 255 
Mordwinow f 307- 
Moritz 10, 72, 329. 

Mörner 253. 
jMrongovius 142. 
Multanowski 89. 

Murinow 89. 

iXadeslulin f 419. 
jXassilow 371. 
Natschewitsch f 73. 
Naunvn 25. 

Nebel 348. 

Neisser. A. 237. 

Xekrasche witsch f 299. 
Neumann. J. 227*. 

Nicolai 373. 

Nicolaysen 322. 

Nikolski 223. 

Nitze 159- 
Nothnagel 25. 

Nourry 284. 

j Obersteiner 10, 416. 
Obalinski 353. 

Oestreicher 397. 

Oliver 376. 

Openchowski 449. 
Oppenheim 179. 

Ord 313. 

Orth f 451. 

Osnowin f 323- 
Ossikovszki f 217. 

Otis 150. 

Ott 260- 

Pacholkow f 348. 

Padieu f 209- 
Pahnsch 114. 160, 348. 
Pallin 319. 

Pasternazki 365. 

Paudurel 401- 
Pauli 18. 

Pawlow 262- 
Pawlow. M. f 442. 


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I 


Peiper 37. 

Penkin 340. 

Penzoldt 255- 
Perkowski 314. 

Petersen 0. 72, 90,143,224, 
231, 248, 256, 270, 284, 
355, 359*. 

Petri 233. 

Petrzkewitcz 383. 
Pettenkofer 114. 

Pet.uchüw f 250- 
Peyer 425. 

Pfeiffer 247, 433. 

Pfuhl 433. 

Pikkney 23a 
v. PI arm er 231. 

Platonow f 232. 

Plessing 246. 

Podarin f 375. 
Podwyssozkaja, E. f 390- 
Podwyssotzki, W. W. 211*. 
Podwy8sotzki. W. J. 322. 
Poehl 72, 115, 262. 
Pogorelski 333*, 343*. 
Poirier f 299. 

Pokrowski, N. f 46. 
Politzer, A. 132. 

Politzer, L. f 189. 
Polotebnow 142, 312, 425. 
Polubinski f 323. 
Polubojarinow f 126. 
Polunin f 367. 

Popow, W. 88, 143. 

Popow, S. 262. 

Popowitseh f 126. 

Porges f 375. 

Portugalow f 400- 
Posner 131, 159- 
Potain 405« 

Potozki 409. 

Prakain 88. 

Pramberger f 57. 
Predtetschenski f 91. 
Preobrashenski 328. 

Prior .448. 

Prosorow. Al. f 169. 
Prosorow f 256. 

Puchljanko f 57. 
van Pnteren 320. 

Rabel 17. 

Rabotin f 256- 
Rabow 215. 

Rasmussen 79. 

Ratimow 271. 
v. Rautenfeld 22. 

Reclus 25. 

Reichert 432. 

Reiersen 105. 

Reinolds 305. 

Renvers 246. 


v. Reny 247. 

Renzi i52- 
! Reachetnikow 89. 
v. Reuss 123. 

Richards 191. 

Richelot 435. 

Riess 12. 

Ritter, N. f 115. 
Rjabtschewski f 400- 
Rjabtschizki 142. 

Robson 217. 
de la Roche 339. 

Rodionow 312- 
Roerdam 149. 
oesen 98. ' 
oguski f 81- 
Rohe 433. 

Rosenbach 70, 89. 
Rosenbusch 169. 

Rosenfeld 381. 

Rosenheim 223. 

Roser. K. 159. 

Roser, W f 442. 
Roshdestwenski, W. f 38* 
Rosin 386. 

Roth, 0. 71. 

Roth, W. 434. 

Rudanowski f 65- 
Rühle f 250. 

Rumnizki f 200- 
Ruscheweyh 440- 
Ruyter 170. 
jRybalkin 262. 

I Sabello, F. f 315. 

Sabello, K. f 315. 

Sabine f 383. 

Sadowen 142. 

Sakamenny, Nik. + 38* 
Salischtschew 409. 
Salkowski 254. 

Sallis 26. 

Salvioli f 390. 

Sandmann 208. 

S&nger, Max 79. 

Sänger. R. 237 
Sarda 305. 
v. Safts 449. 
von Sautvoord 130. 
Schablowski + 189- 
Schaitanow, N. + 29. 
Schaper 270, 281. 

Schapiro 140. 

Schauta 44. 

Scheidern ann-Loaina-Losin - 
skaja f 240- 
Scheier 320. 

Scheuerlen 170. 

Schiffers 383. 

Schildbach fl07. 
Schlothauer f 299- 


I Schmid. H. f 426. 

!Schmidt, R. f 307. 
jSchmidt-Rimpler 171. 
ISchmiegeloV 288- 

j Schmitz 55, 90, 256. 
Schneider, M. + 171. 
Schüler 123. 

Schönberg 87. 

Schönfeldt 267*, < 

Schott 54. 

Schotten 425- 
Schreiber 52, 434. 
v. Schrenck 449. 
v. Schröder, Ohr. 33*. 
v. Schröder, Th. 3*, 256. 
Schuchardt 149. 

Schüller 418. 

Schultz 11., 

Schultz, F. 272. 

Schulz, H. 245. 

Schuppe f 315. 
Schurinow.271. 

Schuster 281, 253. 

Schütz 245. 

Schwalbe 347. 

Schwarz. Ed. 283, 290- 
Schwartz, H. 449^ 

S^guin 236. 

Selenkow 88. 355. 
Semmola 380 
{Senator 179. 
j Senger 159- 
|Sferin f 29. 

| Sliadkewitsch 328- 
jShirmundski 410. 
Shoemaker 305- 
Sil wand + 98. 
v. Skoda, Fr. + 91. 
Skrebitzky 155*, 165*. 
Slawjanski 142. 425- 
Slunin 150. 

Smigrodski 410. 

Smirnow 424. 

Smoler f 200. 

v. Sohlern 437*,. 445*. 

Solowje^t271. 

Sommer 118^ 
Sonnenheller 54, 373. 
Sonnenkalb f 12. 

Sprimon 9. 

Ssawary f 29. 

Ssawizki f 57. 
Ssemtschenko 193*, 203*. 
Ssirski 21*. 

Sslish f 171. 

Ssokolow f 375. 

Ssolodki f 451. 

Ssuchanow f 264. 
Ssuchodolski'f 250- 
Stadel mann 450. 

Stanewitsch f 143. 


Statz 63. 
iStazewitsch 289. 
j Stefano w f 200. 
Stetter 171. 
jStocquart 12. 

'Stoll 262. 

Strawinski f 323. 
j Strisower 328- 
Ströhmberg 288. 
,Stukowenkow 63. 
Suchorutschkin 142. 
Sudakow 89. 

]Sntugin 347. 
iSwenzizki f 46. 
jSwijasteninow 410- 
iSwonnikow 322- 
j Sylvester, G. f 12- 

jTamman305. 

|Taube, J. 149. 
Terajewitsch f 411. 
j Thilo 262. 

Thomas 91- 
I Thompson, H. 160. 
j Thor 341. 

jTiling 90, 248, 284. 
389. 

Timtschenkof 181. 
Tolkin f 171. 
jTomasi f 256. 

Toporow, Prof. M. f 9t 
Torres f 126. 

Trapp 224. 
iTraub 92. 
iTreymann 484. 
iTrojanow 88, 409. 
jTschauschanski f 115. 
jTscherepnin f 273. 
Tscherkisowski f 411. 
Tschernigowski f 284. 
Tuczek 237. 

Tutschek f 411. 
Tugarinow, Nik. f 38. 
Tumas 47. 

Tundermannn f 442. 
Turner 141, 397. 
Tweedy 123. 


jVoss 11, 272. 
jVossius 449. 

I 

jWaetzold 246- 
v j Wagenmann 440. 

£ [Wagner, Prof. E. f 65- 

I Wagner. E. 406. 
v. Wahl, Prof. Ed. 36. 
Wahrmann f 442. 

Waibel 451. 

Walch f 115. 
iWaldenberg -j- 152- 
Wassiljew, W. f 46. 
de Wecker 247. 

Weeks 380. 

Weise, H. f 160. 

Weissberg f 151. 

Welcker 123. 

Wensin f 426. 

Wenzel f 224. 

J Weiber 37- 
Weretennikowa f 299. 
Werigo 433. 

Wertneim, Prqt G. f 29- 

I Wetterstrand 329. 
355| w eyl 432. 

, Wialbutt f 171. 

,Wichmann 87. 

|Wide 97. 

♦ ,Wierzbicki f 98- 
.Williams f 419. 
Wiltschinski 419- 
Wiltzer f 232. 

• Winternitz 37, 340. 
’Wjashlinski 141. 
iWiadimirow 88- 
.Wladimirow, A. f 126. 
.Woislaw 88- 
Wolff 323. 

Wolodin, P. f 38. 

Worms 219*, 283. 
Woronichin 54, 230. 
Wsewolodow f 73. 
Wuakowitsch-Kulew f 436* 
iWyschesiawzew f 181. 
Wyssokowitsch 43- 


Ugijumow 142. 
Uskow 89, 272. 

v. Vämossy 314- 
Vanzetti f 18, 29- 
Vidal 354. 

Villaret 25. 

Villejan 241. 

Vincenzi 51, 52. 
Virchow 81, 198, 410. 
Vitali 159. 
jVollert 424. 


jZagorski f 356. 
iZalesky 25, 354. 
iZaremba f 331- 
IZdekauer 160. 
jZemanek 25. 

|Zepernik f 91. 
jZeraer 9. 

iZiemssen 62 106, 114, 400. 
{Zoege-Manteuffel 13*, 259*. 
•Zuckerkand] 339. 
iZwingmann 282- 


» 



Aon. nun. Cn6. 30. Ä«*6pa i»88 r. Herausgeber : Dr. Th. v. Schröder. TraorpaflOÄ «Hevepö. ras.», Bjagnripadft npoen. Ml 2. 

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XIII. Jahrgang. 


St. Petersburger 


Neue Folge. V. Jahrg. 


Medicinische Wochenschrift 


Prof. Ed. v. WAHL, 

Dorpat. 


unter der Redaction von 

Dr. L. v. HOLST, 

St. Petersburg. 


Dr. TH. v. SCHRÖDER, 
St. Petersburg. 


Die < St. Petersburger Medicinische Wochenschrift» erscheint jeden Sonn¬ 
abend. Der Abonnements - Preis ist in Russland 8 Rbl. für das Jahr, 
4 Rbl. für das halbe Jahr inklusive Post-Zustellung; in den anderen Län¬ 
dern 16 Mark jährlich, 8 Mark halbjährlich. Der Inserations- Preis für 
die 3 mal gespaltene Zeile in Petit ist 12 Kop. oder 30 Pfenn. —» Den 
Autoren werden 25 Separatabzüge ihrer Original - Artikel zugesandt; 

Referate werden nach dem Satze von 16 Rbl. pro Bogen honorirt. 
Abonnements-Aufträge bittet man an die Buchhandlung von 
Carl Ricker in St. Petersburg, Newsky - Prospect Aff 14 zu richten. 


Inserate werden ausschliesslich im Central-Annoncen-Bu- 
reau von Friedrich Petrick itv St. Petersburg, Newsky-Prospect A» 8. 
und in Paris bei unseren General-Agenten entgegengenommen. 
Les annonces frangaises sont * regues exclusivement ä Paris 
chez Messieurs G. E. Puel de Lobel & Cie., Rue Laftiyette 58. 


Manuscripte sowie alle auf die Redaction bezüglichen Mittheilungen 
bittet man an den g e s ch äft s f ü h re n de n.Redacteur Dr. Theodor 
V. Schröder (Malaja Italjanskaja, Haus 33, Quart. 3) zu richten. 


Ns i. 


St. Petersburg, 2. (14.) Januar 


1888. 


Abonnements - Aufforderung. 

Die St. Petersburger Medicinische Wochenschrift 

wird ancli im Jahre 1888 unter der jetzigen Redaction und nach dem bisherigen Programm eischeinen. Sie stellt sich die Aufgabe ein 
Organ für praktische Aerzte zu sein und letztere durch Originalarbeiten sowohl als durch Referate und Besprechungen neu erschienener Werke 
mit den Ergebnissen zeitgenössischer mediciuischer Forschung bekannt zu erhalten. Besondere Aufmerksamkeit wird die Wochenschrift 
auch fernerhin der russischen und polnischen medicinischen Literatur widmen, und es sich angelegen sein lassen, die fortlaufende Kenntniss- 
nahrne derselben den mit den betreffenden Sprachen nicht vertrauten Facligenoesen zu vermitteln. — Der Abonnementspreis ist incl. Zustel¬ 
lung in Russland 8 Rbl. für das Jahr, 4 Rbl. für ein halbes Jahr; in den anderen Ländern 16 Mark für das Jahr, 8 Mark für ein halbes Jahr. 
Abonnements-Aufträge bittet man an die Buchhandlung von C. Ricker in St. Petersburg, Newsky-Prospect Aß 14, Manuscripte sowie alle auf die 
Redaction bezüglichen Mittheilnngen an den geschäftsführenden Redacteur Dr. Theodor v. Schröder (Malaja Italjanskaja Haus 33 - Quart. 3 ) 
zu richten. — Inserate werden ausschliesslich im Central - Annoncen - Comptoir von Fr. Petrick, Newski-Prospect Aß 8., angenommmen. 


* - - 

Inhalt 1 K a r 1 D e h i 0 : Ein Fall yorj llpminatio bumana. — Th. v 0 n S e b r ö & k 1 1 Rin 2 neue Mei.hode der chirurgischen Behand¬ 
lung des chronischen folliculäreh Trachoms. — heferate . H aii s Eppi nger: Pathogenesis (Histogenesis uud Aetiologie) der Aneurys¬ 
men, einschliesslich des Aneurysma equi verminosum. — Hochham: Zur Würdigung des therapeutischen Werthes der Stropbanthus- 
tinctur. — Csat&ry: Ueber die Wirkung des Strophantbus hispidus. — Z e r n e r und L ö w: Ueber den therapeutischen Werth der Präpa¬ 
rate vonStrophanthns Komb6. —- H. Büchner: Ueber die Einwirkung der» Jodoformdämpfe auf den Cholera-Vibrio. — D. H. Cnllimore: 
Eine Studie über Verbreitung und Aetiologie des Leberabscesses. — Bücher-Anzeigen und Besprechungen. S p r i m 0 n : Die Medicin im 
Jahre 1886. — Obersteiner: Der Hypnotismus und seine klinische und forensische Bedeutung. — W. Behrens: Tabellen zum Ge¬ 
brauch bei mikroskopischen Arbeiten. — Protokolle des Vereins St. Petersburger Aerzte . — Auszug aus den Protokollen der Gesell¬ 
schaft praktischer Aerzte zu Riga. — Vermischtes . — Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs. — Vacanzen. — Anzeigen . 


Ein Fall von Ruminatio humana. 

Von 

Dr. Karl D e b i 0 , 

Prof. ext. der Universität Dorpat. 

Am 21. November d. J. eonsultirte mich der 21-jährige 
Apothekergebilfe H. L. aus Tschorna am Peipussee wegeu 
einer leichten, chronischen Laryngitis und Bronchitis; wäh¬ 
rend der Untersuchung theilte derselbe mir beiläufig mit, 
dass er an einer eigenthümlichen Art von «Aufstossen» 
leide, durch welches Speisen, die er kurz vorher genossen 
hatte, wieder in den Mund befördert, nochmals gekaut uud 
dann wieder verschluckt wurden. 

Die genauere Anamnese ergab Folgendes: Patient stammt 
von gesunden Eltern, die namentlich nicht an einer ähn¬ 
lichen Störung der Speiseverarbeitung gelitten haben. Bis 
zum 12. Jahr will er ganz gesund gewesen sein, dann er¬ 
krankte er an einem heltigen, langdauernden Keuchhusten, 
dessen Anfälle stets mit Erbrechen verknüpft waren. Nach¬ 
dem der Keuchhusten aufgehört hatte, blieb das Aufstossen 
der genossenen Speisen nach. Dasselbe erfolgte bis zum 16. 
Lebensjahr regelmässig und ausnahmslos nach jeder Mahl¬ 
zeit und durch dasselbe wurde die genossene Speise in Quan¬ 
titäten vou der Grösse gewöhnlicher Bissen ohne Anstren¬ 
gung und unabhängig vom Willen des Patienten wieder in 
den Mund befördert, ohne dass Ekelgefühl, Uebelkeit oder 
Schmerz damit verbunden waren. Die wiedergekehrte 
Speise wurde vielmehr mit Behagen, wie Pat. ausdrücklich 
hervorhob, nochmals duicbgekaut und dann zum zweiten 


Mal verschluckt. Gleich darauf trat eine zweite Partie der 
Speise herauf, die ebenso verarbeitet wurde und so fort. 
Eine genauere Beschreibung der Bewegungsvorgänge, die 
den Bissen in den Mund zurück beförderten, konnte Pat. 
nicht geben; nur soviel ging aus seinen Aussagen hervor, 
dass die Bauchmuskeln daran nur in geringem Grade bethei¬ 
ligt waren und das Epigastrium sich beim Aufstossen nur 
wenig bewegte. Meist begann dieses Wiederkäuen etwa 
V* Stunde nach Beendigung der Mahlzeit und dauerte V 2 
bis eine Stunde, selten länger. Die aufgestossenen Speisen 
kamen ziemlich unverändert wieder und schmeckten na¬ 
mentlich nicht sauer, die Milch war aber stets schon ge¬ 
ronnen. Aufsto>s*en von Gasen war mit der Rumination 
nicht verbunden. Im Uebrigen liess die Verdauung nichts 
zu wünschen übrig, und Pat. giebt auf Befragen an, dass 
der Appetit stets vortrefflich war, ja dass er wie damals, so 
auch jetzt die Gewohnheit habe, ungewöhnlich viel zu essen. 
In den späteren Jahren wurde das Wiederaufsteigen der 
Speisen immer seltener und erfolgt jetzt nur ausnahmsweise 
nach grösseren Mahlzeiten, besonders nach Mehlspeisen und 
nach süssen Dingen. Ganz regelmässig tritt es aber auch 
jetzt noch ein, sobald Pat. Grützbrei geniesst. Im letzten 
Jahre hat Pat ab und zu an leichten dyspeptischen Störun¬ 
gen (Uebelkt it und Magenschmerzen) gelitten, die jedoch 
Dach einem Laxans und mehrtägiger Speiseenthaltung stets* 
wieder geschwunden sind. 

Patient i^t cm ziemlich blasser, magerer und nervöser 
Mensch, leicht p-ychisch erregt und zu hypochondrischer 
Selbstbeobachtung geneigt. Der unbedeutende Catarrh der 


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Luftwege macht ihm grosse Sorge; dagegen ist er überzeugt, 
dass das Wiederkäuen bald ganz aufhören werde, da es in 
der letzten Zeit viel seltener geworden sei. 

Am Morgen des 22. Nov. untersuchte ich Pat. bei nüch¬ 
ternem Magen; zuletzt gegessen hatte er am Abend des vor¬ 
herigen Tages, also etwa 12 Stunden vor meiner Explora¬ 
tion. Die in den Magen eingefübrte Sonde erwies, dass 
derselbe vollständig leer war, denn es Hessen sich nur ein paar 
Tropfen klarer, schwachsaurer, leicht gaUig gefärbter Flüs¬ 
sigkeit durch das Scblundrohr zu Tage fördern. Die Le¬ 
berdämpfung war normal und das ganze übrige Abdomen 
schallte sowohl im Liegen wie im Stehen tympanitisch. Ich 
liess nun den Pat. ein Glas (= 250 Ccm.) lauwarmen Was¬ 
sers trinken und fand, dass darnach die Magendämpfung in 
der Medianlinie 5 Ctm. unter dem Leberrande stand. Nach 
dem zweiten Glase sank sie um weitere 3 Ctm. und nach 
dem dritten noch um 4 Ctm. herab, so dass sie nunmehr bis 
2 Ctm. unterhalb des Nabels herabreichte. Nach dem vier¬ 
ten Glase entstanden sofort gurrende Geräusche in der Ge¬ 
gend des Pylorus und die Magendämpfung dehnte sich nicht 
weiter aus, offenbar weil ein Theil des getrunkenen Wassers 
durch eine active Magencontraction in den Darm entleert 
wurde. Nach dem fünften Glase trat die Magendämpfung 
noch 2 Ctm. tiefer herab und reichte nun nach links bis zur 
vorderen AxillarUnie, wo sie unter dem linken Lungenrande 
verschwand. Liess ich den Pat. nach der von Kernig 
geübten Weise sich auf die rechte Seite legen, so reichte die 
Magendämpfung ebenso weit nach abwärts wie im Stehen, 
in der Rückenlage dagegen verschwand sie vollständig und 
wurde durch tympauitischen Schall ersetzt. Während des 
Wassertrinkens war in der Magengrube regelmässig 6 bis 8 
Secunden nach jeder Schluckbewegung ein deutliches Durch¬ 
pressgeräusch zu hören. — Am folgenden Tage liess ich den 
Kranken c. 2 Grm. Natr. bicarb. und ebenso viel Acid. tar- 
taric. in Wasser gelöst zu sich nehmen, worauf der laute 
Percussionsschall des aufgeblähten Magens sich nach ab¬ 
wärts bis einen Finger unter den Nabel, nach rechts bis zur 
Mammillarlinie und nach links bis zur Mitte zwischen der 
linken MammillarUnie und der linkeu vorderen Axillarlinie 
erstreckt; zugleich wölbte sich das Epigastrium stark vor 
und Pat. beklagte sich über ein sehr starkes und schmerz¬ 
haftes Druck- und Völlegefühl in der Magengegend, das 
erst nach etwa 5 Minuten schwand, nachdem durch starkes 
Aufstossen reichliche Gasmengen aus dem Magen entfernt 
worden waren. Ein Uebertritt der Magengase in den Dünn¬ 
darm, wie ihn E b s t e i n als charakteristisch für die sog. 
Insufficienz des Pylorus angiebt, fand nicht statt. 

Am 24. Nov. liess ich Pat. um 8 Uhr Morgens ein Früh¬ 
stück, das aus einer Tasse Thee (ohne Rahm) und zwei klei¬ 
nen Zwieback bestand, zu sich nehmen und versuchte um 
10 Uhr den Mageninhalt mit Hülfe der Schlundsonde zu ex- 
primiren. Der Versuch gelang aber nicht, weil der Magen 
sich schon als vollständig leer erwies. Weiteren Versuchen 
hat Pat. sich leider entzogen, so dass ich über den Chemis¬ 
mus seiner Magenverdauung keine genaueren Aussagen 
machen kann, ich darf aber wohl annehmen, dass derselbe 
sich ganz normal verhielt, da Pat. über keinerlei Magenbe¬ 
schwerden klagte und ein überlanges Verweilen der Nah¬ 
rung im Magen nach meinen Versuchen jedenfalls ausge¬ 
schlossen werden konnte. Im Uebrigen waren, abgesehen 
von dem schon erwähnten leichten Catarrh der Luftwege 
keinerlei pathologische Veränderungen am Kranken zu be¬ 
merken. 

Die vorliegende flüchtige Beobachtung vermag uns ebenso 
wenig wie alle früheren, in der Literatur vorhandenen, ein 
klares Verständnis des Vorganges der Rumination zu er- 
schliessen. Nur Eines geht aus derselben hervor,' nämjich 
dass eine primäre Störung der Magenthätigkeit, sei es der 
chemischen, sei es der motorischen Seite derselben, zur Ent¬ 
stehung des menschlichen Wiederkäuens nicht riothig ist. 
Mein Patient erfreute sich, obgleich er seit neun Jahren ru- 
minirte, einer guten Verdauung und die leichte Atonie der 




Magenwand, welche, wie die Untersuchung ergab, allerdings 
vorhanden war, darf nns hieran nicht irre machen. Sie ist 
ziemlich natürlich bei einem Menschen, der seiner eigenen 
Aussage nach ein Vielesser war; bei der Häufigkeit einer 
solchen Atonie und der Seltenheit der Rumination dürfen 
wir einen ursächlichen Zusammenhang zwischen diesen bei¬ 
den Dingen selbstverständlicher Weise nicht annehmen. 
Der Pylorus functionirte offenbar völlig normal und auch 
die motorische Leistungsfähigkeit der Cardia war, wie ich 
glaube zeigen zu können, nicht beeinträchtigt; denn wenn 
mein Patient Wasser schluckte, so hörte man in der Herz¬ 
grube ein deutliches Durchpressgeräusch, welches nach der 
gewöhnlichen Ansicht über die Entstehung dieses Geräu¬ 
sches bei einer Lähmung der Cardia wohl hätte fehlen 
müssen. Noch mehr sprach ferner für die normale Schluss¬ 
fähigkeit der Cardia der Umstand, dass, nachdem der Magen 
durch Kohlensäure unter starkem Druck ausgedehnt worden 
war, dieses Gas ganz ebenso gut wie bei einem gesunden 
Menschen zurückgehalten wurde. Erst nach einiger Zeit 
(circa 5 Minuten) öffnete sich die Cardia und liess die Koh¬ 
lensäure unter starken Eructationen entweichen; wäre sie 
gelähmt oder geschwächt gewesen, so hätte sie wohl kaum 
so lange dem Druck des Gases widerstanden. Ich lege auf 
die Thatsache, dass die Cardia in meinem Falle ihfe volle 
Leistungsfähigkeit bewahrt hatte, besonderes Gewicht, weil 
nach dem Vorgänge von D u m u r *) neuerdings auch 
Poensgen*) und 0ser*) eine Lähmung oder wenig¬ 
stens eine Herabsetzung des Tonus des Schliessmuskels der 
Cardia als nothwendige und wesentliche Vorbedingung für 
das Wiederautsteigen der Speisen bei der Rumination nn- 
sehen. 

Im Gegensatz zu dieser Anschauung, für welche in meinem 
Falle alle objectiven Anhaltspuncte fehlten, gestehe ich, dass 
der ganze Vorgang des Wiederkäuens nach der Beschreibung 
meines Patienten auf mich deu Eindruck eines perversen, 
combinirten Bewegungsvorganges n achte, wie wir ihn ähn¬ 
lich auch beim Erbrechen kennen. Seit wir wissen, dass 
beim Erbrechen die Cardia nicht blos passiv durch den an¬ 
drängenden Mageninhalt dilatirt wird, sondern dass sich zur 
Action der Wandmusculatur des Magens und der Bauch¬ 
presse auch noch eine durch die Thätigkeit des sog. Muscu- 
lus dilatator Cardiae bewerkstelligte active Eröffnung der 
letzteren hinzukommen muss, wenn anders der Mageninhalt 
wirklich erbrochen werden soll, — liegt es nahe anzuneb- 
men, dass auch beim menschUchen Wiederkäuen eine ad 
hoc eintretende , selbstthätige Eröffnung der Cardia sich 
mit den austreib enden Bewegungen des Magens in gesetz- 
mässiger Anordnung combinirt, um den regurgitirendeu 
Bissen in die Mundhöhle zu treiben. Ob auch die Bauch¬ 
muskeln und das Zwerchfell an diesem Bewegungsvorgang 
betheiligt sind, lasse ich dahingestellt. 

Ich glaube also, dass der Regurgitation der Speisen beim 
menschlichen Wiederkäuen ein typischer Bewegungsmecha¬ 
nismus zu Grunde liegt, 'dessen Thätigkeit, wie die Erfah¬ 
rung lehrt, an den Genuss einer Mahlzeit gebunden ist. Es 
muss daher angenommen werden, dass durch die mit der 
Speiseaufnahme verknüpften sensiblen Erregungen wohl vom 
Magen aus bei Rumination dieser Bewegungsmechanismus 
in Thätigkeit versetzt wird. Es ist somit der ganze Vor¬ 
gang des fuminatorischen Aufsteigens der Speisen reflecto- 
rischer Natur. Den Ort, wo diese centripetalen sensiblen 
Erregungen auf die centrifugalen -motorischen Bahnen für 
die Dilatation der Cardia und die Contraction des Magens 
übertragen werden, dürfen wir wohl im Gehirn suchen, seit 
Openchowski und Hlasko*) die Centra für die 


*) Dumur: De la paialyde du Cardia ou MdrycismeDissertat. 
Bern 1859 (citirt nach Poensgen). 

*)E. Poensgen: Die motorischen Verrichtungen des mensch¬ 
lichen Magens etc. Strassburg 1882. 

*) 0 s e r: Die Neurosen des Magens. Wien und Leipzig 1885. 

*) Ein Referat dieser interessanten Arbeit findet sich in der M 22 
dieses Jahrganges der vorliegenden Wochenschrift. 


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ebengenannten motorischen Functionen des Magens daselbst 
aufgefunden haben. 

Die Rumination wäre somit als eine motorische Reflex* 
neurose des Magens aufzufassen und von diesem Gesichts- 
punct aus gewinnt die anamnestische Angabe des Patienten 
ein grosses Interesse, der zu Folge sein Leiden aus dem häu* 
figen Erbrechen hervorgegangen ist, von welchem er wäh¬ 
rend des Keuchhustens heimgesucht wurde. Dass die beim 
Erbrechen und bei der Rumination stattfindende Erregung 
motorischer Nerven zum Theil in den gleichen Bahnen ab* 
laufen muss, ist an sich klar, weil bei den Vorgängen theil- 
weise dieselben motorischen Endeffecte erzielt werden. Es 
dürfte daher die Annahme erlaubt sein, dass bei dem ur¬ 
sprünglich nervös veranlagten Kranken nach Ablauf des 
Keuchhustens eine erhöhte Erregbarkeit der das Erbrechen 
vermittelnden Nervenbahnen und -centra nachgeblieben 
ist; dieselben dürften während des Keuchhustens gleichsam 
in Uebung gekommen sein, so dass sie nachträglich auf die 
geringen vom gefüllten Magen ausgehenden centripetalen 
Reize sogleich mit dem coordinirten Reflex des Aufstossens 
der Speisen antworteten. Wir können dann noch einen 
Schritt weiter gehen und die Rumination in unserem Fall 
als eine functümelle Reflexneurose ansehen, die sich in Folge 
der Ueberanstrengung der Brechcentra entwickelt hat. 
Wissen wir doch, dass auch andere Reflexe sich ähnlich ver¬ 
halten und dass namentlich bei Kindern, die atu Keuchhu¬ 
sten gelitten haben, oft noch lange die Neigung anhält, bei 
jedem leichten gewöhnlichen Kehlkopfcatarrh wieder in 
der früheren Art krampfhaft und anfallsweise zu husten und 
zu würgen. Beiläufig bemerkt, führt auch Eichhorst*) 
eine Beobachtung an, wo Keuchhusten der Rumination vor¬ 
angegangen war. 

In jüngster Zeit hat Johannessen*) drei Fälle von 
Rnmination veröffentlicht und bei dieser Gelegenheit die Li¬ 
teratur und die Aetiologie dieses Leidens ausführlich be¬ 
sprochen. Aus der grossen MeDge der verschiedenartigsten 
Angaben, die er in letzterer Beziehung gesammelt und zu¬ 
sammengestellt hat, geht jedenfalls hervor, dass die Rumi¬ 
nation erstens in sehr vielen Fällen von einer krankhaften 
Veranlagung des Nervensystems abhängig ist nnd dass zwei¬ 
tens in der Mehrzahl der Fälle die Patienten auffallend viel 
und rasch zu essen pflegten. Beides trifft vollkommen auch 
auf meinem Kranken zu. Derselbe ist nervös und zu Hypo¬ 
chondrie geneigt und hat gleichzeitig die Gewohnheit, den 
Magen mit übermässig grossen Speisemengen zu belasten. 
Es liegt auf der Hand, dass diese Umstände als prädisponi- 
rende Momente für sein Leiden, wie ich es auffasse, ange¬ 
sehen werden müssen. Wie alle functioneilen Neurosen, so 
wird auch die Rumination sich besonders leicht auf dem 
Boden einer neurasthenischen Veranlagung entwickeln kön¬ 
nen, und dass die Anfüllung des Magens mit Speisen durch 
Zerrung und mechanische Reizung des letzteren um so eher 
den Ruminationsreflex wird hervor»ufen können, je grösser 
die eingelübrten Massen sind, das brauche ich nicht weiter 
auszuführen. 


Eine neue Methode der chirurgischen Behandlung des 
chronischen folliculären Trachoms. 

(Vortrag gehalten im Verein St. Petenb. Aerste am 22. Dec. 1887.) 

Von 

Dr. Th. von Schröder, 

Arst an der St. Petenbnrger Angenheilanetalt. 

M. H.l Die Hartnäckigkeit, mit welcher das chronische 
Trachom der gebräuchlichen medicamentösen Behandlung 
widersteht, ist bekannt und hat schon oft zu Versuchen ge- 


*) Eichhorst: Speclelle Patholog. und Therap. Bd. II. 1885. 
pag. 149. 

*) Johanneaeen: Ueber das Wiederkauen beim Menschen. 
Zeitschr. t. klin. Med. Bd. X, p. 274 n. ff. nnd 
Johanneasen: Zwei neue Fälle von Wiederkanea beim Men¬ 
schen. Zeitschr. f. klm. Med. Bd. XII. 


führt, die lange Dauer der Bebandlungszeit durch energi¬ 
sches Vorgehen abzukürzen. Wie erstrebenswerth dies Ziel 
ist, braucht wohl nicht näher auseinandergesetzt zu werden. 
Nur binweisen möchte ich darauf, dass die lange Dauer der 
gebräuchlichen medicamentösen Behandlung dieselbe nur zu 
häufig nicht zur Anwendung gelangen lässt, weil sie zu zeit¬ 
raubend ist. Der Gebrauch verschiedener Tropfen, wie 
Cupr. sulf., Zink, sulf., Plumb. acet. etc. zu Hause genügt 
nur in wenigen Fällen und noch seltener ist es möglich den 
Patienten den Cuprumstift anzuvertrauen und sie im Ge¬ 
brauch desselben zu unterweisen. Die bei weitem grösste 
Mehrzahl der Patienten muss sich entschlossen den Arzt 
wenigstens ein paar Mal in der Woche aufzusuchen, um sich 
von ihm beizen zu lassen. Wie vielen ist das aber möglich? 
Seine grösste Ausbreitung hat das Trachom bekanntlich in 
den niederen Schichten der Stadtbevölkerung und unter den 
Bauern. Letzteren ist ein häufigeres Fahren zum Arzt be¬ 
sonders zur Zeit der Feldarbeiten natürlich unmöglich, 
selbst wenn der gute Wille vorhanden wäre, der meist fehlt; 
aber auch den unteren Classen der Stadtbevölkerung raubt 
der Gang in die Ambulanz, das Warten in derselben, der 
Reizzustand der Augen nach dem Beizen soviel von der zum 
Lebensunterhalt nothwendigen Arbeitszeit, dass sie vielfach 
die Behandlung selbst oder auf Veranlassung ihrer Arbeit¬ 
geber bald aufgetfen müssen. Die Folge davon ist natürlich, 
dass solche Kranke erst viel später, wenn Keratitis pannosa, 
Trichiasis, Distichiasis etc. im Gefolge des Trachoms aufge¬ 
treten sind und das Sehvermögen mehr oder weniger ernst¬ 
lich unheilbar geschädigt haben, wieder zum Arzt kommen. 
— Obgleich dieses allen Aerzten, die Trachömkranke zu be¬ 
handeln haben, nur zu wohl bekannt ist; obgleich mehrfach 
Versuche gemacht worden sind, durch kurzdauernde ener¬ 
gische Behandlungsmethoden das Trachom bei Zeiten zu be¬ 
seitigen, so sind wir im Grossen und Ganzen doch noch auf 
die langwierige Behandlung mit dem Cuprumstift angewie¬ 
sen, dem der Alaun- und Resorcinstift nie ernstliche Con- 
currenz machen konnten, ebenso wenig Lapis als Stift oder 
in Lösung, da er bei längerem Beizen wohl die Trachomkör¬ 
ner zerstört, aber zu hochgradiger Argyrose der Conjunctiva 
führt. 

Bei diesem Stande der Dinge muBs jede neue Methode, 
die geeignet erscheint die Behandlungsdauer abzukürzen, 
willkommen geheissen werden, selbst wenn sie dieses Ziel 
auch nur für einen Theil der Trachomfalle erreicht. Des¬ 
halb möchte ich sie heute mit einem Verfahren bekannt 
machen, das seit einigen Monaten in der Augenheilanstalt 
von mir geübt worden ist und mir gute Resultate gegeben 
hat. Vorher aber erlauben Sie mir, Ihnen eine kurze Ueber- 
Bicht über die erwähnten Versuche der radicalen Heilung 
oder der Abkürzung der Behandlungszeit des Trachoms zu 
geben. Man hat dieses Ziel durch Medicamente oder auf 
operativem Wege zu erreichen gesucht. Unter ersteren ge¬ 
bührt vor Allen dem von Wecker in die Therapie einge- 
fübrten Jequirity Erwähnung, weil dasselbe, von sehr Vielen 
in Anwendung gezogen, eine ganze Literatur pro und contra 
hervorrief. Das Infus der Samen von Abrus precatorius, in 
Brasilien Jequirity genannt, ruft, auf die Conjunctiva ge¬ 
bracht, hochgradige Blenuorrhoe hervor, welche nach 
v. Wecker das Trachom zerstören sollte, ohne dem Auge 
gefährlich zu sein. Die vielfachen Versuche anderer Oph¬ 
thalmologen bestätigten leider diese sensationelle Empfeh¬ 
lung nicht; es stellte sich heraus, dass öfter schwere Cor- 
neaÜeiden (Ulcus, Abscess) durch die Blennorhoe bewirkt 
werden, die zu Leucom der Cornea, ja mehrfach zu Panoph- 
thalmitis und Phthisis bulbi führten. Auch bei uns in der 
Augenheilanstalt ist ein solcher Fall beobachtet worden, wn 
es zu Ulcus corneae und Leucombildung kam. Die trachom¬ 
zerstörende Wirkung des <equinty wurde dagegen oft ver¬ 
misst, so dass man angesichts der Gefährlichkeit desselben 
fast allgemein davon zurückkam. In einer sorgfältigen 
Studie von D a h 1 f e 1 d t *), iu welcher sich die ganze Lite- 

*) Iaang.-Diat. Dorpat 1885. 

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ratur und eine Zusammenstellung der zahlreichen durch Je- 
quirity verursachten Unglücksfälle findet, wird auf Grund 
der bisherigen Erfahrungen und einer Reibe von Kranken¬ 
geschichten der Schluss gezogen, dassdasjequirity nur indi- 
cirt sei in den Fällen von inveterirtem Trachom mit Pannus, 
wo die übliche Therapie erfolglos gewesen und die Seh¬ 
schärfe so weit herabgesetzt ist, dass die Pat. nicht mehr 
arbeitsfähig sind. Aber selbst diese so sehr beschränkte 
Indication wird durch die angeführten Krankengeschichten 
nicht gestützt, da in keinem der Fälle sich die Angabe findet, 
dass alle übrigen Mittel bereits erfolglos in Anwendung ge¬ 
zogen worden seien. In unserer Augenbeilanstalt wurden 
nach den ersten wenig ermuthigenden Fällen noch einige 
zur Jequiritybehandlung in Aussicht genommen, man stand 
aber von derselben ab, da die Besserung auch auf andere 
Mittel sich allmälig einstellte. Mag man aber auch noch eine 
Indication für das Jequirity festhalten, Bedeutung hat es nicht 
mehr, seit es sich erwiesen, dass die sichere radicale Hei¬ 
lung des Trachoms dadurch nicht zu erreichen ist. Wäre 
das der Fall, so liesse sich über die Gefährlichkeit, die Indi- 
cationen etc. noch discutiren. Die Thatsache aber, dass 
man zur raschen Beseitigung des Trachoms selbst vor den 
Gefahren einer acuten Blennorrhoe nicht zurückschreckte 
und bei Aussicht auf Erfolg auch nicht zurückscbrecken 
würde, möge Ihnen zum Beweise dienen, wie nothwendig uns 
ein solches trachomzerstörendes Mittel ist. 

Weiterhin sind die von Dr. S ch t sc h ep k i n vorge¬ 
schlagenen subconjunctivalen Injcctionen von 2 %iser Car- 
bolsäurelösung zu erwähnen, die eine specifische Wirkung 
gegen die Trachomkokken ausüben sollte. Diese durch ihre 
Schmerzhaftigkeit sich wenig empfehlende Methode hat nur 
wenig Anklang gefunden und es sind bereits Berichte über 
fast vollständig negative Resultate bei Anwendung derselben 
erschienen (E. S s e r e b r j a n n i k o w a. Wr. JM* 32. 1887). 

Weit mehr Erfolg als mR Medicamenten hat man bei den 
Versuchen gehabt auf operativem Wege das chrouische 
Trachom rascher zur Heilung zu bringen. Aber auch hier 
sind die Methoden noch unvollkommen, theils weil ihre An¬ 
wendung zu mühsam und zeitraubend ist, theils weil bei dem 
aut Entfernung des trachomatösen Gewebes abzielenden 
Verfahren zu viel gesundes Gewebe zerstört oder mitentfernt 
wird. Die meisten Methoden erreichen dies Ziel, die Ent¬ 
fernung des trachomatösen Gewebes auch nur in sehr unge¬ 
nügendem Grade- Natürlich lässt sich von keiner operati¬ 
ven Methode die Zerstörung aller Trachomkeime sicher er¬ 
warten; die folgende reactive Entzündung kann dieselbe 
bewirken, immer aber wird man auf Recidive gefasst sein 
müssen, die durch Medicamente zu bekämpfen sind oder bei 
Vernachlässigung ein erneutes operatives Vorgehen erforder¬ 
lich machen. Fordern muss man von einer guten operativen 
Methode die Entfernung aller oder doch der meisten sicht¬ 
baren Trachomfollikel. Sehen wir, wie weit die bisher üb¬ 
lichen Methoden dieser Forderung gerecht werden. 

Eine ganze Reihe von Methoden geht darauf aus, jeden 
Follikel einzeln zu zerstören. Beim einfachen Aufstechen 
jedes Follikels mit dem Messer wird das natürlich noch 
nicht erreicht; die nachfolgende Beizung mit dem Cuprum- 
stift kann aber viel energischer auf das Gewebe des Follikels 
einwirken und denselben rascher zum Schwinden bringen. 
Die Heilung wird durch dies combinirte Verfahren ent¬ 
schieden beschleunigt, wie ich aus Erfahrung behaupten 
kann; es erfordert aber bei einigermaassen stärker entwickel¬ 
tem Trachom ungeheuer viel Mühe und Zeit und muss in 
einer langen Reihe von Sitzungen wiederholt werden, da 
das hervortretende Blut die Fortsetzung der kleinen Opera¬ 
tion bald hindert. — Der grösste Mangel dieser Methode 
ist aber natürlich der, dass das kranke Gewebe nicht sofort 
entfernt wird. Das suchte man durch Auskratzen mit dem 
scharfen L'öfjel zu erreichen, erreichte es aber nur in höchst 
unvollkommener Weise. Das je weiter zur Uebergangs- 
falte hin um so lockerere subconjunctivale Gewebe lässt die 
Conjunctiva mit den Follikeln ausweichen und sich falten auf 


den Druck des Löffels, der somit keinen Widerstand findet 
und nicht wirken kann, wenn man nicht jeden einzelnen 
Follikel mit der Pincette fixiren und dann auskratzen will. 
Bei einer grösseren Menge von Follikeln liesse sich das aber 
wohl nicht durchführen, besonders da auch hierbei sehr bald 
das kleine Operationsfeld von Blut und Thränen überströmt 
wird, die das weitere Operiren unmöglich machen. Letzte¬ 
rer Umstand hindert auch das Auskratzen an der Conjunc¬ 
tiva tarsi, wo das festere subconjunctivale Gewebe die Follikel 
genügend für den Löffel fixirt. Zudem ist aber nicht hier, 
sondern an der Uebergangsfalte, im Conjunctivalsack der 
Hauptsitz der Trachomfollikel. Aus diesen Gründen ist das 
Auskratzen in der hiesigen Augenheilanstalt auch nur aus¬ 
nahmsweise bei besonders reichlichen und grossen Follikeln 
geübt worden. — Das geschieht aber jetzt auch nicht mehr, 
da wir gerade für diese grossen, reifen Follikel ein viel ein¬ 
facheres, zweckmässigeres Verfahren besitzen in dem Aus¬ 
drücken und Ausquetschen der Follikel mit der Pincette. 
Man benutzt dazu eine Pincette mit am Ende umgebogenen 
starken Branchen, mit denen der Follikel gefasst und zer¬ 
quetscht wird. Ist er gross und die ihn bedeckende Mem¬ 
bran dünn, so reisst die letztere schon bei mässigem Druck 
und der Inhalt entleert sich. Ist er dagegen kleiner, wenig 
erhaben, so bedarf es eines starken Druckes um ihn zu zer¬ 
quetschen, wobei das umgebende gesunde Gewebe natürlich 
mitgequetscht wird. Das giebt für eine bedeutendere An¬ 
zahl von Follikeln zusammen eine nicht unerhebliche Läsion 
des normalen Conjunctivalgewebes. Dazu kommt, dass der 
kleinere Follikel, prall elastisch, bedeckt von glatter Con¬ 
junctiva, schwer isolirt zu fassen ist, leicht den Branchen der 
Pincette entgleitet uud daher meist das Mitfassen eines grös¬ 
seren Theiles des umgebenden normalen Gewebes nöthig 
wird. Der grosse, reife Follikel ist leicht an seiner Basis 
zu fassen und durch leichtes Anziehen beim Drücken der 
Inhalt zugleich herauszudrücken und herauszustreifen. 
Allerdings nicht überall; auf der Conjunct. tarsi, in welcher 
er unbeweglich sitzt, gleitet die Pincette ab. Nur am obe¬ 
ren (resp. unteren) Rande des Tarsus des oberen (resp. un¬ 
teren) Lides lässt sich das Ausquetschen durch Fassen des 
ganzen Tarsus zwischen die Pincettenbranchen bewerkstel¬ 
ligen. Hier lässt sich dasselbe auch durch das weniger de- 
licate, aber viel einfachere und ebenso wirksame Ausquet¬ 
schen zwischen den Daumennägeln ersetzen, das aber natür¬ 
lich auch nur bei grossen reifen F'ollikeln Erfolg hat. — Be¬ 
denken wir nun, dass der Entwickelungszustand der Follikel 
bei demselben Kranken ein sehr verschiedener ist und dass 
unter der grossen Menge der Kranken nur relativ wenige 
zum Ausquetschen geeignete grosse, reife Follikel anfweisen, 
so ist es ersichtlich, dass auch dieses Verfahren einen nur 
sehr beschränkten Werth besitzt. — Eine viel grössere Be¬ 
deutung hat die galva?iocaustische Zerstörung der Follikel , 
die kürzlich von Reich 2 ) sehr warm empfohlen worden 
ist. Er beschränkte sich faBt nur auf Verbrennen jedes ein¬ 
zelnen Follikels mit dem Galvauocauter, dessen Ende nadel¬ 
förmig sein muss, um das gesunde Gewebe möglichst wenig 
zu verletzen. Ausgedehntere, flächen- oder streifenförmige 
Cauterisationen hält er auf der Conjunctiva tarsi für un¬ 
zulässig, da sie durch Narbenbildung leicht Entropium 
bewirken können; auf der Conjunctiva der Uebergangsfalte 
können sie mit Vorsicht in Anwendung kommen, da selbst 
bei stärkerer Narbenbildung in derselben die Gefahr für En¬ 
tropiumbildung nicht gross ist. Nach R e i c h ’s Erfahrung 
ist es vorzuzieben weniger Follikel in derselben Sitzung aus¬ 
zubrennen, diese aber öfter zu wiederholen; die entzündliche 
Reaction ist dabei eine unbedeutende, genügt aber doch, 
um auch in dem der cauterisirten Stelle benachbarten Ge- 


I ’) MeABgHBCEoe oöospiaie (Medicin. Rundschau) M18. 1887. 

S. dort auch die Literatur: 

Korn: Berl. klin. Wochenschrift. 1878. 

I Ünterharnscheidt: Klin. Itonatsbl. fUr Aug. 1883. 

I Fröhlich : Klin. Monatsbl. für Aug. 1884 und Archiv für Aug. 

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webe eine theilweise Resorption der Follikel hervorzarafen. 
Wie ans den mitiietheilten Krankengeschichten ersichtlich, 
erzielte Reich schon durch wenige Sitzungen sehr goto 
Resultate; eu ist aber sehr hervorzuheben, dass in allen sei¬ 
nen Fällen die Follikelbildung keine sehr reichliche war, be¬ 
sonders auf dem Tarsus nur wenige Follikel im Beginne der 
Entwickelung vorhanden waren. Es ist deshalb hervorzu¬ 
heben, weil ja ganz besonders diejenigen Fälle eine rasche 
Zerstörung des Trachoms dringend erfordern, in welchen 
eine sehr ttppige Bildung von Follikeln stattgefunden, die 
den grössten Theil der Conjunctiva der Uebergangsfalte und 
des Tarsus, oft in geschlossener Fläche, bedecken. Hier 
entsteht ernstliche Gefahr, wenn die Pat nicht oft, regel- 
mässig und lange zur Beizung kommen können oder die Ge¬ 
duld verlieren. Gerade in diesen Fällen aber lässt uns die 
galvanocaustische Behandlung im Stiche, da das Ausbren¬ 
nen so vieler einzelner Follikel, besonders auf der Conjunc¬ 
tiva tarsi, zu gefährlicher Narbenbildung führen kann, was 
natürlich bei flächen- oder strichförmiger Ausbrennung noch 
viel mehr der Fall sein muss. Zudem wird die im Interesse 
geringerer entzündlicher Reaction für jede Sitzung stattfin¬ 
dende Beschränkung auf Ausbrepnuug nicht zahlreicher Fol¬ 
likel eine lange Reihe von Sitzungen erforderlich machen, 
die an das Zutrauen, die Geduld und Willenskraft der Pat. , 
keine geringen Anforderungen stellt. Somit scheint die ent¬ 
schieden rationelle galvanocaustische Behandlung des Tra¬ 
choms auf die Fälle mit mässiger Follikelbildung besonders 
in der Uebergangsfalte beschränkt werden zu müssen, wo¬ 
durch ihre Bedeutung natürlich auch nur eine beschränkte 
wird. Sie wird es aber noch mehr, wenn man die prakti¬ 
schen Schwierigkeiten bedenkt, die sich derselben entgegen¬ 
stellen. In den grösseren Städten, in denen es Augenärzte 
und AugenheilanstalteD giebt, wird gewiss auch ein Galva- 
nocauter nicht fehlen, schwerlich aber können alle Land¬ 
ärzte und Nichtophthalmologen in den kleinen Städten 
sich diesen immerhin nicht billigen Apparat geschaffen. Es 
wäre aber besonders wichtig, dass gerade die Landärzte ein 
Mittel zur energischen Bekämpfung des chronischen Tra¬ 
choms im ersten Stadium besitzen, weil sie so häufig die An¬ 
fangsstadien desselben zu Gesichte bekommen und die regel¬ 
mässige Behandlung desselben mit Beizungen fast unmöglich 
ist; daher kommt es auch, dass wir so viele veraltete, ver¬ 
nachlässigte Fälle von Trachom vom Lande sehen. 

Andere Methoden suchten rascher vorzugehen, als das bei 
Zerstörung jedes einzelnen Follikels möglich ist. So wollte 
man durch oberflächliches Scarificiren in langen, zahlreichen 
Schnitten einen Theil der Follikel spalten und erwartete von 
der reactiven Entzündung die Resorption einer grossen 
Menge derselben. In der Tbat folgt auch Resorption, sie 
nt aber nicht bedeutend und es wird eine häufige Wiederho¬ 
lung des Verfahrens nöthig, ohne daBS es zu sicherer Zerstö¬ 
rung aller Follikel führt. Es ist überhaupt nur zulässig, wenn 
die Conjunctiva dicht mit Follikeln besetzt ist, weil anderen¬ 
falls die Schnitte unnütz iu’s normale Gewebe geführt werden, 
und ist darin ganz irrationell, dass der Follikelinbalt nicht 
entfernt oder zerstört wird < Ausserdem werden die Schnitte 
durch die Blutung bald ganz unsicher, so dass nicht viele 
möglich sind. Aber doch ist diese Methode früher in Er¬ 
mangelung einer besseren auch in unserer Augenheilanstalt 
bisweilen angewandt worden in Fällen von excessiver Folli¬ 
kelbildung. — In letzter Zeit, d. h. seit ein paar Jahren wurde 
in diesen Fällen die Excision eines oder mehrerer Streifen 
der Uebergangsfalte geübt. Dieselbe ist darin rationeller, 
dass ein grösserer Theil der Follikel entfernt wird und auch 
hier findet in Folge der reactiven Entzündung Resorption 
eines weiteren Tbeils der Follikel statt. Aber natürlich 
fällt dem Schnitt auch recht viel normales Gewebe zum 
Opfer, es lässt sich mit demselben nur ein relativ kleiner 
Theil der Follikel entfernen und die in der Conjunct. tarsi 
sitzenden werden ganz unbehelligt gelassen. Daher sind 
die Erfolge dieser Methode, wenn sie auch Besserung schafft, 
nicht bedeutende und nicht entsprechend den glänzenden 


Empfehlungen, die ihr gegeben wurden. Die Narbenbildung 
wird, da sie nur in der Uebergangsfalte stattfindet, nicht ge¬ 
fährlich, wenn die Excisionen nicht öfter wiederholt werden, 
was der grossen Menge restirender Follikel wegen eigentlich 
wohl geschehen müsste, zur Vermeidung gefährlicher Nar¬ 
benbildung aber zu unterlassen ist*). 

Aus dieser kurzen Uebersicht sehen Sie, m. H„ dass die 
Versuche auf medicamentösem Wege das chronische, folli- 
culäre Trachom rasch zu beseitigen fehlgeschlagen sind und 
dass von den bisherigen chirurgischen Methoden nur einige 
dies Ziel und auch diese nur zum Theil erreicht haben. Es 
ist daher verständlich, wenn man sich nach neuen Methoden 
umsieht, welche die Aufgabe besser lösen. Diese Aufgabe 
besteht darin: in möglichst kurzer Zeit möglichst viele 
Trachomfollikel zu zerstören oder zu entfernen , unter mög¬ 
lichster Schonung des normalen Gewebes. Ferner muss die 
Methode einfach , von jedem Arzte ohne besondere theuere 
Apparate ausführbar sein. Die Begründung der Aufgabe 
gebt aus dem bisher Gesagten hervor: physische oder mo¬ 
ralische Behinderung der Patienten häufiger zum Arzt zu 
kommen; Gefabrder Vernachlässigung des Trachoms; Furcht 
der Patienten vor Wiederholung auch kleiner Operationen ; 
Gefahren der Narbenbildung bei Zerstörung oder Entfernung 
normalen Gewebes; Schwierigkeit der grösseren Verbreitung 
theuerer Apparate.- 

Erlauben Sie, dass ich Sie jetzt mit meinem Verfahren 
bekannt mache, und sehen wir, in wie weit es den gestellten 
Anforderungen entspricht. 

Mein Verfahren besteht im Wesentlichen im Entfernender 
Trachomfollikel durch Herausbürsten derselben mittelst be¬ 
sonderer Metallpinsel. Ich lege Ihnen diese Pinsel zur An¬ 
sicht vor. Sie bestehen aus einem Metallstiel, von der ge¬ 
wöhnlichen Länge unserer Augenoperationsinstrumente, an 
dessen beiden Enden verschieden grosse Pinsel aus 4—7 Mm. 
langem, versilbertem und vernickeltem Kupferdraht ange¬ 
bracht sind. Die Vernickelung des zuerst zu den Pinseln 
benutzten gewöhnlichen feinen, versilberten Kupferdrahtes 
erwies sich als nothwendig um den Pinseln eine grössere 
Härte zu verleihen. Von barten Borsten für die Pinsel nahm 
ich Abstand im Interesse der Sauberkeit und Haltbarkeit. 
Die flache Form der Pinsel habe ich deshalb gewählt, um 
gleichmäßig, strichförmig beim Bürsten Vorgehen zn können 
und den Druck des Pinsels sicher mit der Hand reguliren 
zu können; man arbeitet auf der vorgestülpten Conjunctiva 
nicht auf einer ebenen Fläche, daher berühren die nicht in der 
Strichlinie liegenden Pinseltheile die Gonj. mit geringerem 
Druck und wirken nicht genügend; ausserdem können die¬ 
selben, wenn man nicht sehr aufmerksam ist, auch leicht die 
Cornea verletzen; und endlich kommt man mit einem solchen 
schmalen Pinsel auch besser in den Enden der Uebergangs¬ 
falte an, in welchen die Follikel sich besonders zahlreich 
finden. Die feinen, kleinen Pinsel sind zum Ausbürsten 
einzelner von Follikeln besetzter Partien, namentlich aber 
auch der Furche des Tarsus an der Lidkante da 4 ). — Mit 
diesen Metallpinseln oder -bürsten wird die mit Trachom¬ 
follikeln besetzte Conjunctiva rein gebürstet. Das geschieht 
in folgender Weise: Nach erfolgter Anästhesirung mit 2 %■ 
(besser 5 %iger) Cocainlösung, wird das zu bürstende Lid 
(der Blutung wegen zuerst das untere) umgeschlagen und 
die Uebergangsfalte möglichst freigelegt und angespannt, 
was durch leichten Druck mittelst der Kante des anderen 


*) In einer mir eben zugegangenen Arbeit berichtet Schneller 
Graefe’s Arch. XXXIII, 3, pag. 113) über vorzügliche Erfolge, 
Sie er mit Excisionen in allen Stadien des Trachoms bei 116 Kranken 


gehabt hat. Stärkere Narbenbildnng in Folge derselben wurde nicht 
beobachtet. Die von Michel^rch. f. Angenheilk. 16) neuerdings 
empfohlene Galvanocanstik bar er der starken Beizung wegen auf¬ 
gegeben. 

*) Die Pinsel sind angefertigt vom Instrumentenmacher Müller, 
Wladimirskaja 3, bei dem sie zu haben sind zu 1 Rbl. das Stück. 
Der Satz Pinsel besteht aus 4 Nummern von verschiedener Grösse, 
doch kann man zur Noth auch mit 2 Nummern auskommen 2 uni 
K3). 


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6 


Lides auf den Bulbus hinter der Uebergangsfalte bequem 
seitens des Assistenten zu bewerkstelligen ist, wodurch 
gleichzeitig auch die Cornea sicher geschützt wird. Natür¬ 
lich muss der Pat. sein Auge möglichst stark in die dem 
Lide entgegengesetzte Richtung einstellen. Nun wird 
der Pinsel senkrecht auf die Conjunctiva aufgesetzt, da¬ 
mit seine ganze Fläche wirkt und mit rasch auf einander 
folgenden Pinselstrichen wiederholt über die Conjunctiva 
hingefabren und zwar auf der Uebergangsfalte stets in 
derselben Richtung erst von dem einen, dann von dem 
anderen Canthus zur Mitte hin, weil man auf diese Weise 
den Pinsel ganz in die Ecke der Uebergangsfalte am Can¬ 
thus einsetzen kann, was wichtig ist, und weil ferner die 
Conj. so am besten angespannt wird. Auf dem Tarsus ist 
die Strichricbtung gleichgültig und kann hin und her ge¬ 
fahren werden. Der nicht ganz unbedeutenden Blutung 
wegen nimmt man am oberen Lide erst die Uebergangsfalte, 
am unteren erst den Tarsus vor, um nicht durch das Blut 
gestört zu werden, das jedoch bei beständigem Berieseln des 
kleinen Operationsfeldes (mit Sublimat 1:3000) meist wenig 
hinderlich wird. Der beim Bürsten auszuübende Druck ist 
etwas verschieden, je nach dem Stadium, in welchem sich 
die Follikel befinden; im Ganzen darf er nicht stark sein. 
Genau lässt sich das nicht angeben; das liegt in der Hand 
des Operateurs, der bei einiger Geschicklichkeit bald ber- 
ausfinden wird, wie stark er den Pinsel aufzudrücken bat, 
um nur die Follikel zu entfernen, ohne das gesunde Gewebe 
zu verletzen. Die Gefahr für letzteres ist übrigens bei der 
geringen Härte des Pinsels sehr gering und dürfte wohl eine 
recht bedeutende Kraft und grosse Ungeschicklichkeit nöthig 
sein, um einzelne kleine Fetzen der Conjunctiva loszureissen. 
Mir ist es trotz mancher Versuche mit viel härteren Pinseln, 
aus dickerem Draht, nie passirt. Die Gefahr lässt sich 
übrigens wohl durch noch genauere Feststellung des nöthi- 
gen Härtegrades des Pinsels auf ein Minimum reduciren. 

Durch das auf diese Weise ausgeführte Bürsten gelingt 
es nun in kürzester Zeit, in einigen Minuten, die ganze Con¬ 
junctiva von den über ihre Oberfläche hervorragenden, sicht¬ 
baren Follikeln zu befreien, indem man alle mit denselben 
besetzten Partien der Reihe nach vornimmt und sich nach 
dem Bürsten jeder Stelle nach Abtupfen deB Blutes genau 
davon überzeugt, dass nichts zurückgeblieben ist. Schon 
wenige Striche genügen, um die Follikel grösstentheils an 
einer Stelle zu entfernen und nur ihre ungleiche Grösse und 
die Unebenheit der Oberfläche der Conjunctiva geben die 
Veranlassung, dass einzelne kleinere und in Furchen und 
Falten versteckte Follikel nachträglich noch zu entfernen sind. 

Ueber den Mechanismus der Wirkung der Operation 
brauche ich wohl kaum zu reden, da er leicht ersichtlich 
ist. Der über die Conjunctiva hinfahrende Pinsel zerreisst 
die Epitheldecke der Follikel und zwar um so leichter je 
dünner dieselbe und je mehr der Follikel vorragt. Das wei¬ 
tere Hinüberfahren des Pinsels befördert das weiche Gewebe 
desselben rasch heraus. Die normale Conjunctiva erhält 
natürlich auch eine Menge ganz oberflächlicher und daher 
bedeutungsloser Kratzwunden; eine Zerreissung oder Zer¬ 
störung des Gewebes findet nirgends statt. 

Recht störend ist mir mehrfach die trotz des Cocains nicht 
unbedeutende Schmerzhaftigkeit der Operation gewesen, die 
durch die Unruhe des Patienten Veranlassung zu rascher 
Beendigung gab, wobei natürlich die Sorgfalt und Gründ¬ 
lichkeit der Reinigung leiden musste. Es mag das darauf 
beruhen, dass ich meist2%tige Cocainlösung benutzte, und 
wende ich daher jetzt &%tige an. Ich hebe es hervor um 
aut recht gründliches Anästhesiren der Conjunctiva aufmerk¬ 
sam zu machen. 

Sehr bald nach der Operation hört die während derselben 
nicht ganz unbedeutende Blutung auf; ebenso schwindet der 
Schmerz in wenigen Minuten und es bleibt nur für einige 
Stunden ein recht starkes Brennen, das durch kühle Com- 
pressen leicht zu lindern ist. Dass es nicht bedeutend ist, 
geht schon daraus hervor, dass ich fast alle meine Patienten 


ambulatorisch behandelte und die meisten schon nach V*—1 
Stunde ein weiteres Fortsetzen der Compressen nicht nöthig 
fanden und nach Hause gingen. Die Conjunctiva siebt 
gleich nach der Operation an den gebürsteten Stellen raub 
aus und es folgt rasch leichte ödematöse Schwellung. Die 
weitere reactive Entzündung derselben ist nicht bedeutend 
hält aber mehrere Tage und länger an, je nach der Stärke 
und Ausdehnung des operativen Eingriffes. Ihre Wirkung 
ist natürlich eine sehr günstige, da sie die weitere Resorp¬ 
tion zurückgebliebener sichtbarer oder noch im Gewebe 
versteckter Follikel wesentlich befördert 

Diese allgemeinen Regeln für das Verfahren des Heraus- 
bürsteus der Trachomfollikel, sowie die Beobachtungen über 
den Operationsverlauf und das Verhalten der Augen gleich 
nach der Operation, habe ich einer ganzen Reihe von 
Trachomfällen entnommen, an denen ich im Laufe der letz¬ 
ten drei Monate meine Versuche anstellte und die Methode 
ausbildete. Die Mittheilung der einzelnen Fälle kann kaum 
von Interesse sein, ich will daher summarisch über die Er¬ 
folge in den drei Stadien des Trachoms berichten, da der 
Erfolg und damit die Indication für die Anwendung der Me¬ 
thode vom Stadium des Trachoms abhängt. 

Reine Fälle des ersten Stadiums mit Follikelbildung ohne 
Infiltration der übrigen Conjunctiva habe ich nur wenige in 
dieser Weise behandelt, einerseits weil dieselben der gerin¬ 
gen Beschwerden wegen, die sie verursachen, sich seltener 
in der Ambulanz zeigen, andererseits weil unter diesen nur 
die mit reichlicherer Follikelbildung ausgewählt wurden, und 
auch vou diesen letzteren nicht alle auf eine energischere 
Behandlung eingehen wollten, trotzdem, dass ich bei der be¬ 
kannten Furcht vor Operationen stets nur «eine starke Bei¬ 
zung» Vorschläge. Das Herausbürsten der Follikel gelang 
in diesem ersten Stadium leicht, nur schien die Conjunctiva 
empfindlicher als in den späteren Stadien (vielleicht weil es 
sich um jugendliche Patienten handelte) und es blieben der 
Unruhe der Patienten wegen mehrfach einzelne Follikel 
nach; besondere Aufmerksamkeit ist den ganz kleinen Fol¬ 
likeln in der Tarsalfurche am Lidrande zu schenken, da sie 
leicht zu übersehen sind und auch von mir in der ersten Zeit 
bisweilen übersehen wurden. Die Blutung bei der Operation 
war gering. Am folgenden Tage waren die Augen voll¬ 
kommen schmerzlos, obgleich die Conjunctiva mässige reac¬ 
tive entzündliche Schwellung zeigte. Diese dauerte ein paar 
Tage und fiel dann ab ohne Beschwerden gemacht zu haben. 
Gleich nach der Operation wurden Sublimatcompressen an¬ 
geordnet und mehrere Tage fortgebraucht; später wurden 
dieselben durch Zinktropfen ersetzt und, wenn einzelne Fol¬ 
likel nachgeblieben waren, auch noch ein Mal wöchentlich 
mit Cuprum gebeizt. Dabei schwand der Rest allmälig und 
die Conjunctiva erschien später vollständig normal, ohne die 
geringste Spur einer Narbenbildung. Auf eine Wiederho¬ 
lung der Operation bei restirenden Follikeln gingen die Pa¬ 
tienten beim Mangel jeder Beschwerde nie ein; ich bestand 
auch nicht sehr darauf, da die medicamentöse Behandlung 
mit dem Rest leicht fertig werden konnte. Bei Bestehen 
acuterer Nachschübe von Follikelbildung mit stärkerem Reiz¬ 
zustande und reichlicher Secretion habe ich stets mit der 
Operation gewartet, bis dieselben unter Sublimatcompressen 
und leichten Lapisbeizungen vorübergingen. 

Die bei weitem grösste Mehrzahl meiner Fälle befand sich 
im Uebergang aus dem ersten in’s zweite Stadium, mit 
grösstentheils voll entwickelten Trachomkörnern, die bis¬ 
weilen in beginnendem Zerfall begriffen waren, mit mehr 
oder weniger starker diffuser sulziger Infiltration der Con¬ 
junctiva und in einigen Fällen mit Keratitis pannosa. Der 
Grund dafür ist natürlich der Beginn stärkerer Beschwerden, 
der die Patienten zum Arzt führt. — Hier gelang das Her¬ 
ausbürsten noch leichter, da die grossen Follikel dem Pinsel 
viel geringeren Widerstand entgegensetzen und leichter mit 
demselben zu fassen sind, als die kleinen. Die Blutung 
schien aber stärker und war sorgfältiges Berieseln und Ab- 
tupien nöthig um nichts zurückzulassen. Natürlich bleibt 

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die Infiltration der 0 »i : nctiva unverändert. Meist folgten 
nnr unbedeutende Reiz rscheinungen, in einigen Fällen je- 
■doch musste ein paar Tage lang Atropin gebraucht werden 
um die schlimmer gewordene Keratitis zu beseitigen; sonst 
Sublimatcompres8en. Die entzündliche Schwellung der 
Conjunctiva war auch hier nicht bedeutend. Die subjective 
Besserung trat dagegen viel deutlicher hervor. Schon in 
den nächsten Tagen gaben alle Patienten (mit Ausnahme 
der wenigen an stärkeren Reizeracheinangen leidenden) an, 
dass sie eine wesentliche Erleichterung spürten, und bald 
fühlten sie sich vollständig hergestellt, so dass sie zum wei¬ 
teren Besuch der Ambulanz, der mir zur Beobachtung wich¬ 
tig war, überredet werden mussten. Ich Hess sie Zink¬ 
tropfen brauchen und beizte ca. 1 Mal wöchentlich, was ich, 
wenn es angeht, in Rücksicht auf einzelne zurückgebliebene 
Follikel und die Infiltration der Conjunctiva für wünschens- 
werth halte. Aber wahrscheinlich würde man hier auch 
.mit Cuprum- oder Zinktropfen allein auskommen. Je nach¬ 
dem, wie weit das Trachom bereits ins zweite Stadium ge¬ 
treten war, fand allmälig mehr oder weniger Btarke Narben¬ 
bildung statt, die mir dem Grade der Trachomentwickelung 
entsprechend schien. Dass aber überhaupt im Laufe der 
nächsten Wochen und Monate Narbenbilduug stattfindet, 
beweist, dass der Process durch den operativen Eingriff 
rasch seinem Ende zugeführt worden ist. Die Keratitis 
pannosa besserte sich nach vorübergehender stärkerer Reizung 
bald; ich habe es jedoch vermieden bei stärkerer Keratitis 
zu operiren. 

In weiter vorgeschrittenem zweiten Stadium oder im 
Beginn des dritten habe ich ebenfalls nur wenige Fälle ope- 
rirt. Es erwies sich bald, dass bei weiter vorgeschrittenem 
Zerfall der Follikel und stärkerer sulziger Infiltration sich 
nur wenig mehr fortbüraten lässt, so dass der Gewinn ein 
geringer, die Reizung dagegen eine bei der fast stets vor¬ 
handenen Keratitis pannosa stärkere ist. Bindegewebig ge¬ 
schrumpfte, harte Follikel, wie sie in diesen Stadien öfter 
zu finden, widerstanden dem weicheren Pinsel, während der 
härtere bei stärkerem Druck dieselben nebst dem umgeben- 
denGewebe entfernte. Dadurch ist aber derNarbenschrum- 
pfung wohl noch Vorschub geleistet worden. 

Aus diesen Erfolgen und Erfahrungen ergeben sich die 
Indicationen für Anwendung meiner Methode ganz klar. 
Sie ist indicirt im ersten Stadium des folliculären, chroni¬ 
schen Trachoms, im Stadium der Follikelbildung, sobald die 
Follikel deutlich über die Conjunctiva hervorragen. Beson¬ 
ders eignet sie sich mehr als jede andere operative Methode 
für Fälle mit sehr reichlicher Follikelbildung in der ganzen 
Conjunctiva. Sind nur einzelne zerstreute Follikel vor¬ 
handen, so scheint es mir noch zweckmässiger dieselben 
galv&nocaustisch zu entfernen. Acute Entzündung der Con¬ 
junctiva muss abgewartet werden. In gleicher Weise ist 
sie indicirt beim Uebergang des ersten in’s zweite und im 
zweiten Stadium, solange die Follikel noch nicht ganz zer¬ 
fallen sind. Ist das der Fall und ist es in Folge der sulzi- 
gen Infiltration zur Bildung dicker, fester Falten gekommen, 
so wird man besser partielle Ezcisionen derselben vorneh¬ 
men. Reizloser Pannus oder unbedeutende Keratitis pan¬ 
nosa bilden keine Cootraindication, nur muss bisweilen Atro¬ 
pin nach der Operation gebraucht werden und lässt sich die¬ 
selbe nicht so gut ambulatorisch machen. Ob mau bei sta¬ 
tionärer Behandlung auch stärkere Keratitis pannosa und 
Ulceration der Cornea nicht zu scheuen braucht, kann ich 
noch nicht sagen. 

Aus diesen vorsichtig gestellten Indicationen sehen Sie, 
m. H., dass ich meiner Methode durchaus kein zu weites 
Feld zu gewinnen suche. Es ist auch ohnedem gross genug. 
Ich brauche nur darauf hinzuweisen, dass im Ambulatorium 
der hiesigen Augenheilanstalt sich jährlich etwa 600 
Kranke*) mit Trachom im ersten und zweiten Stadium vor- 


‘) 

1887 


Mittheilungen aus der St. Petersburger Angenbeilanstalt. Hft. 5, 
, pag. 4, von Dr. Th. Germann. 


stellig machen. Bei dem grösster Theil derselben wird 
diese Methode gute Dienste leisten und hilft einem längst 
empfundenen Nothstand ab. Noch grösser wird natürlich 
ihr Nutzen sein, sobald sie sich allgemein verbreitet und 
besonders auf dem Lande sich einbürgert. Ich gehe wohl 
nicht fehl, wenn ich annehme, dass der grösste Theil der 
8—900 Kranken, die sich jährlich in der Augenheilanstalt 
mit abgelaufenem Trachom und dessen nur zu bekannten 
Folgen vorstellen, Bauern sind, die eben nie die Möglichkeit 
einer regelmässigen langdauernden Behandlung gehabt ha¬ 
ben. Dabei ist hier das Trachom noch nicht einmal beson¬ 
ders stark verbreitet; wir finden es nur in gegen 7% aller 
pathologischen Befunde, während es in Mitau 8 %, in Riga 
14% und in Dorpat sogar 18% bildet. 

Wenn ich die Indicationen für die Anwendung meiner 
Methode bereits aufgestellt habe, so muss ich mir doch Vor¬ 
behalten dieselben bei weiteren Versuchen und Beobach¬ 
tungen genauer zu präcisiren. Ich gebiete erat über eine Er¬ 
fahrung von drei Monaten und kann daher über Manches 
noch nicht ganz sicher urtheilen. Namentlich über etwaige 
Recidive weiss ich nur zu sagen, dass sie bisher uicht zu 
bemerken gewesen. Allerdings lässt sich von einer opera¬ 
tiven Behandlung des Trachoms nie erwarten, dass sie Re¬ 
cidive verhindert, dieselben dürfen aber nicht so häufig auf 
treten, dass der Werth der Operation ernstlich darunter lei¬ 
det. Auch die Entwickelung meiner Methode muss ich mir 
noch Vorbehalten; es wird sich gewiss durch Aenderung der 
Instrumente und zweckmässigere Anwendung Manches in 
derselben bessern lassen. Aber Eines glaube ich sehen Sie 
auch jetzt schon au3 der Art der Methode und den bereits 
erzielten Resultaten, dass dies Verfahren den oben gestellten 
Auforderungen an eine gute operative Methode der Behand¬ 
lung des Trachoms entspricht: möglichst viele Follikel in 
möglichst kurzer Zeit zu entfernen, unter möglichster Scho¬ 
nung des gesunden Gewebes, ohne Anwendung theuerer oder 
complicirter Instrumente. 

Zum Schluss noch die Bemerkung, dass ich nachträglich 
erfahren habe, das Abreiben des Trachoms mittelst eines 
Stückes Zucker sei ein altbekanntes und bewährtes Volks¬ 
mittel bei den Esten. Um so besser für meine Methode 
wenn sie auf einem der alten Volksmittel hasirt, die in der 
Medicin nicht selten dem forschenden Arzte den richtigen 
Weg gewiesen haben. 


Referate. 


Hans Eppinger (Graz): Pathogenesis (Histogenesis 
und Aetiologie) der Aneurysmen, einschliesslich des 
Aneurysma equi verminosum. Pathologisch-anatomi¬ 
sche Studie. (Langenbeck’s Arch. XXXV, Supplement. 
563 pag. 9 Tafeln). 

Verf. definirt das Aneurysma als eine streng umschriebene Aus¬ 
buchtung des Arterienlumens, die sich durch deutliche Grenzen von 
dem Übrigen Arterienlumen abbebt, wobei die Wandungen der Aus¬ 
buchtung continuirlich in die der Arterie übergehen, unbeschadet 
des Umstandes, dass im Bereiche der enteren gewisse Schichten 
(constant die Elastica) verloren gegangen sind. Von der bisher 
meist angenommenen Classification der Aneurysmen nach 0. W e b e r 
werden durch diese Definition ausgeschieden: 1) die verschiedenen 
Arteriectasien (Aneurysma fusiforme, cylindroides, cinoideum); 
2) das Aneurysma dissecans; 3) die sogenannten falschen Aneurys¬ 
men, richtiger arteriellen Haematome, und 4) die arteriell-venüsen 
Aneurysmen (Varix aneurysmaticus und An. varicosum). Unter 
den vom Verf. als solche anerkannten Aneurysmen unterscheidet er 
je nach der Entstehungsursache: 1) das congenitale, 2) das parasi¬ 
täre und 3) das traumatische Aneurysma, letsteres von ihm zur 
Vermeidung von Verwechselungen Aneurysma Simplex genannt. 

Das congenitale Aneurysma ist eine stets multipele Veränderung 
kleinerer oder höchstens mittlerer Arterien (etwa bis zum Caliber 
der Art. lienalis), welche von früheren Autoren theils als Periarteri- 
tis nodosa (K u s s m a u 1 und Maier), theils als multipele Aneu¬ 
rysmen der mittleren und kleineren Arterien (P. Meyer) beschrie¬ 
ben worden ist. Die einfachste Form eines solchen Aneurysma be¬ 
steht darin, dass an einer streng umschriebenen Stelle der Arterien¬ 
wand, und zwar ungewöhnlich häufig entsprechend der Abgangs¬ 
stelle eines Seitenastes, sich eine vollständige Unterbrechung der 
Elastica mit oonsecutiver Ausbuchtung der übrigen Wandschichten 
voifiudet, wobei in sämmtlichen Gerasshäuten, sowohl im Bereich. 


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8 


des Anevu^W, als auch der angrenzenden normalen Gefässpartien, 
irgend welche («amentlicl: entzündliche oder lnetische) Veränderun¬ 
gen vermisst werden. Wo solche in späteren Stadien beobachtet 
werden, sind dieselben lediglich secnndärer Natur nnd bestehen in 
raschem Schwunde der Muscnlaris im Bereich des aneurysmatischen 
Sackes und in durch gewisse Proliferationsvorgänge bedingten Ver¬ 
dickungen der Adventitia und namentlich der Intima. Die Höhlung 
der Aneurysmen ist häufig durch Thromben ausgefüllt. Als Ent- 
stehungsursachen dieser Bildungen sieht Verf., bei dem Mangel 
jeglichen anderen ätiologischen Momentes, eine congenitale Schwäche 
resp. Defectbildung der Elastica an und weist zur Bestimmung dieser 
Hypothese hin 1) auf das meist jugendliche Alter der Patienten ; 

2) auf den einfachen Bau der Tnnica elastica in den betroffenen 
kleineren Gefässen und die fast völlige Selbständigkeit derselben 
▼on den übrigen Aeterienwandschichten; 3) auf den Umstand, dass 
besonders häufig die Xheilungsstellen der Arterien, an welchen schon 
normaliter eine Verdünnung der Elastica constatirt werden kann, 
Sitz solcher Aneurysmen sind; 4) auf die in allen bekannten Fällen 
beobachtete ausserordentliche Multiplicität der Erkrankung; schliess¬ 
lich 5) auf die auch sonst vielfach beglaubigte Möglichkeit des Vor¬ 
kommens von angeborener Dünne der Gefässwände. 

In einer weiteren Gruppe von Aneurysmen ist die typische Zer¬ 
störung eines Tbeiles der Arterienwand durch entzündliche Vorgänge 
bedingt und diese wiederum durch die Ansiedelung von Parasiten 
hervorgerufen. Hierher gehören die annäherungsweise schon von 
P o n f i c k beschriebenen, aber anders aufgefassten mykotisch-embo- 
lischen Aneurysmen, die Arrosionsaneurysmen der Lungenarterien 
bei chronischer Lungentuberculose und die Wurmaneurysmen der 
Mesenterialarterien des Pferdes. Zusammen bilden dieselben die 
Gruppe der parasitären Aneurysmen. 

Die tnykotisch-cmdoliscken Aneurysmen lassen sich zurückfüh¬ 
ren auf Embolien des Aortensystems bei mykotischer Endocarditis. 
Die infectiösen Emboli bleiben wiederum am häufigsten an den 
Theilung88tellen der Arterien stecken und verursachen hier zunächst 
Thrombose und im weiteren Verlauf eine acute, exsudativ entzünd¬ 
liche Veränderung der Arterienwand, die von der Adventitia aus¬ 
geht (Periarteritis acuta), nach innen gegen die Intima fortschreitet 
und zur Zerstörung der Gewebselemente der Media (Mesarteritis 
acuta), zur Berstung der Elastica und der Intima führt. Wird die 
Elastica nicht in ganzer Dicke durchbrochen, so bildet sich ein 
Arteriengeschwür; im anderen Falle wird der restirende Theil der 
Arterienwand durch den normalen Blutdruck ausgebuchtet, und es 
entsteht ein Aneurysma. Gleichzeitig kann es zu Blutungen in die 
Umgebung der Arterie oder in die Schichten der Adventitia kommen. 
Aehnlich den congenitalen Aneurysmen, sind die mykotisch-emboli- 
schen gekennzeichnet durch ihre Multiplicität, sitzen mit Vorliebe 
an den Theilungsstellen der Arterien und sind meist klein, sogen, 
miliäre Aneurysmen; können aber durch Becrudescenz der entzünd¬ 
lichen Processe und fortschreitende Ausbuchtung allmälig grösser 
werden. Die Wandung derselben besteht aus der Adventitia und 
event. einem Theile der Media muscnlaris, die nicht selten nach 
innen von dem mykotisch-embolischen Thrombus ausgekleidet ist. 
In frischen Fällen bieten namentlich die Ränder der EingangsöfF- 
nung unverkennbare Anzeichen der causalen Peri- und Mesarteritis 
acuta dar. Später zeigen sich Folgeveränderungen und Ablaufs¬ 
erscheinungen in Form von Pigmentinfiltration, hyaliner Degenera- 
tim und Narbenbildung. In letzteren Fällen kann der mykotisch- 
embolische Thrombus verschwunden oder bis zur Unkenntlichkeit 
degenerirt sein, wodurch dann im concreten Falle der Nachweis der 
parasitären Ursache des Aneurysmas unmöglich werden kann. 

Vollkommene Analoga zu den eben beschriebenen Aneurysmen 
des Menschen bilden die sog. Wurmaneurysmen der Pferde. Die 
vorhandenen Unterschiede erklären sich durch die relativ colossale 
Grösse der ursächlichen Parasiten fStrongylus armatus) und durch 
den complicirten Bau der Media der Mesenterialarterien beim Pferde. 

Das Arrosionsaneurysma (Aneurysma herniosum der Autoren) 
kommt an Aesten der Lungenarterien durch Infection ihrer Wan¬ 
dungen mit Tuberkelbacillen zu Stande. Dieselbe bewirkt zunächst 
Intimawucherung und Bildung von Granulationsgewebe in der Adven¬ 
titia und Media. In dem Maasse, als die Arterie dann durch weitere 
Ausbreitung der Caverne entblösst wird, tritt hyaline Degeneration, 
Verkäsung und Abschilferung ihrer Wandung ein, was in den mei¬ 
sten Fällen nach vorgängiger Obliteration des Lumens zu vollstän¬ 
diger Unterbrechung der Continuität des erkrankten Asterienastes 
führt. Ausnahmsweise indessen bleibt derselbe für eine hinreichend 
starkeBlutsänle durchgängig, so dass die inzwischen ebenfalls hyali- 
nisirte und durch allmälige Abschilferung wieder verdünnte Intima 
durch den Blutdruck zu einem aneurysmatischen Sacke ausgebuch¬ 
tet wird, der unter Umständen sogar platzen und zu tödtlichen Blu¬ 
tungen führen kann. 

Das Aneurysma simplex (traumaticum) des Verfassers ist iden¬ 
tisch mit dem von Pathologen und Anatomen am häufigsten beschrie¬ 
benen und auch in chirurgischer Beziehung besonders wichtigen 
Aneurysma vulgare, spontaneum, verum etc. der Autoren. Der Her¬ 
gang seiner Entstehung ist folgender. Durch schwere traumati¬ 
sche Einflüsse auf den menschlichen Körper können Risse der Inneu¬ 
häute einer oder mehrerer, vollständig gesunder oder auch erkrank¬ 
ter (in specie rigider) Arterien entstehen; doch ist letzterer Umstand 
nicht von ausschlaggebender Bedeutung, da solche Einrisse sich 
knapp neben den sclerotiächen Verdickungen an gesunden Partien 


der Gefässwand vorfinden können. Je nach dem concreten Falle 
dringt nnn ein solcher Riss entweder bloss dnrch die Intima, oder 
auch dnrch die Elastica und selbst dnrch die Media und Elastica 
externa bis zur Adventitia, ohne dass derselbe übrigens in seiner 
ganzen Ausdehnung gleich tief zn sein pflegt. Wo derselbe bis aur 
Adventitia vordringt, kann dae circulirende Blut sich zwischen 
diese nnd die inneren Arterienwandschichten einwühlen, wodurch 
ein intTamurales Haematom, gewöhnlich Aneurysma dissecans ge¬ 
nannt, entsteht. Als Aneurysma im Sinne des Verf.’s ist indessen 
ein solches nicht anzuerkennen, weil es nur einen mit Blut gefüllten 
Spalt zwischen den Arterienwandschichten und keinen für sich con- 
tinnirlich abgeschlossenen Sack darstellt. In anderen Fällen weichen 
die Enden des Elasticarisses nur etwas auseinander, ohne sich von 
der Adventitia abzulösen nnd im Verlaufe der Vernarbung über¬ 
häutet sich dieser Defect mit einer dnrch Wucherung der Endothel¬ 
zellen von Seiten der Rissränder neugebildeten Innenschicht, deren 
im frischen Zustande zellige Beschaffenheit, allmälig zeilig-faserig 
und zuletzt ganz faserig wird. Der so ausgekleidete Spalt stellt 
ein angehendes Aneurysma dar. Im Laufe der Zeit kann dasselbe 
durch den Blutdruck zu immer beträchtlicheren Dimensionen aus¬ 
gedehnt werden; die Eingangsöffnung nimmt bald eine mehr regel¬ 
mässige rundliche Form an; es können zwei benachbarte kleine 
Aneurysmen zn einem grösseren Zusammenflüssen, wo sich dann in 
der Wandung des letzteren Reste der Elastica constatiren lassen; 
immer aber erscheinen an der Eingangsöffnnng die Media nnd sämmt- 
liches elastische Gewebe abgesetzt, während die Adventitia sich 
coutinuirlmh in die Aneurysmen wand fortsetzt and nach innen von 
der rings um die Eingangsöffnnng mit dem Endothel der Intima 
zusammenhängenden neugebildeten Innenschiebt ansgekleidet ist. 
Als zufällige Combinationen können dann noch in den Endabsohnit- 
ten der zerrissenen Arterieuwandscbichten am Eingänge des Aneu¬ 
rysma chronisch-entzündliche Veränderungen sich entwickeln; für 
die Pathogenese dieser Aneurysmen haben dieselben aber keine 
Bedeutung. 

Anhangsweise bespricht Verfasser noch die sogen, miliären Aneu¬ 
rysmen der Gehirn arterien, soweit dieselben nicht etwa in die Kate¬ 
gorien der congenitalen und der mykotisch-embolischen Aneurysmen 
gehören. Diese fast in jedem apopl ec tischen Gehirne unzutreffen¬ 
den Gebilde sind entweder 1) mehr oder weniger strenge umschrie¬ 
bene Blntherde in den Lymphscheiden zwischen Media nnd Adven¬ 
titia, also sogen. Aneurysmata dissecantia, oder richtiger intra¬ 
murale Haematome; oder 2) solide Anschwel langen oder Verdickun¬ 
gen circumscripter obturirter Abschnitte der Lymphr&ume, zumeist 
au den Theilungsstellen, aber auch längs der Gefässstämmchen; 
oder endlich dieselben entstehen 3) durch Umwandlung der Lymph- 
räume, sowohl um die Capillaren als auch um grössere Gefässchen 
herum ; in verdickte, homogen-streifige, starre Säume oder in ebenso 
geformte, aber dem Schleimgewebe ähnliche solide Massen. Alle 
diese Gebilde sind eben keine Aneurysmen. G. 

Hochham: Zur Würdigung des therapeutischen Werthes 
der Strophanthustinetur. (S.-A. Dent. med. Wochenschr. 
1887. MM 42 u. 43). 

Verf. hat im städtischen allgemeinen Krankenbaase in Friedrichs¬ 
hain an 60 Fällen (5 Gesunden, 10 incompensirten Herzfehlern, 18 
chronischen Degenerationen des Herzmuskels ohne Klappenerkran¬ 
kung, 19 Nierenerkrankungen, 8 anderen Affectionen des Herzens) 
mit der Tinctura Stropbantbi behandelt und kommt zu folgenden 
Schlüssen: 

1) Bei Herzklappenfehlern im Stadium der Com- 
p e n s a t i o n ist in gewissen Fällen die Tinctur im Stande die Herz¬ 
action zu verlangsamen, zu kräftigen und zu reguliren, letzteres 
tritt später als ersteres ein. Es wirkte aber Strophanthus durchaus 
nicht immer sicher, etwa nur in der Hälfte der Fälle, dann half 
Digitalis; bei Versagen der Digitaliswirknng wnrde dnrch Strophan¬ 
thus kein Effect erzielt und ist die specielle Indicationsstellung für 
Strophanthus noch eine viel unsicherere, als die für Digitalis; letztere 
begünstigt mehr die Diurese, erstere mehr die Respiration. 

2) Bei chronischen Degenerationen des Herzmus¬ 
kels mit meist kleinem, häufigem, unregelmässigem Pulse, starker 
Atbemnoth und Oedemen wirkt das Mittel recht zuverlässig, am 
nachhaltigsten und schnellsten wird die Dyspnoe beseitigt, später 
erst der Pols kräftiger und regelmässiger. 

3) Bei acuten und chronischen Nierenentzündun¬ 
gen wirkt Strophanthus weniger gut als bei Herzkrankheiten. 

4) HerzpalpitationenundDyspnoe auf nervöser Basis er¬ 
fahren durch Strophanthus öfters leidliche Besserung. 

5) Oedeme auf kachektiscberBasis werden gleichfalls 
günstig beeinflusst. 

6) Nebenwirkungen hat das Mittel znweilen auf den Ver- 
dauungstractus, Widerwillen nnd Ekel gegen dasselbe, bei länge¬ 
rem Gebrauch Würgen, Erbrechen, znweilen Durchfall, meist aber 
gewöhnt sieb der Magen an das Mittel, welches weiter gegeben 
werden kann. 

7) Die Darreichung muss mit 3x6 Tropfen auf 1 Esslöffel 
Wein oder Wasser, wenn nöthig, mit einem Corrigens beginnen nnd 
steigt dann täglich um 2 Tropfen bis zur Wirkung; die letzte Do¬ 
sis wird einige Tage fortgebraucht; Maximaldosis 3X20 Tropfen 
täglich. Bei Kindern beginnt man mit 3x3 und steigt nicht 
über 3x5. 


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8) Die Wirkung tritt gewöhnlich am 2.-3. Tage ein, hält meist 
1—2 Wochen an, doch ist das Verhalten in dieser Beziehung sehr 
sehwankend; Cunaulation ist nie bemerkt worden. 

9) Strophanthus ist als zeitweiliger Vertreter und Bundesgenosse 

der Digitalis sehr brauchbar. Hz. 

C s a t & r y: Ueber die Wirkung des Strophanthus hispidus. 

(Orvosi Hetilap 1887, 36 u. 38). 

Verf. zieht die Tinctnr dem gleich stark wirkenden Infus der 
grösseren Bequemlichkeit wegen vor und hat sie in 20 Fällen mit nie 
ausbleibender Wirkung 1 gebraucht; die Dyspnoe und die stenocardi- 
schen Anfälle wurden bald abgeschwächt oder gänzlich gehoben; 
die Diurese war sehr reichlich und wird vom Verf. auf gesteigerten 
Blutdruck zurückgeföhrt; die Harnabsonderuug wird durch Strophan¬ 
thus nicht vermehrt. Auffallend war der grosse Gewichtsverlust 
(täglich 1 Kilo) bei seinen Kranken, der in keinem Verhältnisse zu 
der Nahrungsaufnahme und der Ex- und Secretion stand. Bei fort¬ 
währender Dyspnoe und grösseren Oedemen ist es praktisch 5 Tropfen 
der Tinctur 3stttndlich zu geben, gegen die paroxysmalen Dyspnoe¬ 
anfälle aber 10 Tropfen vor dem Beginne des Anfalls. Als Neben¬ 
wirkung wurde 3 Mal Brechreiz, 2 Mal Kopfschmerz und 1 Mal 
Harndrang beobachtet, schädliche oder cumulative Wirkung wurde 
nicht gesehen. (Therap.Monatsb.il). Hz. 

Zerner und Löw: Ueber den therapeutischen Werth 
der Präparate von Strophanthus Kombfi. (Wien. med. W. 
1887, JS&M36—40). 

Strophanthus bewirkt innerhalb*kurzer Zeit schnellere und kräfti¬ 
gere Systole, länger dauernde Diastole des Herzens ohne dabei die 
Gefässe zu contrahiren, die gesunde Niere wird dabei nicht beein¬ 
flusst, die Diurese steigt nur insoweit der Blutdruck erhöht wird. 
Das Mittel wird mit Erfolg gegeben: 1) Bei allen Arten von Er¬ 
krankungen des Herzmuskels, wobei es von keinem anderen Mittel 
tibertroffen wird; 2) bei Klappenfehlern mit insufficientem Herz¬ 
muskel ; 3) bei Nierenkrankheiten, in welchen die Herzthätigkeit 
geschwächt oder normal, jedenfalls aber eine Steigerung der Herz¬ 
thätigkeit und dadurch indirect eine Vermehrung der Diurese mög¬ 
lich ist. — Kein Erfolg ist zu erwarten: 1) bei zu weit vorgeschrit¬ 
tener Herzdegeneration, 2) bei Klappenfehlern mit hochgradiger 
Herzhypertrophie, wo eine Steigerung der Arbeitskraft nicht mehr 
möglich ist und 3) bei Nierenkrankheiten mit Herzhypertrophie. 

Vor der Digitalis hat Strophanthus den Vorzug^dass seine Wir¬ 
kung schnell, in 10—15 Minuten eintritt und es keine cumulativen 
Eigenschaften besitzt. Bei Morb. Basedowii wurde eine nur geringe 
Verlangsamung des Pulses beobachtet, asthmatische Beschwerden 
bei bestehenden Herzkrankheiten sehr günstig beeinflusst. Als 
Antipyreticum hei Pleuritis und Pneumonie war es wirkungslos. 
Die Verff. bedienten sich der Tinctur (Fraser 1:20) 1,5—3,0 
pro die oder des Strophanthins (0,002—0,004'pro die), letzteres blieb 
ohne Wirkung auf die Verdauungsorgane. (Therap. Monatsh. 11). 

Hz. 

H. Büchner: Ueber die Einwirkung der Jodoform- 
dämpfe auf den Cholera-Vibrio. (Münch.' med. Wochen¬ 
schrift. M 25). 

Nach Ansicht des Verf. ist es entschieden, dass Jodoform nur eine 
ganz ungenügende antiseptische Wirksamkeit besitze. Um so mehr 
ist er erstaunt gewesen zu sehen, dass der rasch wachsende K o c h ’- 
sehe Kommabacillus schon durch die blossen Jodoformdämpfe der- 
maassen beeinflusst werde, dass sein Wachsthum gänzlich sistirt 
werde. Plattenculturen mit Jodoform^ bestreut zeigten keine Ent¬ 
wickelung ; man glaubte an einen störenden Zufall, aber dieselbe 
Erscheinung zeigte sich, wenn nur unter derselben Glasglocke Jodo¬ 
form mit den Plattenculturen aufgestellt war. Controlversuche 
ohne Jodoform bewiesen aber die Wachsthumsfähigkeit der Culturen. 
Wurden die Plattenculturen aus der Jodoformatmosphäre entfernt, 
so trat nachträglich Entwickelung ein; es handelte sich also nicht 
um Tödtung der Bacillen, sondern um Wachsthumsbehinderung. 
Es wurden nnn Versuche in folgender Weise angestellt. Beagenz- 
cylinder mit 10 Cctm. steriler 10%iger alkalischer Fleischpepton- 
gelatine wurden bis zur Verflüssigung der Gelatine erwärmt, mit 
Cholerabacillen geimpft, gründlich gemischt, dann die Mischung 
erkalten lassen ; dann wnrde ein kleines, an einem Drahte befestig¬ 
tes, bis zur Hälfte mit Jodoform gefülltes Glasröhrchen in den Bea- 
genzcylinder hineingehängt und der letztere mit einem Wattepfropf 
verschlossen. Bei so beschickten Culturen zeigte sich die eigenthüm- 
liche Erscheinung, dass die oberste 4—10 Mm. dicke Schicht der 
Gelatine keine Spur von Entwickelung zeigte sondern dauernd hell 
und durchsichtig blieb, während die unter dieser Schicht gelegene 
übrige Masse der Gelatine schon nach 24 Stunden mit zahllosen 
Colonien erfüllt war. Die Jodoformdämpfe waren also offenbar bis 
zur angegebenen Tiefe in die Gelatine eingedrungen und hatten in 
dieser Ausdehnung die Entwickelung der Bacillen verhindert. Wenn 
nach 2—3 Tagen das Jodoformröbrchen entfernt wird, so kann in 
der bisher frei gebliebenen Zone noch nachträglich Entwickelung 
auftreten. Diese auffällige Wirkung der Jodoformdämpfe kommt 
aber, wie man wohl meinen könnte, nicht dadurch zu Stande, dass 
durch Zersetzung Jod frei werde und es sich somit eigentlich um 
eine Wirkung von Joddämpfen handele, denn wenn man das kleine 
Glasröhrchen mit Jod statt mit Jodoform füllt, so ist doch keine 


Hemmung in der Entwickelung der Colonieu zu bemerken. Bei der 
geringen Flüchtigkeit und sehr geringen Wasserlöslichkeit des Jodo¬ 
forms ist diese Erscheinung um so auffallender, als die viel flüchtigere 
und dabei leicht wasserlösliche Carbolsäure, trotz ihrer stark anti¬ 
septischen Eigenschaften bei gleicher Versuchsanordnung keine 
Spur von Einwirkung auf das Wachsen der Culturen zeigt. Jodo¬ 
formdämpfe scheinen daher in der That ein ganz specifisches Gift für 
Cholerabacillen zu sein. Da nun die direct antiseptische Wirkung 
des Jodoform eine sehr ungenügende, es aber doch allgemein als ein 
vorzügliches Mittel in der Wundbehandlung anerkannt sei und als 
solches nach den tausendfach damit gemachten Erfahrungen aner¬ 
kannt werden müsse, so meint Verf., dass wir unsere bisherigen 
Ansichten über Antiseptica und deren Wirkungsweise dahin modift- 
ciren müssten, dass es neben den die Bacterien tödtenden, d. h. 
direct wirkenden, auch indirecte Antiseptica gebe, welche durch 
Tiefenwirkung auf die Gewebe deren Elemente widerstandsfähiger 
machten und somit einen ungünstigen Nährboden für die pathoge¬ 
nen Pilze schafften. Zn dieser letzteren Classe gehöre auch das 
Jodoform. Eine Stütze für diese Ansicht findet Verf. in dem Ver¬ 
fahren von Baumgarten und Marchand, nach denen die histo¬ 
logischen Processe der entzündlichen Granulationsbildung durch 
Jodoform wesentlich modificirt wurden. Die Gewebszellenprolife¬ 
ration werde eingeschränkt, die Bildung von Biesenzellen aufgeho¬ 
ben, während die Auswanderungserscheinungen weisser Blutkörper¬ 
chen vermehrt erschienen. Aehnliches ergebe die Beobachtung von 
Bruns an tuberculösen Abscessen, die mit Jodoform behandelt 
worden. In der Abscessmembran verschwinden nicht nur die Tuber- 
kelbacillen, sondern auch die Kerntheilungen hören auf, während 
sich unter der Abscessmembran Granulationsgewebe entwickelt. 
Solche Erscheinungen Hessen sich aber nur durch Tiefenwirkung der 
Jodoformdämpfe erklären, deren bedeutendes Diffasionsvermögen 
auch in eine so starre Masse, wie Gelatine, hinein durch des Verf. 
oben erwähnte Versuche nachgewiesen worden. —t. 

D. H. C u 11 i m o r e: Eine Studie über Verbreitung und 
Aetiologie des Leberabscesses. (Med. Press and Circular 
30. Nov ; pag. 513). 

Verf. stützt seine Ausführungen hauptsächlich auf die Erkran¬ 
kungsfälle unter dem englischen Militär in Indien, wo nächst der 
Cholera die Leberentzündung die hauptsächlichste Todesursache ist 
(13,5% aller Todesfälle). 

Verf. wendet sich gegeu die Anschauung, dass das Zusammen¬ 
wirken von Hitze, Dysenterie, Malaria, übermässiges Essen und 
Trinken, sitzende Lebensweise und Erregungszustände die Ursache 
für die Lebererkraukung abgebe, sondern erachtet als prädisponi- 
rendes Moment nur die Hitze, als directe Krankheitsursache die Er¬ 
kältung resp. die plötzliche Temperaturherabsetzung. Hierzu fügt 
er noch eine andere Ursache: die Keitübungen und das Stossen auf 
den Munitionswagen, welche die Ursache für traumatische Abscesse 
abgeben. 

Was die Verbreitung der Leberabscesse betrifft, so lässt sich im 
Allgemeinen sagen, dass dieselben in der aequatorialen Zone (bei¬ 
derseits, Tom Aequator bis 6—7° sich erstreckend) geringer ist als 
in der tropischen Zone (vom 8° bis 18°). Die Ursache dafür sieht 
Verf. in dem Umstande, dass in ersterer bei 2 Begenzeiten und 2 
trockenen Zeiten, ein gleichmässigeres Klima herrscht, während wir 
in der tropischen Zone nur eine Begenzeit und eine heisse Zeit, 
unterbrochen von plötzlichen Begengüssen haben. Diese plötzli¬ 
chen Unterschiede macht Verf. verantwortlich. Dem entsprechend 
findet sich der Leberabscess auch sehr viel häufiger in Orten mit 
continentalem Klima, als in den Seestädten oder den kleineren Inseln, 
die fast völlig von demselben verschont sind. 

Verf. konnte die üblen Folgen der zu plötzlichen Abkühlung an 
sich selbst wahrnebmen als er aus Indien im December nach Eng¬ 
land reiste: Beconvalescent nach einer Erkrankung an Leberabscess, 
erlitt er in Suez einen Bückfall, der ihn auf 6 Monate an’s Kranken¬ 
bett fesselte. Verf. warnt daher vor Uebersiedelong au9 den tropi¬ 
schen Gegenden in den Norden im November. 

Dafür, dass nicht die Lebensweise die praedisponirende Ursache 
abgiebt, sprechen die für das Militär überall gleichen Verhältnisse, 
bei grossen Schwankungen in der Morbilitäts- resp. Mortalitäts¬ 
ziffer. Die relative Bedeutungslosigkeit der infectiösen Fieber er¬ 
hellt daraus, dass die Morbilitätsziffer für diese in gar keinem 
Verhältnisse steht zu der für Leberabscess. W. 


“ Bücher-Anzeigen und Besprechungen. 

MeftHUHHa bi 1886 rofly (die Medicin iro Jahre 1886). Jahr« 
buch der medicinischen Literatur in allen Specialfächern. 
Herausgegeben von Dr. S p r i m o n unter Mitwirkung vieler 
Aerzte. 1. Lieferung. IX. 658 S. 8°. Moskau 1887. 

Mit Freuden begrüsseu wir diesen ersten, gut gelungenen Versuch, 
für die vaterländischen, fremder Sprachen nicht mächtigen Aerzte 
einen Jahresbericht über die Fortschritte der Medicin zusammenzu¬ 
stellen. Eingeleitet wird das Werk mit einer kurzen Geschichte 
solcher Sammelwerke in Europa, in welcher wir zu unserem Be¬ 
dauern die alt verdienten und sehr bekannten Schmidt’s Jahrbücher 
vermissen. Das vorliegende Jahrbuch hat den Vorzug vor seinen 
Collegen, dass es, so weit ich es beurtheilen kann, die gesammte, recht 


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reichliche russische medicinische Literatur enthält und sind die ein¬ 
zelnen Referate in der nöthigen Ausführlichkeit abgefasst, um sie 
zum Arbeiten benutzen zu können, was man nicht von jedem Sammel¬ 
werk dieser Art sagen kann ; ein jeder Referent berichtet eben von 
seinem subjectiven Standpuncte aus und lässt Manches als unwichtig 
aus, was einem Anderen sehr wichtig erscheinen kann. 

' Das ganze Werk ist auf 3 starke Lieferungen berechnet; unter 
den Mitarbeitern sind recht bekannte und berühmte Namen zu finden. 
Wir wünschen aus vollem Herzen dem neuen, recht schwierigen Un¬ 
ternehmen einen glänzenden Erfolg. Hz. 

Obersteiner: Der Hypnotismus und seine klinische 
und forensische Bedeutuug. Russische Uebersetzung. St. 
Petersburg 1887. C. Ricker. 

Sehr gute Wiedergabe des bekannten, in den «Klinischen Streit« 
und Zeitfragen» erschienenen Werkchens von Prof. Obersteiner. 

Hz. 

W. Behrens: Tabellen zum Gebrauch bei mikroskopi¬ 
schen Arbeiten. 76 Seiten. Braunschweig 1887. Verlag 
von Harald Bruhn. Preis Mk. 2-40- 
Die vorliegenden Tabellen entsprangen einem eigenen Bedürfnisse 
des Verf. und ermöglichen es dem mit mikroskopischen Arbeiten Be¬ 
schäftigten sich auf schnelle Weise über eine Anzahl von Zahlen- 
und sonstigen Angaben zu orientiren. Sie enthalten zunächst eine 
vergleichende Zusammenstellung der üblichsten Maasse, Thermome¬ 
tergrade, Aräometerwerthe und einige Tabellen über die specifischen 
Gewichte und die Procentgehalte dier Lösungen einer Anzahl wich¬ 
tiger Reagentien (Alcohol, Säuren uud Alkalien), sowie über die op¬ 
tischen Oonstanten. Es folgt dann eine Zusammenstellung nebst 
kurzer Gebrauchsanweisung der Erhärtungsflüssigkeiten, der Fixi- 
rungs-, Aufhellungs , Beobachtungs- uud Conservirungsmittel gleich¬ 
falls in tabellarischer Uebersicht. Desgleichen die gebräuchlichen 
Verschlusslacke, die Einbettungs , Aufklebe-, Macerations- und Ent¬ 
kalkungsmittel. Zum Schluss wird die Bereitungsweise und An¬ 
wendung der Injectionsmassen, sowie der Tmctionsmittel besprochen. 
Diese kurzen, übersichtlichen Tabellen sind nnr für den praktischen 
Gebrauch bestimmt und können als bequemes Hilfsmittel für das mi¬ 
kroskopische Laboratorium durchaus empfohlen werden — x. 


Protokolle des Vereins St. Petersburger Aerzte. 

Sitzung den IS . October 1887 . 

1. Dr. Luppian demonstrirt einen ihm vom Apotheker Fried¬ 
länder zugesandten kleinen Apparat zur Inhalation von 
Menthol bei acutemSchnupfen und giebt an damit ganz 
guten Erfolg erzielt zu haben. 

2. Dr. Severin berichtet über eiuen Fall von Exstirpation 
eines Ovarialtumors bei einem 2 Jahre 4 Monate 
alten Mädchen. Die Operation wurde am 11. October ausge- 
ftthrt; über den Verlauf behält sich Dr. S. vor weitere Mitthei¬ 
lungen zu machen. 

3. Dr. Moritz theilt einen Fall vou primärem Krebs 
der linkenLunge mit, der successiv auch von DDr. Franken¬ 
häuser und Dombrowski behandelt und schliesslich von Dr. d e 
1 a C r o i x secirt worden: Es handelte sich um eine 60jährige Frau, 
die Dr. Moritz seit ca. 20 Jahren kannte und gelegentlich behan¬ 
delt hatte. Anfangs Juli 1886 wandte sie sich an Dr. M. wegen 
Schmerzen in der linken Hälfte der Brust, die von leichtem Fieber 
begleitet wurden. M. constatirte eine leichte Pleuritis, auch schien 
eine geringe Dämpfung au der linken Lungenspitze vorhanden zu 
sein, es prävalirten aber die subjectiven Erscheinungen. Trotzdem 
schwanden dieselben bald, desgleichen das Fieber und es trat Wohl¬ 
befinden ein. Aber bereits nach einigen Wocheu wurde Dr. M. wie¬ 
der gerufen und constatirte, dass wiederum leichte Pleuritis einge¬ 
treten. Die Dämpfung unterhalb der linken Clavicula batte ent¬ 
schieden zugenommen. Auswurf fehlte fast ganz. Derartige leichte 
pleuritische Anfälle wiederholten sich im Laufe einiger Monate 3—4 
mal. Die Dämpfung nahm laugsam aber stetig zu und hörte man 
entsprechend derselben trockenes Hauchen, welches sich sehr dem 
Bronchialathmen näherte. Das Recidiviren der Pleuritis, das Fort¬ 
schreiten der Dämpfung und die Abwesenheit eines deutlichen Exsu¬ 
dates bewogen Dr. M. zum Verdacht auf primäres Carcinom der lin¬ 
ken Lunge und er sandte die Pat. in s evangelische Hospital. 

Dr. Frankenhäuser berichtet über diese Patientin weiter: 
Im Herbst 1886 kam sie ins evangelische Hospital und konnte er bei 
der Aufnahme deutliche Dämpfung L. V. bis zur dritten Rippe con- 
statiren. L. V. U. fand sich unbedeutendes Exsudat. L. H. fing 
die Dämpfung nicht von der Spitze, sondern etwas unterhalb dersel¬ 
ben an. Längere Zeit änderte sich dieser Zustand nicht, erst im 
Frühling a. c. stellte sich häufiger Fieber ein und nahm die Däm¬ 
pfung derartig zu, dass F. sich zu einer Probepunction entschloss, 
wobei er eine seröse Flüssigkeit entleerte. Nach einiger Zeit war das 
Exsudat geschwunden, wiederholte Punctionen ergaben keine Flüs¬ 
sigkeit mehr, die Dämpfung blieb. Als Patientin im Mai entlassen 
wurde, war die Lungenspitze noch frei, das bei der Aufnahme eben¬ 
falls L. sub claviculam constatirte schwach hauchende Athmungs- 
geräuscb war geschwunden; am 1. Pulmonalton ein Geräusch. Fast 
während des ganzen Aufenthaltes im Hospital hat Pat. gehustet, 


einige Male auch blutige Sputa ausgeworfen/ die jedoch bei mikro¬ 
skopischer Untersuchung nichts Charakteristisches für Neubildungen 
boten. 

Dr. Moritz: Im Laufe des Sommers blieben die früheren Er¬ 
scheinungen dieselben, nur kam noch ein deutliches Verdrängtsein 
des Herzens nach rechts hinzu und Erscheinungen des Druckes auf 
Herz und Lungen. Unterdessen wurde Pat. von Dr. Vei t behan¬ 
delt, welcher sie im Herbst ins Peter-Pauls-Hospital dirigirte, mit 
der Anfrage, ob noch irgend ein operativer Eingriff möglich sei. 

Dr. Dombrowski: Im Peter-Pauls-Hospital ist die Pat. von 
7 Collegen untersucht worden, welche die oben beschriebenen Er¬ 
scheinungen bestätigten. Die Druckerscheinungen hatten bedeutend 
zugenommen, Pat. sehr anämisch, heruntergekommen, der Puls klein 
uud schwach. Eine Probepunction ergab keinen Eiter, sondern reines 
Blut, desgleichen entleerten sich bei der Thoracotomie nur ältere und 
frischere Blutgerinnsel. 24 St. darauf Tod. 

Dr.de 1 a C r o i x: Die eben erwähnten Blutgerinnsel enthielten, 
wie die mikroskopische Untersuchung ergab, kleinzellige Krebs¬ 
knoten. 

Die Section ergab Folgendes: Die Lungenspitze frei jedoch com- 
primirt, sonst ist die ganze linke Lunge von Carcinom eingenom¬ 
men und zwar handelt es sich um ziemlich weiche, bis faustgrosse 
Medullär-Knoteu, namentlich im unteren Lappen; der Ausgangs- 
puuct lässt sich nicht mehr feststelleu, jedenfalls aber ist das Carci- 
uom nicht von der gleichmässig verdickten, verwachsenen Pleura 
ausgegangen. Im unteren Lappen nach links und aussen, zwischen 
der Axillar- und Scapnlarlinie, entsprechend dem 5.-7. Intercostal- 
raum findet sich eine Caverne, grösstentheils von einer glatten Mem¬ 
bran ausgekleidet, wahrscheinlich bronchiectatischen Ursprungs, um- 
gebeu von catarrhalisch verdichteten Partien; in diese Caverne 
mag mau bei der Punotion gekommen sein. Die Broncbialdrüsen 
krebsig degenerirt, desgleichen theilweise auch die rechte Lunge. 
Das Herz ganz nach rechts verdrängt, flachgedrückt von 
Tumormassen. Pericard und Epicard verwachsen. An den übri- 
genOrganen nirgends Krebsknoten zu finden. 

4. Dr. Kernig theilt in Auknüpfung au den eben gehörten 
interessanten Fall von Carcinom der Lunge eiuen Fall von 
Pleurakrebs mit, den er im Jahre 1880 fast in seinem ganzen 
V erlauf beobachtet hat und schliesst daran kurze Bemerkuugen 
über drei weitere Fälle von Pleurakrebs, die er zeit¬ 
weilig gesehen hat. Der erste Fall betraf die Frau eines Colle¬ 
gen, in mittlerem Lebensalter, die nach schweren Gemüthsbewegun- 
gen im Januar 1880 an Erscheinungen erkrankte, die zur Constati- 
rung eines geringen rechtsseitigen Spitzeninfiltrats führten. Ende 
März sah Kernig die Kranke znm ersten Mal uud fand ausser der 
geringen Infiltration der rechten Spitze ein geringes Pleuraexsudat 
rechts, etwa 3—4 Fingerbreit hoch. Dieses geringe Exsudat erwies 
sich bald insofern ah ganz eigenthümlich, dass es äusserst hartnäckig 
war, den gewöhnlichen Mitteln nicht wich, im Gegentheil allmälig 
weiter zunahm, und dass es Anfangs mit Fieber verbunden war; 
die Temperaturen waren normal, nur vereinzelt subfebril, später iu 
der zweiten Hälfte der Krankheit meist subfebriie Temperaturen, 
so dass die Klagen über Schmerzen und Dyspnoe ganz unverhältniss- 
mässig stark und anhaltend waren. Gegen Mitte Mai, als Pat. aufs 
Land sollte, stand das Exsudat etwa auf der Mitte der Scapula, vorn 
an der 3. Rippe. Auf dem Lande trat nun allerdings in der ersten 
Hälfte des Sommers Resorption des Exsudats eiu, die selbst bis zur 
Ausbildung eines retröcissement thoracique ging, aber die Klagen 
der Patientin über Schmerzen und Dyspnoe Hessen nicht nach, auch 
das Allgemeinbefinden blieb immer schlecht. Von der Mitte des 
Sommers an datirte eine abermalige Ansammlung des Exsudats, die 
langsam zur Ausfüllung des rechten Pleuraraumes mit starker Ver¬ 
drängung der Leber nach unten führte. Die Temperaturen lagen 
jetzt etwas höher, meist immer noch subfebril, doch kamen ab und 
zu Steigerungen über 38,0 und vereinzelt bis auf 39,0 vor. Anfang 
August musste zur Puuction geschritten werden und lieferte dieselbe 
ein exquisit hämorrhagisches Exsudat, dasselbe war jetzt wie bei 
all 1 den folgenden Punctionen intensiv blutroth gefärbt und hatte 
ein gewisses lackfarbenes Aussehen. Das Exsudat sammelte sich 
sehr rasch wieder an und folgte daher die 2. Punction rasch der 
ersten, schon nach 7 Tagen. Die folgenden Panctionen, die immer 
nur ex indicatione vitali gemacht wurden, folgten einander ebenso 
in kurzen Zwischenräumen, die nur zwischen 6 und 11 Tagen lagen. 
Es wurden bis an’s Lebensende, Anfang November, im Ganzen 12 
Punctionen gemacht; die jedes Mal entleerten Flüssigkeitsmengen 
betrugen zwischen 800 und 2000 Ccm.; der Marasmus war vor dem 
Tode bis aufs Aeusserste vorgeschritten. 

Die Section , die von dem inzwischen verstorbenen Dr. A1 b r e c h t 
ausgeführt wurde, ergab eine diffuse krebsige Degeneration der 
ganzen rechtsseitigen Pleura; dieselbe war schwartig verdickt, 
stellenweise mit kleinen Warzen und vereinzelten stalaktitenförmi¬ 
gen Excrescenzen bedeckt. Die mikroskopische Untersuchung ergab 
ein sogenanntes Endotheliom der Pleura (Birch-Hirschfeld, 
E. Wagner, R. Schultz). Nester von Endothelzellen in der 
bindegewebig verdickten Pleura bildeten d^s Charakteristicum des 
mikroskopischen Befundes. Im rechten wie im linken Oberlappen 
fand sich eine grosse Menge kleiner käsiger Herde mit je einer 
mandelgrossen Höhle. Ob diese Herde damals mikroskopisch unter¬ 
sucht wurden ist dem Referenten nicht mehr erinnerlich. 

Dr. Kernig hat noch drei diesem gleiche Fälle zeitweise zu 

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oeobachten Gelegenhe j^habt. 1) Bei einem Herrn in den fünf¬ 
ziger Jahren trat eim naoh Entfernung eines Hautkrebses ein 

massenhaftes linksseitiges Pleuraexsudat ein, das sich theilweise 
hier in Petersburg resorbirte, im Süden recidivirte, ein (oder meh¬ 
rere?) Mal zur Punction kam (ein Mal auch von Billroth in 
Wien punctirt), eine hämorrhagische Flüssigkeit bei diesen Punctio- 
neu lieferte und mit dem Tode endete. 2) Ein anderer Fall be¬ 
traf einen Lehrer in mittleren Jahren, der (nach einem Trauma 7) 
ein ganz langsam und fieberlos sich entwickelndes Pleuraexsudat 
bekam, das bei der ersten Punction hier in Petersburg noch ein 
seröses Exsudat lieferte, später aber im Süden, in San-Remo ein 
hämorrhagisches Exsudat aufwies. Der Mann kam dort zur Section 
und nach der Beschreibung des makroskopischen Pleurabefündes, 
die seiner Zeit Dr. E e r n i g zuging, hat es sich um dieselbe Ent¬ 
artung der Pleura gehandelt, wie oben erwähnt. 3) Endlich sah 
Dr. E e r n i g im Hospital ein Weib in recht hohem Alter mit massen¬ 
haften hämorrhagischem (rechtsseitigem?) Pleuraexsudat, die bei 
der Section einen Befund an der rechten Pleura aufwies, wie in dem 
ersten ausführlicher mitgetheilten Falle. 

Dr. E e r n i g fasst noch kurz die Eigentümlichkeiten derartiger 
Fälle zusammen: Chronischer, hartnäckiger, fieberloser oder fast 
fieberloser VÄrlauf, exquisit hämorrhagisches Exsudat, ganz unver- 
hältnissmässig statke subjective Beschwerden, namentlich Elagen 
über Schmerzen, allmälig wachsender Marasmus; zeitweise ein- 
tretende Resorption des flüssigen Exsudats ohne Besserung des sub- 
jectiven Befindens kann Vorkommen, wie der erste Fall lehrt. 

Secretär: Dr. 0. Petersen. 

Auszug aus den Protokollen der Gesellschaft prakti¬ 
scher Aerzte zu Riga. 

Sitzung am 7. October 1887. 

Dr. Jansen: «Casuistiscbes über Fremdkörper». 

«Corp. alien. in larynge*. Einem 34-jährigen Enaben war ein 
metallener Schnallenknopf in den Larynx geraten. Heftige Dyspnoe, 
Cyanose. Tracheotomie. Von der Wunde aus lässt sich der Fremd¬ 
körper nicht entfernen, er wird daher zum Rachen hin gehoben. 
Eine gleichzeitige Schlingbewegung des Eindes befördert den Enopf 
iu die Speiseröhre und findet sich derselbe Tags darauf in den Fäces. 

«Corp. alien. in vesica urinaria» .Der 15-jährige Pat. hat vor 7 
Tagen ein Stück einer Stricknadel in die Harnröhre geschoben, wo 
es ihm verschwunden. Schmerzen, Harndrang, Urin trübe. Temp. 
38,7°. Der Catheter stösst auf einen eingekeilten metallenen Ge¬ 
genstand im vorderen Blasenabschnitt. Extractionsversuche resul¬ 
tatlos. Sectio mediana. Die Nadel muss behufs Entfernung zer¬ 
brochen werden. (Fragmente 6,1 und 3,6 Ctm.). Salicylsäure- 
Spülung (Ve%), offene Wundbehandlung. Am 5. Tage post operat. 
fieberfrei, am 13. Tage wird per uretram urinirt, nach 4 Wochen 
geheilt entlassen. 

«Corp. alien. in vagina». Mehrere hartgekochte Hühnereier in 
der Schale wurden aus der Vagina mit Löffel und Irrigation mühe¬ 
los entfernt. 

«Corp. alien. in oesophago». Flache Enochenstücke von 2—4 Ctm. 
Länge und ein kupfernes 5-Kopekenstück wurden mit Graefe’s 
Münzenfänger entfernt. Ein hartes seimiges Stück Fleisch steckt 
einem 51-jährigen Manne seit 24 Stunden im Isthmus fauc. und lässt 
sich weder extrahiren noch hinabstossen. Eüustliche Erweichung 
durch Pepsin und Salzsäure ebenso erfolglos wie Apomorphin ange¬ 
wandt. Oesophagotomie in Aussicht genommen. Ueber Nacht 
schwindet das obturirende Hinderniss, der Bissen ist in den Magen 
geglitten, nachdem er 34- Tage eingekeilt gewesen. 

«Lithiasis». I. Seit 4 Jahren hat der 17-jährige Pat. beim Urini- 
ren Schmerzen in der Glau penis. Seit 1 Woche constanter Harn¬ 
drang mit Entleerung geringer Mengen sanguinolenten Urins. Sectio 
alta. Maulbeerstein (oxals. Kalk) von 13,5 Gr. und 9,5 Ctm. gröss¬ 
tem [Jmfaug. Am 15. Tage geheilt entlassen, n. 70-jähriger ma- 
rastischer Pat. Seit 8 Monaten Blasenbeschwerden. Blut im Urin. 
Sectio mediana. 23 Steine (Urate und phosphors. Ealk). Glatte 
Würfel von ca. 1 Ccm. Grösse und 3 Gr. Durchschnittsgewicht. 
Heilungsdauer 18 Tage. 

Weitere Casuistik liefern: Dr. V o s s (Elinik in Dorpat): a) Einem 
Manne war bei der Behandlung mit einem Wiener Bougie ein Stück 
desselben von 8 Ctm. Länge in der Strictur stecken geblieben und in 
die Blase gerathen. Sectio mediana. Beim Fassen bricht der Fremd¬ 
körper in 3 Stücke, die einzeln entfernt werden. Tags darauf Bla¬ 
senblutung. Behandlung mit Eis und Morphium; am 3. Tage wird 
das ergossene Blut entleert. Ausgang günstig, b) Krankenhaus in 
Riga. Dem Pat. war der Catheter beim Catheterisiren an der Harn- 
rührenmündung abgebrochen und beim Versuch ihn zu entfernen, nur 
tiefer befördert worden. Er steckte in der Pars membranacea. Ent¬ 
fernung von der Harnröhre aus. c) Ein Prussak (Schabe) im äusse¬ 
ren Gehörgange war durch Eingiessen von Schnaps in’s Ohr vom Pat. 
getödtet worden. 3 todte Exemplare fanden sich ein anderes Mal in 
einem Ceruminalpfropf, ohne dass Träger derselben eine Ahnung da¬ 
von gehabt. 

Dr. Bergmann zeigt einen Grashalm, den er in einem Perinäal- 
Abscess gefunden. Pat. hatte im Heu geschlafen, bald darauf habe 
sich Absonderung aus der Harnröhre eingestellt, die als Gonorrhoe 
mit Injection behandelt worden war. — Ein 5-jähriger Enabe hatte i 


ein Stück Krebsschale aspirirt, welches sich zwischen den Stimm¬ 
bändern aufrecht eingekeilt fand und beim Fassen mit der Kehlkopf- 
pincette zerbrach. Tracheotomie. Von der Wunde aus wird der 
Fremdkörper mit der Sonde gehoben und aus dem Rachen mit dem 
Finger entfernt. Bezüglich der Therapie bei Fremdkörpern in den 
Luftwegen weise die engl. Literatur nach der Operation 24,5%, ohne 
Operation 42,8% Mortalität auf. Indicirt halte Ref. die Tracheoto¬ 
mie (sich amerikanischen Autoren anschliessend) bei Suffocationser- 
scheinungen einerseits, bei nicht fixirten Fremdkörpern andererseits, 
um der Gefahr des Hinabgleitens zu begegnen. 

Dr. Hampeln: Das Zuwarten könne Gefahr mit sich bringen. 
Dr. Gaehtgens habe seiner Zeit über einen Fall referirt, in welchem 
eine in den Kehlkopf gerathene Erachmandel in den Bronchus ge¬ 
fallen und Lungenab8cess die Folge gewesen sei, — worauf Dr. B e r g- 
mann nochmals als nothwendige Bedingung des Abwartens betont, 
dass der Fremdkörper sicher fixirt erscheine. 

Dr. Miram (aus fremder Praxis): a) Projectil, an der linken 
Seite des Kehlkopfes sitzend, soll operativ entfernt werden. Beim 
Hautschnitt fällt die Kugel durch die durchschossene Cartilago thy- 
reoidea in den Larynx. Dem zufällig anwesenden Prof. Berg¬ 
mann gelingt es mit glücklichem Griff vom Rachen her die Engel 
wieder herauszuluxiren. — b) W i 1 m s glaubte mit der Sonde däs 
vermisste Stück eines Catheters in der Blase nachgewiesen zu haben. 
Operation wegen Decrepidität des Pat. unterlassen. Section: Kein 
Fremdkörper, sondern Carcinoma vesicae. 

Dr. Stavenhagen: Nach Sturz gegen ein Treppengeländer 
klaffende Wunde am Orbitalrande; Knochen entblösst. Ein grosser 
und mehrere kleine Holzsplitter entfernt. Heilung p. p.. Nach 14 
Tagen Fieber, Abscess an der Stelle der Verletzung. Nach Spaltung 
entleert sich erst nach längerer Zeit ein Splitter nach dem andern, 
in solchem Umfange, dass sie die ganze Länge des Orbitalraumes 
angefüllt haben müssen. — Zu Waldhauer’s Zeiten sei im inne¬ 
ren Augenwinkel eines Pat. ein Aststück entdeckt worden, von 
dessen Anwesenheit der Träger nichts gewusst. 

Dr. Schultz entfernte bei einer älteren Frau mit dem Münzen¬ 
fänger ein in der Speiseröhre quer fixirtes Knochenstück von 3,5 Cm. 
Länge, nachdem von der Umgebung resultatlose Versuche gemacht, 
den Fremdkörper mobil zu machen. Tags darauf Pneumothorax, 
Exitus. 

Dr. Schultz: «Mittheilung aus der forensischen Praxis». Der 
Arbeiter P. Sch. erkrankte nach einem durchzechten Tage des an¬ 
dern Morgens mit Erbrechen. Der des sich progressiv verschlim¬ 
mernden Zustandes wegen consultirte Arzt diagnosticirte bei vollstän¬ 
diger Aphonie Larynxtuberculose. Tod am 10. Tage. Wegen 
eines angeätzten Fleokes auf der Unterhose Defuncti machen die An¬ 
gehörigen polizeiliche Anzeige. Der exhumirte Cadaver gelangt 
am 5. Tage p. mort. zur Section: Gasentwickelung, stärkerer 
Leichengeruch fehlten. Periton. dunkelgrün spiegelnd. Magen¬ 
wand perforirt. Serosa um die Perforat. herum von rothbrauner 
Flüssigkeit bedeckt, sonst wie oben beschrieben. Magen sehr zer- 
reisslich, Schleimhaut in Fetzen abgehoben, Structur unkenntlich. 
Chem. Untersuchung des Mageninhalts noch unentschieden; Fleck 
auf der Hose: Schwefelsäure. Intoxicat. mit der Substanz scheint 
Vortr. nicht wahrscheinlich: es fehlten momentan stürmische Er¬ 
scheinungen, die Eingangsöffnung nicht afficirt. Trotz constatirter 
Aphonie keine Schwellung im Kehlkopf. Redner neigt zar Annahme: 
Arsenik und zwar in fester Form, das erst im Magen gelöst worden 
und so zu langsamerer Wirkung gekommen wäre. Aphonie dürfte 
auf Reflexlähmung in Vagus-Bahnen beruhen (bei Opium, Stram- 
monium, Blei beobachtet — Eichhorst). 

Die DDr. Hampeln , Stavenhagen , Peter sen n wenden 
sich gegen die Annahme des Ref.: Der Sectionsbefund beweise die 
Intoxication überhaupt nicht sicher, es könnte sich auch um post¬ 
mortale Veränderungen handeln und dürfte der Arsenik-Hinweis 
keine Schwierigkeiten bieten. 

Im Anschluss an obigen Vortrag referirte Dr. v. R e i c h h a r d t, 
dass Schwefelsäure statt Schnaps getrunken in einem ihm bekannten 
Fall ausser dauernder Aphonie keine wesentlichen Folgen verursacht 
habe. z. Z. Secretär: Dr. von Stryk. 


Vermischtes. 

— Am 27. December beging auf seinem Gute Raiküll bei Reval* 
der bekannte Geologe Dr. Alexander Gr af Kay serling (Hof¬ 
meister des Kaiserlichen Hofes und Ehrenmitglied der Academie der 
Wissenschaften) sein 50-jähriges Schriftsteller-Jubiläum. An der 
Feier betheiligten sich vorzugsweise die Universität Dorpat und die 
wissenschaftlichen Vereine der Ostseeprovinzen, in denen er geboren 
und als Curator des Dorpater Lehrbezirks (1862—69) segensreich ge¬ 
wirkt hat. Seine Majestät der Kaiser hat dem Jubilar bei dieser Ge¬ 
legenheit den St. Wladimir-Orden II. Classe verliehen . 

— Wie eiue Eijewsche Zeitung mittheilt, fasste die Landschafts¬ 
versammlung des Kreises Oster (Gouv. Tschernigow) im Jahre 1885 
den Beschluss, « versuchsweise im Kreise die homöopathische Be¬ 
handlung der Kranken einzußhren> % In der That wurden im J. 
1886 drei homöopathische Apotheken mit den obligaten Handbüchern 
verschrieben und «populären Personen im Kreise» übergeben, denen 
die Landschaft die Behandlung der Kranken mit Homöopathie an¬ 
vertraute. Seit dieser Zeit ist bereits mehr als ein Jahr vergangen ; 
die Landschaft scheint denn doch eine gelinde Scham zu empfinden, 

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12 


da sie bis jetzt es unterlassen hat, einen Bericht über die Thätigkeit 
dieser «populären Personen» abznstatten. 

— Der «Wratsch» entnimmt dem «Ufaschen Anuoncen-Blatt» vom 
26. October 1887 folgende Bekanntmachung des dortigen Arztes 
J. W. Schkorbatow: «Kranke, welche mit Elektro-Homöopathie 
nach der Methode des berühmten französischen Homöopathen Grafen 
Mattei behandelt zn werden wünschen, empfange ich täglich von 
10—12 Uhr in meinem Hanse. Frische homöopathische Streukü¬ 
gelchen und die elektrischen Flüssigkeiten habe ich vom Grafen 
Matt ei selbst erhalten». Besonders betrübend wirkt diese Be¬ 
kanntmachung, wenn man bedenkt, dass dieser Arzt Schkorbatow 
noch vor Kurzem als Medicinalinspector von Ufa fungirte, also an 
der Spitze des Medicinalwesens eines ganzen Gouvernements gestan¬ 
den hat. Wie Letzteres möglich gewesen, ist schwer zn verstehen, 
da man doch wohl kanm annehmen kann, dass Sch. sich erst nach 
Niederlegnng der Functionen des Medicinalinspectors plötzlich als 
Homöopath, und zwar noch der niedersten Gattung, entpuppt hat. 

— Verstorben : 1) In London der Senior der Aerzte Englands, 
Dr. Georges Sylvester, in fast vollendetem 100. Lebensjahre. 
Der Verstorbene, welcher früher als Marinearzt fungirte, ist bis zu 
seinem Lebensende im Vollbesitze geistiger Frische gewesen. 2) Am 
22. December 1887 in Leipzig der Gerichtsarzt Prof. Dr. Sonnen- 
k a 1 b, welcher seit 44 Jahren gerichtliche Medicin an der dortigen 
Universität vortrug, im 72. Lebensjahre. 3) In Moskau Dr. G. 
Markonet (Geburtshelfer und Frauenarzt), der als Stadtverordne¬ 
ter mit viel Energie für Verbesserungen der sanitären Verhältnisse 
Moskaus eintrat. 

— Die Gesamrntzahl der Kranken in den Civilhospitälern St, 
Petersburg''s betrug am 27. December 1887 5552 (263 weniger als 
in der Vorwoche) darunter 576 Typhus- (11 weniger), 684 Syphilie- 
(63 weniger) und 51 Scharlachkranke (7 weniger), sowie 1 Pocken¬ 
kranker (1 weniger als in der Vorwoche). 

— Unter den neuen französischen Ministern sind zwei, welche 
früher Aerzte gewesen sind und zwar der Marineminister de Mahn 
und der Minister der öffentlichen Arbeiten L o u b e t. 

— Prof. N a u n y n in Königsberg (früher in Dorpat) hat den an 
ihn ergangenen Ruf als Nachfolger Prof. KussmauPs auf den 
Lehrstuhl der speciellen Pathologie und Therapie in Strassburg defini¬ 
tiv angenommen. 

— Der Director des hygienischen Instituts der Berliner Universi¬ 
tät, Prof. Dr. Rob. Koch, ist zum Generalarzt ä la Suite des 
preussi8chen Sanitätscorps ernannt worden. 

— Zum Nachfolger Prof. Scanzoni’sin Würzburg, der wegen 
Alters von seiner Lehrthätigkeit zurücktritt, soll Prof. P. M ü 11 e r 
in Bern, eiu Schüler und ehemaliger Assistent desselben, in Aussicht 
genommen sein. 

— Das im Jahre 1887 gegründete « Centralblatt für Kinderheil¬ 
kunde » ist wegen mangelnder Theilnahme eingegangen. 

— Die Königsberger Universität hat dem weltberühmten Physiker 
Wilhelm Weber das Ehrendipiom eines Doctors der Medicin, 
welches ihm vor 50 Jahren von dieser Universität für die in Gemein¬ 
schaft mit seineip Bruder angestellten berühmten Untersuchungen 
Uber das menschliche Gehirn verliehen wurde, jetzt erneuert. 

— Die Ophthalmologen gehen mit der Absicht um, nach dem Vor¬ 
gänge deutscher Schulmänner, alle historischen Denkmäler der 
Augenheilkunde aus der Zeit von dem Ende des XV. Jahrhunderts 
bis zum Schlüsse des XVII. zusammen zu tragen. Da die Augenheil¬ 
kunde erst spät selbständige Werke gezeitigt hat, s) gilt es für die 
ältere Zeit aus den Werken über Anatomie, Physiologie und Chirur¬ 
gie auszulesen, was auf die Augenheilkunde Bezug hat. Es handelt 
sich dabei wesentlich um Werke in deutscher oder lateinischer 
Sprache. Die Schriften der letzten Art sollen in deutscher Ueber- 
setzung veröffentlicht werden. Das Sammelwerk, zu dem Prof. 
Schoelerdie Anregung gegeben hat, soll unter dem Namen Monu- 
menta Germaniae ophthalmologica erscheinen. (A. m. C.-Ztg.) 

— In der medicinischm Facultät der Züricher Universität ist 
zwischen der weiblichen und männlichen Studentenschaft ein Con- 
flict entstanden, der folgende Veranlassung hat: Ein Professor, der 
innere Medicin vorträgt, soll in seinen Vorlesungen in einer für ein 
gemischtes Zuhörerpublicum etwas heiklen Frage sich etwas frei 
bewegt und so das Zartgefühl der anwesenden Studentinnen verletzt 
haben. In Folge dessen blieben die Studentinnen den Vorlesungen 
des Professors demonstrativ fern. Die Studenten dagegen nahmen 
den Professor energisch in Schutz und haben ihre Uebereinstimmung 
mit seiner Behandlungsweise medicinischer Materien sogar in einer 
Sympathie-Adresse kundgegeben. 


erste Wirküug der in Rede stehenden Behandlung der Schwindsüch¬ 
tigen darin, dass die Esslust wiederkehrt, das Erbrechen und die 
Diarrhoeen, sowie die nächtlichen Schweisse auf hören, die Fieber¬ 
zustände verschwinden und das Körpergewicht zunimmt. Von 100 
behandelten Kranken wurden 35 geheilt, bei 41 besserte sich der 
Zustand wesentlich und dürfte bei fortgesetzter Behandlung eben¬ 
falls zu vollständiger Genesung führen; bei 14 trat ein Stillstand der 
Krankheit ein, während nur 10 starben. Bei Vervollkommnung des 
Verfahrens durch fortgesetzte Beobachtung hofft man noch mehr 
Heilungen zu erzielen. Bei vielen der behandelten Kranken war 
das Uebel schon so weit vorgeschritten, dass überhaupt wenig Hoff¬ 
nung mehr vorhanden sein konnte. Wo die Krankheit sich auf 
der ersten Stufe befand , erfolgte regelmässig Heilung . 

(Allg. med. C.-Ztg.). 

— Heckei berichtet in der Sitzung vom 7. Nov. der Academie 

des Sciences über günstige Erfolge, die in Toulon und Marseille ge¬ 
macht worden sind mit Natron sulfobenzoicnm als Verbandmittel. Es 
wurde in 3°/oo Lösung angewandt und zeigte garkeine unangenehme 
Nebenwirkungen. (Seid. möd. H 46, pag. 463). N. 

— Physostigmin wird von Riess gegen ver schied e ne Nerven¬ 
krankheiten empfohlen, ist in subcutanen Injectionen von ihm na¬ 
mentlich gegen Chorea mit ausgezeichnetem Erfolge angewandt 
worden, wobei die Krankheitsdauer ganz bedeutend abgekürzt wurde. 
Er injicirte jeden anderen Tag 0,001 Eserinum sulphuricum. Bei der 
schweren tödtlichen Form nutzt es nichts, bei der habituellen Form 
älterer Leute wird nur Besserung erzielt. R. hat das Mittel mit 
theilweisem Erfolge auch bei Tetanus, bei Tremor auf seniler, alco- 
holischer, hysterischer, typhöser Basis, bei Paralysis agitans, bei mul¬ 
tipler Sclerose des Gehirns und Rückenmarks etc. augewandt. Er 
meint übrigens, dass dem Physostigmin, salicylic. wegen grösserer 
Haltbarkeit vor dem Physostigm. sulphur. der Vorzug zu geben sei. 

(Münch, med. Wochenschr. J£ 23). 

— Dr. JustTouatre (New-Orleans) veröffentlicht in der letz¬ 
ten Nummer der Archives roumaines de mädecjne et Chirurgie eine 
neue Methode , Gallensteine abzutreiben , die er an sich selbst erprobt 
hat. Mau nehme im Verlaufe von einer halben Stuude 24 Esslöffel 
feines Olivenöl (!?), dessen unangenehmen Geschmack man mit Saugen 
von Orangenschnitten verdecken kann. Verf. hat an sich selbst diese 
Procedur am 7. Juni 1884 vorgenommen und entleerte iu 24 Stunden 
in 6 Stühlen gegen 80 Gallensteine; /in 4 Monaten entleerte er bei 
derselben Behandlung noch 18 Steine und ist bis jetzt von Coliken 
verschont geblieben. Das Oel wird während des Anfalles vonGallen- 
steincolik eingenommen, wie es aber wirkt, das verschweigt der Vf. 

(Rev. gönörale de m6d. et chir. J4 40). Hz. 

— Stocquart (Arch. de m6d. et chir. de Bruxelles 1887, p. 86) 
empfiehlt die Anwendung von Apomorphinum muriaticum als loca¬ 
les Anästheticum bei Augenaffectionen, Stomatitis, Glossitis, Car- 
dialgien, besonders aber bei Luugenaffectioneu mit häufigem und 
quälendem Husten und stockendem Auswurf. Mittelgabe innerlich 
0,003—0,004, äusserlich 0,5—Lösung. 

(Rev. gönör. de clin. et thörap. J4 41). Hz. 


Vacanzen. 

— Im Poltawa'sehen Gouvernements-Landschaftshospital wird 
in nächster Zeit der Posten eines Prosectors vacant. Derselbe ist 
verpflichtet die Sectionen und die mikroskopischen Untersuchungen 
ansznführen, die Abtheilnng für Infectionskrankheiten zu leiten und 
in der Feldscheerer-Schule Unterricht in der Anatomie zn ertheilen. 
Gehalt: 2000 Rbl. jährlich. (Russ. Med.). 


Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs 

für die Woche vom 13. bis 19. Decbr. 1887. 
Zahl der Sterbefälle: 


1) nach Geschlecht und Alter: 


Im Ganzen: 

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— In Folge der Mittheilung von Seiler undGarcin bezüglich 
der Flussspathsäure (Fluorhydrat) als Mittel gegen Schwind¬ 
sucht und Diphtherie hatte die Pariser Acadämie de M&decinc 
eine Commission, bestehend aus Föröol, Proust und Hubbard, 
mit der Prüfung des Gegenstandes betraut. Die Commission hat 
nun ihren Bericht abgestattet uud bestätigt in demselben die Wir¬ 
kung des empfohlenen Heilverfahrens. Die qu. Entdeckung ist übri¬ 
gens nur die wissenschaftliche Feststellung einer durch die Erfah¬ 
rung in den Glasfabriken längst bekannten Thatsache. Wenn die 
Krystallschleifer von der Tuberculose angegriffen sind, verlangen 
sie regelmässig in die Werkstätten der Glasätzer versetzt zu werden, 
wo die Luft stets mit Flnssspathsäure geschwängert ist. Nach den 
von der Commission angestellten bezüglichen Versuchen besteht die 


2) nach den Todesursachen 

— Typh. exanth. 1, Typh. abd. 15, Febris recurrens 1, Typhau 
ohne Bestimmung der Form 1, Pocken 1, Masern 12, Scharlach 6 r 
Diphtherie 17, Croup 2, Keuchhusten 3, Croupöse Lungenentzün¬ 
dung 20, Erysipelas 1, Cholera nostras0, Choleraasiatica 0, Ruhr l f 
Epidemische Meningitis 0, Acuter Gelenkrheumatismus 0, Parotitiu 
epidemica 0, Rotzkrankheit 0, Anthrax 0, Hydrophobie 0, Puerpe¬ 
ralfieber 1, Pyämie u. Septicaemie 1, Tubercn’ose ?r Lungen 88, 
Tuberculose anderer Organe 4, Alcobolismus und Delirium tremens 
1, Lebensschwäche und Atrophia infantum 43, Marasmus senilis 
18, Krankheiten des Verdauungscanals 66, Todtgeborene 27. 


Ao8b. qeB8. Cnö. 31. 1887 r. Herausgeber Dr. L. v. Holst. Tunorpa^ia «QeTepÖ. ras.», Bxa^HMipcait npoen. J4 12. 



XIII. Jahrgang. St. Petersburger Neue Folge. V. Jahrg. 

Medicinische Wochenschrift 

unter der Redaction von 

Prof. Ed. v. WAHL, Dr. L. v. HOLST, Dr. Th. v. SCHRÖDER, 

Dorpat. St. Petersburg. St. Petersburg. 


Die «St. Petersburger Medicinißche Wochenschrift» erscheint jeden Sonn¬ 
abend. Der Abonnements - Preis ist in Russland 8 Rbl. für das Jahr, 
4 Rbl. für das halbe Jahr inclusive Post-Zustellung; in den anderen Län- 
dirn 16 Mark jährlich, 8 Mark halbjährlich. Der Inserations - Preis für 
'die 3 mal gespaltene Zeile in Petit ist 12 Kop. oder 30 Pfenn. — Den 
Autoren werden 25 Separatabzüge ihrer Original - Artikel zugesandt; 

Referate werden nach dem Satze von 16 Rbl. pro Bogen honorirt. 
Abonnements-Aufträge bittet man an die Buchhandlung von 
Carl Ricker in St. Petersburg, Newsky-Prospect Je 14 zu richten. 

W2. 


JHF* Inserate werden ausschliesslich im Central-Annoncen-Bu- 
reau von Friedrich Petrick in St. Petersburg, Newsky-Prospect A» 8. 
und in Paris bei unseren General-Agenten entgegengenommen. 
Les annonces frangaises sont regues exclusivement & Paris 
chez Messieurs G. E. Puel de Lobei & Cie., Rue Lafayette 58. 

Manuscripte sowie alle auf die Redaction bezüglichen Mittheilungen 
bittet man an den geschäftsführenden Redacteur Dr. Theodor 
v. Schröder (Malaja Italjanskaja, Haus 33, Quart. 3) zu richten. 

1888. 


St. Petersburg, 9. (21.) Januar 


Inhalts Mittheilungen aus der Vorpater chirurgischen Klinik. W. Zocge-Mauteuffel: I. Ein Beitrag zur Technik ucd 
Casuietik der Fussresection nach Wladimirow-Mikulicz. U. Eine Cyste der Zunge. — Referate. Gräber: Zar klinischen Diagnos¬ 
tik der Chlorose. — H. Eisenhart: Antifebnn als Antirheumaticum. — H6rard: Ueber die Fluorwasserstoffsäure bei Behand¬ 
lung der Phthise. — Bücher-Anzeigen und Besprechungen . J. Babel: Ueber Lues congenita tarda. — Vermischtes. — Mortalitäts- 
Bulletin St. Petersburgs . — Vacamen . — Anzeigen . 


Mittheilungen aus der Dorpater chirurgischen Klinik. 
I. Ein Beitrag zur Technik und Casuistik der Fuss- 
resection nach Wladimirow-Mikulicz. 

Von 

Dr. WTZbe'ge-Manteuffel, 

I. Assistent der ebir. Klinik. 


In Nachstehendem erlaube ich mir eine Modifiration des 
W 1 a d. - M i k.’scben Operationsverfahrens der Oefifentlich- 
keit zu übergeben und im Anschluss daran über zwei typisch 
resecirte Fälle zu berichten. 

Bei der Mannigfaltigkeit der cariösen Processe der Fuss- 
wurzelknochen und den complicirten anatomischen Verhält¬ 
nissen dieser Gegend muäs jedes neue Operationsverfahren, 
sei es auch nur eine Modification oder Erweiterung des 
schon Bekannten, als erwünscht betrachtet werden. Je 
grösser die Anzahl der zur Verfügung stehenden Varianten, 
um so eher ist auch der Operateur in der Lage sich für den 
einzelnen Fall eine passende Schnittführung auszuwählen. 
Dabei geniesst er vor dem atypisch Operirenden den Vor¬ 
theil, mit bereits bekannten, mechanisch erprobten Resul¬ 
taten rechnen zu dürfen. 

Fall 1. Maddis Sawi, 18 J. a., auigen. den 16. Sept. 1887, 
giebt an bis Mitte December 1886 stets gesund gewesen zu 
sein. Um diese Zeit bemerkte er eine Schwellung unterhalb 
des äusseren Knöchels des linken Fusses und schmerzhafte 
Behinderung der Bewegung. Bald darauf bildeten sich ei¬ 
ternde Fisteln. 

Status präsens. Patient ist anämisch, schlecht genährt. 
Der linke Fuss plantar flectirt, leicht supinirt. Die Fläche 
des Tibiotarsalgelenkes, sowie die Umgebung der Malleolen 
beträchtlich geschwollen. Die Hautdecken vorne über dem 
Sinus tarsi, nach hinten, abwärts und aufwärts von den Mal¬ 
leolen, namentlich zu beiden Seiten der Achillessehne bis 
etwa eine Handbreit oberhalb des Fersenhöckers geröthet, 
teigig infiltrirt und von eiternden Fisteln durchbrochen. 
Bewegungen im oberen und unteren SpruDggelenk behindert 
und äusserst schmerzhaft. 

Die Diagnose lautet auf fungöse Erkrankung des oberen 
uud unteren Sprunggelenkes. i 


Bei der Beschaffenheit der Weichtheile an der hinteren 
Seite konnte die typische Resection des Fussgelenks nicht 
mehr in Betracht kommen, sondern nur die Operation nach 
Wl.-Mik. Aber auch hier musste eine andere Schnitt- 
fflttung in’s Auge gefasst werden, um Ersatz für den sehr 
hoch nach hinten und aufwärts reichenden Weichtheilverlust 
zn bieten und die gesunden Weichtheile der Fussohle, resp. 
den noch gesunden unteren Abschnitt des Calcancus zu er¬ 
halten. 

Da Professor von Wahl mir freundlichst die Operation 
überlie8B, so führte ich sie den 21. Sept. in folgender Weise 
aus: 

Statt nach der Angabe von Mikulicz das Messer von 
den Malleolen in schrägem Steigbügelschnitt quer durch die 
Sohle zu führen, begann ich den Schnitt über dem Os navi- 
culaie und liess ihn parallel zur Fusssohle auf die andere 



Seite bis zum äusseren Rande des Os cuboidcum laufen 
0 a , b). Von den Endpuncten dieses horizontalen Schnittes 
stiegen nun beiderseits zwei Schnitte (a, c) schräg nach auf¬ 
wärts UDd hinten über die Malleolen an und wurdeu etwa 
eine Handbreit oberhalb des Fersenhöckers in gesunder Haut 
durch einen Querschnitt ( c , d) vereinigt, welcher gleichzeitig 
auch die Achillessehne vollständig durchtrennte. Eröffnung 
des Talo-cruralgelenkes von hinten und Durchsäguug des 

Calcaneus in der horizontalen Linie (a, b). Nach Auslösung 

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14 


des Talus und Calcaneus im C h o p a r t'sehen Gelenk, wer¬ 
den die Unterschenkelknochen 8 Ctm. oberhalb der Gelenk¬ 
linie, Os cuboideam und naviculare etwa in der Mitte abge¬ 
sägt und der Fersenlappen nach aufwärts geschlagen. Meinen 
anfänglichen Plan, den Fersenhöcker au die hintere Fläche 
der Tibia anzunageln und auf diese Weise solide knöcherne 
Fixation des Fersenlappens zu gewinnen, musste ich leider 
aufgeben, da der Calcaneus osteoporotisch war und eine 
Auslöffelung des erweichten Marbgewebes dringend geboten 
schien. Die Corticalschicht des Knochens nebst dem Periost 
liess sich jedoch noch erhalten. Alle Säge- und Schnitt¬ 
flächen adaptiren sich vorzüglich. 

Subcutane Durchtrennung der Flexoren in der Planta 
pedis. 

Weichtheile durch Knopfnähte geschlossen, 2 Drains. Ein 
Jodoform • Sublimatgaze • Eisenbandschienen - Verband fixirt 
den Fuss und hält die Zeheu in Dorsalflexion. 

28. Sept. Verbandwechsel. Nähte und Drains entfernt. 
Prima intentio. 1—2 Mm. breite oberflächliche Raudgan- 
grän am Fersenlappen. Eine Drainöffnung seceinirt etwas. 
Eisenschienen, Gypsverband. 

5. Oct. Verbandwechsel, lineare Vereinigung der ganzen 
Wunde, Drainstellen noch offen. Zehenstellung vorzüglich. 
Sensibilität der Zehen normal. 

11. Oct. Gehversuche mit Krücken. Keine Schmerzen. 

Die Temperaturen hatten im Verlaufe nicht 38,5 über¬ 
stiegen. Vom 12. Tage ab normal. Nach forcirten Geh¬ 
versuchen, die Patient wider Erlaubniss unternimmt, steigt 
die Temp. bis 39, um bei Bettruhe wieder zur Norm zurück- 
zukebren. 

23. Oct. Verbandwechsel. Die grannlirenden Drain- 
wunden mit Lapis gebeizt. Gypsstiefe). Gehversuche. Pat. 
kann sich fest auf den operirten Fuss stützen, empfindet 
keine Schmerzen. 

Im weiteren Verlaufe erholt Pat. sich immer mehr. +Am 
ergiebigen Gebrauch des operirten Fusses hindert ihn an¬ 
fangs eine Schmerzhaftigkeit in den Metacarpophalangeal- 
gelenken, nachher ein 10-kopekenstückgrosser Decubitus 
am Hallux. 

9. Nov. Wasserglasverband. Der Weichtheiiwulst am 
Dorsum pedis hat sich erheblich zurückgebildet. Wunde 
durchweg verheilt, vernarbt. Der 
Fuss ist activ und passiv etwas im 
Sinne der Flexion beweglich, doch kann 
Patient die ganze Körperlast dem ope¬ 
rirten Fusse an vertrauen. Eine we¬ 
sentliche Verlängerung ist nicht zu 
constatireo. Pat. läuft den ganzen 
Tag mit einer Krücke in den Corri- 
doren und auf den Treppen der Klinik 
umher. 

Pat. erhält einen Stiefel ähnlich 
dem P i r o go w’schen. Gut sch 
hat im Langenbeck 'sehen Arch. 

Bd. 34, pag. 501 eine Erweiterung 
desWladimirow-Mikulicz- 
schen Verfahrens nach oben hin, cen- 
tralwärts angegeben — wir können 
unsere Modification als eine Erweiterung nach abwärts be¬ 
zeichnen und zwar als eine Erweiterung des Principes der 
möglichsten Erhaltung noch brauchbarer Theile. 

Wir konuten uns davon überzeugen, dass die immerhin 
schmale Brücke genügend Gefässe führt, um auch einen viel 
grösseren Theil des Fusses, als er bei der typischen Opera¬ 
tion nach W1. • M i k. nachbleibt, vollkommen und ergiebig 
zu ernähren. Ferner ist das kosmetische Resultat vorzüg¬ 
lich, wie obenstehende Zeichnung illustrirt. 

Was nun schliesslich die Gebrauchsfähigkeit anlangt, so 
können wir schon jetzt ein erwünschtes Resultat consta- 
tiren, selbst wenn die geringe Beweglichkeit in der Flexions¬ 
richtung bestehen bleiben sollte. 

Fall 2. Karl Swaigsne, 45 a. n.,aufgen. den 2. Sept., ent¬ 


lassen d, 3. Dec. 1885, Vater von 7 gesunden Kindern, giebt 
an, sein Vater sei an einem dem seinen ähnlichen Leiden im 
Alter von 37 Jahren gestorben. Er selbst ist bis vor 10 
Jahren stets gesund gewesen. In seinem 35. Lebensjahre 
entstand ohne bekannte Veranlassung an der Ferse ein ca. 
1-kopekenstückgrosses Geschwür. Bald darauf zeigte sich 
ein ähnliches an der äusseren Fläche des Unterschenkels, 
etwa eine Handbreit über dem Malleolus lateralis, welches 
jedoch bald heilte, und war Pat. darauf 3 Jahre gesund. 
Dann trat ein ähnliches Geschwür Uber der Sehne des Ext. 
digit. minimi auf. Auch dieses Geschwür heilte. Bald 
darauf, 4 Jahre nach den ersten Erscheinungen, brach das 
Geschwür an der Ferse wieder auf und breitete sich schmerz¬ 
los aus. 

Am 6. Februar 1885 wurde Pat. in die medicinische Kli¬ 
nik aufgenommen. 

Es fand sich ein oberflächliches Geschwür mit schlaffen 
Granulationen von blassröthlicher Farbe, welches fast gar- 
nicht secernirte und vollkommen schmerzlos war. Fortge¬ 
setzte Aetzungen mit Arg. nitric. blieben erfolglos. Nach 
3 Wochen wurde Patient aus der therapeutischen Klinik 
entlassen und will schon damals einen schwarzen Fleck in 
der Wunde bemerkt haben, der sich in der Folge zusehends 
vergrösserte, was Patienten veranlasste, sich am 2. Sept. in 
die chirurgische Klinik aufnehmen zu lassen. 

Status präsens. Gesund aussehender, kräftig gebauter 
Mann. An der Ferse des rechten Fusses ein kreisrundes 
Geschwür von 7 Mm. Durchmesser, mit scharfen Rändern, 
dunkel-grauröthlichem, fast schwarzem Boden, auf dem 
hier und da Epidermisinselo (?) zu bemerken sind. 

Ueber die Fläche des Geschwürs, das wie mit Kohlen¬ 
staub besprengt erscheint, zieht sich ein fibröser Belag, nach 
dessen Entfernung die Gescbwürsfläche beträchtlich blutet. 
Nach einer Seite bin ziehen sich dunkel gefärbte Fortsätze 
unter die Haut der Umgebung. Diagnose: Melanotisches 
Sarcom. 

Operation den 7. Sept. (Prof. v. Wahl). Esmarch- 
sche Blutleere, Schnitt typisch nach Mikulicz. 2 Knochen¬ 
nähte, 4 Drains. Keine Matratzennähte durch die dorsale 
Falte. Jodoform-Sublimatgaze-Verband. 8., 11., 12., 15. 
Verbandwechsel. Am 16. ein kleiner Abscess an den Pe- 
ronäi eröffnet. Täglicher Verbandwechsel. Draineiterung. 
Die Temperatur bewegt sich dabei um 39. Am 27. sämmt- 
liche Nähte entfernt. Drainstellen und die Stelle des Ab- 
Bcesses granuliren gut. Seoret massig. 

17. Oct. Wunde vollkommen verheilt. Gehversuche 
können mit Krücken schmerzlos ausgeführt werden. Im 
Gypsverband entlassen. 

Am 12. November macht Pat. sich wieder vorstellig mit 
einem mandelgrossen schwarzpigmentirten Tumor im subcu- 
tanen Zellgewebe der Kniekehle: Exstirpation, Naht, Drain. 

19. Nov. Prima Intentio. 

26. Nov. Exstirpation eines linsengrossen Recidivs am 
medialen Fussrande in der Operationsnarbe. 

3. Dec. wird Pat. vollkommen gebeilt entlassen: feste (Kon¬ 
solidation. Pat. geht ohne jede Prothese und ohne Ver¬ 
band mit dem Stock. 

Alle Tumoren erwiesen sich als melanotische Sarcome. 

Fall 3. Andreas Pelp, 25 a. n., aufgen. den 7. Jan., entl. 
den 3. April 1887, leidet seit 6 Jahren beständig an Hasten, 
Im September 1885 bemerkte er am linken Fusse eine 
schmerzhafte Schwellung, die allmälig zunahm. Im Au¬ 
gust 1886 bildete sich an der inneren Seite des Fusses eine 
Fistel, die Eiter secernirte. Die Schmerzen machten den 
Gebrauch der kranken Extremität unmöglich. 

Stat. präs. Pat. ist von mittlerem Wüchse und recht redu- 
cirtem Habitus. Linke Extremität beträchtlich abgemagert; 
der Fuss hängt in Plantarflexion schlaff herab, die Gruben an 
den Malleolen sind verstrichen. Am Malleol. medialis eine 
Fistelöffoung, die zwischen Tendo Achillis und Artic. tibio- 
tarsalis führt. Palpation ergiebt teigige Beschaffenheit der 




15 


Schwellung und Schmerzpuncte am Sinus tarsi und am Cal- 
caneus. 

Diagnose: Fungus tarsi. 

I. Operation 31. Jan. Ausschabung von der Fistelöffnung 
aus. 5 Ctm. lange Contraapertur auf den Sinus tarsi in der 
Lfingsacbse des Fusses. Evidement fast des ganzen Talus 
und eines Tbeiles der Tibiagelenkfläche. 

Ein durchgeführtes Drainrohr sichert den Abfluss. Jo- 
doform-Sublimatgaze-Verband. Häufige Verbandwechsel. 
Am 12. bildet sich eine neue Fistel am Malleol. lateralis, die 
ebenfalls ausgeschabt wurde- Am 27. Evidement wiederholt. 

Am 7. März. Operation nach W1 a d. - M i k u 1 (Prof. v. 
W a h 1). Unter Blutleere typische Schnittführung, wo¬ 
durch die Incision am Sinus tarsi in der Brücke bleibt. Evi¬ 
dement einiger weiterer Fistelgänge nach dem Vorderfusse 
(Os cuboid. und navicul.J. Tenotomie der Flexoren. 2 Drains. 

Jodoform-Sublimatgaze-Eisenbandschienen-Verband. 

Es finden sich käsige Herde in den Gelenkenden der Un- 
terscbenkelknochen. Zerstörung des Talus und des vorde¬ 
ren Abschnittes des Calcaneus, nur das Sustentaculum tali 
ist erhalten. 

Am 12. Entfernung der Drains. 17. Entfernung der Nähte. 

20. März-Gypsverband. Am 25. Gehversuche. Am 27. 
Stützapparat. Da Pat. erklärt mit dem Stützapparat nicht 
geben zu können, wird er am 3. April mit Eisenscbienen- 
Gypsverband und 2 Krücken entlassen. 

Die abendlichen Temperaturen vor der Operation schwan¬ 
ken zwischen 37,1 und 39. Nach der Operation höchste 
Temperatur 38,5. Allmäliger Abfall. 

Pat. war bis zu seiner Entlassung durch die lange Eite¬ 
rung vor der Operation beträchtlich erschöpft und abge¬ 
magert. Anfang Juni macht Pal. sich wieder in der Klinik 
vorstellig und hat sich so erholt, dass er kaum wiederzuer¬ 
kennen ist. Geht mit Gypsverband, Krücke und Stock. 
Wunde verbeilt bis auf 2 Fistelgänge an den Drainstellen. 
Cohsolidation noch nicht vollständig. 

Laut schriftlicher Meldung vom 24. Oct. sind die Wunden 
vollkommen verheilt und kann Pat. mit einer Krücke gehen. 
Das Allgemeinbefinden ist gut. 

Im «Wratscht 1886, N» 41 zählt M a t w e j e w 27 Fälle 
von Operationen nach Wladimirow-Mikulicz auf. 
Rechnen wir hinzu einen Fall von Fenger (Fungus. Centrbl. 
87, M 23), zwei von H e 1 f e r i c b (Fungus. Gohnstädt, 
Inaug.-Dissert. Greifswald 87, ref. Centralbl. 1887, 39) 

und unsere 3 Fälle, so erhalten wir im Ganzen 33 Fälle, 
welche sich, wenn wir uns der Eintheilung Matwejew’s 
anschliessen, folgendermaassen vertbeilen: 


1. Gariöse Processe.25 Fälle 

2. Neubildungen.3 » 


3. Traumatische Zerstörung der Ferse .... 3 » 

4. Ulcerative Processe nicht tuberculöser Natur 2 » 

33 Fälle. 

Kategorie 2, 3, 4 sind bis auf einen Fall, dessen Resultat 
nicht bekannt ist, sämmtlich mit guter Function ausgeheilt. 
Von den wegen Tuberculose operirten sind als voll¬ 


kommen geheilt zu bezeichnen.. . 11 

Nur mit einer Prothese können gehen. 6 

Amputirt wurden nachträglich. 5 

Gestorben an allgemeiner Tuberculose. 2 


Noch au8stebende Heilungen (Gohnstädt) . . 1 

_ 25 

Zum Schlüsse noch einige Bemerkungen über die Schie- 
nung der operirten Extremität. Da es durchaus wünschens- 
werth ist, die zum Auftreten nothwendige dorsale Flexion 
der Zehen gleich von vorneherein zu sichern, so haben wir 
in allen Fällen über den antiseptischen Verband zwei mit 
Filz unterpolsterte Eisenbandschienen applicirt (etwa 50 
Ctm. lang, 5 breit und 0,3 Ctm. dick), die, den Zehen genau 
in der gewünschten Stellung adaptirt, dieselben zwischen 
sich fassen und den Fuss am Unterschenkel sicher fixiren. 


Dieselben Schienen lassen sich später in den Gypsverband 
einscbalten und geben demselben grössere Festigkeit. Mit 
diesem Verbände haben wir unsere Patienten schon nach 
Ablauf von 14 Tagen aufstehen und umbergehen lassen, was 
für die Aufbesserung des Allgemeinbefindens natürlich von 
grosser Bedeutung ist. 


II. Eine Cyste der Zunge. 

In Nachstehendem erlaube ich mir einen Fall von einer 
Cyste des Zungenrückens, den ich in den Sommerferien 1887 
hierselbst beobachtete, zu veröffentlichen, der als ein Uni- 
cum zu bezeichnen ist, es sei denn, dass ähnliche Publika¬ 
tionen, vielleicht wegen der schweren Erklärbarkeit des Vor¬ 
kommens von Cysten am vorderen Tbeil des Zungenrückens 
und wegen des immerhin geringen klinischen Interesses, bis¬ 
her zurückgehalten worden sind. In diesem Falle dürfte 
eine Veröffentlichung vielleicht weitere im Gefolge haben 
und so zur Klärung der Aetiologie dieser Erkrankungsform 
beitragen. 

Herr Julius E., 50 J. a., giebt an seit dem Nov. 1886 
eine Schwellung der Zunge bemerkt zu haben, die in Inter¬ 
vallen, ohne Schmerzen zu verursachen, zunahm und in letz¬ 
ter Zeit so beträchtlich geworden sei, dass sie eine wesent¬ 
lichere Sprachstörung bedingte und Pat. hinderte feste 
Speisen zu geniessen. Ausserdem batte sich an einer Stelle 
eine schwärzliche Verfärbung der Oberfläche gezeigt, die 
Pat. zu dem Glauben brachte, es bandele sieb um Krebs. 
Pat. hat die Gewohnheit sich den Zungenbeleg mit einem 
stumpfen Messer abzuschaben. 

Status präsens. Patient spricht lallend. Auf dem Zur.- 
genrücken wölbt sich, vollkommen symmetrisch in Gestalt 
und Grösse eines halben Hühnereies ein von unveränderter 
Schleimhaut überkleideler Tumor vor, der rings in der 
Breite von ca. l'/a Ctm. den unveränderten Zungenrand frei 
lässt und hinten nicht ganz bis zu den Papillae vallatae 
reicht. Nirgends abnorme Farbenveränderungen zu be¬ 
merken. Nur auf der linken Zungenhälfte 2 Fingerbreit vor 
den Pap. vallat. findet sich eine ca. 20-kopekenstückgrosse 
sebwarzbraun verfärbte Stelle, die pallisadenartige Excre- 
scenzen erkennen lässt. Zungenboden, sowie die ganze übrige 
Schleimhaut des Mundes zeigt keinerlei abnorme Verände¬ 
rungen. 

Die Palpation erweist exquisite Fluctuation in dem Tu¬ 
mor. Die Welle derselben lässt sich nur im Bereich des 
Tumors, nicht nach dem Mundboden oder durch die Sub¬ 
stanz der Zunge nach der Basis derselben verfolgen. 

Die pallisadenartigen Excrescenzen lassen sich mit dem 
Spatel ohne weiteres emfernen, ohne dass ein Defect zurück¬ 
bleibt. Sie erweisen sich als gewucherte und verhornte Pap. 
fili- und fungiformes (mikroskopisch bestätigt). 

Die Consistenz, Dauer und Schmerzlosigkeit, sowie die 
exquisit regelmässige, symmetrische Gestaltung machten da3 
Vorhandensein einer Cyste unzweifelhaft. 

Um den Inhalt möglichst rein zu erhalten, aspirirte ich 
ihn mit der Pravaz’schen Spritze und erhielt 30 Ccm. 
einer milchig getrübten, leicht opalisirenden Flüssigkeit. 

Eine Incision von ca. I 1 /* Ctm. Länge entleerte noch ei¬ 
nige Ccm. derselben Flüssigkeit. Der in die Cyste einge¬ 
führte Finger constatirte gleichmässige glatte Wandungen 
und palpirte deutlich die plane sich contrahirende Muscula- 
tur am Boden der Cyste. In sagittaler Richtung verläuft 
eine deutliche Furche — das Septum linguae. Die deckende 
Wand der Cyste wird durch die Schleimhaut und Submu- 
cosa in einer Dicke von ca. 2 Mm. gebildet. 

Ausschabung mit dem scharfen Löffel entleert nichts. 

Ausspülung mit Thymol. Ein eingelegtes Drainrohr ver¬ 
hindert das Aneinanderlegen der Wundränder und sichert 
den Abfluss der Secrete. 

Von einer Iojection irgend einer reizenden Flüssigkeit 
stand ich ab, da ich Pat. nicht ständig unter Augen haben 
konnte. 


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2 * 









Abend8 stieg die Temperatur auf 38 und stellte sich eine 
ziemlich beträchtliche Schwellung ein, die nach Behandlung 
mit Eis abfiel. 

Weiterhin reactionsloser Verlauf. Die Cysteuwände legen 
sich glatt an einander. Aus dem Drain entleeren sich mini¬ 
male Spuren leicht eitrig getrübten Secretes. 

Nach 8 Tagen Entfernung des Drains. Nach weiteren 8 
Tagen stellt sich Pat. vollkommen geheilt vor: Sprache un¬ 
behindert, die Gestalt der Zunge unterscheidet sich in nichts 
von einer normalen. Die kleine Narbe kaum zu bemerken. 

Bis dato ist kein Recidiv erfolgt. 

Die mikroskopische Untersuchung des Gysteninhaltes er¬ 
gab : Schleimkörperchen von wechselnder Grösse, von den 
kleinsten bis zu grossen Schleimkugeln. 

Die chemische Analyse war Prof. Carl Schmidt so 
liebenswürdig persönlich auszuführen, wofür ich ihm hier 
meinen verbindlichsten Dank ausspreche. Sie ergab: 

«Dickliche fadenziehende, farblose, opalisirende Schleim¬ 
masse, alkalisch, bei 37® Stärkekleister nicht verändernd; 
kein Speicheldriisensecret. 

Mit Essigsäure angesäuert und gekocht, giebt sie keine 
Coagulation, wird nur etwas dicker, gallertig. Ebensowenig 
giebt Salpetersäurezusatz Coagulation oder Flockennieder- 
scblag. 

Durch Fliesspapier, selbst bei starker Verdünnung mit 
Wasser nicht filtrirbar. 

Durch Alcohol vollständig zu dicken Schleimfäden coagu- 
lirend. 

Mit Wasser verdünnt, durch Essigsäure und Ferrocyan- 
kalium keine Flockenfällung, nur wird die Masse gelatinöser, 
dicklicher. 

Diese Qualitäten charakterisiren die Substanz als Mucin. 

Quantitative Analyse: 

In 100 Theilen: 

95,396 Wasser 

3,946 Mucin und organische Stoffe 
0,658 mineralische Bestandtbeile. 

Für weitere Analysen war die Quantität zu klein». 

So wenig klinisches Interesse dieser Fall auch beansprucht, 
so sehr verdient er ein solches in patbolog.-anatomischer 
Hinsicht. Denn erstens sind in der Literatur nirgends An¬ 
gaben über auch nur ähnliche Bildungen zu finden. 

Zweitens ist nach H e n 1 e (Handbuch der systematischen 
Anatomie, pag. 129 und 133. 1886) gerade die Partie des 
Zungeurückens, die von Papillae fili- und fungiformes be¬ 
setzt ist, bar aller drüsigen Apparate. Und gerade in die¬ 
sem Theil liegt die beobachtete Schleimcyste und zwar so 
genau, dass sogar der Rand, der noch hier und da Schleim¬ 
drüsen aufweist, präcise freigelassen wird, desgleichen die 
unten im Transversus vorkommenden Schleimdrüsen ausge¬ 
schlossen sind. Wäre der Tumor aus einem Fortsatz des 
Foramen coecum entstanden, so müsste die Cyste mehr nach 
hinten liegen. Doch kann der Fortsatz des For. coecum 
auch weiter nach vorne reichen; dann theilt er sich jedoch 
gablig und kann nimmer Veranlassung zur Bildung einer 
symmetrischen Cyste geben. Ausserdem sind diese Miss¬ 
bildungen am For. coecum verhältnissmässig häufig, müssten 
also auch häufiger die Bedingungen zur Entstehung solcher 
Cysten geben. 

Es bleibt nichts übrig als eben keine besondere schon be¬ 
obachtete anatomische Grundlage für Entstehung der Cyste 
verantwortlich zu machen, sondern anzunehmen, dass eine 
verirrte Schleimdrüse und accidentelle Reize hier in zufälliger 
Combination die Bedingungen zur Entstehung unserer Cyste 
gegeben haben. 

Dorpat, November 1887. 

Referate. 

Gräber: Zur klinischen Diagnostik der Chlorose. Vortrag 
auf der Naturforscherversammlung za Wiesbaden. (Therap. 
Monatsh. 10). 

Verf. hat die in den neuesten Lehrbüchern aufgestellte Vermuthang, 


dass bei der Chlorose die wesentlichste Veränderung des Blates im 
einer Oligochromämie, einer Verminderung des Hämoglobingehaltea 
bestehe, an 28 Chlorotischen in der y. Ziemssem’schen Klinik 
geprüft. Er benutzte hierbei dasThoma-Zeiss ’scbe Zähl verfah¬ 
ren und die V i e r o r d t ’sche spectrophotometrische Methode, be¬ 
stimmte den %gehalt der verschiedenen Leukocytenformen und 
prüfte bei 15 Kranken den Alkalescenzgrad des Blutes nach Lau* 
dois. Seine Untersuchungen ergaben in allen 28 Fällen folgendes 
übereinstimmende Resultat: 

Die Blutkörperchenzahl Bewegt sich im Bereich des Normalen , 
während der Jadmoglobingehalt sehr Beträchtlich herabgesetzt ist ; 
die Leükocyten zeigen in dieser Krankheit normales Verhalten, 
dagegen lassen die rothen Blutkörperchen in Form und Grösse 
mehr oder weniger ausgeprägte Alterationen erkennen . 

Als Mittelwerthe fand Gr. folgende Zahlen: Anzahl pro Qmm. 
4,482,000; Hämoglobingehalt 5,2%; durchschnittliche Grösse der 
rothen Blutkörperchen7,5p.—5,Op(Maximum 11,5p., Minimum5,0p.); 
die durchschnittliche Grösse gesunder rother Blutkörperchen beträgt 
7^6 —7,9^, mithin sind diese bei Chlorotischen durchschnittlich um 
ein Geringes verkleinert. 

Eine vergleichende Untersuchung an 22 Nichtohlorotischen ergab, 
dass die der Chlorose eigenthümliche Abnormität der BlutbescbaSen- 
beit bei keiner anderen Erkrankung des Blutes vorkommt und dass 
die Chlorose unter schwächenden Einflüssen in Anämie übergehen 
kann; Vf. fand, als Illustration für seine Behauptung, dass bei einer 
3 Jahre alten Chlorose, von welcher die anämisirenden Einflüsse fern¬ 
gehalten wurden, keine Oligocythämie eingetreten war, wodurch der 
Satz, dass bei der Chlorose die Zahl der Blutkörperchen sich vermin¬ 
dere, hinfällig wird. 

Hinsichtlich der Therapie der Chlorose bemerkt Veif., dass diese 
von der der Anämie (Oligocythämie und Hydrämie) abweicht, indem 
diätetische Maassregeln und kleine Eisendosen ohne Erfolg bleiben, 
während grosse Gaben von Martialien rasch bessern; Verf. braucht 
nur B1 a u d ’Scbe Pillen. In allen Fällen blieb währerd der Behand¬ 
lung die Blutkörpercbenzahl gleich, nur der Hämoglobingehalt stieg 
und fiel. Der Umstand aber, dass der Farbstoffgehalt des Blutes 
nie seinen vollen Normalwerth erreicht, lässt Verf. an der Heilbar¬ 
keit der Chlorose zweifeln. 

Ausserdem fand Gr. eine stärkere Alkalescenz des Blutes Chloro- 
tiscber, während bei Anämischen das Blut schwächer alkalisch, als 
normal, ist. Auf Grund der Untersuchungen von Meyer und K o - 
ber t, welche auf dem indirecten Wege der Kohlensäurebestimmung 
in Folge acuter und chronischer Eisenvergiftung Abnahme der Alka¬ 
lescenz naehwiesen, spricht Verf. die Vermuthung aus, dass die the¬ 
rapeutische Wirksamkeit des Eisens Bei der Chlorose eine alkali¬ 
entziehende Bedeutung habe; auch erkläre sich der Erfolg der Säure¬ 
darreichung bei der Chlorose hierdurch in ungezwungner Weise. 

Verf. resümirt die Ergebnisse seiner Untersuchungen folgender- 
maassen : 

Die Chlorose ist eine reine Krankheit des Blutes; sie erweist sich 
durch den übernormalen Alkalescenzgrad desselben, als eine chemi¬ 
sche Störung des Plasma, welche mit Alterationen der Form, Grösse 
und Färbekraft der rothen Blutkörperchen einhergeht. Ihre Diagnose 
ist bedingt durch 

/) gesteigerte Alkalescenz des Blutes , 

2) normale Blutkörperchenzahl Bei vermindertem Hämoglo- 
Bingehalty 

3) normales Verhalten der Leükocyten . 

Eine ausführliche Arbeit über diesen Gegenstand wird nächstens 
erscheinen. H z. 

H. Eisenhart: Antifebrin als Anti rbeumaticum. (Münch, 
med. Wochensch. AK 24). 

Die Beobachtungen sind im Münchener Krankenhause gemacht 
worden an 34 Kranken, von denen 20 zum ersten, 8 zum zweiten 
Male und sechs noch öfter von der Krankheit befallen waren. Von 
ihnen zeigten beim Eintritt 21 afebrile Temperaturen, 8 hatten Tem¬ 
peraturen bis zn 39°, fünf solche von über 39—40°; 17 zeigten 
schon beim Eintritt deutliche Erscheinungen von Seiten des Herzens, 
20 mehr oder minder starke Schwellung eines Gelenkes, 6 periarticu- 
läres Oedem, 8 keine nachweisliche Veränderung an den Gelenken. 
In 5 Fällen blieb Antifebrin wirkungslos, in dreien von diesen half 
Natr. salicyl., in den beiden anderen blieb auch dieses erfolglos. 
Viermal traten noch im Hospitale Recidive anf, die aber schliesslich 
anch durch Antifebrin beseitigt wnrdeu. ln allen Übrigen Fällen 
schwanden die Schmerzen und das Fieber schon nach den ersten 
Gabeu, die Gelenkschwellung verlor sich und die Heilung trat am 
3.--6. Tage ein. Von den 17 ohne Herzaffection eingetretenen 
Kranken blieben 13 frei von einer solchen, drei erkrankten aber daran 
noch während des Aufenthalts im Hospital. Die Anwendung ge¬ 
schah in der Art dass 6—8 mal täglich Dosen von 0,25 gegeben 
wurden, etwa drei Tage lang, dann wurde das Mittel probeweise 
für einen Tag ansgesetzt und dann noch prophylaktisch durch einige 
Tage in kleiner Dosis (4 Grm. täglich) fortgegeben, ln einigen 
Fällen genügen diese kleinen Dosen nicht; dann sind 3—6 mal täg¬ 
lich zu 0,5 gegeben worden. Eine weitere Steigerung hält Verf. 
nicht für räthlioh, einerseits weil in Fällen, welche anf die angege¬ 
benen Dosen nicht reagiren, auch grössere nichts nützen, andererseits 
weil bei noch grösseren Dosen leicht unangenehme Nebenwirkungen 
eintreten, namentlich eine recht unheimlich anssehende Cyanose. 


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17 


Die anftretenden Scbweisse pflegen nicht sehr stark zu sein, werden I 
in einzelnen Fällen aber doch profas. Einmal ist ein eigenthüm- 
liches masernähnliches Exanthem beobachtet worden, welches aber 
das Gesicht frei Iiess } nach 3 Tagen schwand nnd von leichter kleien¬ 
förmiger Abschuppung gefolgt war. Der Harn zeigte nur in 3 Fäl¬ 
len eine deutliche Zunahme; in 4 /‘ der Fälle batte er eine hellmoos- 
grüue Färbung, zwischen Icterus- nnd Carbolh&rn die Mitte haltend, 
bisweilen fand man eine rötbliche Nnauciruug, einmal eine dunkel- 
rothbraune Färbung. —t. 

H6r ar d: Ueber Fluorwasserstoflslure bei Behand¬ 
lung der Phthise. (Sitzung vom 22. November der Acadömie 
de Mödecine — nach Sem. med. 87/47, pag. 473). 

H. berichtet über die Arbeiten von Seiler undGarcin übe 1 
diese Frage. Die Anwendung der Fluorwasserstoffsäure datire erst 
seit ein paar Jahren, da man ihre Giftigkeit fürchtete, doch spräche 
dagegen das Wohlbefinden, besonders lungenkranker Arbeiter der 
KryStallfabriken von Baccarat und Saint-Louis. 

Auf Grundlage dieser Beobachtuug versuchten Bastien 1882, 
dann 1886Ch ar cot uudBouchard(in derSalp^tridre) die Phthise 
mit der Säure zu behandeln, jedoch mit wenig Erfolg, wahrscheinlich 
weil die Art der Anwendung unvollkommen gewesen sei. 

Seiler habe neuerdings bessere Resultate erzielt und* die von 
G a r c i n seien noch viel befriedigender. 

Nach Dujardin-Beaumetz’s und Ch6ry’s Untersuchungen 
sei die antifermentative und antiputride Eigenschaft der Fluorwas¬ 
serstoffsäure festgestellt, ebenso durch H. M artin ihre antibocilläre 
Natur. 

Die Anwendung sei verschieden. HenriBergeron lasse Dämpfe 
von Fluorwasserstoffsäure in statu nascendi vom Kranken, der sehr 
nahe beimGefässe, wo sie entwickelt würden, sitze, direct einathmen 
in einem geschlossenen Zimmer. Dujardin-Beaumetz lasse 
ein kleines hölzernes (8childer>Häuschen, in welchem der Kranke 
sitzt, mit dem Gase anfüllen. Seiler benutze einen Gutta percha- 
inhalator. Die beste Methode sei, in eine ad hoc errichtete Kammer 
eine Luft streichen zu lassen, die durch eine Fluorwasserstofflösung 
(Ac. fluorhydric. 150 Grm. Aq. 300 Grra.) durchgeführt (barbotö) 
worden ist. Die Kranken blieben eine Stunde in der Kammer, deren 
so zubereitete Luft alle \ Stunden erneuert werde. Man könne auf 
diese Weise im Maximum 30 Liter von mit Fluorwasserstoff gesät¬ 
tigter Luft in einem Cubikmeter gewöhnlicher Luft dem Kranken 
EUkommen lassen. 

Der Effect der Behandlung sei ltückehr des Appetits, Aufhören 
der Schweisse, Verschwinden von Uebelkeit und Diarrhoeen, Verrin¬ 
gerung und später sogar Schwinden des Fiebers, ebenso Verringe¬ 
rung der Dyspnoe und des Hustens, — Haemoptoe wurde nicht ber- 
vorgerufen, — Abnahme der Zahl der Bacillen. Die besten Resultate 
«eien in den frischeren Formen zu erzielen. N. 


BQcher-Anzeigen und Besprechungen. 

J. R a b e 1 (Bad Hall): Ueber Lues congenita tarda. Leipzig 
und Wien 1887. Toeplitz & Deuticke. 

R. ist Vertreter folgender Hypothese : Das syphilitische Virus — 
Mikrobe oder Zelle — verursacht an der Invasionsstelle eine eigen¬ 
artige gewebliche Reaction, den Primäraffect, gelangt dann in den 
Lymphstrom und das Blut und bleibt, wo es einen geeigneten Boden 
findet, haften ; vervielfältigt sich und führt zn den secundären Er¬ 
scheinungen. Nun kann, sei es nach antisyphilitischen Curen, sei es 
in Folge natürlicher Degeneration, das Virus zu Grunde gehen oder 
es bleiben lebensfähige Keime des Oontagiums so geartet oder so von 
lebendigem Gewebe eingeschlossen, dass sie zwar nicht vernichtet, 
aber an ihrer Vermehrung und Ausbreitung gehindert werden, bis 
sie durch irgend einen Zufall oder die Vorgänge des Stoffwechsels 
oder ihre eigene Lebensenergie dann wieder frei geworden, auf ge¬ 
eignetem Boden zu einem Recidive sich entwickeln. Ist seit der 
secundären Periode, mit oder ohne antisyphilitische Curen, eine ge¬ 
raume Zeit verflossen, so ist die noch vorhandene Generation des lue¬ 
tischen Contaginms viel weniger massenhaft, ist in ihren Lebensver- 
hältnisseu verändert (nicht mehr ansteckend) nnd kommt nur mehr 
in bestimmten Geweben zur Wirksamkeit, deren Reactionsäusse- 
rungen die tertiären Krankheitsformen sind. Ist z. B. der Vater die 
Quelle der kindlichen Erkrankung, so kann entsprechend obiger 
These — die väterliche Lues noch lebhaft im Körper verbreitet oder 
noch latent, aber bereits wieder in Vermehrung begriffen sein, und 
wird nun in grösserer Menge und Intensität auf den Keim über¬ 
tragen. Die Frucht hält diesen Angriff nicht aus — Abort, oder 
es wird ein Kind mit allen Zeichen congenitaler Lues geboren. 
Oder: Die Lues des Vaters war vollständig latent nnd bei der Zeu¬ 
gung wurden nur minimale Mengen eines abgeschwächten Conta- 
giams übertragen, die dann im kindlichen Organismus nicht zu 
Grunde gehen, irgend wo bestehen bleiben, aber erst später die Be¬ 
dingungen znr Vermehrung nnd zur Erzeugung jener Vorgänge 
finden, die später als Lues congenita tarda uns begegnen. Endlich : 
das auf das Kind übertragene Contagium gelangt überhaupt niemals 
mehr zur vollen Entwickelung und keine bestimmten luetischen 
Vorgänge, sondern nur eine allgemeine Kachexie oder Schwächlich¬ 
keit und die Disposition znr Scrophnlose, Tuberculose and Rhachitis 
ist die Folge. Nach R. giebt es Gewebsveränderungen bestimmter 


Organe, die der Scrophnlose uud der Lues congenita gemeinsam sind 
— ntraquistische Formen. Hierher vor Allem die Keratitis parenchy- 
matosa. 

An der Hand langjähriger, in grosser Praxis gewonnener Erfah¬ 
rung, sowie gestützt anf 127 Fälle sicher constantirter congenitaler 
Lues unternimmt es Verf. folgende Fragen zn beantworten: 

I. Giebt es eine Lues congenita tarda nnd von welchem Zeitpuncte 
des Lebens an dürfen wir die Lues congenita als tarda bezeichnen ? 

II. In welcher Weise kommt die Lues congenita tarda zur Erschei¬ 
nung ? 

HI. Hat das Geschlecht des syphilitischen Elterntheils einen Ein- 
flass anf die Zahl nnd die Form der Fälle ? 

IV. Hat die angeborene Spätsyphilis der Eltern noch einen Ein¬ 
fluss und welchen anf deren Kinder ? 

V. Schützt Lues congenita tarda vor syphilitischer Nenanstecknng ? 

Die erste Frage ist zu bejahen nnd zwar: treten die ersten Zeichen 

angeborener Lues erst nach Vollendung des ersten Lebensjahres anf, 
so ist von Lues congenita tarda sensu strictiori zu sprechen, sensu 
latiori ist aber jede Erscheinungsform der angeborenen Lues, welche 
nach dem ersten Lebensjahre auftritt, als Lues congenita tarda zn 
bezeichnen. 

Die zweite Frage anlangend folgende Tabelle: 

E lue congenita tarda wurden beobachtet: 

Knochen-nnd Gelenkleiden . . • . in 51,1896 sämmtl. Fälle 

Augenleiden. „40,98% „ „ 

Nasen-, Rachen- und Gaumenleiden . „ 38,58% „ „ 

Gummata nnd Geschwüre.„ 15,74% „ „ 

Drüsenleiden.„ 5,51% „ „ 

Viscerallues .„ 7,08% „ „ 

Leiden des Gehörorganes . . . . „ 6,30% * „ 

Am häufigsten combiniren sich Knochen* mit Angenleiden. Unter 
den Augenleiden prävalirt die Keratitis parenchymatosa. Mit 88,46%. 
Sie ist eine Aeusserung der Syphilis, welche vorwiegend der angebo¬ 
renen Lues znkommt. R. kennt nur 3 Fälle von Keratitis parench. 
bei erworbener Lues. Aber auch bei reiner Scrophnlose kommt Ker. 
parench. häufig vor; R. hält sie daher für eine ntraquistische Krank- 
heiteform. Als die Zeit des Erscheinens der ersten Symptome der 
angeborenen Spätsyphilis wird von den Autoren die Pubertätszeit 
allgemein angegeben. R. findet, dass die ganze Zeit von der zwei¬ 
ten Dentition bis znm Schlosse der Geschlechtsreifang der Entwicke¬ 
lung der Lues congenita tarda günstig ist. 

Für sämmtliche Erkrankungsfälle und beide Geschlechter liegt der 
Culminationspunct mit 10% im 12. Lebensjahre. 

Für das weibliche Geschlecht allein enthalten die Jahre 12 bis incl. 
16 — 37,6%. Es können viele Jahre nach der Infection vergehen, 
gesunde und gesundbleibende Kinder geboren werden, nnd dann an 
einem der jüngeren Lues congenita taraa zum Vorschein kommen. 

Die dritte Frage bleibt unentschieden. 

Die vierte Frage wird bejaht. 

Ad p. 5 lautet die Antwort «nein». 

Was die Prophylaxe der Lues cong. tarda betrifft, so tritt auch 

R. warm für eine intermittirende Behandlung während der Latenz¬ 

periode ein. Probecnren, um latente Lues wiederum zu wecken und 
dann erst zu behandeln, werden verdammt. Die Therapie verlangt 
vor Allem möglichst günstige Lebensverhältnisse. Für leichtere 
Formen genüge die Jodbehandlung oder eine Haller Cur. Bei schwe¬ 
ren Formen zunächst energisch Jod — wenn nöthig, mit Zusatz von 
Belladonna — nnd dann Schmiercur, oder Schmiercnr in Verbindung 
mit Haller Trink- nnd Badecur. Tinct. Fowleri leistet als Unter¬ 
st tttznngscur bisweilen ausgezeichnete Dienste. G—n. 

Vermischtes. 

— Ordensverleihungen. Den St. Annen-Orden I. Classe: den 
wirkl. Staatsräthen : dem Prof. emer. der ehemaligen medico-chirur- 
gischen Academie Dr. Kulakowski; dem Cnrator des westsibi¬ 
rischen Lehrbezirks, Dr. med. Florinski; dem Director nnd 
Oberarzt des Nikolai-Kinderbospitals zu 8t. Petersburg, Dr. Toma- 
sc hewski. 

Den St. St&nislatis* Orden I. Classe: dem ord. Professor der pa¬ 
thologischen Anatomie an der Moskauer Universität wirkl. Staats¬ 
rath Klein. 

Den St. Wladimir-Orden 111. Classe : dem früheren Oberarzt 
des Baknscben Marinehospitals Kaptschinski. 

— BefCn'dert. Zum Geheimrath: der Director des Katharinen- 
Kinderasyls in St. Petersburg Dr. Kanzler. Zum wirklichen 
Staatsrath: Der Flaggmann-Doctor der baltischen Flotte Dr. No¬ 
wik ; die älteren Ordinatoren am hiesigen Nikolai-Kinderhospital, 
Dr. S e v e r i n und Dr. R e i m e r. 

— Der Verwaltungsrath der «Gesellschaft russischer Aerzte zum 
Andenken an N. Pirogow» hat beschlossen, den anfänglich auf 
den April-Monat 1888 angesetzten III. Congress der Aerzte in 
St. Petersburg auf den 2. Januar 1HS9 zu verlegen. Der Grund 
für diesen Aufschub des Congresses ist bis jetzt nicht mitgetheilt 
worden. 

— Die Poltawasche Gouvernements-Landschafts-Versammlung 
hat der mittellosen Familie de8 in Krementscbng an Flecktyphus 
verstorbenen Landscb&ftsarztes Dr. Sbabotinski (cfr. Jahrg. 1887 

S. 426) eine jährliche Pension im Betrage von 500 Rbl. ansgesetzt, 
welche bis znr Volljährigkeit des jüngsten Kindes gezahlt werden soll. 


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— Die GeteUscha/t zur Beförderung des Gewerbefleisses in 
Moskau beabsichtigt zu ihrem 25jährigen Jubiläum eine Ausstel¬ 
lung zu veranstalten, welche vom 15. März bis 1. Mai 1866 dauern 
soll. Die Organisation der AbtLeilung für Htilfeleistung bei Unheil¬ 
baren, Verwundeten, Verstümmelten und der Abtheilung für erste 
Hülfeleistung bei Unglücksfällen hat Prof. Sklifossowski über- . 
nommen, die Abtheilung für Schulhygiene Prof. Erismann und 
die Abtbeilung für Gymnastik und Massage Dr. N.Hagmann. 

— In der letzten Generalversammlung der Mitglieder der medi- 
cinischen Hauptunterst ützungscasse wurden die der Reihenfolge 
nach ausscheidenden Comitöglieder und zwar der Präsident Dr. N. 
E. Mamonow und der Vicepräsident Dr. A. Batalin per accla- 
mationem wiedergewäblt. Ferner waren Dr. F. Stark und Dr. N. 

J. Tschistowitsch (ein Sohn des Gründers der Casse) um Ent¬ 
bindung von ihren Pflichten als Comitäglieder der Casse eingekom¬ 
men und zwar ersterer in Folge zerrütteter Gesundheit und letzterer 
in Folge Abcommandirung in’s Ausland. Die Versammlung be¬ 
schloss Dr. Stark ihren Dank auszusprechen für seine Verdienste 
um die Casse seit ihrer Gründung als nächster und thätigster Gehilfe 
des verstorbenen Präsidenten Dr« J. A. Tschistowitsch, wobei 
er während 15 Jahren die sehr beschwerlichen Functionen eines 
Secretairen der Hauptcasse ausgeübt, in den letzten Jahren aber 
beständig als Comitlglied fungirt bat. Die Glieder des Comitt’s 
beschlossen ihierseits als Zeichen ihrer Verehrung Dr, Stark ein 
Album mit den Photographien aller gewesenen und gegenwärtigen 
Comittglieder darzubringen. An Stelle der ausscheidenden Comitö* 
glieder Stark und Tschistowitsch wurden Dr. S. S, Bo tkin 
und Dr. J. A. Were wki n gewählt. Die Versammlung beschloss 
ferner auf Vorschlag des Vorsitzenden, bei der Unterstützuugscasse 
versuchsweise eine besondere selbständige Abtheüuna für weib¬ 
liche Aerzte zu errichten. (Wratsch). 

— Verstorben: 1) In Nikolajew (Gouv. Cbersson) der dortige 
junge Arzt M. C h o c h r j a k o w an der Schwindencbt. Der Verstor¬ 
bene hatte seine medicinische Ausbildung auf der St. Petersburger 
militär-medicinischen Academie erhalten. 2) In Padua der hervor¬ 
ragende Chirurg, Prof. Vanzetti, Director der dortigen chirurgi¬ 
schen Universitätsklinik, im 79. Lebensjahre. 3) In Paris der Redac- 
teur der cAnnales mädico-psychologiques», Dr. Foville. 

— Zu Anfang dieses Monats beging der Director der medicinischen 
Klinik in Leipzig, Prof. Dr. Ernst Wagner, sein 25jfihrige% 
Jubiläum als Professor Ordinarius . W., der früher den Lehrstuhl 
der pathologischen Anatomie inne hatte und gleichzeitig die Poli¬ 
klinik leitete, übernahm nach Wun der lieh’s Tode (1677) die 
Pirection der med. Klinik. 

— In Tübingen feierte der Professor der pathologischen Anatomie 
Dr. Zenker ebenfalls sein 25jähriges Professorenjubiläum. 

(A. m. C.-Ztg.) 

— Pasteur ist wegen seines angegriffenen Gesundheitszustandes 
von dem Amte eines ständigen Secretären der Pariser Academie der 
Wissenschaften zurückgetreten. 

— Die Turiner Academie der Wissenschaften hat Pasteur 
den grossen Preis Bressa im Betrage von 12,000 Frcs. zuerkannt. 

— Die von Dr. Domingos Freire in Mexico geübten Schutz¬ 
impfungen gegen das gelbe Fieber bieten, wie er jetzt selbst zn- 
giebt, keinen absoluten Schutz wider diese Krankheit, sollen aber 
doch einen milderen Verlauf derselben bewirken. Während von 100 
Nichtgeimpften einer verstarb, soll bei Geimpften nur ein Todesfall 
auf 1000 kommen. Dagegen erklärt Dr. Roore, der nach Brasilien 
gegangen war, um das Verfahren Dr. Fr ei re's kennen zu lernen, 
geradezu, dass sich dasselbe nicht bewährt habe. 

— Die neue psychiatrische Klinik in Moskau ist am 1« November 
feierlich eröffnet worden. 

— Bei der Universität von Upsala bestehen Kronsarbeitssäle für 

den Unterricht der Studenten aller Fac ul täten in verschiedenen Hand¬ 
werken, wie Tischlerei, Drechslerei und Holzschnitzerei. Die Stu¬ 
denten beschäftigen sich in ihrer freien Zeit und bezahlen für 6 Stun¬ 
den 4 Kronen (circa 1 Rbl. 30 Kop.); im vorigen Wintersemester 
arbeiteten 123 Studenten. (Med. Obsr. Ai 20). Hz. 

— l)ie Gesammtzahl der kranken in den Civil-Hospitälern 
St. Petersburgs betrag am 3. Januar a. c. 5766 (216 mehr als 
in der Vorwoche), darunter 625 Typhus- (49 mehr), 704 Sypbilis- 
(20 mehr), 52 Scharlach- (1 mehr) und 3 Pockenkranke (2 mehr 
als in der Vorwoche). 

— Durch Bundesrathsbeschluss vom 24. October 1874 ist eine pe¬ 
riodisch zu wiederholende statistische Erhebung über das Heilper¬ 
sonal in den einzelnen Staaten des Deutschen Reiches angeordnet 
worden. Eine solche fand das erste Mal nach dem Stande vom 1. April 
1876 statt und am 1 . April d . J. erfolgte die Wiederholung dersel¬ 
ben. Aus dem für Preussen abgeschlossenen Ergebnisse dieser Er¬ 
hebung entnehmen wir der „Allgem. medic. Central-Ztg. a , dass die 
Zahl der approbirten Aerzte von 7956 im Jahre 1876 aul 9284 im 
Jahre 1887 gestiegen ist, wobei von der letzten Erhebung instruc- 
tionsmässig alle diejenigen Aerzte ausgeschlossen wurden, welche die 
ärztliche Praxis nicht ausübten, daher auch diesmal alle Aerzte, 
welche als Ministerialbeamte,. als Directoren und Assistenten der 
anatomischen und ähnlicher Institute nicht gezählt wurden. Diese 
Beschränkung beeinträchtigt aber bei der Kleinheit der bezüglichen 
Zahlen (wenig über 100 Personen) eine Vergleichung mit den Ergeb¬ 
nissen der früheren Zählung nicht. Die Zahl der Aerzte hat gegen 
1876 um 1326, also 16,7%, die Bevölkerung dagegen nur um 11,?% 


zugenommen. Im Jahre 1876 kamen auf 10,000 Einwohner 3,10 
Aerzte oder 1 Arzt auf 3229 Einwohner, im Jahre 1887 dagegen 
entfielen auf 10,000 Einwohner 3,28 Aerzte oder 1 Arzt auf 3054 
Einwohner. In Berlin stieg die Zahl der Aerzte von 773 auf 1104, 
d. h. um 381, also 42,8%, während die Bevölkerung sich um 37,3% 
vermehrte. Wie in anderen Ländern, sq hat auch in Preussen der 
Andrang der Aerzte nach den grossen Städten zugenommen, während 
für die Bevölkerung in den kleinen Städten und auf dem Lande die 
Beschaffung ärztlicher Hilfe immer schwieriger und kostspieliger 
geworden ist, denn von allen Aerzten in Preussen wohnten in den 
Gemeinden mit 50C0 und weniger Einwohner im Jahre 1876 — 
3201 = 40,2%, während am 1. April 1887 daselbst nur noch deren 
3156= 34,0% waren. Dagegen wurden in denjenigen Städten, 
welche über 5u00—50,000 Einwohner hatten, 1876 — 2307 = 29,0%, 
1887 — 3005 = 32,4% Aerzte gezählt; in Städten mit über 50,000— 
100,000 Einwohnern 1876— 664 = 8,3%, 1887 — 792 = 8,5%; 
in Städten mit über 100,000—299,640 Einwohner 1876 — 1011 = 
12,7 %, 1887 aber 1227 = 13,2%. In Berlin (Stadtbezirk) befanden 
sich 1876 9,7%, 1887 aber 11,9% aller Aerzte des preuss. Staates. 
Am besten versorgt mit ärztlicher Hilfe erscheint demnach die Be¬ 
völkerung Berlins, wo 1 Arzt auf 1093 Einwohner oder auf 10,000 
Einwohner 8,4 Aerzte kommen ; am ungünstigsten erscheint die Lage 
der Bevölkerung im Regierungsbezirke Gumbinnen, wo trotz der 
Zunahme der Aerzte gegen 1876 (um 40,7%) noch im Jahre 1887 
nur 1 Arzt auf 7376 Einwobner kam oder auf 10,000 Einwohner nur 
1,4 Aerzte entfielen. Am günstigsten sind, abgesehen von Berlin, 
den Aerzten gegenüber in räumlicher Beziehung die Bevölkerung in 
den Regierungsbezirken Wiesbaden, Köln und Düsseldorf gestellt, 
wo auf je 100 Quadratkilometer (= nicht ganz 2 Quadratmeilen) 
8, 9 und 10 Aerzte entfallen ; am ungünstigsten in den Regierungs¬ 
bezirken Gumbinnen, Köslin. Marienwerder und Lüneburg, wo 0,67 
bis 1 Arzt auf 100 Quadratkilometer kommt. 

— Die «Allg. med. C.-Ztg.» theilt einen Fall mit, in welchem in 
recht eigentümlicher Weise ein Berliner praktischer Arzt zu einer 
Anklage wegen Körperverletzung gekommen ist: Zum Angeklagten 
kam eines Tages die Frau eines Arbeiters mit ihrem etwa 4jähr. Böhn¬ 
chen, das der Arzt wegen eines unbedeutenden örtlichen Leidens unter* 
suchen sollte. Das Kind schrie furchtbar, trotzdem es keine Schmer¬ 
zen haben konnte ; es zeigte sich höchst ungeberdig, so dass alle Be¬ 
mühungen des Arztes, es zur Ruhe zu bringen, um die Untersuchung 
vornehmen zu können, vergeblich waren. Da riss ihm die Geduld, 
er hielt das Gebahren des Kleinen für Eigensinn und versetzte ihm 
mit der flachen Hand einige Schläge auf die Nates. Hierüber wurde 
die Mutter so böse, dass sie ohne Weiteres ihr Kind ergriff und damit 
zur Thür hinausrannte. Darauf stellte sie einen Strafantrag gegen 
den Arzt wegen Körperverletzung , in welchem sie den Hergang mit so 
dunklen Farben schilderte, dass die Staatsanwaltschaft sich verpflich¬ 
tet hielt, dem Anträge Folge zu leisten. Der Angeklagte erklärte bei 
der Verhandlung der Sache, dass er sich für berechtigt gehalten habe, 
dem kleinen unbändigen Patienten im Interesse der Untersuchung 
eine so gelinde Züchtigung zu ertheilen, wie geschehen und er 
könne sich in dieser Beziehung auf viele berühmte Kinderärzte be¬ 
rufen, deren Grobheit sprichwörtlich gewesen wäre. Der Gerichtshof 
sprach denn auch den Arzt frei, in der Annahme, dass derselbe im 
Interesse der Untersuchung und in guter Absicht gehandelt habe. 

Ein ähnlicher Fall kam im vorigen Jahre auch in St. Petersburg 
vor, nur dass die Klägerin nicht eine Arbeitersfrau, sondern eine 
Frau aus der besseren Gesellschaft, eine Officiersfrau, war. Der 
Process endete ebenfalls mit Freisprechung des angeklagten Arztes. 

— Im Journal des Sciences mödicales de Lille ist die Tageszeit 

für 1000 Geburten angegeben. Am Tage (von 8 Uhr Morgens bis 
8 Uhr Abends) fanden 450 Geburten (45%), in der Nacht 550 (55%) 
statt und zwar von 6—12 Uhr Mittags 239, von Mittag bis 6 Uhr 
p. m. 220, von 6 Ubr p. m. bis Mitternacht 272, von Mitternacht bis 
6 Uhr Morgens 269 Geburten, also in der Nacht mehr als bei Tage. 
(Bullet, internat. des Sciences mädic. Ai 51). Hz. 

— Gegen Leucoplasia buccalis (Schneidiger) 1,0 Papain 

auf m 5,0 Glycerin und Wasser. (Bullet, internat. des Sciences mäd. 
Ai 51). Hz. 

— Dr. Carl Pauli empfiehlt bei durch das höhere Alter beding¬ 
ter Dysurie und Strangurie folgendes Mittel: Extr. Strychni spir. 
0,5, Extr. liquir. q. s. ut. f. pill. M 50. Abends vor dem Schlafen¬ 
gehen 2 Pillen zu nehmen. (D. m. W. Ai 24, 1887). M. Schmidt« 


Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs 

für die Woche vom 20. bis 20. Decbr. 1887.. 
Zahl der Sterbefä Ile: 

1) nach Geschlecht und Alter: 


Im Ganzen: 


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2) nach den Todesursachen: 

— Typh. exanth. 0, Typb. abd. 16, Febris recurrens 1, Typhus 
ohne Bestimmung der Form 1, Pocken 0, Masern 9, Scharlach 14* 


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XIII. Jahrgang. St. Petersburger Neue Folge. V. Jahrg. 

Medicinische Wochenschrift 

unter der Redaction von 

Prof. ED. v. WAHL, Dr. L. v. HOLST, Dr. TH. v. SCHRÖDER, 

Dorpat. St. Petersburg. St. Petersburg. 


Die «St. Petersburger Medicinische Wochenschrift» erscheint jeden Sonn* 
abend. Der Abonnements - Preis ist in Russland 8 Rbl. für das Jahr, 
4 Rbl. für das halbe Jahr inclusive Post-Zustellung; In den anderen Lin¬ 
dern 16 Mark jährlich, 8 Mark halbjährlich. Der Inserations - Preis fiir 
die 3 mal gespaltene Zeile in Petit ist ia Kop. oder 30 Pfenn. — Den 
Autoren werden 25 Separatabzüge ihrer Original - Artikel zugesandt; 

Referate werden nach dem Satze von 16 Rbl. pro Bogen honorirt. 
Abonnements-Aufträge bittet man an die Buchhandlung von 
Carl Rfcker in St. Petersburg, Newsky -Prospect H 14 zu richten. 


Inserate werden ausschliesslich im Central-Annoncen-Bu- 
reau von Friedrich Petrick in St. Petersburg, Newsky-Prospect H 8. 
und in Paris bei unseren Ge neral-Agenten entgegengenommen. 
Le8 annonces frangafses sont regues exclusivement k Paris 
chez Messieurs 6 . E. Puel de Lobei & Cie., Rue Lafayette 58. 


Manuscripte sowie alle auf die Redaction bezüglichen Mittheilungen 
bittet man an den gescbäftsführenden Redacteur Dr. Theodor 
v. Schröder (Malaja Italjanskaja, Haus 33, Quart« 3) zu richten. 


Ns 3. 


8t. Petersburg, 16. (28.) Januar 1888. 


Inlsala s X. L. Ss i r s k i: Psoriasis als eines der Symptome der Tahes dorsalis. — tieferate . Andrew Clarke: Aetiologie der 
Chlorose. — HubbardW. Mitchell: Eine einfache Methode der Variococeleoperation. — Reel u s: Behandlung der traumatischen Per¬ 
forationen des Magens und Darms. — Prof. E. K i s c h: Ueber die 0 e r t e 1 - Cur bei Fettherz. — S. S. Zalesky: Ueber den Einfluss 
der Nahrung auf die Beschaffenheit nnd den Nährwerth der Frauenmilch. — OsearFraentsel: Ueber den Gebrauch des Kreosots bei 
Lungentuberculose. — Bücher-Anzeigen und Besprechungen . Vi 11 aret: Handwörterbuch der gesammten Medicin. — Nothnagel 
und N au n jn: Ueber die Localisation der Gehirnkrankheiten. — A. Zemanek: Syphilis in ihrer Rückwirkung auf die Berufs-Armeen. 
— Sali iS: Der thierische Magnetismus (Hypnotismus) und seine Genese. — Prof. P. Bruns: Beiträge zur klinischen Chirurgie.— 
An die Bedaction eingesandte Bücher und JDruckschriften. — Der Fall Dreypölcher. — Vermischtes . — Mortalitäts-Bulletin St . 
Petersburgs . — Mortalität einiger Hauptstädte Europas . — Anzeigen . 


Psoriasis als eines der Symptome der Tabes dorsalis. 

Ans der dencstologieeben Klinik des Prof. Polotebnow. 

Von 

Privatdocent Dr. K. L. Ss-i-r 8 k i, 

Aesistent der Klinik. 


In seinen Untersuchungen über die Ursachen der Ent¬ 
wickelung von Psoriasis kommt Prof. Polotebnow zu 
dem Schlüsse, dass dieses Leiden sich in directer Abhängig¬ 
keit von verschiedenen Erkrankungen des Nervensystems 
befindet *). Sowohl die subjectiven als auch die objectiven 
Erscheinungen seitens des Nervensystems der Psoriatiker 
tragen vorherrschend den Charakter von vasomolorischen 
Neurosen an sich. In einzelnen Fällen werden aber bei den 
Psoriatikern tiefere Nervenstörungen beobachtet, in Folge 
welcher sich neben der Psoriasis mehr oder weniger bedeu¬ 
tende trophische Störungen entwickeln. Derartige Fälle 
wurden bisher in der Klinik von Prof. Polotebnow 
ziemlich selten beobachtet. So sind in der Zahl von 68 
Beobachtungen, welche Prof. Polotebnow in seiner Ar¬ 
beit mittheilt, folgende angeführt: Muskelatrophie der rech* 
ten Unterextremität bei vollständigem Fehlen des Sehnen¬ 
reflexes der Tendo Achillis und fibrillären Zuckungen der 
Muskelu derselben Extremität (Beob. XLI); atrophische 
Narben anf der Haut der Hinterbacken (wo niemals psoria¬ 
tischer Ausschlag gewesen war) bei einem 26-jährigen Stu¬ 
denten (Beob. XLII ); Veränderungen in den Gelenken und 
Atrophie der Knochen (Beob. IV und L, cf. die Zeichnungen 
3—8 im Texte). Zu der Zahl solcher seltener Beobachtun¬ 
gen gehört auch der von uns zu beschreibende Fall von Pso¬ 
riasis, zum ersten Mal bei einem Tabetiker beobachtet. 

Patient, Officier ausser Diensten, N. F., 37 Jahre alt, trat 
in die Klinik am 8. März 1887 mit folgenden Erscheinungen: 
Der ganze Rumpf ist gleichmässig bedeckt mit Psoriasis- 
Ausschlag, welcher sich in der Grösse von Ps. punctata bis 

0 Dermatologische Untersuchungen aus der Klinik des Dr. A. G. 
Polotebnow, Prof, der Dermatologie an der St. Petersburger 
militfir-medidnischen Academie. Lieferung I nnd 13. Uit 4 Tatein 
Zeichnungen nnd nenn Zeichnungen im Text. St. Petersburg 
1886—87, pag. 300—410. 


znr guttata präsentirt, mit einer grossen Anzahl weisser 
Schüppchen. Gadz der gleiche Ausschlag, nur etwas we¬ 
niger reichlich, wird auf den Hinterbacken und auf der gan¬ 
zen Oberfläche der oberen und unteren Extremitäten beob¬ 
achtet, mit Ausnahme der Handteller und Fusssohlen. Nur 
wenig Ausschlag findet sich auf dem Scrotum, dem 
Präputium und der Glans penis. Auf den Extensions¬ 
seiten der Ellenbogengelenke bemerkt mau einige zu- 
sammenfliessende Platten von Psor. nummularis. Im Be¬ 
reiche des Ausschlages finden sich geringe Kratzverletzungen. 
Die Haut des Halses, des Gesichts, des behaarten Kopfes 
zeigt keinerlei Veränderungen. 

Anamnesis : Aus dem äusserst verworrenen nnd unklaren 
Bericht des Kranken konnte man entnehmen, dass er vom 
Jahre 1881 bis 1883 viele Male an irgend einem nässenden 
Aussehlag gelitten hatte. Während des letzten russisch¬ 
türkischen Krieges acquirirte Pat. eine so heftige Malaria- 
infection, dass er ungefähr 3 Wochen in balbbesinnungs- 
losem Zustande gelegen bat. Wie dieses Sumpffieber auf 
den allgemeinen Gesundheitszustand des Kranken eingewirkt 
hat, ist bei dem Krankenexamen nicht zu eruireu. Unge¬ 
fähr vor einem Jahre oder vor noch längerer Zeit begannen 
sich von Zeit zu Zeit ziemlich starke schiessende und 
zuckende Schmerzen in den unteren Extremitäten einzu¬ 
stellen ; am häufigsten zeigen sich diese Schmerzen in den 
Füssen, seltener in den Unterschenkeln; wenn sie sich zu¬ 
weilen Nachts einstellten, weckten sie den Kranken aus dem 
Schlaf; diese Schmerzen dauerten sehr kurze Zeit blos an. 
Der augenblicklich bestehende Ausschlag, die Psoriasis, be¬ 
gann sich vor 4 Wochen zu zeigen und nahm rapid an Aus¬ 
dehnung und Intensität zu. 

Der Vater des Kranken, ein Seemann, ist im 57. Jahre 
an der Schwindsucht gestorben. Die Mutter starb im Alter 
von 65 Jahren plötzlich < am Schlage», wieder Kranke sagt. 
Der Kranke bat zwei Schwestern; die ältere von ihnen leidec 
an häufigen starken Kopfschmerzen, die jüngere ist unge¬ 
mein nervös und leidet seit der Kindheit an Taubheit. 

Untersuchung des Kranken. Der Kranke ist etwas über 
Mittelgrösse, 1,7 Meter. Sein Gewicht beträgt 4 Pud 39 
Pfd. Knochen nnd Muskeln sind vortrefflich [ entwickelt, 
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22 


«las Unterbautzellgewebe enthält viel Fett. In Folge bedeu¬ 
tender Abmagerung, die in der letzten Zeit eingetreten ist, 
befinden sich auf der Haut des Bauches und der Oberschen¬ 
kel grosse breite herabbängende Falten und sogenannte 
atrophische schmale Streifen (wie die Schnttrfurchen bei den 
Frauen). Patient macht bei der Besichtigung den Eindruck 
eines Menschen von strotzender Gesundheit, — der kräftige 
Körperbau, das rüstige Aussehen, der ruhige Blick, die 
vollen rothen Wangen, — Alles trägt dazu bei, um diesen 
Eindruck hervorzurufen. Beim Krankenexamen lenken 
unwillkürlich die ausserordentliche Unklarheit der Erzäh¬ 
lung, die Verworrenheit und sogar einige Widersprüche in 
den mitgetbeilten Thatsachen die Aufmerksamkeit auf sich, 
so dass es nicht geringe Mühe kostete, die oben angeführten 
anamnestischen Daten zu erhalten. Ferner überrascht beim 
Patienten, dass er seinem Leidea und seiner Lage gegen¬ 
über zu gieichmüthig ist Wenn er von seiner Krankheit 
oder von irgend etwas ihn selbst Berührendem spricht, so 
erzählt er es so, als ginge es ihn absolut nicht an, sei etwas 
Nebensächliches. In ähnlicher Weise verhält er sich zu 
allen Untersuchungen, die mit ihm vorgenommen werden. 
Gleichzeitig aber erregt ihn Alles, was ihn persönlich nicht 
angeht, in hohem Grade; das traurige Schicksal des Hel len 
irgend eines Romans oier einer Novelle ruft bei ihm über¬ 
reichliche Thräoen hervor; Theatervorstellungen mit er¬ 
schütternden Scenen ist er absolut nicht im Stande anzu¬ 
sehen, und muss aus dem Theater flöchten. Doch ist die 
Spur, welche solche Eindrücke hiuterlassen, bald verschwun¬ 
den, die Erregung legt sich schnell, sie wird durch die von 
Neuem sich einstellende unerschütterliche Ruhe abgelöst. 
Das Gedächtnis des Kranken ist beträchtlich abgeschwächt. 
Besonders schlecht ist das Gedächtniss in Bezug auf Ziffern 
und Namen. Als Patient sich noch im Dienste befaud, ge- 
rieth er oft in sehr schwierige und unangenehme Lagen, 
weil er beständig die Namen seiner Dienstkameraden und 
Untergebenen vergass. Die chronologische Ordnung der 
Ereignisse wird beständig vom Krauken verwechselt, die 
Dinge selbst aber hinterlassen eine solidere, wenngleich nicht 
vollkommen klare Spur im Gedächtniss. Die Erinnerungen, 
lange vergangene Zeiten betreffend, siad klarer und be¬ 
stimmter, al3 die Erinnerungen, welche sich auf kürzlich 
Geschehenes beziehen; diese letzteren zerfliessen und sind 
nicht scharf*). 

Das Vorstellungsvermögen ist schlecht. Der Kranke 
braucht nicht geringe Mühe und viel Zeit um nichtcompli- 
cirte arithmetische Aufgaben zu lösen, obgleich er früher 
mit viel Eifer und Erfolg sich mit der Mathematik beschäf¬ 
tigt hat. 

Patient hat keine Neigung zur Befriedigung des Ge¬ 
schlechtsgenusses, obgleich die Fähigkeit zur Cobabitation 
nicht verloren gegangen ist. 

Untersuchung der Augen *). Die Pupillen sind gleich, 
aber etwas verengt und reagiren recht träge auf Licht. Am 
Augenhintergrunde keine Veränderungen ; der Bewegungs¬ 
apparat der Augen ist normal. Auf dem rechten Auge 
M V*», V **/xx, auf dem linken Auge M ‘/«», V *°/ X x, Punc¬ 
tum proximum 5". 


Gesichtsfeld, 



Weias 

Blau 

Roth 

Grün 


R. 

Ange 

L. 

Ange 

R. 

Auge 

L. 

Auge 

R. 

Ange 

L. 

Ange 

B. 

Auge 

L. 

Auge 

nach 
oben. 

50 

50 

43 

43 

38 

38 

18 

18 

unten.... 

62 

61 

60 

60 

50 

50 

33 

33 

Techts ... 

91 

63 

85 i 

52 

75 

47 

1 52 

34 

links. 

65 

91 

52 i 

85 

47 

75 

34 

52 


’) Eis ist interessant diesen Fall mit der Beobachtung LXIII bei 
Prof. Polotebnow zu vergleichen (I. c.), wo die Qed&chtniss- 
schw&cbe ungewöhnlich scharf ausgeprägt war. 

’) Die Untersuchung wurde in der Augenklinik aasgeführt unter 
liebenswürdiger Beihttlfe des Assistenten der Klinik Dr. N a u m o w. 


Gehör, Geschmack, Geruch bieten gar keine Abweichun¬ 
gen von der Norm. 

Die Wirbelsäule ist auf Druck nirgends schmerzhaft. Der 
Gang des Kranken ist mit offenen Augen sowohl vorwärts, 
als auch rückwärts ganz normal, nur wirft er beim Gehen 
die Beine etwas und tritt ziemlich stark auf die Ferse auf; 
mit geschlossenen Augen ist der Gang unsicher. Bei com- 
plicirtereu Bewegungen bemerkt mm beim Kranken einige 
Coordinations3törungen; so strengt er die Muskeln sehr an, 
macht einige durchaus unzweckmässige ruckweise Bewe¬ 
gungen um mit der rechten oder linken Ferse das entgegen¬ 
gesetzte Kniegelenk zu erreichen und kommt immer über 
da3 Kniegelenk; dis gleichen isultat erhält man, weno man 
ihn dazu veranlasst mit der grossen Zehe irgend einen Ge¬ 
genstand zu treffen. Wenn er mit der Ferse einen Kreis 
beschreiben soll, so macht er diese Bewegung mit Mühe und 
ruckweise. 

Wenn Pat. die Füsse einander nähern soll, so schwankt 
er bei off men Augen ganz leicht, bei gesehloss snen Augen 
sehr deutlich. Mit offenen Augen kaun er nur mit grosser 
Mühe auf einem Beine stehen und dabei schlechter auf de n 
rechten Beine; mit geschlossenen Augen kann er durchaus 
nicht auf einem Beine stehen. 

Die Sehnenreflexe fehlen beiderseits vollständig an den 
oberen und untereu Extremitäten. 

Hautreflexe an Bauch, Oremasteren, Fusssohlen u. s. w. 
können weder durch Streichen, noch durch Kitzeln, noch 
durch leichte Nadelstiche hervorgerufen werden; nur bedeu¬ 
tende und schnelle Abkühluug (Aether) ruft, kaum bemerk¬ 
bare Muskelcontraction am Bauche uni am Serotu n hervor. 

Die Muskelsensibilität ist abgeschwächt und es entsteht 
kein Schmerzgefühl, wenn man auch aufs stärkste drückt. 

Die Fähigkeit, die Lage der Glieder, sowie die Schnellig¬ 
keit und Richtung der Bewegungen zu bestimmen, zeigt, 
die oberen Extremitäten betreffend, keine bemerkbaren Ab¬ 
weichungen von der Norm; an den unteren Extremitäten 
ist diese Fähigkeit einigermaassen abgeschwächt: Patient 
kann mit geschlossenen Augen mit dem einen Bein nicht ge¬ 
nau die Lage des anderen Beines angeben; ebenso kann er 
eine ausgeführte Bewegung und deren Schnelligkeit nicht 
treffen. Die Fähigkeit, die Puncte zu bestimmen, wo man 
ihn berührt hat, ist am Rumpf und den oberen Extremi¬ 
täten erhalten, auf den unteren Extremitäten aber abge- 
schwächt — Patient macht dort bedeutende Fehler. Die 
Fähigkeit, Gewicht und Form von Gegenständen zu unter¬ 
scheiden, ist erhalten. 

Die Erregbarkeit der Muskeln durch mechanische Rei¬ 
zungen ist beträchtlich abgeschwächt; weno man mit dem 
Percussionshammer die Muskeln des Gesichts, des Halses, 
des Rumpfes oder der Extremitäten beklopft, so kann man 
keine Contractionen hervorrufen. 

Die Erregbarkeit der Nerven durch den constanten Strom 
wurde mit Hülfe des Galvanometers und Rheostats von 
G a i f f e untersucht; die breite Elektrode kam aufs Brust¬ 
bein ; die Untersuchung fand bei einem Druck von 300 Grm. 
statt (die Elektrode hatte eine dynamometrische Vorrich¬ 
tung.) 

Folgende Resultate wurden als Mittelwerthe aus 4 Ver¬ 
suchen erhalten: 

KaSZ 

Nervna frontalis dexter.2,7 M. A. 

* . «inister.3,2 „ 

Nervus accessonns dexter.1,7 „ 

„ * , „ . , sinister.1,7 „ 

Nervus ulnaris dexter. 4,2 „ 

„ „ sinister.4,7 „ 

Nervös peroneus dexter. 5,6 „ 

. » «nister.5,7 „ 

Die Reaetion bei Reizung der Nervenstämme hat ihren 
normalen Typus bewahrt: ASZ > KaSZ. 

Die Werthe KaSZ nähern sich sehr den normalen 
Werthen. 

Die Untersuchung mit dein Inductionsstrom gab folgende 

















23 


Resultate (Apparat von Du-Bois-Reymond,2Da- 
n i e 11 ’Bche Elemente, Druck von 300 Grm.): 


Nervus facialis dexter. 

„ „ sinister . 

Nervus acceesorius dexter 
n * sin. . 

Nervus nln&ris dexter . . 

„ sin. . . . 
Nervns peroneus dexter . 

sin 


12 Ctm. Abstand zwischen den Bollen 
11.5 n n n n 

11.0 n n n * 

12,0 „ 

2,5 n n n n 

2|5 n , n ji 

2,0 n n n A 

9,0 


«L » •••»»«» » » n 

Bei unmittelbarer Reizung der Muskeln erhielt man: 

Für die Muskeln des rechten Vorderarms 9,0 Ctm. Ab¬ 
stand der Rollen. 


Fflr die Muskeln des linken Vorderarms 8,5 Ctm. Abstand 
der Rollen. 

Für die Muskeln der Unterschenkel erhält man kaum be¬ 
merkbare, recht träge Contraction bei 0 Ctm. Abstand, d. b. 
wenn die Rollen völlig ineinander geschoben sind. 

Somit erweist sich die faradiscbe Erregbarkeit für die 
Muskeln der Unterextremitäten stark abgeschwächt. 

Als absoluter Hautwiderstand (Rheostat und Galvanometer 
G a if f e, Druck auf die Haut 200 Grm.) ergab sich im 
Mittel aus 5 Untersuchungen: 

Palmare Oberfläche des rechten Vorderarms .... 2700 Ohm 
, . , linken „ .... 3000 , 

Vordere Oberfläche des rechten Oberschenkels . . . 2800 „ 

» „ * linken ... 2760 „ 

Zur Untersuchung wurde die Normal-Elektrode benutzt, 
die breite indifferente Elektrode wurde auf das Brustbein 
gesetzt Die Dauer der Untersuchungen war stets die 
gleiche. 

Die Hautsensibilität dem Inductionsstrom gegenüber (der 
Erb* Tschirjew'sehe Pinsel in Kautschuk befestigt, 
die Anordnung des Versuches wie oben beim Induetions- 
Strom): 


* 


Stirn. 

Vordere Oberfläche des Halses . . . 
Hintere Oberfläche des Halses . . . 

Brustbein. ... 

Blicken zwischen den Schulterblättern 

Hitte der Kreuzgegend. 

Vordere Oberfläche des rechten Oberarms 
linken 


Hintere 

Vonfere 

Hintere 


rechten „ 

linken _ 

rechten Vorderarms 
linken 


, _ rechten 

„ _ „ linken 

Dorsalfläche der rechten Hand . . 

„ linken „ . . 

Palmarfläche der rechten Hand . . 

„ „ linken „ 

Vorderfläche des rechten Oberschenkel 
„ „ linken „ 

Hinterfläche „ rechten . 

„ linken „ 

Bechte Hinterbacke. 

Linke „ . 

Vorderfläche des rechten Unterschenkels 
, „ linken „ 

Hinterfläche „ rechten 

. „ linken „ 

Dorsaffläche des rechten Fusses . . . 

„ „ linken „ ... 

Plantarfläche „ rechten , ... 

linken _ ... 


Elektri¬ 

H&ut- 

sensibiiität 

sche Haut* 

Schmerzen 

Sensibilität 

gegenüber 

14,0 

11,4 

13,5 

9,4 

15,5 

10,5 

12,5 

7,1 

14,1 

9,5 

14,0 

9,9 

13,6 

9,5 

13,5 

9,4 

13,7 

9,2 

14,0 

9,1 

13,4 

9,6 

13,7 

9,3 

13,0 

9,6 

133 

9,2 

133 

8,2 

12,7 

8,0 

123 

nicht yorh. 

133 

nicht Yorh. 

12,5 

9,0 

123 

9,0 

12,5 

93 

133 

9,2 

14,0 

10,1 

13,5 

10,0 

11,0 

4,2 

11,4 

4,3 

123 

4,2 

12,4 

4,0 

11,5 

3,8 

11,5 

3,6 

83 

nicht Yorh. 

9,0 

nicht Yorh. 


Bei dieser Untersuchung lenkt vor Allem der vollständige 
Verlust der elektrischen Scbmerzempfindlichkeit an Hand¬ 
tellern und Fuss8ohlen die Aufmerksamkeit auf sieb. Wenn 


die Spiralen des Inductionsapparates vollständig in einander 
geschoben werden, so ist auf der ganzen Oberfläche der 
Handflächen und Fusssohlen nur die Empfindung eines star¬ 
ken Stromes; auf den Fusssohlen ist diese Empfindung weit 
schwächer als auf den Handtellern; vollkommen gleich ver¬ 
halten sich auch die Beugeseiten der Finger dem Strom ge¬ 
genüber. Auf den übrigen Stellen erscheint die Schmerz¬ 


empfindlichkeit blos ein wenig abgestumpft, während die 
elektrische Hautsensibilität im Gegentheil im Ganzen erhöht 
ist. Ein bedeutender und beständiger Unterschied zwischen 
der rechten und linken Seite ist nicht zu bemerken. 

Bei der Untersuchung des durch Stecknadelstiche bervor- 
gerufenen Schmerzgefühls erweist sich dasselbe überall er¬ 
halten, doch ist die Leitung der Empfindungen von den Un¬ 
terschenkeln und Fusssohlen deutlich verlangsamt; Patient 
zuckt nach tiefen Einstichen erst nach einiger Zeit, unge- 
Ahr nach 3 Secunden, mit dem Fuss und sagt, dass er 
Schmerz empfinde. 

Von den anderen Arten der Sensibilität erhielt man bei 
Untersuchung des Temperatursinnes deutliche Abweichungen 
von der Norm; speciel) am linken Vorderarm und am linken 
Unterschenkel macht Patient falsche Angaben; am Vorder¬ 
arm bei einer Differenz von ungefähr 3* C., am Unter¬ 
schenkel bei einer solchen von 6,5° C. Die Untersuchung 
wurde mehrere Male vorgenommen; es wurden Tempera¬ 
turunterschiede zwischen 25°—35° C. benutzt. Nahm man 
niedrigere Temperaturen, so erhielt man sehr unklare An¬ 
gaben, deren Unsicherheit in dem Maasse zunahm, als man 
sich dem oben angegebenen Temperaturintervall näherte. 
In Bezug auf die anderen Körpergegenden muss man die 
Fähigkeit, die Temperatur zu unterscheiden, als abge¬ 
schwächt betrachten; so empfindet er an der rechten oberen 
Extremität und am linken Oberatm eine Differenz von un- 
gefähr 2,5* C., an der rechten Unterextremität und am 
linken Oberschenkel ungefähr von 6° C., am linken Unter¬ 
schenkel und den Fusssohlen einen etwas grösseren; auf 
Brust und Bauch difierenzirt er Unterschiede von ungeAhr 
4° C., auf dem Rücken von ungeAhr 4,5° G. 

Bei der Untersuchung mit dem Si ev e k in g ’schen Aestbe- 
siometer macht der Kranke, die unteren ExtremiAten be¬ 
treffend (Oberschenkel, Unterschenkel, Füsse), äusserst un¬ 
sichere Angaben, auch wenn das Instrument ziemlich stark 
angedrückt wird; die Undeutlichkeit der Empfindung nimmt 
nach unten hin zu. 

Das Gefühl für Berührungen und die Fähigkeit, den Un¬ 
terschied von auf die Haut ausgeübtem Druck zu unterschei¬ 
den, sind überall erhalten. 

Die vasomotorischen Reflexe erwiesen sich bei der Unter¬ 
suchung mittelst verschiedener Reizmittel beträchtlich er¬ 
höht ; so erhält man sofort, wenn man ein hölzernes Stäbchen 
leicht über die Haut hinfübrt, einen hellrothen scharf be¬ 
grenzten Streifen, der etwa 4—5 Mal breiter war, als das 
Ende des Stäbchens; der Streifen persistirt etwa 7 Minuten; 
auf dem Halse das gleiche Resultat wie auf der Brust; auf 
dem Bauch ist diese Erscheinung etwas weniger ausgeprägt, 
als auf der Brust; auf dem Rücken erhält man einen gleichen 
Streifen, wie auf der Brust, derselbe hält sich 4 Minuten; 
auf den Seitenflächen des Rumpfes ist die Erscheinung die 
gleiche wie auf dem Bauche. 

Anf den Oberextremitäten (Ober- und Unterarme) bildet 
sich ein Streifen, der doppelt so breit ist als das Stäbchen, 
und sich 3 Minuten lang hält. 

Auf den Oberschenkeln sind diese Ge Assreflexe fast gar- 
nicht vorhanden, auf den Unterschenkeln fehlen sie völlig. 

Kratzt man mit einer Nadelspitze leicht über den Rücken 
und die Brust, so bilden sich mit grosser Schnelligkeit scharf 
begrenzte rosarothe Erhebungen von 1—2 Mm. Breite; auf 
Bauch und Oberarmen ist diese Erscheinung etwas schwächer; 
auf den Oberschenkeln erhält man ziemlich scharfe rotbe 
Streifen, aber fast gar keine Erhebung ist zu bemerken. 
Diese Erhebungen bleiben 6 Tage lang bestehen und ver¬ 
schwinden dann allmälig. 

Wenn man über die Haut der Brust, des Halses und des 
Rückens einen Pinsel hinführt, welcher in Schwefeläther 
getaucht ist, so erhält man deutlich bemerkbare weisse, der 
Breite des Pinsels entsprechende Streifen; sie halten sich 
1— VI* Minuten; auf den anderen Hautgegenden erhält 
man unter denselben Umständen gar keine Veränderungen. 
Ein ähnlicher, nur schwächerer Effect, und zudem blos auf 


a* 


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24 


der Brust und dem Rücken, wird erhalten, wenn man als 
Reizmittel 90* Spiritus benutzt. 

Wenn man ein mit Eis gefülltes Reagenzglas auf die 
Beugeseite der Arme, auf die Brust und den Rücken appli- 
cirt, so erhält man ziemlich breite blasse Streifen mit zerfliess- 
lichen Conturen, welche nach VI* —2 Minuten verschwinden. 
Applicirt man mit dem Probirröhrchen Wasser von 60*—65*, 
so erhält man auf Brust und Rücken hellrothe breite Streifen 
ohne deutliche Grenzen, welche nach 10 Minuten verschwin¬ 
den ; auf dem Halse ist. der Reflex etwas schwächer. Lässt 
man den elektrischen Pinsel bei schwachem oder starkem 
Induction8strom einwirken, so erhält man gar keinen Effect. 
Bei Einwirkung des constanten Stromes erhält man an den 
Applicationsstellen der positiven und negativen Elektrode 
auf der Brust hellrothe, scharf begrenzte Flecke, welche 
doppelt so gross sind, als die Elektrode; solch’ ein Fleck 
hält sich */*—1 Stunde; auf den oberen Extremitäten ist 
diese Erscheinung um Vieles schwächer, auf den unteren 
fehlt sie vollständig. 

Die soeben beschriebene Gefässreaction auf Reize ver¬ 
schiedener Art zeigt eine vollkommene Correspondenz mit 
dem ganzen Gange der Krankheit; in gleichem Maasse, wie 
der Ausschlag sich zurückbildete, nahm auch die Stärke der 
Reflexe ab; wie der Ausschlag vollkommen verschwanden 
war, entwickelten sich alle diese beschriebenen Erschei¬ 
nungen nur in äusserst schwachem, unbedeutendem Grade. 

Hier ist es am Platze eine bemerkenswerthe Erscheinung 
zu erwähnen, welche beiPsoriatikern äusserst häufig ist: wenn 
der Kranke sich entkleidet, so strömt der Schweiss förmlich 
aus den Achselhöhlen (Prof. Polotebnow 1. c. 367). 

Der Puls ist 80—88, wenn Patient sitzt; steht er, so hebt 
sich der Puls um 4—5 Schläge ia der Minute; macht Pat, 
25 Schritte gewöhnlichen Ganges, so hebt sich der Puls um 
8—10 Schläge, nach fünfmaligem Emporheben der Arme — 
um 6—8 Schläge. Der Puls ist weich, gleichmässig, ziem¬ 
lich voll. 

Die leichte Erregbarkeit des Herzens ist in der erwähnten 
Arbeit von Prof. Polotebnow in vielen Fällen beobach¬ 
tet worden (S. 365). 

In der Minute finden 22—24 Athemzüge statt. 

Die Brust- und Bauchorgane zeigen keine Veränderungen. 

Die Temperatur schwankte während des ganzen Verlaufes 
der Krankheit Morgens zwischen 36,4—37,0, Ab. zwischen 
36,5-37,2. 

Die Temperaturdifferenzen zwischen der rechten und lin¬ 
ken Achselhöhle betrugen bei den morgendlichen und abend¬ 
lichen Messungen 0,1°—0,5®, und bei allen Messungen Mor¬ 
gens und Abends im Verlaufe von 20 Tagen war die Tem¬ 
peratur auf der linken Seite höher als auf der rechten. 

Ein ähnliches Ueberwiegen der Temperatur einer Seite 
Uber die der anderen Seite ist beobachtet in der oben citir- 
ten Arbeit des Prof. Polotebnow, in den Fällen XLII 
und LXV. 

Die Temperatur im Rectum betrug Morgens 37,5—37,8, 
Abends 37,5—37,6. (Die Messungen wurden eine Woche 
lang fortgesetzt). Sie überstieg die Achselhöhlentemperatur 
am Morgen um 0,6—0,8®, am Abend um 0,3—0,5®. Die 
Hauttemperatur der Vorderfläcbe des linken Oberarms 33,3, 
des rechten 33,4, während gleichzeitig in der Achselhöhle 
die Temperatur 36,8, und im Rectum dieselbe 37,5 betrug. 
Die Hauttemperatur auf der Brust direct unter den Brust¬ 
warzen ist rechts und links gleich — 33,3, während die 
Achselhöhlentemperatur 36,9 und die Rectumtemperatur 
37,5 betrug; die Temperatur der Vorderfläche des linken 
Oberschenkels 32,3, des rechten 32,1, die Achselhöhlentem¬ 
peratur 37,0, die Rectumtemperatur 37,8. 

Die qualitative Harnanalyse ergab nichts Abnormes. 

Verlauf der Krankheit. Der Kranke wurde gar nicht 
medicamentös behandelt, nur 1—2 Mal wöchentlich bekam 
er lauwarme Bäder, und ausserdem erhielt er Pillen aus 
Extr. liquiritiae; diese Therapie — Tberapia psychica — 
hatte glänzenden Erfolg: bald nachdem Patient in die Kli¬ 


nik getreten war, konnte man ein recht schnelles Schwinden 
des Ausschlages bemerken, und schon nach einem Monat 
waren nicht die geringsten Spuren desselben mehr vorhanden. 

Wenn wir nun zur Würdigung der oben angeführten Er¬ 
scheinungen übergehen, so kann man aus denselben leicht 
eine ganze Gruppe von Symptomen aussondern, welche die 
Tabes charakterisiren: Schiessende Schmerzen in den Füssen, 
Störung der Coordination, welche deutlich bei einigen com- 
plicirteren Bewegungen der Unterextremitäten bemerkbar 
ist, vollkommenes Fehlen der Sehnenreflexe, das Rom¬ 
berg ’sche Symptom, die starke Herabsetzung der Sensibi¬ 
lität auf der Haut der Füsse und Unterschenkel, die Ver¬ 
langsamung der Leitung der Schmerzempfindungen (Steck¬ 
nadelstiche in die Fusssohlen und Unterschenkel), die Herab¬ 
setzung des Geschlechtstriebes, die Verengerung der Pupillen 
und die Abschwächung der Reaction derselben auf Licht, — 
Alles dieses zusammengenommen stellt denjenigen Sympto- 
mencomplex dar, durch welchen die Tabes charakterisirt 
wird. Der Verlust der Hautreflexe, die Veränderung des 
Temperatursinnes, die Reaction der Muskeln auf den Induc- 
tionsstrom stellen eine interessante Vervollständigung des 
allgemeinen Bildes der Krankheit dar. Aber nach unserer 
Meinung haben diejenigen Veränderungen eine Bedeutung 
allerersten Ranges, welchen die deutlich verstärkten Gefäss- 
reflexe in den verschiedenen Perioden der Krankheit unter¬ 
geordnet waren; die Stärke ihres Auftretens ging Hand in 
Hand mit dem Verlauf des Krankheitsprocesses; bei voller 
Entwickelung des Ausschlages reagirten die Gefässe unge¬ 
wöhnlich stark; nach Maassgabe des Schwindens des Aus¬ 
schlages wurde diese Reaction immer schwächer. Ein 
derartiger Parallelismus ist von ungeheurem Interesse, 
indem er in überzeugendster Weise die Ansicht des Prof. 
Polotebnow unterstützt, dass die Psoriasis eine vaso¬ 
motorische Neurose der Haut ist. Auch der Krankheits¬ 
verlauf entbehrt nicht eines klinischen Iuteresses, spe- 
ciell das schnelle Auftreten und Sichausbreiten des Aus¬ 
schlags und das spontane Schwinden desselben in kurzer 
Zeit, ohne jegliche Anwendung irgend welcher Arzneimittel. 
Auf diese spontane Rückbildung des Ausschlages mit gleich¬ 
zeitiger Besserung einiger Störungen im Nervensystem ist 
in der angeführten Arbeit von Prof. Polotebnow in 
vielen Fällen hingewiesen, z. B, Fall II, XLVII etc. 

Wenn man die Psoriatiker genau untersucht, so wird 
dieser Fall aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vereinzelt 
bleiben, da ja die Möglichkeit, dass bei Tabes tropbische 
und ebenso auch vasomotorische Störungen der Haut Vor¬ 
kommen, ein schon lange bekanntes und von vielen Neuro- 
pathologeu beobachtetes Factum ist. 


Referate. 

Andrew Clarke: Aetiologie der Chlorose. (Sem. mtd. 

1887/16, pag. 467). 

Nach A. existire die Chlorose meist zwischen dem 14.—24. Jahre, 
und ihr Hauptsymptom sei Constipation mit Retention von Fäcal- 
massen im Colon. Dadurch Schmerzen in der Milzregion des Colon 
und durch Anhäufung sich zersetzender Massen eine Art Blutvergif¬ 
tung. Scheinbare Regelmässigkeit der Defäcation spräche noch gar 
nicht gegen Constipation. Man vindicire dem sexuellen Apparate 
zu grossen Einfluss bei der Aetiologie. Die Unregelmässigkeiten in 
der Menstruation hängen vielmehr von der Blutalteration ab. Der 
blasse und reichliche Harn enthalte weniger Harnstoff und Harn¬ 
säure, aber wahrscheinlich mehr toxische Stoffe, als gesunder Harn. 
Die Allgemeiuursache der Chlorose seien mangelhafte Ernährung, 
geistige Ueberanstrengung, häufiger oder heftiger Nervenreiz, Nym¬ 
phomanie etc. Die Specialnrsache läge in der Anhäufung der 
Fäcalmassen. 

Die Behandlung müsse in Darreichung von Laxantien und Bisen 
bestehen. 

In der Discnssion der medieiniBchen Gesellschaft su London stellt 
sich Barney Yeo ganz auf Seite Clarke’s, Joseph Fayrer 
bedingungsweise, nur für einen Theil der Chloroseerkrankungen, 
Havilland Hall und Willams erheben einige Zweifel gegen 
die C1 a r k e ’sche Ansicht. 

In 1887/47 p. 477 beansprucht Prof. Duclos in Tours für sich 
die Priorität der C1 a r k e 'scheu Ansicht, die er im September und 
October 1887 in 2 Vorlesungen: «Ueber den intestinalen Ursprung 
der Chlorose» entwickelt habe. N. 


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25 


Hubbard W. M 'rbeil: Eine einfache Methode der 
Variroceleopera'inn. (New-York. Med. Rec. Oot. 22). 

Verf. operirt mit einer langen Nadel, welche eine abgeflachte 
ovale, mit einem Oehr versehene Spitze und einen langen, schmalen, 
achteckigen Schaft hat, welcher der Abplattung der Nadelspitze 
entsprechend abgeflacht ist, damit man nach Einführung der Nadel 
die Stellung der letzteren leicht erkennen kann. Vor der Operation 
werden die Haare an der kranken Seite abgeschoren, die Theile 
gründlich gereinigt und einige Tropfen einer 4 %-igen Cocainlösung 
am Operationsort subcutan injicirt. Das Vas deferens wird mit 
der linken Hand an die innere Seite des Scrotum gedrängt, mit der 
rechten die mit einem genttgend langen, desinficirten (gekochten) 
Seidenfaden versehene Nadel durch den Hodensack durch gestochen, 
während die beiden Enden der Ligatur auf dem Griffe festgehalten 
werden. Das Vas deferens wird nun losgelassen und das eine Faden¬ 
ende aus der Ausstichsöffnung und dem Nadelöhr ausgezogen ; die 
Nadel wird dann zurück- aber nicht herausgezogen, ihre Spitze sub¬ 
cutan um die Venen herumgeführt und darauf genau durch die Aus¬ 
stich söffnung herausgeführt, die Ligatur rasch und leicht in das 
grosse Oehr der Nadel eingefädelt und aus der Ausstichsöffnung 
herausgezogen, wo sie geknotet wird; die Wunde wird, nachdem 
sie gewaschen ist, mit Heftpflaster verklebt. Verf. betont, dass die 
Spitze oval und mit einem breiten Oehr versehen sein müsse. Hz. 

Reelus: Behandlung der traumatischen Perforationen 
des Magens und Darms. Vorlesung. (Sem. möd. 1887/47. 
pag. 470. gq.). 

Auf Grundlage von statistischen Daten und von Versuchen, die 
er zusammen mit seinem Internen Noguds angestellt hat, ent¬ 
wickelt Reclu s in diesem Vortrage seinen Standpunct in der oben 
genannten Frage. Er nimmt dabei zwischen den beiden Lagern, 
die Laparotomie oder keine Laparotomie auf ihre Fahne schreiben, 
eine vermittelnde Stellung ein und kommt zu folgendem Schlüsse: 

«Hat man Verdacht auf eine penetrirende Verwundung im sub- 
diaphragmalen Theile des Verdauungstractas, so ist Alles aufzubie¬ 
ten, um die Ueberschwemmung der Serosa mit Magen- resp. Darm¬ 
inhalt zu verhindern: Immobilität, Compression des Leibes, Ab¬ 
stinenz von Nahrungsmitteln und Getränken, Verordnung von Opium 
und Morphinminjectionen werden dieser ersten Indication entspre¬ 
chen. Aber wenn trotz dieser Behandlung sich Vorboten der Perito¬ 
nitis zeigen, so muss man die Laparotomie ansführen, um die Win¬ 
den zn nähen und die Toilette der 8erosa zu machen. Ist die Ent¬ 
zündung aber schon verbreitet, so könnte man nur noch dann opera¬ 
tiv einschreiten, wenn der Verwundete noch genug Widerstandskraft 
besitzt». N. 

Prof. E. K isc h: Ueber die Oertel-Cur bei Fettherz. 

(D. med. W. 1857, J4 17.) 

K i s c h hält sich an die von Traube schon angegebene Sonde¬ 
rung einer plethorischen nnd anämischen Fettleibigkeit. Bei erste- 
rer enthält der Organismus relativ wenig Wasser und zudem ist bei 
kräftigen Fettleibigen die Verdunstung von der Hant wesentlich ge¬ 
steigert. Erfahrungsgemäss vertragen diese Plethoriker Wasser- 
entziehnng schlecht, man beobachtet häufig bei ihnen hinterher ex- 
cessive Schwäche und Mattigkeit. Zudem sind sie der Gefahr aus¬ 
gesetzt, an Gicht, Gallen- und Harnsteinen zu leiden, weil die mäch¬ 
tig auslaugende Wirkung des Wassers auf die bei ihnen so reichli¬ 
chen Auswurfstoffe wegfüllt. Der Körper der anämischen Fettleibi¬ 
gen ist nicht so wasserarm, das Fettpolster ist nicht so prall, mehr 
serös durch tränkt; bei ihnen wäre eine vorsichtige und milde Oer¬ 
tel-Cur von Vortheil. Am meisten jedoch ist sie in den späteren 
Stadien der Lipomatosis universalis am Platze, wo das Blut eine 
hydrämische Beschaffenheit angenommen hat und die Erscheinnngen 
des Hydrops universalis beginnen. Eines der Heilmittel in solchen 
Fällen ist Wasserentziehung, während stärkere Mnskelaction und 
körperliche Bewegungen sich dabei oft als zweiseneidiges Schwert 
* erweisen. MaxSchmidt. 

S. S. Zalesky: Ueber den Einfluss der Nahrung auf 
die Beschaffenheit und den Nährwerth der Frauen¬ 
milch. Aus dem Dorpater pharmakologischen Institute. 
(Wratsch 1887, 37—40). 

Nacn einem sehr ausführlichen, geschichtlichen Ueberblicke (dem 
Artikel ist eine reiche Literaturangabe beigefügt) über die Arbeiten 
in dieser, bis dahin noch nicht sicher gestellten Frage, von denen 
recht wesentliche von inländischen Antoren (Snbbotin, Kolesin- 
zky etc.) herrühren, theilfc Verf. 86ine Beobachtungen und die Ana¬ 
lysen mit nnd stellt kritische Vergleiche mit den Arbeiten seiner 
Vorgänger an, deren Wiedergabe Ref. sich versagen muss. Daran 
schliesst sich ein Resnmft, das Ref. wörtlich wiedergiebt, wie folgt: 

„1) Frauenmilch, wenn sie überreich an Fett, kann schädlich auf 
Entwickelung und Ernährung des Säuglings ein wirken : 

2) Reichliche und vorherrschend ans Albuminaten bestehende Nah¬ 
rung bedingt eine sehr bedeutende Procentzunahme von Fett in dei 
Frauenmilch bei gleichzeitiger Procentabnahme an Zucker. Die 
Einwirkung auf die anderen Bestandteile der Milch ist weniger be¬ 
deutend. Sehr leicht ist es möglich, dass auch aleoholische Getränke 
in diesem Sinne wirken. 

3) Durch Veränderung der Lebensweise und der Nahrung der 


Mütter oder Amme können wir bis zu einem gewissen Grade eine 
Beschaffenheit der Milch erlangen, die zur gedeihlichen Entwickeln g 
des Säuglings wünschenswert ist. 

4) Die Ntüming wirkt auf die Milchbeschaffenheit bei Frauen, wie 
es scheint, ebenso, wie bei Thieren. 

5) Das Fett in der Milch bildet sich mittelbar und unmittelbar und 

wahrscheinlich in grossen Mengen aus den Albuminaten der Nah¬ 
rung“. N. 

Oscar Fr&eutzel: Ueber den Gebrauch des Kreosots 
bei Lungentuberculose. (D. m. W. Ji 14,1887). 

Verf. verwendet seit 1877 das Kreosot bei Lungentuberculose, und 
hat in einer Anzahl von Fällen sehr befriedigende Resultate erreicht; 
es waren das im Allgemeinen Kranke, bei denen das Leiden chro¬ 
nisch verlief, wenig Fieber und keine Complicationen vorhanden 
waren. In einigen gebesserten Fällen waren auch Cavernen vor¬ 
handen, doch beschränkte sich dann das Leiden blos auf eine Lunge. 
Die Besserung begann in der Regel einige Tage nach Beginn der 
Behandlung, der Appetit besserte sich, der Auswurf nahm ab, Ge¬ 
wichtszunahme war zu constatiren. Im Laufe des Monats betrug 
die Zunahme von 3—5 Pfd. Minimum bis zu 20—30#fd. Zuweilen 
nahmen die Bacillen im Auswurf mehr und mehr ab und verschwan¬ 
den zuletzt ganz ans demselben, in anderen Fällen blieben die Ba¬ 
cillen bis zuletzt, der Auswurf aber schwand. Bei Inhalationsver¬ 
suchen mit Kreosot, welche Verf. in Gemeinschaft mit Gaffky nnd 
Koch gemacht hat, liess dasselbe im Stich, ebenso wie alle anderen 
zum gleichen Zwecke benutzten Bacillengifte, auch das Anilinoel, 
von welchem in Folge der Kremjanski'sehen Mittheilung eine 
Zeit lang die Rede war. Die Form der Darreichung beiFraentzel 
ist: Rp. Kreosoti 13,5, Tinct. Gent. 30,0, Spir. vini rectificatiss. 
250,0, Vini Xerensis 1000,0 — zwei bis drei Mal täglich 1 Esslöffel 
voll zu nehmen. MaxSchmidt. 


Bücher-Anzeigen und Besprechungen. 

V i 11 a r e t: Handwörterbuch der gesummten Medicin. 

Stuttgart. Verlag von Ferdinand Enke. 1887. 1—5. Lief. 4°. 

Der Herausgeber stellt sich die Aufgabe gegenüber dem raschen 
Wachsen aller Zweige der Medicin besonders dem praktischen Arzt 
die Möglichkeit zu bieten sich in dem Handwörterbuch rasch über 
den gegenwärtigen Stand der gesammten Medicin orientiren zu kön¬ 
nen. Es soll das Neueste (Arzneimittel, Operationsmethoden etc.) 
darin enthalten sein, wie auch Altbekanntes, um nöthigen Falls dem 
Gedächtnisse rasch nachznhelfen. Die Nothwendigkeit eines solchen 
Nachschlagebnches ergiebt sich wohl am besten daraus, dass in letz¬ 
ter Zeit derartige literarische Unternehmungen mehrfach (Frank¬ 
reich, England, Deutschland) in's Leben getreten nnd mit vielem 
Beifall anfgenommen worden sind. Soweit wir aus diesen ersten 
Lieferungen sehen können wird das V.'sche Handwörterbuch seiner 
Aufgabe voll und ganz gerecht; dafür bürgen auch schon eine Reihe 
bekannter Namen unter den Mitarbeitern. Aus der Fülle des schon 
bis jetzt Gebotenen (Aachen — Chorioidea) einzelne Artikel hervor¬ 
zuheben, müssen wir uns versagen, da der Leser dadurch kein Bild 
des Ganzen erhalten würde. Wir können nnr im Allgemeinen in 
Bezug auf alle Artikel sagen, dass sie möglichst gedrängt das 
Hauptsächlichste über den Gegenstand enthalten, öfter aber auch 
recht eingehend sind, so dass sich kaum was hinzufügen liesse. 
Alles in das Gebiet der Medicin Gehörige oder demselben Nahe¬ 
stehende ist vollständig berücksichtigt. Wie angenehm ein solches 
Nachschlagebuch ist, davon wird sich jeder Arzt bald überzeugen, 
wenn er es kurze Zeit benutzt hat. Das Werk soll in 18— 20 Lief, 
ä 2 Mark erscheinen ; der Preis ist also kein zu hoher. Druck und 
Papier sind vorzüglich. Sehr. 

Nothnagel und Naunyn: Ueber die Localisation 
der Gehirnkrankheiten. (S. a. aus den Verhandlungen des 
VI. Congresses für innere Medicin zu Wiesbaden 1887). 56 S. 
Mit Abbildungen und 2 Tafeln. Wiesbaden 1887. Bergmann. 

Die beiden Referenten für die Frage von der Localisation der Ge¬ 
hirnkrankheiten hatten das Thema der Art unter sich getheilt, dass 
Prof. Nothnagel die Localisation in der Gehirnrinde, Prof. Nau- 
nyn den aphasischen Symptomencomplex und dessen Localisation 
znm Berichterstatten übernommen. Es versteht sich von selbst, dass 
das Thema in äusserst lichtvoller Weise dargelegt ist und sind die 
neuesten Ergebnisse der klinischen Beobachtung übersichtlich zu- 
sammeiigestellt; Neues wird nicht geboten. H z. 

A. Zemanek: Syphilis in ihrer Rückwirkung auf die 
Berufs-Armeen. Wien 1887. Moritz Perles. 73 pag. 

Verf. will die Rückwirkung der Sypbilisausbreitung «im Frieden 
und im Kriege darlegen, sowie die Möglichkeit ihrer thnnlichsten 
Eindämmung» wie die Fortsetzung des Titels lautet. 

Verf. beginnt in einer historischen Einleitung (20 Seiten), in wel¬ 
cher er auch einige Receptformeln aus alter Zeit giebt, welche recht 
belehrend wirken, und den Unterschied der Therapie von einst und 
jetzt illustriren sollen. Nicht aber können wir damit übereinstim¬ 
men, wenn Verf. (pag. 7) sagt, dass er «weil es so seit jeher üblich, 
war, die Urethrititis und das weiche Schankergeschwür ans usuellen 
Gründen unter die syphilitischen Gesammtkrankheiten rechnet». 

e 




26 


Sin Buch, das heutzutage über Verbreitung der «Syphilis» ge¬ 
schrieben wird, muss uns einen scbarfen Unterschied zwischen Syphi¬ 
lis and den beiden anderen venerischen Erkrankungen bringen. 
«Usuelle Gründe» dürfen nicht mehr gelten, wir müssen doch end¬ 
lich mit diesem «Usus» oder richtiger «Abusus» brechen ! Solange 
wir keine genauen Statistiken über die «wirkliche Syphilis» besitzen, 
können wir uns auch kein klares Bild über deren Ausbreitung schaf¬ 
fen ; dieses aber ist die Grundlage, ohne welche wir keinen Begriff 
bekommen können, ob eine Maassregel gegen Syphilis hilft oder 
nicht d. h. ob die Syphilis in ihrer Ausbreitung zu- oder abnimmt. 

Verf. giebt uns eine grosse Beihe von Zahlen aus den verschiede¬ 
nen Armeen. 


In Oesterreich kamen 1870—84 durchschnittlich jährlich —18,324 
Syphiliserkrankungen vor (soll heissen venerische Erkrankun¬ 
gen !), von denen sich jedoch die Mehrzahl auf Urethritis bezieht, 
denn s. B. 1884 litten von 19,146 Pat. — 8903 an Urethritis, 4165 
an Ulcus molle und 6046 an Syphilis. 

In l'reussen schwankte die jährliche Krankenzahl 1873—82 von 
9416 bis 14,574, wobei wir ebenfalls nicht wissen, wieviel darunter 
Syphilitiker. . 

In England 1874—79 jährlich — 6278—15,213 Syphilitiker. 
Diese grosse Schwankung entspricht der verschiedenen Schwankung 
des Effectivbestandes. 

Sehr lehrreich ist die Zahl für Frankreich pro 1879. Von 30,430 
Venerikern litten — 20,868 an Urethritis, 6468 an Ulcus molle, 
3094 an Syphilis. 

Kann man also solche Zahlen zum Beweis der Syphilis Verbrei¬ 
tung heranziehen ? 

Wir übergehen die Zahl für die übrigen Armeen, desgleichen das 
Capitel über Therapie und wenden uns zu den propbyIndischen 
Maassregeln, die iedoch nichts Neues bieten. Sehr rationell ist die 
Ansicht des Verf. betreffs Verbreitung der Kenntnisse über Syphilis, 
(wie das ja auch Tarnowski als ersten Grundsatz anfstellt), 
ferner soll die geheime Prostitution mehr beaufsichtigt werden (was 
wir ja Alle wünschen, nur ist es eben schwer möglich). Jedenfalls 
ist es ein Verdienst des Verfassers recht viel Material zusammen¬ 
getragen zu haben, so dass man das Buch mit Befriedigung liest 
und nur bedauert, dass das Material nicht besser kritisch gesichtet 
ist. P. 


S a 11 i s: Der tbierische Magnetismus (Hypnotismus) und 
8eine Genese. Darwinistische Schriften. Erste Folge. 
Band 16. Leipzig, Günther 1887. 108 S. 

Der Zweck dieses interessanten Werkchens ist in dem Vorworte 
desselben angegeben. Es soll in erster Linie die Gefahren der durch 
Laten ansgefübrten Hypnose für die Gesundheit der «behandelten» 
Personen klarlegen, etwas wofür Verf. seit Jahren durch Schrift 
und Wort gekämpft und unter Anderem auch auf die Tragweite sol¬ 
cher öffentlicher hypnotischer Schaustellungen in Bezug auf Sittlich¬ 
keit und Moral hingewiesen hat. Dann wollte er aber auch die wich¬ 
tigen Errungenschaften der französischen Pathologen, welche son¬ 
derbarerweise den meisten deutschen Aerzten recht unbekannt ge¬ 
blieben waren, in weiteren Kreisen bekannt machen und «die Wege 
ebnen helfen, welche in theoretischer und praktischer Beziehung zu 
einem richtigen Verständnis des Hypnotismus führen dürften». 
Es zerfällt deshalb das Werkchen in zwei Theile, den ersten grösse¬ 
ren, die Geschichte des thierischen Magnetismus in fesselnder Weise 
schildernden und den zweiten, als Anhang beigegebenen, Kranken¬ 
geschichten aus der Bevue de l’hypnotisme enthaltenden. Nach 
Verf.’s Ueberzeugung sind die Erscheinungen des Hypnotismus le¬ 
diglich Ermüdungserscheinungen und nichts anderes als der Aus¬ 
druck eines gesteigerten Verbrauches der die normale Function des 
Gehirns vermittelnden materiellen Substrate bei ungenügendem 
Wiederersatz ; denn die Erscheinungen schwinden, sobald das Miss¬ 
verhältnis zwischen Verbrauch und Ersatz lebendiger Kraft ausge¬ 
glichen wird»; es handelt sieb in jedem einzelnen Falle um künst¬ 
liche, durch Lähmung der vasomotorischen Nerven, besonders im 
Bereiche des Centralnervensystems erzeugte Circulationsstörungen. 

Es sei hiermit das Büchlein als lehrreiche und interessante Lecture 
empfohlen. Hs. 

Prof. P. Bruns (Tübingen): Beiträge zur klinischen 
Chirurgie. III. Bd. 1. Heft mit 4 lith. Taf. Tübingen 1887. 
Verlag der Lanpp’schen Buchhandlung. Preis 4 Mk. 

Mit diesem Hefte beginnt ein neuer Band der werthvollen «Bei¬ 
träge» aus der strebsamen und fruchtbaren Tübinger Schule. Der 
Inhalt muss jeden prakt. Chirurgen interessiren: 

1) H. B ay h a: Ueber Lnpuscarcinom. 4 Fälle mit Abbildungen. 
2 ) Th. Weizsäcker: Die Arthropathie*bei Tabes. 3) W. Göz: 
Ueber ausgedehnte Besection der Scbädelksoeben und das Begenera- 
tionsvermögen derselben. 4) A. H e i 8 e: Ueber Schilddrüsentumoren 
im Inneren des Kehlkopfs und der Luftröhre. 5) P. Bruns und 
C. Nauwerck: Ueber die antituberculöse Wirkung des Jodo¬ 
forms. Klinische und histologische Untersuchungen. 

Ein spec. Hefe rat über einzelne Arbeiten soll seinerzeit in dieser 
Wochenschrift erscheinen. Sei. 


An die Redaction eingesandte BOcher und Druck¬ 
schriften. 


— Ueber denNacbweis desCocains im Thierkörper 
von Leonhard Helmsing. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886. 

— Ueber di e Organisation des Thromb us v. Eduard 
H e u k in g. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886. 

— Ueber Cyclamin von Nicolai Tufanow. Inaug.-Diss, 
— Dorpat 1886. 

— Ueber den heutigen Stand der Argyriefrage von 
Stanislaus Krysinski. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886. 

— Die Verwerthung der Gesichtsfeldprüfung für 
die Diagnostik und Prognostik der Amblyopien von 
Otto Poetschke. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886. 

— Pharmakotherapeuti8che Studien über das 
Hyoscin von August Sohrt. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886. 

— Beiträge zur Innervation desPylorus von Theo¬ 
dor Dobbert. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886 

— Zur CasuiBtik der diffusen Hirnsclerose von 
Arthur Berg. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886. 

— Beitrag zum forensisch-chemischen Nachwei» 
des Hydrochinon und Arbutin im Thierkörper von 
Hugo Laurentz. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886 

— Ueber die Häufigkeits- und Abhängigkeitsver¬ 
hältnisse desPannus bei Trachom. Jnaug.-Diss. — Dorpat 
1886. 


1 — Ueber die Wirkung des Aluminiums und des 

Berylliums auf den thierischen Organismus v. Paul 
8iem. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886. 

— Ein Fall von Hemiatrophia facialis progres¬ 
siva, verbunden mit neuroparalytis eher Ophthalmie 
von Hermann Graff. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886. 

— Beitrag zum forensisch-chemischen Nachweis 
des Besorcin und Brenzcatecbin im ThierkÖrper von 
Joseph Schomacker. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886. 

— Mittheilungen über die Entwickelung der pri- 
mitiven Aorten nach Untersuchungen an Hühner* 
embryonen von John Türstig. Inaug.-Diss. — Dorpat 1886. 

— Die Brillen, das dioptrische Fernrohrund Mi¬ 
kroskop. Handbuch für praktische Optiker von Dr. CarlNeu- 
mann. Mit 95 Abbildungen. — Wien, Pest und Leipzig 1887. 
A. Hartleben’s Verlag. 

— Ueber die Wirkung der Säuren (Salz-, Milch- r 
Essig - und Kohlensäure) auf die Magenfunction des 
Menschen, sowie deren th e rape u tische An Wendung 
von Doc. W. Ja w o r 8 k i. Sep.-Abdr. aus der D. med. Wochenschr, 
36 36—38. 1887 

— OCHOBH MeXHUHHCKOft $ H 8 H K H. PyKOBOJCTBO ||f 

Bpaueft h CTyjeHTom» npo<J>. H. EropoB a. BunycKi II. - C..IIe- 
Tepöypn» 1887. 

— Methoden zur Bestimmung der Intensität der 
Pepsinausscheidung aus dem menschlichen Magen 
unaGewinnung des natürlichen Magensaftes zu phy- 
siol.-chem. Zwecken von Doc. W. Jaworski. Sep.-Abdr. 
aus Münch, med. Woch. 36 33. 1887. 

— Ueber Atonie des Magens. Th. I. von Doc. Dr. R. 
Freiherr v. Pfungen. — Klinische Zeit- und Streit¬ 
fragen von Prof. Dr. Schnitzler. Heit 7 und 8. — Wien 1887. 
Verlag von Wilhelm Braumüller. 

— Ueber den Mechanismus der Zangentr act ionen 
von Dr. v. Wislocki. — Berlin und Neuwied 1887. Heuser's 
Verlag (Louis Heuser). 

— Zur Behandlung der Sterilität von Dr. Levy. — 
Berlin und Neuwied 1887. Heuser’s Verlag (Louis Heuser). 

— Zur Therapie der Chlorose von Dr. Hüllmann. — 
Berlin und Neuwied 1887. Heuser’s Verlag (Louis Heuser). 

— MeTOAUKft UacTÖpoBCKHXi npejoxpaHHTeib- 
Hilll» npHBEBOKl Ä-pa ne*. B. MaXCHMOBS. H8T» *ypH. 
Me**yHapoxH. bjhh. — C.-HeTepöyprb 1887. 

— Du traitement des fractures de l’olöcrane par le 
Dr. F. Fraipont: Extrait des Ann. de la Soci6t6 medico-chirur- 
gicale de Liöge 1887. 

— Du tamponnement de l’utörns par la gazejodo- 
formi86e comme moyen hömostatiqu© par le Dr. F» 
Fraipont. Extr. des Ann. de la Soc. med.-chir. de Liöge 1887. 

— KpaTsifi Kypci» cp&BHHTeibHoft aHaToniu no- 
BBOHouHiix'b bhbothuxi üpo<|>- A. 0. Bpaoxia. Hsv 
xypH. BeTepuHapHuft Btcra. 1887. 

— Ignaz Philipp Semmelweis. Eine geschichtlich-me- 
dicin. Studie von Dr. Jacob Bruck. — Wien und Teschen 1887. 
Verlag von Karl Prochaska. 

— Dr. Paul Börner’s Beichs-Medicinal-Kalender 
für das Jahr 1888. Herausgegeben von Dr. 8. Guttmann. — 
Leipzig. Verlag von Georg Thieme. 

— Annual report of the board of regentsoffhe 
Smithsonian Institution. July 1885. Part I. — Washing¬ 
ton 1886. 

— Zur Staaroperation. Vortrag, geh. in der Gesellsch. f» 
Heilk. 30. März 1887 von Prof. Dr. Sch Öler. Sep.-Abdr. aus Berl, 
klin. Woch. 36 38. 


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— Repetitorium der medicinischen Hilfswissen¬ 
schaften Chem • Physik, Botanik und Zoologie für 
Studirende der Med., Pharm., Tbierarzn. und Chemie. Theil II. 
Physik von Dr. Th. Sch mi d t. — Breslau 1887. Verlag von 
PreusB & Jünger. 

— Ueber die Methoden der modernen Bacterien- 
forschung von R. J. Petri. Sammlung wissenschaftl. Vorträge 
von Vircho w und Holtzendorff. Heft 10/11. — Hamburg 
1887. Verlag von J. F. Richter. 

— Zur Lehre von den Erythemen von Prof. Dr. Polo- 
tebno w. — Hamburg und Leipzig 1887. Verlag von Leopold Voss. 

— MeieopoJoruqecKia HaÖJfOäOHiH npn Kopo- 
cTuraeBCKoÄ yquTejBCKoft ceMHHapin 1883—1886 rr. 
danHCRH Kießcsaro oöm. ecTecTBOHcnuTaiejiett. 1887. 


Der Pall Dreypölcher. 

Vor einigen Tagen ist ein hochgeachtetes Mitglied unseres Standes, 
der Hofrath E. Dreypölcher, Ordinator am Obuchow-Hospitale, 
von den Geschworenen schuldig befunden worden, dadurch dass er 
einer Kranken die Hülfe versagt und sie in höchst ungenügender Be¬ 
kleidung fortgeschickt, ihren Tod beschleunigt zu haben, auf welches 
Verdict hin das Gericht ihn zum Verlust aller besonderen und von 
Geburt ihm zukommenden Rechte, sowie zur Verbannung in’s Ar- 
changel’sche Gouvernement auf 3 Jahre verurtheilte. Das peinliche 
Aufsehen, welches dieser Process und sein unerwarteter Ausgang ge¬ 
macht haben, nöthigen uns näher auf denselben einzugeben. 

Der Tbatbestand, wie er sich aus der Untersuchung und der Ge¬ 
richtsverhandlung ergeben hat, ist in Kürze folgender. Am 23. Dec. 
i 1885 hatte Dr. Dreypölcher die Dejour in der CnpaBO^Haa 
soHTopa (Erkundigungsbüreau für vacante Betten in den Stadthospi¬ 
tälern). Um die Mittagszeit wurde ihm auf einer Bahre die schwer¬ 
kranke, 70 Jahre alte T. aus dem Empfangszimmer des Obuchow- 
hospitals gebracht, wo sie wegen Mangels an freien Plätzen keine 
Aufaahme hatte finden können. Die Untersuchung hat ergeben, dass 
die T. schon seit längerer Zeit krank, in den letzten Wochen aber 
bettlägerig gewesen; ihre Herrschaft, bei der sie als Kindermädchen 
diente, hatte schon mehrmals versucht sie im Hospitale unterzu¬ 
bringen, was aber wegen UeberfÜllung desselben bisher nicht mög¬ 
lich gewesen war. Am genannten Tage war sie wiederum hinge¬ 
bracht worden, und nachdem die Begleitung eine zeitlang gewartet 
hatte, ohne dass die Reihe der Aufnahme an ihre Kranke gekommen 
wäre, hatte sie sich davon gemacht, die Kranke allein und ohne ein 
warmes Kleidungsstück ihrem Schicksal überlassend. Dr. Drey- 
p ö 1 c h e r fand, dass die Kranke sich im letzten Stadium der Schwind¬ 
sucht befinde, jedoch nicht in einem Zustande, dass der Tod binnen 
wenigen Stunden zu erwarten gewesen wäre. Aus den ihm vorlie¬ 
genden Berichten aller Stadthospitäler ersah er, dass in keiner ein¬ 
zigen der weiblichen Abtbeilungen ein Bett frei sei. Trotzdem be¬ 
mühte er sich der Kranken ein Unterkommen zu verschaffen und 
schickte sie unter Begleitung eines Hospitaldieners zur nächstgele¬ 
genen Polizeistation, damit sie in dem dabei befindlichen Kranken¬ 
zimmer Aufnahme fände, bis in einem Hospitale ein Platz frei ge¬ 
worden. Von dort wurde sie zurückgeschickt, *weil sie nicht dorthin 
gehöre». Da die Kranke angab, sie habe keine Wohnung, so schickte 
Dr. D. sie zur Polizeistation desjenigen Stadttheils, in welchem sie 
zuletzt gelebt, indem er ihr einen Schein der CnpaBoqH&Ji KOHTopa 
mitgab, mit der Aufschrift «wegen schwerer Erkrankung» und Be¬ 
merkung : «kein Platz in den Hospitälern und kein Quartier». Trotz¬ 
dem wurde die T. noch von 2 Polizeistationen abgewiesen; an diesem 
Tage herrschte strenge Kälte (—14—15° R.) und wehte ein eisiger 
Wind. Auf ihren Irrfahrten langte die Kranke dann schliesslich in 
halb erstarrtem Zustande Abends um 6^- Uhr im Alexander-Baracken- 
Hospitale an, wo sie aufgenommen wurde, aber schon eine Stunde 
nach der Aufnahme verstarb. 

Zum besseren Verständnis dieser Sache müssen wir unseren Le¬ 
sern, namentlich den auswärtigen, die mit den Petersburger Verhält¬ 
nissen nicht so vertraut sind, einige hiesige Einrichtungen genauer 
schildern. Die der Krankenzahl, namentlich in den Wintermonaten 
durchaus nicht entsprechende Zahl von Betten in den Hospitälern ist 
ein altes, jahrelanges Leiden Petersburgs. Nur zu oft ist es vorge¬ 
kommen, dass ein Kranker, oft bei strenger Kälte, von einem Hospi¬ 
tale in’s andere gefahren und überall wegen UeberfÜllung zurückge¬ 
wiesen wurde, was bei den grossen Entfernungen oft von Morgens 
früh bis \bends spät dauerte, bis er endlich nach 4 oder 5 vergeb¬ 
lichen Versuchen schliesslich doch noch Aufnahme fand, oder auch 
unverrichteter Sache nach Hause zurückkehren musste. Um diesem 
Uebelstande einigermaassen zu begegnen, wurde vor einigen Jahren 
die sogenannte Cnp&BoqHaa ROHTopa eingerichtet, d. h. ein Central- 
Erkundigungsbüreau für vacante Plätze in den Hospitälern. Hier 
liefen jeden Morgen die Berichte aus allen Hospitälern ein, welche 
angaben, wie viele vacante Betten für Männer, wie viele für Frauen 
vorhanden seien ; hierher sollten sich alle diejenigen wenden, welche 
eine Aufnahme in’s Hospital wünschten und dabei sicher sein wollten, 
keine vergeblichen Fahrten zu unternehmen. Ein Arzt dejourirte 
daselbst und dirlgirte die Kranken dorthin, wo er wusste, dass Betten 
frei stünden. Das war die Organisation dieses Erkundigungsbüreaus, | 
und seine Thätigkeit, und die Berechtigung des dejourirenden Arztes, 
was wohl zu beachten ist. Weder konnte der dqjourirende Arzt j 
einen Kranken bei sich aufnehmen, da ihm dazu kein Bett zur Ver¬ 


fügung stand — das Büreau war eben nichts weiter als eine Canxellei 
— noch konnte er die Aufnahme in irgend einem anderen Hospitale 
anordnen, er konnte nur den Kranken mittheilen, wo sie einen freien 
Platz finden könnten und konnte sie durch den Vermerk «wegen 
schwerer Erkrankung» zur Aufnahme empfehlen, welcher Vermerk 
demnach nicht den Charakter einer Ordre, sondern nur den einer 
dringenden Bitte an sich trug. Bis zum Abend durfte er im Noth- 
falle einen schwer Erkrankten im Büreau liegen lassen, über Nacht 
aber nicht, das war gesetzlich verboten, wie Dr. Batalin, der 
Inspector der hauptstädtischen Medicinal-Verwaltung vor Gericht 
angegeben hat. Wie dem dejourirenden Arzte kein Bett zur Dispo¬ 
sition stand, so auch keine anderen zur Versorgung eines Kranken 
noth wendigen Utensilien, namentlich also keine Wäsche und keine 
Kleidungsstücke. Seine ganze Macht bestand — wir wiederholen 
es nochmals — darin, den Kranken dorthin zu dirigiren, wo er vor¬ 
aussichtlich Platz finden würde. Bei der Einrichtung dieses Erkun¬ 
digungsbüreaus kam es natürlich auch darauf an, dasselbe möglichst 
zweckentsprechend zu placiren ; daher wurde es im Obuchow-Hospi¬ 
tale untergebracht, weil dieses das grösste Hospital ist, wohin ohne¬ 
dies sich stets die grösste Zahl der Aufnahme wünschenden Kranken 
wendet, und weil es sich in einem Theile der Stadt befindet, wo die 
ärmere Bevölkerung am dichtesten lebt. 8onst bestand aber keinerlei 
Zusammenhang zwischen dem Hospitale und dem Erkundigungsbü¬ 
reau, letzteres war eine vollständig selbständige Institution, die sich 
nur zufällig unter demselben Dache mit dem Hospitale befand. Wann 
daher vielleicht Manche einen argen Verstoss des Dr. D r e y p ö 1 c h e r 
gegen die Humanität darin gesehen haben, dass er als Ordinator des 
Obuchow-Hospitals während seiner Dejour eine schwer Kranke nicht 
aufgenommen, sondern fortgeschickt habe, so ist das ein schwerwie¬ 
gender Irrthum. Dr. Dreypölcher fungirte an dem Tage nicht 
als Ordinator und nicht als Dejourant im Hospital, sondern im Er¬ 
kundigungsbüreau, konnte als solcher überhaupt nicht aufnehmen , 
sondern nur Auskunft ertheilen. 

Anders verhält es sich mit den Krankenlocalen bei den Polizeista¬ 
tionen. Diese berichten nicht an das Erkundigungsbüreau über et¬ 
waige freie Plätze, es sind auch nicht kleine Lazarethe, sondern nur 
für den Nothfall hergerichtete kleine Räume mit einigen wenigen 
Betten, aber mit allem versehen, was für die erste Hülfeleistung 
nothwendig ist. Wenn ein Kranker dorthin gebracht wird, so ge¬ 
schieht es aufs Gerathewohi. Vor Gericht machte Dr. Batal in 
die wichtige Mittheilnng, die in diesen Krankenlocalen dejourirenden 
Feldsclieerer hätten Befehl, Kranke, welche zur kalten Jahreszeit 
hingebracht, wegen UeberfÜllung aber nicht aufgenommen werden 
könnten, zum weiteren Transport mit einer stets vorräthigen war - 
men Arrestantenkleidung eu versehen , welche Kleidung nach Un¬ 
terbringung des Kranken in einein Hospitale wieder zurückgebracht 
werde. 

Aus Obigem ist ersichtlich, dass Dr. Dreypölcher überhaupt 
gar nicht im Stande war der Kranken die nöthige Hülfe zu leisten; 
weder hatte er selbst ein Bett zur Verfügung, noch hatte er das 
Recht ihre Aufnahme in irgend einem Hospitale anzuordnen, noch 
konnte er sie in ein anderes Hospital zur Aufnahme dirigiren, da 
nach den ihm vorliegenden Ausweisen nirgends ein freies Bett vor¬ 
handen war, Von einer verweigerten Hülfe kann daher gar keine 
Rede sein. Dr. B a t a 1 i n hat freilich vor dem Gericht dahin aus¬ 
gesagt, dass Dr. Dreypölcher völlig correct gehandelt haben 
würde, wenn er die Kranke bis zum Abend bei sich behalten und sich 
unterdessen bemüht hätte ihr ein Unterkommen zu verschaffen. Aber 
was wäre denn die Folge dieses correcten Verfahrens gewesen ? Nichts 
anderes, als dass die Kranke ihre Irrfahrten mitten in der Nacht hätte 
antreten müssen. Und wenn er ihr das ersparen wollte, verdient 
das die Strafe der Verschickung ? Er hätte sie ja auch in’s Obuchow- 
Hospital zurückschicken können, wenn das nicht ein völlig nutzl ses 
Hin- und Herschicken gewesen wäre, da sie ihm ja eben von dort her 
auf einer Bahre gebracht worden war, weil sie dort wegen Ueber- 
fÜUnng keine Aufnahme finden konnte. Was sollte er denn nun ei¬ 
gentlich thun, um sich nicht dem Vorwurf der Pflichtversäumniss 
auszusetzen ? Ein wesentlicher Vorwurf ist ihm ferner daraus ge¬ 
macht worden, dass er die schwer Kranke in höchst ungenügender 
Kleidung bei strenger Kälte fortgeschickt habe. Wo sollte er denn 
aber die genügende Kleidung hernehmen, wo ihm rein nichts zur 
Verfügung stand, kein Tuch, kein Stück Flanell, geschweige denn 
ein Pelz oder Mantel ? Trotzdem that er was in seinen Kräften, 
stand ; er schickte die Kranke zur zunächst gelegenen Polizeistation 
in der Hoffnung, dass sie dort wenigstens bis zum nächsten Tage 
würde bleiben können, bis zu welcher Zeit wohl irgendwo ein Bett 
würde freigeworden sein» Die Entfernung bis zur Polizeistation des 
Moskauer Stadttheils beträgt nur wenige hundert Schritt; dieser 
kurze Transport würde der Kranken schwerlich einen namhaften 
Schaden zugefügt haben. Wenn sie nun aber dort weder aufgenom¬ 
men wurde, noch eine warme Kleidung erhielt, und es ihr ebenso auf 
den beiden anderen Polizeistationen erging, welche sie aufsnchte, 
obwohl warme Kleidung vorhanden war und der stricte Befehl vor¬ 
lag, sie in solchen Fällen zu gebrauchen — ist denn das dem Dr. 
Dreypölcher zur Last zu legen? 

Nach dieser Auseinandersetzung können wir es getrost jedem ein¬ 
zelnen unserer Leser überlassen sich selbst eine Meinung darüber zu 
bilden, ob der Dr. Dreypölcher in der That „schuldig 1 * ist, durch 
Verweigerung seiner Hülfe und Hinausschicken der Kranken in 
Kälte und Wind den Tod derselben beschleunigt zu haben. Unserer 


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1 



28 


/ 


Ansicht nach, sieht dieses Verdict der Geschworenen einem Justiz¬ 
morde so ähnlich, wie ein Ei dem anderen. Früher schlug man 
die Aerzte einfach todt, wenn die Cholera unter der Bevölkerung 
aufräumte; jetzt schlägt man sie moralisch todt, vernichtet ihre 
bürgerliche Existenz, beraubt sie der Ehre und Freiheit wenn 
— in den Hospitälern zu wenig Plätze vorhanden sind. Das Mit¬ 
tel ist in beiden Fällen gleich logisch, gleich gerecht, und gleich 
wirksam gegen das zu bekämpfende Uebel. Wir würden uns nicht 
sehr wundern, wenn nach einem solchen Wahrspruch der Geschwore¬ 
nen sämmtüche Ordinatore sämmtlicher Hospitäler Petersburgs sich 
in ihrer Existenz dermaassen gefährdet fühlten, dass sie alle den 
Dienst quittirten; denn jeder von ihnen kann jeden Tag in dieselbe 
peinliche Lage gerathen in der Dr. D r e y p ö 1 c h e r sich befand, und 
wer wird sich dem aussetzen wollen eventuell verschickt zu werden, 
weil die Zahl der Kranken grösser ist, als die Zahl der Betten in den 
Hospitälern ? 

Die Verkündigung des Urtheils rief eine lebhafte Erregung unter 
dem anwesenden Publicum hervor, eine Erregung, die sich schon 
weit über die Wände des Gerichtssaales hinaus fortgepflanzt hat und 
immer grössere Wellen schlägt. Dann verlas der Präsident die 
weitere Verfügung des Bezirksgerichts, nach welcher das rechts¬ 
kräftig gewordene Unheil durch den Justizminister Sr. Majestät 
dem Kaiser mit dem Gesuch zu unterbreiten ist, die dem Dr. Drey- 
p ö 1 c h e r Anerkannte Strafe in einmonatlichen Arrest auf der Haupt¬ 
sache abändern zu wollen. Es ist offenbar, dass das Gericht zu 
seinem harten Urtheil durch das „Schuldig“ der Geschworenen, ent¬ 
sprechend den klaren Strafbestimmungen des Gesetzes, gezwungen 
war, seiner eigenen Ueberzeugung aber in dem beschlossenen Gna • 
dengesuch Ausdruck verliehen bat. Der Unterschied zwischen bei¬ 
den ist so augenfällig, so vielsagend, so schlagend, dass wir uns füg¬ 
lich jeden weiteren Commentares enthalten können; nur eine Be¬ 
merkung wollen wir machen : auch die aller gelindeste Strafe ist 
viel zu hart wenn keine Schuld vorliegt . 

Das ist. was wir Uber den Fall Dreypölcher zu sagen hätten, 
doch können wir nicht schliessen, ohne einige Betrachtungen allge¬ 
meineren Charakters daran zu knüpfen, denn durch diesen Process 
ist nicht ein einzelner Mann geschädigt worden, es sind auch tieflie¬ 
gende Schäden aufgedeckt und allgemeine Interessen verletzt wor¬ 
den. Dass solch 1 einProce88 überhaupt möglich war, ist ein schlim¬ 
mes Zeichen derZeit, wenn er aber gar so entschieden werden konnte, 
wie dieser entschieden worden ist, so werden damit aller Zügellosig¬ 
keit, allem Nihilismus in Betreff der schuldigen Achtung einem gan¬ 
zen respectablen and schwer belasteten Stande gegenüber Thür und 
Thor geöffnet. In früheren Zeiten wäre dergleichen gar nicht denk¬ 
bar gewesen. Früher beruhte das Verhältniss zwischen Arzt nnd 
Publicum anf Vertrauen und Achtung. Der Arzt brachte dem Publi¬ 
cum seine stete Hülftbereitschaft bei Tage nnd bei Nacht, bei gutem 
und bei schlechtem Wetter, in gefährlichen Epidemien, bei guten 
und bei geschwächten Kräften, bei guter und bei schwankender Ge¬ 
sundheit, den Reichen und den Armen. Das Publicum aber lohnte 
dem Arzte damit, dass es ihm Vertrauen erwies, ihn unter allen 
Umständen für eine Respectsperson hielt und demgemäss behandelte, 
Nachsicht hatte mit seinen Schwächen und seine aufreibende Thätig- 
keit als Entschuldigung gelten liess, wenn es ihn einmal nicht bei 
guter Laune traf. Freilich existirte ein Gesetzespunct, welcher vom 
Arzte verlangte jedem dringenden HUlferuf sofort Folge zu leisten, 
aber Niemand fragte danach ob ein solches Gesetz existire oder nicht, 
da Jedermann von jedem anständigen Arzte voraussetzte, dass er 
auch ohne solches Gesetz ebenso handeln würde. Aber — tempi 
pasBati! An Stelle des früheren Vertrauensverhältnisses ist ein 
Mi8strauensverhältniss getreten; man lauert dem Arzte auf, man 
sucht ihn zu verkleinern, schlecht zu machen, es macht sich eine ge¬ 
wisse Sucht bemerkbar dem Arzte wo irgend möglich was am Zeuge 
zu flicken. Und der Arzt? Nun, der wird natürlich auch allmälig 
misstrauisch, er misst ängstlich seine Schritte nnd Worte ab, ist auf 
seine Sicherheit bedacht. Denn er sieht sich mehr und mehr aus der 
Stellung eines Vertrauensmannes und Berathers der Familie zu der | 
Stellung eines Gesundheitsbeamten herabgedrückt. Wir sagen ab¬ 
sichtlich herabgedrückt, denn seine Stellung basirt immer weniger 
auf Vertrauen und Achtung, und immer mehr auf Gesetzespara¬ 
graphen. Der Mensch und sein Gemüth kommt immer weniger in 
Betracht, der Verkehr mit dem Publicum wird immer weniger ein 
herzlicher und immer mehr ein geschäftlicher. Das immer mehr an¬ 
wachsende Specialisteuthum hat nicht wenig zu dieser Entwickelung 
beigetragen. Wenn man aber nun gar anfängt die Aerzte wie ge¬ 
meine Verbrecher zu behandeln, ihnen zur Last legt, was die Ungunst 
der Verhältnisse verschuldet, jeden Unglücksfall der ihnen zustösst für 
ein Criminalverbrechen ausgiebt etc. —ja, dann ist es mit dem Ver- 
trauensverhältniss allerdings für alle Zeiten vorbei. Es sind ja in letz¬ 
ter Zeit mehrfach Fälle vorgekommen, wo Aerzte, und zwar berühmte 
Aerzte criminaliter verklagt worden sind, weil ihnen das Unglück 
eines Chloroformtodes zustiess. Giebt es denn wirklich Leute, die da 
glauben, ein Mensch werde zur fühllosen Bestie dadurch, dass er den 
Doctortitel erhält? Kann man sich das gar nicht vorstellen, dass ein 
Arzt durch solch 1 einen Unglücksfall härter betroffen wird, als durch 
irgend eine Strafe, die ihm dictirt werden könnte? Hat man das Bei¬ 
spiel ganz vergessen, wo ein namhafter Chirurg, dem das Unglück 
begegnete eine Patientin durch Cocain zu vergiften, darüber in solche 
Verzweiflung gerieth, dass er nichts anderes zuthun wusste, als sich 
eine Kugel durch den Kopf zu jagen? Und nun die Bettenfrage in 


den Hospitälern. Das ist ein uraltes Uebel in Petersburg, dass die 
vorhandene Bettenzahl dem vorhandenen Bedürfhiss nicht entspricht, 
ein Uebel, über welches Niemand mehr und beständiger geklagt hat, 
als die Aerzte, ein Uebel, unter dem, nächst den abgewiesenen 
Patienten, Niemand mehr gelitten hat als die Aerzte. Glaubt man 
denn wirklich, dass es so leicht sei, das Elend beständig vor sich zu 
sehen ohne Abhülfe schaffen zu können? Wenn die Kranken zu Zei¬ 
ten schwerer Epidemien zu Dutzenden auf der Strasse lagen vor der 
Hospitalsthüre, die sich für sie nicht öffnen konnte und so Manche 
von ihnen auch auf der Strasse starben, — war dieser Anblick 
vielleicht ein Hochgenuss für die Aerzte? Und wenn nun ein 
Arzt wieder in die peinliche Lage geräth einer schwer Kran¬ 
ken in keinem Hospitale Unterkommen schaffen zu können, so 
wird er criminaliter verklagt, aber nicht nur verklagt, sondern 
auch verurtheilt! Wem glaubt man wohl damit zu nützen? 
Sicherlich nützt man Niemandem damit, sondern fügt beiden 
Theilen, Aerzten wie Publicum erheblichen Schaden zu. Bei uns 
giebt es wahrhaftig noch genug öffentliche Misere zu saniren 
und eine erfolgreiche Bekämpfung der vorhandenen Uebelstände kann 
nur dann in Angriff genommen werden, wenn Alle, Regierung und 
Regiernngsinstitutionen, Aerzte und Publicum einmüthig zusammen¬ 
stehen nnd gemeinsam Hand ans Werk legen. Indem man aber Miss¬ 
trauen säet, das schon vorhandene Misstrauen hegt und fördert, 
Achtung und Vertrauen untergräbt, so richtet man damit Schaden 
und nur Schaden an. Es ist ja nicht so schwer sich eine billige Populari¬ 
tät zu erjagen, indem man das hohe Ross der Humanität besteigt und 
über die Grausamkeit der Aerzte wettert, die schlimmer sind, als die 
Henker — die tägliche Arbeit der Aerzte ist schwerer — aber was 
sind die Folgen solchen Gebahrens? Im Publicum wird die Meinung 
befestigt, dass Raum für alle Kranken vorhanden ist, dass jeder 
Kranke aufgenommen werden kann , wenn der Arzt nur will , — denn 
sonst hätte der Dr. Dreypölcher doch nicht verurtheilt werden 
können, das rein Unmögliche kann man ja doch von Niemand ver¬ 
langen. Der gemeine Mann aber wird sagen: ich muss in jedem 
Falle aufgenommen werden, wenn ich will, und wenn man mich mit 
der Ausrede abspeisen will, es sei kein Platz vorhanden, so brauche 
ich ja nur mit Sibirien zu drohen und man wird mir schon den Willen 
thnn. Das sind wahrhaft traurige Zustände! 

Es ist uns mitgetheilt worden — für die Wahrheit des Gehörten 
können wir uns nicht unbedingt verbürgen — der Untersuchungs¬ 
richter habe gesagt, er werde alles aufbieten den Fall zur gericht¬ 
lichen Verhandlung zu bringen um dadurch die herrschenden Uebel¬ 
stände recht an’s helle Tageslicht zu ziehen, dann würde man sich 
ernstlich um deren Beseitigung bemühen. So sehr wir mit dem er¬ 
strebten Zwecke einverstanden sind und mit den Motiven sympathi- 
siren, so wenig können wir dasselbe von dem angewandten Mittel 
sagen, denn wir billigen nicht und werden niemals billigen den Satz: 
der Zweck heiligt die Mittel. Gesetzt den Fall, der Beklagte war 
unschuldig und wurde ausserdem freigesprochen, so wäre er doch in 
seiner Ehre geschädigt worden, ein Unrecht wäre ihm auch in diesem 
Falle geschehen. Die Praxis unserer Geschworenen-Gerichte ist eine 
derartige, dass ihr freisprechendes Verdict nicht die Bedeutung hat: 
„unschuldig“, sondern nur die Bedeutung „nicht straffällig*, denn es 
sind schon so manche offenbare und geständige Diebe, Einbrecher 
und Mörder einfach frei gesprochen worden, während sie doch ohne 
Zweifel gestohlen und gemordet hatten. Ein freisprechendes Ver¬ 
dict der Geschworenen bat also eine Wiederherstellung der Ehre ad 
integrum nicht zur nothwendigen Folge, und so hätte man von Dr. 
Dreypölcher, auch wenn er freigesprochen wäre, doch immer 
sagen können: er war ja offenbar schuldig, aber die Ge¬ 
schworenen haben ihm verziehen — wie das schon so oft gesagt 
worden ist; der Makel, vor Gericht gestanden zu haben, blieb an 
ihm haften. Weun nun der Untersuchungsrichter alles aufgeboten 
haben sollte, den Fall an’s Gericht zu bringen, nicht weil er von der 
Schuld des Angeklagten fest überzeugt gewesen, sondern um gewisse 
Uebelstände an’s Licht zu ziehen, so würde er damit den Satz von 
sehr zweifelhaftem Werthe : fiat justitia, pereat mundus, umgekehrt 
haben in den Satz : fiat injustitia, crescat salus mundi! eine Umkeh¬ 
rung, die nicht zulässig ist, am wenigsten bei einem Juristen. 

Zum Schluss noch ein kurzes Wort. Es ist schon früher einige 
Male die Idee aufgetaucht, einen Recbtsschutzverein für Aerzte, wie 
sie im Auslande schon vielfach existiren, auch hier zu gründen, hat 
aber bisher stets eine ziemlich laue Aufnahme gefunden. Wir 
machen diesen Vorschlag jetzt allen Ernstes, nnd glauben, dass der 
Fall Dreypölcher die Nothwendigkeit eines solchen Vereines recht 
deutlich demonstrire. Wenn die Gesellschaft sich uns feindselig ge¬ 
genüber teilen will, so'wird es wohl an der Zeit sein sich zur Ver¬ 
teidigung zu rüstet^ Wir ersuchen die hiesigen ärztlichen Vereine 
diesen Vorschlag in Erwägung zn ziehen und bitten unsere Collegen 
von der Presse ihm auch in ihren Blättern weitere Verbreitung geben 
zu wollen. H. 


Vermischtes. 

— Am 13. Januar beging das Marien-Magdalenen-Hospital das 
25jährige Jubiläum Dr . Lingens als Oberarzt desselben. Der ge¬ 
ringe Personalbestand dieses kleinsten der hiesigen Stadthospitäler 
konnte natürlich nichts Imposantes in Bezug auf Zahl der Gratu¬ 
lanten und äusseren Werth der dem Jubilar dargebraebten Andenken 
bieten, aber Jeder der Theilnehmer empfand es auf's Zweifelloseste, 


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29 


•dass jedeeWort des Dankes nnd der Hochachtung, das dem ver¬ 
ehrten Oberarzte gesagt wnrde, ans einem unbedingt wahren Herzen 
kam, gleichviel ob der Sprecher Excellenz war oder ein FeJdscheer. 
Am frühen Morgen sangen die Waisenkinder des Petri-Waisenbauses 
Choräle. Dann waren als erste Gratulanten sämmtliche Feldscbeer 
da, die ihre Portraits in einer photographischen Gruppe brachten, 
wobei der Sprecher es betonte, dass die ihnen erwiesene väterliche 
Güte Dr. Ringens ihnen den Muth gegeben ein Geschenk zu bringen, 
das nur Kinder ihrem Vater bringen dürfen. Die Mitglieder des 
Comptoirs gaben in einer Adresse in den wärmsten Worten ihren 
Gefühlen Ausdruck ; im Namen der Aerzte, von denen keiner fehlte, 
sprach Dr. B a r y und im Namen des wirklichen Dienstpersonals die 
älteste Aufseherin. Waren die Formen der einzelnen Reden auch 
verschieden, der Inhalt war immer der gleiche: Dank, Liebe und 
dringende Hoffnung, dass der verehrte Jubilar dem Hospitale in 
gleicher Rüstigkeit des Körpers und Frische des Geistes noch lange 
erhalten bliebe. 

Um 11 Uhr war das ganze Personal in der Hospitalkirche ver¬ 
sammelt, wo der Geistliche die kirchliche Feier einleitete mit den 
Worten, dass vor 25 Jahren an dieser selben Stätte die Tbätigkeit 
Dr. Linge ns mit einem Gebet begonnen sei, und dass dieses Gebet 
erhört worden sei, denn ein Viertel* Jahrhundert in diesem selbstauf¬ 
opfernden Berufe ungeschwächt schaffen zu können, dass könne man 
nicht aus eigner Kraft. Den Vormittag über erschienen in der 
Wohnung des Jubilars viele Collegen und Jfreunde desselben und nach 
4 Uhr die Sanitätscommission mit ihrem Präsidenten.Herrn Ratkow- 
B o s h n o w an der Spitze. Die an diesem Tage stattnndende Versamm¬ 
lung der Duma hatte ihr ein früheres Erscheinen unmöglich gemacht. 
Sie brachte die Glückwünsche der Stadtverwaltung und das Geschenk 
derselben, die Summe von 2000 Rbl. 

Zum Abend hatte der Jubilar sämmtliche Hospitalcollegen zu einer 
Bowle zu sich eingeladen: da fehlte auch fast keiner, und als kurz 
vor Mitternacht das Gaudeamus gesungen wurde, hätte der letzte 
Vers ruhig wegbleiben können, denn von tristitia war da keine Rede, 
es herrschten daselbst nur dieselben Empfindungen, die den Tag ein¬ 
geleitet batten, die Empfindungen der Freude und des herzlichen 
Wunsches, dass die Leitnng des Marien-Magdalenen*Hospitals die¬ 
selbe bleiben möge, wahrhaftig zum Besten dieser Pflanzstätte der 
Humanität nnd Wissenschaft. 

— Am 23. December 1687 vollendeten sich 25 Jahre seit der Zeit t 
wo Prof. A. Krassowski, Director der hiesigen Entbindungsan¬ 
stalt in der Nadeshdinskaja, Beine erste gelungene Ovariotomie aus¬ 
führte. In dieser Veranlassung wurde ihm von'den Aerzten der 
Entbindungsanstalt eine Ovation bereitet. 

— Professor S. P. Botkin ist von der Pariser medicinischen 
Academie zum correspondirenden Mitglieds gewählt worden. 

— In Charkow feiern in nächster Zeit zwei medicinische Profes¬ 
soren der dortigen Universität ihr Jubiläum nnd zwar der Professor 
der Chirurgie, Geheimrath Dr. Wilh. Grube , am 17. Januar das 
35-jährige Jubiläum seiner Lehrtätigkeit und am 10. Februar der 
Professor der therapeutischen Klinik, wirkl. Staatsrath Dr. Vale- 
rian Laschkewitsch. sein 25-jähriges Dienstjubiläum . 

— Der Wiederbeginn der Vorlesungen an den russischen Uni¬ 
versitäten, welche im vorigen Semester wegen der Studentenunruhen 
vorzeitig geschlossen wurden, ist auf den März-Monat hinansge- 
schoben. Auch die eingestellten Examina sollen ebenfalls dann erst 
wieder aufgenommen werden. 

— Dem Oberarzt des Kiewschen Militärhospitals, wirkl. Staats¬ 
rath Dr. Schönfeld, ist von der französischen Academie der Titel 
eines «Officier d’Acadömie» verliehen worden, welcher zum Tragen 
eines besonderen Abzeichens berechtigt. 

— Verstorben : 1) Am 22. December 1887 in Jaroslaw der dor¬ 
tige Gouvemements-Medicinal-Inspector, wirk). Staatsrath Dr. Ni¬ 
kolai Schaitanow im 73. Lebensjahre am Magenkrebs. Nach 
Beendigung seiner medicinischen Studien an der Moskauer Universi¬ 
tät im Jahre 1841 wurde Sch. Militärarzt. Hierauf fungirte er 
einige Jahre als Gouvernementsarzt bei den Domänenhöfen in Olonez 
und Kaluga. Im Jahre 1869 wurde Sch., nachdem' er die Doctor- 
würde erlangt hatte, zum Medicinal-Inspector de^ Jaroslawschen Gou¬ 
vernements ernannt, in welcher Stellung er bis zu seinem Lebensende 
blieb. Der Dahingeschiedene erfreute sich hoher Achtung und Liebe 
sowohl bei seinen Patienten als auch bei den Collegen. 2) In Mlawa 
(Gonv. Plozk) der dortige Kreisarzt Ssawari. 3) Der Oberarzt 
des I. Cavall.-Reg. des Kubanschen Kosakenbeeres Sferin. 4) In 
Wien der ausserord. Professor der Dermatologie und Syphilis an der 
dortigen Universität, Dr. GustavWertheim im 67. Lebensjahre. 
Der Verstorbene hat auf den verschiedensten Gebieten der Medicin 
Hervorragendes geleistet. 

—- Professor Ti tu s V anzett i, dessen Tod wir in der vorigen 
H dieser Wochenschrift meldeten, hat auch längere Zeit in Russland 
gelebt und hieselbst als Professor und Arzt gewirkt. Nachdem V. 
in Padua seine medicinischen Studien absolvirt und dann noch zwei 
Jahre in Wien zur weiteren Vervollkommnung studirt batte, wurde 
er Hausarzt der Familie Naryschkin in Russland. Im Jahre 
1837 erhielt er die Doctorwürde in Charkow und bald darauf die 
Professur der Chiturgie an der Charkowschen Universität. Dort gab 
er im Jahre 1846 die «Annales scbolae clinicae chirurgicae caesareae 
nniversitatis cbarcoviensis» heraus. Im Jahre 1853 wnrde er auf 
den Lehrstuhl c(et Chirurgie in seiner Vaterstadt Padua berufen, 
4gf yrelchem er bis 1684 wirkte. Vanzetti hat auch das Ver¬ 


dienst, die erste Ovariotomie in Russland im Jahre 1848 ansgeführt 
zu haben. 

— Die Gesammtzahl der Kranken in den dvühospitälern St. 
Petersburgs betrug am 10. Januar c. 6010 (242 mehr als in der Vor¬ 
woche), darunter 651 Typhus- (26 mehr), 761 Syphilis- (57 mehr), 
65 Scharlach- (13 mehr) und 4 Pockenkranke (1 mehr als in der Vor¬ 
woche). 

— Die Cholera in l alparaiso (Chile) ist in Zunahme begriffen; 
es sollen täglich mehr als 100 Erkrankungen Vorkommen. In Lima. 
der Hauptstadt von Peru, sind nach dem Bericht eines dortigen 
Arztes vom 15. November 1887 bis 1. Januar d. J. 1283 Personen 
an der Cholera erkrankt und 644 von ihnen gestorben. 

— In Berlin erregen drei in verhältnissmässig kurzer Zeit auf¬ 

einander erfolgte Todesfälle von Frauen praktischer Aerzte am 
Kindbeltfieber Aufsehen und allgemeine Theilnahme. Man ist dort 
geneigt, dieselben auf die gegenwärtig daselbst herrschenden Schar¬ 
lach-, Masern- und Diphtherie-Epidemien zurückzuführen, welche 
die Gelegenheit abgeben, dass die Aerzte, trotz aller Vorsicht, ihren 
Wöchnerinnen Ansteckungsstoffe zutragen. (A. m. C.-Ztg.) 

— In Gotha hat am 11. Januar d. J. bereits die 500. Leichenver¬ 
brennung stattgefunden. 

— Für das projectirte Pasten rasche Institut in Paris sind be¬ 
reits über 2 Millionen Francs gesammelt worden. 

— Aus Blankenfelde wird über ein zur Zeit sich dort aufhalten¬ 

des junges 14jähriges Mädchen berichtet, welches ein Körper¬ 
gewicht von 186 Pfund haben soll. Dasselbe soll in Folge der Fett¬ 
leibigkeit so unbehUlflich sein, dass es sich nicht allein fortbewegen 
kann und immer einer Führung bedarf. (A. m. C.-Ztg.) 

— Der diesjährige V. Congress polnischer Aerzte und Natur¬ 
forscher wird zu Ende des Mai-Monats in Lemberg stattfinden. 

— Dem Vernehmen nach beabsichtigt der Municipalrath von 
Paris auf den von ihm gegründeten Lehrstuhl für Biologie einen 
englischen Darwinianer zu berufen, weil angeblich kein hinlänglich 
bedeutender französischer Gelehrter für dieses Fach ausfindig zu 
machen ist. Wie der «Allg. med. Central-Ztg.» mitgetheilt wird, 
haben auch schon Unteihandlangen mit Prof. Ray Lankester 
und den Herren George Romanes und Grant Allen statt¬ 
gefunden. 

— Noch hat der von Dr. Scheurlen entdeckte Krebsbacillus 
in der Wissenschaft nicht die nötbige Anerkennung gefunden, da 
wird schon Sch eurlen die Priorität dieser Entdeckung streitig 
gemacht. So beansprucht der bekannte Entdecker des Gelb-Fieber- 
Mikroben, Prof. Dr. Domingo Freire in Brasilien, die Priori¬ 
tät der in Rede stehenden Entdeckung, welche er bereits im Anfang 
des Jahres 1877 in einer Abhandlung über den Charakter des Kreb¬ 
ses mitgetheilt haben will. Ebenso behauptet der Franzose, Dr. 
R appi n, dass ihm schon vor mehr als einem Jahre die Entdeckung 
des Krebsbacillus geglückt sein soll. Auch noch ein dritter, Dr. 
Ledoux-Lebard, macht seine Prioritätsrechte in Bezug auf den 
Krebsbacillus geltend. 

— Wie ein Arzt in Deutschland sich gegen die Ausbeutung seiner 
ärztlichen Leistungen zu schützen versucht, geht aus nachstehender 
im «Odenwälder Boten» publicirten «Bekanntmachung» eines Dr. F. 
in Gros8-U.... hervor: 

«Den Bewohnern Gross-U....’s bemerke ich: 1) Familien gegen¬ 
über, welche ohne vorhergegangene Rücksprache mit mir anderwei¬ 
tig ärztliche Hilfe gesucht haben, werde ich in Zukunft den 4fachen 
Betrag der Maximaltaxe in Anrechnung bringen, oder — selbst in 
dringenden Fällen — Hilfe verweigern; 2) Familien gegenüber, 
welche versäumen, aus eigenen Mitteln die Gebühren ffir Dienst¬ 
boten, Lehrlinge, Gesellen oder sonst in der Haushaltung oder im 
Geschäft thätige Personen etc. zu entrichten resp. für die Zahlung 
der Gebühren besorgt zu sein, werde ich in Zukunft in allen Fällen 
(auch in den dringendsten) ärztliche Hülfe für derartige Personen 
verweigern; 3) werde ich Hülfe verweigern solchen Familien, wel¬ 
che (obgleich zahlungsfähig) ihre früheren Gebühren nicht entrichtet 
haben». [Bei uns würde eine derartige Bekanntmachung zum 
Schutz der leider noch vielfach geübten Exploitation der ärztlichen 
Leistungen den Arzt in Conflict mit dem Strafgesetz bringen, da in 
Russland der leidige Berufsswang für den Arzt ja noch existirt. 
Einen Zwang zur ärztlichen Hülfeleistnng haben die Aerzte in 
Deutschland nicht, denn der berüchtigte Paragraph des deutschen 
Strafgesetzes, nach welohem «Medicinaipersonen, die in Fällen einer 
dringenden Gefahr ohne hinreichende Ursache ihre Hülfe verweigern, 
mit 20—500 ThIrn. bestraft werden sollen», ist durch die Novelle 
zur deutschen Gewerbeordnung bekanntlich aufgehoben worden. 
Die staatliche Beaufsichtigung der ärztlichen Berufspflichten wurde 
bereits i. J. 1840 durch Beschluss des Staatsraths für Preussen ver¬ 
neint]. Bf. 

— In England sind neuerdings eingehende Ermittelungen über 
die Sterblichkeit der Männer verschiedener Berufsarien ange¬ 
stellt worden. Die geringste Sterblichkeit entfällt auf die Geist¬ 
lichen, indem von je 1000 in den Jahren 1880 bis 1882 durchschnitt¬ 
lich nur 8,60 im Alter von 25 bis 65 Jahren starben. Dann folgen 
die Gärtner mit 9,27, die Landwirtbe und Viehzüchter mit 9,76, 
die lantfwirthschaftlichen Arbeiter mit 10,84, die Arbeiter in Papier- 
urfd Strumpfwaarenfabnken mit 11;09, die Lehrer und Erzieher mit 
11,12, die Stellmacher mit 11,90, die Kohlenhändler mit 11,93, die 
Schiffbauer mit 11,99, die Fischer mit 12,33. die Zimmerer und Bau¬ 
tischler mit 12,69, die Buch- SchreibmaterialienhändiM mit 


Ki 



30 


21,7önud die Bergleute in Eißenbergwerken 101112,90. Bei den 
meisten anderen Berufsarten schwankt die jährliche Sterblichkeit 
der Männer zwischen 13 und 20 <^. Mehr als 20% beträgt eie bei 
den StromBcliiffern mit 20,19, bei den Musikern mit 20,33, bei den 
Brauern mit 21,06, den Yerkehrsbeamteu aller Art mit 22,93, den 
Schornsteinfegern mit 23,50, den Schankwirthen und Bestaurateuren 
mit 23,53, den Boten, Portiers, Wächtern etc. mit 24,2i, den Berg¬ 
leuten in Cornwall mit 28,45, den Obsthändlern uud Strassen Verkäu¬ 
fern aller Art mit 29,07, den Arbeitern in London mit 31,25 und 
endlich den Kellnern und Hausdienern in Restaurants und Hötels 
mit 34,11 im Alter von 25—65 Jahren Gestorbenen auf 1000 Berufs* 
tkätige. Bei den Advocaten ist die Sterblichkeit mit 13,03 ziemlich 
niedrig, hoch dagegen schon mit 17,63 bei den Aerzten. 

(Allg. ined. Ctrl.-Ztg.). 

— Berichtigung. In ^ 1 a. c. dieser Wochenschrift 
pag. 10, zweite Spalte unter dem Abschnitt 4 auf der 15. Zeile dieses 
Abschnittes muss es heissen: Anfangs nicht mit Fieber, statt: 
Anfangs mit Fieber. — Ebenda drei Zeilen weiter muss es heissen : 
und dass statt: so dass. 

Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs 

für die Woche vom 3. bis 9. Januar 1888. 

Zahl der Stcrbefälle: 

1) nach Geschlecht und Alter: 

lm Ganzen: • 


2) nach den Todesursachen : 

— Typh. exanth. 0, Typh. abd. 18, Fehns recurrens 0, Typhus 
ohne Bestimmung der Form 4, Pocken 3, Masern 16, 8charlach 6, 
Diphtherie 9, Croup 4, Keuchhusten 2, Croupöse Lungenentzün¬ 
dung 39, Erysipelas 5, Cholera nostras 0, Cholera asiatica 0, Ruhr 0, 
Epidemische Meningitis 0, Acuter Gelenkrheumatismus 0, Parotitis 
epidemica 0, Rotskrankheit 0, Anthrax 0, Hydrophobie 0, Puerpe¬ 
ralfieber 5, Pyämie u. Septicaemie 5, Tubercn’ose der Lungen 101, 
Tuberculose anderer Organe 4, Alcobolismus und Delirium tremens 
5, Lebensschwäche und Atrophia infantum 51, Marasmus senilis 
27, Krankheiten des Verdauungscanals 59, Todtgeborene 25. 


Mortalität einiger Hauptstädte Europas. 


Name 


Woche 
(Neuer Styl) 


Lebend- ' g 

geboren I © 

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295 258 553 108 44 72 15 8 17 61 52 53 50 35 26 12 — 


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^»0OOOO®OQ^3 

Or-»CMCCT*ikO y ?r-aOc 


London . . 

4 215192: 

25.-31. Dec. 

2326 

28,t ! 

Paris . . . 

2 260 945| 

25-—31. Dec. 

1301 

29,* 

Brüssel . . 

177 568, 

18.-24. Dec. 

99 

29,* 

Stockholm . 

216 807 

18.-24. Dec. 

140 

33,* 

Kopenhagen 

290 000 28. Dec.- 3- Jan. 

209 

37,4 

Berlin . . . 

1376 389, 

25.—31. Dec. 

831 

31,4 

Wien . . . 

790 3811 

25.—31. Dec. 

517 

34,o 

Pest . . . 

438 865 

18.—24. Dec. 

; 289 

34,* 

Warschau . 

439 174 

18.-24. Dec. 

222 

25,* 

Odessa . . 

251 400 

25.—31. Dec. 

— 

— 

St. Petersburg 

861 303 

1.—7. Jan. 

510 

30/ 



-- 




— 1882 23,* 
71 1070 24,• 

4 74 21 ,t 

9 90 21,* 

5 152 27,* 
37 502 19,o 
27 350 23,o 
29 255 25,o 
18 202 23.* 

8 124| 25,* 

22 516 31 ,* 


Nächste Sitzung des Vereins St. 
Petersburger Aerzte Dienstag den 19. Ja¬ 
nuar 1888. Tagesordnung: Prof. Dr. Bid- 
der: Wiederholte Laparotomie bei Haema- 
totuetra lateralis. 

■W Nächste Sitzung des deutschen 
ärztlichen Vereins Montag den 8. Februar 
1888. 

Dr. Andre Hoffman n, 

22 prakt. Arzt, ( 3 ) 

Hotel Gönnet in CANNES, 

France, Alpes maritimes. 



Gemütskranke 

finden jederzeit Aufnahme in der Ihr. JGrlen« 
me yer’sehen Anitah zu Bendorf bei 
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Die seit 1870 bestehende und vom sei. Dr. von Nordstrom gegründete Ou.r- und 
Uttel< tu.it ist mit allem Inventar und 6 Nebengebäuden aus freier Hand zu verkaufen. 

Die mit Dampfbetrieb eingerichtete Anstalt ist theils aus Stein, theils aus Holz erbaut und 
enthält ausser 40 möblirten Wohnzimmern 34 Baderäume zu warmen Seebädern, Schlamm-, Sand- 
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Gebäude zu Heilgymnastik und Massage. 

Die sechs aus Holz erbauten Nebengebäude enthalten 42 möblirte Wohnzimmer nehst 
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tanten belieben sich der Bedingungen wegen zu wenden an Fr. v. Nordstrom, St. Petersburg, 
Gr. Stallhofstrasse Haus AI» 5, Quart. 13, oder den Inspector der Anstalt „ 9 £iit"ient>a.<l u in 

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Cursaison vom 1. Mai bis Ende September. 

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Ausgezeichnet durch Wohlgeschmack und Haltbarkeit. Gegeu Erkrankuugeu der 
Lungen, des Halses, der Harnorgane, Gicht etc. — 
l erManU zu jeder Jahreszeit durch 10(25) 

Si Izbruuu i. Schl. FnrliieeU <4? JüUrieboll. 






















XIII. Jahrgang. St. Petersburger Neue Folge. V. Jahrg. 

Medicinische Wochenschrift 

unter der Fedaction von 

Prof. Ed. v. WAHL, Dr. L. v. HOLST, Dr. TH. v. SCHRÖDER, 

Dorpat. St. Petersburg. St. Petersburg. 


Die «St. Petersburger Medicinische Wochenschrift» erscheint jeden Sonn¬ 
abend. Der Abonnements-Preis ist in Russland 8 Rbl. für das Jahr, 
4 Rbl. für das halbe Jahr inclusive Post-Zustellung; In den anderen Län¬ 
dern 16 Mark jährlich, 8 Mark halbjährlich. Der Inserations- Preis für 
die 3 mal gespaltene Zeile in Petit ist f 2 Kop. oder 30 Pfenn. — Den 
Antoren werden 25 Separat abzt) ge ihrer Original - Artikel zugesandt; 

Referate werden nach dem Satze von 16 Rbl. pro Bogen honorirt. 
Abonnements-Aufträge bittet man an die Buchhandlung von 
Carl Ricker in St. Petersburg, Newsky - Prospect AI 14 zu richten. 

Ns 4 


Inserate werden ausschliesslich im Central-Annoncen-Ba- 
reau von Friedrich Petrlck in St. Petersburg, Newsky-Prospect AI 8. 
und in Paris bei unseren Ge nera 1 - A gen ten entgegengenommen. 
Les annences franpaises sont regues exclusivement ä Paria 
chez Messieurs G. E. Puel de Lobei & Cie., Rue Lafayette 58. 


Manuscripte sowie alle auf die Keilaction bezüglichen Mittheilungen 
bittet man an den geschüftsfüh ren den Redacteur Dr. Theodor 
v. Schröder (Malaja Italjanskaja, Haus 33, Quart. 3) zu richten. 

1888. 


St. Petersburg, 23. Januar (4 Febrnar) 


Inhalt t Christoph tou Schröder: Mittheilungen aus der Cur • und Wasserheilanstalt Sassenhof bei Riga . I. Bericht über 
die Thätigkeit der Anstalt von 1883 bis 1887. — Referate . WilhelnaGreiffenhagen: Ueber den Mechanismos der Schädel brüche. 
Ed. von Wahl: Zurechtstellang. — E. Peiper: Zur Aetiologie des Diabetes wellitn«. —Behring: Ueber Jodoform nnd Acetylen. 
— Bücher-Anzeigen und Besprechungen . W. Winternitz: Znr Pathologie und Hydrotherapie der Lungenphthise. — A. Werber: 
Compendium der praktischen Toxicologie. — Ehrenerklärung an Herrn Dr. Ernst Dreypölcher . — Vermischtes. — Mortalitäts-Bulle¬ 
tin St. Petersburgs. — Mortalität einiger Hauptstädte Europas. — Anzeigen. 


Mittheilungen aus der Cur- und Wasserheilanstalt 
Sassenhof bei Riga. 

(Vortrag gehalten in der Gesellschaft praktischer Aerztezn Riga.) 

Von 

Dr. med. Christoph vod Schröder. 

I. Bericht über die Th&tigkeit der Anstalt von 
1883 bis 1887. 


Meine Herren! Vor zwei Jahren hatte ich die Ehre an 
dieser Stelle Ihnen Ober die Thätigkeit meiner Anstalt Be¬ 
richt abzustatten, nnd zwar Ober einen Zeitraum von zwei 
Jahren. Es sind nun wiederum zwei Jahre verflossen:, im 
Ganzen vier Jahre seit Eröffnung der Anstalt; und ich halte 
es darum fflr meine Pflicht, Ihnen wiederum einen kurzen 
Bericht vorzulegen. 

Da ich nicht voraussetzen kann, dass der vorige Anstalts¬ 
bericht und die mit demselben verbundene Krankenstatistik 
Ihnen gegenwärtig sei, so erlaube ich mir Ihnen einige Zah¬ 
len desselben in’s Gedftchtniss zurückzurufen. 

Vom 28. Sept. 1883 bis zum 28. Sept. 1885 wurden im 
Ganzen in die Anstalt aufgenommen 211 Personen. Von 
diesen waren Männer 163 resp. 77 %, Frauen 48 resp. 23 %. 
Es kamen auf die Stadt Riga 126 oder 60%, auf das Obrige 
Livland 39 oder 18%, auf Enrland 27 oder 13%, auf Est¬ 
land 2 oder 1 %, auf das Reich 17 oder 8 %. 

AbzOglich 6 begleitende Personen wurden von diesen no- 
tirt: als geheilt 77 oder 38% gebessert 78 oder 38%, unge- 
bessert 50 oder 24%. Hierbei sind sämmtliche in’s Proto- 
coll eingetragene Aufnahmen berücksichtigt. 

Vom 28. Sept. 1885 bis zum 28. Sept. 1887 wurden im 
Ganzen an f genwnmen 196 Personen. Vod diesen waren 
Männer 149 oder 76%, Frauen 47 oder 24%. Es kamen 
anf die Stadt Riga 89 oder 45 %, auf das übrige Livland 42 
oder 22%, anf Kurland 29 oder 15%, auf Estland 3 oder 
2%, auf dos Reich 33 oder 16%. 

Ein Vergleich dieser Zahlen ergiebt: 

von 1883—1885 von 1885—1887 

Männer. 163 = 77% 149 = 76% 

Frauen .... . • 48=23% 47 = 24% 

211 196 


Das Verhältniss der männlichen Aufnahmen zu den weib¬ 
liehen erscheint als ein constantes. 
eflhftVergleichung der Hingehörigkeit ergiebt: 

Es kamen von 1883 —1885 von 1885—1887 

anf die Stadt Riga . 126 = 60 % 89 = 45 % 

» das übrige Livland 39 = 18% 42 = 22% 

» Kurland.27 = 13 % 29 = 15% 

> Estland. 2— 1% 3= 2% 

» das Reich .... 17= 8% 33 = 16% 

Zusammen 211 196 

Von 1863 bis 1885 waren im Ganzen verzeichnet 8616 Pflegetage 
» 1885 * 1887 sind » » 9950 • 


mehr 1334 


Obschon die Zahl der Aufnahmen im zweiten Biennium 
eine geringere ist, als im ersten, 196 Aufnahmen gegen 211, 
so ist doch die Anzahl der Pflegetage gestiegen, und zwar 
betrug die tägliche Durchschuittsfrequenz der Anstalt, d. h. 
es waren Kranke in der Anstalt täglich: 

von 1883 bis 1885 . . . 11,80 Kranke 
» 1885 » 1887 . . . 13,63 » 

Die durchschnittliche Curdauer betrug 

von 1883 bis 1885 . . . 41 ,3 Tage 
* 1885 » 1887... 50,6 > 

Die Frequenz der Anstalt ist, wie aus diesen Zahlen her¬ 
vorgeht, in erfreulicher Weise gestiegen. 

Dass auch im 2. Biennium die durchschnittliche Curdauer, 
die Zeit, die ein Pat. durchschnittlich in der Anstalt ver¬ 
brachte, gestiegen ist und zwar ziemlich stark, ist, wie ich 
später zeigen werde, auch von Wichtigkeit und zwar für den 
therapeutischen Erfplg. 

Wenn ich nun zu einer gebaueren Statistik der Kranken¬ 
bewegung und zu einer genaueren Beleuchtung der thera¬ 
peutischen Resultate Obergehe, so fürchte ich, Ihre Geduld 
zu sehr zu ermüden, wenn ich die verhältnissmässig kleinen 
Zahlen der einzelnen Krankheitsgruppen im ersten und im 
zweiten Biennium einander gegenüberstelle. 

Ich glaube, Ihnen in die eigenartige Thätigkeit der An¬ 
stalt einen besseren Einblick geben zu können — und dar¬ 
auf kommt es mir in erster Linie an — wenn ich über die 
zur Beobachtung gekommenen Krankheitsfälle und die the¬ 
rapeutischen Resultate der vier verflosseneif Jahre in toto 
berichte. Digitized by VjOOQLC 








34 


. Ich glaube dazu umsomehr berechtigt zu q^in, als mit 
wachsender Erfahrung auch die Oesichtspuncte der Darstel¬ 
lung sich naturgemäss geändert haben; wie ich hoffe nicht 
zum Schaden der Uebersichtlichkeit. 

Sodann mussten aus verschiedenen Gründen Aenderuogen 
an der Darstellung der Resultate der ersten zwei Jahre ge¬ 
macht werden; wodurch, da es sich um Zahlen und Pro¬ 
centsätze bandelt, eine genaue Vergleichung der Resultate 
des ersten und des zweiten Bienniums ohne Zwang anzu- 
thun nicht mehr möglich ist. 

Aus diesen Gründen fasse ich die verflossenen vier ersten 
Anstaltsjahre zusammen und will versuchen, Ihnen ein mög¬ 
lichst klares und kurzes Bild der Anstahstbätigkeit zu geben. 

Bringen wir von der Gesammtsumme der 407 Personen, 
welche vom 28. Sept. 1883 bis zum 28. Sept. 1887 in die 
Anstalt aufgenommen wurden, in Abzug 3 Personen, welche 
nur als Begleiter von Curgästen in die Anstalt kamen (später 
sind dieselben nicht mehr in’s Protocoll eingetragen), so er- 
giebt sich folgendes als Gesammtresultat: 

Summa gebeilt gebessert angebessert 

404 189 oder 47 % 117 oder 29% 98 oder 24% 

Hierbei sind sämmtliche in’s Protocoll eingetragene Auf¬ 
nahmen berücksichtigt. 

Ordnen wir die zur Beobachtung gekommenen Krank¬ 
heitsfälle nach Gruppen und notiren wir bei jeder Gruppe, 
wieviel geheilt, gebessert und ungebessert blieben, so erhal¬ 
ten wir folgende Tabelle: | 




CD 

A 


<D 

an 

00 

CO 

CD 

Xi 

«8 

a 

a Krankheiten 

a> 

XS 

<D 

(D 

S 

o 

<D 

bc 

<D 

fcc 

S 

0 

£ 

I. Der Lunten und des Herzens. 

II. Der Verdauungsorgane. 

6 

12 

16 

32 

27 

7 

8 

42 

III. Des Nervensystems. 

64 

56 

57 

177 

IV. Rheumatismus .. 

33 

9 

6 

48 

V. Der Harn- und Geschlechtsorgane . 

7 

5 

3 *15 

VI. Allg. Ernährungsstörungen, Dyskrasien, 

chronische Intoxicationen ... 

22 

15 

5 

42 

VII. Schwächezustände, hygienische Curen, 

Reconvalescenz ... 

30 

13 

3 

46 

Zusammen . . 

189 

117 

98 

404 


Bevor ich an die genauere Aufzählung der vorgekommenen 
Krankheitsformen gebe, möchte ich noch bemerken, dass 
das eben gegebene Gesammtresultat zweier Correcturen 
bedarf. 

Die erste Correctur bezieht sich auf die Menge der Unge- 
besserten. Es könnte auffallend erscheinen, dass der vierte 
Theil aller Curgäste ohne Nutzen die Anstalt verlassen hat. 
Dem ist nicht so. 

Die Zahl der aus der Anstalt als ungebeilt Entlassenen 
war mit 98 oder 24% notirt. Es muss hierzu bemerkt 
werden, dass ein nicht kleiner Theil dieser Kranken in Wahr¬ 
heit überhaupt keiner Behandlung unterlag und unterliegen 
konnte, da ersieh aus Unheilbaren resp. Besserungsunfähigen 
und aus solchen Personen zusammensetzt, welche die An¬ 
stalt verliessen, entweder nach sehr kurzer Behandlungs¬ 
dauer oder ehe überhaupt eine Behandlung eingeleitet wer¬ 
den konnte; oder nach anderen Orten transferirt wurden, 
als nicht in der Anstalt behandelbar. Als unheilbar muss¬ 
ten gelten und brachen meist bald die Cur ab 9 Fälle (Car¬ 
cinoma mediastini 2, Sarcoma pulmon. 1, Circul. Irresein 1, 
Hirnabscess 1, Tumor cerebri 3, Dementia paralytica vor¬ 
geschritten 1). 

Es blieben nur 7 oder noch weniger Tage in der Anstalt 
17 Fälle (3 Herzkranke, 9 Nervenkranke, 1 Rheumatismus, 
2 Cystitis chron., 1 Marasm. senil., 1 Intermittens). 

Transferirt wurden als nicht in die Anstalt gehörig 4 
Fälle (3 Dementia, 1 Mania). Zusammen 30 Fälle, welche 
von der Zahl der 98 Ungebesserten in Abzug gebracht 
werden müssen. 

Das Gesammtresultat ändert sich wie folgt: 

Summa geheilt gebessert ungebessert 
374 189 oder 51 % 117 oder 31 % 68 oder 18 % 


Die Gruppentabelle ändert sich wie folgt: 


4 

© 

rs 

« 

at> 

xs 

08 

A 

o Krankheiten 

h. 

CD 

XS 

© 

b£> 

<D 

X> 

© 

fco 

fco 

a 

0 

a 

s 

0 

o 

% 

% 

% 

00 

I. Der Lungen und des Herzens • . 

6 21 

12 43 

10 36 

28 

11. Der Verdauungsorgane .... 

27 64 

7 17 

8 19 

42 

III. Des Nervensystems ..... 

64 41 

56 35 

38 24 

158 

IV. Rheumatismus. 

33 70 

9 19 

5 11 

47 

V. Der Hain- und Geschlechtsorgane 

VI. Allg. Ernährungsstörungen. Dys- 

7 54 

5 38 

1 8 

13 

krasien, chron. Intoxicationen 

22 55 

15 38 

3 7 

40 

VII. Schwächezustände, hygienische 





Curen .. 

30 65 

13 28 

3 7 

46 

Zusammen . . 

189 51 

117 31 

68 18 

374 


Die zweite Correctur bezieht sich auf die Geheilten. Die 
Hälfte sämmtlicher Kranken geheilt, wo es sich doch um 
lauter chronische Krankheitsfälle handelt —, das bedarf 
vielleicht auch einer Erklärung. 

Die Erklärung liegt zum Theil darin, dass die der Gruppe 
VII angehörenden Kranken der Heilung eine ganz besonders. 
günstige Chance darboten, was sich aus der Eigentümlich¬ 
keit der sie zusammensetzenden Curgäste erklärt. Die 
Gruppe VII nimmt gegenüber den 6 anderen Krankheits¬ 
gruppen eine besondere Stellung ein. 

Sie stellte ein recht bedeutendes Contingent von Curgästen 
und enthält 1) Reconvalescenten, welche erst in der Anstalt 
zur vollen Kräftigung kamen; 2) Personen, welche die Cpr 
in der Anstalt zur allgemeinen Kräftigung brauchten. Diese 
letzteren zerfielen wiederum in 2 Reihen. Die erste Reihe 
von Curgästen bot zwar Krankheitssymptome dar (und oft 
auch recht schwere), war aber von ihren Aerzten nicht die¬ 
ser Krankheitssymptome wegen und ihrer Behandlung in 
die Anstalt geschickt worden, sondern sie stellte an die An¬ 
stalt blos die Forderung einer allgemeinen Kräftigung. 
Wenn nun ein mit einem chronischen Leiden behafteter 
Kranker im elendesten Ernährungszustände die Anstalt 
bezog, um sich — unter vollkommenem Absehen von jeder 
speciell auf die Krankheit Bezug habenden Hydrotherapie 
oder sonstigen Therapie — unter steter ärztlicher Controle 
in guter Luft und bei entsprechender Diät, vielleicht auch 
verbunden mit einer morgentlichen Lakenabreibung, zu 
kräftigen und seinen Ernährungszustand zu bessern; und 
wenn ihm dieses mit Hilfe der Anstaltseinricbtungen voll¬ 
kommen gelang und zwar vermuthlich schneller, als es ihm 
sonst gelungen wäre ohne das beständige ärztliche Interesse 
und die Pflege der Anstalt: wenn er zufrieden und dankbar 
die Anstalt verliess, so habe ich einen solchen Fall auch 
unter Gruppe VII als Stärkungscur notirt. Und ich glaube 
dies mit umsomehr Recht gethan zu haben, als in einer 
Reihe ähnlicher Fälle nach dem ausdrücklichen Wunsche 
des Hausarztes während des Anstaltsaufenthaltes von jeder 
auf das Organleiden direct bezüglichen Therapie Abstand 
genommen werden sollte. Ich habe mich in solchen Fällen 
stets gern dem Wunsche des Hausarztes gefügt, und ich 
glaube, dass gerade diese Kranken einen grossen Nutzen 
von ihrem Anstaltsaufenthalte nach Hause brachten, welcher 
dann der späteren Therapie zu Gute kam. 

Die zweite Reihe von Personen, welche die Anstaltsbe¬ 
handlung resp. die hydrotherapeutische Gur zur allgemeinen 
Kräftigung brauchten, besteht aus Leuten, welche zeitweise 
die Anstalt beziehen, ohne ein ausgesprochenes Organleiden 
zu haben. Ihr Zustand Hesse sich dahin schildern, dass sie 
die Keime, die Dispositionen zu mannigfachen Krankheiten 
in sich tragen, welche unter ungünstigen Bedingungen zu 
ernsten Organleiden führen würden. Unter den günstigen 
Bedingungen der Anstalt dagegen, bei stetem Luftgenuss, 
bei Bewegung und passender Diät, in Verbindung mit toni- 
sirenden oder diaphoretischen hydrotherapeutischen Curen 
verlieren sich diese Krankheitskeime oder treten doch mehr 
zurück. Die Patienteu fahren gestärkt nach Hause und be¬ 
halten die Anstalt stets in dankbarer Erinnerung. Und ge¬ 
rade diese Reibe von Kranken jjmit nicht ausgesprochenen 
Organleiden ist es, die iifif ungeheurem Vortheil die Anstalt 









35 


benutzt. Es wäre dringend im Interesse aller Solcher zu 
wünschen, dass ihre Zahl in der Anstalt sich noch bedeutend 
vermehre. Ich kann eine ganze Reihe von Personen an¬ 
führen, die es dankbar anerkennen, dass sie ihre volle Ge¬ 
sundheit gerade diesen prophylaktischen Curen verdanken. 

Wird gemäss der zweiten Correctur die Gruppe VII ganz 
fortgelassen, so bezieht sich das Gesammtresultat blos aut 
die eigentlichen Organerkrankungen im engeren Sinne. 


Summa geheilt gebessert nogebessert 
328 159 oder 48% 104 oder 32% 65 oder 20% 

Betrachten wir nun die Krankheitsgruppen näher. 
Am meisten vertreten waren * 

Nervenkrankheiten.158 Fälle; 

dann folgen Rheumatismus nnd Gicht.47 » 

Schwächezustände . .46 > 

Krankheiten der Verdanungsorgane . . 42 > 

allgem. Ernährungsstörungen ..... 40 > 


Vier Gruppen sind demnach von annähernd gleicher Zahl. 
Krankheiten der Lungen und des Herzens waren 28 Fälle 
und Krankheiten der Harn- und Geschlechtsorgane nur 13 
Fälle im Ganzen zur Beobachtung gekommen. Die letzte 
Groppe hat in der Anstalt nur eine sehr geringe Rolle ge¬ 
spielt. 

Soweit mir die spärlichen Berichte ausländischer ähnlicher 
Anstalten bekannt sind, setzt sich das die letzteren be¬ 
suchende Krankenmaterial ungefähr in ähnlicher Weise zu¬ 
sammen. 

Eine specielle Betrachtung der einzelnen Krankheits¬ 
gruppen beginnend, fangen wir an mit 
Gruppe I; den Krankheiten der Lunge und des Herzens. 
Behandelt wurden 28 Fälle und zwar: 

Lungencatarrh . . . . 5 Fälle, geheilt 3, gebessert 1, ungeb. 1, 

Pkthisis.12 * — > 6, > 6, 

Bronchiectasie .... 1 » ungebessert, 

Emphysem .... 2 > gebessert, 

Asthma bronch. . . • 1 > > 

Brouchialoatarrh ... 4 > geheilt 3, gebessert 1, 

Vitium cordis .... 3 » gebessert 1, ungeb. 2, 

Zusammen .... 28 > geheilt 6, gebess. 12, ungeb. 10. 

Gruppe II, Krankheiten der Verdauungsorgane, enthält 
im Ganzen 42 Fälle. Es kamen vor: 

chron. Magencatarrh . 18 Fälle, geheilt 14, gebess. 2, nngeb. 2, 
Dilatatio ventriculi . . 1 > ungebessert, 

Cardialgia .... 1 t gebellt, 

Ulcus ventriculi ... 3 > » 

chron. Darmcatarrb und 

chron. Obstipation . 15 > geheilt 8, gebessert 3, ungeb. 4, 

Leberhyperämie . . . 3 » > 1, > 2, 

chron. Milztumor . . 1 > uugebessert, 

im Ganzen . . 42 > geheilt 27, gebess. 7, ungeb. 8. 

Gruppe III, Nervenkrankheiten kamen zur Behandlung 
im Ganzen 158 Krankheitsfälle. Davou waren: 


a) functioneile Neurosen: 
Neurasthenie .... 56 Fälle, 

Bysterie.28 * 

Hypochondrie .... 28 > 

b) Gehirnaffectiouen: 

Irritatio cerebralis . 4 > 

Lues cerebral» ... 8 > 

Dissem. Sclerose . . 1 > 

Meningitis hämorrh. int. 1 » 

Hemichorea ... 1 > 

Hemiplegie . ... 2 > 

intercnrrente psychische 

Aufregung . 3 > 

Dementia paralytica . 2 > 

Moral insanity .... 1 > 

Melancholie .... 4 » 

Amentia.1 > 

Dementia . . . 1 » 

c) Rückenmarksaffectionen: 

Tabes.6 > 

spinale Compressions- 


symptome.1 

d) Varia: 

Epilepsie.1 

Polyneuritis.1 

Morb. Basedowii ... 1 

Ischias . 2 

Neuralg. al.3 


geheilt 33, gebess. 15, nngeb. 8, 

» 8, > 14, > 6, 

» 10, • 9, > 9. 

geheilt 3, ungebessert 1, 

> 4, gebess. 3, ungeb. 1, 

gebessert, 
ungebessert, 
gebessert, 
ungebessert, 

gebessert, 

» 1, ungeb. l, 

nngeb., 

geheilt 2, geb. 2, 

geheilt, 

ungeheilt. 

gebessert 5, ungeb. 1, 

ungebessert. 

gebessert, 

ungebessert, 

gebessert, 

geheilt, 

geheilt 1, ungeb. 2, 


Ceph&laJgie.1 Fall, ungebessert, 

Coli, obstip. spast. . . 1 > > 

im Ganzen . . . 158 Fälle, geheilt 64, geb. 56, nngeb. 38. 

Gruppe IV, Rheumatismus und Gicht enthält im Ganzen 
47 Krankheitsfälle. Es kamen vor: 

Bhenm art. chron. . . 19 Fälle, geheilt 14, gebessert 3, ungeb. 2, 
Rhenm. mnsc. ehr. 21 » »19, » 1, > 1, 

Arthritis deform. ... 5 > gebessert 3, nngeb. 2, 

Arthritis uratica . . . 2 » > 

im Ganzen ... 47 » geheilt 33, gebessert 9, nngeb. 5» 

Gruppe V, Krankheiten der Urogenitalorgane zählt, im 
Ganzen 13 Fälle. Davon waren: 


Morb. Brigthii . 


Calcul. renal.1 

Cystitis.3 

chron. Metritis ... 1 

Prostatitis.1 

Impotenz .1 

Gonorrhoe .2 

Sperraatorrhoe ... 2 

im Ganzen ... 13 


2 Fälle, gebessert, 


geheilt, 

> 2, gebessert 1, 

gebessert, 
geheilt, 
gebessert, 

geheilt 1, gebessert 1, 
geheilt, 

geheilt 7, gebessert 5, nngeb. 1. 


Gruppe VI, allgemeine Ernährungsstörungen, Dyskrasien 
und chronische Intoxicationen enthält im Ganzen 40 Krank¬ 
heitsfälle. Es waren: 


Anämie.7 Fälle, geheilt 2, gebessert 4, nngeb. 1, 

Scrophnlosie . . . . 6 > geheilt, 

Adiposis nnivers. . . 5 > gebeilt 1, gebessert 3, nngeb. 1, 

Lnes .6 > >3; > 3, 

Abnsns Morphii . . . 9 > >7, > 2, 

Alcoholismne . . . . 5 > >2, > 3, 

Marasm. senil. ... 1 > ungebessert. 

im Ganzen ... 40 > geheilt 22, gebess. 15, ungeb. 3. 


Gruppe VII, Schwfichezust&nde, Reconvalescenz und hy¬ 
gienische Curen enthält 

im Ganzen 46 Fälle. Davon wurden geheilt 30, gebessert 13, un- 
bessert 3. 

Todesfälle waren im Verlauf des ersten Quadrienniums im 
Ganzen 7 zu beklagen. Ich will sie kurz erwähnen. 

1884 ein Fall von Vitium cordis im Stadium gestörte 
Compens&tion. Ferner ein Fall von multipler Neuritis 
1885 ein Fall von Bronchiectasie. 


1886 ein Fall von Vitium cordis, auch schon im Stadium 
gestörter Compensation. 

1887 ein Fall von hochgradiger Phthise complicirt mit 
sehr böser Lues. Ferner ein Fall von Phthisis, der ohne 
Anmeldung kam, nicht abzuweisen war und schon nach 3 
Tagen starb; ferner verstarb eine hysterische Kranke an 
einem apoplectischen Insult. 

Dass die Dauer der Cur von bedeutendem Einfluss ist auf 
das therapeutische Resultat in der Anstalt, ist aus Folgendem 
ersichtlich. Von den 68 als ungeheilt aus der Anstalt Ent¬ 
lassenen, verweilten 

12 Kranke nnr 14 Tage nnd weniger, 

10 » > 21 » » » 

11 . > 28 > » > 

8 » » 35 > » » 

Die durchschnittliche Curdauer — 41 Tage im ersten und 
50 Tage im zweiten Biennium und mehr verbrachten blos 
27 Ungebesserte. Bei den Übrigen 41 Kranken darf ange¬ 
nommen werden, dass der Misserfolg der Cur zum Theil dem 
zu kurzen Aufenthalte in der Anstalt zuzuschreiben ist. Es 
sind eben meist chronisch Kranke und die Behandlung in 
der Anstalt erfordert Zeit. 


Wenn ich nach meinen Erfahrungen die Zeit, die ein 
Kranker in der Anstalt verbringen soll, zu bestimmen hätte, 
so würde ich einem Nervösen, einer Hysterischen odereinem 
Hypochonder mindestens 8 Wochen zn bleiben vorschreiben, 
ebenso einem schweren Rheumatiker; einem Magendarm¬ 
kranken mindestens 6 und einem Schwindsüchtigen nnd 
einem Rückenmarkskranken 12 Wochen. Ich möchte die 
Herren Collegen bitten, falls sie die Güte haben. Kranke zu 
mir zu schicken, denselben die Heilung resp. Besserung in 
nicht zu kurzer Zeit in Aussicht zu stellen. Es entsteht 
dadurch eine Lage, die äusserst peinlich ist sowohl für den 
Kranken als auch den Anstaltsarzt. 


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4* 



























36 


Fasse ich das therapeutische Resultat dieser 4 Anstalts¬ 
jahre zusammen, so kann ich sagen, dass die Anstalt eine 
wirklich gute Leistung. aufzuweisen hat: erstens bei den 
Nervenkranken; und zwar insbesondere bei den functionellen 
Neurosen, bei der Neurasthenie, bei der Hysterie und bei 
der Hypochondrie. Diesen Kranken hat die Austalt wirklich 
einen grosseu Nutzen bringen können. Für diese Kranken 
sind die Verhältnisse der Anstalt gerade die richtigen, wie 
mich die guten Heilerfolge überzeugt haben. Diese Kran¬ 
ken, auch wenn sie blos gebessert die Anstalt verliessen — 
und oft gerade diese — bewiesen fast stets sowohl der An¬ 
stalt als auch der Person und Familie des Arztes die wärmste 
Anhänglichkeit und Dankbarkeit. Ja, ich habe gefunden, 
dass sogar Manche von den Ungeheilten sich sehr dankbar 
für die ärztlichen Bemühungen erwiesen, wenn sie — gross* 
tentheils den gebildeten Classcn angehörend — einsahen, 
dasseben ihre Krankheit und nicht Arzt und Anstalt an 
den Misserfolgen schuld waren. — Ich kann sagen, dass 
diese Kranken, die Nervösen, Hysterischen und Hypochonder 
mir nichts weniger als schwer zu ertragende Hausgenossen 
waren, natürlich mit einigen Ausnahmen, sondern stets sehr 
liebe Kranke, deren gesteigerten Anforderungen ich stets 
gern und ohne Murren meine Zeit und Mühe opferte, meist 
belohnt durch aufrichtige Dankbarkeit und Zuneigung. Ich 
weiss nicht, ob ich so glücklich gewesen bin, die schwerst- 
zuertragenden Kranken z. B. aus der Gruppe der Hysteri ¬ 
schen überhaupt garnicht in meine Anstalt zu bekommen; 
oder — und ich bin geneigt der Wahrscheinlichkeit wegen 
das letztere anzunehmen — dass die Anstalt auf sie höchst 
calmirend gewirkt hat. 

Es ist mir nicht selten passirt, dass Collegen, welche mir 
derartige Kranke zuschickten, bei dieser Gelegenheit die 
Aeusserung machten: jetzt werde meine Geduld auf eine 
harte Probe gestellt werden! In der Regel trat dies nicht 
ein, sondern die Kranken zeigten in der Anstalt sich ganz 
verändert — zum Guten. 

Der psychischen Behandlung dieser Art von Kranken habe 
ich mich mit Vorliebe gewidmet, und ich bin fest überzeugt, 
dass dieselbe bei Behandlung dieser functionellen Neurosen 
eine sehr wichtige Sache ist, oft wichtiger als jede andere The¬ 
rapie. Ich werde mir erlauben, Ihnen über diese specifische 
Anstaltsbehandlung, die psychische Therapie der Neurasthe¬ 
nie und Hysterie, in der Folge einen eingehenden Bericht zu 
geben, wenn Sie es erlauben. 

Gestatten Sie mir weiter bei der Behandlung der functio¬ 
nellen Neurosen noch auf die Hydrotherapie hinzuweiseu, 
als auf einen bei der Behandlung dieser Zustände immer 
noch nicht genügend gewürdigten Factor. Man kann hier 
mit der Hydrotherapie sehr gute Resultate erzielen, wie ich 
das oft gesehen habe. Es erklärt sich dies wohl haupt¬ 
sächlich aus dem Vorwalten von vasomotorischen Störungen 
bei diesen Zuständen und aus dem Einfluss, den gerade die 
Hydrotherapie auf die Blutvertheilung uud die Innervation 
der Gefässe auszuüben im Stande ist. Ich habe z. B. Neur¬ 
asthenien mit schweren cerebralen Erscheinungen — wohl 
in Folge von Hyperämie des Gehirns — in kurzer Zeit 
heilen sehen durch ein consequent durchgeführtes ableiten¬ 
des Verfahren auf die Unterextremitäten. Ich werde mir 
erlauben, Ihnen gelegentlich genauere Mittheilungen über 
diesen Punct zu machen. 

Die Anstalt hat ferner sehr gute Resultate aufzuweisen 
bei der Behandlung des chronischen Rheumatismus. 

Dass die Anstalt drittens der richtige Ort ist für prophy¬ 
laktische Curen, für Curen bei Krankheitsdispositionen, hob 
ich schon genauer hervor. 

Auch bei den Krankheiten der Verdauungsorgane und 
bei den allgemeinen Ernährungsstörungen waren die Resul¬ 
tate recht gute. 

Abgesehen von den chronischen Intoxicationen (Alcohol, 
Morphium), Uber welche genauer zu berichten ich mir Vor¬ 
behalte, geschah die Behandlung aller dieser Zustände nach 


allgemeinen therapeutischen Principien, wobei die Hydro¬ 
therapie eine ausgebreitete Anwendung fand. 

Bezüglich der beiden noch übrigen Gruppen — den 
Kraukheiten der Lungen und des Herzens und den Krank¬ 
heiten der Urogenitalorgane — muss ich mit meinem Ur- 
theil zurückhaltender sein. 

Eine kleinere Anzahl von Lungencatarrhen und Bronchial- 
catarrhen benutzte mit Vortheil die Anstalt. 

Von Phthisis pulmonum hatte ich wenig günstigere Fälle. 
Die Behandlung geschah nach den Principien von Görbers- 
dorf und Falkenstein. 

Herzfehler mit gestörter Compensation möchte ich nicht 
aufnehmen. Die Anstalt kann ihnen nichts mehr nützen. 

Krankheiten der Ürogenitalorgane waren so vereinzelt 
vertreten, dass ich mir betreffs der Anstaltstherapie garkein 
Urtheil erlauben will. 


Referate. 


Wilhelm Greiffeohagen: Ueber den Mechanismus 
der Schädeibrüche. Dorpat. Inang.-Diss. 78 s. 5 Tafeln 

Prof. Ed. von Wahl: Zurechtstellung. Centralbl f. Cüir. 
1887, S 49. 

Die Dissertation von Greiffenhagen giebt eine zusammen- 
fassencle Darstellung der Wandlungen, welche die Lehre von dem 
Mechanismus der Schädelbrüche seit Hippokrates durchgemacht, 
sowie hauptsächlich des Abschlusses, den dieselbe in neaerer Zeit 
durch die Arbeiten Messerer’s und von Walil’s (Hermann’s) 
gefundeu hat. Gleichzeitig werden die gegnerischen Ansichten 
Treub’s kritisch beleuchtet und mit der Theorie der zuerst genann¬ 
ten Autoren in Einklang zu bringen gesucht, zu welchem Zweck 
überdies Prot. v. Wa h 1 noch eine kleine Zurechtstellung im Cen- 
tralblatt fdr Chirurgie veröffentlicht hat. Da der uns zugemessene 
Raum es nicht gestattet, den historischen Entwickelnngsgang dieser 
Frage in extenso zu referiren, so begnügen wir uns mit dem Hin¬ 
weis auf die für denselben so bedeutungsvollen Namen von S&nce- 
rotte, Arau und Fölizet, der resp. Begründer der Vibrations-, 
der Irradiations- und der Strebepfeilertheorie, sowie des Namens 
von Bruns\ als des Entdeckers der Elasticität des menschlichen 
Schädels. Dagegen sei es uns gestattet, etwas ausführlicher auf 
die von Messerer and von Wahl verfochtene Theorie der Scbä- 
delbrüclie einzugehen, da dieselbe von fast allen neueren Autoren 
acceptirt worden ist und somit den gegenwärtigen Stand dieser Lehre 
repräse:itirt. 

Stellen wir uns zunächst den menschlichen Hirnschädel als elasti¬ 
sche Hohlkugel von einer gewissen Wanddicke vor, so können wir 
an demselben, wie an jeder Kugel, unterscheiden die Pole (deren 
einer dem Angriftspuuct der brechenden Gewalt entsprechen würde), 
den Aeqnator, die Meridiane und die Parallelkreise. Um nun die 
Ccntinuität der Kugelwand zu unterbrechen, ist es nöthig, dass die¬ 
selbe von einer mehr oder weniger schweren Masse mit hinreichen¬ 
der Geschwindigkeit getroffen wird, resp. ihrerseits gegen solch eine 
Masse antrifft. Im concreten Falle bezeichnet man die den Schädel- 
broch bewirkende Gewalteinwirkung, je nach dem Vorwalten der 
Gewichts- oder der Gescbwindigkeitscomponente, als Druck oder 
Stoss. Eine Druckwirkung kommt za Stande, wo die Geschwindig¬ 
keit des drückenden Körpers so gut wie Null ist und die Kraftein- 
wirknng durch die ruhige Belastung dauernd activ erhalten wird; 
eine StossWirkung dagegen, wenn die Geschwindigkeit, mit welcher 
der Körper bewegt wird, eine mehr oder weniger grosse ist, und die 
Krafteinwirkung in dem Moment, wo sie den Körper trifft, auch ihr 
Ende erreicht. 

Setzen wir jetzt den Fall, der Schädel sei einem beständigen 
Drucke in der Richtung, der die beiden Pole verbindenden Axe aus¬ 
gesetzt, so ist es klar, dass die letztere dadurch verkürzt, also die 
durch den Aeqnator von einander getrennten Halbkugeln von den 
Polen her abgeflacht und mithin (vermöge der Elasticität der Schä- 
delwanduug) der Aeqnator selbst und ebenso die Parallelkreise resp. 
die zur Druckaze senkrecht stehenden Durchmesser derselben, ver¬ 
längert werdön müssen. Letzteres ist aber ohne eine relative Ent¬ 
fernung der die Parallel kreise zusammensetzenden Massentheilchen 
von einander nicht denkbar; und wenn daher die Gewalteinwirkung 
die Elasticitätsgrenze des Schädels überschreitet, so wird die Conti- 
nuität seiner Wandung aufgehoben, und es entsteht eine Fractur. 
Da hierbei die Innenfläche der Schädelwand, als kleinerer Kreis, 
einer relativ stärkeren Dehnung ansgesetzt ist, so tritt die Berstung 
stets zuerst und in grösserer Ausdehnung an der Tabula vitrea 
auf\ und da die Auseinanderzerrnng der Massentheilchen senkrecht 
zur Druckrichtung stattfindet, so ist die resvdtirende Fissur der 
letzteren parallel gerichtet und liegt folglich in einem (oder mehr 
als einem) Meridiane . Dieselbe wird häufig am Aeqnator (als dem 
am stärksten gedehnten Parallelkreise) beginnen und sich mehr oder 
weniger weit nach dem Drnckpole resp. bis zu demselben fortpflan¬ 
zen, im ersteren Falle eine indirecte Schädelfraktur darstellend. 
Die so entstandenen Brüche bezeichnen Messerer und von Wahl 


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37 


als Bersttmgqbrüche. Dieselben sind identisch sowohl mit den 
Flacbbiegungs-, als mit den Fpannungsbrücben Treub’s, da diese 
beiden zwecklos von ihm unterschiedenen Varianten stets an der 
Tabula vitrea beginnen nnd in der Richtung der Meridiane, also 
parallel der Druckaxe, verlaufen. Wenn auch die Flacbbiegungs - 
brüche (bedingt durch Gewalten mit nicht gans unbedeutender Stoss- 
componente) am Druckpol selbst oder in seiner nächsten Nähe, die 
Spannungsbrüche dagegen in der Peripherie des flachgedrückten 
Kugelsegmentes ihren Anfang nehmen, so bleibt doch der physikali¬ 
sche Hergang Ihrer Entstehung ein und derselbe, und ist ausserdem 
eine Vereinigung von zwei solchen in einem Meridian liegenden 
Fissuren mit verschiedenem Ansgangspunct zn einer einzigen etwas 
ganz gewöhnliches. 

In dem von uns angenommenen Fall einer Compression des Schädels 
durch Druck von den Polen her, erleiden indess nicht nur die Paral¬ 
lelkreise, sondern auch die Meridiane Form Veränderungen, welche 
bis zur Aufhebung der Coiitinuität gehen können. Während die 
Krümmung derselben an den Polen abnimmt, wird sie in den aequa- 
torialen Regionen vermehrt. Dies setzt eine gegenseitige Annähe¬ 
rung der Massentheilcben an der Innenfläche und Entfernung dersel¬ 
ben von einander an der Aussenfläche voraus, und ergiebt sich 
daraus, hei Ueberschreitnng der Elasticitätsgrenze, eine Fradur , 
die an der Tabula externa beginnt und an der Peripherie des flach¬ 
gedrückten Kugelsegmentes senkrecht zu den Meridianen (und der 
Druckaxe) verläuft . Diese Brüche nennt von Wahl Biegungs¬ 
brüche schlechtweg, Trenb Krummbiegungsbrüche und Messerer 
Brüche, welche durch Uebereinander- oder Gegeneinanderschieben 
der Theilchen entstehen. Ueber den Ursprung ihrer Entstehung 
sind alle genannten Forscher einig. 

' Um die in praxi zu beobachtenden Schädelbrüche aus den soeben 
entwickelten Gesichtspuncten zn verstehen, bedarf es noch zweier 
nicht unwesentlicher Vorbehalte. Einmal nämlich ist die Elastici- 
tät des Schädels cur eine unvollkommene, die Resistenz desselben 
nicht überall gleich nnd seine Form nicht rein sphärisch ; und dann 
handelt es sich nur selten um einfachen Druck, sondern fast stets 
zugleich um eine mehr oder weniger bedeutende Stosscomponente, 
bis zu dem Extrem der Schnssverletznngen, welche thatsächlich eine 
reine StOBSwirkung repräsentiren. Eine Inanspruchnahme der Ela- 
sticität des Schädels in toto kommt am vollkommensten bei reinen 
Druckwirkungen zur Anschauung, d. h. in einem solchen Falle ist 
nicht sowohl der Augriffspunct der Gewalt, als vielmenr die schwäch¬ 
ste Stelle der Schädelkapsel der Gefahr einer Fractur am meisten 
ansgesetzt. Darum beobachtet man bei Druck auf Stirn, Hinter- 
haupt oder Seitenwandbeiue stets Fissuren der Basis mit typischer 
Verlaufsrichtnng. Dagegen können die von den modernen Schuss¬ 
waffen herrührenden Verletzungen (abgesehen von den durch hydrau¬ 
lische Höhlenpression bewirkten Complicationen) sich als reine Loch-, 
will sagen auf die nächste Umgebung des Pole» beschränkte Bie¬ 
gungsbrüche, präsentiren, da in diesen Fällen die kurze Dauer der 
Kraftwirkung eine Uebertragung derselben auf entfernter liegende 
Pnncte ausschliesst. Die meisten Schädelfracturen der Friedens¬ 
praxis dürften zwischen diesen beiden Extremen in der Mitte liegen 
und mehr oder weniger deutlich die Wirkungen sowohl einer Druck-, 
als auch einer Stosscomponente erkennen lassen. Im Allgemeinen 
kann man sagen, d:\ss an der Schädelbasis die Berstungs-, ander 
Convexität die Biegungsfracturen vorherrschen; doch bilden die 
typischen Sternbrüche des Gewölbes und die so oft besprochenen 
Ringbrüche der Basis prägnante Ausnahmen von dieser Regel. 

Evident ist die forensische Bedeutung des oben erörterten Zusam¬ 
menhanges zwischen Veriauf der Fractur uud Richtung der Druckaxe. 

G. 

E. Peiper: Zur Actiologie des Diabetes mellitus. (D. med. 

Woch. 1887. Jfc 17). 

Verf. führt folgenden Fall an: Ein 17jähriges, völlig gesundes 
Mädchen trinkt auf einem Balle sehr erhitzt ein Glas eiskaltes Was¬ 
ser. Sofort nach dem Tiunk tanzte sie weiter, bemerkte aber als¬ 
bald ein auffallendes, starkes, beständiges Durstgefühl, das verge¬ 
bens durch grosse Mengen Wasser zu löschen versucht wurde: Noch 
in derselben Nacht nach Hause zurückgekehrt, stellte sich intensiver 
Heisshunger ein und häufiger Drang zum Uriniren. In den nächsten 
Wochen und Monaten starke Abnahme der Kräfte, Unmöglichkeit 
sieb mit Etwas zu beschäftigen. Nach & Monaten Aufnahme in's 
Krankenhaus mit reichlichem Zuckergehalt. Nach 8wöchentlicher 
Behandlung wesentlich gebessert. Verf. führt aus der Literatur 
noch einige Fälle an, die direct auf Erkältuugsursachen zurückzufüh- 
ren sind. MaxSchmidt. 

Behring: Ueber Jodoform und Acetylen. (D. med. Woch. 

1887. Ni 20). 

Verf. hat schon mehrfach experimentelle Untersuchungen über 
<die Wirkungsweise des Jodoforms in Wunden veröffentlicht. Jetzt 
hat er sieh von Neuem mit dieser Frage beschäftigt und bat gefun¬ 
den, dass Jodoform in fein gepulvertem Zustande den Nährböden 
beigemischt, das Wachsen der Bacterien nicht hindert. Eine Aus¬ 
nahme machen nur die Tuberkelbacillen welche sogar durch kry- 
stallinisches, ihrem Nährboden beigemischtes Jodoform am Wachsen 
gehindert werden. Also eine Vernichtung der Bacterien findet 
nicht statt. Durch eine Arbeit von Soheurlen wurde er 


dann mit der Thatsache bekannt, dass ohne Mitwirkung vom 
Mikroorganismen durch verschiedene Ptomaine bei Kaninchen Ei¬ 
ter erzeugt werden kann. Diese Ptomaine verhindern dauernd 
die Blutgerinnung nnd zerstören sofort das Haemoglobin. Behring 
hat nnn gefunden, dass alle Eiter erzeugenden Ptomaine mit dem 
Jodoform eine chemische Umsetzung erleiden nnd dann Eiter zn er¬ 
zengen nicht mehr im Stande sind. Diese Zerlegung des Jodoforms 
findet auch in ungelöstem Zustande statt, ist als Reductionsvorg&ng 
aufzufassen. Durch nascirenden Wasserstoff entsteht bei der Zer¬ 
setzung de? Jodoforms Acetylen. Nach Eulenburg ist Acetylen 
ein das centrale Nervensystem heftig beeinflussendes Gift, — viel¬ 
leicht ist dasselbe die Ursache der nach Jodoformgebranch beobach¬ 
te tenlntoxicationszustände. Die Untersuchungen gehen weiter fort. 

Max Schmidt. 


BQcher-Anzeigen und Besprechungen. 

Prof. W. Winternitz: Zur Pathologie und Hydrothera¬ 
pie der Lungenphthise. Unter Mitwirkung von K. Pick, 
E.Löwy, J.Utschik, L. Sch weinbnrg, J.Pollack, 
A. Winternitz nnd 0. Pospischil. (Klinische Stndie 
ans der hydriatischen Abtheilnng der allgemeinen Poliklinik 
in Wien. II. Heft). Leipzig nnd Wien. 1887. Verlag von 
Töplitz & Denticke. 

Trotz des specifiscben mit der Lnngentubercnlose nnd Phthise in 
einem innigen Connex stehenden BadlJns Kochii^ bleibe zn dem 
Activwerden der Phthise doch noch die Disposition als drittes 
Bioment erforderlich. Bekanntlich hat sich von den zahlreichen 
gegen Phthise empfohlenen specifiscben Heilmitteln kein einziges 
bewährt. Verf. sieht daher mit Becht darin eine lohnende Anfgabe 
der Pathologie nnd Therapie, die Bedingungen, von deren combinir- 
terZusammenwirknng die Erkranknng in jedem Einzelfalle abhängt, 
festzustellen UDd auf dieselben entsprechenden Einfluss zn gewinnen. 
Abgesehen von den bskannten hygienischen, diätetischen nnd phar- 
maceutiscben Factoren eines tonisirenden und reconstituirenden Ver¬ 
fahrens betrachtet Verf. in letzterer Hinsicht namentlich die Hydro - 
therapie als ein wirksames Unterstützungsmittel, da nicht jeder 
Patient die Mittel besitzt, um sich an einen entfernten und kost¬ 
spieligen klimatischen Cnrort zn begeben, und da dieselbe angewandt 
werden kann, ohne dass der Patient seiner gewohnten Umgebung 
nnd dem Schoosse seiner Familie entrissen zu werden braucht. 

Die Hydrotherapie soll die Innervation heben, deu Gefässtonus 
erhöhen, die Herzaction verlangsamen und kräftigen, die Blntberei- 
tung bessern, die Athmung vollkommener machen nnd den Gasaus- 
tausch, auch in den weniger beweglichen Lungenspitzen, vermehren. 
Durch dieselbe wird der Stoffwechsel beschleunigt, durch Besserung 
der Veiflauhng und Steigerung der Appetenz der Stoffansatz begün¬ 
stigt, einer retrograden Metamorphose vorgebengt oder die bestehende 
beseitigt. Ein solcher Erfolg könne aber nur erzielt werden, wenn 
man keinen mächtigeren thermischen und mechanischen Nervenreiz 
anwendet, als der betreffende Org&nismns ohne excessive Reaction 
erträgt and die absolute Wärmeeutziehung so graduirt, dass dieselbe 
von dem geschwächten Organismus prompt uud ohne excessive An¬ 
strengung wieder ersetzt wird. Ais ein weiterer Erfolg 4er Hydro¬ 
therapie wird die Abhärtung der Haut nnd die Verminderung der 
Erkältungsgefahr angeführt, ferner auch die Bekämpfung des hekti¬ 
schen Fiebers. Lnngenhlntnngen, die meistens als passive, als 
Stanungs- nnd Rückstaunngs - Blutungen aufzufassen sind, sollen 
gleichfalls keine Contraindication für die Anwendung der Hydrothe¬ 
rapie bilden. 

Im zweiten Abschnitt geben Pick nnd L ö w y eine Tabelle von 
über 170 Fällen von Phthise ans der Privatklinik des Prof. Win¬ 
ter nitz in Kaltenleutgeben, welche wohl geeignet ist, die Erfolge 
der Hydrotherapie in ein günstiges Licht zu stellen. 

Im dritten Capitel wird vonUtschik die hydriatische von Win¬ 
te r n i t z bei der Lungenphthise angewandte Technik genauer be¬ 
schrieben. Dieselbe besteht aus der Abwaschung, aus Brnstumscblä¬ 
gen nnd Kreuzbinden, aus der feuchten Einpackung, der Abreibung 
nnd der Donche, worüber das Nähere von Denjenigen, welche die 
Methode ausüben wollen und noch nicht vollkommen beherrschen, 
schon im Originale selbst nachgeseben werden mnss. 

Darauf folgen die Resultate der von 8chweinburg, Pollack 
uud A. Winternitz angestellten experi men teilen Studien über 
das Verhalten der Hauttemperatnr unter trockenen nnd feuchten 
Umschlägen ohne nnd mit verschiedenartiger Bedeckung. Den 
Schluss dieser interessanten Mittheilungen bildet ein vonPospi- 
schil verfasster Anszug eines Werkes des Prof. A. de Giovanni 
in Padua über das Verhalten des Herzens bei der Luugenphthise, wel¬ 
ches eine weitere Stütze für die im ersten Abschnitte festgestellten 
therapeutischen Anzeigen darbieten soll. —x. 

Compendium der praktischen Toxicologie von A. Werber 
umge&rbcitel von Dr. Rudolph Robert. Stuttgart. 
Ferdinand Enke. 

Rudolph Kobert hat das Werk von Werber fast in allen 
Capiteln umgearbeitet und dabei das Wichtigste, was auf diesem 
Gebiet während der letzten Jahre erschienen ist, berücksichtigt. 
Sehr eingehend finden wir z. B. die Lehre von den Ptomainen be¬ 
sprochen. Kn. 


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38 


Ehrenerklärung an Herrn Dr. Emst Dreyptflcher. 

Auf der Sitzung de« Vereins St, Petersburger Aerzte am Dien¬ 
stag den 19. Oct. 1887 erhob «ich vor Eintritt in die Tagesordnung 
der Präses Dr. von Grttnewaldt und sprach im Namen der Mit¬ 
glieder des Vereins dem anwesenden Dr. Dreypölcherin warmen 
Worten die unwandelbare Hochachtung derselben aus. Der Verein, 
der an diesem Abend ganz besonders zahlreich besucht war, beschloss 
darauf folgende 

Ehrenerklärung 

an 

Herrn Dr. Ernst Dreypölcher. 

Der Verein hat mit Schmerz und tiefer Entrüstung Kenntnis« ge¬ 
nommen von den Gerichtsverhandlungen und der Verurtheilung sei¬ 
nes geachteten Mitgliedes, des Dr. Ernst Dreypölcher. Der 
Verein anerkennt, dass Dr. Dreypölcher in der unglücklichen 
Angelegenheit, wegen welcher er verklagt und schliesslich verur- 
theüt wurde, gewissenhaft und correct seine Pflicht gethan hat, und 
spricht sein tiefes Bedauern darüber aus, dass dem Dr. Dreypölcher 
von den durch ihre Stellung dazu berufenen Collegen nicht derjenige 
Schutz zu Theil geworden ist, den er beanspruchen durfte. Der 
Verein wird es sich auch künftig zur Ehre anrechnen, Dt. Drey- 
p ö 1 c h e r zu seinen Mitgliedern zu zählen. 

Vorstehende Erklärung soll in's Protokoll aufgenommen und Dr. 
Dreypölcher eine vom Vorstande Unterzeichnete Abschrift der¬ 
selben zugestellt werden. 


Vermischtes. 

— Zur Feier de« 25-jährigen Jubiläums des Geheimraths Dr. 
Lin gen als Oberarzt des Marien-Magdalenen-Hospitals hatte «ich 
am Sonntag den 17. Oct. ein grosser Kreis von Collegen und Freunden 
desselben zu einem solennen Diner im Grand-Höte] vereinigt. Die 
lange Reihe der Beden legte lebendiges Zeugniss dafür ab, wie sehr 
es Dr. L i n g e n im Laufe seiner langjährigen Thätigkeit verstanden 
hat sich die Hochachtung der Collegen, die Verehrung der Unter¬ 
gebenen, die warme Zuneigung der freunde zu erwerben und zu be¬ 
wahren. Zu später Stunde erst fand da« schöne Fest sein Ende und 
Alle schieden mit der Hoffnung, dass der Jubilar, dessen jugendliche 
Frische auch an diesem Abend wieder zu bewundern war, noch lange 
Jahre in seiner jetzigen Stellung zum Gedeihen des Hospitals, zum 
Wohle der leidenden Menschheit ausharren möge. 

— Sonnabend den 23. Jan. findet die Eröffnung eines ärztlichen 
Clubs hier am Orte statt. Mitglied kann jeder Arzt werden. Durch 
einen Beitrag von 20 Rbl. für die laufende Saison (23. Jan. bis 9. 
April). Jeden Sonnabend soll ein Gesellschaftsabend stattfinden, der 
dieses Jahr nur der Geselligkeit gewidmet sein soll. Sollte dieses 
Unternehmen Anklang bei den Collegen finden, so beabsichtigen die 
Vorsteher DDr. A. G. Ba talin, J. W. A. Majew, W. J. Afa- 
n assj e w vielleicht schon im Herbst einen Club in’s Leben zu rufen, 
der gleich dem ärztlichen Club in Moskau, auch ernsteren Dingen 
als der Geselligkeit dienen könnte, wie beispielsweise der Erörterung 
und Regelung von ärztlichen Standesfragen. Wäre nicht der ärzt¬ 
liche Club in dieser zukünftigen Form die Körperschaft, aus der sich 
ein Rechtsschutzverein des ärztlichen Standes entwickeln könnte? 

— Unser berühmter Anatom, Professor Wenzel Gruber, der 
seit seinem 40-jährigen Dienstjnbiläum den Posten eines Ehrendi- 
rectors des anatomischen Museums an der militär-medicinischen Aca- 
demie bekleidet, beabsichtigt wegen seines angegriffenen Gesund¬ 
heitszustandes Russland definitiv zu verlassen, um in einem wärme¬ 
ren Klima — wie verlautet, in Tyrol — seinen Wohnsitz zu nehmen. 

— Wie die „Russkaja Medicina“ erfährt, sind zu Gliedern des 
üretlichen Conseils bei dem Medicinalinspector für die Anstalten 
der Kaiserin Maria, an Stelle der ausscheidenden Glieder Prof. 
Balinski, Prof. Man assein und Dr. Sperk, die DDr. Graf 
Magaw 1 y, DirectorderhiesigenAugenheilanstalt, J.Tarnowski, 
Gehülfe des Directors der Entbindungsanstalt und A. Tscherem- 
schanski, stellv. Director des Hospitals der Gesellschaft barmher¬ 
ziger Schwestern zur Kreuzeserhöhung auf drei Jahre ernannt 
worden. 

— Verstorben: 1) Auf seinem Gute Jurino bei Rybinsk ein früher 
vielbeschäftigter und beliebter Arzt dieser Stadt, NikolaiTuga- 
rinow. Vor etwa 20 Jahren gab derselbe plötzlich seine ausge¬ 
breitete Praxis in Rybinsk auf und zog sich auf sein Gut zurück, wo 
er eine rein bäuerliche Lebensweise führte, selbst pflügte, säete, 
mähte, Holz fällte u. s. w., mit einem Worte alle Arbeiten eines 
Bauern verrichtete. 2) ln Kirssanow der dortige Landschaftsarzt 
W. Boshdestwens ki im 39. Lebensjahre an der Schwindsucht. 
Der Verstorbene, welcher seine medicinische Ausbildung in Kasan 
erhalten und darauf 14 Jahre als Landschaftsarzt fungirt hat, soll 
ausser seiner Bibliothek, die er der Kasanschen Universität ver¬ 
macht hat, nichts hinterlassen haben. 3) Der Oberarzt des Militär- 
lazareths in a kstafa (Gouv. Jelissawetpol), Nik. Sakamenny. 
4) Der lnspector der Militär-Feldscheerer-Schnle in Nowotscherkask, 
Staatsrath Dr. Peter Wo lodin. 5) In Strassburg deT berühmte 
Botaniker, Pirof. Dr. Heinrich de Bary , im 58. Lebensjahre an 
Krebs des Oberkiefers. Vor seiner Berufung an die Strassburger Uni¬ 
versität (1872) wirkte der Dahingeschiedene als praktischer Arzt in 
seiner Vaterstadt Frankfurt a/Main. 

— Prof. V anzetti, dessen Nekrolog wir in der vorigen Num¬ 
mer d. Wocbenschr. brachten, hat der Universität Padua ein Capital 


von 100,000 Frcs. und seine werthvolle Bibliothek testamentarisch 
vermacht. 

— Die Stadt Berlin beabsichtigt mit Rücksicht auf die grosse 
Zahl chronischer Brustkranker, welche in den städtischen Kranken¬ 
häusern und Siechenanstalten aufgenemaen- weHeensiSi *ohs^k be¬ 
sondere Heilr und Pflegeanstalt für solche Kranke in der Umge¬ 
gend Berlins (für etwa 400 Kranke) zu errichten. 

— Der Privatdocent für Bacteriologie in Basel und zugleich einer 
der Herausgeber des «Correspondenz-Blattes für schweizer Aerzte» t 
Dr. C.Garrö, ist als Professor an die Universität Tübingen be¬ 
rufen worden. 

— In diesem Herbst begeht die deutsche ophthalmologischc Ge¬ 
sellschaft das Jubiläum ihres 25-jährigen Bestehens, Als Ge¬ 
schäftsführer der in Heidelberg stattfindenden Festversammlung fan- 
giren gegenwärtig Prof. Donders (Utrecht), Prof. Zehender 
(Rostock) und Dr. Hess (Mains). 

— Prof, extraord. Dr. J. Rosenbach in Göttingen hat. einen 
Ruf als Director der chirurgischen Klinik an der Universität Jena 
erhalten und angenommen. 

— Die GesatfMtzahl der Kranken in den Civilhospitülem St, 
Petersburgs betrug am 17. Januar c. 623J (222 mehr als in der Vor¬ 
woche), darunter 752 Typhus- (101 mehr), 830 Syphilis- (69 mehr), 
52 Scharlach- (12 weniger) und 7 Pockenkranke (3 mehr als in der 
Vorwoche). 

— Nach dem Rechenschaftsbericht über den Cassenbestand der 
Gesellschaft russischer Aerzte betrug derselbe nach dem I, Coti- 
gresse 4383 Rbl. 54 Kop. (mit Einschluss von 9 Einzahlungen von 
Gründern zu je 100 Rbl.). Die Einnahmen des 11, Congresses be¬ 
liefen sich auf 12,499 Rbl. 85 Kop., darunter Mitgliedsbeiträge im 
Betrage von 6711 Rbl. (63 zu 10 Rbl., 1212 zu 5 Rbl., 1 zu 16 Rbl. 
und 1 zu 6 Rbl.), Beiträge der Moskauer Stadtduma im Betrage von 
5000 Rbl. und der Moskauer Gouv. Landschaft im Betrage von 500 
Rbl. u. s. w., so dass mit dem Ueberschuss des I. Congresses der 
Cassenbestand 16,883 Rbl. 39 Kop. betrug. Die Ausgaben da¬ 
gegen bezifferten sich auf 10,326 Rbl. 10 Kop. und vertheilt sich diese 
Summe auf folgende Posten: 1) Ausgaben des Secretärs der Ver¬ 
waltung, für den Druck von Blanquetten, Büchern etc. 794 Rbl. 
60 Kop.; 2) die Kosten der Ausstellungen mit 316 Rbl. 40 Kop.; 

3) Unkosten bei den allgemeinen Versammlungen mit 579 Rbl. 88K.; 

4) Zuzahlung bei der Unterbringung der Congressmitglieder 493 Rbl. 
38 Kop.; 5) für die Organisation des Centralbureans und der Filial- 
bureaus auf den Bahnhöfen 1350 Rbl. 67 Kop.; 6) Zuzahlung für das 
Mittagessen 1660 Rbl. 5 Kop.; 7) für die Redaction und Herausgabe 
des „Tageblattes 1 * 1358 Rbl. 78 Kop. und 8) für die Herausgabe und 
Versendung der „Arbeiten des Congresses 1 * 3772 Rbl. 34 Kop. — 
Nach dem II. Congress hat sich somit ein Cassenbestand von 6557 Rbl. 
29 Kop. ergeben. 

— Dr. F. M i c h a e 1 berichtet folgenden Fall von Inoculation des 
Masernvirus: Ein Schulkind befand sich im Incubationsstadium 
der Masern. Von ihm wurde bei folgender Gelegenheit das Virus auf 
ein zweites gesundes Kind überimpft. Das letztere hatte eine Pustel 
auf der Rückenfläche des Mittelfingers. Der Lehrer nahm eine Feder 
des ersterwähnten Kindes und öffnete mit derselben die Pustel. Am 
9. Tage erkrankte das bisher gesunde Kind mit den Prodromi der 
Masern. 24 Stunden vor Eruption des Exanthems bildete sich in der 
Gegend der Impfstelle eine Efflorescenz aus — die Rückenfläche der 
Hand röthete sich. — Michael hält in diesem Falle die speciflsche 
Inoculation»Wirkung für wahrscheinlicher, als eine gewöhnliche 
Wundinfection. 

— Bettelheim (Centralbl. f. klin. Medic. 1887. 42) empfiehlt 

als Bandtcurmcur folgende Mischung: Rp. Extr. Filicis iraria 
aether., Extr. rad. punicae granat. u 10,0, Pulv. Jalappae 3.0. M. 
f. pillul. keratinisati M 70. Von diesen Pillen werden am ersten Tage 
15—20, am folgenden im Verlaufe von 2—3 Stunden die übrigen ge¬ 
nommen. Im Falle, dass eine Abführung nöthig sei, wird ein Clysma 
von 100,0—200,0 Infusi laxativ. Viennensis gesetzt (Med. Obsr. 23). 

— Docent Dr. L. Lewin berichtete in der letzten Sitzung der 
Berliner med. Gesellschaft über ein neues locales Anaestheticum 
von überraschendster intensivster Wirkung, welches nach dem, was 
über dasselbe mitgetheilt wird, berufen zu sein scheint, das Cocain 
ganz in den Schatten zu stellen. In Afrika unter dem Namen 
Haydb bekannt, stellt es eine rothe Masse dar und soll nach Berich¬ 
ten Livingstone’s bei Menschen, denen es eingefübrt worden, 
die Zunge surr and empfindungslos machen. Wie die chemische 
Untersuchung ergiebt, ist es ein Glycosid. Auf Grund früherer von 
L. angestellter Versuche mit den Bestandtheilen einer zuerst im 
Anfang dieses Jahrhunderts von 0 e r t e 1 beschriebenen Giftpflanze, 
die an der Westküste Afrikas wächst und bei Gottesgerichten als 
Pfeilgift etc. benutzt wird, weshalb es den Namen „Erytbrofleum 
judiciale“ führt, nahm er eine Vergleichung der Rinden bestand theile 
mit Präparaten der Sammlung des Berliner Botanischeil Museums 
vor, die nach dem Urtheil der Fachautoritäten ergab, dass das 
neae Anaestheticum in der That von dieser Pflanze stamme. Ver¬ 
suche, die L. auf Grund dieser Entdeckung mit Abkochungen des 
Erytbrofleum anstellte, haben nun ergeben, dass seine Vermnthung 
richtig gewesen ist; denn es gelang ihm als wirksame Substanz 
das Erythrofletn ein Alcaloid darzustellen, welches sich als mit 
dem Hayab identisch erwies. Durch 2 Ctgr. dieses Alcaloids gingen 
Hunde zu Grunde, Kaninchen sogar durch entsprechend kleinere 
Dosen. Eine 0,2 procentige Lösung des Alcaloids, einer Katze in's 


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39 


Auge gebracht, bewirkte nach 15 bis 20 Minuten eine so vollständige 
und langdanernde Anästhesie, wie sie L, vorher nicht für möglich 
gehalten hätte; ja schon geringere Dosen hatten dieselbe, 1,2 bis 
2-J- Tage anhaltende Wirkung. Die Hornhaut bleibt, bei Anwen¬ 
dung dieser Dosen klar, dagegen tritt auf Anwendung concentrirter 
Lösungen (2%) eine enorme Reizwirkung und Hornhauttrübung ein, 
die aber nach einigen Tagen von selbst schwindet. Injicirt man 
einem Thiere, bei dem durch Strychnin der stärkste Tetanus erzeugt 
wurde, das Erythroflein, so lässt sich an der betreffenden Extremi¬ 
tät der Krampf nicht mehr auslösen. Meerschweinchen kann man 
bei Injectionen unter die Haut nach 15 Minuten die betreffenden Stel¬ 
len durchschneiden, ja bei Injectionen am Rücken die Haut bis auf 
die Rückenmuskeln durchschneiden, die letzteren durchstechen, ohne 
dass das Thier sich rührt; auch die Muskeln werden unempfindlich. 
Bei Anwendung zu grosser Dosen geht das Thier an Krämpfen zu 
Grunde. Fängt man aber mit ganz kleinen Quantitäten an, so hat 
man es vollkommen in der Hand, die Wirkung beliebig abzustufen. 

(Allg. med. Ctrl.-Ztg.). 


Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs 

für die Woche vom IO. bis 10. Januar 1888. 
Zahl der Sterbefälie: 

1) nach Geschlecht und Alter: 


Jm Ganzen: 


M. W. Sa. 


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2) nach den Todesursachen: 

— Typh. exanth. 2, Typh. abd. 25, Febris recurrens 1, Typhus 
ohne Bestimmung der Form 2, Pocken 0, Masern 18, 8charlach 5, 
Diphtherie 6, Croup 8, Keuchhusten 4, Croupöse Lungenentzün¬ 
dung 21, Erysipelas 5, Cholera nostras 0, Cholera asiatica 0, Ruhr 1 f 
Epidemische Meningitis 0, Acuter Gelenkrheumatismus 0, Parotitis 
epidemica 0, Rotzkrankheit 0, Anthrax 0, Hydrophobie 0, Puerpe¬ 
ralfieber 0, Pyämie u. Septicaemie 1, Tubercn’ose der Lungen 103, 
Tuberculpse anderer Organe 11, Alcoholismus und Delirium tremens 
2, Lebensschwäche und Atrophia infantum 34, Marasmus senilis 
23, Krankheiten des Verdauungscanals 59, Todtgeborene 15. 

Mortalität einiger Hauptstädte Europas. 


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Woche 
(Neuer Styl) 


London . 
Paris 
Brüssel 
Stockholm 
Kopenhagen 
Berlin . . 
Wien . . 
Pest . . 
Warschau 
Odessa« . . 
St. Petersburg! 


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Lebend¬ 

geboren 


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215 192 
260 945 
177 568 

216 807 
290 000 
414 980 
790 381 

438 865 

439 174 
251 400 
361 303 


1.—7. Jannar 
1.—7. Jannar 
25.-31. Dec. 
25.—31. Dec. 
4.—10. Januar 
1.—7. Januar 
1.—7. Januar 
25.—31. Dec. 
25.—31. Dec. 
1.—7. Januar 
8.—14. Januar 


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385! 25,» 
243! 29,» 
208 24,« 
135126.» 

4M 29.» 


tJSJT Annahme von Inseraten ausschliesslich im Central-Amjoncen-Comptoir von Friedrich l’etrick 

St. Petersburg, Newsky-Prospeet 8. “ 


*W* Nächste Sitzung des Vereins St- 
Petersburger Aerzte Dienstag den 2. Fe¬ 
bruar 1888. 

■W Extra-Sitzung des deutschen ärzt¬ 
lichen Vereins Montag den 25. Januar 
1888. 


Verlag von F. C. W. Vogel in Leipzig. 

Sooben erschien: 25 (1) 

Die Pathogenese 

der 

epidemisciienDipIiflierie 

Nach ihrer histologischen Begründung 
von 

Dr. M. J. Oertel, 

Professor an der Universität München. 

Mit Atlas von 12cbromo)ithogr. Tafeln in Fol. 
1888. 48 Rbl. 



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nodynaji bt> npoxaxy: 

KAJIEHÄAPb AAfl BPA4EM 


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1888 (XXI-fl roAi» u3AaHin) 

no*i peAaunieft IIpo<f>. B. K. AHpena h J-pa Me*. H. a. Boponuxsosa 
saieHRop. nepeiuerfc 1 pyö. Ä6 Kon. ) Q . Ä 

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bi 1888 roxy öyxen bhxoxhtl noxi pexaKuieio: 


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Opo<t>eccopa AKaxeMBqecKofi repaneB- 

THH6CB0Ü KJHHHKH. 

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Hpcxfreccopa AgaxeMH qecKOä xhTCKofl 

KJHHHKH. 

A. 3. üpyccaua, 
Dpo<J>eccopa ynrasixi öoj'fesHeü. 


B. H. ^oöpoBoxbcuaro, 
IIpo(J)eccopa ÄKaxeuHHecKofl osyiHCTH- 

»reCKOÜ KJHHHKH 

A. H. JleöexeBa, 

n ptxheccopa ABaxeMHaecBoft asymep- 

CKOft KJHHHKH. 

H. M. Cokojioba, 

ÄoueBTa TepaneBTHHecKoil kjkhkkh 


H. II. BacB.ueBa, 

ÄoneHTa TepaneBTHqecKoft kjhhhkh. 

Bi ra8erk noMhmamTCfl CTaibH no Bctm oTpacjnm RiiHHuecKOfl nexHUHHu, no pas- 
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CKHMl BOnpOCaMl H COOÖmeHiH 0 BfcJAaiOmHXCÄ npioÖp’feTeHiHXl OTe^eCTBeHHOfl H HHOCTpaH- 
Hofl jHTepaTypu. 

FaaeTa buxoxhti ÄTeqenie 9-th MtcaneBi, bi oöieut on oxHoro xo noayTopa jhctb. 

IFbHa ci nepecLUKofi h xociaBKofi 6 pyö., Ö63i xocTaBKH h nepeciUKH & p. 

ÄonycKaeica pascpoqsa njaieuta— 3 pyö. npe noxHHCRh h ocTaiBHua ki 1-uy Maio 

IIoxnHCKa npHHHvaeTCH bi pexauniH raaeTii (C.-IIeTepÖvpn, HnKojaeBCKaH, 43) h bi 
H 8BkcTHuxi EHHSHuxi MaraBHHaxi. 

PexasniH oTBpbiTa esexHeBHO, Kpout BocKpecHbixi h npasAHHüHuxi xeefi, oti 5 äo 6 
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(In Russland erlaubt.) 

Santa! Midy ersetzt den Copaivabalsam und die Cubebe in der Behandlung der 
Blennorrhagie, ohne Magenreizung oder Diarrhöe hervorzurufen. 

Jede Capsel von Santal Midy enthält 20 Centigramm reiner Essenz von gel¬ 
bem Sandelholz ; die Dosis ist 6 bis 12 Capsein täglich, allmälig zu vergrössern und 
dann zu verringern. 17 (i) 

DEPOT: Paris 8, rue Vivienne und in allen Apotheken Russlands. 


St. Petersburger Anstalt für 

Massage and schwedische Heilgymnastik 

von G. Odöen. 

(früher des Dr. B e r g 1 i n d). Arzt der Anstalt Dr. J, Grimm, 
Ingenieurstrasse 16, unweit des Circus, im Pavillon des Fechtsaals für Offiziere. 
Geöffnet für Damen und Kinder von 12—2 Uhr Nachm.; für Herren des Morgens 
von 8—11 Uhr, des Nachm, von 3—5 Uhr täglich (ansgenommen des Sonntags). 

Die Massage wird nur von examinirten schwedischen Masseuren, welche voll¬ 
ständige ärztliche anatomische Kenntnisse besitzen, ausgeführt. 4 (2) 


von Dr. W. Djakoffaky & C°. 

St. Petersburg, Kasanskaja 3. 

Aerztliche und diätetische Gymnastik 
' (nach dem mechanischen System des Dr. 
Z a n d e r in Stockholm). Massage. 

Orthopaedische Behandlung der Rück- 
gratsverkrüramuagen und anderer De¬ 
formitäten. 2 (6) 

Empfang tA^lftoli von 10—2 Uhr. 

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bereitet unter Controlc des; Königl. Sanitätsrath Dr. Stöltzing; aus den 
Salzen der berühmten Heilquellen M 3 und As 18 im Bad Soden, 
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Neue Folge. V. J ahrg 


XIII. Jahrgang. St. Petersburger 


Medicinische Wochenschrift 

unter der Redaction von 

Prof. Ed. v. WAHL, Dr. L. v. HOLST, Dr. TH. v. SCHRÖDER, 

Dorpat. St. Petersburg. St. Petersburg. 


Die «St. Petersburger Medicinische Wochenschrift» erscheint jeden Sonn* 
abend. Der Abonnements - Preis ist in Russland 8 Rbl. für das Jahr, 
* 4 Rbl. für das halbe Jahr inclusive Post-Zustellung; In den anderen Län¬ 
dern 16 Mark jährlich, 8 Mark halbjährlich. Der Inserations - Preis für 
die 3 mal gespaltene Zeile in Petit ist ia Kop. oder 30 Pfenn. — Den 
Antoren werden 2$ Separatabzüge ihrer Original - Artikel zugesandt; 

Referate werden nach dem Satze von 16 Rbl. pro Bogen honorirt. 
Abonnements-Aufträge bittet man an die Buchhandlung von 
Carl Ricker in St. Petersburg, Newsky - Prospect AI 14 zu lichten. 


mr* Inserate werden ausschliesslich im Central-AnnoDcen-Bu- 
reau von Friedrich Petrlck in St. Petersburg, Newsky-Prospect AI 8, 
und in Paris bei unseren General-Agenten entgegengenommen. 
Los annonces franpaises sont regues exclusivement k Paris 
chez Messieurs G. E. Puel de Lobei & Cie., Rue Lafayette 58. 


Manuscripte sowie alle auf die Redaction bezüglichen Mittheilungen 
bittet man an den g e s c häft s füh re n d e n Redacteur Dr. Theodor 
v. Schröder (Malaja Italjanskaja, Haus 33, Quart. 3) zu richten. 


Ns 5. 


St. Petersburg, 30. Januar (11 Februar) 


1888. 


Inhaltt 0. y. Grüne waldt: Die Elythrohyeterotomie. — Referate. W. Wyssokowisch: Ueber die Ursachen der Eiterung.— 
Prof. S c h a u t a: Ueber gynaekologische Massage. — Bücher-Anzeigen und Besprechungen. Ferdinand von Arlt: Meine Erleb¬ 
nisse. — Auszug aus den Protokollen der Gesellschaft praktischer Aerzte zu Riga. — An die Redaction cingesandte Bücher und 
Druckschriften. — Vermischtes. — Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs. — Mortalität einiger Hauptstädte Europas. — Anzeigen. 


Oie Elythrohysterotomie. 

VOD 

I)r. 0. v. Grünewald t. 


Die vaginale Exstirpation des Uterus ist sicher eine werth¬ 
volle Errungenschaft der letzten Jahre, und es ist nicht zu 
bezweifeln, dass die Indicalionen für diese Operation sich in 
verschiedenen Richtungen erweitern und namentlich nicht 
auf die Ausrottung bösartiger Neubildungen beschränkt 
bleiben werden. 

Es ist nicht uninteressant in die Vergangenheit zurückzu¬ 
blicken and die Bestrebungen in’s Auge zu fasse** die schon 
seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts gemacht worden 
sind zum Zweck den Uterus in toto zu exstirpiren, meisten- 
theils in der Absicht ein Carcinom zu eliminiren, bisweilen 
aber auch, um die von auf anderem Wege unheilbarem Pro¬ 
laps gequälten Kranken von ihren Leiden zu befreien. Da¬ 
bei ist es bemerkenswerte welchen Gang die Bemühungen 
der Chirurgen genommen haben. Die ältesten Operationen 
vom Ende des vorigen Jahrhunderts, sowie die später von 
Langenbeck,8auter,Blundell,R6camier, 
K i e te r u. A. ausgeführten, waren vaginale, bis im Jahre 
1878 F r e u n d in Breslau seine sinnreiche Exstirpation des 
Uterus von der Bauchhöhle aus erfand und au3führte. Seine 
Methode wurde vielfach nachgemacht, die Resultate der¬ 
selben gestalteten sich aber bo ungünstig, dass die von 
Czerny,Schröder, Billroth und Martin inau- 
gurjrte Methode der vaginalen Exstirpation die F r e u n d - 
sehe bald fast vollkommen aus der Praxis verdrängte und 
ihr nur die Falle nacbliess, in welchen das zu bedeutende 
Volum des erkrankten Organes eine Entfernung desselben 
durch die Scheide unmöglich erscheinen liess. 

Die technischen Schwierigkeiten der Operation hielten 
begreiflicher Weise zunächst noch viele Operateure davon 
ab, sich an dieses Unternehmen zu machen. Ein zweites 
Moment, welches der allgemeineren Aufnahme dieser Ope¬ 
ration in die Praxis hindernd in den Weg trat, war die 
Häufigkeit, mit welcher die Recidive nach der Operation 
sich einstellten, und die beim Vergleich mit den Resultaten 
der partiellen Resection des unteren Abschnittes des Ute¬ 


rus sich nicht so bedeutend günstiger gestalteten, dass nicht 
sehr viele, vielleicht die meisten Gynäkologen es vorgezogen 
hätten, sich mit einer hohen trichterförmigen Excision der 
Cervix zu begnügen, als einer relativ viel ungefährlicheren 
Operation. 

Diese Anschauung erscheint sehr wohl motivirt, wenn die 
Resultate der Operation in Betracht gezogen werden, wie sie 
sich noch bis vor Kurzem herausgestellt haben. W i n c k e 1 
berechnet in seinem 1886 erschienenen Leh» buche der 
Frauenkrankheiten die Mortalität nach der Elythrohystero¬ 
tomie auf 26—27 %, eine Zahl, die noch viel zu niedrig ge¬ 
griffen . ist, weil sicherlich eine grosse Anzahl von durch 
verschiedene Operateure ausgeführten und Jetal verlau 
fenen Exstirpationen nicht veröffentlicht ist. Es ist aber 
mit vollem Recht von mehrern Autoren z. B. M a r t i n , 
Leopold u. A. darauf hingewiesen worden, dass mit 
einer so allgemein gefassten Statistik kein richtiger Maass¬ 
stab gegebeu wird für die Dignität einer Operation, für 
welche anfangs die Breite der Iodicationsstellung viel zu 
weit bemessen wurde, und dass in sie alle die vielen Fälle 
garnicht hineingezogen werden dürften, in welchen wegen 
zu weit vorgeschrittener Erkrankung die -Operation nicht 
mehr statthaft war. 

So stellt sich auch das Resultat nach späteren Zusam¬ 
menstellungen der Operateure, die mit grösserer Vorsicht 
die nicht operablen Fälle ausschalteten, bei Weitem gün¬ 
stiger. Es liegt gewiss in der Natur der Sache, dass der 
zu Rathe gezogene Gynäkolog um so eher an die grössere 
und vollständige Operation denken wird, je weiter in dem 
ihm doch noch operabel erscheinenden Falle die Neubildung 
vorgeschritten erscheint, und dass er hoffen wird, mit einer 
relativ ungefährlichen Collumamputation auszukoromen, wo 
er Grund hat anzunebmen, dass ein Cancroid oder ein Krebs 
die Grenzen des Orificinm Int. Uteri noch nicht überschritten 
hat. 

Gerade diese Anschauung ist, m. H., eine sehr gefähr¬ 
liche. Die klinische Erkenntnis davon, bis wie weit ein 
Uterus und in seinen Annexen eine bösartige Neubildung 
vorgeschritten ist, ist nahezu unmöglich, und in dieser Be¬ 
ziehung sind wir bei der Indicationsstellung für die Art der 
Krebsoperation gegenwärtig noch sehr dem Zufall überlassen. 


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I 


42 


Es ist bekannt, dass häufig bei kaum geschwelltem Uterus, 
bei noch sehr wenig weitgehender Erkrankung der Mutter¬ 
mundslippen, wo die Annahme einer noch eng begrenzten 
Collumaffection sehr berechtigt erscheint, sich Erkrankungs¬ 
herde im Cavum vorfinden, die nach der Palliativoperation 
bald ihren verderblichen Gang weiter nehmen. Wenn io 
dem seitlich vom Fruchthalter gelegenen Bindegewebe sich 
nachweisbare Knoten finden, wird kein Operateur sich leicht 
dazu entschliessen den Uterus zu reseciren, mit dem Risico 
in kurzer Frist ein inoperables Recidiv uuftreten zu sehen. 
Wie oft aber finden wir klinisch die Parametrien frei, den 
Uterus gut beweglich, und dennoch hat die Neubildung in 
Form geringer, weicher Infiltration bereits das Beckenbinde¬ 
gewebe mit ergriffen. Diese Fälle werden glücklicher Weise 
die Ausnahmen bilden, und eine unter solchen Umständen 
unternommene Radicaloperation dürfte nicht den Vorwurf 
eines ungerechtfertigten Eingriffes involviren. 

Eine erschöpfende und beweisende Statistik des Werthes 
der Hysteroelytbrotomie wegen bösartiger Neubildung dürfte 
sich aber nur aufbauen aus Fällen von ausschliesslicher Er¬ 
krankung des Collum oder des Corpus uteri, und eine solche 
Statistik würde sich sehr zu Gunsten dieser Operation ge¬ 
stalten. Schon eine kurze Zusammenstellung von nahe an 
400 vaginalen Exstirpationen (Schröder, Hofmeier 
74 Fälle mit 16,2% Todesfällen, Martin 134 Fälle, 16,4%, 
Olshausen bis 1884 29 Fälle, 24%Todesfälle, Fritsch 
60 Operationen, 10,1 %, L e o p o 1 d 48 Operationen, 6 %, 
Brenneke 18 Fälle ohne Todesfall, im klinischen Insti¬ 
tut der Grossfürstin Helene Pawlowna in St. Petersburg 10 
Operationen ohne Todesfall, FritzFrankin Köln 17 ohne 
Todesfall) ergiebt nur 14%, um 12—13% weniger Morta¬ 
lität, als die von W i n c k e 1 zusammengestellte. Und sehen 
wir die Verlustlisten genauer an, so finden wir, dass diesel¬ 
ben fast ausschliesslich gebildet werden vou solchen Fällen, 
die nicht mehr hätten operirt werden sollen. 

Diese Angaben beziehen sich nur auf die Folgen des ope¬ 
rativen Eingriffes und nicht auf den später an Recidiven 
erfolgten Tod, und sollen zunächst nur dazu dienen, die un¬ 
mittelbare Gefahr der Operation als solcher zu illustriren. 
Sie lassen aber dieselbe viel grösser erscheinen, als sie es 
factisch ist, wie sich an der Hand der Resultate einzelner 
Operateure erweisen lässt, nach welchen in der That die 
vaginale Exstirpation den grössten Theil der Befürchtungen 
als unbegründet erscheinen lässt, mit welchen im Anfänge 
diese Operation von vielen Seiten beurtheilt worden ist. 
Nehmen wir z. B. die in den letzten Jahren von F r i t s c h 
(60), Leopold (48), B renneke (18), F r ank in 
Köln (17) und im hiesigen klinischen Institut von den DDr. 
B i d d e r und von Ott operirten 10 Fälle, — in Summa 
153 mit im Ganzen 10 Todesfällen in Folge der Operation, 
so haben wir ein Sterblichkeitsverhältniss von nur 6,5 %, und 
können uns dem Ausspruch F r i t s c h ’s anscbliessen, dass 
dieses gewiss noch mehr (auf 3—4%) herabgemindert werden 
wird. 

An der Hand dieser Zahlen wird die Schätzung der Digui- 
tät dieser Operation jetzt iu weit günstigerem Lichte ge¬ 
schehen, als z. B. noch vor 2 Jahren; dass die Resultate so 
viel bessere geworden sind, liegt viel weniger an der Ver¬ 
vollkommnung der operativen Technik und der antisepti¬ 
schen Vorkehrungen, als an dem Umstande, dass in der 
Auswahl der zu operirenden Fälle mit grösserer Vorsicht 
verfahren wird. 

Zur Beurtheilung dessen, nach welcher der bis jetzt geüb¬ 
ten Methoden im gegebenen Falte operirt werden soll, ist es 
zweckmässig sich darüber klar zu werden, in wie weit den 
Bedingungen zu entsprechen ist, deren Erfüllung eine con¬ 
ditio sine qua non ist, weun ein gutes Resultat erreicht wer¬ 
den soll Dieselben sind von Brenneke (Zeitschr. für 
Geburtsh. und Gynäkol. Bd. XII, H. 1) ausgesprochen, und 
werden in jedem einzelnen Fall ihre Gültigkeit haben. 

1) Das Operationsfeld muss bequem zugängig gemacht und 
sicher zugängig erhalten werden. Bei stricter Beobachtung 


dieses Punctes wird auch am sichersten vermieden werden 
Fälle zu operiren, die nicbtmehr operirt werden dürften, weil 
bei zuweit vorgeschrittener Neubildung es nicht mehr gelingen 
kann den Uterus und das Scheidengewölbe genügend frei¬ 
zulegen; die krebsige Infiltration des parametralen Binde¬ 
gewebes und die dadurch bedingte Fixation der Organe ge¬ 
statten keine hinreichende Verlagerung der zu resecirendeo 
Gewebe. Dasselbe gilt von der 2. Bedingung: die eventuell 
drohende Blutung muss sicher beherrscht werden können. 
Dieses Postulat zu erfüllen in degenerirtem und starrem 
Bindegewebe ist in genügender Weise nicht möglich. 

3) Die Verletzung wichtiger Nachbarorgane, Blase, 
Ureteren und Mastdarm muss sicher vermieden werdeu 
können und 

4) soll der Gang der Operation und der Nachbehandlung 
die grösstmöglicbe Garantie für einen aseptischen und von 
üblen Zwischenfällen ungestörten Heilungsverlauf bieten. 
Hierzu möchte ich als fünfte Bedingung noch binzusetzen, 
dass im Verlaufe der Operation eine Verpflanzung von Krebs¬ 
zellen nuf die Operationswunde und das Peritonäum sicher 
zu vermeiden sei. 

Sämmtliche bisher geübte Methoden der vaginalen Ute¬ 
rusexstirpation verfolgen den Weg durch schrittweises Un¬ 
terbinden und Abpräpariren den Uterus aus seiner Umge¬ 
bung herauBzulösen, und differiren untereinander nur in 
Einzelheiten der Ausführung. Schröder Umschnitt erst 
die vordere Wand der Cervix, danu die hintere, unterband 
dann die seitlichen Anhänge, nachdem er den Uterus nach 
hinten umgestülpt hatte, en masse; Martin um6chneidet 
erst hinten, geht bis zum Douglas vor, legt einige blutstil¬ 
lende Nähte durch das Scheidengewölbe und das Peritonäum, 
dann vernäht er den Boden der Ligamenta lata uud schliesst 
damit die Lumiua der zuführenden Gefässe, darauf um¬ 
schneidet er die vordere Peripherie des Collum, vernäht die 
darauf mit dem Finger zwischen Uterus und Blase gelösten 
Gewebe mit dem durchschnittenen Scheidenrande, zieht 
dann den nach hinten umgestülpten Uterus durch den Schlitz 
im Douglas hervor und unterbindet in 2—3 Abschnitten die 
Lig. lata und die entfalteten Tuben, unterbindet und trennt 
dann die Gewebsmassen an den Seiten des unteren Ab¬ 
schnittes des Collum, und löst dann den ganzen Uterus. 

Fritsch (Arch. für Gyn. Bd. XXV, H. 1. Bokel- 
m a n n) beginnt mit der seitlichen Umschneidung der Portio 
und schrittweisen Ablösung der Cervix vom parametralen 
Gewebe, Umstechung der Art. uterina; darauf umschneidet 
er das vordere Scheidengewölbe, löst die Blase ab, eröffnet 
die Plica vesicouterina und holt den stark anteflectirten 
Uterus durch diese Oeffnung heraus, dann versorgt er die 
Ligamenta lata, löst die Cervix vom hinteren Scheidenge¬ 
wölbe, ganz zuletzt das Peritonäum des Douglas und ent¬ 
fernt den Uterus. 

C. Müller macht den Vorschlag, den Uterus median 
zu spalten, dann die beiden Hälften einzeln zu lösen. 

Olshausen stülpt den Uterus nicht um, sondern um¬ 
schneidet zunächst die ganze Portio, löst stumpf die vordere 
und hintere Wand, zieht den Uterus herab, durchschneidet 
das Peritonäum hinten und vorn, unterbindet mit elastischen 
Ligaturen die Ligamenta lata en masse und löst dann den 
Uterus. 

Nach demselben Princip den Uterus nicht umgestülpt, 
sondern in situ hervorzuziehen operirt auch Leopold, 
nur substituirt er, wie mir scheint mit gutem Grunde, der 
Ligatur en masse eine solche en detail, indem er Schritt für 
Schritt die seitlichen Anhänge ligirt und centralwärts 
durcbschneidet. Es ist unzweifelhaft, dass bei einer solchen 
Art der Unterbindung eine grössere Sicherheit vor Nach¬ 
blutungen geboten wird, als bei dem Zusammenschnüren 
grösserer Gewebsmassen. 

Fritz Frank in Köln (Arch. f. Gyn. XXX, 1) schält 
den Uterus extraperitonäal heraus, lässt den Peritonäalüber- 
zug intact und vernäht die Peritonäalplatten miteinander. 


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43 


Allen diesen Methoden ist das Priocip gemeinsam, 
dass bei ihnen die Hauptsorge zugewandt wird den von 
den Seiten an den Uterus herantretenden starken Ge- 
fässbündeln und Bindegewebszügen, durch deren Unter¬ 
bindung der Blutverlust nach Möglichkeit vermindert wird. 
Von der vorderen und hinteren Fläche her bezieht der 
Uterus keine grösseren Gefässe, und diese Flächen las¬ 
sen sich leicht stumpf von anhängendem Bindegewebe 
trennen. Die Modificationen der Umstülpung des Or¬ 
ganes per retroflexionem oder per aoteflexionem scheinen 
mir prinripiell keine bedeutungsvollen, es sei denn, dass für 
sie eine Unterbindung en masse als nothwendige Bedingung 
hingestellt werde. Es ist durch eine grosse Reibe von Ope¬ 
rationen erwiesen, dass die immerhin mitunter recht schwie¬ 
rige Umstülpung nicht nothwendig ist, und dass der Uterus 
nach Olsbausen und Leopold in situ herausgenom¬ 
men werden kann, wobei die schrittweise Unterbindung der 
seitlichen Bindegewebsmassen und Gefässbündel in kleinen 
Partien sich meist ohne erhebliche Schwierigkeiten bewerk¬ 
stelligen lässt. 

Bei dieser Methode hatte Leopold unter 48 Fällen bei 
38 ganz afebrilen Heilungsverlauf, bei 6 einen solchen mit 
ganz geringen Temperatursteigerungen, bei 3 trat stärkeres 
Fieber auf, — 2 von diesen Kranken starben, und eine ging 
an Ileus zu Grunde. Brenneke, der mit Umstülpung 
des Uterus operirt, hatte nach 18 Operationen 13 Mal fieber¬ 
losen, 3 Mal leicht und 2 Mal schwerer fieberhafteu Ver¬ 
lauf, und verlor keine Kranke an der Operation. Von 
F r i t s c h ’s ersten 19 Fällen genasen 8, ohne zu fiebern, 
9 zeigten vorübergehende leichte Temperatursteigerungen, 
schwereres Fieber hatten 2. Gestorben siud 2, die eine an 
Chok oder Sepsis, die andere ohne Fieber am 7. Tage an 
Dannocclusion. Von Fr. Frank’s 17 Fällen verliefen 
reactionslos 6, mit leichtem Fieber 7, mit stärkerem Fieber 
2, bei zwei Fällen fehlen die Angaben über die Tempera- 
turcurve; alle Operirten genasen. Von den anderen Autoren 
fand ich keine detaillirten Angaben über die Art des Hei¬ 
lungsverlaufes; Schröder sprach sich über denselben 
dahin aus, dass die Operirten den Eindruck von Wöchne¬ 
rinnen machen, die nach stärkerem Blutverlust inter partum 
sich angegriffen fühlen. Nimmt man dazu, dass sehr viele 
Kranke im Stande waren, vor Ablauf der 3. Woche p. op. 
das Bett zu verlassen, so muss man zugeben, dass dieser 
operative Eingriff, bei welchem das Weib ihren ganzen 
Fortpflanzuogsapparnt einbüsst, auffallend leicht ertragen 
wird, uud dass ihm eine geringere Dignität zugesprochen 
werden darf, als z. B. den Laparobvsterotomien. 

Beim Vergleiche der einzelnen Öperationsmethoden muss 
am meisten Gewicht gelegt werden auf das Moment der Er¬ 
öffnung des Bauchfeite, als auf den Umstand, der am leich¬ 
testen den Erfolg compromittiren kann. Bis zu dem 
Augenblick der Peritonäaleröffnung kann eine Berieselung 
des Operationsfeldes gefahrlos durchgeführt werden, nach¬ 
dem aber muss eine solche begreiflicher Weise unterbleiben 
und durch vorsichtiges Abtupfen ersetzt werden. Theore¬ 
tisch ist es daher wünschenswert!), dass dieser Moment mög¬ 
lichst weit hinausgeschoben, und dass nach ihm die Dauer 
der Operation möglichst abgekürzt werde. Im gegebenen 
Falle wird es nicht immer möglich sein, sich von theoreti¬ 
schen Bedenken leiten zu lassen, und es mag sich leicht er¬ 
eignen, dass der Operateur gezwungen ist, das Peritonäum 
zu eröffnen, bevor er die Umstcchuog der seitlichen Anhänge 
vollendet hat. Principiell aber ist es gewiss richtiger, alle 
Acte der Operation, die extraperitooäal zu geschehen h iben, 
zu vollenden, bevor man in die Bauchhöhle eindringt; wo das 
gelingt, wird sich die Prognose unzweifelhaft im Allgemeinen 
günstiger gestalten. In dieser Beziehung ist die von F ran k 
vorgeschlagene und geübte Methode der extraperitonäalen 
Ausschälung des Uterus vielleicht die gefahrloseste, obschon 
die von ihm mitgetheilten Krankheits- und Operationsge- 
schicbten nicht den Beweis liefern, dasB der Wundverlauf 
bei denselben günstiger war, als z. B. in den Brenneke- 


sehen Fällen. F r a n k ’s Indicationsstellung hat im Schosse 
der gynäkologischen Section der Strassburger Naturforscher¬ 
versammlung lebhafte Angriffe erfahren, uud seine Opera¬ 
tionsmethode hat von anderen Seiten noch keine Nachah¬ 
mung gefunden. Die Thatsache, dass ihm nach 17 Uterus¬ 
exstirpationen keine Operirte gestorben ist, spricht dafür, 
dass der Eingriff gnt vertragen werden kann. Die Vernä- 
hung des Defectes im Bauchfell wird nicht mehr geübt, und 
statt dessen ist die Drainirung der Wunde allgemein aufge¬ 
nommen. Eioige, wie M a r t i n , legen ein Gummidrain, 
andere ein Glasdrain in die tamponirte Vagina, die meisten 
aber tamponiren mit Jodoformmarly, durch welche die Wund- 
secrete am gefahrlosesten ihren Weg nach aussen finden. 
Erfahrungsgemäss schliesst sich der Defect im Bauchfell 
über dem Jodoformtampon ziemlich bald, und ein Vorfall 
von Darmschlingen ist nicht zu befürchten. Unvermeidlich 
ist das Absterben der ligirten Gewebsstttmpte und eine da¬ 
durch bedingte Infection scheint mit Hülfe der Jodoform¬ 
marlytampons ziemlich sicher verhütet werden zu können, 
wie die grosse Zahl fieberlos verlaufender Fälle beweist. 
Die Nachbehandlung ist im Uebrigen eine völlig exspecta- 
tive; Vaginalausspülungen können natürlich erst von dem 
Mon ent ausgeführt werden, wo sich der Wundtrichter ge¬ 
schlossen hat und ein Eindringeu der Spülflüssigkeit in die 
Bauchhöhle unmöglich geworden ist. Wiederholt ist es be¬ 
obachtet worden, dass unvorsichtig ausgeführte Spülungen 
von intensiven Schmerzanfällen gefolgt waren. Im 64. Fall 
von F r i 18 c b erfolgte nach einer Vaginalausspülung am 
7. Tage nach der Operation plötzlicher Tod. 

Die Vorsicht bei der Operation, kein wichtiges Nachbar- 
orgau, Blase, Ureter, Mastdarm, zu verletzen, ist bei rich¬ 
tiger Auswahl der Fälle ohne Schwierigkeiten zu beobachten. 
Lässt sich der Uterus genügend nach unten dislociren, so 
markirt ein eingeführter Catheter die Blasengrenze genü¬ 
gend genau; ist das dem Collum anliegende Zellgewebe nicht 
infiltrirt, so folgt der Uterus willig dem starken Zuge nach 
unten, die Ureteren und die Blase entfernen sich vom Ute¬ 
rus; die Trennung der zu resecirenden Gewebe von jenen 
geschieht stumpf, indem man sich dicht an die Wandungen 
der Gebärmutter hält und auf die Weise eine Verletzung 
der zu schonenden Organe leicht vermeidet. Solche sind in 
einzelnen Fällen vorgekommen und wohl nur da, wo das 
Zellgewebe nicht mehr gesund war. So finden sich unter 
F r i t s c h ’s Fällen 2, in denen Urinträufeln nach der Ope¬ 
ration auftrat; in dem einen Falle (30) war der linke Ure¬ 
ter unterbunden worden, die Kranke starb am 4. Tage. 
Section: Dilatatio cordis, Dilatatio beider Ureteren, leichte 
Hydronephrose, beginnende Schrumpfniere, vom linken Ure¬ 
ter fehlt ein Stück, beide Enden unterbunden. Im 2. betr. 
Fall (32) trat 14 Tage p. o. Urinträufeln ein, das spontan 
heilte. Pat. war nach 16—16 Monaten noch völlig gesund. 

(Schluss folgt). 


Referate. 

W. Wyssokowitsch: Ueber die Ursachen der Eite¬ 
rung. (Wratsch. 1887, 35—39). 

Zorn grössten Theile besteht der Artikel in einer Polemik gegen 
die Metschnikow’sche Ph&gocytbenlehre. Verf. ist Gegner 
derselben und kann den weissen Blutkörperchen die ihnen ron M. 

. vindicirte Holle nicht zngestehen, im Gegentheil findet er den 
• H&uptwidem&nd des Organismus gegen die Infection in den Zellen¬ 
elementen des fixen (d>HKCiipoB&HHoft) Bindegewebes, den Makro¬ 
phagen M.V*. 

Verf. schliesst sich nach seinen Experimenten, die im Originale 
nachzulesen sind, der Ansicht an, dass „die Bacterien nicht an und 
für sich, sondern die durch sie gebildeten Stoffe, durch längere Ein¬ 
wirkung auf Gewebe und Gefässwandnog Eiterung hervorrufen“. 
Die dabei gebildeten Toxine, ohne die Mikroorganismen, können den¬ 
selben Eiternngsprocess hervorrufen, wenn sie andern Thieren zuge¬ 
führt werden. Die Wirkungsweise der Toxine stellt sich Verf. 
ausserdem noch so yor, als ob sie „auf die Zellenelemente eine tödtende 
Wirkung ausüben und so die Möglichkeit geben für die Weiterent¬ 
wickelung der Mikroorganismen an Ort und Stelle, vielleicht auch 
auf Kostendes veränderten, ertödteten Gewebes*. An einem Bei¬ 
spiel, dem Erysipel, sucht Verf. diese Ansicht klarzulegen. N. 



44 


^rof. S c h a u t a: Ueber gynaekologische Massage. Vortrag, 
gehalten in der Section Pilsen des Centralvereins deutscher 
Aerzte in Böhmen. (Prag. med. Woch. J* 43. 1887). 

Vortragender versteht unter gynaekologischer Massage alle die 
manuellen therapeutischen Eingriffe auf die Beckenorgane des Wei¬ 
bes, wie sie B r a n d t in die Oynaekologie eingeführt, und die nicht 
nur die Resorption abgelagerter Entzttndungsproducte, sondern auch 
die Lostrennung fixirter Beckenorgane, ßowie endlich die Wieder¬ 
herstellung der Contractionsfähigkeit des musculären Apparats im 
Becken bezwecken. Hat die Massage sich in der Chirurgie schon 
längst einen Ehrenplatz errungen, so ist sie bei gynaekologischen 
Leiden noch heute etwas sehr wenig Bekanntes, obwohl sie nach 
Meinung des Verfassers auch in solchen Fällen die ausgedehnteste 
Anwendung verdiente. Der Begründer dieser Behandlungsmethode 
ist Thure Brandt in Stockholm, ein Nichtarzt, der mit grosser 
Kenntniss und vielem Geschick ausgerüstet sehr viele bewunderungs¬ 
würdige Erfolge erzielt habe. Auf sein Vorbild fassend hätten sich 
nur wenige Männer mit dieser Methode der Behandlung von Unter¬ 
leibskrankheiten befasst. Verfasser nennt N i s s e n , einen Schüler 
Brand t’ s; ferner Asp, Reeves Jackson. In Deutschland 
und Oesterreich: Prochownik, Rosenstirn, Peters, Bun¬ 
ge, Chrobak, Ban dl, Heitzmann, Winiwarter und 
Reibmayr. Die zu ferneren Versuchen nicht besonders ermun¬ 
ternden Resultate dieser Autoren führt Verfasser darauf zurück, dass 
jeder von ihnen seine eigene Methode in Anwendung gezogen und 
Uber die richtige Brandt ’sche Methode sich nicht ganz klar gewesen 
sei. Um dieser im allgemeinen herrschenden Unkenntnis des richti¬ 
gen Verfahrens abzuhelfen, unternahm es Profanter im Winter 
1885—80 zu Brandt selbst in die Lehre zu gehen und dessen Me¬ 
thode aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Ueberzeugt von 
der Vortrefflichkeit derselben veranlasste er im nächsten Winter 
Brandt und Nissen nach Jena zu kommen, um unter Prof. 
Schulze’s Controle Proben ihrer Erfolge abzulegen. Die Resultate 
dieser Reise sind niedergelegt in*den Publicationen Profanter’s 
„Ueber Massage in der Oynaekologie*, in welcher Publication 
Schulze in einem Vorwort seine vollständige Anerkennung 
der Resultate Brand t’s ausspricht. Auch Re sch in Greifswald 
schloss sich später dem Urtheil Sc h u 1 z e ’ s und Profanter’s an. 
Diese Publicationen veranlassten den Vortragenden ebenfalls durch 
eigene Anschauung Brand t’s Methode kennen zu lernen und er 
brachte zu diesem Behuf im vergangenen Sommer einige Wochen in 
Stockholm zu, wo er in der That den Eindruck gewann, dass durch 
Brandt’8 Methode der gynaekologischen Therapie ein weites und 
erfolgreiches Arbeitsfeld eröffnet werden dürfte. Obgleich Brandt 
Laie ist, soll er geradezu ein Meister der gynaekologischen Diagnostik 
sein. Ausser seiner diagnostischen Fertigkeit, die er sich im Laufe 
von 26 Jahren angeeignet, besitze er auch eine seltene Geschicklich¬ 
keit ; seine nur schonungsvolles und zartes Vorgehen gestattende 
Methode sei mit kritischem, echt naturwissenschaftlich beobachten¬ 
dem Verstände sorgfältig ansgebildet. Verfasser sah umfangreiche 
Exsudate und Exsudatstränge in wenigen Tagen schwinden; fixirte 
Ovarien, oder den retrovertirten, fixirten Uterus beweglich werden, 
sowie endlich iu 2 Fällen von Retroversio uteri den Uterus unter 
Einwirkung der sogenannten Uterushebnng nach wenigen Tagen in 
normaler Anteflexionsstellung verharren. Wie jede andere Methode 
hat auch die manuelle Behandlung gynaekologischer Leiden ihre In- 
dicationen und Contraindicationen. Berechtigt sei ihre Anwendung 
bei ehr. Entzündung des Beckenzellgewebes mit oder ohne Disloca¬ 
tion des Uterus; bei Dislocation und Fixation der Ovarien, bei Me- 
tritis chronica, bei Hämatocele und endlich bei Erschlaffung des 
musculären Apparats und dessen Folgezuständen, des Descensus und 
Prolapsus uteri. Als Contraindicationen gelten acute Entzündung, 
gonorrhoische Infection, hochgradige Erregbarkeit des Nerven¬ 
systems, sehr fette Baucbdecken. Bevor Verfasser zur Beschreibung 
der wesentlichen Handgriffe, welche die Brandt’sehe Methode aus¬ 
machen, übergeht, bemerkt er vorhinein, dass deren Technik durch¬ 
aus nicht leicht zu erlerneu sei. Nur derjenige mag sie üben, der 
Meister in der gynaekologischen Untersuchung sei. „Bei Ausführung 
der Massage bei Beckenexsudaten und dgl. liegt die Patientin auf 
einem niedrigen, kurzen Sopba bei stark erhöhtem Kopfe und Schul¬ 
tern, wobei Brandt an der linken Seite der Patientin sitzeud, 
unter dem linken Oberschenkel derselben mit der linken Hand eiu- 
geht. Für gewöhnlich und soweit es möglich ist, wird der Zeigefin- | 
ger der linken Hand von der Vagina aus die Gegenstütze für die Be¬ 
wegung der anderen Hand bilden. Unter Umständen muss dies jedoch 
auch vom Rectum, ja sogar von beiden Körperhöhlen gleichzeitig 
geschehen (wobei dann|der Zeigefinger im Rectum, der Daumen in der 
Scheide liegt), besonders dort, wo massigere Infiltrate, die auf die 
Spitze eines Fingers nicht aufgelagert werden können, vorhanden 
sind. Der Ellbogen der linken Hand stützt sich dabei auf die Innen¬ 
fläche des linken Oberschenkels des Operateurs. Die rechte Hand 
wird nun bei vollkommen gestreckten Fingern auf die entsprechende 
Stelle des Abdomen aufgelegt, worauf die Hand zuerst unter sehr 
sanftem Drucke kleine kreisförmige Bewegungen ausführt und wäh¬ 
rend dieser Bewegungen die Bauchdecken successive immer tiefer 
eindrückt, bis endlich das zu massirende Infiltrat dicht zwischen den j 
F ingern dieser Hand und dem in der Scheide liegenden Zeigefinger 
gefühlt wird. Die Bewegungen der rechten Hand erfolgen dabei in 
der Weise, dass die Fingergelenke und das Handgelenk vollkommen 
steif gehalten werden, und die Bewegung nur im Ellbogen und 


Scbultergelenk vor sich gebt. Man massirt womöglich nicht mit den 
Fingerspitzen, sondern mit der Volarfläche des dritten Fingergliedez 
des Zeige- und Mittelfingers oder des Mittel- und Ringfingers, even¬ 
tuell aller drei gleichzeitig. Bei massigeren Exsudaten führt 
Brandt vor Beginn der eigentlichen Massage in der Sitzung eine 
sogenannte Einleitungsmassage aus, indem er am Promontorium und 
der vorderen Kreuzbeinfläche, mit gegen dieselbe gekehrter Volar- 
fläcbe der Finger, kreisförmige, streichende Bewegungen ausführt, 

' da daselbst die meisten Lymphdrüsen liegen, um diese zunächst zu 
entleeren und dieselben zur Aufnahme neuer Lymphe tauglich zu 
machen. Um gespannte oder verkürzte Ligamente auszuzerren, den 
fixirten Uterus oder die Ovarien beweglich zu machen, bewegt man 
die Hand während der kreisförmigen Streichungen allmälig in dem 
Sinne, in welchem man die Adhäsion auszudehnen beabsichtigt. Ist 
z. B. durch ein verkürztes und infiltrirtes Ligament der Uterus einer 
Beckenwand stark genähert, so beginnt man mit der Massage dieses 
Ligamentes in der Nähe des Beckenrandes und schreitet unter kreis¬ 
förmigen Bewegungen mit der rechten Hand successive gegen den 
Uterus vor, um den Uterus in die Medianlinie, ja sogar aus dieser in 
die andere Seite hinüber zu bewegen, wobei auch der in der Scheide 
liegende Finger in demselben Sinne seinen Ort verändert. Schliess¬ 
lich weiden auch ganz kleine, zitternde Bewegungen zur Auszerrung 
der Ligamente verwendet. Alle diese Bewegungen dürfen nur in 
solcher Stärke ausgeführt werden, dass die Patientin keine Schmerzen 
empfindet. Die Dauer der einzelnen Sitzungen, dereu täglich eine 
bis zwei vorgenommen werden, richtet sich nach der Empfindlichkeit 
der Patientin und schwankt zwischen 2 und 15 Minuten. Besonders 
in den ersten Sitzungen beschränke man sich auf kürzere Dauer und 
nassire mit sehr gelindem Drucke. Zur Herstellung des normalen 
Todu8 der musculären Fixationsapparate des Uterus wird von 
Brandt das sogenannte Uterusheben geübt. Die Pat. liegt wie 
früher, der Operateur fasst die beiden unteren Extremitäten der Pat. 
unter dem Knie, beugt dieselben im Hüftgelenk bis zum rechten 
Winkel, hierauf stützt er sich mit einem Knie anf die Unterlage, auf 
der die Pat. liegt, während der andere Fuss auf dem Boden zur Seite 
des Divans steht und die gebeugten Extremitäten der Patientin 
gegen die Beckengegend des Operateurs sich stemmen. Nun setzt 
er die Fingerspitzen seiner beiden stark supinirten Hände etwa in 
der Gegend des Promontoriums auf die Bauchdecken, verschiebt die 
Bauchhaut nach abwärts bis in die Gegend derSymphyse, und drücke 
dann die Fingerspitzen beider Hände dicht nebeneinander zwischen 
Symphyse und Uterus in die Beckenhöhle ein , wobei er seine Arme 
fast gestreckt hält, und seinen Oberkörper soweit senkt, dass sein 
Gesicht dem Gesichte der Patientin sich nähert. Die tief ins 
Becken eingedrückten Fingerspitzen werden nun leicht gebeugt und 
umfassen von vorne her den Uterus, den sie nun sehr langsam und 
allmälig an der vorderen Krenzbeinfläclie und am Promontorium vor¬ 
bei über den Beckeueingang hinausstreicheu. Ist der Uterus ad 
maximum gehoben, so lässt man ihn langsam ins Becken zurück¬ 
sinken, und wiederholt diesen Vorgang in jeder Sitzung 2 bis 3 mal. 
Führt man diesen Handgriff allein, ohne Assistenz aus, so gelingt er 
häufig nicht; das kommt daher, weil man bei anteflectirtem, dicht 
hinter der Symphyse liegendem Uteruskörper mit den Fingerspitzen 
hinter denselben geräth, oder bei retrovertirtem Uterus den Uterus- 
fuudus noch tiefer in die Kreuzbeinhölilung hineinpresst. Deshalb 
ist es sehr zweckmässig diesen Handgriff nur mit Assistenz auszu¬ 
führen. Der Assistent hat dabei die Aufgabe das Nach hintenfallen 
deBUterus in die Kreuzbeinaushöhlung dadurch zu verhindern, dass 
er von der Scheide aus den Cervix nach hinten drängt, während er 
bei antevertirtem, oder anteflectirtem Uterus gleichzeitig mit der 
aussen aufgelegten Hand den Uteruskörper in einer mässigen Entfer¬ 
nung von der Symphyse hält, und dem Operateur durch die Lage 
seiner Hand die Stelle andeutet, an der er ins Becken einzudringen 
hat, um vor den Uterus zu gelangen. Erscheint die Massage in ihrer 
Wirkung leicht verständlich, so bliebe doch die Wirkung der soge¬ 
nannten Uterushebung bei Descensus und Prolapsus uteri recht 
schwierig zu erklären, es sei denn dass ein schwacher Muskel dadurch 
gestärkt werden kann, dass man ihn wiederholt passiv dehnt und iu 
die Länge zerrt. In seiner Publication, die den Titel führt: Nou- 
velle möthode gymnastique pour le traitement des maladies des Or¬ 
ganes du bassin, führt Brandt eine grössere Anzahl von Heilungen 
bei Uterusprolaps an, welche Fälle von verschiedenen Aerzten cou- 
trollirt und attestirt worden sind. Am Schlüsse des sehr lesens- 
werthen Vortrages wird von Prof. Schau ta die Hoffnung ausge¬ 
sprochen, dass es den vereinten Bemühungen der Fachleute gelingen 
werde, die Methode in nächster Zeit zum Gemeingut aller Aerzte zu 
machen und Indicationen sowie Contraindicationen genauer zu prä- 
cisiren. — tz. 


Bücher-Anzeigen und Besprechungen. 

Ferdinand von Arlt: Meine Erlebnisst*. Mit zwei 
Porträts in Heliogravüre und Lichtdruck, und der Facsimile- 
reproduction eines Briefes. Wiesbaden 1887. J. F. Bergmann. 
Ein Leben reich an Arbeit und Sorgen, aber auch selten reich an 
ausgezeichneten Erfolgen entrollt sich in diesen Blättern, auf denen 
der am 9. März 1887 verstorbene berühmte Ophthalmologe seine Er¬ 
lebnisse verzeichnet hat. Einen mühsamen Weg hat der Sohn des 
armen Bergschmiedes aus Obergraupen bei Teplitz machen müssen 
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46 


bis er sich binaufgearbeitet zum allbekannten Professor in Wien. Er 
schildert ihn uns in den ersten Kapiteln : das Elternhaus, die Dorf¬ 
schule, am Gymnasium, am Lycenm, an der Universität, in der 
schlichten, bescheidenen Weise, die ihm trotz aller späteren Erfolge 
stets eigen war. Es finden sich da wenig besondere Ereignisse oder 
interessante Erlebnisse, aber Intet esse wird Jeder der Schilderung 
der arbeitsreichen Jugend A r 11 ' s aogewinnen. Dieselbe mag aus¬ 
ser der Eigenart A/s mitbestimmend dazu gewesen sein, dass er sich 
später fast ausschliesslich seiner Lehrtätigkeit und Praxis hingab, 
wenig anderen Interessen folgte. Das spricht sich auch in den wei¬ 
teren Kapiteln der Selbstbiographie aus, die hauptsächlich von seinen 
Berufsschicksalen, seinen Arbeiten, seinen Collegen und Freunden 
handeln. Unter letzteren finden wir viele der besten Namen, wie 
Skoda, Rokitansky, Oppolzer, die mit A. zusammen den 
Ruf der neuen Wiener Schule überallhin verbreiteten, und ferner 
die meisten bedeutenderen Ophthalmologen der letzten 40 Jahre 
wieGraefe, Donders, Horneretc. Die Beziehung A/s zu 
allen diesen berühmten Männern giebt dem Buche ein ganz beson¬ 
deres Interesse. — Ueber A/s letzte Lebensjahre, Krankheit und 
Tod berichtet Prof. 0. Becker, sein Schüler und Freund, dem A. 
die Herausgabe seiner Selbstbiographie nach seinem Tode anvertraut 
batte. Bec ker fügt ein langes Verzeichniss der Arbeiten A/s, so¬ 
wie Io* auf seine Anregung von seinen Schülern verfassten Arbeiten 
hinzu, woraus die fruchtbare literarische Thätigkeit desselben her¬ 
vorgeht. — Zwei vorzügliche Portraits schmücken das von dem Ver¬ 
lage selten schön ausgestattete Buch, das allen Schülern und Ver¬ 
ehrern Arlt’s gewiss ein werthvolles Andenken sein wird an den 
grossen Ophthalmologen, den trotz aller Erfolge bescheidenen Men¬ 
schen, den Arzt, der mit Recht als Motto seiner Selbstbiographie 
die Worte: „Primum medici est bumanitas* wählen durfte. Sehr. 


Auszug aus den Protokollen der Gesellschaft prakti¬ 
scher Aerzte zu Riga. 

Sitzung vom 21. October 1887. 

1. Dr. Bergmann: Demonstration: Osteomyelit. Herd aus dem 
Os ilei, erbsengrosser Sequester in Bildung. M. H.. 15 a. n., er¬ 
krankte vor 9 Wochen mit Schmerzen in der rechten Hüfte und Fie¬ 
ber. Fluctuirende Partie aussen vom Sacrolumbalis wird für para- 
nephritischen Abscess gehalten. Unter peritonitischen Erscheinungen 
verschwindet die Geschwulst. Euphorie. Bald darauf erneute Er¬ 
krankung unter den gleichen Erscheinungen. In der 8- Woche kommt 
Pat- in der Klinik in Behandlung des Vortr. Incision des fluctuiren- 
den Sackes. Die grosse Abscesshöble reicht bis zum Diaphragma 
hinauf, hinunter bis in’s kleine Becken; unterhalb der Crista ilei 
entblösster Knochen — rareficirende Ostitis; mit dem Meissei wird 
das Erkrankte entfernt, ohne auf einen osteomyelitischen Herd zu 
stossen. Nach der Operation Expectoration f>etid-eitriger Sputa nur 
bei liegender Stellung. 

Wegen abendlicher Temperatursteigerung am 19. Oct. erneuter 
Eingriff. Die Sonde dringt durch das Diaphragma bis zur 8. Rippe, 
die resecirt wird. Abgekapselte Höhle im Pleuraraum, kein Eiter, 
keine Lungenperforation nachweisbar. Darmbein bis zur Spina frei¬ 
gelegt, aus deren Umgebung die demonstrirte osteomyelit. Partie 
entfernt wird. 

2. Dr. H a m p e 1 n : «Ueber rheum. Eudocarditis». Vortr. unter¬ 
scheidet unter klinischer wie anatomischer Begründung die rheum. 
Eudocarditis von der verrucös-mycotischen und von der ulcerös-diph- 
teritiseben. Der Klappenfehler, einer der Ausgänge der rheum. 
Endocarditis, involvire nicht die Hanptgefahr der Krankheit, sondern 
vielmehr die Entzündungsreste, dereu Fortbestand die Entwickelung 
der bösartigen verrucösen Form begünstige. Unter 36 Todesfällen 
war nur in 7* der Klappenfehler selbst die Todesursache, in ’/s da¬ 
gegen verrucös-ulcerö8e Endocarditis. In den ersten 3 Jahren nach 
überstandenem Gelenkrheumatismus pflegten bösartige Folgezu¬ 
stände am Herzen aufzutreten. Die Nachbehandlung des Rheuma¬ 
tismus habe Verhütung der Endocarditis zu erstreben, bei vorhan¬ 
dener Eudocarditis aber das Zurückbleiben eines Entzündungsrestes 
abzuwenden. 

Als wichtigste Erkrankungsformen des Endocardium charakterisirt 
Vortr. folgende: 

1) Endocardiosclerose: a) senile gutartige Form und b) progres¬ 
sive Form, auch uei jugendlichen Individuen. 

2) Endocarditis retrahens: a) acut, nach Rheum. acut, und ande¬ 
ren Infectionskrankheiten und b) chronisch, scheinbar spontan. 

3) Endocard. verrucosa: immer bösartig, mit Vorliebe an schon 
erkrankten Klappen. 

4) Endocard. ulcer.-diphteritica: bei allgemeiner Septicämie. 

z. Z. Secretär: Dr. S t r y k. 


An die Redaction eingesandte Bücher und Druck¬ 
schriften. 

— Medicinischer Taschen-Kalender für das Jahr1888. 
Herausgegeben v. d. DDr. Jaenicke,Leppmannu. Furt sch. 
— Breslau. Press & Jünger. 

— Der Nihilismus, das einzig Wahre in der Me¬ 


dici n von Dr. Hellmuth Steudel. Herausgegeben von Dr. 
Paul Niemeyer. — Leipzig 1887. Th. Grieben’s Verlag. 

— Die Gicht und ihre Beziehungen zu den Krank¬ 
heiten der Leber und der Nieren von Robson Roose. 
Autorisirte Uebersetzung von Dr. Isidor Krakauer. — Wien 
und Leipzig 1887. Urban & Schwarzenberg. 

— Elektrodiagnostik und Elektrotherapie ein¬ 
schliesslich der physikalischen Propädeutik für prak¬ 
tische Aerzte von Dr. Rudolf Lewandowski. — Wien und 
Leipzig 1887. Urban & Schwarzenberg. 

— Seal-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. 
Medicinisch-chirurgisches Handwörterbuch für praktische Aerzte. 
Herausgegeben von Prof. Albert Euienburg. Lieferung 101 
bis 110. — Wien und Leipzig 1887. Urban & Schwarzenberg. Lief, 
ä 1 M. 58. 

— Die Aerzte in Russland bis zum Jahre 1800. Ein 
Beitrag zur Geschichte der Europäisirung Russlands v. A. Brück¬ 
ner. — St. Petersburg 1887. H. Schmitzdorff (R. Hammerschmidt). 
Pr. 1 Rbl. 30. 

— Erfahrungen eines Lungenkranken von Dr. L. 
Friedmann. Sep.-Abdr. aus Deutsche Medicinal-Ztg. — Berlin 
1887- Eugen Grosser. 

— Compendium der praktischen Toxicologie zum 
Gebrauche für praktische Aerzte und Studirende auf Grundlage des 
«Lehrbuches der praktischen Toxicologie» v. A. W e b e r . als zweite 
Auflage zeitgemäss umgearbeitet von Prof. Dr. RudolfKobert. 
— Stuttgart 1887. Ferdinand Enke. Pr. 4 M. 

— Propädeutik für das Studium der Augenheil¬ 
kunde, bearbeitet für Studirende und Aerzte von Dr. J. H o c k. — 
Stuttgart 1887. Ferdinand Enke. 

— Die Haut als Vermittler der Erkältungskrank¬ 
heiten von Stabsarzt a. D. Dr. E. L i e r. — Hamburg und Leipzig 
1887. Leopold Voss. 

— Wiener Klinik. Heft7. Kli nische Diagnostik der 
Pseudoplasmen von Dr. Alexander Szön&ty. Heft 8- 
Praktische Bemerkungen über Herzkrankheiten von 
Prof. Dr. Berthold Stiller. Heft 10. Die neuesten Fort¬ 
schritte in der Desinfections-Praxis von Dr. A. Wer- 
n i c h. — Wien und Leipzig 1887. Urban & Schwarzenberg. 

— Tabellen zum Gebrauche bei mikroskopischen 
Arbeiten, zusammengestellt v. W. Behrens. — Braunschweig 
1887. Harald Bruhn. 

— Topographische Anatomie des menschlichen Or¬ 
bitalin halte m Tafeln dargestellt von Dr. Otto Lange. — 
Braunschweig 1887- Harald Bruhn. 

— 0 raibnaHosayCTHKt npi dioiiHsyiApovi 
KOH'blOHKTBBH Tt A*pa M. H. P 6 fl X a. OlT. HSTb XypH. M6AHU. 
06o8pfcHie. 1887. 

— On the occurrence of ulcers resulting from 
spontaneons gangrene of the skin during the later 
stayes of syphilis and their relation to Syphilis by 
Hermann G. Klotz. Repr.fr. New-YorkMed. Journ. 8ept. 1887. 

— On the advantages of a compound salicylated 
plaster in dermatological and surgical practice by 
Hermann G. Klotz. Repr. f. New-York Med. Journ. Sept. 1887. 

— Zur Iridotomiaextraocularisv. Prof. Dr. Schoe- 
ler. Sep.-Abdr. aus Berl. klin. Wochenschr. J5 44. 1887- 

— Klinische Zeit- und Streitfragen. 1. Bd. 6. Heft. 
Ueber die Neurosen des Magens von Prof. Dt. Julius 
Glax. — Wien 1887. Wilhelm Braumüller. 


Vermischtes. 

— Ueber die im allgemeinen Reichs-Budget pro 1888 ange¬ 
führten Ausgaben für das Medicinalwesen in Russland. 

In derselben Weise wie in den früheren Jahren wollen wir auch 
für 1888 referiren, welche Zahlen im Reichs-Budget bezüglich 
des Medicinalwesens angeführt werden. Natürlich bekommt man 
dadurch keinen vollständigen Begriff, welche Summen alljährlich für 
die Wahrung der Volksgesundheit verausgabt werden, da es uns noch 
immer an einem Central-Organ für Medicinalwesen fehlt und nur die 
Ministerien des Innern, des Krieges und der Marine ihre Ausgaben für 
das Medicinalwesen angeben ; freilich sind das die Hauptzahlen, denn 
in den übrigen Ministerien sind die Ausgaben für das Medicinalwesen 
nur gering, ausgenommen die Gefängnissverwaltungen, die Eisen¬ 
bahnverwaltungen, in deren Ressort sich eine grosse Anzahl von 
Aerzten und Krankenanstalten befinden. 

Entsprechend den früheren Budget’s sind auch in dem für 1888 
aufgestellten folgende Zahlen: 

2. Ministerium der Krieges : 1888 1887 

Medioinal-Lazarethwesen.3,751,712 Rbl. 3,760,277 Rbl. 

II. Marine-Ministerium : 

Medicinal-Lazarethwesen. 755,609 Rbl. 771,563 Rbl. 

III. Ministerium des Innern: 

Medicinal- u.Quarantäne-Wesen 2,415,519 Rbl. 2,473,042 Rbl. 

Hieraus ergiebt sich eine Gesammtausgabe pro 1SS8 von 6,922,835 
Rbl. gegenüber — 7,004,923 pro 1887 d. h. im laufenden Jahre 





46 


«oll in den 3 genannten Ministerien um 82,086 Ebl. weniger fürs 
Medicinalwesen verausgabt werden. Bezüglich der einzelnen Mini¬ 
sterien ergiebt sich, dass das Kriegsministeriom die Medicinal-Aus- 
gaben um 8,565 Rbl., das Marine-Ministerium um 15,954 Rbl., das 
Ministerium des Innern um 57,523 Rbl. herabgesetzt bat. Es würde 
von grossem Interesse sein, wenn die Sachkundigen unter unseren 
Collegen darüber Aufschluss geben könnten, worauf sich diese Her¬ 
absetzung der Ausgabe beziehe , denn bekanntlich sind weder die 
Gagen der Aerzte, noch die Einrichtungen unserer Hospitäler der¬ 
artig, dass man an denselben Ersparnisse machen kann , im Gegen- 
theil wäre vielleicht gerade eine Vermehrung der Ausgaben nach 
dieser Richtung bin wünschenswerth. Zum Schluss müssen wir ans 
den Erklärungen des Finanzministers zum Budget noch die sehr er¬ 
freuliche Thatsache hervorbeben , dass sich die Ausgaben für das 
Ministerium der Volksaufklärung aus dem Grunde vermehrt haben, 
weil ein Credit von 560,OCO Rbl. zum Aufbau und zur Errichtung 
neuer Kliniken für die medicinische Fakultät der Moskauer Univer¬ 
sität bewilligt wurde. r. n. 

— Das Wiener medicinische Professoren-Collegintn hat neuer¬ 
dings einen Beschluss von principieller Bedeutung gefasst. Der 
Dnterrichtsminister Dr. v. Gautsch hatte nämlich an das qu. Col¬ 
legium die Frage gerichtet, oh es im Interesse des Unterrichts noth- 
wendig und wünschenswert wäre, dass die jetzt unter Leitung von 
ausserordentlichen Professoren stehenden beiden Kliniken für Syphi¬ 
lis und Dermatologie in ordentliche umgewandelt und somit die 
jetzigen Extraordinarii dieser Fächer zu Ordinarii ernannt würden, 
nachdem auch diefrüberen Vorstände der beiden genannten Kliniken, 
Hebra und Sigmu ud, Ordinarii waren. Prof. Albert sprach 
sich gegen diese Auffassung aus und motivirte solches in einem ein¬ 
gehenden Gutachten dahin, dass der Unterricht dadurch, dass die 
Vorstände der Kliniken zu Ordinarii ernannt würden, kaum etwas ge¬ 
winnen dürfte, da ja die Vorlesungen der Extraordinarii von den 
Studirenden der Medicin eben so gut besucht werden können, wie die 
der Ordinarii. Durch die Beförderung der Vorstände dieser beiden 
Kliniken aber würde die Zahl der Ordinarii wieder vermehrt, wodurch 
nicht allein die „Ürdo“ des Collegiums vergrössert würde, sondern 
auch die t ertreter der Specialf Ocher aüm«lig das Uebergewicht 
gewinnen würden, was gegen den Geist des Universitätsgesetzes 
wäre. Die Auszeichnung der früheren Vorstände hat mehr ihrer 
Person, als dem Fache, welches sie vertraten, gegolten. Das 
Albert 1 sehe Gutachten wurde von dem Professoren-Collegium fast 
einstimmig angenommen. 

— Die Gesammtzahl der Kranken in den (ivilhospitälern St. 
Petersburgs betrug am 24. Januar c. 6447 (215 mehr als in der Vor¬ 
woche), darunter 645 Typhus- (107 weniger), 842 Syphilis- (12 mehr), 
54 Scharlach- (1 mehr) und 6 Pockenkranke (3 weniger als in der 
Vorwoche). 

— In einem Dorfe in der Nähe von Frankfurt a.d. 0. herrscht die 
Lungenentzündung epidemisch . Für den epidemischen Charakter 
der Krankheit spricht der Umstand, dass in einigen Familien zuerst 
der Mann und nach ungefähr 10 Tagen die Frtiu erkrankte und um¬ 
gekehrt. Ferner wurde zueist der Ortsvorsteher von der Lungen¬ 
entzündung befallen, dann der auf dem Schulzenamte oft verweilende 
Gemeindeförster und Steuererheber und seine Frau und schliesslich 
der Nachtwächter und dessen Frau. Im Ganzen sind bisher an der 
Lungenentzündung 80 Personen ärztlich behandelt worden. 

— In Stuttgart ist der dasige 69-jährige Wundarzt III CI» F. 
wegen fahrlässiger Körperverletzung zu 4 Wochen Gefängniss 
verurthexlt worden. Derselbe war schuldig befünden worden, durch 
unrichtige Behandlung bei einem ihm anvertrauten, an Hornhaut¬ 
entzündung des rechten Auges leidenden Kinde den Verlust der Seh¬ 
kraft dieses Auges herbeigeführt zu haben. Er hatte den Eltern des 
Kindes von der Zuziehung eines Augenarztes im Vertrauen auf seine 
homöopathischen Kennenisse abgerathen und das Kind mit Bella¬ 
donna-Streukügelchen behandelt, was nach der übereinstimmenden 
Aussage der Sachverständigen gänzlich verkehrt war und die Er¬ 
krankung des Auges bis zum Verlust der Sehkraft steigerte. 

(Allg. med. C.-Ztg.). 

— Vom Ministerium der Reichsdomänen wird demnächst ein Con- 
curs ausgeschrieben werden zur Bewerbung um eine Prämie im 
Betrage von 5( 00 Rbl. für die beste Arbeit über das Fischgift. Es 
sind die physikalischen nnd chemischen Eigenschaften des Fischgiftes 
festznstellen und durch Tbierversuche seine Wirkung auf das Herz, 
die Blutcirculation, die Verdauungsorgane und das Nervensystem 
zu untersuchen. Ausserdem sind die Kennzeichen anzugeben, durch 
welche der giftige Fisch vom ungiftigen sich unterscheidet und ebenso 
die Mittel ausfindig zu machen, durch welche Fische so conservirt 
werden können, dass sie nicht giftige Eigenschaften annehmen. Die 
Prämie soll nach 5 Jahren zuerkannt werden. Das Preisgericht 
wird aus dem Präsidenten des Medicinalrathes als Vorsitzendem, 
zweien Mitgliedern der Academie der Wissenschaften nnd zweien 
Gliedern der militär-medicinischen Academie bestehen. (Wr.) 

— Im Verlage von Leopold l oss in Hamburg erscheint seit Neu¬ 
jahr eine Zeitschrift für Schulgesundheitspflege , welche von Dr. 
med. Kotelmann (Hamburg) mit Beihülfe einer ganzen Reihe von 
Fachmännern, Aerzten, Technikern und Pädagogen herausgegeben 
wird. Dieses durchaus zeitgemässe Blatt wird die äussere nnd inneie 
Einrichtung der Schulhäuser, die Schulkrankheiten, die Hygiene des 
Unterrichts, kurz alles, was in dieses Gebiet hineinschlägt, berück¬ 
sichtigen. 


— Die vor Kurzem bestätigte geburtshttlflich-gjpäkologische Ge¬ 
sellschaft in Moskau bat, wie Med. Ober. mittheilt, die erste Lieferung 
ihrer Arbeiten (Tpy*H) herausgegeben. Sie enthält die Protokolle 
der 1 administrativen und der 1 wissenschaftlichen Sitzung und zwei 
Mittheilungen beide über die Alexander-Adams’sche Operation (Ver¬ 
kürzung der runden Mutterbänder), die eine von Dr. Sajaizki (der 
zuerst diese Operation in Moskau ausgeführt) nnd die andere von 
Dr. Alexandrow aus der Snegirew’schen Klinik. 

— Die deutsche Gesellschaft für Chiiurgie wird in Gemeinschaft 
mit der Berliner medicinischen Gesellschaft am 3. April d. J. in Berlin 
eine Gedächtnisfeier für ihren verstorbenen Präsidenten, Prof. v. 
Langenbeck, veranstalten. 

—- Vor Kurzem haben drei Professoren der Medicin an der Bonner 
Universität ihr 25-jähriges Docenten-Jubilüumg*fo\*n. Es sind der 
Pharmakolog Bin z , der Ophthalmulog Saemisch und der Der- 
matolog und Syphilidolog Doutrelepont, welche alle drei durch 
hervorragende Leistungen auf ihrem Specialgebiet bekannt sind. 

— Die medicinische Gesellschaft in Lissabon hat sich in einem von 
der portugiesischen Regierung einverlangten Gutachten über die 
Maassregeln zur Verhütung der Verbreitung der Tollwuth gegen 
die Errichtung eines Pasteur'sehen Impfinstituts ausgesprochen. 

— Die X. öffentliche Sitzung der balneologischen Section der Ge¬ 
sellschaft für Heilkunde in Berlin wird uuter dem Vorsitz des Prof. 
Liebreich am 10. und 11. März d. J. im Berliner pharmakologi¬ 
schen Iustitut stattfinden. 

— Der III. französische Chirurgencongress wird vom 12.—17. Mär® 
c. unter dem Präsidium Prof. Verneuil’s in Paris tagen. Auf 
der Tagesordnung stehen die Behandlungsmethoden von Schusswun¬ 
den der Eingeweidehöhlen, ferner die Radicaloperation der Hernien, 
die operative Behandlung der Pleuraexsudate und die Prophylaxe 
der Recidive operirter Neubildungen. 

— Bei der kürzlich in Dorpat stattgehabten Immatrikulation 
der in die Zahl der Studirenden Neuaufgenommeuen wurden, wie die 
„N. D. Ztg.“ berichtet, 98 inscribirt, darunter für das Studium der 
Medicin 31 und das der Pharmacie 15, so dass die medicinische 
Facultät den grössten Zuwachs erhalten hat. Die Gesammtzahl der 
Studirenden beträgt 1639 (gegen 1669 im vorigen Jahre) und zwar 
vertheilt sich diese Zahl anf die einzelnen Facultäten, wie folgt: zur 
medicinischen Fakultät zählen 841 (744 Mediciner und 100 Pharma- 
ceuteu), zur theologischen Facultät 243, zur juristischen Facultät 
213, zur historisch-philologischen Facultät 191 und zur physiko¬ 
mathematischen Facultät 146 Studirende. 

— Der Privatdoceut der Berliner Universität, Dr. Theodor 
Wyder, welcher von der Dorpater Universität zum Nachfolger 
Prof. Runge’8 auf den Lehrstuhl der Geburtshülfe und Gyuäkolo- 
gie gewählt wurde (cfr. ^&52, Jahrgang 1887 dieser Wochenschrift), 
hat neuerdings diese Berufung abgeiehnt, weil er einen Ruf der Zü¬ 
richer Universität auf den Lehrstuhl der Geburtshülfe an Stelle dea 
in Ruhestand tretenden Prof. Frankenhäuser angenommen hat. 

— Dr. A. Dostojewski hat sich mit Genehmigung der Confe- 
renz der militär-medicinischen Academie als Privatdocent für Histio- 
logie und Embryoloaie an dieser Academie habilitirt. 

— Vor Kurzem beging in Moskau Prof. A. Raszwetow seiu 
40 jähriges Jubiläum . 

— Der aasseretatmässige Consultant für Chirurgie am St. Peters¬ 
burger Nikolai-Militärhospital, wirkl.Staatsrath Dr. Carl Reyher 
ist zum etatmässigen Consultanten am genannten Hospital ernannt 
worden. 

— verstorben : 1) Im Kreise Tschistopol (Gouv. Kasan) der dor¬ 
tige Landscbaftsarzt E. Swenzizki im 33. Lebensjahre am Fleck¬ 
typhus, den er sich in einem Dorfe seines Bezirks, in dem diese 
Krankheit epidemisch herrscht, zugezrgen hatte. Trotz 7-jähriger 
Praxis bat er seine Frau ganz mittellos hinterlassen. 2) In Smolensk 
der jüngere Arzt des örtlichen Militärlazareths, W. Wassiljew, 
durch Selbstmord. 3) Der jüngere Militärarzt N. Po kr owski. 
4) In Nishni-Nowgorod der frühere Oberarzt des Odessa’schen Inf. 
Regiments, Staatsrath Peter Lawrow, im 71. Lebensjahre. Der 
Verstorbene war einer von den wenigen noch lebenden Zöglingen der 
ehemaligen Moskan’schen medico-chirurgischen Academie. 

— Das hiesige Hospital „Aller Leidtragenden“ (Betxi CsopÖÄ- 
maxi») für Geisteskranke hat von der Gräfin K i s s e 1 e w eine Spenda 
im Betrage von 50,000 Rbl. erhalten. Ebenso hat die Frau des Con- 
treadmiralB Owssänkin dem genannten Hospitale */• ihres Ver¬ 
mögens (10—13000 Rbl.) vermacht, dessen Zinsen alljährlich zu 
Belohnungen für die Krankenpflegerinnen verwandt werden sollen. 

— In Kopenhagen , wo von dem dänischen Verein für Feuerbe¬ 
stattung ein Crematorium bereits erbaut ist, hat das Justizministe¬ 
rium neuerdings die Verbrennung von Leichen verboten. Eine Klag* 
des Vereins wegen dieses Verbots ist vom Hofgericht abschlägig be- 
schieden worden, weil die Verbrennung der Leichen nicht gesetz¬ 
lich sei. 

— Ein Apotheker in Vermont hat, um bei der Zubereitung von 
Arzneien verhängnisvolle Missgriffe zu verhüten, jede Giftflasche 
in seiner Apotheke mittelst einer electrischen Leitung mit dem Recep- 
tirtische verbunden. Wird eine von den Giftflascben geöffnet, dann 
erklingt sofort das Läutewerk zur Mahnung für den Provisor, ob er 
i auch das richtige Mittel zur Hand genommen hat. 
i (Wiener Med. Presse), 

i — Wie weit die Amerikaner in der Furcht vor Infection gehen, be¬ 
weist folgender aus Philadelphia berichteter Fall: Zwei aus Brasi- 
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47 


lien dahingekommene Leprakranke hatten im dortigen Infections- 
spital Aufnahme gefunden. Zunächst wurde der Arzt, welcher die 
Aufnahme der Kranken veranlasst hatte, wegen Unterlassung der 
Infectionsanzeige zu einer empfindlichen Geldstrafe verurtheilt; 
hierauf wurde beschlossen, die Leprösen nach Brasilien zurückzu* 
schicken und zu diesem Zwecke eine öffentliche Subscription eröffnet. 
Da aber zu befürchten ist, dass keines der zwischen Brasilien und 
den Vereinigten Staaten regelmässig verkehrenden Schiffe die Kran¬ 
ken an Bord nehmen werde, so beabsichtigt man, für diese Reise ein 
eigenes Schiff auf öffentliche Kosten auszurüsten. (W. m. Presse). 

— Prof, Tumas (Lancet October 1887) hat durch sorgfältige 
Versuche (Bestreichen mit schwacher Apomorphinlösung der Medulla 
oblongata von Hunden uud Katzen) das Brechcentrum vor und 
hinter dem Calamus scriptorius an einer begrenzten Stelle bestimmt 
und führt das Fehlen von Erbrechen bei Wiederkäuern und einigen 
anderen Thieren anf einen Mangel oder eine rudimentäre Entwicke¬ 
lung dieses Centrums zurück. (New-York Medic. Record. Nov. 26.) 

Hz. 

Berichtigung. In Jfc 4 auf pag. 38 Spalte 1 Zeile 3 
muss es heissen 19 Januar 1888 statt 19 Oct. 1887. 


Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs 

für die Woche vom 17. bis 23. Januar 1888. 
Zahl der Sterbefälle: 

1) nach Geschlecht und Alter: 


Im Ganzen: 


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51 

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48 

33 12 


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® 

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0 


2) nach den Todesursachen: 

— Typh. exanth. 1, Typh. abd. 25, Febris recurrens 0, Typhus 
ohne Bestimmung der Form 3, Pocken 0, Masern 20, Scharlach 8, 
Diphtherie 13, Croup 3, Keuchhusten 5, Croupöse Lungenentzün¬ 
dung 23, Erysipelas 5, Cholera nostras 0, Cholera asiatica 0, Ruhr 1, 
Epidemische Meningitis 0, Acuter Gelenkrheumatismus 0, Parotitis 
epidemica 0, Rotzkrankheit 0, Anthrax 0, Hydrophobie 0, Puerpe- \ 
ral fiebert, Pyämie u. Septicaemie 8, Tubercn’ose der Longen 105, 
Tubercnlose anderer Organe 9, Alcoholiamus und Delirium tremens 
5, Lebensschwäche und Atrophia infantnm 50, Marasmus senilis 
32, Krankheiten des Verdauungscanals 88, Todtgeborene 28. 


Mortalität einiger Hauptstädte Europas. 


Name 

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Brüssel . . 

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26,8 

3 

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Stockholm . 

216 807 

1.—7. Januar 1 

122 

29,* 

6 

105 25,» 

Kopenhagen 

290 00011--17. Januar 

213, 

36,* 

5 

149 26,r 

Berlin . . . 

1 414 980 8.—14- Januar j 

934 

34,. 

31 

531 19,t 

Wien . 

790 381 8.—14. Januar 1 

479 

31,5 

37 | 

380 25,o 

Pest . . . 

442 787 

1.—7. Januar 

313 

36,« j 

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275 32,* 

Warschau 

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1.—7. Januar 

272 

32,* 

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259 30,« 

Odessa . . 

268 000 8.—14. Januar 

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j(o8B. ne hr. Cn6. 29. flHBap a 1888 r. Herausgeber Dr. L. v. Holst. THnorpatpia «IleTepö. raa.», Bjia^HMipcRift npoen. A« 12. 

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XIII. Jahrgang, 


Neue Folge. V. Jahrg 


St. Petersburger 


Medicinische Wochenschrift 

unter der Redaetion von 

Prof. Ed. v. WAHL, Dr. L. v. HOLST, Dr. TH. v. SCHRÖDER, 

Dorpat. St. Petersburg. St. Petersburg. 


Die «St. Petersburger Me di ein ische Wochenschrift» erscheint jeden Sonn¬ 
abend. Der Abonnements-Preis ist in Russland 8 Rbl. für das Jahr, 
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dern 16 Mark jährlich, 8 Mark halbjährlich. Der Inserations - Preis für 
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mr* Inserate werden ausschliesslich im Central-Annoncen-Bu- 
reau von Friedrich Petrlck in St. Petersburg, Newsky-Prospect JA 8, 
und in Paris bei unseren General-Agenten entgegengenommen. 
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chez Messieurs G. E. Puel de Lobei & Cie., Rue Lafayette 58. 


Manuscripte sowie alle auf die Redaction bezüglichen Mittheilungen 
bittet man an den geschäftsführenden Redacteur Dr. Theodor 
V. Schröder (Malaja Italjanskaja, Haus 33, Quart. 3) zu richten. 


NS 6. St. Petersburg, 6. (18) Februar 1888. 


lasHmlt s 0. t. Grtlnewaldt: Die Elythrohysterotomie. (Schluss). — Referate. S. Ginger; Zur Casuistik der Kopfverletzungen. 

— L. A. Gowssejew: Ueber Exstirpation der Milz. — Livio Viqoenxi: Ueber intraperitonftale Einspritzungen von Koch’schen 
Kommabacillen bei Meerschweinchen. — Ju 1 ius Schreiber: Studien und Grandzüge znr rationellen Jocalen Behandlung der Krank¬ 
heiten des Respirationsapparates. — S. v. Basch: Die cardiale Dyspnoe ond das cardiale Asthma. — N. Lun in: Naphthalin bei Kinder- 
durchfali. — v. Kaczor 0 wski (Posen): Die Abführmittel, insbesondere der Kies. — Sonnenberger (Worms): Ueber Patbogenese 
und Therapie des Keuchhustens, sowie über eine neue Behandlnngsweise desselben. — D. P. Kossorotow: Ueber die Frage derFäulniss- 
vergiftnng. — Ko ljski: Fall von Hervorrnfüng der Menstruation durch mündliche Snggestion im hypnotischen Zustande. — Bacher- 
Anzeigen und Besprechungen . ProC W. An rep und Dr. N. Woronichin: Aerztlicher Taschenkalender auf das Jahr 1888. — 
Theodor Schott: Die Behandlung der chronischen Herzkrankheiten. — An die Redaction eingesandte Bücher und Druckschriften . 

— Protokolle des Vereins St. Petersburger Aerzte. — Vermischtes; — Morialit&ts-Bulletin St. Petersburgs. — Mortalität einiger 
Hauptstädte Europas. -— Anzeigen. 


Die Elythrohysterotomie. 

_ Von 

Dr .0. v. Grünewaldt. 


^ (Schi om.) 

Brenn ele’s Fall 8 zeigte eine Urinfistel, die durch I 
qfiere Obliteration der Scheide geheilt wurde; Pat. starb 
13 Monate später an idem nicht vollständig exstirpirten and 
weiter gehenden Carcinom. Unter Leopold’s Fällen 
kamen 5 Mal Urinfisteln p. o. zur Beobachtung: eine heilte 
ohne Operation JO 33, eine zweite J6 30 wurde wegen der 
Fistel 2 Mal erfolglos operirt, war nach 1 Jahre noch reci- 
divfrei, ebenso Jß 27. K 22 zeigte Harnträufeln, das sich 
bald besserte, starb aber an Recidiv vor Ablauf eines Jahres. 
Bei allen diesen Fällen, in welchen bei der vaginalen Uterus¬ 
exstirpation die Blase verletzt worden war, handelte es sich 
um mehr oder weniger grosse Schwierigkeiten bei der Ab¬ 
lösung derselben vom Uterus, die dadurch bedingt waren, 
dass das Zellgewebe zwischen diesen beiden Organen nicht 
mehr gesund war. Man kann von allen diesen Fällen be¬ 
haupten, sie seien zu spät zur Operation gekommen, und 
diese hätte füglich unterlassen werden sollen. Trotzdem 
wurden mehrere von ihnen geheilt und zeigten noch nach 
einem Jahre und mehr kein Recidiv; der Schluss, den Leo¬ 
pold aus diesem Umstande zieht, dass man sich durch 
Uebergreifen des Carcinoms auf das vordere Scheidenge¬ 
wölbe nicht gleich von der Totalexstirpation abhalten lassen 
solle, ist daher gewiss ein berechtigter. 

Das Axiom bei der Ausrottung bösartiger Neubildnogen, 
dass man im gesunden Gewebe schneiden soll, muss ja auch 
in diesem Punct befolgt werden, und da die Blasenwandung, 
wenn sie intact ist, sich leicht vom Zellgewebe markiren 
lässt mit Hülfe des Catheters, so ist es leichter an dieser 
Stelle die Grenze zwischen Gesundem und Krankem zu 
erkennen, als im seitlichen Zellgewebe; die massenhaften 
Gefässbündel, welche in dieses eingebettet sind, fordern die 
grösste Vorsicht während der Operation an den P&rame- 
trien, und eine erschöpfend genaue, in Chloroformnarkose 
ahgestelUe Exploration derselben vor der Operation zum 
Zweck der Feststellung dessen, ob die Parametrien bereits 
an Metastasen erkrankt sind oder nicht. Sind die Parame- 


tjäen nicht mehr intact, so steht es wohl recht schlimm um 
«e Prognose; immerhin aber bleibt es in manchem Falle 
noch möglich, die im Parametrium eingelagerten Knoten 
npcm.so weiuherauszuschneiden, dass alles erkrankte Ge- 
wtbe fcut&rnfVird? 

Nicht überflüssig ist es noch daran zu erinnern, dass die 
meist lange Dauer der Operation, die grosse Resorptionsfä¬ 
higkeit der blossgelegten Gewebe, die zu energische Anwen¬ 
dung einiger Desinfectionsmittel, wie namentlich des Subli¬ 
mates und des Jodoformes zu einer nicht gefahrlosen Sache 
machen. Quecksilber- und Jodoform in toxicationen während 
der Operation sind wiederholt beobachtet worden. Da 
häufig in den Defect im Scheidengewölbe sich die Fettklum¬ 
pen des Netzes oder der Appendice»epiploicae vorlagern, so 
ist der Gontact reichlicherer Jodoformmengen mit dem Fett 
zu vermeiden, da Jodoform in Fett sich löst und dann re- 
sorbirt werden kann. 

Vier Fälle von Uteruscarcinom, welche im hiesigen Evan¬ 
gelischen Hospitale operirt worden sind, — 3 davon vom 
Collegen Dr. Dombrowski, einer von mir, obschon sie 
sonst kein besonderes operatives Interesse darbieten, sind 
in sofern sehr instructiv, als sie jeder eine-gewisse Kategorie 
repräsentiren, für welche verschiedene Indicationen gelten 
müssen, Kategorien von Fällen, wie sie jedem Operateur 
sich voretellen und wohl vielfach operirt worden sind. 

Der eine Fall betraf eine noch junge, erst 34-jährige 
Frau, die dringend operirt zu werden verlangte; de hatte 
mit dem Leben abgeschlossen und kannte das Schicksal ge¬ 
nau, welchem sie entgegenging, wenn sie nicht operirt würde. 
Diese Umstände erklären es, dass die Operation ansgefübrt 
wurde, die von vornherein kaum eine Aussicht auf Erfolg 
gestattete. Das ganze Collum uteri zerklüftet und durch¬ 
setzt von weichen, jauchenden, stark wuchernden Krebs¬ 
massen, die über das Orificium int. hinaufreichen. Der 
Uterus lässt sich gut nach un'en dislociren, die Parametrien 
gestatten keinen sicheren Schluss auf den Grad ihrer Infil¬ 
tration, weisen keine circumsciipten Knoten auf, erscheinen 
J aber difius verdickt. Schon während der Operation stellte 
| sich die Unmöglichkeit heraus alles Erkrankte zu entfernen, 
i weil das Zellgewebe bis weit ab vom Uterus von Carcinom 
I durchsetzt war. Die Kranke starb am 3. Tage p. o. an 










60 


acuter Sepsis, und die Section zeigte das Beckenbindegewebe, ■, 
die Lymphgefässe und LymphdrQsen von Krebsmassen in- j 
filtrirt. 

Ein zweiter Fall, der eine 41-jährige Nuilipara betraf, 
schien günstigere Bedingungen zu bieten: der Uterus lässt 
sich nach unten dislociren, jedoch nicht bis vor die Scham¬ 
spalte ; er ist mässig vergrössert; die Portio derb infiltrirt, 
verkürzt, der Cervicalcanal zugänglich, uneben; das vordere 
Scheidengewölbe frei, im hinteren finden sich einige infil- 
trirte Lymphdrüsen; dasselbe lässt sich im rechten Schei¬ 
dengewölbe aachweisen. 

Bei der Operation machte sich der Umstand störend be¬ 
merkbar, dass der Uterus nicht genügend vorgezogen wer¬ 
den konnte, und daher sehr hoch operirt werden musste; 
wegen Infiltration der Umgebung wurde eio sehr bedeutendes 
Stück des Scheidengewölbes fortgenommen; die Unterbindung 
der Art spermatica machte viel Mühe, ebenso die Umstül¬ 
pung des Uterus nach hinten. Die Kranke genas nach einer 
schweren Convalescenz, behielt eine Urinfistel, erkrankte 
dann an croupöser Pneumonie und starb 7 Wochen nach 
der Operation. Im Cavum des entfernten Uterus fand sich 
ein gestieltes Adenom und im Parenchym de3 Uterus ein 
taubeneigrosses Fibrom. Bei der Section fanden sich be¬ 
reits neue krebsige Infiltrationen im zurückgebliebenen Zell¬ 
gewebe, so dass auch ohne die dazwischentretende Pneumo¬ 
nie die Kranke sich nicht mehr lange des Lebens hätte er¬ 
freuen können. 

Fälle, wie diese zwei beschriebenen, werden sich nicht 
selten zur Operation melden, jedoch siud bei solcher Sach¬ 
lage die Contraindicationen der Elythrobysterotomie vor¬ 
herrschend. Es handelte sich nicht mehr um ein reines 
Cervixcarcinom, die Lymphdrüsen und das Zellgewebe des 
Beckens waren bereits infiltrirt, so dass auch im günstigsten 
Falle durch die Operation nur eine sehr kurzdauernde Ver¬ 
minderung der Leiden, kaum eine Verlängerung des Lebens 
zu erreichen gewesen wäre. Auch die Entstehung einer 
Urinfistel im 2. Falle durch die Operation konnte nur er¬ 
klärt werden durch die Ausbreitung der Erkrankung auf 
das Zellgewebe zwischen Blase und Uterus; die Unmöglich¬ 
keit den Uterus bis vor die Genitalien zu dislociren ist ein 
Umstand, der für gewöhnlich als eine Contraindication der 
Operation angesehen werden muss. 

Die beiden anderen Fälle dagegen sind als Paradigmata 
solcher anzusehen, in denen mit sehr gntem Erfolge operirt 
werden muss, und in denen die Operation dringend indicirt 
ist. Beide betreffenden Kranken, von denen die erste von 
Dr. Dombrowski, die zweite von mir operirt worden 
ist, sind genesen und geben Aussicht, dass sie auf längere 
Zeit — vielleicht für immer — von Recidiven verschont 
bleiben werden. 

Die eine Kranke, eine 43-jährige Nuilipara, wurde uns 
von auswärts mit der Diagnose Fibroma uteri zugesandt; 
sie hatte seit li Jahren an beängstigend starken Meno- und 
Metrorhagien gelitten, die ganz schmerzlos verliefen. Bei 
der kräftigen, fettleibigen Frau mit sonst vollständig gesun¬ 
den Organen fand sich der Uterus von der Grösse eines im 
4. Graviditätsmonate befindlichen, vollkommen mobil, die 
Adnexa absolut frei, der Fuudus anteflectirt, das Collum 
schlank, das Orific. ext eng. Dieses wurde discidirt und 
das Cavum uteri curettirt zu diagnostischem Zweck. Hier¬ 
bei zeigte sich’s, dass im Cavum sich Massen einer weichen, 
bröckligen Neubildung vorfanden, die bei der mikroskopischen 
Untersuchung als carcinomatös erkannt wurden. Der Ein¬ 
griff verlief reactionslos und die Kranke ging ohne Weite¬ 
res auf den Vorschlag der Uterusexstirpation ein, welche 
14 Tage später vom Collegen Dombrowski ausgeführt 
wurde. Das entfernte Organ zeigte über dem Orif. int. mehrere 
circumscripte, isolirte Carcinomherde, die vom Peritonäum 
noch durch eine einige Mm. dicke Schicht gesunden Gewebes 
getrennt waren, — eine Schicht, welche bei zu energischer 
Führung des Löffels wohl auch hätte durchstossen werden 
können. In der Uterussubstanz, der Uterus war namhaft 


vergrössert, waren 2 interstitielle subseröse Fibromknoten 
von Taubeneigrösse eingebettet; die Cervix war vollständig 
gesund. Die Operation war sehr erschwert durch die Enge 
und Straffheit der Vagina und die Grösse des Uterus, der 
retrovertirt herausgestülpt wurde. Die Blutung war mässig. 

Die Genesung der Operirten war keine ganz ungestörte, 
namentlich aber gab es heftige Durchfälle (Sublimat?) und 
Collapserscheinungen zu bekämpfen, nach einigen Wochen 
eine leichte durch Ansteckung von einer die Kranke be¬ 
suchenden Freundin erworbene Rachendiphtherie und end¬ 
lich eine Pleuritis in der 4. Woche p. o. Gegenwärtig, fast 
2 Jahre nach der Operation, ist Pat. vollkommen gesund 
und leistungsfähig. 

Es handelt sich hier also um ein isolirtes Corpuscarci- 
nom an einem mit Fibromen behafteten Uterus, bei dessen 
Entfernung es möglich war, in sicher intactem Gewebe za 
operiren, und zwar in einer relativ von der Neubildung noch 
entfernt liegenden, resp. von ihr durch eine gesunde, aus 
verschiedenartigen Geweben gebildete Schicht getrennten 
Partie. Dieser Umstand ist für die Prognose und demnach 
auch für die Indicationsstellung von einschneidender Bedeu¬ 
tung und gestaltet diesen, so wie auch den folgenden Fall 
zu einem von den beiden vorhergehend beschriebenen we¬ 
sentlich verschiedenen. 

Der 2. günstige Fall befindet sich noch in der Anstalt und 
ist vor jetzt 7 Wochen operirt worden, — ich glaube aber 
auch für ihn mit gutem Grunde eine sehr gute Prognose 
stellen zu können. Er betrifft eine 46-jährige, kräftig ge¬ 
baute, sehr gut genährte Multipara, welche erst Anfang 
1887 die erste nur mässige Blutung erlitt und im Sept. d. J. 
zum ersten Male explorirt wurde. Ende Sept. fand ich den 
Uterus von der Grösse eines im III.—IV. Monate graviden, 
sehr mobil, den Fundus uteri stark verdickt und hart, die 
Muttermundslippen ektropiirt, sehr verdickt und aut ihrer 
Aussenfläche von einer Krebsneubildung besetzt, die noch 
nicht in die Cervix hinein vorgedrungen war, Adnexa absolut 
frei; Diagnose: Carcinoma colli uteri et fibroma interstit. 
Die Kranke ging gleich auf den Vorschlag der Operation ein, 
die am 7. Oct. 1887 ausgeführt wurde. Der Uterus Hess 
sich gut bis vor die Genitalien dislociren; mittelst starker, 
zu Zügeln benutzbarer doppelter Seidenfäden wurde über 
die Neubildung ein Jodoform gazebausch aufgenäht, und dann 
im Wesentlichen nach Leopold die Operation ausge¬ 
führt: erst die vordere Uteruswand, dann die hintere frei¬ 
gemacht, dann die Lig. cardinalia, lata und die Tuben mit 
zahlreichen Ligaturen gesichert, von denen der Uterus 
Schritt für Schritt herausgeschält und ohne Umstülpung 
entfernt wurde. Der erste Jodöformgazetamponverband 
konnte 8 Tage liegen bleiben, und die Patientin hat nur 
eine T. von mehr als 37,6 gehabt, auch diese nur an einem 
Abend nach dem ersten Verbandwechsel. Stuhlgang per 
clysma am 3. Tage, von da an spontan. Das subject. Be¬ 
finden war vom 2. Tage an, wo die Chloroformnachwir¬ 
kungen nachliessen, ein vorzügliches. Aus dem Wund¬ 
trichter, in welchem uach oben 3—4 von den zahlreich ange¬ 
legten Ligaturen festhielten, erfolgte noch recht lange übel¬ 
riechende Secretion, die beim Gebrauche vou Aufgiessen des 
Arid, pyrolign. per speculum täglich sich besserte. Ende 
der 7. Woche erst wurden die letzten Ligaturen entfernt 
und im Trichter blieben noch 3 isolirte erbsengrosse granu- 
lirende Schnürstümpfe nach. 

Der entfernte Uterus misst 11 Ctm. in der Länge, 8,5 in 
der Breite und 6 in der Dicke; seine Wandungen sind an den 
dicksten Stellen 4,5 Ctm. dick und bergen mehrere Fibrom¬ 
knoten. Die Mucosa des Cavum ist stark hypertrophisch. 
Das Carcinom sitzt nur auf der unteren Fläche der ektro- 
pischen und stark hypertrophischen Lippen, dringt oben in 
die Substanz dieser auf mehr als 1 Ctm. in die Tiefe hinein. 

Höchst wahrscheinlich hätte in diesem Falle eine Ampu¬ 
tation des erkrankten Collum ein recht günstiges Resultat 
ergeben, — und für eine längere Zeit wäre ein befriedigen¬ 
der Gesundheitszustand erhalten worden. Trotzdem aber 


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ist für einen solchen Fall mit Entschiedenheit die Elytbro- 
hysterotomie in Vorschlag zu bringen und nicht die hohe 
Collumamputation. Jene Operation, mit welcher zugleich 
beide Ovarien und Tuben eliminirt werden, entfernt sämmt- 
liche von den Art. nterinae und spermaticae ernährten und 
mit dem primär erkrankten Gewebe in nahem Connex ste¬ 
henden Organe, und schafft so zu sagen ein Vacuum dort, 
wo zuerst sich die Neubildung angesiedelt hatte, — sie ent¬ 
zieht dieser den Nährboden in weiter Ausdehnung; zugleich 
aber entfernt sie jede Gefahr, die von einer weiteren Ent¬ 
wickelung der Fibrome ausgehen könnte, und giebtder Hoff¬ 
nung auf dauernde Genesung eine gute BegrQndung. Der 
Eingriff an sich wurde so leicht überwunden, dass eine höbe 
Collumamputation wohl kaum weniger angreifend wirken 
konnte, — welche auch im günstigsten Falle für die Zu¬ 
kunft nicht so yiel Bürgschaft geben kann, wie das die To¬ 
talexstirpation thut. Die Collumamputation ist berechtigt 
dort, wo die Neubildung auf den Muttermundslippen uocb 
keine atypischen Wucherungen zeigt, sondern nur solche 
Hyperplasie, die nach Rüge und V e i t’s Untersuchungen 
später zu Carcinom führt. 

Wenn auch zugegeben werden muss, dass nicht selten die 
partiellen Resectionen des Uteros wegen Cancroid zu voll¬ 
ständiger Heilung führen, und ich bin in der glücklichen 
Lage selbst eine ganze Reihe von Belegen für diesen Satz 
beibringen zu können, so ist es doch jetzt ausser Frage ge¬ 
stellt, dass unbedingt bei Collumerkrankung, — falls wir 
den Nachweis erbringen können, dass diese isolirt besteht,— 
die Exstirpation des ganzen Organes grössere Sicherheit vor 
Recidiven bietet; wo wir diesen Beweis nicht erbringen 
können, stellt sich von selbst die Frage noch mehr zu Gun¬ 
sten der Totalexstirpation. Dass bei isolirtem Corpuscar- 
cinom, wie z. B. in dem 3. der hier angeführten Fälle, die 
Anzeige der Elythrohysterotomie eine unanfechtbare ist, 
wird wohl kaum Jemand bezweifeln. 

Es ist hinlänglich durch die Erfahrung erwiesen, dass z. 
B. die isolirte Exstirpation eines Krebstumors aus der 
Mamma bald von Recidiven gefolgt ist, dass die Amputation 
der ganzen Mamma dagegen bei weitem günstigere Resul¬ 
tate ergiebt, und dass diese sich am glücklichsten gestalten, 
wenn schon gleich primär mit der Mamma die Drüsen der 
Achselhöhle mit entfernt werden. Dieses Beispiel auf die 
Behandlung des krebsig erkrankten Uterus angewandt er¬ 
klärt die viel besseren Resultate, welche man zu erwarten 
berechtigt ist, wenn schon primär bei isolirter Erkran¬ 
kung der Cervix die Resectiou des Uterus mit den Tuben 
und Ovarien ausgeführt wird. 

Ein zweiter und sehr schwerwiegender Umstand bei der 
Indicationsstellung der Operationsmethode ist der, dass bei 
richtiger Würdigung der Complicationen und Ausschliessung 
der Fälle von der Operation, wo dieselbe wegen complici- 
render Erkrankung der Adnexa nicht mehr ausgeführt wer¬ 
den soll, die Exstirpation des Uterus durchaus nicht als ein 
das Leben mehr gefährdender Eingriff angesehen werden 
darf, als etwa eine Ovariotomie ohne besonders erschwe¬ 
rende Complicationen. Durch die oben angeführten Zahlen 
der letzten Jahre wird die Richtigkeit dieser Behauptung 
genügend erhärtet. Bei der heutigen Eenntniss der Wir¬ 
kung der Antiseptik dürfen wir fordern, dass der Wundver¬ 
lauf nach der vaginalen Exstirpation des Uterus ein gefahr¬ 
loser sei. Damit wird zugleich die Berechtigung gewonnen, 
die Elythrohysterotomie zur Heilung anderer Zustände, als 
nur der bösartigen Neubildungen auszuführen; die Operation 
ist auch schon vielfach gemacht worden zur Heilung schwerer 
Paralyse, schwerer von den Sexualfunctionen abhängigen 
Neurosen, und ist angezeigt zur Beseitigung kleinerer Fi- 
broide, die entfernt werden müssen wegen Gefahr drohender 
Symptome und deren Ent fern ung per vaginam noch möglich ist. 
Bis jetzt ist die Sterblichkeit nach Laparomyomotomien noch 
unverhältnissmässig gross, und hält den Vergleich mit der 
nach Elythrohysterotomien, wie sie sich in der letzten Zeit 
■ gestaltet hat, nicht aus. ES ist für mich daher keine Frage, 


dass, — wo nicht etwa solcher Verhältnisse wegen man sich 
mit einer Castration begnügen kann, — es richtig ist, einen 
stark blutenden, mit Myoma durchsetzten Uterus per vagi¬ 
nam zu entfernen, bevor die Grösse der Neubildung einen 
anderen Weg als den der Laparotomie zu betreten unmöglich 
macht. 

Ueberblicken wir die ganze Reihe der Erkrankungen der 
weiblichen Sexualorgane, welche wir noch vor wenigen De- 
cennien für ein noli me tangere und für unheilbar halten muss¬ 
ten, und berücksichtigen wir dann die schönen Heilungsre¬ 
sultate, die uns ermöglicht worden sind durch die Anti¬ 
septik, die uns gestattet die grössten Eingriffe faBt gefahrlos 
auszuführen, so können wir dankbar anerkennen, dass die 
Grenzen für das ärztliche Können weiter hinausgeschoben 
sind, dass uns manches Ziel fast mühelos erreichbar gewor¬ 
den ist, an das nur zu denken unseren Vorfahren frevelhaft 
erscheinen musste. Auch die Einbürgerung der Elythro¬ 
hysterotomie in die Zahl der uns zugäcglichen Hülfsmittel 
ist eine Etappe auf dem Wege vorwärts. 


Referate. 

S. Ginger: Zur Casnistik der Kopfverletzungen. Au der 

C z e r n y ’schen Klinik 1877—1884. (D. Zeitschr. f. Chirurg. 
XXVI. 3). 

Der Arbeit liegen 90 Fälle von Weichtheilverletzungen, 23 offene 
Fracturen des Schädelgewölbes, 12 Basisfractuien, 8 Fälle mit Hirn- 
erscheinnngen ohne äussere Läsion des Schädels zu Grunde und hat 
Vf. besonders Verlauf und Ausgang, sowie Dauer der Arbeitsunfähig¬ 
keit im Auge gehabt. Von der 1. Kategorie starb 1, der septisch her¬ 
einkam ; 6 Fälle von ausserhalb der Rimik acquirirtem Erysipel. Die 
2. Kategorie bietet viele interessante Fälle, theils für die Ein er¬ 
sehe Theorie von den relativen und absoluten Rindenfeldern, theils 
für die Möglichkeit der späten Entstehung von Hirnabscessen, Neu¬ 
rosen und Psychosen in scheinbar günstig verlaufenen Fällen. Der 
Verlauf hängt wesentlich von der Localität und Ausdehnung der 
Verletzung ab und gestaltet sich demgemäss unendlich mannigfaltig. 
Die 9 Todesfälle dieser Kategorie waren bedingt: durch ausgedehnte 
Hirnblutung (3), Zerquetschung grosser Gehirnpartien(3), eitrige Me¬ 
ningitis (1), Hirnabscess (1), Cystenbildung apoplectischer Natur (1). 
Von den 14 am Leben erhaltenen sind 8 (meist junge Individuen und 
Kinder) ohne Folgeerscheinungen geblieben, die übrigen 5 haben 
dumpfes Kopfweh, Schwindel, Agraphie und Aphasie, Epilepsie und 
Affectionen der Psyche nacbbehalten. Von den Basisfracturen sind 
3 an Hämorrhagie zwischen Schädel und Dura und Milzruptur, Zer¬ 
rei ssung des Sinus cavernosus und transversus, resp. hämorrhagischer 
Zerstörung des Marks in der Umgebung des linken Schläfen- und 
Hinterhauptlappens gestorben; 2 behielten Schwindel resp. Irresein 
nach, wäbrend 7 gesund entlassen wurden. Die Einzelheiten in den 
genau bearbeiteten Fällen von nervösen Störungen (Untersuchungen 
von Prof. Schultze)'sind sehr interessant und im Original nachzu¬ 
lesen. Sei. 


L. A. Gowssejew: Ueber Exstirpation der Milz. (Wr. 

Iß 35-37. 1887). 

Eine literärische Studie. Verf. hat über 51 Operationen Berichte 
finden können und giebt ein Resumö über die Jndicationen, die die 
Operation veranlasst haben, nnd über die Resultate dabei. Da Beides 
nicht ohne Interesse, so reproducirt Ref. die Ergebnisse tabellarisch, 
wie folgt: 

Es wurde die Milz exstirpirt: 

4 Mal wegen Wandermilz.mit 4 Genesungen 

2 „ „ Milzcyste.„ 2 „ 

1 „ „ Milzabscess ....... „ 1 Genesung 

2 9 „ Neubildungen (auch Echino¬ 

kokkus) .. 0 . „ 2 Tod. 

20 £ „ chron. Hypertrophie . • » 3 Genesung. 17 „ 

22 „ „ Anämie und Psendolencämie „ 1 (?) Genes. 21 „ 

11 Genesung. 40 Tod. 

Die sich daraus ergebenden Schlüsse sind wohl kaum besonders zu 
erwähnen. N. 


Livio Vincenzi: Ueber intraperiton&ale Einspritzun¬ 
gen von Koch’schen Kommabacillen bei Meer¬ 
schweinchen. (D. med. W. 1887. Iß 17). 

Verf. hat die Hüppe ’schen Experimente, welcher durch Injection 
von Cholerabouillon in die Peritonäalhöhle von Meerschweinchen 
constant den Tod der Versuchstiere herbeiführte, nachgeprüft. Er 
ist mit allen antiseptischen Gantelen verfahren, hat znr Injection 
keine P r a v a z ’sche Spritze benutzt, sondern in das eröffuete Peri- 
tonäum mit stumpfer Pipette die Kommabacillen-Bouillon eingeführt. 
In allen 10 Fällen blieben die Meerschweinchen gesund. Offenbar 
werden die Bacillen vom Peritonäum resorbirt nnd gehen dann direct 

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Im Blute zu Grunde, — wie die Versuche vou VV yssokowitsch 
für andere Bacillen schon ergeben haben. Max Schmidt. j 

LivioVincenzi: Ueber intraperitouäale Einspritzungen 
von Koch 'sehen Koimnabacillen bei Meerschweinchen. 
(D. med. W. J* 26. 1887). 

Nachdem Vf. nachge wiesen, dass bei unverletztem und ungereiztem 
Darm die in diePeritonäaiböhle eingespritztenKommabacillen keinerlei 
schädliche Wirkung ausüben, ordnete er seine Versuche 9o an, dass 
er vorher den Darm an einer Stelle nach Eröffnung der Bauchhöhle 
reizte und dann Komma-Cnlturen in die Peritonäalhöhle oder in’s 
Blut oder in das subcutane Bindegewebe oder in die Lungen injicirte. 
In allen 18 Fällen gingen die Versuchstiere ein unter Symptomen, 
die bis auf zuweilen eintretende Cyanose und Kälte der Körperober¬ 
fläche mit menschlicher Cholera wenig Aehnlichkeit hatten, und in 
allen Fällen konnten im Darmcanal die Komma’s nachgewiesen wer* 
den, öfters in ßeincultur. Dieselben kommen offenbar mittelst der 
am Ort der Beizung immer entstehenden capillären Blutungen in das 
Darmlumen, finden hier eine günstige Entwickelungsstätte und füh¬ 
ren den Tod der Thiere herbei. Max Schmidt. 

Julius Schreiber: Studien und Grundzüge zur ra¬ 
tionellen localen Behandlung der Krankheiten des Re¬ 
spirationsapparates. (Zeitschrift für klin. Med. Bd. XIII. 
Heft 2 und 3). 

Gestützt auf anatomische und klinische Untersuchungen, sowie auf 
dem Wege des physiologisch-pathologischen Experimentes, gelangt 
der Verf. zu zum Theil ganz neuen Anschauungen über die Verhält¬ 
nisse im Bespirationsapparat des Erkrankten und eröffnet mit ihnen 
ganz neue und wichtige Gesichtspuucte für eine rationelle locale 
Behandlung der Krankheiten des Respirationsapparates. Verf. be¬ 
ginnt mit der Inhalationstherapie und zwar mit der Inhalation zer¬ 
stäubter Stoffe. 

Die Misserfolge, die die zuerst von Sales-Girons und später 
durch die Arbeiten von Waldenburg in die Praxis eingeführte 
Inhalationstberapie in vielen Fällen aufsuweisen hatte, wnrden mit 
Elasticitätsverlust der Lunge erklärt, doch war keiner der Frage 
näher getreten, ob auf dem Wege der Inhalation das zerstäubte Me- 
dicament in die Lunge, vor Allem in die erkrankte Lunge eindringe. 
Schreiber war der erste, der diese Frage auf dem Wege des Thier¬ 
experimentes zu entscheiden versuchte. Zu diesem Zweck erzeugte 
er bei Thieren die verschiedensten Lungenkrankheiten, wie sie beim 
Menschen zur Beobachtung und Behandlung kommen, wie acute und 
chronische, einseitige und doppelseitige, circumscripte und diffuse 
Erkrankungen, ferner Infiltration, Abscess, Atelectasen, Miliartu- 
berculose. Die kranken Thiere wurden dann einer Kohlenstaubat¬ 
mosphäre für £ bis mehrere Stunden ausgesetzt oder gezwungen ‘vor 
einem Siegle ’schen Apparate in Flüssigkeit snspendirten Farbstoff 
zu inhaliren. Während nun von gesunden Thieren der Kohlenstaub 
gleichmäsaig vertheilt bis in das Lungengewebe aspirirt wird, fand 
Verf. bei Thieren mit kranken Lungen ein ganz anderes Verhalten, 
denn während in den gesund gebliebenen Lungenpartien die Kohle 
zu grösseren Klumpen angehäuft sichtbar war, war von ihr in den 
Krankheitsherden durchaus nichts zu bemerken. Diese Beobachtung 
bezieht sich nicht nur auf luftunzugängige Affectionen in der Lunge, 
sondern auch auf Cavernen, die mit dem Broncbialsystem nnd also mit 
der Aü8senlnft commonioirten. Dass andere, als rein anatomische 
Verhältnisse hier in Frage kommen, beweist der folgende Versuch. 

Verf. erzeugte an Kaninchen eine einseitige entzündliche Hyperä¬ 
mie der Lange nnd liess ein derartig erkranktes Thier Kohlenstaub 
inhaliren. Auch in eine derartig afficirte Lunge, welche, wie die 
Leichennntersnchnng ergab, bis zum letzten Augenblicke respirirt 
hatte nnd Infthaltig geblieben war, gelangte dennoch absolut nichts 
von den Kohlenbeimengungen der aspirirten Luft, während in der 
gesunden Lunge massenhafte Kohlenpartikel vorhanden waren. Hatte 
sich aber der Krankheitsprocess in beiden Lungen etablirt, ehe die 
Inhalation begonnen, so war die Kohle beiderseits und ganz gleich- 
mässig vertheilt sichtbar. 

Weshalb nnn in Fällen von einseitiger oder einseitig umschriebener 
Erkrankung der Lunge die Möglichkeit der Aspiratiou von Arznei¬ 
stoffen absolut ausgeschlossen nnd nur in die gesunde Seite resp. in 
die gesunde Nachbarschaft des Erkrankten aspirirt wird, erklärt der 
Verf. durch die Differenz in der Aspiration einer gesunden und einer 
kranken Lunge. Diese werde um so grösser, je mehr mit der ein¬ 
seitigen Localisirung des Krankheitsherdes die Thätigkeit der ent¬ 
gegengesetzten, der gesunden Lunge zunehme. Deshalb hält Schrei- 
b e r die Inhalationstherapie in ihrer bisherigen Gestalt für ein nichts 
weniger als locales oder rationelles Verfahren. 

Was die Inhalation flüchtiger Medicamente anlangt, so kommt 
hier nach Schreiber eine günstige Allgemeinwirkung zu Stande, 
an der auch die Krankheitsherde in der Lungaparticipiren, indem 
bei der Flüchtigkeit der in Betracht kommenden Desinficientia ein 
allmäliger Ueber tritt in’s Blot erfolgt. 

Die pneumatische Therapie, eine Methode, die von Waldenburg 
in die Praxis eingeführt worden ist, bezweckt den Luftdruck in den 
Lungen zu erhöhen oder zu erniedrigen. Nach Waldenburg kann 
während der Inhalation ans dem pneumatischen Apparate bis 1000 
Ccm. Lnft nnd darüber mehr eingeathmet werden, als durch maxi¬ 
male Inspiration aus der Atmosphäre ; umsomehr, je höher die an¬ 
gewandte Luftverdichtung im Apparate war. 


Verf. gelangte bei seinen Untersuchungen über die Grösse der vi¬ 
talen Luugencapacität nach Einathmung compriuiirter Luft zu durch¬ 
aus anderen Resultaten nnd zwar: 

1) dass durch die Einathmung verdichteter Luft die vitale Lungen- 
capacität in maximo um 152 Ccm. erhöht werde und 

2) dass die Erhöhung der vitalen Lnngencapacität in durchaus 
keinem Verhältnis stehe zur Erhöhung der angewandten Lnftver- 
dichtung im pneumatischen Apparat. 

Ferner ist es Verf. gelangen durch manometrische and pleurogra- 
phische Untersuchungen den Nachweis zn liefern, dass troU einem 
atmosphärischen Ueberdrnck bis zu 38 Mm. Hg der Druck in der 
Pleura um nichts oder nur um 2 Mm. Hg positiver werde, mithin 
Compressionsatelectasen auf dem Wege der Inhalation comprimirter 
Luft durchaus nicht Infthaltig gemacht werden können. 

Nach Waldenburg, der die Exspiration in verdünnte Luft das 
specifiache mechanische Antidot des Emphysems nennt, kann man 
anf diesem Wege die Lunge zwingen 500 bis 1000 und 2000 Ccm. 
Luft über die vitale Lnngencapacität hinaus zn exhaliren. 

Zn anderen Resultaten ist Verf. durch seine Untersuchungen ge¬ 
kommen. Er fand, dass durch die Ansathmung in verdünnte Loft 
den Lungen des Emphysematikers nur ca. 150 Ccm. mehr Luft ent¬ 
zogen werden könne, als durch forcirte Ansathmung in die Atmo¬ 
sphäre. Und dieser geringe Erfolg von 150 Ccm. werde auch nicht 
in jedem Falle von Emphysem erzielt, er beziehe sich nur auf die sog. 
acute oder subacute Alveolarectasie (B i e r m e r) oder wie Verf. sie 
nennt, die relative anorganische Exspirationsinsufficienz, während 
das chronische, anf anatomischer Veränderung des Thorax wie des 
Lungengewebes beruhende Emphysem, die absolute, organische Ex- 
spirationsiusufficienz unbeeinflusst bleibe. 

Ausserdem ist bei dieser therapeutischen Methode noch in Betracht 
zu ziehen, dass die Ansathmung in verdünnte Lnft wachsende intra¬ 
alveoläre Druckverminderung zur Folge hat, mit welcher eine 
Stauung in den Lungen einhergeht. Ferner ist der Erfolg der The¬ 
rapie häufig nur ein momentaner, die Ausatbmnng in den Apparat 
nicht überdauerndes, ja es kann in schweren Fällen von Emphysem 
der Kranke nach der pneumatischen Sitzung mit noch insnffiddnterer 
Exspiration athmen als zuvor. 

Die Exspiration in verdünnte Lnft hat demnach keinen Einfluss 
anf die Heilung des chronischen Lungenemphysems und nur unter 
gewissen Einschränkungen einen geringen anf die vorübergehende 
Beseitigung der reinen Elasticitätsverminderung der Lunge der Al¬ 
veolarectasie. 

Die Ursachen für das Abgleiten der medicamentösen Stoffe, wie 
der compriminirten Luft von dem Orte ihrer Bestimmung nach der 
gesunden Lunge sind nach Schreiber doppelte: 

1) die zu starke vicarirende Aspiration der gesunden Longe nnd 
2) die zu schwache der erkrankten. 

Die letztere bernhe zum Theil auf abnormen Innervationszustän¬ 
den, indem die dem Krankheitsherde entsprechenden Inspirationsmns- 
keln von den central ausgehenden Athmungsimpnlsen nicht getroffen 
werden, zum Theil auf consecutiven Paresen (Atrophien) der Inspi- 
rationsmuskeln der erkrankten Seite. 

Um eine dauernde Betheiligung der Inspirationsmuskeln der er¬ 
krankten Seite an der Bespirationsarbeit zu ermöglichen, combinirte 
Verf. die bisherigen beiden Methoden mit der Methode der Compres- 
sion der gesunden Lange. Die Compression wird mit Hülfe eines 
sog. Compressorinm ausgeführt. Dasselbe besteht aus 2 Pelotteu, 
welche je nach dem vorliegenden Falle von verschiedener Giösse nnd 
Form sind, dieselben werden der vorderen, beziehungsweise der hin¬ 
teren halben Brnstwand angelegt. Diese Pelotten werden durch 
einen stählernen Bügel verbunden, welcher über die Schulter der zu 
comprimirenden Seite hinüberragt. Durch eine Schraubenvorrich¬ 
tung werden die beiden Branchen des Bügels und dadurch die mit 
ihnen gelenkig verbundenen Pelotten vorn und hinten einander ge¬ 
nähert, der Thorax dementsprechend einseitig comprimirt. 

Verf. hat auf stetographischem, manometrischem, kyrtometrischem 
nnd pleuro graphischem Wege den Beweis erbracht, das* man mit¬ 
telst dieser Vorrichtung im Stande ist, kranke, kaum noch respiri- 
rende Lungenbezirke zn einer relativ und absolut vermehrten Respi¬ 
rationsbewegung zn veranlassen. 

Was nnn die mechanische Behandlung des Emphysems anbelangt, 
so versuchte es Verf., da der Widerstand der Rippen durch Erhöhung 
der Ver.lünnungsluft im pneumatischen Apparate nicht zn überwinden 
ist, den anf dem Thorax lastenden Aussendrnck durch Anwendung 
doppelseitiger Compression zu erhöhen und zwar benutzte er dazu 
ein elastisches Corset. Dnrch Mensnration, Spirometrie nud Steto- 
grapbie gelang es dem Verf den Nachweis zn liefern, dass bei An¬ 
wendung des Corsets selbst in Fällen von organischer absoluter Ex- 
spirationsinsufficienz eine über die spontan erreichbare Exspirations¬ 
stellung hinausgebende Verkleinerung des Thorax erzielt werden 
könue, dass die Exspirationsinsufficienz schwinde und die Athmung 
normaler werde. 

Alle diese Aenderungen weisen anf die Cumpressionsmethode als 
anf eine rationelle zur Beseitigung der relativen anorganischen ab¬ 
soluten Exspirationsinsufficienz hin. Die Exspiration in verdünnte 
Lnft kann nur als Unterstützungsmittel der Compressionsmethode 
dienen, da sie bei gleichzeitiger allseitiger Compression des Thorax 
die Wirkung derselben erhöht. 

Was nnn das praktische Resultat dieser neu empfohlenen Methode 
anbelangt, so charakterisirt es Verf. selbst mit den Worten: «dass 


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sie im Princip nicht mehr sein will, als eine häufig gewiss noch nicht 
einmal ansreichende Verlängerung der ärztlichen Hand, welche bis¬ 
her die kranke Stelle niemals hat erreichen können •. 

Verf., der diese combinirte Behandlung schon seit mehreren Jahren 
übt, sagt von ihr ferner: «Die mit objectiver Beobachtung gepaarte 
Praxis mag entscheiden, was an den vorgeschlagenen Methoden 
brauchbar ist und was nicht. Soweit ich meine Erfahrungen kurz 
and euten darf, wird der Praktiker sich mit Leichtigkeit von dem 
. Fortschritt in der Behandlung einseitiger Atelectasen, Pneumo¬ 
thorax etc. mit Hälfe des Compressuriam überzeugen. Das Material 
besonders rasch gebesserter oder geheilter Fälle von circnmscripten 
mit Catarrh oder Ulceration, Ahscess, Gangrän etc. verbundenen 
Erkrankungen des Lungenparenchyms durch die neue combinirte 
Methode wird sich nicht so deutlich raarkiren, um im Fluge ihre An¬ 
hänger su gewinnen, aber in ejnselnen exquisiten Fällen wird sich 
die Methode bewähren. 

Von der doppelseitigen Compression des Thorax bei Behandlung 
des Emphysems sagt S c h r e i b e r: 

«Das elastische Corset soll dem Empbysematiker dasselbe sein« was 
das Concavglas dem Myopen. Es soll ihm in der einfachsten Weise 
die grössere Athemarbeit (Geben, Treppensteigen) ermöglichen, zu 
welcher er bisher wegen der sofort in die Erscheinung tretenden Re- 
spirationsinsufficienz nicht befähigt gewesen ist. Aber wie das Con- 
cavglas keinen Elinfluss hat auf die Folgen übermässiger Anstren¬ 
gung des Auges, nichts nützt dem complioirenden Bindehautcatarrb, 
so wird auch das elastische Corset die Beschwerden und die Folgen 
einer übermässigen Körperanstrengung so wenig, wie den complici- 
renden Bronchialc&tarrh zu verhüten oder zu beseitigen im Sunde 
sein». Jul. Taube (Moskau), 

S. v. Basch: Die cardiale Dyspnoe und das eardiale 
Asthma. (Klinische Zeit- und Streitfragen. I. Band, 3. und 
4. Heft). 

Bisher glaubte man die Erscheinung der cardialen Dyspnoe durch 
die Verlangsamung des Blutstromes in der Lunge, die Raumbeen¬ 
gung der Alveolen durch die in dieselben hineinragenden prall ge- 
. füllten Capillaren, endlich durch die Ansammlung von Secret im Al- 
veolus und den Bronchien genügend erklären zu können. Vf. bringt 
nun eine Theorie der Dyspnoe, die im Wesentlichen von der bisheri¬ 
gen abweicht und sich auf das Verhalten des Blutdruckes bei der 
physiologischen Dyspnoe gründet. Vf. hat nämlich gefunden, dass 
der Blutdruck in den Arterien durch körperliche Anstrengung er¬ 
höht wird und auch während der stärksten physiologischen Dyspnoe 
anhält. Dieser Umstand drängte ihn zur Vermuthang, dass der hohe 
Blutdruck als solcher und nicht die Stauung in den Lungen (wie 
früher angenommen wurde und die erst beim Sinken des Blutdruckes 
in den Arterien sich entwickeln kann), einen Grund für die Dyspnoe 
. abgeben müsse. Und in der That hat Vf. schon in einer früheren 
experimentellen Arbeit nachgewiesen, dass je mehr die die Alveolen 
umspinnenden Lungencapillaren mit Blut gefüllt sind, umsomehr das 
Lumen des Alveolus wächst und seine Wand starrer wird; der Al- 
veolus kann in diesem Zustande bei der Inspiration nicht so ausge¬ 
dehnt werden und bei Exspirätion nicht in dem Maasse zusammen¬ 
fallen, wie ein blutleerer Alveolus. Mittelst dieser Theorie und in¬ 
dem er als prädisponirende Ursachen bald eine erhöhte Reizbarkeit 
der Vasomotoren, bald einen Schwächezustand des Herzens oder der 
Athmungsmusculatur, oder endlich eine ungleiche Blutvertheilnng etc. 
annimint, glaubt Vf. in genügender Weise das Zustandekommen der 
Dyspnoe nicht nur bei verschiedenen Herzfehlern und Schwächezu¬ 
ständen des Herzens, sondern auch bei Arteriosclerose, Nieren¬ 
schrumpfung, Anämie und Neurasthenie, allgemeiner Lipomatose, 
•Pseudohypertrophie der Muskelu etc. erklären zu können. Für die 
~ Aufstellung der Diagnose cardiale Dyspnoe hält der Vf. wiederholte 
Messungen des Blutdruckes für wenigstens ebenso wichtig wie die 
Bestimmung der Herzgrenzen, da letztere durch die Schwellung der 
- Lungen sehr oft unmöglich gemacht wird. 

Um das Zustandekommen der cardial-asthmatischen Anfälle er¬ 
klären zu können, untersucht B. zunächst die Ursachen, die die 
nächtlichen Anfälle veranlassen. Als H&uptursache nimmt er mit 
Traube die während des Schlafes stattfludeude Verflachung der 

* Respiration nnd Verengung der Stimmritze au. Die nächsten Folgen 
davon werden sein: ungenügender Gasaustausch, starke Contraction 
der peripheren Capillaren, Steigerung des Blutdruckes und Vermeh¬ 
rung der Lungenstarre. Da der Kranke im Schlafe seine Athemnoth 
weniger spürt als im wachen Zustande und ausserdem die Compen- 
sation von Seiten des Atbmungsmechanismus im Liegen zum Theile 

* ansfällt, so ist es klar, dass die Dyspnoe und ihre Folgen sich im 
Schlafe weit plötzlicher entwickeln können und der Patient erst er¬ 
wacht, wenn seine Dyspnoe sehr hochgradig ist. 

Die unter hohem Blutdrucke, also bei ungeschwächter Herzthätig- 
keit zn Stande kommende plötzliche Dyspnoe fasst B. als Prodro - 
malstadium des Asthma auf. Die Bezeichnung Asthma lässt er 
nur für jenen Zustand gelten, in dem das Herz seinen Gleichgewichts¬ 
zustand geändert hat, und in dem die starke Füllung der Lungenge- 
fässe mit einer wesentlichen Erniedrigung des Druckes in den Ar¬ 
terien snsammenfällt. Die Aenderung des Gleichgewichtszustandes 
des Herzens kann in 2 Formen ein treten — als Herzparese und als 
Herzkrampf, 

Die erste Form kann man experimentell am besten bei der Er- 
tickang studiren. Gegen die Einwirkung des toxisohen dyspnoi- 


schen Blutes reagirt zuerst und am stärksten die linke Herzhälfte. 
Während der rechte Ventrikel sich noch energisch contrahirt und 
seinen gesammten Inhalt in die Art. pulmonalis drängt, werden die 
Contractionen des linken Ventrikels immer schwächer und schwächer, 
der Blutdruck in der Aorta sinkt zusehends und nach und nach füllen 
sich erst der linke Ventrikel, dann der linke Vorhof, dann die Lun- 
gencapillaren prall mit Blut an, in Folge wessen sich ein hoher Grad 
von Lungenschwellung uud Lungencatarrhen ausbilden. Ganz die¬ 
selben Erscheinungen, die durch dieselbe Ursache bedingt werden, 
hat man auch vielfach bei cardial-asthmatischen Anfällen beobachtet. 

Ueber die zweite Form der Gleichgewichtsstörung des Herzens, 
den Herzkrampf, wird durch das Studium der bei Muscarin Vergiftung 
zu beobachtenden Vorgänge Licht verbreitet. Auch hier sehen wir 
den Blutdruck in der Aorta sinken, was aber dadurch bewirkt wird, 

I dass das linke Herz in der Diastole sich nicht genügend dilatirt, um 
die ganze durch die Art. pulmonalis und durch die Lungencapillaren 
in den linken Vorhof beförderte Blutquantität in sich aufnehmen zu 
können. Da zugleich der rechte Ventrikel fortfährt sich energisch 
zu contrahiren, so erreicht der Druck in den Lungencapillaren solch 
eine Höhe, dass es sogar zu einem Lungenödem kommen kann. 

Dass es Formen von Asthma giebt, die unter Entwickelung von 
Herzkrampf auftreten, dafür sprechen die Beobachtungen von Al- 
butt, Stokes, Bari6; jedenfalls kommen diese Formen viel sel¬ 
tener, als die paralytischen vor. 

Was die Differenzialdiagnose der einzelnen Formen von Asthma 
cardiale betrifft, so giebt uns B. so manche Anhaltspuncte: 

Das Asthma prodromale zeichnet sich nach ihm durch folgende 
Symptome aus: hochgradige Steigerung des Blutdruckes, also vollen 
kräftigen Puls, deutliche Schwellung der Lunge und gleichmässige 
Vergrösserung des Herzens. 

Beim Asthma paralyticum finden wir niedrigen Blutdruck, 
schwachen Puls, diffusen undulirenden Herzstoss, Verbreitung der 
Herzdämpfung nach links, dumpfe Töne über der Aorta und dem lin¬ 
ken Ventrikel, Accentuirung des 2. Pulmonaltones. 

Beim Asthma spasmoticum sieht man die Herzdämpfang nach 
der Seite des Sternums sich verbreitern, der Herzstoss ist nicht so 
diffus; der Unterschied in den Herztönen nicht so evident; ausser¬ 
dem lässt sich eine beträchtliche Dämpfung in der Gegend des linken 
Vorhofes nach weisen. Sehr wichtig für die Diagnose des A. 8. ist 
der Nachweis eines vorangegangenen Herzkrampfes. 

Zu erwähnen ist noch eine paralytische Form von Asthma cardiale, 
bei der es nicht zur Erschlaffung und Erweiterung des linken Ven¬ 
trikels kommt, die also im Wesentlichsten ganz dieselben Symptome, 
wie auch die spastische Form bietet, sich aber von der letzteren eben 
durch das Ausbleiben des Herzkrampfes als ätiologisches Moment 
unterscheidet. 

Was nun die .Unterscheidung des A. cardiale vom A. bronchiale 
betrifft, so legt B. der von einigen Klinikern ausschliesslich für die 
letztere Form in Anspruch genommenen acuten Lungenerweiterung 
aus leicht begreiflichem Grunde keine Bedeutung bei. Für viel 
wichtiger erklärt er den Nachweis eines Bronchialcatarrhs und das 
Vorwiegen der Inspirationsdyspnoe bei Bronchialasthma. 

Das Asthma dyspepticum zählt B. auch zu den cardialen Asth¬ 
maformen. 

Was die Therapie der cardialen Asthmaanfälle betrifft, so hält B. 
die Anwendung von Narcoticis resp. Morphium nur bei Asthma pro¬ 
dromale und bei Asthma spasmoticum für angezeigt. Bei den pare- 
tischen Formen sind die Stimulantia am Platze. K n. 

N. Lunin: Naphthalin bei Kinderdurchfall. Aus dem Eli- 

sabeth-Kinderhospitale. (Wratsch. 67/36). 

Auf Rossbach’s Mittheilung über den günstigen Einfluss von 
Naphthalin bei Darmcatarrhen, welches chemisch rein von gar keinen 
Nebenwirkungen begleitet sei, unternahm es L. dasselbe beim chroni¬ 
schen Darmcatarrh der Kinder anzuwenden. Beim acuten Darm- 
catarrhe wirke es nicht besser, als die alten bekannten Mittel, in 
Fällen mit Erbrechen habe es nach seinen Beobachtungen dasselbe 
sogar gesteigert; für den chronischen Darmcatarrh habe es ihm 
aber vorzügliche Dienste geleistet. L. giebt das Naphthalin zu 

O, 5 —2,0 Gim. pro die (je nach dem Alter der Kinder) in einer Rici- 
nusölemulsion. Nie habe er unangenehme Nebenwirkungen gesehen, 
doch möge er solche auch übersehen haben, da er nur an ambulatori¬ 
schem Materiale Beobachtungen machen konute. 

Die aus einem reichen Materiale angeführten 10 Krankengeschich¬ 
ten geben den vollständigsten Beweis der Wirksamkeit des Mittels. 


von Kaczorowski (Posen): Die Abführmittel, insbe¬ 
sondere der Kies. (Prseglad lekarski 1886, ref, in D. m. W. 
AI 13—16, 1887). 

Als ziemlich sicher wirkendes darmeröffhendes Mittel empfiehlt 
Verf. den Kies bei 1) habitueller Stuhlverstopfung, 2) chronischen 
Katarrhen des ganzen Verdauungstractus vom Rachen bis zum Dick¬ 
darm, 3) chronischen Hers- und Lungenkrankheiten anämischer Per¬ 
sonen, welche durch stärker wirkende Abführmittel geschwächt wer¬ 
den. Ganz besonders vortheilh&ft nnd durch kein anderes Mittel zu 
ersetzen ist der Kies in denjenigen Fällen von Stnhlverhaltnng, 
welche auf einer krampfhaften Constriction der Ringmuscnlatur des 
unteren Darmabschnitts beruht. Dieser spastischen Constipation 


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54 


begegnet man vorzugsweise bei jüngeren Personen mit gesteigerter 
Nervenerregbarkeit, welche mit materiellen oder fnnctionellen Rei- 
znngsznständen der Genitalorgane, besonders bei Masturbation, im 
Zusammenhänge steht. Unter den eigentlichen Abführmitteln ge¬ 
bührt dem Ricinusöl die erste Stelle ; besteht ein unbesieglicher 
Widerwille gegen dasselbe, so ist ein Aufguss von Rbeum oder Folio 
sennae zu versuchen. Aloe und Jolapa und die ganze Reibe der schar¬ 
fen Drastica sind bei Gesunder unnöthig und giessen bei Kranken 
Oel in’s Feuer. Saliniscbe Mittel eignen sich wegen ihrer unsiche¬ 
ren, unberechenbaren Wirkung nicht für acute Fälle, sondern für 
chronische Krankheiten. Zu Darmeingiessungen benutzt man am 
Besten 1 % Kochsalzlösung, bei nervösen Personen ölige oder schlei¬ 
mige Flüssigkeiten. 

Der Kies wird gereinigt, in der Hitze sterilisirt und nicht gröber 
als Hirsekorn- oder Hanfkorngrösse zu 1 Theelöffel bis 1 Esslöffel voll 
Morgens und Abends gereicht. MaxSchmidt. 

Sonnenberger (Worms): Ueber Pathogenese und 
Therapie des Keuchhustens, sowie über eine neue Be- 
Bandlungsweise desselben. (D. med. W. 14,1887). 

Während zweier Epidemien hat Verf. ca. 70 Keuchhustenkranke 
mit Antipyrin behandelt. Die Dosis betrug 0,01—0,5—1,0 je nach 
dem Alter, 3 Mal täglich. Der Erfolg war immer eclatant, die An¬ 
fälle wurden seltener und milder. In 5Fällen trat Complication ein, 

2 Mal Pneumonie, 3 Mal Tuberculose, letztere bei hereditär belaste¬ 
ten Kindern. MaxSchmidt. 

D. P. Kossorotow: Ueber die Frage der Fäulnissver- 
giftung. Vorläufige Mittheilung aus dem Laboratorium für 
allgemeine Pathologie d. Prof. W. W. Paschutin. (Wratsch 
1887. 36—37). 

Dass bei der grossen Zahl von Experimentatoren in dieser Frage 
eine fast eben so grosse Meinungsverschiedenheit bestehe, erklärt 
Verf. sich dadurch, dass nicht nach einheitlichem Principe, mit ver¬ 
schiedenartigen Stoffen und verschiedenen Quantitäten gearbeitet 
worden sei. Einen Beweis dafür lieferten die Experimente über 
die Wirkung fauliger Salzlösungen, die ein merkwürdig übereinstim¬ 
mendes Resultat ergeben hätten. Verf. benutzt zu seinen Versuchen 
die Naegeli’sche Lösung (10,0 Grm. weinsteinsaures Ammoniak, 
1,0 Grm. doppeltphoBphorsaures Kali, 0,2 Grm. schwefelsaure 
Magnesia und 0,1 Grm. Chlorcalcium auf ein Liter Wasser). Zu Cnl- 
turen benutzte er das Bacterium termo aus einer fauligen Lösung 
von Fleisch und Bohnen (Phasolen). Die Experimente sind im Ori¬ 
ginale nachzulesen. Die Schlüsse, zu denen er aus diesen kommt, 
sind folgende: 

1) Die Fäalnissmikroben bewirken bei Aufnahme in die Gewebe 
und das Blut eines gesunden Thiers keine Krankheitserscbeinungen. 

2) Die Salzlösung, in der die Mikroben cultivirt werden, verän¬ 
dert ihre Eigenschaften, wird zum Gift im pharmakologischen Sinne. 

3) Die giftigen Stoffe, die sich in den Lösungen bilden, sind in 
ihrer Wirkungsweise mit keinem Producte des Zerfalls, das sich bei 
Zersetzung der Salze bilden könnte, zu vergleichen und sind daher 
als Producte der synthetischen Wirkung der Mikroben anzusehen. 

4) Die Fäulnis8 bei Luftzutritt bedingt in den Lösungen das Auf¬ 
treten der Stoffe, die vorherrschend fieber* erregende Eigenschaften 
besitzen. 

5) Bei der Fäulniss ohne Luftzutritt bilden sich Stoffe (Ptomaine), 
welche vorherrschend auf das Centralnervensystem einwirken. 

6) Die fiebererregenden Stoffe sind in Alcohol und Wasser löslich. 

7) Bei Einverleibung von Fäulnissstoffen erhält man nicht das 
Bild von infectiösen Krankheiten, sondern immer das Bild von Ver¬ 
giftungen. 

8) Das Agens der Fäulnissstoffe ist ein chemischer Körper, dessen 

Wirkung im Verhältniss zu seiner eigenen Menge und der Grösse 
des Thieres steht. Daher ist der Krankbeitsprocess in Folge von 
Einverleibung von Fäulnissstoffen in eigentlichstem Sinne des Wortes 
eine Fäulnissvergiftung. N. 

Kol j ski: Fall von Hervorrufung der Menstruation durch 
mündliche Suggestion im hypnotischen Zustande. (Med. 
Obsr. 20). 

Verf. gelang es, bei einem 18-jährigen, unregelmässig menstruir- 
ten, an schwerer Hysteroepilepsie leidenden Mädchen durch Suggestion 
zuerst die nervösen Symptome, aber jedes Mal nur auf kurze Zeit, zu 
beseitigen. Von der Voraussetzung ausgehend, dass Fehlen der 
Menstruation häufig fanctionelle Krankheiten hervorruft, sugge- 
rirte K. der Kranken, dass bei ihr an einem bestimmten Tage nnd 
zu einer bestimmten Stunde die Regel eintreten solle, was auch mit 
der grössten Pünktlichkeit eintrat. Die Menstruation erschien nicht 
zum folgenden Termin, die Kranke fühlte sich aber dabei ganz wohl; 
zum darauffolgenden Termin wurde wiedernm die Suggestion wegen 
Erscheinens der Regel gemacht und auch dieses Hai mit gutem Er¬ 
folge. Die Kranke ist jetzt völlig gesund. Zu bemerken ist, dass 
das Allgemeinbefinden, das Auftreten der Krämpfe nnd ihre Stärke 
theilweise mit dem barometrischen Luftdrucke zusammenhingen und 
zwar die Anfälle gleichzeitig mit dem barometrischen Minimum auf¬ 
traten. (Cf. F o i s s a c, Meteorologie mit Rücksicht auf die Lehre vom 
Kosmos und in ihren Beziehungen zur Medicin und allgemeinen 
Qesundheitslehre. Deutsch bearbeitet von Dr. A. Emsmann. 
- Leipzig 1859). Hz. 


BDcher-Anzeigen und Besprechungen. 

Aerztlicher Taschenkalender auf das Jahr 1888 (KajieBßapfc 
äjiä Bpanefi BCtix b^äomctbi»), unter der Redaction von 
Prof. W. Anrep und Dr. N. Woronichin heraus¬ 
gegeben von C. Ricker. St. Petersburg, Verlag von 
C. Rick er. XXI. Jahrg. kl. 8°. 2 Tbeile. Preis in Callico 
geh. 1 Rbl. 80 Kop., in Leder geb. 2 Rbl. 10 Kop.; für Ueber- 
sendung 20 Kop. (Russisch). 

Der bekannte und beliebte Ricker 1 sehe ärztliche Kalender, 
welcher in diesem Jahre sein drittes Decennium beginnt, ist wiederum 
unter der bisherigen Pedaction und in zwei Theilen erschienen. Der 
erste elegant ausgestattete und je nach Wunsch, in Callico oder Leder 
gebnndene Theil, welcher als geschäftliches Taschenbuch dienen und 
den Arzt auf seiner Praxis begleiten soll, enthält in fast unveränderter 
Weise ausser dem Notizbuch und dem Kalendarium die dem Arzt auf 
seiner Praxis wünschenswerten Auskünfte. Der 2. für den Arbeitstisch 
des Arztes bestimmte Theil weist viele neu hinzugekommene Artikel 
auf, so: die neuesten medicinischen Gesetzesbestimmungen; die Statu¬ 
ten der med. Unterstützungskassen in Russland; das neuemedic. Prü¬ 
fungsreglement; die Bestimmungen über die Altersgrenzen im Me- 
dicinaldienst; über Filtration des Wassers. Auf 78 Octavseiten giebt 
Prof. M. Afanassjewnoch eine gedrängte, aber recht instructivo 
Uebersicbt der Fortschritte in der Bakteriologie der Infectionskrank- 
heiten in den letzten 2 Jahren und zwar mit den nötbigen Abbildungen. 
Es folgt nun zum Schluss das Personalverzeichniss der Aerzte, mit 
dessen Zusammenstellung wir uns aber diesmal nicht einverstanden 
erklären können. In demselben haben nämlich nur die med. Facul- 
täcen, der Medicinalrath, die Medicinalbeamten des Ministeriums des 
Krieges und des Kaiserl. Hofes, sowie der Anstalten der Kaiserin 
Maria Aufnahme gefungen, während die beamteten Aerzte des Mi¬ 
nisteriums des Innern, der Finanzen, der auswärtigen Angelegen¬ 
heiten nnd anderer Ressorts diesmal weggelassen sind. Nicht einmal 
das Medicinaldepartement, die oberste A dministrativ-Behörde für 
das Civil-Medicinalwesen hat Berücksichtigung gefunden, freilich 
ist auf 115 Seiten in dankenswerter Weise ein Verzeichniss der 
Aerzte Russlands alphabetisch nach dem Wohnsitz geordnet, beige- 
fügt, jedoch muss dieses, wie es bei der Schwierigkeit der Beschaffung 
des Materials ja ganz erklärlich, als noch recht unvollkommen ange¬ 
sehen werden nnd kann es daher die in den früheren Jahrgängen 
üblichen Verzeichnisse der beamteten Aerzte nicht ersetzen. Um 
nur ein Beispiel anzuführen, werden für die Stadt Riga im Verzeich¬ 
niss des Kalenders 35 Aerzte als dort ansässig aufgeführt, während 
nach dem Statist. Jahrbuch für Livland bereits im J. 1886 110 Civil- 
nnd 27 Militärärzte in Riga die Praxis ansübten. 

Im übrigen können wir nur die Vorzüge dieses Kalenders betonen 
nnd die Ueberzeugung aussprechen, dass derselbe die verdiente 
freundliche Aufnahme bei den Aerzten Russlands finden wird. Bf. 

Theodor Schott: Die Behandlung der chronischen 
Herzkrankheiten. Berlin 1887. Verlag von Eugen Grosser. 

Verf. nimmt auf Grund seiner eigenen in Nauheim gemachten Er 
fahrungen, wie auch nach kritischer Beleuchtung der wichtigsten- 
sowohl der alten wie auch in neuester Zeit vorgeschlagenen Behänd, 
lungsmethoden der ehr. Herzleiden zu folgenden Schlüssen: 

1) Unter allen Medicamenten ist die Digitalis (als Tinctur nnd ala 
Infusum) das souveränste Mittel, jedoch ist es nicht immer ungefähr¬ 
lich ; seine Wirkung stumpft sich oft im Gebrauch ab und viele 
Patienten vertragen es nicht. 

2) Andere Arzneimittel sind nur in einzelnen Fällen nutzbringend. 

3) Kohlensäurereiche Thermalsolbäder bringen öfters frische Klap- 
penexsudate zur Resorption. 

1 4) Kohlensälirereiche Thermalsolbäder nnd kohlensäurebaltige 
Eisenbäder sind Tonica ersten Ranges für den geschwächten Herz¬ 
muskel nnd werden in sehr vielen Fällen zugleich mit 

5) der Gymnastik verwendet. Der Anfang muss mit der Wider¬ 
stands und Selbsthemmungs-Gymnastik gemacht werden. Bergsteigen 
soll erst bei bereits gestärktem Herzmuskel geübt werden. Bei beiden 
Behandlungsmethoden ist eine stete Controlle seitens des Arztes un¬ 
bedingt nöthig. 

6) Mechanische und thermische Erregung vermögen, wenn auch 
vorübergehend bei hochgradigen Dilatatkraszuständen des Herzen* 
grossen Nutzen zu schaffen. 

7) Die Oertel’sche Behandlungsweise sollte nur da Verwen¬ 
dung finden, wo es gilt, bei muskelstarken Menschen mit normaler 
Blutbeschaffenheit, grössere Fettmengen ans Brust und Unterleib zu 
entfernen, aber auch hier ist die änsserste Vorsicht nöthig. 

8) Reichliche Ernährung der mageren, anämischen und bydrämi- 
seben Herzkranken ist durchaus geboten. Allzureichliches Essen 
und grössere Flüssigkeitsmengen sind indessen wegen der starken 
Anfüllung des Magens zu vermeiden. Kn. 


An die Redaction eingesandte Bücher und Druck- 
Schriften. 

— Multiple Fibrome der Haut und derNerven mit 
f Uebergang in Sarcom nnd mit Metastasenbildung^ 


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iS 


von Dr. Hermann Westphalen. Sep.-Abdr. ausVirchow’s 
Archiv. Bd. 110. 1887. 

— Lehrbuch der Geburtshilfe für Hebammen von 
Prof. Dr. Gustav Braun. — Wien 1888. Wilhelm Braumttller. 

— Lehrbuch der Kinderheilkunde von Dr. Andreas 
von Hüttenbrenner. — Wien 1888. Wilhelm Braumüller. 

7* Lehrbuch der physiologischen und pathologi¬ 
schen Chemie in zwanzig Vorlesungen für Aerzte und Studi- 
rende von Prof. Dr. G. Bunge. — Leipzig 1887. F. C. W. Vogel. 
Pr. 8 Hk. 

— Die Extraction derZähne, für Aerzte und Studirende v. 
Prof. Dr. L. H. H o 11 a e n d e r. — Leipzig 1888. Arthur Felix. 

— Handwörterbuch der gesammten Medicin, her¬ 
ausgegeben von Dr. A. Villaret. 3. und4. Lief. — Leipzig 1887. 
Ferdinand Enke. 

— Ochobki aH&ToniK 56JOBtK& Hpo*. Ax. n&Hia; 
nepenoxi» ooxb pex&K*1 cb npHöanieflisnH &po<|». A. H Tape- 
Hennaro, cb 403 pHcynnaxiTitt» Tezcrfe i cb 56 pHcyHKaMH Ha 
10t&6j. Bunycrbl. Kocthhcbhssi; cb 220 phc. bb TeKCTh 
n 4 raöi. — C.-üeTepÖypn, 1887. IX 2 py6. 

— Kypci onepaTHBHOft xipypria h xapypriae- 
cnof ÄHaTOMii. JleBuiH IIpo<J>. A. A. EoÖpoiia 1886—87 
asax< roxa. SanicaHO h ssxaHO CTyx- V-ro aypca M. A. Coko- 
j ob ti mb. BunycBB I. — MocEBa 1887. 

— Prof. L. Farabeuf. Ochobh onepaTHBHOft xspyp- 
r i H. PyKOBOXCTBO XIH CTXyeHTOBB H Bpauefi. IlepeBOXB CB (fipaH- 
nysCKaro, noxBpexaa. HCBXo6aBieHuiuiIIpo<[>. A. C. Tayöepa. 
Banycrb m mIV. Posesiiin h npouia onepanin. — C.-IIe- 
Tepöypn» 1887. KapiB PixsepB. IX. 1 py6. 50 s. 

— OCHOBH XiarHOCTHEH HepBHHXB 6oih8H6ft. Py¬ 
KOBOXCTBO Xi* CTyxeHTOBB H BpaneA. OoCTaBKlB npHBaTB-XOneHTB 
Q. H. PodeHÖaxB. Cb 58 phc* bb Texcrfe. — C.-IIeTepöyprB 
1887. KapiB PiisepB. 

— PyKOBOXCTBO bb uacTKoft naToiorii v TepaniK 
IU * spanet k ynamaxcaHpo$. repnaHa3ftx ropcTa. flonoi- 
HOHie kb Iny h n-My Tovy no 3-uy Hhu. hsx*, uoxb pex* npHBaTB- 
XoueHTa r. A* niaoxpo. — C.-HeTep6yprB. KapiB Phkbopb. 


Protokolle des Vereins St. Petersburger Aerzte. 

Sitzung am 27. Ociober 1887 . 

1 1. Dr. Schmitz führt dem Verein einen 5 Jährigen Knaben vor, 
an welchem er vor einem Monat wegen «angeborenen linksseitigen 
8cbiefbalse8» hoben Grades eine Myoplastik ausgeführt bat. In 
Berücksichtigung dessen, dass 1) die sonst übliche subcutane Teno- 
tomie des Sternei- und Clavicularansatzes des Sternocleidomastoi- 
deus nicht immer zu dem angestrebten Ziele führt (cf. Volkmann 
im Centralblatt für Chirurgie 1885, Al 14), und dass 2) auch bei der 
queren Durchschneidung des Muskelbauches die Einschaltung einer 
massiveren Narbenmasse das Endresultat trüben könnte, jedenfalls 
aber eine längerdauernde orthopädische Nachbehandlung mit Exten¬ 
sion und Apparaten erfordert, — trennte Schmitz nach Freipräpa¬ 
rirung des Muskelbauches (Längsschnitt, Schonung der Vena jugul. 
externa) diesen treppenförmig und zwar derart, dass in der Höhe des 
Unterkieferwinkels ein Querschnitt durch die mediale und 3 Ctm. 
unterhalb ein zweiter Querschnitt durch die laterale Hälfte des Mus¬ 
kelbauches geführt wurde; beide Querschnitte wurden dann durch 
einen Längsschnitt miteinander verbunden. Die 2 hierdurch gebil¬ 
deten Muskellappen, ein medialer mit der Basis nach unten und ein 
lateraler mit der Basis nach oben, wurden miteinander vernäht (Cat- 
gut), und auf diese Weise eine Verlängerung des Sternocleidomastoi- 
deus um etwa 3 Ctm. erzielt. 11 Tage lang fixirte ein Gypsverband 
den Kopf in der corrigirten Stellung. Es erfolgte prima inteutio und 
ein ganz vorzügliches functionelles Resultat. Die orthopädische 
Nachbehandlung bestand nur in leichter passiver und activer Gym¬ 
nastik ohne irgend welche Apparate. 

2. Dr. Schmitz zeigt ferner einen «Stein von fast Wallnuss¬ 
grösse» , den er einem Knaben aus einem Divertikel der Urethra 
durch Scrotaliccision entfernt bat. Pat. wurde ihm wegen angeb¬ 
lichen Hoden tumors zur Behandlung gebracht. Derartige Fälle ge¬ 
hören immerhin zu den Seltenheiten. 

Discu8sion. Dr. Ebermann hat mehrere ähnliche Fälle ge¬ 
sehen und zwar handelte es sich das eine Mal um ein faustgrosses 
Conorement in einem periurethralen Scrotalabscess; ein anderes Mal 
machte er bei einem Kinde den perinäalen Steinschnitt, fand jedoch 
keinen Stein in der Blase, obgleich alle Symptome darauf hingewiesen 
hatten. Erst eine Woche später bemerkte er beim Verbandwechsel 
zwischen den Hoden einen Abscess und nach Incision desselben er¬ 
gab sich ein mandelgrosser Stein, welcher unter der Haut zwischen 
den Hoden sass und vermuthlich während der Operation in’s Zellge¬ 
webe hineingeschlüpft war. — Ein 3. Fall, den übrigens Dr. Eber¬ 
mann bereits vor ca. 10 Jahren auf dem Chirurgeu-Congress mitge- 
theilt, war dadurch bemerkenswert!», dass der hübnereigrosse 8tein 
in einem Divertikel der Pars membranacea und bulbosa sass und sich 
hin und her bewegte, wodurch das Harnen bald schwer, bald leichter 
wurde und dass Pat. sich durch ein selbst verfertigtes Instrument 
<Bohrer) selbst lithotripsirt hat. 

. Dr. A s s m u t h erinnert sich ebenfalls eines Falles, wo bei einem 
Knaben, der in Folge eines Concrementes an Harnbeschwerden [litt, 


letztere plötzlich schwanden und die Untersuchung zeigte, dass das 
Concrement in einen Divertikel geschlüpft war. 

Dr. Anders fand bei einem kleinen Knaben einen Stein, der sich 
in der Pen membranacea eingekeilt und bedeutendes Oedem verur¬ 
sacht hatte. 

3. Dr. Holst theilt folgende «2 Fälle von Behandlung mit Nitro¬ 
glycerin* mit. 

Fall 1. D. A., 65 J. alt, aufgenommen in’s Hospital am 4. Oct. 
d. J. Giebt an seit 8 Tagen krank zu sein, was entschieden nicht 
richtig ist. — Starkes Oedem der Beine und der Haut des Unterleibes, 
geringer freier Ascites. Respiration stark erschwert. Wenig Urin, 
stark eiweissbaitig. Seit 8 Tagen verstopft. Leber enorm ver- 
grös8ert, reicht fast bis zum Nabel hinunter; Unebenheiten an der¬ 
selben nicht zu finden. Puls schwach, unregelmässig; Herztöne 
schwach, unregelmässig, öfters ein Schlag aussetzend. Ueber der 
Mitralis ein deutliches Blasegeräusch. Hers nach allen Dimensionen 
vergrössert, überragt den Sternalrand. T. in der ganzen Zeit des 
Hospitalaufenthalts subnormal. 1 % Lösung von Nitroglycerin 3 Mal 
tägl. 1 Tr. 

5. Oct. Nachdem gestern Magnes. sulph. 3? gegeben, drei dünne 
Stühle. 4Pfd. Urin. 

6. Oct. Keine Veränderung. — Nitroglycerin 3 Mal tägl. zu 2 Tr. 

7. Oct. 3 Pfd. Urin. — Nitroglycerin zu 2 Tropfen alle 3 Stunden. 

8. Oct. 8 Pfd. Urin, P. stets sehr erbärmlich. — 9. Oct. 9-J- Pfd. 
Urin. — 10. Oct 11 Pfd. Urin. 

11. Oct. 10 Pfd. Urin, P. ein wenig kräftiger, die Oedeme bedeu¬ 
tend vermindert. 

13. Oct 12 Pfd.Urin, P. kräftiger, doch noch ziemlich unregelmässig. 

14. Oct. 14 Pfd. Urin (circa 5000 Ccm.). Die Oedeme völlig ge¬ 
schwunden bis auf einen geringen Rest an den Füssen und um die 
Knöchel herum. Leber unverändert. Herzaction noch recht unre¬ 
gelmässig, aber entschieden kräftiger. Das systolische Sausen über 
der Mitralis unverändert. Respiration leicht und frei. 

16. Oct. Etwas über 10 Pfd. Urin. Das Eiweiss aus dem Urin 
gänzlich geschwunden. 

Die Urinmenge sank jetzt alimälig bis auf 7 Pfd., die Gabe Nitro¬ 
glycerin wurde vermindert, und Pat. schliesslich, da sie gar keine 
Beschwerden weiter fühlte, auf ihren Wunsch am 29. Oct. aus dem 
Hospitale entlassen. 

In diesem Falle war also eine sehr deutliche vermehrte Diurese um 
mehrere Tage früher eingetreten, ehe auch nur der geringste Ein¬ 
fluss auf die Herzthätigkeit zu bemerken gewesen war. 

Fall II (gleichzeitig mit Fall I in Behandlung). Pat., ein Mann 
in den Piafzigen, mir von früher her wohl bekannt als ein grosser, 
starker, kräftiger Mann, consultirte mich, nachdem er 6 Wochen 
lang unter der, Behandlung eines anderen Arztes krank gelegen 
hatte. Ich fand ihn in sehr elendem, herabgekommenem Zustande; 
Kräfte sehr gesunken, grosse Abmagerung, völlige Appetitlosigkeit, 
mit mässigen Fiebertemperaturen (wechselnder Zustand, bald nor¬ 
male oder fast normale T., bald stieg dieselbe bis 38,9), Delirien, die 
ich nur für Inanitionserscheinungen halten konnte, starkem Durch¬ 
fall, Klagen über Husten und Schmerzen in der rechten Seite. — Es 
handelte sich um eine rechtsseitige Pleuritis mit sehr reichlichem 
Exsudat; dabei aber zwei schlimme Complioatiouen: 1) ein chroni¬ 
scher Magendarmcatarrb, der schon seit einigen Jahren bestand. Diese 
ganze Zeit über stets mässiger Durchfall, Appetitlosigkeit, Wider¬ 
wille gegen Speisen, da jede Nahrungsaufnahme Beschwerden verur¬ 
sachte und Schmerzen in der Magengegend hervorrief, so dass Pat. 
wenig mehr als von Zeit zu Zeit ein Glas Bier genoss; starke Ektasie 
des Magens. Leib aufgetrieben, namentlich die Magengegend, wenig 
druckempfindlich. 2) Fettherz - das Herz nicht vergrössert, der Choc 
kaum zu fühlen, die Töne sehr leise, die Action unregelmässig, öfters 
aussetzend. Dementsprechend der Puls klein und leer, unregel¬ 
mässig, aussetzend. — Während der vorhergehenden Behandlung 
war es bis zu 14 dünnen Stühlen täglich gekommen; die Urinmenge 
sehr gering, höchstens 1 Pfd. täglich, bisweilen gar kein Urin. — 
Die Hauptgefahr lag in der InaniUon ; ich suchte also die Verdauung 
zu regeln und nach Möglichkeit zu heben durch sehr sorgfältige Re¬ 
gelung der Diät, etwas Rothweiii, Magister. Bismuth. etc. Nach¬ 
dem das so weit gelungen war, dass Pat. die aufgenommene Nahrung 
ohne Beschwerde ertrug und nur 1—2 breiige Ausleerungen täglich 
hatte, machte ich eine Probepunction und erhielt rein seröse Flüssig¬ 
keit. Das seröse Exsudat hoffte ich durch Resorption beseitigen zu 
können; das Darniederliegen der Herzthätigkeit, sowie der günstige 
Erfolg in dem vorher erwähnten Falle Hessen mich glauben, dass Ni¬ 
troglycerin hier das wahre Arcanum sein würde. Ein Tropfen der 
l%igen Lösung drei Mal täglich gegeben hatte keinen Effect. Eine 
Steigerung auf 2 Tr. pro dosi hatte ebenfalls durchaus keinen Ein¬ 
fluss, weder auf Diurese noch auf die Herzaction, die unangenehmen 
Nebenwirkungen des Nitroglycerin traten aber nur allzudeutiich zu 
Tage: eine allgemeine Unruhe im ganzen Körper, starke Con- 

f estionen zum Kopf, die mit jeder neuen Gabe sich steigerten, so 
ass es nicht nur zu neftigen Kopfschmerzen, sondern auch zu Deli¬ 
rien kam; kurz, das Mittel musste ausgesetzt werden. Ein Versuch 
mit Pilocarpin schlug ebenfalls fehl; dasselbe bewirkte keine Spur 
von Schweiss, nur starke Uebelkeiten und Brechneigung, und was 
das Schlimmste war, es trat wieder stärkerer Durchfall aur. Die Be¬ 
seitigung desselben schien mir wieder die dringendste Indication zu 
sein. Nachdem das gelungen war, wollte ich das Pleuraexsudat 
durch Punction entleeren. Da ich noch auf seröse Beschaffenheit des 



56 , 


Elrfdftts rechnete und Pat. äusserst furchtsam war, nahm ich einen 
donneren Troicart, erhielt aber keinen Tropfen Flüssigkeit. Um an 
sehen, ob das Abflussrohr nicht etwa verstopft sei, nahm ich dasselbe 
ab und blies hinein, worauf ein Eiterpfropf berausflog. Aber auch 
jetat floss nichts ab, die Canüle war offenbar zu dünn nnd verstopfte 
sich leicht durch Eiterflocken. Jetzt rieth ich dem Patienten die 
Thoracotomie an sich vornehmen zu lassen. Da ihm aber dieser Rath 
nicht gefiel, zog er es vor sich an einen anderen Arzt zu wenden \ was 
weiter aus ihm geworden ist, weise ich nicht. 

Dr. Schröder bemerkt bezüglich des von Dr. Holst im 2. Fall 
angewandten Pilocarpins, dass er dieses Mittel viel verordnet und 
wiederholt bei relativ stärkeren Dosen Durchfall und Tenesmen anf- 
treten sab. Ferner lenkt er die Aufmerksamkeit der Collegen dar¬ 
auf, dass die Präparate ungleich sind und man aus verschiedenen 
Apotheken verschieden stark wirkende LOsnngen erhält nnd räth bei 
jedesmaligem Wechsel der Apotheke lieber wieder mit schwächeren 
Dosen zu beginnen. 

4. Dr. Arnheim demonstrirt einen von ihm constrnirten Appa¬ 
rat (Thermovheugoskop) znr Bestimmung des Wärmeverlnstes der 
Haut, wobei aer Verlust durch Strahlung, durch Leitung nnd durch 
Verdunstung bestimmt wird. (Znr Veröffentlichung bestimmte Mit¬ 
teilung). (Scblnss folgt). 


Vermischtes. 

— Herrn Dr. E. Dreypölcher sind folgende Adressen vom 
Ver ein der Psychiater nnd vom Deutschen ärztlichen P er ein zn 
St, Petersburg suges&ndt worden : 

Hochgeehrter Herr College J 

Im Aufträge des Vereins der Psychiater zu St. Petersburg haben 
wir Endesunterzeichnete die Ehre Ihnen fflitzutheilen, dass die Mit¬ 
glieder ,des genannten Vereins in der Sitzung vom 30. Januar a. c. 
einstimmig beschlossen haben Ihnen ihre Tbeilnahme in Anlass des 
über Sie verhängten gerichtlichen Urtheils ausznsprecben. 

Präses des Vereins: Prof. M. Mershejewski. 

Secretär: P. Hosenbach. 

Hochgeehrter Herr College! 

Es ist in den jüngsten Tagen eine Prüfung über Sie ergangen, wie 
sie schwerer kaum ersonnen werden kann für einen M&nn von Ehre : 
Sie sind das unschuldige Opfer eines Missverständnisses sreworden 
nnd man hat Sie Öffentlich gebrandmarkt als einen pflichtvergeeeenen 
Arzt. Aber es giebt zwei Dinge, welche den Mann befähigen auch 
Solches ruhig zn ertragen und seinen Nacken nicht zn beugen, auch 
unter der schwersten Last, die das Geschick ihm anferlegt. Das 
Eine ist ein reines Gewissen ; das haben Sie. Das Andere ist: herz¬ 
liche Sympathie nnd rückhaltlose Anerkennung und Hochachtung von 
Seiten ehrenhafter Genossen ; das bringen wir Ihnen. 

Der deutsche ärztliche Verein zn 8t. Petersburg fühlt sich ge¬ 
drungen Ihnen zu sagen, dass er in seiner Gesammtheit von dem 
Missgeschick, das Sie betroffen, tief erschüttert nnd von Ihrer 
Sohuldlosigkeit fest überzeugt ist, sowie er auch davon überzeugt zn 
sein glaubt, dass Sie trotz dieses Missgeschickes fortfahren werden 
mit derselben selbstlosen Hingabe nnd steten Pflichttreue den For¬ 
derungen unseres schweren Berufes in echter Humanität n&chsu- 
kommen, wie Sie es bisher stets gethan haben. 

Genehmigen 8ie, hochgeehrter Herr College, die Versicherung 
unserer vollkommensten Hochachtung. 

Im Namen des Vereins: 

stellv. Präses: Dr. L i n g e n. 

Secretär: Dr. E. Masing. 

— Auf Bitte der Hauptverwaltung der russischen Gesellschaft des 
rothen Kreuzes theilen wir in Folgendem das Programm der von 
d er /P. internationalen Konferenz der Gesellschaften des Dothen 
Kreuees um die Prämie /. M. der Kaiserin von Deutschland aus¬ 
geschriebenen Concurreng mit . 

Ihre Majestät die deutsche Kaiserin, Königin von Prenssen hat 
geruht der IV. internationalen Konferenz der Gesellschaften des 
Rothen Kreuzes, welche im September vorigen Jahres in Karlsruhe 
tagte, 6000 Mark, drei goldene und neun silberne Medaillen mit ihrem 
Bildnisse zur Verfügung zn stellen. Der Zweck dieser reichen Gabe 
war, die Konferenz in Stand zn setzen, Etwas im Interesse des in¬ 
ternationalen Instituts des Rothen Kreuzes zn unternehmen, speciell 
zum Nutzen verwundeter und kranker Krieger. Im Hinblick auf 
dieee Bestimmung der gnädigen Schenkung beschloss die Konferenz 
eine Konkurrenz für die beste innere Einrichtung eines transpor¬ 
tablen Lazareths ansznschreiben, worunter die Angabe der Gegen¬ 
stände zu verstehen ist, die zur Einrichtung und Indienststellung 
eines für eine gewisse Zahl Kranker oder Verwundeter bestimmten 
transportablen Lazareths am zweckmässigsten und dabei leicht zn 
beschaffen sind. 

Die Abfassung des Konkurreniprogramms wurde dem deutschen 
Central-Komitö übertragen, weiches folgende Pnncte aufstellte: 

$ 1. Vorausgesetzt wild, dass in einer abgelegenen Ortschaft, 
wo kein Gebäude disponibel ist, in kürzester Zeit ein Lazareth für 
60 Kranke oder Verwundete zn errichten sei. 

Zn diesem Zwecke werdemdrei Baracken von 15 Meter Länge nnd 
5 Meter Breite, mit 3,25 Meter Wandhöhe nnd 3,65 Meter Giebel¬ 
höbe erbaut. Der Innenraum wird nicht abgetheilt nnd ist für die 
Unterbringung von 18, im Nothfall 20 Krankenbetten bestimmt. 


An einer Aossenw&hd jeder Baracke findet ein Abcrtgmit Ztigaftg 
von Aussen Platz. 

Eine oder zwei der anderen Baracken, die im Innern mit Abtheilun¬ 
gen versehen sind, sind für das ärztliche Personal, barmherzige 
Schwestern, Bedienung nnd überhaupt für Administration nnd Laza- 
reth-Oekonomie bestimmt. 

Es wird angenommen« das Personal bestehe aus zwei Aerzten, zwei 
Administrativbeamten, einem Koch nnd sechs Krankenwärtern. ^ 

Entsprechend diesen Voraussetzungen soll das Lazareth für die 
Behandlung Kranker oder Verwundeter in bester Weise eingerichtet 
werden. 

Die an der Konkurrenz sich Betheiligenden sind übrigens nicht ge¬ 
zwungen, sich nur äuf Baracken obigen Planes zn beschränken. Sie 
können sieh auch fliegende Feldlazarethe, wie sie in ihrem Lande ge¬ 
bräuchlich sind, znm Vorbilde nehmen, selbst wenn diese in ihren 
Dimensionen von den vorstehenden Angaben abweichen sollten; in 
solchem Falle ist jedoch die Beifügung von erläuternden Zeichnungen 
erforderlich. 

Die zur inneren Ausstattung des Lazareths dienenden Gegenstände 
müssen sich bequem verpacken und sowohl mit der Eisenbahn, alz 
auch mit Bauerwagen leicht transportiren lassen. Ein Hauptangen- 
merk ist somit auf Verminderung des Raumgehalts and Gewichtes 
zu richten. 

§ 2. Hinsichtlich der Vertheilnng nnd Anordnung der Lazareth- 
gegenstände ist den Konkurrirenden völlige Freiheit gegeben. 

Die Gegenstände, um welche es sich bei der Konkurrenz handelt, 
sind : Betten, Möbel, Beheiznngs- nnd Beleuchtnngsgegenstände, 
Utensilien der Krankenpflege, chirurgische Instrumente, Medika¬ 
mente, Bandagen, Verbandartikel, Wäsche, Kleider, Küchengegen¬ 
stände, Geschirr und Mundvorräthe für drei Tage. 

Besonderes Gewicht soll anf rationelle Anordnung der Oefen gelegt 
werden, die zur Erwärmung der Baracken, nnd wenn möglich, auch 
zur Warmhaltung des Fnssbodens dienen sollen. Alle Gegenstände 
sind in natürlicher Grösse, jedoch nur in je einem Exemplar vorzu¬ 
stellen. Modelle in verkleinertem Massstabe werden nicht angenom¬ 
men. 

§ 3. Eine erläuternde Beschreibung in deutscher, französischer, 
englischer oder italienischer Sprache und nöthigen Falles auch Zeich¬ 
nungen sind beizufügen. Die Beschreibung muss enthalten: a) einen 
Plan der Baulichkeiten, welche für die Administrativbeamten be¬ 
stimmt sind; b) ein Verzeichntes der zur Ausstattung des Lazareths 
für eine gewisse Zahl Kranker nnd Lazarethbeamten berechneten 
Gegenstände ; c) genaue Angaben der Preise und Bezugsquellen der 
Sachen, sowie der Kosten ihrer Verpackung; d) eine Angabe der 
Ordnung, in welcher die Gegenstände zn verpacken nnd zn verladen 
sind, nebst annähernder Berechnung der Kollizahl, ihrer Dimensionen, 
ihres Gewichtes, der .besten Verladnngsart auf Eisenbahnen oder 
Banerwagen l wie sie in Westeuropa in Gebrauch sind, mit Angabe 
der erforderlichen Anzahl solcher Wagen. 

Da anznnehmen wäre, dass nicht immer das ganze Lazareth, son¬ 
dern oft nur ein Theil desselben mobil zn machen ist, um ein bereits 
vorhandenes Lazareth zn erweitern, ist es wünschenswert!^ dass die 
zn einer Baracke gehörenden Sachen gesondert znr Verpackung 
kommen. 

§ 4. Die für die Konkurrenz bestimmten Gegenstände müssen bis 
zum 15. Angnst 1888 dem anordnenden Komitö der internationalen 
Ausstellung für Wissenschaften und Industrie in Brüssel zogegangen 
sein nnd werden adressirt: „Au comitö executif du grand concoors 
international des scienoes et de rindnstrie; Rue du Palais Ji 22 i 
Bruxelles. 

Jeder der Konkurrenten hat ausserdem laut gleicher Adresse bis 
zum 15. Juli 1888 Mittheilung darüber zu machen, welches Raumes 
er bedarf; doch erwachsen ihm ans der Benutzung desselben keiner¬ 
lei Kosten. 

§ 5. Die Entscheidung der Prämiirnng wird einer internationalen 
Jury auheimgegeben sein , die auch zn bestimmen hat, ob alle nnd 
welche Prämien znr Vertheilnng gelangen. 

Machen einige Personen bei' der Konknrrenzarbeit gemeinsame 
Sache, so ist vorher anzugeben, welcher von ihnen bei eventueller 
Zuerkennung die Prämie zufällt. 

Personen, die nicht im Stande sind, alle Gegenstände der Lazareth- 
einrichtung auszustellen, können sich auf die Einsendung einzelner 
(ungehöriger Theile beschränken und erhalten dann der Bedeutung 
dieser Sachen entsprechende Prämien. 

§ 6. Die Ausstellung der Konkorrenzarbeiten auf der Brüsseler 
Ausstellung währt vom 1. bis zum 30. September 1888. 

Vom 3. Oktober ab können die Sachen zurückgezogen werden. 
Gegenstände, welche bis zum 15. Oktober nicht znrückgenommen 
wurden, verfallen der Belgischen Gesellschaft des Rothen Kreuzes. 

S 7. Die Jury erstattet dem Centr&Ikoroitö der deutschen Gesell¬ 
schaften des Rothen Kreuzes umständlich Bericht und motivirt ihre 
Entscheidung. Das Komitö seinerseits veröffentlicht den Bericht 
der Jury. 

§ 8. Um nähere Erläuterungen der Bedingungen und aller die 
Konkurrenz betreffenden Fragen hat man sich an das Deutsche Cen¬ 
tral komitö des Rothen Krenzes — Wilhelmstrasse 73 in Berlin — % 
wenden. Hinsichtlich der Unterbringung der bezüglichen Gf^w. 
stände anf der Ausstellung ertheilt das Brüsseler Ausstellung?-* * 
(8. § 4) Auskunft. Digjtized by \o 



Neue Folge. V. Jahrg 


XIII. Jahrgang. St. Petersburger 

Medicinische Wochenschrift 

unter der Redaetion von 

Prof. Ed. v. WAHL, Dr. L. v. HOLST, Dr. Th. v. SCHRÖDER, 

Dorpat. St. Petersburg. St. Petersburg. 

Die «St. Petersburger Medicinische Wochenschrift» erscheint jedei Sonn- Inserate werden ausschliesslich im Central-Annoncen-Bu- 

mbend. Der Abonnemente-Preis ist in Russland 8 Rbl. für das Jahr, reau von Friedrich Petriek in St. Petersburg, Newsky-Prospect >1 8, 
4 Rbl. für das halbe Jahr inclusive Post-Zustellung; in den anderen Län- und in Paris bei unseren General -Agenten entgegengenommen, 
de rn 16 Mark jährlich, 8 Mark halbjährlich. Der Inserations-Preis für Lu annonces fran$aisos sont regues exclusivement k Paris 
die 3 mal gespaltene Zeile in Petit ist 12 Kop. oder 30 Pfenn. — Den chex Messieurs G. E. Puel de Lobol & Cie., RueLafayette 58. 

Autoren werden 25 Separatabxüge ihrer Original - Artikel xugesandt; - 

Referate werden nach dem Satxe von 16 Rbl. pro Bogen honorirt. Manuscripte sowie alle auf die Redaetion bexüglichen Mittheilungen 
Abonnomonts-AuftrSge bittet man an die Buchhandlung von bittet man an den g eschäfts führen de n Redacteur Dr. Theodor 
Cari Rickor in St. Petersburg, Newsky - Prospect H 14 xu richten. V. Schröder (Malaja Italjanskaja, Haus 33, Quart. 3) ru richten. 

Ng 7. _ St. Petersburg, 13. (25) Februar 1838. 

lahalti Alexander Bange: Hediciniscbe Beobachtungen in Nord-Sibirien.— Referate. A. A. Balmaschow: Znr Frage 
Uber den Einfluss der Lager auf die Gesundheit der Soldaten. — Madelung: Zur Frage der operativen Behandlung der inneren Darmein- 
Hemmungen. — Loebisch: Ueber die neneren Behandlnngsweisen der Fettleibigkeit.—Braus: Exitus letalis in Folge misabräm-h- 
lich gehandhabter Schmiercnr. Ziemssen: Die Heilnng der sogenannten Dysenteria mercnrialis. — L. Fried mann: Erfahrungen 
eines Lungenkranken. — St ata: Ueber die Resultate der Bergeon’schen Methode der Behandlung von Lungenschwindsucht. — F. 
A h J f el d: Die Tamponade bei Placenta praevia. — Stukowenkow: 3 Fälle von Rbinosklerom. - Protokolle des Vereins St. Peters¬ 
burger Aerete. — Vermischtes. — Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs. — Mortalität einiger Hauptstädte Europas — Anzeigen. 

Medicinische Beobachtungen in Nord-Sibirien, I Millionen DWerst, oder 70 Tausend □ vierten, d. h. den 11. 

(Vortrag gehalten in der Gesellschaft der Marine-Aerste). I Theij des ganzen asiatischen Festlandes oder ebensoviel 
Von I wie das ganze europäische Russland. Die Gegend ist 

Dr. Alexander Bunge. grösstentbeils bergig und steigt bis zu 5000 Fuss in einzel- 

_ neu Bergrücken an, deren Gipfel 7000 Fuss erreichen. Sie 

M. H.! Gestatten Sie mir Ihre Aufmerksamkeit für wird fast in ihrer ganzen Ausdehnung durchströmt von dem 
kurze Zeit auf eine Gegend des fernen Ostens, die Provinz herrlichen Lenastrom und dessen mächtigen Nebenflüssen: 
Jakutsk, zu lenken, in deren nördlichem Theile ich fast un- Oljekma, Witim, Aldan und Wiljui. Ausserdem finden sich 
twiterbrochen fünf Jahre, von Anfang des Jahres 1882 bis noch zahlreiche Flüsse, unter denen als bedeutendste zu er¬ 
finde d. J. 1886, zugebracht habe, auf Expeditionen, deren wähnen sind: die Anabara, der Olei.jek, die Iana, Indi- 
erste von der Kaiserl. Geograph. Gesellschaft, die zweite g ir *a, Alaseja und Kolyma, die uns kaum dem Namen nach 
von der Kaiserl. Academie der Wissenschaften ausgerüstet bekannt sind, obgleich ihre Länge 2000 und mehr Werst 
waren. Ich möchte Ihnen heute einige Mittheilungeu über beträgt. 

die unter den dortigen Eingeborenen herrschenden Krank- Aus verschiedenen Gründen muss man dies ganze Gebiet 
beiten machen und hofie, dass dieselben für Sie nicht ohne in zwei scharf von einander unterschiedene Theile theilen, 
Interesse sein werden. Vorausschicken aber muss ich, dass den nördlichen und een südlichen. Während der südliche 
einerseits meine medicinischen Untersuchungen und Beob- Theil von undurchdringlichen Wäldern bedeckt ist, die nur 
Achtungen nicht sehr zahlreiche sind, da die medicinische selten von Wiesen und Heuscblägen unterbrochen werden, 
Praxis, angesichts der Menge der uns gestellten Aufgaben, erstreckt sich im nördl. Theile, d. b. ungefähr vom 70° n. 
in zweiter Linie stand; nur meine freie Zeit konnte ich der- Br. an die unendliche Tundra, kaum bedeckt von spärlicher 
selben widmen und war ausserdem bei den ungeheueren Ent- Vegetation, Moos und Flechten. Entsprechend der Natur 
fernungen nicht im Stande dem Verlauf der Krankheiten zu j theiit sich die. Beschäftigung der Bevölkerung. Die Einge¬ 
folgen, da ich die Kranken häufig nur einmal zu Gesichte borenen und Ansiedler im Süden beschäftigen sich mit Vieh¬ 
bekam. Andererseits sind die Krankheiten, die ich dort zu zucht und theilweise sogar mit Acker- und Gemüsebau; die 
sehen Gelegenheit hatte, mit Ausnahme einer einzigen die- Hauptbeschäftigung der Bevölkerung im Norden bilden 
selben, die hier in Petersburg wie auch im übrigen Russland Fischfang, Jagd und Rennt hierzucht. Endlich ist auch im 
und Europa täglich beobachtet werden. Daher beanspruchen Klima, obgleich es überall rauh ist, ein Unterschied zu be- 
meine Beobachtungen nur in so weit Interesse, als sie in merken: im Süden ist der Sommer, ungeachtet seiner Kürze, 
einer entfernten und bisher wenig bekannten Gegend ange- sehr heiss, so dass in der Stadt akutsk z. B. vorzügliche 
stellt wurden und somit, zusammen mit anderen Beobach- Arbusen reif werden; noch unter dem 68° n. Br. imjana- 
tungen nicht nur in wissenschaftlicher Beziehung, z. B. be- lande konnte ich eiue Temperatur von 34° C. im Schatten 
trefls der geographischen Verbreitung der Krankheiten, beobachten; im Norden dagegen ist der sommer kurz und 
sondern auch in praktischer nicht ohne Werth sein mögen. kalt, beständige Winde, Regen, Nebel, Schnee und Scbnee- 
Gestatten Sie mir zunächst einige Worte über die Ge- gestöber wechseln miteiuai.der ab. Umgekehrt ist der 
gend selbst, ihr Klima und ihre Bewohner. Winter in der Nähe des Ei uieeres viel milder, als im Süden, 

Die Provinz Jakutsk, die grösste Sibiriens, erstreckt sich wo vom November bis Ende t-eoruar eine Kälte von 50* C. 
von Süden nach Norden vom 54° nördl. Br. bis zum Eis- und mehr andauert. Ich selbst nahe sehr niedrige Tempe- 

meer, d. h. ungefähr bis zum 73° nördl. Br., rechnet man raturen nicht beobachtet, da ich mich zur Zeit der streug- 

die Neusibirischen Inseln dazu, sogar bis 76° nördl. Breite; sten Kälte, im Januar, an (jer KüVte des Eismeeres oder 

von Westen nach Osten reicht sie vom 74° bis 140° w. L. südlich vom Jakutsker Gebiet, im Gouveroemeut Irkutsk, 

von Pulkowa, und umfasst einen Flächenraum von fast 3-J- aufhielt. Als niedrigste Temperatur habe ich am 16. Nov. 

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60 


1884 in der Stadt Werchojansk 56° C. und einige Zehntel 
abgelesen. Im December 1835 und 86 aber hielt da¬ 
selbst einige Tage der Reihe nach eine Kälte von 66* C. an, 
was in Wirklichkeit nach den Untersuchungen des Herrn Aca- 
demiker Wild 74° C., d. h. 60° R. entspricht. Zu bemer¬ 
ken ist, dass dort bei solcher Kälte absolute Stille herrscht, 
während an der Küste des Eismeeres, wo die Kälte immer¬ 
hin bis 54* C. steigt, heftige Schneestürme wüthen. 

Viele Reisende versichern, dass bei solcher Kälte das 
Athmen schwer wird und man in der Brust Schmerz empfin¬ 
det. Ich habe nichts Derartiges empfunden, obgleich ich 
mehr als einmal ganze Tage auch bei 50* C. und mehr im 
offenen Schlitten gereist bin; auch die Einwohner der Stadt 
Werchojansk versicherten mir, dass sie bei den alleruiedrig- 
sten Temperaturen auch niemals irgend welche Unbequem¬ 
lichkeiten empfunden und nie ihre gewohnten Beschäftigun¬ 
gen unterbrochen hätten. Nur nach starker Körperbewe¬ 
gung, z. B. schnellem Laufe trat bei mir sehr acuter 
Bronchialcatarrh mit Schmerz und Husten auf, der übrigens 
ebenso rasch schwand, als er entstanden war. 

Das ganze ungeheuer grosse Jakutsker Gebiet bewohnen 
nur 250 Tausend Menschen: Russen, Jakuten, Tungusen 
und im äusgersten Osten wenige Tschuktscben; den G und- 
stock der Bevölkerung und den bei weitem grössten Theil 
derselben bilden die Jakuten, die einst die ersten Bewohner 
dieser Gegend, die Tungusen, verdrängt und sich darauf mit 
ihnen, besonders im Norden, in eine Völkerschaft verschmol¬ 
zen haben. Deshalb ist die herrschende Sprache hier die 
jakutische. 

Die Jakuten, ein Volk türkisch-tatarischer Abstammung 
sind von mittlerem Wuchs und kräftigem Körperbau. Die 
Hautfarbe i3t dunkel, die Haare sind schwarz, die Augen 
braun und schief geschlitzt; die Nase ist platt, bisweilen 
aber gebogen, was ihnen Aehnlichkeit mit den nord&meri- 
kanisehen Indianern giebt, worauf schon früher Midden¬ 
dorf aufmerksam gemacht hat. Die Backenknochen 
springen stark vor, die Zähne sind bis in's höchste Alter aus¬ 
gezeichnet gut; die Hände und Füsse sind klein. Die Wei¬ 
ber sind von niedrigem Wuchs, aber breitschultrig und 
haben ein breites Becken; sie gebären leicht, fast ohne jede 
fremde Hülfe. Zu meinem Bedauern bin ich nicht ein ein¬ 
ziges Mal bei einer Geburt zugegen gewesen, obgleich die 
Jakuten sich, mehrfach vor einer solchen an mich mit der 
Bitte wandten, nötigenfalls äiztliche Hülfe zu leisten. Die 
Zahl der Kinder ist eine sehr beschränkte, selten höher als 
2—3, von denen noch etwa dis Hälfte im Kindesalter stirbt. 

Die Tungusen sind mongolisch-mandsbu rischer Abstam¬ 
mung; sie sind von niedrigerem Wuchs und zarterem Kör¬ 
perbau, als die Jakuten; ihre Hautfarbe ist bedeutend heller; 
die Haare sind ebenfalls schwarz und die Augen braun; den 
Hauptunterschied von den Jakuten bildet das Gesicht, das 
breiter und flacher ist. Während bei letzteren das Os zygo- 
maticum stärker vorspringt, tritt bei den Tungusen der Ar¬ 
cus zygomaticus mehr hervor. Uebrigens ist es schwierig 
scharfe Unterscheidungsmerkmale der beiden Völkerstämme 
testzustellen, da man selten von der Reinheit der Abstam¬ 
mung eines Individuums überzeugt sein kann. 

Die Jakuten leben in sogenannten Jurten — hölzernen 
Gebäuden in Form einer abgestumpften Pyramide, die durch 
Kamine erheizt werden; in Folge dessen ist die Luft in den¬ 
selben, besonders wenn sie mit einer Diele versehen sind, 
rein nnd trocken. Das eben Gesagte bezieht sich aber nur 
auf die nördlichen Jakuten; bei den südlichen zeichnet sich 
die Luft im Winter nicht durch Reinheit aus, da auch das 
Vieh in der Jurte gehalten wird. Die Tungusen, die im 
Süden, wie im Norden beständig nomadisiren und sich aus¬ 
schliesslich mit Jagd und Fischfang beschäftigen, leben in 
ledernen Zelten, die sie, je nach Bedürfniss von einem Ort 
zum andern transportiren; sie beschäftigen sich auch mit 
Rennthierzucht. 

Was deh Charakter und die Sitten der Eingeborenen be¬ 
trifft, so besteht auch darin ein Unterschied zwischen den 


nördlichen und südlichen. In jeder Beziehung muss man, 
nach den von mir eingezogenen Erkundigungen, den nörd¬ 
lichen den Vorzug geben; persönlich habe ich fast nur die 
Bewohner der Eismeerküste kennen gelernt. Diese sind 
ein gutmütliiges, immer heiteres und äusserst sorgloses Volk, 
sie folgen genau den Worten der Schrift und sorgen nicht 
für den kommenden Tag; nur Noth und Hunger vermögen 
sie zur Arbeit zu treiben. Ihre Ehrlichkeit und Moralität 
sind tadellos, das Familienleben üt vortrefflich, die Liebe zu 
den Kiadern sehr gross. Mord und Selbstmord sind voll¬ 
ständig unbekannt. Ein sehr hervorstechender Charakter¬ 
zug ist ihre Redseligkeit, die schon aas der Form des Grosses 
«Kapsä» (deutsch «Erzähle*) hervorgeht; und in der That 
finden sie Stoff zu endlosen Erzählungen, deren Inhalt fast 
nur die allergewöhnlichsten Ereignisse bilden. Wenn auch 
dieser Stoff erschöpft ist, so fängt das Erzählen unendlich 
langer Märchen an und der Erzähler kann stets auf dank¬ 
bare Zuhörer rechnen. Ein weniger angenehmer Zag ihres 
Charakters ist ihre Leidenschaft für das Spiel, besonders 
für das Kartenspiel, wobei sie besonders dem Htzardspiel zu 
hohem Einsatz ergeben sind. Da sie selten etwas besitzen, 
spielen sie meist auf Schuld, halten aber das Bezahlen der¬ 
selben für eine Ehrensache. Schliesslich muss ich noch er¬ 
wähnen, dass sie sehr gierig nach narkotischen Genussmit¬ 
teln, wie Thee, Tabak und Branntwein sind, für die sie be¬ 
reitwillig das Letzte hingeben. 

Nach dieser kurzen Einleitung, die sich natürlich bis znm 
Umfange eines ganzen Bandes erweitern Hesse, gestatten 
Sie mir zu meinem Thema im engeren Sinne überzugehen, 
zu den Krankheiten, die im nördlichen Theil des Jakutsker 
Gebietes herrschen, und zu der Art ihrer Behandlung. Ich 
will nur einige Worte über den Zustand des modernen Me- 
dicinalwesens in diesem Gebiet vorausschicken. Io der gan¬ 
zen ungeheuren Ausdehnung desselben sind nicht mehr als 
8 Aerzte in Thätigkeit, wenn alle Stellen besetzt sind; frei- 
prakticirende Aerzte giebt es nicht. Von diesen kommen 
4 auf die Stadt Jakutsk (der Medicinalinspector, der Stadt-, 
Militär- und Kreisarzt) und je einer auf die Kreisstädte: 
Olekminsk, Wiljuisk, Werchojansk, Kolymsk. Die Zahl der 
Feldscheere ist nur wenig grösser; Hebammen giebt es in 
jeder Kreisstadt eine. Aus diesen Angaben können Sie sich 
eine Vorstellung über den dortigen Zustand der ärztlichen 
Hülfeleistung machen, wenn Sie dabei die ungeheuren Ent¬ 
fernungen und das Verstreutwohnen der Bevölkerung in 
Betracht ziehen. 

Ich habe besonders an zwei Orten Gelegenheit gehabt die 
örtlichen Krankheiten kennen zn lernen, an der Mündung 
der Lena und an der Mündung der Jana im Dorfe Kasatschje. 
Die Eingeborenen, welche sich anfangs misstrauisch gegen 
uns verhielten, fingen, da sie sahen, dass wir ihnen keinen 
Schaden zufügten, sondern im Gegentheil ihnen nützlich sein 
konnten, an, sieb mit verschiedenen Bitten an uns zu wen¬ 
den, unter anderem auch um ärztliche Hülfe und ich war 
fast immer im Stande diese Bitte zu erfüllen, da ich eine 
recht gut versehene Apotheke mit hatte. Häufig kamen 
sie, wenu sie von uns hörten, aus weiter Entfernung auf 
1000 und mehr Werst 

Die Jakuten selbst tbeilen die Krankheiten in zwei Arten: 
die russischen und die jakutischen. Zu den ersteren rechnen 
sie Pocken und Syphilis, zu den letzteren alle übrigen Krank¬ 
heiten. Machen wir mit jenen den Anfang. 

Die Syphilis muss vor etwa 25 Jahren in diesen Gegenden 
schrecklich gehaust haben; jetzt ist sie, nach meineu Beob¬ 
achtungen, im Norden nicht so sehr verbreitet, rings um 
die Städte Jakutsk und Werchojansk herrscht sie aber noch 
in ärgster Weise. Früher sind im Norden hier und da 
ganze Dörfer in Folge der Syphilis ausgestorben (Sagastyr). 
In*den 60-ger Jahren entsandte die Regierung angesichts 
der durch dieselbe verursachten, erschreckenden Verödung 
einige Aerzte in diese Gegend speciell zur Bekämpfung der 
Syphilis und offenbar haben dieselben energisch und erfolg¬ 
reich gewirkt, da sie das beste Andenken unter Russen und 
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61 


BiöfcebOTeneö hinterlassen haben. Ausserdem muss man 
trohl annebmen, dass die letzteren selbst, nachdem sie die 
ihnen drohende Gefahr begriffen hatten, anfingen vorsichti¬ 
ger zu werden und die Ansteckung zu vermeiden. Jeden¬ 
falls habe ich an der Lenamfindung, wie auch in Ustjansk 
(an der Janamfindung) nur einige Fälle von grösstentheils 
inveterirter Syphilis gesehen. Allerdings ist der Umstand 
dabei » beachten, dass uncivilisirte Völkerschaften, wie 
jeder Arzt, der unter denselben zu leben und zu prakticiren 
Gelegenheit gehabt hat, weiss, vor demselben frische Erkran¬ 
kungen zu verheimlichen pflegen, so dass ihm last nur ver¬ 
altete Fälle zu Gesiebt kommen (S p e r k). 

Yon anderen venerischen Krankheiten habe ich im Norden 
nur ein Mal Tripper beobachtet und auch der war wahr¬ 
scheinlich in der Stadt Jakntsk acquirirt worden. 

Die zweite hierhergehörige Krankheit, die Pocken , bilden 
eine noch schrecklichere Geissei dieser Gegend, da die 
Impfung in höchst ungenügendem Maasse geöbt wird. Sie 
sind in diesem Jahrhundert an verschiedenen Stellen des 
Jakutsker Gebietes epidemisch aufgetreten. Zu Ende des J. 
1883 und im J. 1884 konnte ich, wenn auch aus der Ferne, 
dem Verlaufe einer solchen Epidemie folgen. Dieselbe be¬ 
gann im Sommer d. J. 1883 in der Nähe der Stadt Jakutsk, 
und wurde von dort die Lena abwärts verschleppt durch zu- 
rückkehreade Handelsfahrzeuge, die auf ihrem Wege die 
Ansteckung aber die ganze Uferbevölkerung bis zum Dorfe 
Bülun verbreiteten; hier am Endpunct der Schifffahrt hauste 
sie ib schrecklicher Weise. Nit Anbruch des Winters schien 
sie bereits vollständig geschwunden zu sein, als sie plötzlich 
wieder mit erneuter Kraft im Södosten des Lenadeltas auf¬ 
trat, wo sich einige Dörfer mit einer Einwohnerzahl von zu¬ 
sammen circa 100 Seelen befinden; von diesen starben im 
Laufe des Winters gegen 60 Personen. Zum Glück ent¬ 
wickelte sich die Epidemie nicht in dem unserer Station be¬ 
nachbarten Dorfe von gegen 150 8eelen, obgleich sie dahin 
von einem angesteckten Jakuten verschleppt wurde, der am 
3. Tage nach seiner Ankunft starb; in Folge seines raschen 
Todes und wohl auch der von uns getroffenen Anordnungen 
fand keine weitere Verbreitung der Krankheit statt. 

Unter der örtlichen Bevölkerung herrscht der Glaube, es 
wandre die Pockenkrankheit in Gestalt eines alten Weibes 
in der Gegend umher und stecke die Ortschaften an, in de¬ 
nen sie verweilt. Als sie sich einst zur Wanderung von Ust- 
jansk an die Lenamfindung aufmaebfe, habe sie ein Kind 
mitgenommen, das bestimmt gewesen sei die Krankheit im 
nördlichen Theile des Deltas zu verbreiten. Aber auf dem 
Wege über die Meeresbucht sei das Kind, bei einem heftigen 
Schneesturm, in Folge der Kälte gestorben und dadurch wäre 
der nördliche Theil des Deltas für immer von der Pocken¬ 
krankheit befreit. — Diese Sage iet nicht ohne einen Kern 
von Wahrheit, da sie auf den rettenden Einfluss der stren¬ 
gen Kälte und der Schneestürme hindeutet. 

Von der Lenamfindung verbreitete sich die Epidemie wei¬ 
ter nach Osten zur Mündung der Jana, und erreichte dann 
im Laufe d. J. 1884, nachdem ihr fast die Hälfte der Bevöl¬ 
kerung der Küstengegend zum Opfer gefallen war, die Mün¬ 
dung der Kolyma, wo sie schreckliche Verheerungen unter 
den dortigen Eingeborenen, besonders den Tschuktschen, 
anrichtete. Im Anfang des J. 1885 drohte sie wieder mit 
Kaufleuten aus Kolymsk in den Werchojansker Kreis zu- 
rfickzukehren, erlosch aber bald von selbst oder Dank den 
ergriffenen Maassregeln. 

Angesichts so schrecklicher Verheerungen, welche die Epi¬ 
demie anriefatete, muss es sonderbar erscheinen, dass es noch 
Leute giebt, die den Nutzen der Schutzpockenimpfung be¬ 
streiten : während die gut geimpfte russische Bevölkerung 
garniebt litt, starb von den schlecht oder überhaupt nicht 
geimpften Eingeborenen mehr als die Hälfte. Auch denen, 
die den Nutzen der Schutzpockenimpfung läugnen in der 
Meinung, dass man den Pocken freien Lauf lassen solle, da¬ 
mit der schwächere Theil der Bevölkerung aussterbe, der 
starke übrig bleibe, muss ich bemerken, dass umgekehrt 


der beste und kräftigste Theil der Bevölkerung der Epidemie 
zum Opfer fiel. 

Bemerkenswerth ist die auch sonst schon beobachtete Er¬ 
scheinung, dass zur Zeit der Epidemie sowohl im Winter 
des Jahres 83 bei uns auf der meteorologischen Station, wie 
auch in Ustjansk im Jahre 85, als die Pocken wieder aufzu¬ 
treten drohten, sieb die Windpocken zeigten, welche die ört¬ 
liche Bevölkerung nicht weuig erschreckten. 

Im Anschluss an die angeführten infectiösen Krankheiten 
muss ich erwähnen, dass ich im Sommer des Jahres 85 Ge¬ 
legenheit hatte ein recht eigentbfimlicbes epidemisches Auf¬ 
treten der Rose (Erysipelas) zu beobachten, welche bis zu 
der Zeit nach den von mir eingezogenen Erkundigungen, 
den Eingeborenen noch unbekannt war. Sie trat im Tbale 
des Flusses Dolgulacb, eines Nebenflusses der Jana, auf und 
versetzte die ganze Bevölkerung in grossen Schrecken. 
Später habe ich dieselbe noch mehrfach im Juni-Monat in 
verschiedenen Orten an der Jana beobachtet. Woher sie 
erschien und wie diese typisch infectiöse Krankheit in eine 
so entfernte Gegend verschleppt wurde, vermag ich nicht mit 
Sicherheit zu Bagen; ich glaube aber, dass Insecten, Mücken 
oder Fliegen, die Infectionsträger gewesen sind. 

Es erübrigt mir noch einige Worte über eine Infections- 
krankheit zu sagen, die ich zwar uicht am Menschen beob¬ 
achtete, über welche es mir aber gelang Daten zu sammeln, 
die im Hiublirk auf die Untersuchungen Pasteur’sund 
Anderer höchst interessant sind; ich meine die Wasserscheu 
oder Tollwuth (Lyssa). Schon in Jakutsk erfuhr ich von 
einem dortigen Veterinären, dass im Norden die echte Toll¬ 
wuth unter den Hunden recht häufig auftritt, dass sie aber 
merkwürdiger Weise nie auf den Menschen übertragen wird. 
Während der langen Zeit meines Aufenthaltes im Lenadelta 
konnte ich mich von der Richtigkeit dieser Mittbeilung über¬ 
zeugen. Bekanntlich benutzt man an der Küste des Eis¬ 
meeres statt der Pferde und Rennthiere Hunde zum Fahren, 
und hält dieselben daher in grosser Menge. Sowohl durch 
Erzählungen der Eingeborenen, wie auch durch persönliche 
Betrachtungen ah unseren eigenen Hunden, konnte ich mich 
von dem Vot kommen der richtigen Wasserscheu überzeugen. 
Die Eingeborenen erzählten, dass häufig Leute von tollen 
Hundeu gebissen worden seien, was bei der grossen. Anzahl 
von Hunden und der häufigen Erkrankung derselben durch¬ 
aus wahrscheinlich ist, niemals über wäre die Krankheit auf 
einen Menschen übertragen worden. — Daran, dass ich es 
in der That mit richtiger Wasserscheu zu thun hatte, konnte 
ich nicht zweifeln, in Anbetracht aller beobachteten Krank¬ 
heitssymptome, die mir schon von früher her bekannt waren. 
Ausserdem secirte ich einen Hund und fand die Anzeichen, 
die als charakteristisch für die Wasserscheu gelten, nämlich: 
Holzstücke und verschiedene Fremdkörper im Magen, sowie 
Affection des ganzen Darmcanals und der Mesenterialdrüsen. 
Ich bedaure ungemein, dass ich damals nichts von den Ent¬ 
deckungen P a 81 e u r’s wusste, da es nicht schwer gewesen 
wäre, das Gehirn in getrocknetem Zustande aufzubewahren, 
oder auch dasselbe gefroren hierher zu schicken zu weiteren, 
wie mir scheint, höchst interessanten Experimenten, da man 
in deo Culturen dieses Gehirns vielleicht ein Mittel zur Prä¬ 
ventivimpfung der Wasserscheu gefunden hätte. 

(Schiass folgt). 


Referate. 

A. A. Balmaschow: Zur Frage Über den Einfluss der 
Lager auf die Gesundheit der Soldaten. (Arbeiten der 
Militärärzte in Moskau 1887. A& 7). 

Verf. hat als Mittel zur Erkennung des Einflusses des Lagerlebens 
auf den Gesundheitszustand der Soldaten das Gewicht der Soldaten 
benutzt, indem er dasselbe im Anfang des Lagers, ca. den 1. Juni, 
bei zn gleicher Zeit vorgenommener genauer Körperbesicbtigung der 
Soldaten des 1. Nev’schen Inlaut. Regiments, und darauf den Tag 
nach der Rückkehr ans dem Wladimir’schen Gonvernement von den 
Manövern (26. und 27. August) bestimmte. Verf. bespricht zuerst 
genau die Nabrungs- und Lebensverhältnisse unserer Soldaten in den 
Kasernen, dann ebendieselben während des Läget lebens, speciell 


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62 


während der letzten Manöver, giebt genaue Tabellen über den che¬ 
mischen Gehalt der Portionen, die Verth ei lang anlQrÖsse der Wacht- 
posten, die Temperatur- und Wittqrungsverhäitnisse während der 
Lagerzeit etc. i>ie ScbJussfolgernng ist — dass das Lagerleben für 
die Soldaten zuträglich ist, da von den Soldaten, die am Manöver 
Theil genommen haben, 61,5% an Gewicht zugenommen, 31,3% an 
Gewicht verloren haben und 7,16% an Gewicht gleich geblieben sind, 
während von denen die am Manöver nicht theilgenommen haben, aber 
im Lager geblieben waren: 67,1% an Gewicht zugenommen haben, 
22,4% an Gewicht verloren haben and 10,5% an Gewicht gleich ge¬ 
bliehen sind. — Wir können diese Schrift einem jeden Militär-Arzt 
empfehlen — aus derselben ist viel and Vieles za lernen. — i —. 

Madelung: Zur Frage der operativen Behau llung der 
inneren Darmeinklemmungen. (Langenbeck’s Aroh. 
XXXVI. 2). 

Verf. bekennt sich im Allgemeinen als Anhänger der Enterostomie. 

In welchen Fällen die Laparotomie behufs Auffiulang und radicaler 
Beseitigung des Oircalationshindernisses indicirt oder berechtigt sei, 
lasse sich bisher weder objectiv aus der vorliegenden Casuistik, noch 
auch selbst rein sabjectiv aas eigenen Erfahrungen vom einzelnen 
Chirurgen bestimmen. Die Schwierigkeit der Diagnose — doppelt 
gross für den Chirurgen, dem solche Fälle ja gewöhnlich erst ganz 
zuletzt zugehen — bilde das Haupthindernis eines planmässigen 
Eingreifens, zagleich ein Hindernis, für dessen Beseitigung sich 
Mittel und Wege zur Zeit noch nicht einmal ahnen lassen. So lange 
aber dem so ist, bleibt uns für viele Fälle als einziges Mittel zur 
Sicherang einer rechtzeitigen , will sagen frühzeitigen Diaguose die 
probatorische Incision, und dürfte demnach der Punct, an welchem 
behufs wirksamer Förderung der operativen Behandlung des Ileus 
die Hebel anzusetzen wären, in der Technik der Laparotomie liegen. 
Die Erörterung einiger für die letztere maassgebender Gesichtspnncte 
bildet den wesentlichen Inhalt des vorliegenden Artikels. 

Es dürfte zunächst von Wichtigkeit sein, an die Laparotomie nicht 
heranzntreteu, wenn Einem nicht der ganze für solche Fälle erforder¬ 
liche Apparat der Antiseptik in weitestem Umfange zu Gebote steht, 
und man nicht zugleich auch auf alle zur radicaleu Cur der Einklem¬ 
mung etwanöthig erscheinenden Maassnahmen (Vernähnng von Brnch- 
pforten, Exstirpation von Tnmoren n. dergl.) vorbereitet ist. Im 
Allgemeinen sind solche Operationen also nnr auf einer gut ausge¬ 
statteten chirurgischen Abtheilnng ausführbar, und gesteht Verf. 
offen bei Consultationen ausserhalb der Stadt bei Ilens-Patienten, 
die seiner Anschauung nach laparotomirt werden müssten, sich ent¬ 
weder jeden operativen Eingriffes enthalten oder die Enterostomie 
ansgeführt zn haben. Wer ohne genügend günstige änssere Bedin¬ 
gungen an eine Laparotomie wegen innerer Einklemmung gehe, be¬ 
kunde dadurch Unkeuutniss dessen, was ihm bevorstehen könne, oder 
spiele Hazard. 

Die Narkose bringt für Ileus-Patienten im Kothbrechen eine ge- 
wissermassen specifische Gefahr mit sich. Derselben lässt sich jedoch 
fast mit Sicherheit durch Ausspülung und Entleernng des Magens 
mit der Schlundsonde begegnen. Ueber den Werth der Magenaus- 
Spülungen zur Behandlung des Ileus überhaupt theilt Verf. die 1865 
von Bardelebeninder medicinischen Gesellschaft entwickelten An¬ 
sichten. 

Für die Incision ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle, 
nämlich überall, wo eine genaue Absuchung des ganzen Darmtractos 
erforderlich ist, die Linea alba zu wählen. Betreffs der Länge der¬ 
selben herrschen zur Zeit noch verschiedene Ansichten, deren Extreme 
durch K tt m m e 11 einerseits und durch Mikulicz and T r e e v e s 
andererseits vertreten werden. Ersterer empfiehlt eine ausgiebige 
Spaltung der Linea alba, event. in ihrer ganzen Ausdehnung, Ans¬ 
packung der Gedärme in warme Carboiservietten and schleunige Be¬ 
endigung der ganzen Operation. Mikulicz legt nur einen rel. 
kleinen Schnitt an. In demselben wird durch einen Assistenten eine 
beliebige Darmschlinge fixirt und von letzterer ans, zuerst nach der 
einen und dann nach der anderen Richtung hin, immer je eine 
Schlinge hervorgezogen und sofort wieder reponirt, bis man den 
Sitz der Occlnsion gefunden bat. Als Wegweiser dienen dabei die 
Injectionsverhäitnisse der Darmserosa. Treeves lässt ebenfalls 
nnr einen kleinen Schnitt zu, durch welchen die Hand behnfs Ab¬ 
tastung der Peritonäalhöhle eingeftihrt werden soll. Die Gefahren 
des Choc’s durch mechanische und thermische Insnltirnng der Därme 
dürften bei allen diesen Methoden eine annähernd gleiche Höhe er¬ 
reichen, im Uebrigen aber Vor- und Nachtheile sich etwa die Waage 
halten, und das Facit in keinem Falle ein ganz befriedigendes sein. 
Die Methoden von M i k n 1 i c z und Treeves gewährleisten keinen 
sicheren Erfolg und involviren sogar zum Theil Zufälligkeiten unan¬ 
genehmster Art bei der Beseitigung des schon entdeckten Hinder¬ 
nisses ; diejenige von Kümmel! dagegen kann durch die Unmög¬ 
lichkeit, die Bauch wunde über den geblähten Därmen wieder zn ver¬ 
einigen, zn geradezu verzweifelten Situationen führen. Zur Beseiti¬ 
gung dieser Uebelstände schlägt Verf. vor zunächst nnr einen kleinen 
Schnitt in der Linea alba anzulegen, durch denselben eine geblähte 
Darmschlinge hervorzuziehen and behnfs Entleernng des Darmes 
letztere breit zu eröffnen. Die Darmschlinge und Bauchwunde werden 
dabei znm Schutz gegen Beschmntznng mit Jodoformmarly bedeckt. 
Nach Entleerung eines möglichst grossen Quantums Darminhalt wird 
dann die D&rmwnnde vernäht and die Schlinge zn beiden Seiten 
derselben mittelst durch das Mesenterium geführter Fäden ahgebun 


den, damit nicht während der nun folgenden Manipulationen die 
Darmnaht durch etwa gegen dieselbe andrängende Kothmasseu ge¬ 
sprengt werde. Nachdem dies geschehen, erweitert man die Bauch¬ 
wunde nach Bedürfoiss, um das Circulationshinderniss aufzusuchen 
und zu beseitigen. Gelingt letzteres, so werden die beiden proviso¬ 
rischen Ligataren von der eröffneten Darmschlinge entfernt und 
letztere versenkt. Im entgegengesetzten Falle wird dieselbe in der 
Baachwunde fixirt, die Naht wieder geöffnet und die Incisionswundo 
zur Anlage eines künstlichen Afters benutzt. Die Punction geblähter 
Darmschlingen mittelst des Troicarts oder der Aepirationsnadel ver¬ 
wirft Verf. vollständig. Sein Verfahren hat sich ihm in einem Falle, 
der übrigens nicht mit Genesung endete, rein technisch bewährt. G. 

Loebisch: Uebör die neueren Behatdlungsweisen der 
Fettleibigkeit. (Wiener Klinik. 1. und 2. Heft. 1887). 

Nach einer längeren Einleitung, in welcher Verf. das Wichtigste, 
was bis jetzt über die chemischen und physikalischen Eigenschaften 
der Fette, ihre Entstehung aus 'den verschiedenen Nährstoffen und 
ihre Bedeutung für den Stoffwechsel bekannt ist, in klarer anschau¬ 
licher Weise resumirt hat, bespricht er in eingehender Weise erst 
die diätetischen Heilmethoden, dann die Brunnencuren und endlich 
die hydrotherapeutischen Caren der Fettleibigkeit. Die diätetischen 
Heilmethoden theilt er 1) in solche, wo die Fettentziehung durch 
Regelung der Nahrungsiufuhr angestrebt wird (Bant ing’s Cur 
und E b s t e i n ’s Methode); 2) in solche, wo behufs Entfettung neben 
Regelang der Nahrung auch noch die physiologischen Factoren der 
Fettzersetzung z. B. Muskelbewegung etc. verwerthet werden 
(0 e r t e 1 ’s und Demath’s Verfahren). Die energische B a n t i n g- 
Cur will Verf. nur bei hereditär fettleibigen jüngeren Individuen, 
wie anch bei Frauen, bei denen sich Fettansatz auf anämischer 
Grundlage entwickelt hat mit gleichzeitiger Muskelübung angewen¬ 
det wissen. Bei über 4o Jahre alten Individuen ist sie zwecklos und 
gefährlich, da bei ihnen einerseits auf Fleischansatz nicht mehr zu 
rechnen ist, andererseits das Blnt sehr leicht mit den Extractivstoffen 
des Fleisches überladen werden kann. Für die beste Behandlungs¬ 
methode der nncomplicirten Fettsucht erklärt L. die E b s t e i n’sche 
Reductionscur. Das Vorherrschen der Fette vor den Kohlenhydraten 
in der Ebstein'sehen Kostration befördert einerseits das Sätti¬ 
gungsgefühl und setzt andererseits das Bedürfhiss nach Wasseranf- 
nahme herab. Ein dritter Vorzag der E—sehen Kostration ist ihre 
compendiöse Form. 

Das 0 e r t e 1 ’ sehe Verfahren eignet sich am besten bei mit Kreis¬ 
laufstörungen, Hydrämie und Ueberfüllung des venösen Apparates 
verbundener Fettleibigkeit, jedoch birgt dieses Verfahren nicht weni¬ 
ger Gefahren als das Scliro tt’sche in sich; deshalb ist bei dieser 
Methode noch mehr als bei jeder anderen eine stete Controlle des 
Gewichts, der Muskelkraft und der Stiokstoffassimilation und -aus- 
scheidung nöthig. 

Die anderen Behandlungsmethoden bespricht L. nur ganz kurz und 
theilt dabei im Wesentlichen nichts Neues mit. Kn. 

B r a u 8: Exitus letalis in Folge missbräuchlich geh&nd- 
habter Schmiercur. (D. med. W. 1887. M 27). 
Ziemssen: Die Heilung der sogenannten Dysenteria 
mercuriali8. (D. med. W. 1887. J§ 35). 

Dr. B r a n s berichtet über zwei Todesfälle an Dysenteria mercu- 
riaüsj welche durch uncontrolirtes Einreiben von Unguent. einer, 
veranlasst waren. Die Patienten hatten 5,0, respective 18,0 Un- 
guent. einer, täglich angewandt. Bei der Behandlung spielten Opiate 
eine Hauptrolle. 

Mit Bezug darauf weist Dr. Z i e m s 8 e n in einem kleinen Aufsatz 
darauf hin, dass er früher anch Fälle von Dysenteria mercurialis 
beobachtet habe, znm Glück nicht mit tödlichem Ausgang, dass er 
jetzt aber nie Derartiges sehe, obgleich er bis zu 12,0—15,0 Ung. 
einer, täglich einreiben lässt. Die Erklärung liegt darin, dass er 
ausgiebig 01. Ridni anwenden lässt, niemals Opiumpräparate braucht. 
In den Br aus 1 sehen Fällen wäre indicirt gewesen 30,0 01. Ricini 
stündlich zu geben, vielleicht wären die Kranken dann gerettet 
worden. 01. Ricini ist bei Dysenteria mercurialis ein geradeza 
ideales Laxans, weil es nur alles Schädliche fortschafft, den Darm 
gar nicht reizt. Max Schmidt. 

L. Friedmanns Erfahrungen eines Lungenkranken. 
(Sep&ratabdr. aus «Deutsche Medicinal-Zeitung* 1887. Ji 80.8*. 
3J S.). 

Das Wesentliche für die Phthisiker ist ausgedehnter Freiluftge¬ 
nuss und 8tote ärztliche Controls. Am bequemsten ist der Gennss 
freier Luft im Süden durebzuführen; desshalh räth F. denjenigen 
Kranken, welche die Mittel dazu haben, südlich der Alpen zu gehen 
und sich unter genaue ärztliche Controle zu begeben, womöglich in 
einHötel, eine Pension, die ärztlich geleitet wird. Neues erfährt man 
aus demScbriftchennicht; die FalkensteinerPrincipien werden 
in demselben gepredigt. Nur eine grosse Scheidung der Kranken will 
F. vornehmen, in Torpide und Erethische. Die Torpiden sollen anf 
die Höhen ziehen, die Erethischen sollen im Flachland bleiben. Entge¬ 
gen Fromm meint F., diese Scheidung sei eine ungesuchte und leicht 
vorznnehmende, — wir sind aber der Meinung Fromm’s, und hal- 
i ten einen torpiden Phthisiker für eine grosse Seltenheit, Der Auf¬ 
satz ist frisch und hübsch geschrieben, nur wird die Wirkung durch 


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die vielen, ganz unntttzer Weise wie zur Parade eingestreuten fremd¬ 
sprachigen Benennungen und Phrasen beeinträchtigt. 

Max Schmidt. 

5 t a t z: Ueber die Resultate der B e r g e o n 'scheu Methode 

der Behandlung von Lungenschwindsucht (D. med. 

W. 1887. 32). 

10 Schwindsüchtige wurden so behandelt, mit Einspritzung Ton 
je 3 V später je 6 Liter Kohlensäure, welche durch 250 Qrm. Weil- 
b a c h e r Wasser geleitet worden. Darunter befanden sich 2 leichte 
Erkrankungen, 4 schwere, 4 mittleren Grades. Bei einem Kranken 
dauerte die Behandlung 9 Tage, bei 2 Kranken 5 Wochen, bei 4 
derselben 10 Wochen, bei den 3 letzten 6, 13 und ltf Wochen. Die 
unmittelbare Wirkung ist Erleichterung der Athmnng, Herabsetzung 
der Frequenz derselben, gleichzeitig tritt Besserung des subjectiven 
Befindens ein. Bei den ersten Injectionen waren öfters Schmerzen 
im Abdomen, die nur in zwei Fällen, wo tqberculöse Darmgeschwüre 
Termutbet weiden konnten, zum Aufheben der Cur zwangen. Stuhl¬ 
drang trat nur in vereinzelten Fällen während der Injection ein. 
Bohlafinachende Wirkung trat nur bei zwei Kranken ein, und zwar 
blos zu Beginn der Cur. Während der Injection, und circa 1 Stunde 
nach derselben HtS-Geschmaok beim Husten, doch nie sehr belästi¬ 
gend. 

Bei 6 Kranken war erheblicher Nachlass der Krankheitserschei¬ 
nungen, 2 Kranke blieben unbeeinflusst, 2 starben. Von den ersten 

6 hatten sich 2 je 5 Wochen, 3 je 10 Wochen, einer 16 Wochen der 
Cur unterzogen. 2 Fälle waren leichte Erkrankungen, 3 mittel¬ 
schwere, einer schwer. Von den 3 Kranken mit hektischem Fieber 
verloren 2 dasselbe schon nach 2, resp. 3 Tagen, der dritte wurde 
erst nach 6 Wochen fieberfrei. Bei allen 6 Kranken nahmen Husten 
und Answurf ab. Alle verloren bald nach Beginn der Cur ihre Nacht- 
sehweisse, zeichneten sich durch enormen Hunger aus und nahmen 
an Körpergewicht zu — zwischen 2—10 Pfd. Entsprechend besserte 
sich das subjective Befinden. Der objective Lungenbefund hatte sich 
in einigen Fällen auch gebessert, indem die Dämpfungen geringer wur¬ 
den und die Rasselgeräusche abnahmen; die Bacillen waren in keinem 
Falle geschwunden. Von den 4 mit negativem Erfolge Behandelten 
zeigten 3 die Zeichen stark vorgeschrittener Phthise. Bei einem 
dieser Kranken war heftige Diarrhoe vorhanden, welche auch bei 
dem 4. ohne Erfolg Behandelten bestand. Gleichzeitige Darmer- 
krankung scheint Contraindication zu sein, in diesen beiden Fällen 
stellten sich vermehrte Schmerzen und Ausleerungen ein, die zum 
Aussetzen der Cur swangen. Künstliches H*S- Wasser war nicht an¬ 
wendbar, die Kranken fühlten dann anstatt Erleichterung Belästi¬ 
gung und Spannung. Auch fehlte dann der HiS-Geschmack bei 
Hustenstössen. 

Somit darf man ’ die B e r g e o n ’sche Methode wohl als ein neues 
werthvolles symptomatisches Mittel betrachten. 

Max 8ch mid t. 

F Ahlfeld: Die Tamponade bei Placenta praevia. 

(D. med. W. 1887. J4 33). 

Dem Verf. ist es mehrfach vorgekommen, dass er bei Consulta- 
iionen oder bei Einbringung von Kranken in die Klinik sich davon 
überzeugt hat, dass die Tamponade unzweckmässig vorgenommen 
wurde. Die Wattekugeln, welche die Hebammen vorschriftsmässig 
bei sich führen müssen, und welche oft Jahre lang liegen, bevor sie 
angewandt werden, sind nicht ungefährlich, und proponirt Ahl¬ 
feld daher, an Stelle derselben einige grosse Tampons aus Jodoform¬ 
gaze mit langem Faden,.in Pergamentpapier eingeschlagen, und ein 
Päckchen Carbolwatte vorzuschreiben. Die Tamponade muss dann 
ohne Öpeculum vorgenommen werden, weil sonst die Menge der Tam¬ 
pons zu gering sein würde. Zuerst Ausspülung der Scheide mit 3% 
Carbollösung, dann Entleerung der Blase, und darauf wird der Jodo¬ 
formtampon tief eingeführt, nachdem die Carbolwatte vorher auf 
einem reinen Handtuch in einer Menge einzelner Stücke zurechtge¬ 
legt ist. Die eine Hand spreizt den Scheideneingang auseinander, 
die andere schiebt ein trockenes Wattestück nach dem anderen schnell 
hinein, bis die ganze 8cheide gefüllt ist. Nach 6—8 Stunden wird 
der Tampon entfernt, die Scheide wird gereinigt, und eventuell von 
Neuem tamponirt. Max Schmidt. 

Stukowenkow: 3 Fälle von Rhinosklerom. (Med.Ober. 20). 

Aus dem recht weitläufig verfassten Artikel, dem eine, beiläufig 
gesagt, ziemlich undeutliche Photographie beigegeben ist, sei nur 
das Hauptsächlichste hervorgehoben. Die 3 Fälle betrafen eine 
36-jährige Frau und 2 Männer, beide 39 Jahre alt. Der erste Fall 
zeichnete sich darin aus, dass er längere Zeit, ohne erkannt zu wer¬ 
den, erfolglos antisyphilitisch behandelt worden war, der zweite 
durch seine Neigung zu regressiven Veränderungen und die erfolg¬ 
reiche Therapie, der dritte endlich dadurch, dass die charakteristi¬ 
sche Verhärtung ohne Knoteubildung, diffus auftrat. Zum Schlüsse 
formulirt Prof. Stukowenkow seine Erfahrungen über Rhino- 
sklerom folgendermassen: 

Das Rhinosklerom entwickelt sich entweder unter Ablagerung spe- 
cifischer Knoten oder als diffuse Verhärtung des Gewebes; in letzterem 
Falle bleiben Färbung und Umrisse des Gewebes unverändert und 


bildet diese diffuse Sklerosirung wahrscheinlicher Weise ein frühes 
8tadium der Krankheit. 

Die beim Rhinosklerom gesetzten Gewebsveränderungen sind un¬ 
beständig und können ziemlich rasch zerfallen und dadurch einen 
Defect an den ergriffenen Stellen bilden. 

Die erfolgreichste Behandlung besteht in parenchymatösen In- 
jeotionen 1% wässeriger Carbolsäurelösung, deren Wirkung reiu 
local bleibt und sich nicht auf die Nachbartheile verbreitet. Hz. 


Protokolle des Vereins St. Petersburger Aerzte. 

Sitzung am 27. Oäober 1887. 

(Schluss). 

5. Dt. Kernig theilt die Krankengeschichte und den Sections 
befand «eines Falles von Nebennieren- und Leberkrebs» mit und legt 
das betreffende Präparat vor, 

Ende Juli a. c. wandte sich ein Herr von 50 Jahren an ihn, den 
er bereits vor 4 und vor 2 Jahren je ein Mal untersucht hatte. Der¬ 
selbe hatte, wie viele fettleibige Personen, ein recht grosses Herz, 
ausserdem eine vergrösserte Leber und vergrösserte Milz. Seit ca. 
15 Jahren brauchte er wegen Verdauungsstörungen alljährlich eine^ 
Cur in Kissingen, wo er auch zu Beginn dieses Sommers gewesen 
war. Ende Juli bestand seine Hauptklage in aussetzendem Puls. 
Ausserdem fühlte er ein allgemeines Unwohlsein, dessen Grund ihm 
nicht klar war. Auch fand die Umgebung, dass sich sein Aussehen 
verändert habe. 

Objectiv fand K. damals ausser den obengenannten Erscheinungen 
nichts. Er liess nun, nachdem er die Behandlung des Kranken zu¬ 
sammen mit Dr. Trinkler übernommen hatte, regelmässige Tem¬ 
peraturmessungen vornehmen, die subfebrile Temperaturen ergaben. 
Nachdem eine Woche lang subfebrile Temperaturen ohne ersicht¬ 
lichen Grund constatirt worden waren, trat plötzlich am 11. August 
unter höherem Fieber eine rechtsseitige Pleuritis ein, die ein gerin¬ 
ges, kaum bis an den Angolas scapulae reichendes Exsudat setzte. 
Mehrere Tage nach Beginn der Pleuritis gesellte sich eine Periostitis 
der 9. rechten Rippe hinzu, die in der Ausdehnung zwischen Axillar¬ 
und Scapularlinie sehr empfindlich und verdickt erschien, gleichzeitig 
circum8cript68 Oedem der Weichtheile an dieser Stelle. Die Pe¬ 
riostitis ging unter Jod und Eis, das der Pleuritis wegen angewandt 
wurde, in 14 Tagen zurück. Am 4. September machte K. eine 
Probepunction, bei welcher er klares, wohl nur zufällig von einer 
8pur Blut tingirtes Serum erhielt. Bis Mitte September resorbirte 
sich das pleuritische Exsudat völlig, aber das Fieber, welches zu 
Anfang der Pleuritis his 38,8 angestiegen war, dann sich gleich- 
mässig auf ca. 37,0 Morgens und 38,0 bis 38,3 Abends gehalten 
hatte, dauerte unverändert fort. Während dieser Pleuritis reichte 
die Lieber bis 2 Fingerbreit unter den Rippenrand, der Rand deutlich 
glatt und weich durchsufühlen. Die Milz vielleicht etwas grösser 
wie früher. Das Intermittiren des Pulses geschwunden. 

Mittlerweile war eruirt worden, dass Pat. schon Anfang Juni in 
Kissingen für einige Tage lebhafte Schmerzen längs des rechten 
Rippenrandes verspürt hatte. Diese Schmerzen waren auf Ruhe und 
Schröpfköpfe geschwunden. Ausserdem gab Pat. noch vor Beginn 
der Pleuritis, aber auch während derselben und später im ganzen 
weiteren Verlauf der Krankheit an, einen nicht starken Schmerz 
spontan und bei Druck zu empfinden, der zwischen Leberrand und 
Coecum localisirt wurde. Nie konnte eine palpable Ursache für die¬ 
sen so auffallend constanten, wenn auch nicht starken Schmers eruirt 
werden. 

Trotzdem, dass nun die Pleuritissymptome geschwunden waren, 
dauerte das Fieber gleichmässig fort, vielleicht sogar etwas verstärkt, 
Morgens um 37,0, Abends bis 38,2—38,6. Dr. K. dachte nun an die 
Möglichkeit eines subphrenischen Abscesses oder einer Neubildung, 
die zu secundärer Pleuritis geführt hätten. Namentlich musste K. 
an die Fälle von subphrenischen Abscessen denken, über die Prof. 
Monastyrskiim vergangenen Jahre hier im Verein berichtet, von 
denen der eine zeitweilig auch von Dr. K. beobachtet worden war 
und sehr an den vorliegenden Fall erinnerte. Auch hier stand, wie 
in jenem Fall von subphrenischem Abscess, der untere Leberrand 2 
Fingerbreit unter dem Rippenrand und war glatt durchzufühlen, 
während der obere Rand der nach Resorption des Pleuraexsudats 
noch auffallend breiten Leberdämpfung sich vorn an der 4. Rippe be¬ 
fand und hinten etwas niedriger als vorne stand. Die ganze obere 
Lebergrenze war sowohl hier wie dort etwas bei der Respiration be¬ 
weglich und verschob sich dabei um 1 Ctm. 

Am 19. September machte Dr. T i 1 i n g eine Punction, die durch 
das Zwerchfell ging. Dieselbe ergab nur einige Tropfen Blut, ver¬ 
ursachte aber sehr lebhafte ca. 1 Woche andauernde Schmerzen. In¬ 
teressant war, dass im Moment der Punction ein lebhafter Schmerz 
in der rechten Schulter empfanden wurde, der auch eine Woche an¬ 
hielt. Das Fieber dauerte nach dieser Punction immer in der frühe¬ 
ren Weise fort; es kamen Ende September, Anfang October höhere 
Steigerungen bis 38,8 vor. 

Ende September trat eine Anaesthesie der äusseren Seite des rech* 
ten Oberschenkels auf (dem Nervus cutan. femor. ext. entsprechend), 
die wohl für eine Affection, die auch den Lumbalplexus treffe, 
sprechen konnte. Jedoch erst in der letzten Zeit der Krankheit er¬ 
schien die rechte Lumbalgegend etwas voller als links. 

Gegen Mitte October zeigten sich Oedeme, die zu allgemeinem 


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64 


Öydrops mit Ascites führten, sehr auffallend war namentlich eine 
diffuse ödematÖse Infiltration der Intercostalmuskeln rechts. Icterns 
war weder jetzt noch früher eingetreten. — Die Diagnose blieb 
schwankend zwischen einem tiefsitzenden (subphrenischen) Eiterherd 
nnd Neubildung« deren Sitz aber nicht genau zu präcisiren war. Er- 
steres wurde als das immerhin Wahrscheinlichere betrachtet. 

Da die Kräfte des Pat. bei dem fortdauernden Fieber zusehends 
abnahmen, sah man sich endlich zum operativen Eingreifen gezwun¬ 
gen, als letzte Chance, die man dem Kranken bieten konnte für den 
Fall, dass man auf einen Eiterherd stiesse. Dr. B ey her , der bin- 
zugezogen worden war, resecirte am 23. October die 9. Rippe und 
ging durch’s Zwerchfell, nachdem der Complement&naum eröffnet, 
und nun bot sich dem Auge ein deutlicher Krebsknoten der Leber 
dar. Die Wunde wurde tamponirt. Pat., dessen Allgemeinbefinden 
schon vor der Operation desolat gewesen, starb 3 Mal 24 Stunden 
nach derselben. 

Die Section wurde 13 Stunden nach dem Tode von Herrn Dr. d e 
1 a C r o i z gemacht, dessen Sectionsprotocoll folgendermaassen lautet: 

Leiche eines gut gebauten, pastösen Mannes von schmutzig*gelb¬ 
licher Hautfftrbung. Todtenstarre. Beicbliche Todtenflecke. Ueber 
dem rechten Trochanter ein Decubitus. Scbenkelödem. Die Haut¬ 
decken bilden eine dicke Fettschicht, so namentlich über dem Unter¬ 
leibe, wo nur Spuren der Murculatur nachweisbar sind. In der Un¬ 
terleibshöhle 6 Pfd. schmutzig-gelblichen serösen Transsudates mit 
reichlicher Beimischung eines schmutzig braunschwarzen, kaffeesatz¬ 
ähnlichen, von zersetztem Blute herrührenden Bodensatzes in den 
abhängigen Partien der Bauchhöhle. Linke Lunge durchweg leicht 
verwachsen. Bechte Lunge frei, mässig retrahirt, Pleurahöhle 
leer. In dieselbe führt eine durch Besection der 9. rechten Bippe 
entstandene lerforirende, circa 12. Ctm. lange Operationswunde, 
der gegenüber sich eine zweite Wunde im Diaphragma befindet, die 
direct auf die im Uebrigen freie Oberfläche der Leber führt, und 
deren Bänder mit der letzteren frisch verklebt sind. Pleura der 
rechten Lunge ziemlich leicht ecchymosirt, jedoch durchweg glän¬ 
zend. Lungen ödematös. Herzbeutel leer. Herz vergrössert. Linker 
Ventrikel mässig dilatirt. Peri-, Endocardinm und Klappen normal. 
Atheromatoais der Aorta mit wenig zahlreichen verkalkten Partien 
und wenigen Exulcerationen. Herzmuskel schlaff, von blassbräun- 
licher Färbung. 

Das Nets bildet eine über fingerdicke, die Eingeweide des Unter¬ 
leibes bis tief in’s kleine Becken hinein überdeckende Fettschicht. 
Desgleichen das Mesenterium hochgradig fettig infiltrirt. Das Bauch¬ 
fell in Folge der vorausgegangenen Spannung faltenreich, jedoch 
spiegelnd. Milz beträchtlich vergrössert, von rothbrauner Färbung, 
ziemlich weicher Consistenz. Beide Nieren wenig vergrössert, Cap- 
seln leicht trennbar; Oberflächen glatt, von gewöhnlicher Färbung, 
wie auch die nicht verbreiterte Corticalis. Pyramiden durch Stauung 
dunkler, blutreicher. Die Nieren sitzen in einer sehr dicken Fett- 
e&psel. An der oberen Spitze der rechten Niere nnd einwärts von 
derselben gelegen findet sich an Stelle der nicht nachweisbaren Ne¬ 
benniere eine rundliche, circa 7 Ctm. im Durchmesser haltende sehr 
weiche Geschwulst von blasige!bröthlicher Färbung auf dem Durch¬ 
schnitt, mit einigen stark erweichten, fast matschen Partien im In¬ 
nern. Dieselbe ist in breiter Ausdehnung mit der unteren Fläche 
der stark vergrösserten Leber ungefähr in der Mitte zwischen Gallen¬ 
blase und rechtem Leberrande verwachsen. Von hier aus breitet 
sich dieselbe weiche Gescbwnlstwncberung nach oben nnd den Seiten 
' im Parenchym des rechten Leberlappens ans, dasselbe zum grossen 
Tbeil einnehmend. Ausserdem fanden sich im Leberinneren und 
auch vereinzelt an der conveien Leberoberfläche ziemlich zahlreiche, 
ähnlich gefärbte, recht weiche Krebsknoten von Haselnuss- bis Wall¬ 
nussgrösse und darüber, während der vordere Leberrand von den¬ 
selben frei ist. Das restirende Lebergewebe deutlich, aber nicht 
hochgradig cirrhotisch. Ductus cboledochus, cysticus und bepaticus 
werden aufgeschnitten nnd erweisen sich frei, desgleichen die ziem¬ 
lich zu8&mmengezogene Gallenblase, die eine dünne, 6eröse Galle 
enthält. Der Magen hochgradig dilatirt, Falten vollständig ver¬ 
schwunden, Schleimhaut hellgrau gefärbt mit mässiger Schwellung 
der DTÜseDansführungsgftDge (Gastritis glandularis). Sowohl Magen 
als Duodenum und Pancreas frei von Krebswucherung, desgleichen 
die Betroperitonäaldrüsen nicht geschwellt. Im Darm nichts Be¬ 
sonderes. 

Die Geschwulst zeigte bei der mikroskopischen Untersuchung in 
einem änsserst feinen, gefässreichen Reticuium grosse rundliche Al¬ 
veolen mit zahlreichen, unregelmässig gelagerten Zellen erfüllt. 
Zieht man die weiche hirnmarkähnliche Consistenz derselben, das 
rasche Wachsthum, sowie die zahlreichen Metastasen in der Leber 
in Betracht, so muss mau dieselbe als Carcinoma medulläre bezeich¬ 
nen. Beste von normalem Nebennierengewebe Hessen sich in der Ge¬ 
schwulst nicht nachweisen. 

Dr. Kernig hebt bei der Demonstration des Präparate« hervor, 
welche grossen Schwierigkeiten der Diagnose in diesem Falle ent- 
gegengestanden hätten. Die ganz unveriängliche Beschaffenheit des 
fühlbaren Leberrandes nnd das beständige, durch fast drei Monate 
gleichmässig andauernde Fieber Hessen im Verein mit der auffallend 
breiten Leberdämpfnng immer wieder an eine subphrenische Eiter- 
ansammiung denken. Das pathologische und klinische Interesse des 
Falles aber Hegt einmal darin, dass hier ein offenbar primärer Neben¬ 
nierenkrebs vorhanden war, eine Affection, die doch ausserordentlich 
selten ist, nnd zweitens in dem Umstaude, dass der Krebs hier von 


Anfang bis zu Ende ohne jede Complic&tion mit einer Eiterung, unter 
beständigem Fieber verlaufen ist. Letztere Erfahrung ist ja auch 
schon anderweitig gemacht worden, aber bildet immerhin die gron* 
Ausnahme für den klinischen Verlauf von Krebsaffectiouen überhaupt» 
Irgend eine Hautfärbung hat Pat. während des Lebens nicht bemerken 
lassen, wie in Hinsicht auf die afficirte Nebenniere bemerkt sein mag. 

6. Prof. B i d d e r demonstrirt ein Ovulum von der Grösse eines 
Hühnereies, das einen dem äusseren Anseben nach ca. 5—ßwöchent- 
lichen wohlerbaltenen Embryo enthält. Dieses Ovulum ist ausge* 
8 fassen worden am normalen Geburtstermin . Die etwa 39 Jahr 
alte Mutier, die vor 2 Jahreu im 6. Schwangerschaftsmooat eine ma- 
cerirte Frucht geboren hat, ist Ende December 1886 zum letzten Mat 
men8truirt gewesen ; ohne Störung verliefen Januar und Februar und 
die Untersuchung ergab die entsprechenden Schwangeischaftsverän¬ 
dern ngen ; im März einige Mal leichte Blutungen und Stillstand in 
der Vergrösserung des Uterus. Der erwartete Abort trat aber nicht 
ein, die Dame erholte sich ausgezeichnet, fühlte sich vollkommen 
wohl, bis am 22. Oct., nach einigen vorbereitenden geringen Blutver¬ 
lusten, unter kräftigen Weben das beschriebene Ei unverletzt ge¬ 
boren wurde. Eine genauere Untersuchung des seltenen Falles und 
Präparates steht iu Aussicht. 

7. Dr. Petersen spricht über das «angebliche Canadol», welches 
sich als Petroleumä(her entpuppt bat. (Die Mittheilung ist im 
«Wratsch» gedruckt). 

8. Dr. phil. Biel berichtet ebenfalls über ein Präparat «Creoliu»,. 
welches sich als die bekannte J eyes’sche Flüssigkeit erwiesen hat 
und nun unter dem neuen Namen in den Hardel gebracht wird, wo¬ 
bei aber die Flaschen den Stempel der bekannten Fabrik tragen. Ea 
ist aber nichts weiter, als ein Rückstand der Carboldestillation. 

Secretfir: Dr. 0. Petersen. 


Vermischtes. 

— Der hiesige Verein russischer Aerzte hat in seiner Sitzung am 
4. Februar auf Vorschlag seines Präsidenten, Prof. Botkin, ein¬ 
stimmig beschlossen, Dr. Dreypölcher in Anlass des über ihn 
verhängten harten gerichtlichen Urtbeils seine Theilnahme anszu- 
sprechen. 

— Inden Sitzungen unserer Stadtduma stand in der vorigen Woche 
unter Anderem die Berathung über die Ausgaben für das städti¬ 
sche Medicinaltcesen pro 1888 auf der Tagesordnung. Zunächst 
gab ein Posten von 13,000 R., welcher für die Einrichtung von ausser- 
ötatmässigen Krankenbetten in den Stadthospitälern von der Hospi¬ 
talcommission gefordert wurde, zu längerer Debatte Anlass. Der 
Präses der städtischen Finanzcommission, P. Durnowo (welcher 
zugleich der städtischen Sanitfttscommission präsidirt!) verlangte di» 
Streichung dieses Postens. Die Nothwendigkeit dieses Credits wurde 
dagegen von dem Präses derHospitalcommission, Ratkow-Rosh- 
no w scharf vertheidigt, indem er bewies, dass von einer Einschrän¬ 
kung des Hospitalbudgets nicht die Bede sein könne zu einer Zeit, wo* 
der Zudrang zu den städtischen Hospitälern mit jedem Tage wächst* 
so dass diese Hospitäler täglich die Zahl ihrer Betten vergrössern 
müssen und die Hospitalcommission sich wohl bald wegen Mangel 
an Betten in den Stadthospitälern an das Kriegsministerium mit 
der Bitte werde wenden müssen, etwaige freie Betten in den Militär- 
hospitälern für die ans den Stadthospitälern abgewieseneu Kranken 
anzuweißen. Auf diese Gründe Ra tkow-Roshn ow’s entgegnete 
Durnowo nur, dass die Zunahme der Kranken im ersten Monate 
des Jahres noch nicht eine bedeutende Abnahme der Kranken in den 
nächstfolgenden Monaten ausschliesse. 

Den Ausschlag in dieser Debatte gaben aber die sonderbaren Er¬ 
klärungen des Stadthauptes Lichatsobew, welche die Aerzte der 
Stadtbospitäler eigentümlich berühren müssen. Das schnelle Wach¬ 
sen der Zahl der täglichen Krankenaufnahmen in den Stadthospitä¬ 
lern, meinte L., sei hauptsächlich durch die Pauique zn erklären, 
welche sich des aerztlichen Personals nach der Verurtheilung des 
Ordinators des Obuchowbospitals *) bemächtigt habe. Aus Furcht, 
zur Verantwortung gezogen zu werden, nehmen die Aerzte jetzt 
häufig auch solche Patienten auf, welche absolut keiner Hospital¬ 
behandlung bedürfen. Dieser panische Schreck müsse über kurz oder 
lang schwinden und dann werde die Krankenzahl wieder die Norm 
erreichen, zumal gegenwärtig keine Ursachen vorhanden seien, wel¬ 
che eine Zunahme der Erkrankungen bewirken könnten. 

Nach diesem Verhalten des St&dtbauptes zu der Frage kann man 
sich nicht wundern, dass die Deputirtenversammlung den Posten ein¬ 
fach strich und somit die löbliche Absicht der Hospitalcommission, 
die Stadthospitäler für den Fall von Epidemien leistungsfähig zu 
machen, zu Wasser wurde. 

Glücklicher erging es den anderen Budgetposten für das städtische 
Medicinalwesen. So wurden für die städtischen Ambulatorien 
36,000 Rbl. bewilligt, nachdem Ratkow-Roshnow und Se¬ 
rn ewski für dieselben eingetreten waren, und zuletzt das Stadt¬ 
haupt Licbat&chew noch angeführt hatte, dass im J. 1887 in die¬ 
sen Ambulanzen 68,705 Personen, welche dieselben 174,382 Mal be¬ 
sucht haben, ärztlicher Rath ertheilt worden sei, während das Jahr 
1886 nur 17,211 ambulatorische Kranke mit 57,749 Besuchen auf- 


*) L. verwechselt wieder den Ordinator des Obuchowbospitals mit 
dem Arzt des Erkundigungshüreaus. 


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6 § 


weise. Der Vorsitzende der Finanzcommission, Durnowo, der 
auch in diesem Falle anfangs gegen die Bewilligung der geforderten 
Summe war, gab später nach, benutzte aber auch sogleich die gün¬ 
stige Stimmung der Deputaten, um in seiner Eigenschaft als Präses 
der Sanitätscommission auch eine Erhöhung der für die Dnmaärste 
angewiesenen Summe su erlangen. Und in der That erwiesen sich 
die Dumadeputirten in diesem Falle noch viel freigebiger, indem sie 
statt der im Voranschläge geforderten 36,000 sogar 54,000 Rbl. für 
den Unterhalt der Dumaärzte bewilligten. B f. 

— Die Gesammteahl der Kranken in den Civil-Hospitälem 
St. Petersburgs betrug am 7. Februar d. J. 6579 (54 weniger als in 
der Vorwoche), darunter 610 Typhns- (28 weniger), 856 Sypbilis- 
(28 weniger), 64 Scharlach- (3 weniger), 6 Pocken- (2 weniger als in 
der Vorwoche) und 29 Diphtheriekranke. 

— Am 7. Februar wurde von den hiesigen weiblichen Aerzten im 
Bautuasant Poncet ein Festessen veranstaltet in Anlass der Vollen¬ 
dung eines Decenniums seit der ersten Entlassung der weiblichen 
Aerzte, welche den Cnrsusan den jetzt aufgehobenen weiblichen me¬ 
dizinischen Cursen beim Nikolai-Militärhospital absolvirt batten. 
Viele Dooenten und Gönner der früheren weiblichen ärztlichen Cnrse 
nahmen an der Feier Tbeil. Wie man erwarten konnte, ist bei dieser 
Gelegenheit so manches überschwängliche Wort geredet worden. 

— In einer vor Kurzem stattgehabten Sitzung der streiten Kam¬ 
mer des Sächsischen Landtages in Dresden richtete bei der Be- 
rathung der Culiusetats der Abgeordnete v . Kollmar an die Regie¬ 
rung die Frage, oh dieselbe gewillt sei , die Landesuniversität 
Leipzig auch dem Frauenstudium zu öffnen (Gelächter), Denn 
überall in der civilisirten Welt habe das Frauenstudium mehr und 
mehr Eingang gefunden, auch der preussische Minister habe seine 
Bereitwilligkeit erklärt, zur wissenschaftlichen Ausbildung der 
Frauen die Hand reichen zu wollen. Der Cultusminister Dr. von 
Gerber gab hierauf die Erklärung ab, dass bezüglich des Studiums 
der Frauen auf den Universitäten die Regierung auf dem Standpunct 
-stehe und auf demselben stehen bleiben werde, dass Frauen nicht 
zum Besuch der Universität zugelassen werden (Rufe: Sehr 
richtig!). Dies sei die Anschauung, die im gesummten deutschen 
Volke über die Stellung der Frauen herrsche. 

(Allg. med. Ctrl.-Ztg.). 

— Wie der „Russ. Med.* mitgetheilt wird, hat der Redacteur und 
Herausgeber der Zeitschrift „Die Landschafts-Medicin“ W. W. K o r s - 
• akow, welcher zugleich Eisenbahnarzt der Nishni-Nowgoroder 
Eisenbahn ist, 2 Revolverschüsse auf den Betriebschef der Bahn, In¬ 
genieur Bo lesta , welcher den jungen Arzt bis zum Affect gereizt 
hatte, abgefeuert. Der Angegriffene hat übrigens offioiell die Er¬ 
klärung abgegeben, dass er durch sein Benehmen den Arzt zu solch 1 
-einem Schritt veranlasst habe und dass er jegliche Klage wider den¬ 
selben fallen lasse. Die Obrigkeit hat jedoch die Arretirnng nnd 
Amtsentfernung des Arztes angeordnet, wahrscheinlich wohl aus 
•dem Grunde, weil Korssakow Selbstmordversuche machte, indem 
et sich zu vergiften und zu erschiessen versuchte. 

— Dem Oberarzt der 24. Artilleriebrigade, Dr. RudolfZöpfel, 
wurde am 26. Januar bei seinem Scheiden aus Gatschino und zwar 
in Folge der Versetzung der Brigade nach Finnland, Beweise 
schmeichelhafter Anerkennung seiner Eigenschaften als Arzt und 
Mensch zu Theil. Seine Patienten, sowie seine Collegen überreichten 
ihm Ehrengeschenke und veranstalteten im Verein mit den Officieren 
der Brigade ihm zu Ehren ein Abschiedsdiner. 

— Während der Abwesenheit Prof. v. Berg mann’s, der be¬ 
kanntlich in San-Remo beim deutschen Kronprinzen weilt, ist der 
Privatdocent Dr. F e h 1 e i s e n mit der Leitung der Berliner chirur¬ 
gischen Klinik betraut worden. 

— Dem ersten Assistenten Prof. v. Bergmann’s, Dr. Bra- 
man n, welcher mit grossem Geschick die Tracheotomie an dem 
deutschen Kronprinzen ausführte, ist das Comthurkreuz des Hohen- 
zollernachen Hausordens verliehen worden. 

— Befördert: Zum Geheimrath : Der Oberarzt des Wilnaseben 
Militärhospitals, Dr. Stackmann, unter gleichzeitiger Verab¬ 
schiedung auf seine Bitte. Zum wirkt . Staatsrath : der Divisioi s- 
ant der 22. Infanteriedivision, Staatsrath Schadkowski. 

— Ernannt : Der ältere Ordinator des St. Petersburger Nikolai- 
Milkärbospitals, Staatsrath Dr. Berthensou — zum ausserctat* 
mässigm ( onsultanten für interne Krankheiten an dem genannten 
Hospital; der Oberarzt der Verwaltung des Bezirksatamans des 
Donez-Gebietes, Collegienrath Dr. S s e r g e j e w — zum Chef und 
Inspector der Militär-Feldscheerschule in Nowotscherkask. 

— Verstorben : 1) In St. Petersburg der Arzt des Krankenhauses 
in Nishne-Tagilsk(Gouv. Perm), Dr. P. Rudanowski, im 57. Le¬ 
bensjahre. Der Hingeschiedene hat sich duroh seine histologischen 
Arbeiten über das Nervensystem einen Namen gemacht; ausserdem 
atammen von ihm eine ganze Reihe von Artikeln in den verschieden¬ 
sten russischen medicinischen Zeitschriften. Die Universität Kasan, 
an welcher er seine erste medicinische Ausbildung erhalten hat, ver¬ 
lieh ihm vor ca. 10 Jahren in Anbetracht -seiner Verdienste um die 
med. Wissenschaft die Doctorwürde. Auch als praktischer Arzt, 
Chirurg und Augenarzt, erfreute er sich eines ausgezeichneten Rufes 
weit über die Grenzen des Gouvernements Perm hinaus. 2) In Tiflis 
der frühere Inspector der dortigen MedicinalVerwaltung, Dr. A. 
Joannissiani,im66. Lebensjahre. 3) In Plonsk (Gouv. Plozk) 
der dortige freiprakticirende Arzt Endrshe jewitsch, 52 J. alt. 
Der Verstorbene beschäftigte sich in seinen Mussestunden mit der 


Astronomie, welche ihm mehrere beachtenswerte Arbeiten verdankt. 
5) Am 10. Februar n. St. in Leipzig der berühmte Kliniker und Pa- 
tholog Prof. Dr. ErnstWagner, Director der Leipziger medioi- 
nischen Klinik, an einer acuten Nephritis im 60. Lebensjahre. Nach 
Absolvirung seiner medicinischen Studien an den Universitäten Leip¬ 
zig, Prag und Wien, habilitirte sich Wagner i. J. 1854 in Leipzig, 
wo er bald darauf zum Professor der pathologischen Anatomie und 
Director der Poliklinik ernannt wurde. Nach dem Tode Wunder- 
lich ’s (1877) übernahm er die Leitung der dortigen medicinischen 
Klinik. Sein Hauptwerk ist das mitUhle gemeinschaftlich ver¬ 
fasste « Handbuch der allgemeinen Pathologie» , von dem bereits 7 
Auflagen erschienen sind. Von 1860—1878 redigirte W. auch das 
Archiv der Heilkunde *. 

— Das Capital des russischen „i rothen Kreuzes “ betrag bei der 
am 1. Februar d. J. stattgehabten Revision der Cisseder Hauptver¬ 
waltung 2 460,691 Rbl. S. 

— Die Stadtverwaltung von Nishni-Nowgorod hat neuerdings den 
Posten eines städtischen Sanitätsarztes mit dem Gehalte von 2400 R. 
jährlioh creirt und auf denselben den Arzt Paul Rosano w, einen 
Schüler Prof. Erismanns in Moskau, berufen. 

— In diesem Jahre findet bei der Academie der Wissenschaften 
die Zuerkennung der von Rklizki gestifteten Prämie im Betrage 
von 540 Rbl . für die beste Arbeit auf dem Gebiet der anatomisch- 
mikroskopischen Erforschung des Central-Nervensystems mit physio¬ 
logischer und praktischer Verwerthung der Resultate statt. An der 
Bewerbung um die Prämie können theilnehmen sowohl bereits im 
Druck während der letzten 4 Jahre erschienene Arbeiten, die in rus¬ 
sischer, französischer, deutscher, englischer oder lateinischer Sprache 
abgefasst sind, als auch Arbeiten im Manuscript. Letztere, die eben¬ 
falls in einer der obengenannten Sprachen abgefasst sein können, 
dürfen nur von russischen Unterthanen, die ihren beständigen Wohn¬ 
sitz in Russland haben, zum Conourse vorgestellt werden. Die Con- 
cursarbeiten müssen bis zum l.Juni d. J. bei der Academie der 
Wissenschaften eingereicht werden. 


Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs 

für die Woche vom 31. Jan. bis 0. Febr. 1888. 
Zahl der Sterbefälle: 


Im Ganzen: 


M. W. Sa. 


1) nach Geschlecht und Alter: 

. . b 5s *s Ja h 

§ ^ a 'S 'S : : ^ I 


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© T-* 


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i.f,i i i T i i i i * •» 
^ ^ S S w 5J »o S S S d 


-a 

B 


374 286 660 143 61 76 14 12 17 82 53 59 45 52 35 11 0 

2) nach den Todesursachen : 

— Typh. exanth. 1, Typh. abd, 22, Febris recurrens 1, Typhus 
ohne Bestimmung der Form 2, Pocken 1, Masern 15, Scharlach 8, 
Diphtherie 16, Croup 1, Keuchhusten 3, Croupöse Lungenentzün¬ 
dung 34, Erysipelas 3, Cholera nostras 0, Cholera asiatica 0, Ruhr 1, 
Epidemische Meningitis 0, Acuter Gelenkrheumatismus 0, Parotitis 
epidemica 0, Rotskrankheit 0, Anthrax 0, Hydrophobie 0, Puerpe¬ 
ralfieber 2, Pyämie u. Septicaemie 8, Tu bereu’ose der Lungen 119, 
Tuberculose anderer Organe 9, Alcoholismus und Delirinm tremens 
1, Lebensschwäche und Atrophia infantum 57, Marasmus senilis 
38, Krankheiten des Verdauungscanals 90, Todtgeborene 35. 


Mortalität einiger Hauptstädte Europas. 



& 


Lebend- 

§ 

Gestorben 


§ 

Woche 
(Neuer Styl) 

geboren 

© 

1 

Q A 

Name 

Einwoh 

zahl 

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§► 

Ss 

1 

II 

8nmma 

| Aut IOC 
Einwohi 

London • 

i 

4282 921 22.-28. Januar 

2715 

33,» 


1816 

22,4 

Paris . . . 

2 260 945 22.-28. Jannar 

1129 

25,» 

85 

1153 

26,« 

Brüssel . . 

177 568 15.-21. Jannar 

89 

26,o 

6 

77 

22,s 

Stockholm . 

216 807 15.—21. Jannar 

137 

32,§ 

7 

111 

26,8 

Kopenhagen 

290 00025.—31. Januar 

217 

38,• 

34,< 

10 

130 

23,« 

Berlin • . . 

1414 98022.—28. Jannar 

942 

42 

545 

20,o 

Wien . . . 

800 836 22.-28. Jannar 

494 

j 34,o 

29 

393 

25,« 

Pest . . . 

442 78715.—21. Jannar 

393 

39,8 

25 

296 

34,> 

Warschau . 

439 174 15.—21. Jannar 

270 

31,T 

19 

188 

22,8 

Odessa. . 

268 000 22.—28. Jannar 

I — 

— 

7 

139 

27,o 

35,> 

St. Petersburg 

861 303 29.Jan. — 4 Febr. 

574 

1 34,8 

26 

502 


Berichtigung. In Ji 6 pag. 51, Spalte 1, Zeile 8 von un¬ 
ten muss es heissen: «schwerenProlapses» statt «schwererParalyse». 

V Nächste Sitzung des Vereins St. Petersburger Aerzte 
Dienstag den 16. Februar 1888. 

■V* Nächste Sitzung des deutschen ärztlichen Vereins 
Montag den 7. Märzflp 2ed by CjQOgle 



Annahme ton Insera ten an sschlieaslich Im Central-Annoncen-Comptoi r Ton Friedrich Petrick 

St. Petersburg, Newsky-Prospeet 8. "WS 


Vierteljährliche \ 

Medicinische Bibliographie. i 

BiHioÜeca medico-ckintrgica. i 

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I Gebiete der 

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f schrift mit 

\\ rother 

\ Tinte. 

I Bitte dieM 

/ Untere r 

schrift zu 
>1 reclamiren 

/ um nicht 
I Contrifacons 
y zu erhalten. 

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gebraucht bei Schwäche, Anämie, Chlorose, Nervosität, Blut¬ 
end Hautkrankheiten, Menstruations-Anomalien, Malaria, Sero- 
phulose, Neuralgien etc. — Vorrätbig in St. Petersburg bei Stoll & Schmidt, H. Kloss & Co., 
Pharmaceut. Handelsgesellschaft; Moskau: Carl Ferreln; Odessa: J. Pokorny, Apotheker. 



MobrnsrU 

Engros- 


Lungen, des Halses, der Harnorgane, Gicht etc. — mm riny A n CD AälPAIC m 

rraand zu jeder Jahreszeit durch 10(23) ■ ||J| rinHIM ö» rliHliYUId f| 

runni. 8 cbl. Furbaeh ds Strfleboll. I || gegründet 1855. m 

— 1 11 N PRUDON & DÖBOSTl 

natürliches arsen- und elsenreiches C/.&r’ zio^iMaldvStaire 1 

MINERALWASSER TSR? Paris * 

(Analyse Prof. Ludwig v. Bartb Wien), 6IDU/1RIC ff 

gebraucht bei Schwäche, Anämie, Chlorose, Nervosität, Blut- 1 W ' ol i II W la 

und Hautkrankheiten, Menstruations-Anomalien, Malaria, Sero- ri } APP APA TP Ü 

irafgien etc. — Vorrätbig in St. Petersburg bei Stoll & Schmidt, H. Kloss & Co., JrMEkSS . || 

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Verkauf bei M. Morgenstern, Gr. Morskaja 23, St. Petersburg. 






XIII. Jahrgang. St. Petersburger Neue Folge. V. Jahrg. 

Medicinische Wochenschrift 

unter der Redaction von 

Prof. Ed. v. WAHL, Dr. L. v. HOLST, Dr. Th. v. SCHRÖDER, 

Dorpat. St. Petersburg. St. Petersburg. 


Die «St. Petersburger Medicinische Wochenschrift» erscheint jeden Sonn¬ 
abend. Der Abonnements-Preis ist In Russland 8 Rbl. für das Jahr, 
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dern 16 Mark jährlich, 8 Mark halbjährlich. Der Inserations - Preis für 
die 3 mal gespaltene Zeile in Petit ist 12 Kop. oder 30 Pfenn. — Den 
Antoren werden 25 Separatabzüge ihrer Original - Artikel zugesandt; 

Referate werden nach dem Satze von 16 Rbl. pro Bogen honorirt. 
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Carl Rlcker in St. Petersburg, Newsky - Prospect JA 14 zu richten. 

Ns s: 


Inserate werden ausschliesslich im Central-Annoncen-Bu- 
reau von Friedrich Petrlck in St. Petersburg, Newsky-Prospect JA 8, 
und in Paris bei unseren General-Agenten entgegengenommen. 
Les annonces frangaises sont regues exclusivement a Paris 
chez Messieurs G. E. Puel de Lobei & Clo., Rue Lafayette 58. a ^| 
Manuscripte sowie alle auf die Redaction bezüglichen Mittheilungen 
bittet man an den ge s ch äft s f ü h ren de n Redacteur Dr. Theodor 
V. Schröder (Malaja ltaljanskaja, Haus 33, Quart. 3) zu richten. Sprech¬ 
stunden täglich von 2—4 Uhr, ansser Sonntags. 


St. Petersburg, 20. Februar (8. März) 1888. 


Inhalt Alexander Bunge: Medicinische Beobachtungen in Nord-Sibirien. (Schluss).— Referate . Adolf Kuehn: Rudi¬ 
mentäre undlarvirte Pneumonieu nebst ätiologischen Bemerkungen über Pneumonieinfection. — K. D e h i 0 (Dorpat): Ein Fall von Anilin¬ 
vergiftung. — E. Bu 11: Zwei Fälle von intermittirender Albuminurie. — Rosenbach: Ueber das Erysipeloid. — C. Enge 1 skjö 11 : 
Die elektrische Behandlung der refrigeratorischen Facialisparalyse. — Bücher-Anzeigen und Besprechungen . BpaqeÖBHÄ EseroAHüFb 
Ha 1888 rotf» (Aerztliches Jahrbuch pro 1888). — 0. Ro t h: Die Arzneimittel der heutigen Medicin mit therapeutischen Notizen. —- Auszug 
aus den Protokollen der Gesellschaft praktischer Aerzte zu Riga. — Protokolle des Vereins St. Petersburger Aerzte. — Vermischtes . 
— Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs. — Morlalitäi einiger Hauptstädte Europas . — Ameigen. 


Medicinische Beobachtungen in Nord-Sibirien. 

■ (Vortrag gehalten in der Gesellschaft der Marine-Aerate). 

Von 

Dr. Alexander Bunge. 

(Schloss.) 

Von anderen, besonders in die Augen fallenden Krank¬ 
heiten sind vor allen die Augen- und Hautkrankheiten zu 
erwähnen. Sehr läufig begegnet man Blinden oder Halb¬ 
blinden und die Ursache der Blindheit ist, soweit ich das 
eruiren konnte, stets ein und dieselbe: Entzündung der 
Bindehaut ( Conjunctivitis catarrhalis) ; die Ursache dieser 
letzteren ist in verschiedenen Lebensbedingungen zu suchen. 
Unter diesen ist zunächst der rasche Uebergang von der 
Dunkelheit des Winters zum hellen Lichte des Frühlings zn 
erwähnen; ferner die heftigen kalten Winde, welche, wie 
ich es selbst erfahren habe, die Augen stark reizen; endlich 
der Aufenthalt in rauchigen Wohnungen und die Unsauber¬ 
keit. Alle diese Ursachen zusammen rufen eine Entzün¬ 
dung hervor, die, bei Ermangelung jedweder Behandlung und 
bei der Unmöglichkeit die erwähnten Schädlichkeiten zu 
vermeiden, immer mehr und mehr zunimmt. Bald kommen 
Keratitis, meist ulceröser Natur, Iridochoroiditis und Reti¬ 
nitis dazu und der Process endet mit Bildung partiellen oder 
totalen Leucoms oder mit Atrophie des Bulbus; noch gut, 
wenn das andere Auge nicht gleichzeitig erkrankt. Im Be¬ 
ginn der Krankheit, bevor die Entzündung einen bedeuten¬ 
den Grad erreicht bat, wirkt eine Lösung von Atropin mit 
Zink. sulf. vorzüglich und Dank diesem Mittel erzielte ich 
sehr gute Resultate. Nachdem die Eingeborenen die Wir¬ 
kung desselben kennen gelernt hatten, wandten sie sich oft 
sogar aus weiter Ferne an mich um Hülfe und ich versandte 
die Lösung zu ganzen Flaschen — für die ganze Bevölke¬ 
rung — bisweilen einige tausend Werst weit und hörte olt 
erst einige Jahre später von der vorzüglichen Wirkung des 
verabfolgten Mittels. 

Das Trachom habe ich nnr ein Mal an der Lenamündung 
beobachtet; leider musste ich den Kranken verlassen, bevor 
die Behandlung zu Ende war, doch hinterliess ich ihm einige 
Mittel zur Fortsetzung derselben. 

Von. den Hautkrankheiten ist der Favus am häufigsten 


und man sieht daher sehr oft ganz junge Leute, die schon 
kahlköpfig sind und nur noch einige Büschel grauer Haare 
besitzen, oder ihr Kopf ist noch ganz bedeckt mit gelben 
Borken. Diese Krankheit wird gewöhnlich vom Vater auf 
den Sohn durch die Mütze übertragen. 

Weit selteuer beobachtete ich Eczem und endlich Scabies. 

»ehr häufig sah ich alle Formen vcn Rheumatismus , vom 
leichten Muskelrheumatismus au bis zum acuten Gelenkrheu¬ 
matismus mit Herzaffection, und Rheumartkritis deformans. 
Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Ursachen des Rheuma¬ 
tismus hier in den ungünstigen klimatischen Verhältnissen 
zu suchen sind. 

Dem gleichen Einfluss sind die verschiedenartigen Neural¬ 
gien zuzuschreiben. 

Noch auf eine Krankheit, die man häufig sieht und deren 
Ursache man in örtlichen Verhältnissen zu suchen hat, 
möchte ich Ihre Aufmerksamkeit lenken, nämlich den Ma- 
gencatarrh. An der Mündung der Jana nähren sich die Be¬ 
wohner grösstentheils von einem kleinen Fisch aus der Gat¬ 
tung der Coregonen (C. albula L. ?), den sie im Herbst in 
ungeheuren Mengen zuweilen zu 10 Tausenden mit einem 
Mal mit Netzen fangen. Dieser Fisch wird bis zum Winter 
in der gefrorenen Erde in Gruben aufbewahrt, in denen er 
in einen massigen Grad von Fäulniss übergeht. Beim 
Kochen dieses Fisches verbreitet sich ein so abscheulicher 
Gestank, dass es schwer fällt in eine Jurte einzutreten, wo 
das Mittagessen gekocht wird. Ich glaube, dass der häufige 
Genuss dieser faulen Nahrung die Ursache der zahlreichen 
Magencatarrhe bildet. Die dortigen Einwohner aber ver¬ 
sichern, dass dieses die einzige Art wäre, um die gleichför¬ 
mige Nahrung zu ertragen, da ihnen jede andere Form der¬ 
selben zum Ueberdruss werde. Alle Bemühungen der Re¬ 
gierung sie zum Salzen oder Räuchern des Fisches anzu- 
balten, blieben bisher vollkommen ohne Erfolg. Es ist 
Ihnen nur zu wohl bekannt, wie schwierig die Behandlung 
des chronischen Magencatarrhs selbst unter günstigen Ver¬ 
hältnissen ist, wie viel mehr dort, wo Sie nicht die Möglich¬ 
keit haben eine passende Diät vorzuschlagen. Uebrigens 
war ich so glücklich in dem Chinin ein vortreiflich wirkendes 
Mittel za finden. Bei Verabreichung kleiner Dosen, circa 
Vs Gran, eine halbe Stunde vor der Mahlzeit besserten sich 


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die Kranken bereits nach VI* bis 2 Wochen bedeutend. 
Ihr Allgemeinbefinden wurde zusehends besser, die bisher 
bleichen Gesichter bekamen Farbe, Appetit trat auf und die 
Leute versicherten, dass ihre Kräfte sieb bedeutend gehoben 
hätten; für den besten Beweis der vorzüglichen Wirkung 
halte ich aber die stete Vergrösserung der Zahl der Einge¬ 
borenen, die sich an mich mit der Bitte um Chinin wandten. 

Ich halte es nicht für überflüssig mitzutheilen, dass der 
Scorbut im Norden sowohl unter den Eingeborenen, als den 
dortigen Russen eine vollkommen unbekannte Kraukheit 
ist; es leiden an demselben nur aus dem Süden Angereiste, 
sowohl Russen, wie auch — obgleich selten — Jakuten. Es 
kamen sogar Erkrankungen mit tödtlichem Ausgange vor. 
Ich beabsichtige über dieses Thema ein anderes Mal ge¬ 
nauere Mittheilungen zu machen, da es nicht zum Gegen¬ 
stände meines heutigen Vortrages, den im Norden endemi¬ 
schen Krankheiten, gehört. 

Erwähnen muss ich noch eine Krankheit, die ich nur ein 
Mal im Hospital zu Jakutsk flüchtig zu sehen Gelegenheit 
hatte, obgleich sie im Jakuisker Gebiet recht stark verbreitet 
ist; ich meine die Lepra. Im Norden ist sie vollkommen 
unbekannt. Interessant ist es, dass die Jakuten diese Krank¬ 
heit mehr als alle übrigen fürchten und die Kranken in be¬ 
sonderen Hütten tief im Walde isoliren, wo dieselben nur 
aufgesucht werden behufs Verabreichung der nothwendig- 
sten Nahrungsmittel; ich sage interessant, weil auch hier 
wieder der Volksinstinct richtiger als die Wissenschaft die 
Infectiosität der Krankheit erkannt hat. Als ich noch in 
Dorpat studirte (1873), war unser Professor der Chirurgie 
E. v. Bergmann, jetzt in Berlin, der sich lebhaft für 
diese Krankheit interessirte, so sehr davon überzeugt, dass 
sie nicht infectiös sei, dass er einen Leprösen, um ihn besser 
beobachten zu können, als Aufseher seiner Kinder zu sich 
in’s Haus nahm. Derselben Meinung waren damals auch 
alle anderen Autoritäten; bei meiner Rückkehr aus Sibirien 
war ich daher nicht wenig erstaunt zu erfahren, dass sich 
die Ansicht über die Infectiosität der Lepra vollständig ge¬ 
ändert habe. 

Aus der Zahl der Brustkrankheiten trifft man den chro¬ 
nischen Bronchialcatarrh ' sehr häufig; verweilt man in 
einem Gebäude, wo eine grössere Anzahl von Leuten versam¬ 
melt ist, so giebt einem das beständige Husten einen Be¬ 
griff von der Verbreitung dieser Krankheit. — Ernstere 
Lungenkrankheiten, wie z. B. die Schwindsucht, habe ich 
im Norden nicht gesehen. Im Süden aber und unter 
den aus dem Süden Angereisten kommt die Schwindsucht 
mit Bildung von Cavernen recht häufig vor, wovon ich mich 
sowohl an Lebenden wie auch bei Sectionen überzeugen 
konnte. 

Derselbe Gegensatz zwischen dem südlichen und nörd¬ 
lichen Theil des Jakutsker Gebietes zeigt sich endlich darin, 
dass im Süden oft der Bandwurm vorkommt, während ich 
ihn im Norden nie beobachtet habe. Die Arten des Band¬ 
wurms sind nach den Exemplaren, die ich in der Stadt Ja¬ 
kutsk erhielt, zu urtheilen: Taenia mediocanellata und Bo- 
thryocephalus latus. 

Von Krankheiten, denen ich seltener oder nur ein Mal 
begegnet bin, erlaube ich mir folgende namhaft zu machen: 
Catarrh. vesicae urin., Leucorrhoea, Goxitis, Atheroma, 
Carcinoma ventriculi und Tumor intraovbitalis (Sarcora oder 
Carcinom), letzterer mit tödtlichem Ausgang, doch konnte 
ich leider die Section nicht machen. 

Schliesslich möchte ich Sie mit einer Nervenkrankheit be¬ 
kannt machen, die für das ganze östliche Sibirien typisch 
ist, wie ich aus den Mittheilungen anderer Reisender er¬ 
sehen habe; die mit derselben Behafteten werden im dor¬ 
tigen Idiom, wenn sie männlichen Geschlechts sind, Emerjak , 
wenn weiblichen Geschlechts, Emerjatschka genannt, davon 
ist das Zeitwort emerjatschitj gebildet. 

Die Meinung, dass die Ursache dieser Krankheit in der 
Einwirkung des Nordlichts auf das Nervensystem zu suchen 
sei, kann ich nicht tbeilen, da ich im Norden, wo das Nord¬ 


licht im Winter eine fast tägliche Erscheinung ist, solche 
Emerjaken äusserst selten gesehen habe, während sie im 
Süden, wo das Nordlicht viel seltener ist, zu mehreren in 
jeder Ortschaft Vorkommen. (Aus diesem Grunde habe ich 
selbst die Krankheit nicht näher beobachten können und be¬ 
ruhen diese Mittheilungen grösstentheils auf Erkundigungen, 
die ich einzog). Ueberhaupt habe ich weder an mir noch 
au Anderen irgend welchen Einfluss des Nordlichts auf das 
Nervensystem gemerkt, mit Ausnahme natürlich der Empfin¬ 
dung des Staunens, welche wir bei jeder grossartigen Natur¬ 
erscheinung, z. B. beim Gewitter haben. 

Die erwähnte Krankheit besteht darin, dass der Kranke 
durch irgend etwas plötzlich erschreckt in einen Zustand 
ähnlich dem Starrkrampf verfällt, wobei er schreit und ge¬ 
wöhnlich in nicht wiederzugebenden Ausdrücken schimpft. 
Häufig vergeht der Anfall fast augenblicklich, in anderen 
Fällen dagegen dauert er recht lange, da die Person, die den 
Kranken erschreckt hat, ihn in diesem Zustande erhalten 
und veranlassen kann, verschiedene Körperbewegungen nach¬ 
zuahmen, wobei der Kranke oft flehentlich bittet, ihn frei 
zu geben. Geschieht das aber, so muss nach der Mitthei¬ 
lung von Augenzeugen der Schuldige sich rasch aus dem 
Staube machen, weil der zusichgekommene und äusserst 
erbitterte Kranke sich sonst auf ihn stürzt und ihn sofort 
durchprügelt. 

Da ich mich nie eingehender mit Nervenkrankheiten be¬ 
schäftigt habe, so überlasse ich es competenteren Leuten 
diese Krankheit in irgend eine der bekannten Gruppen ein¬ 
zuordnen. 

Fragen wir uns jetzt, ob die Jakuten irgend welche Be¬ 
handlungsmethoden besitzen, so müssen wir bejahend ant¬ 
worten, nur hat ihre Behandlungsmethode nichts gemein 
mit der modernen Wissenschaft; sie besteht lediglich in 
Schamanismus. Die wenigen Medic&mente, über welche sie 
verfügen, haben sie wahrscheinlich durch die Russen kennen 
gelernt und gebrauchen sie, wie es mir vorkam, nur in äus¬ 
serst seltenen Fällen. Einige Proben von Pflanzen, welche 
mir die Eingeborenen nach langen Bitten gaben, kann ich 
Ihnen hier vorlegen. 

Die von mir mitgebrachten Pflanzen gehören nach der 
Bestimmung des Hrn. Director v. Trautvetter folgen¬ 
den Arten an: 1) Ledum palustre L., als Decoct gegen Sy¬ 
philis ; 2) Oxyuria reniformis Hook, wird als Gemüse in 
Suppen gebraucht; 3) Artemisia borealis Pallas, als Decoct 
zu Waschwasser für Wunden; 4) Lagotis glauca Gärtn., als 
Gemüse in Suppen; 5) Cbrysospleninm alternifolium L., 
als Wundwasser; 6) Polygonum alpinum All. var. frigidum 
Trautv., als Gemüse benutzt; 7) Astragalus umbellatus 
Bge., die Wurzeln als Gemüse genossen; 8) Saxifraga caespi- 
tosaL. var. uniflora Hook, als Getränk statt des TheeV; 

9) Cassiope tetragona Don., als Decoct gegen Leibschmerzen; 

10) Lycoperdon bovista (?), Bovist, als blutstillendes Mittel. 

Obgleich Sie ohne Zweifel wissen, was Schamanismus ist, 

will ich mich doch bemühen, Ihnen in wenigen Worten mit¬ 
zutheilen, was ich darüber erfahren habe. 

Unter einem Schamanen verstehen die Eingeborenen einen 
Menschen, der mit Geistern in Verbindung steht. Ungeachtet 
dessen, dass alle Eingeborenen der Provinz Jakutsk geiauft 
sind, spielt der Scbainanismus bei Krankheiten von Mensch 
und Vieh, wie auch in allen sonstigen schwierigen Lagen 
eine grosse Rolle, und sogar die dortigen Russen wenden 
sich gleich den Eingeborenen oft um Rath an den Scha¬ 
manen. Vom Christenthum haben die Eingeborenen nur 
eine äussert dunkle Vorstellung. — Der Act des Schama¬ 
nismus selbst geht folgendermaassen vor sich: unter eintö¬ 
nigem Gesänge und Ausrufungen, die von Seiten des Ge- 
hülfen des Schamanen mit Trommelschlag begleitet werden 
uud die Anwesenden in Schrecken setzen sollen, die ihrer¬ 
seits ermunternde Ausrufe hören lassen, geräthder Schamane 
angeblich in einen Zustand von Bewusstlosigkeit. Er stürzt 
nachdem er bis dahin getanzt hat, in Krämpfen zur Erde 
und tritt dann mit den Geistern in Verbindung. Aus seinen 


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abgerissenen, zusammenhangslosen Ausrufungen und Worten 
bilden sich die Anwesenden einen Begriff von dem Rath, der 
dem Schamanen von den Geistern gegeben worden und er¬ 
greifen darnach ihre Maassregeln gegen die dtobende Ge¬ 
fahr. Gewöhnlich geht der Rath dabin, dass der Patient 
irgend welche Werthsachen an einen bekannten Ort den 
Geistern zum Opfer bringt ; das Verschwinden der Sachen 
von dort gilt als Zeichen, dass die Bitten des Schamaneu er¬ 
hört seien. - 

Auf mich hat diese ganze Proeedur stets den Eindruck 
des allergröbsten Betruges gemacht, russische Einwohner 
aber versicherten mir, dass es im südlichen Tbeil Schamanen 
gebe, die ohne Zweifel in einen Zustand von Bewusstlosig¬ 
keit verfallen. 

In der häufigen Wiederholung derartiger Beschwörungen, 
die ohne Zweifel stark auf das Nervensystem wirken, glaube 
ich die Ursache der Emeijakenkrankheit sehen zu müssen; 
wenigstens schrieben die Jakuten Belbst die Geistesstörung 
eines Menschen dem Umstande 2U, dass sich seine Eltern 
und Vorfahren mit Schamanismus beschäftigten. Weitere 
Untersuchungen über diesen Gegenstand wären sehr wün- 
schenswerth und sind auch durchaus möglich, da man in 
nächster Zukunft wohl keine Veränderungen im Leben der 
Eingeborenen des Jakutsker Gebietes zu erwarten hat. 


Referate. 

Adolf Kuebn: Rudimentäre und larvirte Pneumonien 
nebst ätiologischen Bemerkungen über Pneumoniein- 
fection. (Deutsches Archiv f. hin. Medioin, Bd. 41. H. 4, 5,6). 

'Während Rokitansky, Rindfleisch u. A. den localen Ent¬ 
zündung* Vorgang bei der Pneumonie mit seinem prägnanten Sympto- 
mencomplex anf Erkältung zurückführten und alles Andere für Fol¬ 
gen der entzündlichen Gewebsveränderung oder Complicationen 
hielten, sprachen sich von deutschen Autoren Tr aube und nament¬ 
lich Jürgensen für die Zugehörigkeit derselben zu den Infections- 
krankheiten aus. Damit schien ein einheitlicher Standpunct gewon¬ 
nen nnd alle specifischen Formen wie: die nervöse Trousseau’s, 
die erysipelatöse Friedreich's, die biliöse Mosler’s, die pri¬ 
mär-asthenische Leichtenstern’s, die rheumatische Pneumonie 
der englischen Autoren und die Grippen- und Malariapneumonie 
G r i 8ol 1 e ’s Hessen sich als durch Verschiedenheiten des Verlaufes, 
individuelle Verhältnisse oder durch Complicationen bedingte Modi- 
ficationen derselben Krankheit erklären. Diese aetiologische Einheit 
schien nun vollends wiedergewonnen als Friedlände r nnd Fro¬ 
he nius ihre sogenannten Kapselkokken als specifische Infections- 
mikroben bezeichneten. Allein die Untersuchungen Talamon’ß, 
welcher weizenkorn- oder kerzenflammenähnliche Diplokokken fand, 
die des Verf. nnd Fränkel’s, die imSputnm derPnenmoniker den 
Bacillus septicus sputigeuus nachwiesen, ferner Scho u 1 s, der den 
Bacilluspneumonicusagilisdarstellte, so wie Affanassje w’s, wel¬ 
cher 3 Varietäten und We i o h s e 1 b a n m’s, der 4 verschiedene Formen 
aus dem Sputum isolirten, Hessen die Möglichkeit verschiedenartiger 
Pneumonieerreger zu. Die Grundform des Pneumoniemikroben blieb 
jedoch ein Diplokokkus und zwar war die am häufigsten nachzuwei¬ 
sende Form ein dem Bacillus septicus sputigenus identischer. 

Diese fraglichen Krankheitserreger sind von Fränkel, Tala- 
mon, Sänger n. A. in dem Exsudat der sogenannten Complica¬ 
tionen, der Meningitis, Endocarditis, Nephritis, Pericarditis, bei 
einer grossen Zahl von Pleuritiden, sowie im Blute der Pnenmoniker 
gefunden worden. Durch diese Thatsache kann mau sich bei der In- 
fection mit Pneumoniemikroben die Erkrankung eines oder mehrerer 
der genannten Organe denken, ohne dass es zu einer Erkrankung 
der Lunge selbst kommt. Anhaltspuncte giebt dafür auch die klini¬ 
sche Beobachtung der rudimentären und larvirten Pnenmonieformen. 

Verf. ist 15 Jahre lang Arzt der Correctionsanstalt in Moringen, 
einer Gegend, in welcher Pneumonieformen die endemischen Krank¬ 
heiten bilden, welche nicht selten zu heftigen Epidemien führen. 
Verf., der über ein sehr grosses Krankenmaterial verfügt, machte 
bei solchen Epidemien die Beobachtung, dass neben den ausgebildeten 
typischen Pneumonien eine Reihe ephemerer oder auch mehrtägiger 
Fiebererkrankungen Vorkommen, welche die charakteristischen Merk¬ 
male des Pnenmoniebeginns zeigen, die aber mit einem plötzlichen 
Temperaturabfall wieder zur vollständigen Euphorie führen, ohne 
dass es zu einer objectiv nachweisbaren Erkrankung des Lungenge- 
webes oder zu anderen Pneumonieerscheinungen kommt. Diese 
rudimentären Pnenmonieformen haben mit den eintägigen oder mehr¬ 
tägigen Abortivpneum>nien Wunderliches das typische rasche 
Ansteigen des Fiebers nnd den raschen kritischen, seltener lytischen 
Fieberabfall gemein, unterscheiden sich aber durch das Fehlen an¬ 
derer subjectiver oder objectiver Pneumoniesymptome. 

Verf. benutzte zu vorliegender Arbeit das Krankenmaterial von 
3 Jahren, vom Jahre 1883 bis 1&85. ln diesem Zeitraum kamen 


unter den 2392 Corrigenden der Anstalt 1329 Erkrankungen und 
von diesen 82 an ansgebildeter und 65 an rudimentärer Pneumonie, 
in Summa 147 pneumonische Infectionen mit 13 Todesfällen zur 
Beobachtung. Von diesen Pneumonien kamen auf die kalte Jahre*- 
zeit 50 also 34,01 Proc. und anf die Frühlings- und Sommerzeit 97 
oder 65.99 Proc. Diese Zahlen entsprechen den Angaben Jürgen¬ 
sen ’ s über die Pneumoniefrequenz der einzelnen Jahreszeiten inner¬ 
halb des continentalen Klimas. 

Dass Erkältung kein auxiliäres Moment für die Pneumoniefrequenz 
ist, sucht Verf. durch folgende Zahlen nachzuweisen: 39,57 Proc. 
aller Gefangenen werden mit Feld-und „Aussenarbeiten“ beschäftigt, 
welche sie bei jeder Jahreszeit und jeder Witterung in relativ leich¬ 
ter Kleidung verrichten müssen nnd nur 30,20 Proc. dieser Gruppe 
erkranke an Pneumonie. Ein zeitweises Ueberwiegen der Pneumo- 
nieerkrankuugen bei den „Aussenarbeitern“ gerade im Frühling bei 
scharfen anstrocknenden Winden, glaubt Verf. durch die Hypothese 
erklären zu können, dass die durch die massenhaften Niederschläge 
des Winters and Vorfrühlings ans der Luft dem Boden zngeführten 
pathogenen Organismen beim Bestellen des Landes aus der sie ent¬ 
haltenden Bodenschicht losgerissen werden und sich, durch heftige 
Winde begünstigt, der Luft heimischen. 

Aus den Krankenlisteu ist ferner ersichtlich, dass sehr oft diejeni¬ 
gen Gefangenen an Pneumonie erkranken, welche die 8chlafsäle zu 
reinigen haben, also den oft mit Sputis der Gefangenen bedeckten 
Fussboden aufwascben. Bemerkensweith ist ferner die hohe Erkran- 
kungsziffer bei den Gemüsereinigern und die vielen Erkrankungen 
bei den Leinwebern, Rohr- und Stroharbeitern; bei diesen letztem 
bandelte es sich wohl um Verwundung der Respirationsorgane beim 
Einatbmen der scharfen Fasern, Günstiger liegen die Verhältnisse 
bei den Cocoswebern, den Cigarrenmachern, Schneidern und Schuh¬ 
machern. 

Am Schluss seiner ätiologischen Betrachtungen stellt Verf. folgende 
Sätze auf: 

1) Die Pneumonieinfection gelingt nm so leichter, je aggressiver 
das Individuum ist. 

2) Das kräftigste Lebensalter ist deshalb am widerstandsfähigsten 
gegen die Infection. 

3) Alle Lebensverhältnisse, welche Gelegenheit zur Verwundung 
der Epitbeldecken der Respirationsschleimhaot geben, disponiren zur 
Pneumonieinfection. 

4) Erkältung in dem gewöhnlich damit verbundenen Sinne hat gar 
nichts mit Pneumonieerkranknng zu schaffen. 

Wichtig ist, wie ans den Tabellen hervorgeht, die Thatsache, dass 
von den Arbeitern, die aus eirem Schlafsaal (Neubau 17) stammen, 
die einen an typischer, schwerer Pneumonie erkranken, von denen 
einige sogar sterben, während die anderen wegen einer nur 1 oder 
2 tägigen Rudimentärform im Laz&reth Aufnahme finden. 

Um die Zusammengehörigkeit der Rudimentärform mit der Pneu¬ 
monie zu illnstriren gebt Verf. auf die einzelnen Symptome näher 
ein und erwähnt zuerst des Herpesausscblages, welcher nach ihm bei 
den Rudimentärformen ebenso häufig beobachtet werde, wie bei den 
ausgebildeten Formen. Ja, Verf. ist geneigt, alle als Febris herpe¬ 
tica bezeichneten Kr&nkheitsformen für rudimentäre Pneumonien 
zu halten. 

Im Fiebergang entsprechen die Rudimentärpnenmonien genau den 
Temperaturverhältnissen der Initialperiode ansgebildeter Pneumo¬ 
nien, unterscheiden sich von letztem nur durch den schnellen Rück¬ 
gang der bedrohlichen Erscheinungen. Von den 65 vom Verf. beob¬ 
achteten Fällen von Rudimentärpneumonie hatten 38 einen eintägi¬ 
gen, 23 einen 2-tägigen, 3 einen 3 tägigen nnd einer einen 4-tägigen 
Typns. Der aufsteigende Theil der Fiebercurve ist gewöhnlich ein 
steiler, in wenigen Stunden wird die Fieberhöhe erreicht. Das erste 
Symptom ist gewöhnlich ein jäh hereinbrechender Schüttelfrost, nur 
in einzelnen Fällen gehen dem eigentlichen Krankheitsbeginn 1 oder 
2 Tage unbestimmte Prodrome voraus, welche schon leichte Fieber¬ 
bewegungen zeigen können. Das Fiebermaximum dieser rudimen¬ 
tären Formen ist sehr verschieden hoch. Die Cnrven können nur 
wenige Zehntel über 38 erreichen, können indessen mit 41,8 Gipfel 
zeigen, welche den höchsten bei günstig verlaufenden ausgebildeten 
Pneumonien überhaupt möglichen Temperaturen ganz nahe Hegen. 
Der Fieberabfall ist in der Regel sehr schroff und führt fast immer 
ein oder mehrere Tage zu subnormalen Temperaturen, wie das auch 
bei den ausgebildeteu Pneumonien der Fall ist. In seltenen Fällen 
ist der Temperatnrabfall mehr lytisch, dadurch entsteht nach Verf. 
ein Theil der Rudimentärpnenmonien mit mehrtägigem Fieber. 

Der kritische Fieberabscblag ist bei den Rudiment&rformen noch 
häufiger als das bei entwickelten Puenmonien vorkommt, mit reich¬ 
licher Schweissproduction verbunden. 

Der fiarn entspricht hinsichtlich seiner Menge nnd seiner sonstigen 
Beschaffenheit den bei der entwickelten Pneumonie zur Beobachtung 
kommenden Veränderungen. 

Pathologisch-anatomisch wurden nur 3 Fälle von Rudimentärpnen- 
monie untersucht und zwar fanden sich auch hier wie bei ausgebil¬ 
deter Pneumonie Veränderungen in der Leber, den Nieren und mehr 
oder weniger ausgesprochenes Fettherz. Bemerkenswerth ist, dass 
in allen 3 Fällen alte adhäsive Pleuritis im Bereich fast der ganzen 
Lunge oder einer Hälfte bestand. Im Lungengewebe selbst fand 
Verf. blutig-ödematöse Lungenpartien, in welchen er einmal auch 
Pneumouiemikroben nachweisen konnte. 

Im zweiten Theil seiner Arbeit behandelt Verf. die larvirten Pneu- 


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monien. Gestützt auf eine grössere Auzahl eigener Beobachtungen, 
sowie auf das ihm von L. Mey er ans der Göttinger Irrenanstalt zur 
Verfügung gestellte Material, bespricht Verf. eine Reihe von nervö¬ 
sen Erscheinungen, welche ausgebildete Pneumonien begleiten oder 
für sich allein larvirte Pneumonien bilden können. 

Durch Krankengeschichten illustrirt Verf, die Thatsache, dass bei 
sensitiven und nervös reizbaren Personen, so bei hysterischen 
Frauen , Epileptikern und Geisteskranken, der Initialfrost durch 
hysterische, epileptische, paralytische resp. apoplectische Anfälle 
ersetzt werden könne. Die Ursache für die Erscheinung sucht Verf. 
in der Einwirkung pneumonischer Infectionserreger auf das Gehirn. 
Ausser den Fällen, in welchen der Tod erst ein oder mehrere Tage 
nach dem paralytischen Anfall eintrat und bei denen die Longen ausge¬ 
sprochene für Pneumonie charakteristische Veränderungen aufwiesen, 
erwähnt Verf. 2 Fälle, bei denen der Tod sofort im paralytischen 
Anfall eintrat und bei denen dennoch schon beginnendes Engonement 
nachweisbar war. In den beiden letzten Fällen war ferner der linke 
fierzventrikel fest contrabirt, ein Befund analog den Untersuchungen 
Brieger’s, bei welchen nach Einführung von Ptomainen in die 
Blutbahn bei den entsprechenden Versuchsthieren der Tod nach 
raschem Sinken der Herzthätigkeit eintrat, wobei das Herz stets in 
systolischer Contraction angetroffen wurde. Es erscheint Verf. wahr¬ 
scheinlich, dass bei ungewöhnlich reizbarem Centralnervensystem 
die Menge Pneumoniemikroben und deren Producte, welche bei ge¬ 
sunden Menschen nur Kopfweh, Schüttelfrost etc. her vorrufen, ge¬ 
nüge die Lebensthätigkeit in den Ganglienzellen ganz zum Er¬ 
löschen zu bringen. Dafür sprechen auch jene Fälle von Pneumo¬ 
nien Geisteskranker, in denen der lähmende Einfluss jener patho¬ 
genen Stoffe nur für bestimmte Gehirnpartien, besonders für die 
wärmeregulirendenCeutren, von vornherein ein so hochgradiger wird, 
dass der Pneumoniebeginn mit plötzlichem Collaps und abnormem 
Sinken der Temperatur eintritt. Solche Fälle sind ausser von Reiu- 
hardt auch 3 mal vom Verf. beobachtet worden. Von diesen be¬ 
gann der eine mit 30,0° und führte mit dauernden Collapstemperaturen 
anderen Tags zum Tode. Hierbei fand sich eine durch bacteriolo- 
gische Untersuchung bestätigte Pneumonie. In zwei anderen um 
dieselbe Zeit vorgekommenen Fällen waren keine deutlichen Lungen¬ 
erscheinungen vorhanden. Der eine begann mit 28,5° und hob sich 
nur wieder bis zu 32,0°, der andere mit 25,7°—29,5°. 

Ferner weist Verf. auf den Seitenschmerz, ein Symptom im Beginn 
der Pneumonie bin, welches nicht selten noch vor dem Schüttelfrost 
die Scene eröffnet und nur ausnahmsweise dem Sitz der Entzündung 
entspricht. Nach Verf. beruhe diese Erscheinung auf toxischer 
Neuralgie der Intercostalnerven. 

Ausserdem führt Verf. 2 Fälle von pneumonischer Infection au, 
die sich nur durch einen mit Fieber verbundenen Anfall von Neuralgie 
äusserten und dann zurückgingen. Der eine Fall betraf eine Neuralgie 
des Ischiadicus, der andere eine im Supraorbitalaat des Trigeminus. 

Verf. bespricht endlich einige andere Krankheitserscheinungen, 
welche beim Intactbleiben der Lunge für sich allein die Symptome 
der Pneumonieinfection bilden können. Da sind zuerst die Angina, 
dann die Laryngeal- und Bronchialcatarrhe. 

Gestützt auf die Beobachtung, dass häufig anginöse Beschwerden 
und laryngeale Erscheinungen den schweren Pneumonien voraus- 
gehen, glaubt Verf. annehmen zu dürfen, dass solche Anginen bei 
Rudimentärpneumonien das einzige locale Symptom bilden können 
und sucht diese Behauptung durch ein Beispiel zu belegen. Ja, Verf. 
hält alle nicht diphtheritischen Anginen, „sobald sie die für Rudi¬ 
mentärpneumonie genügend ; gekennzeichneten Fieberbewegungeu 
haben* für Pneumonieinfection. In demselben Sinne spricht sich 
Verf. über eine Menge v m Pleuritiden und Pericarditiden ans, doch 
fügt er hinzu: „es ist bis jetzt allerdings noch kein bacteriologischer 
Beweis für die Zusammengehörigkeit solcher Krankheitsprocesse mit 
der Pneumonie erbracht". 

Am Schluss seiner Abhandlung widmet Verf. noch einige Worte 
der Therapie. Er empfiehlt im Beginn der Pneumonie das Calomel, 
warnt vor den Antipyreticis mit Ausnahme mässiger Gaben von Chinin 
und vor der Anwendung kalter Bäder und spricht sieb gegen die 
Darreichung grosser Mengen alkoholhaltiger Flüssigkeiten aus. Die 
Digitalis sollte man, seiner Ansicht nach, nur bei der Pneumonie 
Herzkranker anwenden. Jul. Taube (Moskau). 

K. Deh io (Dorpat): Ein Fall von Anilinvergiftung. (Berlin, 
klin. Wochenschr. 1888. Jfc 1). 

Der im Folgenden referirte Fall von Vergiftung mit Auilinöl ist 
auf der Dorpater medicinischen Klinik beobachtet worden. 

Eine 21-jährige Frau hatte in selbstmörderischer Absicht etwa 
10 Gramm Anilinöl per os zu sich genommen und war zwei Stunden 
darnach in somnolentem Zustande in ihrem Bett aufgefnnden worden. 
Obgleich ein grosser Tbeil des verschluckten Giftes wieder erbrochen 
wurde, verfiel die Patientin doch gleich darnach in ein tiefes Coma, 
welches circa 36 Stunden anhielt und von tiefen, anregelmässigen 
Athemzügen und sehr frequentem Pulse begleitet war. Während 
des Coma trat eine eigentümliche Blaufärbung des Körpers auf, 
die der Verfasser auf die im Blute vor sich gehende Bildung von 
Anilinfarbstoffen aus dem angenommenen Anilin znrückführt; die¬ 
selbe schwand nach drei Tagen. 

Am zweiten Tage nach der Vergiftung erholte sich die Patientin 
allmälig ans dem Coma, das anfänglich die schlimmsten Befürch¬ 
tungen hervorgernfen hatte, zugleich aber kam ein intensiver Icte¬ 


rus zustande ; der Harn enthielt viel Gallenfarbstoff, jedoch während 
I der ersten Tage, wo allein nach ihnen gesucht wurde, keine Gallen-' 
| säuren; die Faeces waren gallig gefärbt. Etwa am 5. Tage der 
i Vergiftung legte sich der Icterus, statt seiner aber trat eine inten¬ 
sive Rimoglobinämie und Hämoglobinurie auf, begleitet von 
einem durch Zählungen leioht zu constatirenden Schwund und Zer¬ 
fall der rothen Blutkörperchen , deren Zahl sich auf eift Viertel des 
Normalen verminderte. Mikroskopisch Hessen sich im Blut viel 
Poikylocyteu und Blutkörperchenschatten nachweisen. In der zweiten 
Woche schwanden diese Erscheinungen und es trat eine langsame 
Reconvalescenz ein. Verfasser bespricht aus Anlass dieser Vergiftung 
die Frage, ob es sich hier um einen h&ematogenen oder hepatogenen 
Icterus bandelte und halt letzteres für das Wahrscheinlichere, ob¬ 
gleich er keine Galieusäuren im Harn aufgefunden hatte. Man weiss 
nämlich, dass Stoffe, die chemisch dem Anilinöl nahe verwandt sind 
(Toluylendiamin) gleichzeitig oder nach einander Icterus (und zwar 
nachweislich hepatogenen Resorptionsicterus) und Hämoglobinurie 
verursachen. Der Verfasser glaubt, dass wenn er in den späteren 
Tagen des Icterus danach gesucht hätte, er wahrscheinlich auch 
Galieusäuren im Harn gefunden haben würde. Die Annahme, dass 
Gallenfarbstoff durch Zerfall der rothen Blutkörperchen im Blut* 
selbst obue Vermittlung der Leber entstehen könne, ist übrigens in 
neuester Zeit durch die experimentellen Untersuchungen Naunyn’s 
und Miukowski’s sehr unwahrscheinlich gemacht worden. 

Autorreferat. 

E. Bull: Zwei Fälle von intermittirender Albuminurie 

(Klinisk Arbog III Nordisk Med. Arkiv 1887 Bd. XIX). 

Fall 1. Manu von 21 Jahren hielt sich 40 Tage im Hospital auf; es 
wurden methodische Harnuntersuchungen gemacht; dabei erwies 
sich, welchen grossen Einfluss Körperbewegung auf den Eiweiss- 
gehalt ausübte. So lange Pat. zu Bette lag fand sich nie Eiweiss, so¬ 
bald Pat. begann sich zu bewegen wurde der Albumingehalt immer 
reichlicher. 

Fall 2. Schuhmacher von 28 Jahren, der stets blass u^d mager 
gewesen war und an dyspeptischen Beschwerden gelitten hatte sonst 
aber gesund war. Er wurde erst 20 Tage poliklinisch beobachtet und 
darauf ins Hospital aufgenommen, wo der Urin im Laufe von 7 Tagen 
jedesmal wenn er gelassen war untersucht wurde. Es zeigte sich auch 
in diesem Falle, welche grosse Rolle Körperbewegung spielte. So¬ 
lange der Pat. poliklinisch beobachtet wurde, war der Morgenurin 
stets eiweissfrei; je mehr der Tag fortschritt, desto stärker wurde 
der Eiweissgehalt. Seit dem Augenblick, wo Pat. im Hospital das 
Bett zu hüten begann, zeigte sich kein Eiweiss mehr. Diätetische 
Versuche zeigten sich ohne Einfluss; weder Alcoholica noch stark 
eiweisshaltige Kost riefen Albuminurie hervor, so lange Pat. zu Bette 
lag. Doch nimmt Verf. an, dass die Hospitalskost sich dennoch als 
günstig erwiesen hat, da auch später als Pat. auf war und arbeitete, 
so lange er sich im Hospitale aufhielt kein Eiweiss nachzuweisen war, 
bis auf ein Mal, als er nämlich das Bett verliess und das erste Mal 
arbeitete. Buch (Willmanstrand), 

Rosenbach: Ueber das Erysipeloid. (Langenbeck’sArch, 
XXXVI, 2.) 

Das Erysipeloid (Erysipelas chronicum, Erythema migrans etc.) 
ist eine Wundinfectionskrankheit, welche niemals von Person zu 
Person übertragen, sondern nur sporadisch durch Einimpfung des 
ektogen existirenden Infectionsstoffes in wunde Stellen acquirirt wird. 
Letzterer befindet sich in allerhand in Zersetzung begriffenen Stoffen 
animalischen Ursprungs. Schlachter, Köchinnen, üestaurateure, 
Wildhändler, Häringskrämer, Gerber etc. sind der Infection am 
meisten ausgesetzt. Die typische Einfallspforte für dieselbe bilden 
die Finger. Die Krankheit änssert sich in einer von der Impfstelle 
ausgehenden dunkelrothen, oft lividen Schwellung mit ganz scharfer 
Grenze, sehr ähnlich einem Erysipel, aber ohne Beeinflussung der 
Körpertemperatur und des Allgemeinbefindens. Die Affection ist 
nicht besondere schmerzhaft, breitet sich langsam aus und erlischt 
nach 1—2—8 Wochen spontan. Nachdem längst die znerst ergriffenen 
Theile abgeblasst sind, hört dann das Fortscbreiten in der Peripherie 
auf und alles bildet sich zur Norm zurück. Als Träger dieser Infec¬ 
tion erkannte Verf. ein Mikrob, das seiner Morphologie nach mit der 
Cladothrix dichotoma Cohn verwandt zu sein scheint; doch handelt 
es sich bei demselben nicht um eigentliche Dichotomie, sondern um 
falsche 1 Astbildung, indem die „Aeste* dem Hanptfaden mit dem 
einen Ende bloss anliegen, nicht aber in organischem Zusammenhang 
mit demselben stehen. Durch Einimpfung der Reincultur am eigenen 
Oberarm konnte Verf. das typische Krankheitsbild erzengen. Ver¬ 
suche, das Erysipeloid auf Lupus zu impfen, blieben ohne Resultat. 

G. 

C. E n g e 18 k j ö n: Die elektrische Behandlung der refri- 
geratorischen Faciaiisparalyse. (Norsk magasin for Läge- 
vid. 1886). 

Verf. nimmt an, dass die allgemeine rheumatische oder refrigera- 
torische Facialislähmuug nicht dem Einfluss der Kälte auf das Ge¬ 
sicht selbst zuzuschreiben sei, sondern durch Reflex von den sensiti¬ 
ven Hautnerven aus entstehe, er nimmt daher an, dass elektrische 
Behandlung des Reflexcentrums selbst weit rationeller sein müsse als 
die des Facialis und theilt zur Bekräftigung seiner Ansicht 3 Kran¬ 
kengeschichten mit, in denen er mit bestem Erfolge centrale Fara- 
disation der Medulla oblongata anwandte. Buch (Willmanstrand). 


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71 


BOcher-Anzeigen und Besprechungen. 

Bpa’ieÖHKfl EateroÄHHKi Ha 1888 roAi> (Aerztlichea Jahrbuch 

pro 1888). Hsx&Hie peAasniH «Pyccsofl moahuhhu». T. 

1888. THno-JlHTorpa<|>ia II. H. HImhjiti>. 

Durch einen Zufall erhielt Bef. kürzlich statt des bekannten 
Ricker'schen ärztlichen Kalenders das obengenannte Jahrbuch, 
welches ja ebenfalls in Kalenderform herausgegeben wird, jedoch 
nur wenig Raum zu Notizen, dagegen einen rned. Text anf 328 Sei¬ 
ten bietet. Da wiederholt Verwechselungen mit dem Kicker ’schen 
Kalender Torgekommen und so mancher Landarzt Russlands wohl 
auch in die Lage kommt, sich das vorliegende «Jahrbuch» anzu¬ 
schaffen, halten wir es für unsere Pflicht die Collegen mit dem Re¬ 
sultat der Prüfung dieses «Jahrbuches» bekannt zu machen. Die 
Ausstattung ist eine recht gute und ein besonderer Vorzug besteht 
darin, dass zahlreiche Recepte aus den Kliniken hervorragender 
rassischer Kliniker abgedruckt sind. Hieraus bekommt man einen 
ganz guten Ueberblick über die auf den verschiedenen Kliniken herr¬ 
schenden Richtungen. 

Andererseits sind uns aber zahlreiche Puncte aufgefallen, die man 
nicht ohne Bedenken gedruckt sieht, namentlich wo man doch er¬ 
wartet, dass den neuesten Anschauungen und Fortschritten der med. 
Wissenschaften Rechnung getragen sei. 

Gleich auf pag. 1 wird bei acuter Rhinitis der Nasendouche und 
noch dazu mit reinem Wasser das Wort geredet, während die Rhino- 
logen heut zu Tage gerade nicht genng vor deren Gebrauch warnen 
Jtönuen und nachweisen, dass nur zu leicht dadurch hartnäckige 
Ohrenleiden bewirkt werden. Desgleichen erwähnt der Verl, dieser 
therapeut. Notizen mit keinem Worte der zu einer ganzen Literatur 
herangewachsenen Frage über die Abhängigkeit des Asthma von Na¬ 
senleiden. Auch die zahlreichen, so interessanten neuen Vorschläge 
zur Therapie der Lnngentuberculose werden mit Stillschweigen über¬ 
gangen. Das neueste bezüglich derselben bildet noch der Vorschlag 
(pag. 19), bei Durchfällen der Schwindsüchtigen Cottän zu geben, 
(wurde, soviel uns erinnerlich, bereits 1878 vorgeschlagen). Bei 
Angina crouposa und diphterüica kommen wir (pag. 21) nicht über 
Aq. Calcis und Natron oemoic. heraus (obgleich doch die interes¬ 
sante Arbeit L u n i n ? s so manches Neue gelehrt). Bei Typhlitis 
und Perityphlitis empfiehlt der unbekannte Autor *hxtract . Alois* 
2 Mal tägi. zu 2 Gran (pag. 29). Bei Ileus spricht er sich (pag. 30) 
gegen «Hydrargyrum vivnm» aus (also muss er doch noch den Ver¬ 
dacht haben, dass es von t ollegen verordnet werden könnte). — Bei 
Hyper fimia hepatis empfiehlt er (pag. 32) «Blutegel ad anum», die 
überhaupt sehr protegirt werden (bis zu 30 Stück werden bei Gehirn¬ 
hyperämie empfohlen (pag. 37). — Beim Tetanus fungirt(pag. 46) 
noch Infus, fol. nieotian (gr. XV : Jjjj) zum Clysma, obgleich ge¬ 
rade vom russischen Collegen auf die Gefahren dieser Therapie auf¬ 
merksam gemacht worden. 

Unter den « allgemeinen Krankheiten der Ernährung* finden 
wir (pag. 51) neben Anämie, Chlorosis und Scorbut auch den « Rheu¬ 
matismus*, gegen den Jodkali und Camphorsalben empfohlen werden. 

Unter den «therapeutischen» Mitteln gegen Syphilis finden wir 
{pag. 52) die merkwürdige Mittheilung, dass Hg. metallicum in 
Form von Salben, Suppositorien [!] (pag. 523, Kügelchen und 
Pflaster gebraucht wird. Die neue, viel verheissende Richtung der 
Byphilis-Therapie, die Ipjectionen von Calomel und Hg. oxyd. flav. 
haben beim Vf. keine Berücksichtigung gefunden, ja sind nicht ein¬ 
mal der Erwähnung werth befunden, denn seinen Ansprüchen genügt 
die «graue Salbe» vollkommen, doch werden auch Liquor mercurialis 
Switenii und Sal Alembrothi empfohlen, desgleichen Jodoformpillen, 
die in den Handbüchern nicht gerade gerühmt werden. Auch De - 
coct. Pollini (pag. 65) wird als gebräuchliches Mittel angeführt. In 
der f7refÄrifi$-Behandlung spielen, ausser dem beliebten Zinc. salf. 
und Tannin mit Rothwein (pag. 67 <3&j *• JjV «npu bhiocth cjh- 
aHCTOft oöojioush»), die Patentmittel Capsules Grimault und «Santal 
de Mvdi* und die Balsamica eine bedeutende Rolle. Beim Bubo wird 
noch lnjection von Lugo 1 ’scher Lösung (nach Jakubowitsch) 
empfohlen (pag. 68) und nach Incision Verbände mit Adstriugentien 
und Acid. carbolic. Für spitze Condylomata werden ausser Rein¬ 
lichkeit nach Peters kalte Umschläge empfohlen (pag. 69). Wenn 
bei Ulcus molle schlaffe Granulationen aufbreten, soll n. A. Vin. 
aromatic. (pag. 69) gut sein. Bei Caries soll nach pag. 71 das 
Wichtigste sein, die schlechten Säfte zu entfernen und dann ist für 
guten Eiter&bfluss zu sorgen und sind die Granulationen leicht mit 
Lapis zu ätzen. Bei der Necrosis soll man die sich ablösenden 
Stücke der Knochen entfernen, aber nur dann , wenn sie schon ab- 
gelöst sind (pacmaT&Jwcb gesperrt gedruckt!). 

Bezüglich des Panaritium heisst es, dass wenn sich Eiter gebil¬ 
det, jedenfalls incidirt und mit einem Fettlappen verbunden werden 
muss (pag. 74) [nepeBasna cnasaHHoio »epom» b6touikoh>]. Und 
das liest man 1888 (nein, das Buch muss ein Falsificat sein, man 
kann doch unmöglich mehr Fettlappen empfehlen!). pag. 77 heisst 
es ganz harmlos: «bei der Wundbehandlung spielen die Hauptrolle : 
Kälte und antiseptischer Verband (NB. mit Fettlappen). 

Dann folgt eine kurze Beschreibung der antiseptischen Methode 
der Behandlung nach Lister mit «Protectiv» etc. (Wo bekommt 
man überhaupt noch Protectiv? Wer wendet es denn noch an ? Ref.). 
Von Sublimat-Verbänden findet sich in diesem Jahrbuch pro 1888 
kein Wort! 


| Nach diesen Proben war es uns unmöglich das Buch weiter zu 
i lesen und können wir nur den Schluss ziehen, dass es sich offenbar 
um eine Mystification handelt, vor welcher wir die Collegen warnen 
müssen, die «RusskajaMedicina» steht der Sache offenbar ferne, denn 
sie trägt ja geachtete Namen an ihrer Spitze! 

Denken wir uns nun die Lage eines älteren Collegen auf dem 
Lande, der sich das «Jahrbuch» verschreibt und daraus ersehen will, 
welche Fortschritte die Medicin und Chirurgie gemacht hat. Zum 
Schluss weisen wir nur noch darauf hin, dass das Verzeicbniss der 
Petersburger Aerzte von «alten Adressen» wimmelt, der Vf. hat sie 
offenbar irgendwo «entnommen», ohne sich die Mühe der Verifizirung 
zu machen. p. 

0. Roth: Die Arzneimittel der heutigen Medicin mit the¬ 
rapeutischen Notizen, zusammengestellt für praktische 
Aerzte und Studirende der Medicin. 6. Auflage. Neu be¬ 
arbeitet von Dr. Gregor Schmitt. Würzburg 1887. A. 
Stuber’s Verlagshandlung. 379 S. 

Ein handliches, bequemes Nachschlagebuch, welches sämmtliche, 
in jetziger Zeit gebräuchlichen Arzneimittel, auch die neuesten, in 
alphabetischer Ordnung bietet mit Angabe ihrer Wirkung, Ge¬ 
brauchsweise, Taxen und Formeln der Anwendung. Die in neuerer 
Zeit so zahlreich und immer zahlreicher auftretenden und bald mehr 
bald weniger dringend empfohlenen Mittel, ihre Dosirung, ihre Indi- 
cationeu und Contraindicationen, alle im Gedächtniss zu behalten, 
dürfte so manchem beschäftigten Praktiker wohl recht schwer fallen; 
diesen wird das Buch eine willkommene Aushülfe bieten, umsomehr, 
als meist auch einige kurze Winke über den praktischen Werth und 
die Zuverlässigkeit des Mittels beigegeben sind. Ausserdem finden 
wir da eine Maximaldosen-Tabelte, ein Capitel über subcutane Injec- 
tionen und die dazu gebrauchten Mittel, über Inhalationstherapie, 
ferner therapeutische Notizen, ein therapeutisches Register und ge- 
wissermaassen als Elinleitung eine Gruppirung der Arzneimittel nach 
ihrer Wirkung. Dass uns jetzt bereits die 6. Auflage des Buches 
vorliegt, ist an sich schon eine gute Empfehlung und ein Beweis da¬ 
für, dass es einem vorhandenen Bedürfnisse entspricht. Die Aus¬ 
stattung ist gut. —t. 


Auszug aus den Protokollen der Gesellschaft prakti¬ 
scher Aerzte zu Riga. 

Sitzung vom 4 . November 1887. 

Dr. Bergmann: «Ueber primäres Larynxerysipel». 

Vortr. verwirft die Anwendung der Diagnose Oedem für alle mög¬ 
lichen acuten Schwellungszustände des Larynx. Er unterscheidet 
im Speciellen zwischen Oedem der Glottis, Oedem der ary-epiglotti¬ 
schen und der hypoglottischen Region. Die Bezeichnung «Oedema 
laryngis» reservirt er für Stauungsödem bei Morbus Brightii, Herz¬ 
krankheiten, Malaria, chron. Vergiftungen, Druck Wirkung ‘ irgend 
welcher Art auf die Circulation im Larynx und endlich für das Oe¬ 
dema angioneuroticum S t r ü b i n g ’s. Das entzündliche Oedem habe 
nur symptomatische Bedeutung. — Primäres Larynxerysipel sei zu¬ 
erst von Porter 1 Mal, dann von M a s s e i in 14, überhaupt in 18 
Fällen beobachtet worden, zu denen Vortr. folgende 2 Fälle hinzu - 
fügt: 

V. C., 6 a. n., erkrankte am 27. April mit Halsbeschwerden. 28- 
hochgradige Schwellung und Röthung der Epiglottis und des Vestib. 
laryngis ; 2 Blutegel. Nachlass der Erscheinungen. Temp. 38,3. 
29. Verschlimmerung, Höhepunct der Larynxbeschwerden. Abends 
Zustand besser, Epiglottis, ary-epiglottische Falten und Arygegend 
noch geschwollen und intensiv geröthet. Schwellung am Halse 
vorne. 30. April und 1. Mai. Larynxerscheinungen gehen zurück. 
Outanes Erysipel über Hals und Brust. 2. Mai. Erysipel abgeblasst. 
6.—15* Mai leichte Pneumonie. 

S. 0., 3 a. u., Bruder des Vorigen, am 30- April Abends mit Er¬ 
brechen erkrankt. 1. Mai Temp. 39. Halsdrüsen schmerzhaft. Mit¬ 
tags 40,2. Colossale Schwellung und intensive Röthung der Epi¬ 
glottis, ary-epiglottischen Falten und Armgegend. Nachmittags 6 
Uhr Tracheotomie. Abends Besserung. 2. Mai. Die Canüle kann 
bereits obturirt, werden. Erysipelatöse Röthung am r. Oberarm und 
am 1. Vorderarm. 3- Mai. Die Röthe ist geschwunden. Canüle wird 
entfernt. Reconvalescenz. 

Dr. Hach: Beide Kinder erkrankten gleicher Weise mit Erbrechen 
und nach einigen Stunden Athemnoth. Nach Erkrankung des ersten 
Kindes wurde nur dieses aus dem Schlafzimmer entfernt, in dem die 
beiden anderen blieben, von denen nur eines erkrankte. 

Auf Dr. C a r 1 b 1 o m ’s Frage, ob nicht Erys. Ursache von Retro¬ 
pharyngeal- Abscess sein könne, bemerkt Dr: Bergmann, das Pha- 
rynxerys. werde häufig beobachtet, nur die LocaUsation im Larynx 
sei selten constatirt worden. 

Dr. Hampeln sieht in der Berücksichtigung der Aetiologie der 
Glottisödeme einen Fortschritt. Ebenso verhalte skh’s mit dem 
Pharynxerys., dessen Symptome jedoch nicht sicher genug gegen 
die des Oatarrhes differenzirt seien. Beim Typhus finde sich z. B. oft 
eine wie lackirt aussehende Pharynx-Schleimhaut, was als charakte¬ 
ristisch für Erys. genannt werde. 

Dr. Bergmann: Das Erys. unterscheide sich vom einfachen Ca- 
tarrh durch sehr bedeutende Schwellung, von der typhösen Affection 

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durch stürmischen Verlauf; am schwierigsten sei die Differenzirung 
von der Perichondritis. Bei Erwachsenen müsse sich die Diagnose 
auf den bacteriologischen Nachweis stützen. 

Dr. Mir am kann die Tendenz der modernen Forschung, progres¬ 
siv-entzündliche Processe im weitesten Sinne auf den Erysipel-Kok- 
kus zurückzuführen, nicht billigen. Bei den vorgetragenen Fällen 
sei ihm die Infection zweier Kinder auffällig, welche also beide Lä¬ 
sionen im Larynx gehabt haben müssten. Ferner entspreche die 
fleckige Röthung, wie auch der kurze Bestand der Infiltration nicht 
dem gewohnten Bilde des Erysipels. 

Dr. Bergmann: In dem von ihm im ganzen Verlauf beobach¬ 
teten Fall U habe das Oedem den Larynx in toto betroffen. Einen 
Ablauf des Erysipels in 1—2 Tagen seien wir bei der wandernden 
Form zu beobachten gewohnt 

Dr. Hampeln vermisst ausser der präcisen Abgrenzung des 
Symptomenbüdes für die qu. Erkrankung in den meisten Fällen den 
bacteriolog. Nachweis. Bei den ref. Fällen falle ihm die entfernt vom 
primären Herde sich einstellende Röthung auf, ein Verhalten, das 
man sonst bei Lymphangoitis finde. 

Dr. Bergmann: Der Erys.-Kokkus halte sich allerdings an die 
oberflächlichen Lymphbahnen. Die ref. Fälle seien an sich leichte 
gewesen und nur durch die Enge des kindl. Kehlkopfes gefahrdro¬ 
hend geworden. Bei M assei sei der Verlauf ein längerer, dem cu- 
tanen Erys. entsprechender gewesen. 

Dr. M ir a m betont, ohne die Diagnose nach M a s s e i angreifen zn 
wollen, auch seinerseits das Befremdliche des Auftretens der Röthe 
am Arm bei freibleibendem Rachen. 

Dr. Hach fügt hinzu, dass weder lymphangoitische Stränge noch 
auch späterhin Disquamation zu bemerken gewesen. 

Dr. Bergmann: In dem einen Fall habe sich das Erys. in der 
Continuität der Lymphbahnen zur Haut des Halses verbreitet, wo 
das cutane Erys. unzweifelhaft diagnosticirt wurde. In dem anderen 
Falle war die Affection schon geschwunden, als er ein Object zu mi- 
kroskop. Diagnose entnehmen wollte. 

Dr. Freymann sah von einem Dammrisse aus in puerperio ein 
Erys. sich auf die unteren Extremitäten und den Rücken verbreiten, 
und constatirte hier Sprünge auf 7—8 Zoll Entfernung. Ein ande¬ 
res Md ging ein Erys. vom Rachen direct ohne Betheiligung der 
Mundhöhle auf Gesichts- und Kopfhaut über, von dort auf die Geni¬ 
talien. Im letzten Fall könne man freilich an Uebertragung durch 
die Hände des Pat. denken. 

Dr. Hampeln referirt, dass Gerhard das Larynxerysipel als 
Krankheit sui generis zwar statuire, die Diagnose aber nicht als über 
dien Zweifel erhaben hinstelle. 

Auf bez. Fra^e Dr. M i r a m ’s erklärt Dr. H a m p e 1 n noch kein 
Larynxödem bei Morb. Brightii beobachtet zu haben. 

Dr. Voss hat tracheotomirt wegen Larynxödem bei Nephritis mit 
Scarlatina. z. Z. Secretär: Dr. v. S t r y k. 


Protokolle des Vereins St. Petersburger Aerzte. 

Sitzung den 10. November 1887 . 

1. Dr. M o r i t z demonstrirt ein Präparat von Pyelo-Nephrose mit 
Nierensteinen und berichtet über einen Fall abgelaufener Pyelitis 
cdculosa der rechten Niere. Etwa ein Jahr lang hatte Patient sich 
relativ wohl befunden und für gesund gehalten, ds er aufs Neue 
unter Beschwerden erkrankte, welche eine Amyloiddegeneration der 
bis dahin gesunden Niere und der Leber wahrscheinlich machten. 
Bei unaufhaltsam fortschreitendem Kräfteverfall, Anorexie und mas¬ 
sigem Hydrtps starb Pat. im Alexander-Hospitd. Die Section zeigte 
Amyloid der Organe, vorzugsweise der stark vergrösserten linken 
Niere und vollständigen Schwund der rechten. Letztere war in einen 
buchtigen, häutig - schwieligen Sack verwandelt, in welchem ein 
Conglomerat harnsaurer Steine von der Gesammtgrösse einer starken 
Männerfaust eingebettet lag. 

Das Präparat wurde dem Verein vorgelegt. 

Ausserdem fand sich weit fortgeschrittene Tuberculose beider 
Lungen, welche fast symptomlos, ohne Husten und fast ohne Fieber 
verlaufen war. 

Der Vortragende findet das Instructive dieses Präparats haupt¬ 
sächlich darin, dass es erweist, wie colossde Nierensteine vorhanden 
sein können ohne locale Beschwerden hervorzurufen, sobdd der 
Destructionsprocess in der betr. Niere vollständig abgelaufen. Ob¬ 
gleich es aus der früheren Krankengeschichte bekannt war, dass Pat. 
jahrelang an rechtseitiger (calculöser) Pyelitis gelitten, — zeigten 
sich während seiner letzten Krankheit im Harn, der täglich contro- 
lirt wurde, weder Eiter noch Concremente; Schmerzen waren eben¬ 
sowenig wie ein Tumor in der betr. Gegend zu constatiren. 

2. Dr. Gräbner hält einen Vortrag über die «Ernährung der 
Säuglinge mittelst durch den S o x h 1 e t ’ sehen Apparat sterilisirter 
Milch». Die Versuche sind im hiesigen Findelhause angestellt. (Der 
Vortrag ist zum Druck bestimmt). 

3. Prof. Dr. Poe hl hält einen Vortrag «über die Eigenschaften 
des Harnes der Syphilitiker und die Ursachen der Immunität der 
Thiere gegenüber der Syphilis». Vortragender hat eine grosse An¬ 
zahl von vergleichenden Untersuchungen des Harnes, sowohl von 
Syphilitikern und gesunden Menschen, als auch von Thieren ausge- 
ftihrt mit der Absicht aus der eventuellen Abweichung im Chemis¬ 
mus des Stoffwechsels der Thiere über die Ursachen der Immunität 


derselben gegen Syphilis zu schliessen, da in Hinsicht des Baues der 
Gewebe kein solcher Unterschied vorliegt, der die Immunität der 
Thiere gegen Syphilis erklären könnte. Prof. Poe hl kommt zum 
Schluss, dass bei Syphilis der Stoffwechsel, beurtheilt aus den Daten 
der klinischen Harnanalyse sich vom normalen hauptsächlich durch 
eine herabgesetzte Oxydation der stickstoffhaltigen Bestandteile 
unterscheidet. Eine nähere Untersuchung der intermediären, stick¬ 
stoffhaltigen Basen des Harnes (Kreatinine, Xanthine und eventuell 
Ptomaine) ist in Angriff genommen. Bei 1 hieren (Affe, Hund, Pferd, 
Schwein) ist die Energie der Oxydation der N-haltigen Substanzen 
bedeutender als beim Menschen und dieser Umstand dürfte zur Er¬ 
klärung der Immunität genannter Thiere gegen Syphilis dienen. 

Es werden vom Vortragenden in Gemeinschaft mit Prof. An rep 
Impfungsversuche der Syphilis an Thieren gemacht, bei denen eine 
I künstliche Herabsetzung der Oxydationsvorgänge im Organismus 
hervorgerufen worden ist. 

4. Ferner berichtet Prof. Poehl über «eine genaue quantitative 
Methode > der Quecksilberbestimmung im Harne, die im Wesentlichen 
auf Anwendung der Electrolyse berät, wobei die Ausscheidung des 
Quecksilbers auf als Kathode dienenden dünnen Goldblech mit gros¬ 
ser Oberfläche erfolgt. 

Beide Mittheilungen sind zum Druck in der St. Petersburger 
medic. Wochenschrift bestimmt. 

5- Dr. Petersen demonstrirt folgende pathalog.-anatomisclie 
Präparate: 

1) Eine «amyloid degenerirte Leber» von bedeutenden Dimen¬ 
sionen (42 — 20/18 — 16 Ctm.) im Gewicht von 19 1 /* Pfd. Dieselbe 
entstammt einem 13-jährigen an Spondylitis purulenta verstorbenen 
Knaben. Die gleichzeitig amyloide Milz (21—10—6 Ctm.) ist eben¬ 
falls auffallend gross. 

2) Ein «Carcinoma oesophagi», dadurch bemerkenswerth, dass die 
untere Hälfte der Speiseröhre von c. 15 kleineren und grösseren 
Knoten vollkommen ausgefüllt ist und doch hat Pat. bis zuletzt 
flüssige Speise zu sich nehmen können. 

3) Eine Reihe von «submucösen Fibromyomen im corpus Uteri», 
Ein ca. htihnereigrosser Knoten ist carcinomatös degenerirt. Gleich¬ 
zeitig bedeutend zerfallenes Carcinoma colli uteri. 

(Dieses Präparat war seit 2 Tagen in reinem Petroleum auf bewahrt, 
wobei die Farben völlig erhalten). Secretair Dr. 0. P e t e r s e n. 


Vermischtes. 

— Die St. Petersburger (russ.) medicinische Gesellschaft hat eben¬ 
so wie die bereits früher namhaft gemachten hiesigen medicinischen 
Vereine Dr. Dreypölcher ihre Theilnahme anlässlich des über 
ihn verhängten gerichtlichen Urtheils ausgedrückt. 

— Wie uns mitgetheilt wird, bat der Vertheidiger des Dr. Dr ey- 
p ö 1 c h e r, der vereidigte Rechtsanwalt Gherhard, beim Dirigiren- 
den Senat ein Gesuch um Cassation des über seinen Clienten ver¬ 
hängten Urtheils eingereicht. Von dem verurtbeilten Feldscbeer 
JermolowitBch ist ein gleiches Gesuch beim Senat eingereicht 
worden. 

— In der Jahresversammlung der St. Petersburger gynükolo- 

r sehen Gesellschaft wurde der bisherige Präsident derselben, Prof. 

rassowski, welcher auf Grund der Statutenbestimmung von 
diesem Amte zurücktrat, zum ersten Ehrenmitgliede der Gesellschaft 
gewählt. Der neugewählte Voistand der genannten Gesellschaft 
besteht jetzt aus Prof. Sslawjanski (Präsident), Dr. J, Tar- 
nowski (Vicepräsident), Docent Dr. Smolski (Secretär), Dr. 
Strawinski (Cassirer) und Dr. Danilowitsch (Bibliothekar). 

— Nach dem von Dr. Rosen bach in der Jahresversammlung 
der hiesigen psychiatrischen Gesellschaft abgestatteten Jahres¬ 
bericht beträgt die Zahl der Mitglieder derselben gegenwärtig 104, 
von denen 3 Ehren-, 69 wirkliche, 3 berathende und 29 correspon- 
dirende Mitglieder sind. Die Gesellschaft hat im Jahre 1887 8 
Sitzungen abgehalten, in denen 19 wissenschaftliche Vorträge ge¬ 
halten wurden. Sämmtlicbe vorjährige Glieder des Büreaus wurden 
für das Jahr 1888 wiedergewöblt. 

— Die Gesammteahl der Kranken in den Civil-Hospitälern 
St. Petersburgs betrug am 14. Februar d. J. 6607 (28 mehr als in 
der Vorwoche), darunter 581 Typhus- (29 weniger), 849 Sypbilis- 
(7 weniger), 62 Scharlach- (2 weniger), 22 Diphtherie- (7 weniger als 
in der Vorwoche) und 6 Pockenkranke (wie in der Vorwoche). 

— Auf den durch Prof. R u n g e ’s Abgang erledigten Lehrstuhl 
der Geburtsbülfe und Gynäkologie an der Universität Dorpat ist nun, 
nachdem Dr. W y d e r (Berlin) abgelehnt hat, Prof. Dr. K ü s t n e r 
aus Halle berufen worden. 

— Prof. Quincke in Kiel hat die an ihn ergangene Berufung 
auf den Lehrstuhl der internen Klinik an der Universität Königsberg 
nicht angenommen. In Folge dessen ist Prof. Strümpei (ein Sohn 
des früheren Dorpater Professors der Philosophie) aus Erlangen be¬ 
rufen worden. 

— Stabsarzt Dr. Bernhard Fischer, bekannt durch seine 
Reise mit Prof. Rob. Koch nach Indien und Egypten behufs Stu¬ 
diums der Cholera, hat sich alsPrivatdocent für Bacteriologie an der 
Kieler Universität habilitirt. 

— Der berühmte Physiolog und Altmeister der Ophthalmologen,. 
Prof. Don der s in Utrecht, beging vor Kurzem sein 40-jähriges 
Professoren-Jubiläum. Der Jubilar, welcher bereits 79 Jahre 
zählt, wird auf dem in diesem Jahre in Heidelberg stattfindenden 


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73 


‘25-jährigen Jubiläum der deutschen Gesellschaft für Augenheilkunde 
als Ehrenpräsident fungiren. 

— Ernannt : Der Oberarzt der Mjassuitzkischen Abtheilung des 
Arbeiterhospitals in Moskau, Dr. Pospel o w, zum äussere tat mässi- 
gen ausserord. Professor für Syphilis und Hautkrankheiten an der 
Moskauer Universität; der Privatdocent der Kasanschen Universität 
Dr. Boldyrew — zum ausserord. Professor der allgemeinen The¬ 
rapie an dieser Universität; der Flaggmannarzt der Baltisohen 
Flotte, wirkl. Staatsrath Dr. Smirnow — zum Flaggmannarzt der 
Escadre im Stillen Ocean. 

— Verstorben: 1) Am 15. Jannar in St. Petersburg der frühere 
Oberarzt des Kürassierregiments Sr. Majestät des Kaisers, Dr. Wse- 
wolodow, im 68. Lebensjahre. Der Verstorbene gab schon i. J. 
1881 wegen Krankheit seinen Dienst auf. 2) Der Landschaftsarzt 
des Mamadyschschen Kreises (Gouv. Kasan), Natschewitsch, 
an der Schwindsucht. Trotz 10-jähriger Praxis als Landschaftsarzt 
hat N. seine Frau mit 4 unmündigen Kindern ohne alle Existenz¬ 
mittel hinterlassen. 3) Der Oberarzt des örtlichen Militärlazareths 
in Kolywan , F. Andrej ew. 4) Der Oberarzt der 5. Reserve-Ar¬ 
tillerie-Brigade, J. K o 1 ty p i n. 

— Die St. Petersburger städtische Hospital-Commission hat einen 
foncurs ausgeschrieben zur Besetzung des neuereirten Amtes 
eines Docenten an der Suworow-Schule, welche bei dem städtischen 
Kalinkiu-Hospital für den Unterricht von Hebammen in der Dia¬ 
gnostik und Behandlung venerischer Krankheiten der Frauen und 
Kinder eingerichtet ist. Der Docent ist verpflichtet im Laufe des 
Lehfjahres einen theoretischen und praktischen Cnrsns über Haut¬ 
krankheiten für Hebammen zu leiten. Zn den praktischen Beschäfti¬ 
gungen wird ihm eine Abtheilung des Hospitals (mit c. 50 Betten) 
aur Verfügung gestellt, welche er mit den Rechten und Pflichten eines 
Alteren Ordinators leitet. Von den Dejoureu im Hospital ist er be¬ 
freit. Der sich zu diesem Amte meldende Candidat muss den Grad 
eines Doctors der Medicin haben und den Nachweis liefern, dass er 
sich im Laufe dreier Jahre praktisch mit dem Studium der Haut¬ 
krankheiten in Kliniken oder Hospitälern beschäftigt hat. Ferner 
muss er der Commission seine gedruckten Arbeiten vorstellen nnd 
zugleich das Programm eines LehrcursuB über Hautkrankheiten für 
Hebammen. Endlich muss der Candidat im Beisein einer besonderen, 
▼on der Hospital-Commission ernannten, Concurs-Commission 2 Vor 
lesungen mit Demonstrationen an Kranken halten, von denen der 
eine von ihm selbst ausgewählt wird, der andere aber von der Com¬ 
mission bestimmt wird. Der Docent erhält ein Gehalt von 1200 Rbl. 
für die Vorlesungen und für die Leitung der Hospital-Abtheilung die 
Gage eines älteren Ordinators im Betrage von 644 Rbl. 28 Kop. Der 
letzte Termin für die Aumeldung und die Vorstellung sämmtlicher 
Documenta und Arbeiten ist auf den 30. April 1888 festgesetzt 
worden. Die Eingaben sind auf den Namen des Vorsitzenden der 
städtischen Hospital-Commission, WladimirAlexandrowitsch 
Hatkow-Roshnow, zu machen und bei der Commission, welche 
ihren Sitz im Gebäude der St. Petersburger Stadtduma hat, einzu- 
reichen. 

— Unsere Stadtduma hat im Widerspruch mit der Meinung des 
Präses der städtischen Finanzcommission, P. Durnowo, dem hiesi¬ 
gen Marien-Gebärhause eine Unterstützung von 1200 Rbl. und dem 
Gebärasyl der Gesellschaft „Mariä Schutz“ im Hafen eine Subsidie 
im Betrage von 1800 Rbl. für das Jahr 1888 bewilligt. 

— Dr. Schischkin theilt dem „Wratsch“ nachstehende Facta 
zur Statistik derTollwuth in Folge von Bisswunden durch Wölfe mit. 
In der Nacht vom 7. auf den 8. December a. p. wurden in der Sta- 
nitza 8saratow des Kuban-Gebietes von einem tollen Hunde gebissen 
Nikita Sspaschko 9 55 Jahr alt, (tiefe Bisswunden an der rechten 
Hand), Jakow Jefimenko , 45 J.a., (Bisse an dem linken Handgelenk 
und an der rechten Wange) und Sylvester Jaroschew, 48 J. a. (aus 
4er Oberlippe wurde ein ganzes Stück herausgerissen). Am 8. De¬ 
cember wurden die Gebissenen in das Pssekupsche Hospital abge¬ 
fertigt, wo ihnen eine Schwitzcur verordnet wurde, doch schon am 
10. December verliessen sie das Hospital. Am 25. December wurden 
die Gebissenen vom Chef des Bezirke nach Charkow abgefertigt, wo 
jedem von ihnen im Verlaufe von 9 Tagen 17 P a s t e u r ’sche Präven¬ 
tivimpfungen gemacht wurden. Am 15. Januar d. J. erkrankte 
Jefimenko an der Tollwuth, am 17. wurde er wieder in’s Hospital 
abgefertigt, wo er am 19. starb. Bei der Section wurde ausser 
Hyperämie des Gehirns nichts gefunden. Von den beiden andern Ge¬ 
bissenen hat Dr. Sch. keine sicheren Nachrichten, doch soll einem 
Gerüchte zufolge auch Sspaschko erkrankt sein. 

— Die II. Versammlung der deutschen anatomischen Gesell¬ 
schaft findet zu Pfingsten in Würzburg statt. Mit derselben wird 
eine Ausstellung aller zu den anatomischen Wissenschaften in Be¬ 
ziehung stehenden Apparate verbunden sein. Anmeldungen von Ap¬ 
paraten, die für die Ausstellung sich eignen, sind baldmöglichst an 
Prof. S t ö h r in Würzburg zu richten. 

— In Paris ist eine Gesellschaft in der Bilduug begriffen, welche 
zieh die Unterstützung der Familien von Aerzten, die ihrem Be¬ 
rufe zum Opfer gefallen sind, zur Aufgabe stellt. Die ersten Ver¬ 
handlungen in dieser Angelegenheit haben unter dem Vorsitz des Di- 
xectors der „Assistance publique“ bereits stattgefunden. Ausser 
.Aerzten haben sich auch Senatoren, Kammerdeputirte nnd höhere 
Administrativbeamte an denselben betheiligt. 


— Der bekannte Dermatolog, Dr. P. Unna in Hamburg, wird 
von Anfang April an halbjährliche Gurse über die gesammte Histo¬ 
logie, Bacteriologie , Diagnostik und Therapie der Hautkrank¬ 
heiten abhalten. In 1 bis 2 Semestern hofft U. fertige praktische 
Aerzte durch Anleitung in histologischen und bacteriologischen Ar¬ 
beiten und durch Verwerthung des reichen Materials seiner Klinik 
und Poliklinik in Hamburg zu tüchtigen Speciaüsten in der Derma¬ 
tologie heranzu bilden. 

— Aus London wird folgender Fall von Leichenschändung aus 

wissenschaftlichem Interesse mitgetheilt: Daselbst starb kürzlich 
ein sehr reicher Kaufmann und der denselben behandelt habende 
Arzt sagte der hinterbliebenen Wittwe, es wäre von höchstem In¬ 
teresse, wenn sie gestatten würde, dass man den Leichnam secire, 
indem ihr Gatte genau dieselbe Krankheit gehabt, an welcher der 
deutsche Kronprinz leidet. Da die Wittwe hiervon aber nichts 
witsen wollte, traf der Doctor ein Uebereinkommen mit den Todten- 
wächtern, drang mit seinen Assistenten Nachts in das Sterbehaus, 
schnitt der Leiche den Hals ab und flüchtete. Auf die Anzeige der 
aufs Höchste indignirten Familie sind bereits mehrere Verhaftungen 
vorgenommen worden. (Allg. med. Ctrl.-Ztg.) 

— Liebreich, Vorschrift für MüchgeUe . Es wird 1 Liter 

Milch aufPfd.j. Zucker gut durchgekocht und circa 5—lOJMinuten im 
Kochen erhalten. Man kühlt dann diese Lösung stark ab und fügt 
unter langsamem Umrühren eine Auflösung von 30 g. Gelatine in 
einer Tasse Wasser gelöst hinzu; ferner den Saft von 4 (oder 3 gros¬ 
sen) Citronen und 3 Weinglas voll guten Weissweins. Man füllt 
dann in Gläser, die kalt gehalten werden müssen. Wesentlich hierbei 
ist, dass die Zuthaten zur stark abgekühlten Milch zugesetzt werden. 
Die Citronenschalen können auch am Zucker abgerieben werden. 
(Therap. Monatsh. Ml). Hz. 

— Liebreich empfiehlt das in Wasser unlösliche Lithium car- 

bonicum mit künstlichem kohlensaurem Selters- oder Sodawasser zu 
verordnen, etwa Lithii carbonici 2,5, Sacchari albi 50,0. M. f. pulv. 
D. in scatula. Eine Messerspitze voll (1,0—1,5) in einem Wein¬ 
glase voll künstlichem Selterswasser aufzulösen. (Therap. Monatsh. 
M 1). Hz. 


Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs 

rar die Woche vom 7. bis 13. Febr. 1888. 
Zahl der Sterbefälle: 


1) nach Geschlecht und Alter: 


Im Ganzen: 


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334 265 599 128 49 89 14 5 18 89 47 46 48 36 23 6 
2) nach den Todesursachen: 


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1 


— Typh. exanth. 0, Typh. abd. 25, Febris recurrens 0, Typhus 
ohne Bestimmung der Form 2, Pocken 1, Masern 9, Scharlach 9, 
Diphtherie 18, Croup 3, Keuchhusten 2, Croupöse Lungenentzün¬ 
dung 23, Erysipeias 3, Cholera nostras 0, Cholera asiatica 0, Ruhr 1, 
Epidemische Meningitis 0, Acuter Gelenkrheumatismus 0, Parotitis 
epidemica 0, Rotzkrankheit 0, Anthrax 0, Hydrophobie 0, Puerpe¬ 
ralfieber 1, Pyämie u. Septicaemie 5, Tu bereu 1 ose der Lungen 116, 
Tuberculose anderer Organe 4, Alcoholismus und Delirium tremens 
3, Lebensschwäche und Atrophia infantum 47, Marasmus senilis 
20, Krankheiten des Verdauungscanals 77, Todtgeborene 25. 


Mortalität einiger Hauptstädte Europas. 


Name 

Einwohner- | 
zahl 

Woche 
(Neuer Styl) 

Lebend¬ 

geboren 

Todtgeboren| 

Gestorben 

Summa 

Aut 1000 
Einwohn. 

ßumma 

lg 

<M.S 

PW 

London • 

i 

4282 921 29. Jan.-4. Febr. 

2688 1 32,* 


1894 

23,< 

Paris . . . 

2 260 945 29.Jan.-4. Febr. 

1221 

28,0 

98 

1187 

27,« 

Brüssel . . 

177 568 22.-28. Jannar 

88 

25,t 

12 

119 

34,8 

Stockholm . 

216 807 22.-28. Jannar 

133 

31,8 

3 

108 

25 * 

Kopenhagen 

290000 

1.—7 Febr. 

211 

37,8 

4 

134 

24,o 

Berlin . . . 

1141 980 29.Jan.-4. Febr. 

930 

42,8 

32 

585 

21,» 

Wien . . . 

800 836 29.Jan.-4.Febr. 

552 

37.» 

26 

412 

26, t 

Pest . . . 

442 787 22—28. Jannar 

348 

40,• 

19 

284 

33,4 

Warschau . 

439174 22.—28. Jannar 

336 

39,8 

20 

215 

25,» 

Odessa. . 

268 000 29-Jan.-4. Febr. 

— 

— 

7 

132 

25,« 

St. Petersburg 

861 303 

5.-11. Febr. 

691 

41,T 

321 

554 

33,4 


■V* Nächste Sitzung des Vereins St. Petersburger Aerzte 
Dienstag den 1. März 1888. 

W Nächste Sitzung des deutschen ärztlichen Vereins 
MMtog den 7. Min by GOOgle 





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XIII. Jahrgang. St. Petersburger Neue Folge. V. Jahrg. 

Medicinische Wochenschrift 


.<T> 


unter der Redaotion von 


Prof. Ep. v. WürfL,* 
Dorpat. 


Dr. TH. v. SCHRÖDER, 
St. Petersburg. 


Ns 9. 


St. Petersburg, 27. Februar (10. März) 


1888. 


t 

Dr. Leopold von Holst. 

Am 23. Februar schied aus diesem Leben und aus unserer Mitte in Leopold von Holst eine Persönlichkeit, 
die eine schmerzlich empfundene Lücke in der Reihe aller derer hinterlässt, die mit ihm in Beziehung gestanden 
haben. Es war eine bewährte und hochgeschätzte Arbeitskraft, welcher die hiesigen ärztlichen Kreise und auch 
diese Wochenschrift Vieles und Tüchtiges verdanken, — Vieles und Tüchtiges, das sein Andenken werth und theuer 
erhalten wird. 

H o 1 s t ist geboren in Fellin am 12. Januar 1834, wo sein Vater lange Jahre als Prediger segensreich gewirkt 
hat. Den ersten Unterricht genoss der Verstorbene in seiner Vaterstadt, in der unter Leitung seines Schwagers, des 
bekannten Pädagogen Schmidt, stehenden Erziehungsanstalt. Der Einfluss des hochbegabten Vaters sowohl, als 
auch der des tüchtigen und allgemein geschätzten Director Schmidt ist für den Knaben und Jüngling von hoher Be¬ 
deutung gewesen und hat seiner Entwicklung die Richtung gfegeben, die ihn später befähigte in jeder Stellung auch 
den strengsten Anforderungen in Charakterfestigkeit und Leistungsfähigkeit Genüge zu leisten. Nachdem Holst 
von 1851—55 in Dorpat Medicin studirt hatte, absolvirte er 1856 sein Studium als Dr. In semfr Studienzeit 

gehörte er der Livonia an und hat bis zuletzt ein warmes Herz bewahrt für seine Corporation, in der er mehrere 
Chargen bekleidete und auch Senior war. Nachdem er stellvertretender Kreisarzt in Wolmar, dann Kirchspielsarzt 
in Helmet gewesen, fungirte er 1859—61 als Assistent der geburtshülflichen Klinik in Dorpat und trat dann als 
Marinearzt der ersten Flottequipage in Kronstadt in den Staatsdienst. Von 1861 —64 machte er an Bord der Fre¬ 
gatte «Osljäba» eine Expedition in die Westeuropäischen und Mittelmeerhäfen, sowie nach Nordamerika mit, über¬ 
all mit offenem Auge und kritischem Geist bemüht seine Kenntnisse zu erweitern. Im Herbst 1864 wurde er behufs 
weiterer Ausbildung auf Kosten der Krone in’s Ausland geschickt und studirte successivein Würzburg, Prag, Wien, 
Berlin, Erlangen und Zürich. In Holland beschäftigte er sich mit dem Studium der dortigen Marineetablissements, 
in London mit den Hospitalseinrichtungen und kehrte 1867 nach Petersburg zurück, wo er zunächst als Arzt an 
mehreren Fabriken in der Nähe der Stadt eine Anstellung annahm. Im Herbst 1878 folgte er einer Berufung als 
Ordinator am Evangelischen Hospital und besorgte bis zum Frühling 1885 noch neben seiner Arbeit in der gen. 
Anstalt seine Fabrik&pitäler. 1885 im Frühling gab er seine Thätigkeit am Evangelischen Hospital zum grossen 
Bedauern des Vorstandes desselben wieder auf, um wieder an den Schlüsselburger Weg hinauszuziehen und sich 
seiner früheren Arbeit an den Fabrikhospitälern ausschliesslich zu widmen. Dies in gedrängter Kürze der äussere 
Lebensgang des Mannes, an dessen Sarge ausser der Wittwe und den Kindern die Freunde und Collegen in schmerz¬ 
licher Trauer stehen. 

Ausgestattet mit reichem Wissen und einem scharfen und kritischen Verstände, voll Hingebung an seinen 
Beruf, hat'H ölst mit eisernem Fleisse gearbeitet, um als Diagnost und Therapeut dem Leidenden Hülfe zu bringen. 
'Seine Arbeit war nicht vergeblich. Mit peinlicher Genauigkeit verstand er zu untersuchen, mit Schärfe und Klar¬ 
heit zu diägnosticiren, mit Humanität zu behandeln. Zahlreiche Mittheilungen im Kreise der Collegen, mancherlei 
Aufsätze in den Spalten dieser Zeitschrift legen bleibendes Zeugniss dafür ab, dass er zu arbeiten verstand und dass 
sein Arbeiten nicht blos seinen Patienten, sondern auch seinen Fachgenossen zu Gute kam. Seine Ausdrucks- 
* weise in Wort und Schrift war präcise und klar, und stets wusste er eine Sache, die er ein Mal in die Hand genom¬ 
men, sicher in die rechte Bahn zu führen. Seine Bemühungen um das Gedeihen dieser Zeitschrift sind in frischer 
und dankbarer Erinnerung aller Betheiligten. 

Schon seit Jahren war Holst's Gesundheit erschüttert; er litt an Emphysem mit hartnäckigem Bronchialcatarrh, 
hatte wiederholte Anfälle von Gicht überstanden, und ausgeprägte allgemeine Arteriosclerose hatte die Widerstands¬ 
fähigkeit seines Organismus untergraben. Durch eine unbedeutende Hautverletzung der linken Hand trat eine 
Wundinfection ein gelegentlich der Untersuchung einer mit brandigem Erysipel behafteten Kranken ,* am Sonntag 
den 31. Januar trat der erste Schüttelfrost auf, mit dem die Pyämie einsetzte, und am 23. Februar Abends verschied 
er nach qualvollem Leiden, trotz hingebender treuer Pflege. 

Ein warmes Herz für Recht und Wahrheit, mannhafter Muth in der Vertretung seiner Ueberzeugung, Treue 
und Zuverlässigkeit in seinem Beruf und im Verkehr mit seinen Freunden und Fachgenossen, das sind die hervor¬ 
ragenden Züge, die den zu früh Geschiedenen auszeichneten, und die seinen Verlust für die Ueberlebenden zu einem 
unersetzlichen machen. Friede seiner Asche l 


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Inhalt t Dr. Leopold von Holst +. — Prof. M. I. Afanassjew: Ueber die klinische Mikroskopie und Bacteriologie der Acti¬ 
nomycosis.— Referate . Ernest Laplace: Saar® Sublimat*Lösung als desinficirendes Mittel and ihre Verwendung in Verbandstoffen. 
— H. Gnrsohmann: Einige Bemerkungen zur Behandlung des durch acuten Darmrerschluss bedingten Ileus. — E. B u 11: Ueber Magen- 
husten. — Max Sänger: Ueber Perineorrhaphie durch Spaltung des Septum recto-yaginale und Lappenbildung. — A. P. ltasmussen: 
Eine neue Theorie für das Entstehen des Ulcus chronicum ventriouli. — Bücher Anzeigen und Besprechungen . Jacob Bruck: Ignac 
Phili pp Semmelweis. Eine geschichtlich- medicinische Studie. - - P. Fürbringer: Untersuchungen und Vorschriften über die Dtsin- 
fection der Hände des Arstes nebst Bemerkungen über den bacteriologisehen Charakter des Nagelschmutzes. — Vermischtes. — MortaXi - 
täts*Bulletm St. Petersburgs . — Mortalität einiger Hauptstädte Europas. — Anzeigen. 


Ueber die klinische Mikroskopie und Bacteriologie der 
Actinomycosis. 

(Vorlesung, gehalten für den ärztlichen Cnrsns im klinischen-Institut 
der Qrossfdrstin Helene Pawlowna). 

Von 

Prof. M. I. Af&nassjew. 


Bevor wir über die klinische Mikroskopie und Bacterio¬ 
logie der Actinomycosis sprechen, ist es nothwendig, wenig¬ 
stens einige Worte von dieser ansteckenden Krankheit im 
Allgemeinen zu sagen, von ihrer Geschichte, von den ver¬ 
schiedenen klinischen Formen, in denen sie auftritt u. s. w. 
Der Grund dafür ist natürlich der, dass die genannte Krank¬ 
heit, allgemein gesagt, noch wenig stndirt und vielen Aerzten 
daher fast unbekannt ist. 

Die Actinomycosis ist eine ansteckende Krankheit, welche 
durch das Eindrinuen eines besonderen niederen pflanzlichen 
Parasiten in den Körper bedingt ist; derselbe ist in der Li¬ 
teratur unter der Bezeichnung Strahlenpilz — Actinomyces 
bekannt. Der pathologische Anatom B o 11 i n g e r *), Pro¬ 
fessor der Münchener Universität, war der erste, welcher 
im Jahre 1877 diesen Parasiten entdeckte und seine pflanz¬ 
liche Natur beim Rindvieh feststellte, bei welchem er, be¬ 
sonders in den Kinnbacken, Geschwülste hervorruft, die bei 
den Veterinären unter dem Namen Knochensarcom, Knochen¬ 
krebs, Scropbulose der Knochen etc. bekannt sind. Diese 
Geschwülste, welche sich bei mikroskopischer Untersuchung 
als GrannlationsgeschWülste erwiesen, erscheinen beim Durch¬ 
schneiden ziemlich fest, von weisslicher Farbe, schliessen 
stellenweise aber kleine Nester von gelblicher F-arbd'ein'," wie 
kleine Abscesscben. 

Aus dem Inhalt dieser Nester konnte man durch Abschaben 
besondere Körnchen erhalten, von gelblicher Farbe und von 
Hanfkorngrösse, welche sich bei mikroskopischer Unter¬ 
suchung als sehr verschiedenartig geformt erwiesen, in jedem 
Falle aber ans pflanzlichen Fäden, verschiedenen keulenför¬ 
migen Verdickungen u. s. w. bestanden. Um genauer die 
Classe oder Art, zu welcher diese Pflanze gehörte, zu be¬ 
stimmen, wandte sich Prof. 3 o 11 i n g e r an den Botaniker 
Prof. Harz, welcher nach sorgfältiger Kenntnisnahme des 
gegebenen Objectes diesen Parasiten als zur Gruppe der 
Schimmelpilze gehörig bestimmte. 

Im Jahre 1878 beschrieb James Israel*), Oberarzt 
des israelitischen Krankenhauses in Berlin, zwei Fälle be¬ 
sonderer Pilzkrankheiten beim Menschen, welche unter dem 
Bilde einer chronischen Pyämie verliefen und sich durch 
die Eigenthümlichkeit auszeichneten, dass man im Eiter der 
zahlreichem Abscesse sowohl während des Lebens, als auch 
nach dem Tode der Kranken besondere gelbliche Körnchen 
finden konnte, die sieh bei mikroskopischer Untersuchung 
als pflanzlicher Parasit entpuppten. Dieser Parasit wurde 
von Israel, ant Vorschlag des bekannten Botanikers 
Ferd. Cohn, der Gruppe Streptothrix Försteri zuge¬ 
zählt. Aus dem Aufsatz von Israel ersehen wir, dass der 
bekannte Chirurg v. Langenbeck schon im Jahre 1845 
im Eiter eben solche räthselhafte pflanzliche Bildungen in 
Form von Körnern beobachtete. 

Im Jahre 1879 beschrieb P o n f i c k *) , pathologischer 
Anatom der Breslauer Universität einen Fall einer beson¬ 
deren Erkrankung von phlegmonöser Entzündung um die 
Wirbelsäule, welche sich augenscheinlich im Anschlnss an 
eine Erkrankung der Lunge entwickelt hatte, und durch die 
Besonderheit ausgezeichnet war, dass im Eiter Körnchen 
oder Drüsen eines Pilzes gefunden wurden, welcher voll¬ 
ständig identisch mit dem von Bollinger beim Rindvieh 
gefundenen war. Auf Grund dieses Falles, und Vergleichung | 


desselben mit den Bölling e r'sehen bei Thieren beobach¬ 
teten einerseits, nnd mit den Fällen von Langenbeck 
und Israel am Menschen andererseits, kam P o n f i c k 
zu der Ueberzeugung, dass alle diese Erkrankungen, ob¬ 
gleich sie dem klinischen Bilde nach verschieden sind, doch 
nichts Anderes sind, als verschiedenartige Formen einer 
nnd derselben Erkrankung, welche durch den Pilz Actino- 
myct-s hervorgerufen wird. 

Nach diesen eben angeführten Untersuchungen folgte eine 
ganze Reihe von Beschreibungen von Actinomycose beim 
Menschen zuerst von denselben Israel 4 ) und P o n f i c k*), 
dann von Rosenbach*), Partsch 7 ), Weigert*), 
Moosdorf und Birch-Hirschfeld*), Kundr at **), 
Zemann’^.Cbiari'^.Middeldorpi 1 *), Fir- 
k e t '*) und vielen Anderen. Der letzte Autor wies unter 
Anderem darauf hin, dass Lebert schon im Jahre 1857, 
also 20 Jahre vor B o 11 i n g e r, den Pilz der Actinomycose 
im Eiter von Menschen beschrieben nnd eine sehr gute 
Zeichnung desselben in seiner pathologischen Anatomie 
gegeben hat (Traitö d’anatomie pathologique, t. L pag. 
54, die Zeichnung im Atlas, 1.1, Taf. II, Fig. 16). Die 
pflanzliche Natur dieses Parasiten hat Lebert übrigens 
nicht erkannt. 

Bei weiterer Bekanntschaft mit dem vorliegenden Thema 
erwies es sich, dass dieser Pilz auch beim Rindvieh mehr¬ 
fach beobachtet nnd von verschiedenen Forschern beschrie¬ 
ben worden ist (S. Ri vo 11a**) 1868 und 1875 und Per¬ 
ron c i t o 16 ), besonders in sarcomatösen Geschwülsten der 
Kiefer, doch wurde die wahre Natur des Pilzes gewöhnlich 
nicht erkannt. Meist wurde er den Krystallen zugezählt, 
hauptsächlich deshalb, weil dieser Pilz nicht selten verkalkt. 

Inden letzten Jahren (1883—1887) wächst die Anzahl 
der veröffentlichten Fälle von Actinomycosis beim Menschen 
beständig, so dass wir augenblicklich schon mehr als 100 
Fälle kennen. Besonders interessant sind die Fälle von 
S o 11m ann * 7 ), C an al i **), Pal tauf*•), Conti* 0 ), 
Moosbrugger* 1 )an Menschen, und von J e n s e n **) 
und Johne**) an Thieren. Augenblicklich besitzen wir 
schon einige recht gute Monographien über Actinomycose 
von: Ponfick, Israel, Moosbrngger, Mar¬ 
ch a n d * 4 ), F i r k e t und Anderen. 

Wenn man die über unseren Gegenstand vorhandene Li¬ 
teratur durchsieht, so erweist es sich, dass die Infection des 
Organismus durch den uns interessirenden Parasiten von 
verschiedenen Körperteilen aus erfolgte, und dass in Folge 
dessen das klinische Bild der Erkrankung ausserordentlich 
wechselnd ist. Aber dennoch kann man alle bekannten kli¬ 
nischen Formen dieser Infectionskrankheit in folgende 3 
grosse Gruppen theilen: I. Gruppe der Erkrankungen haupt¬ 
sächlich um die Kiefer und am Halse, bedingt durch Ein¬ 
dringen des Parasiten in den Körper auf dem Wege durch 
cariöse Zähne, Zahnfisteln, Tonsillen, Schleimhaut des Gau¬ 
mens u. s. w. II. Gruppe von Erkrankungen der Brust¬ 
organe und der Brustwand, augenscheinlich bedingt durch 
Eindringen des Parasiten in den Körper durch die gesunde 
oder vorher schon erkrankte Schleimhaut der Athmungs- 
wege, und später sich auf das Brustfell, den Herzbeutel, das 
peripleurale Bindegewebe etc. ansbreitend; III. Gruppe der 
Erkrankungen der Bauchorgane und der Bauchwand, au¬ 
genscheinlich bedingt durch Eindringen des Parasiten in die 
Schleimhaut des Dünn- und Dickdarms, und von dort in die 
inneren Bauchorgane oder in die Bauchwand. 

Jede von den genannten 3 Gruppen von Erkrankungen 
kann in einigen Fällen und unter einigen Umständen in eine 
Erkrankungsform übergeben, welche^ chronischer Pyämie 
sehr ähnlich ist und welche davon abbängt, dass der Parasit 




77 


ift die Blot- und Lymphgefässe gelangt, durcb den ganzen 
Sinter verschleppt wird, in einigen Capillaren stecken 
U*iat and dort pathologische Veränderungen hervorruft, 
Irekhe heim Menschen gewöhnlich mit Eiterung endigen. 

Ausser den genannten 3 Gruppen von Erkrankungen an 
Actinomycosis muss man auf Grundlage der Untersuchungen 
von Johne für die Thiere, vielleicht aber auch für den 
Menschen, noch eine Gruppe zugeben, wo der Parasit durch 
äussere Verletzungen, Wunden, — zufällige oder Opera¬ 
tionswunden — etc. in den Körper eindringt. Johne”) 
theilt mit, dass es ihm gelungen ist, den Actinomyces im 
Secret von Samenstrang-Fisteln nach Castration von Pferden 
zu finden. Die Entstehung dieser Fisteln und ihr Nichtver- 
heilen schreibt Johne gerade dem Strahlenpilz zu. Ferner 
glauben einige Veterinäre (S a u r *•), dass mechanische Ver¬ 
letzungen auf der Haut des Halses bei Thieren, auf welche 
zufällig der Pilz geräth, zur Folge haben können, dass in 
der Nähe dieser Verletzungen actinomycotische Geschwülste 
auftreten. 

Was die erste Gruppe der angeführten actinomycotischen 
Erkrankungen beim Menschen anbetrifft, so finden sie ge¬ 
wöhnlich im Beginn ihren Ausdruck im Auftreten entzüi d- 
licher Geschwülste im Bereiche des Unterkiefers, selten im 
Bereiche des Oberkiefers. Diese Geschwülste entwickeln 
sich gewöhnlich sehr langsam (Israel), obgleich in letzter 
Zeit auch Fälle bekannt wurden (R o s e i * T ), wo sie sehr 
schnell entstanden. Diese Geschwülste beginnen während 
ibreB weiteren Bestehens an einzelnen Stellen zu eitern, 
brechen von selbst auf, oder aber werden geöffnet, wobei 
man in ihrem Eiter den Parasiten finden kann, in Form von 
Körnern, die schon makroskopisch sichtbar sind. Nicht 
selten jedoch verbreitet sieb die actinomycotische Erkran¬ 
kung weiter, bevor es noch zur Eröffnung kam, gerade in 
der Unterkiefergegend, senkt sich herab auf den Hals, geht 
einerseits bis zum Kehlkopf, andererseits bis zur Clavicula. 
An diesen Stellen zeigt sich die Krankheit wieder in Form 
von Gewächsen, die in der Folge vereitern, sich öffnen und 
durch Fistelgänge mit einander vereinigen, oder aber in 
Form einer recht diffusen phlegmonösen Entzündung des 
Bindegewebes, welche sehr an die Angina Ludovici erinnert. 
Einigen Autoren zufolge (R o s e r) stehen einzelne Formen 
der Angina Ludovici unzweifelhaft in ätiologischer Verbin¬ 
dung mit Actinomycose. 

In jenen Fällen, wo der actinomycotische Process in 
dem Oberkiefer beginnt, geht er gewöhnlich von hier auf die 
Wange, die Backen- und 8cbläieogegend über. In verein¬ 
zelten Fällen ging er sogar auf die Schädelbasis über, auf 
die Wirbelsäule, und zog sich längs der Wirbelsäule bis zum 
hinteren Mediastinum. In den genannten Gegenden ent¬ 
wickelten sich chronische entzündliche Zustände mit Ueber- 
gang in Bindegewebswucherung an einzelnen Stellen, an an¬ 
deren Stellen aber in Eiterung. Derartige Erkrankungen 
täuschten in denjenigen Fällen, wo der Process in den Kie¬ 
fern ausheilte und abgeschlossen war, nicht selten klinisch 
eine cariöse Erkiankung der Wirbelsäule vor. 

ln der zweiten Gruppe der sctinomycotischen Erkran¬ 
kungen sehen wir zuerst die klinische Form einer gewöhn¬ 
lichen chronischen Bronchitis mit Absonderung eiterigen, 
zuweilen stinkenden Auswurfs, dann sind Fälle von actino- 
mycotischen Bronchopneumonien bekannt, wobei die Gegend 
der Scballdämpfung und der sonstigen physikalischen Symp¬ 
tome in den Lungen, welche auf die locale Verdichtung des 
Lungengewebes binweisen, sich meist in den unteren Lap¬ 
pen befindet, obgleich einige Fälle bekannt sind, wo die acti¬ 
nomycotische Bronchopneumonie den oberen und mittleren 
Lappen einnahm. Diese actinomycotische Pneumonie zeich¬ 
net sich noch dadurch aus, dass sie eine grosse Neigung hat 
sich von den Lungen aut die benachbarten serösen Häute 
und besonders auf das Bindegewebe auszubreiten, weshalb 
schon sehr früh sich zur localen Bronchopneumonie, gewöhn¬ 
lich des unteten Lappens, locale oder allgemeine Pleuritis 
der entsprechenden Seite hinzugesellt, und dieselbe bald auf 


d88 peripleurale Bindegewebe übergeht, wo die-Erkrankung 
gewöhnlich eitrigen Charakter annimmt und sich dann schnell 
auf weite Ausdehnung hin verbreitet, sowohl im genannten 
Bindegewebe, als auch zwischen den Rippen nach aussen 
dringend in das subcutane Bindegewebe, oder aber sie steigt 
sogar nach hinten und unten hinab in das subperitonäale 
Bindegewebe. Das Auftreten schmerzhafter Geschwülste 
auf der Brust, welche dann vereiterten, oder das Erscheinen 
verschiedener entzündlicher Schwellungen im subcutanen 
Bindegewebe der Brust, nachdem pleuritische oder bronebo- 
pneumonische Erkrankungen an den entsprechenden Stellen 
vorhergegangen waren, brachte gewöhnlich die Autoren, 
welche über die vorliegenden Erkrankungen geschrieben ha¬ 
ben, auf den Gedanken, ob es sich nicht in den gegebenen 
Fällen um Actinomycose der Lungen und der Pleura ge¬ 
handelt habe, welche später nach aussen vorgedrungen eeL 
Die Eröffnung der Geschwülste, der phlegmonösen Infiltrate 
u. 8. w. ergab gewöhnlich eine gewisse Quantität Eiter, wel¬ 
cher die Körner der Actinomycose enthielt, wodurch dann 
die Diagnose bestätigt wurde. 

Bei weiterer Sammlung von Fällen von Actinomycosis der 
Lungen und der Pleura erwies es sich, dass gleichzeitig mit 
dem Befunde der Körner im Eiter der Abscesse auf der 
Biust, auch der Nachweis derselben im Auswurf der Kran¬ 
ken gewöbulich geliefert werden konnte. 

Die actinomycotischen Abscesse, die sich auf der Brust 
entwickeln, breiten sich gewöhnlich zur Wirbelsäule bin 
aus, und senken sich oft nach abwärts bis zu den Becken¬ 
knochen. 

Das klinische Bild der actinomycotischen Bronchopneu¬ 
monie, besonders wenn sie in den oberen Lappen sitzt, ist 
häufig sehr ähnlich dem Bilde der tuberculöeen Bronebo- 
pneumouie. Die Kranken husten, fiebern, schwitzen oft des 
Nachts, sondern eine bedeutende Quantität schleimig-eitri¬ 
gen oder eitrigen AuBwurfs ab, zeitweise mit Blutbeimen- 
gungeu u. s. w. Tuberkelbacillen findet man in solch' einem 
Auswurf gewöhnlich nicht, dafür aber in grösserer oder ge¬ 
ringerer Menge die Körner der Actinomycose. 

Die dritte Gruppe der actinomycotischen Erkrankung ist 
am wenigsten bekannt und stodirt. Die Diagnose dieser 
Erkrankungen wurde nicht selten erst post mortem ge¬ 
stellt. ln einem Falle (C h i a r i * 8 ) bestand die Erkran¬ 
kung im Auftreten einzelner Nester oder ganzer Platten auf 
der Schleimhaut des Dickdarms, welche aus den verschie¬ 
denen Theilen des Pilzes bestehen, die in die Schleimhaut 
eingebettet oind. In den übrigen Fällen von Darm-Actino- 
myrose (Z e m a n n) ging die Erkrankung von der Schleim¬ 
haut des Düundarms, Dickdarms, speciell des Rectums, ge¬ 
wöhnlich auf die Darm wand über, rief in ihr Geschwürsbil- 
dung hervor und griff von hier aus, durcb Verschleppung, 
resp. Durchbohrung des Darmes, auf das Bauchfell, oder 
nach vorheriger Verwachsung auf die Bauchwand über. 
Dabei entwickelten sich in den Leistengegenden, zuweilen 
in der Gefässgegend, Geschwülste, die gewöhnlich vereiterten 
und bei der Eröffnung Eiter lieferten, welcher die Körner 
der Actinomycosis enthielt. 

Die unter dem Bilde chronischer Pyämie verlaufende Ac¬ 
tinomycosis unterscheidet sieb von derselben nur dadurch, 
dass das hektische Fieber nicht so deutlich ausgesprochen 
ist, ferner dadutcb, dass die an den verschiedenen Körper- 
t heilen sich entwickelnden Abscesse oft miteinander durch 
lange, gewundene Fistelgänge in Verbindung stehen. 

Was die pathologische Histologie der Actinomycose an¬ 
langt, so glaubte man früher, auf Grundlage der Unter¬ 
suchungen B o 11 i n g e r’s und I s r a e 1 ’s, dass in dieser 
Beziehung ein grosser Unterschied besteht zwischen Mensch 
und Thier. Vor Allem wurde gesagt, dass überall, wo der 
Strahlenpilz bei Thieren vordringt, sich Granulationsge- 
srhwülste bilden, welche man nach Cohn heim: Infectiöse 
Granulationsgeschwülste nennen sollte. Diese Geschwülste 
könneu bei Thieren sehr grossen Umfang bekommen und 
haben keine Neigung zu zerfallen. Höchstens bilden sich in 
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ihnen stellenweise kleine Abscessöhen. In Betreff des Men¬ 
schen dachte man aber, dass die unterscheidende Besonder¬ 
heit im Leben dieses Parasiten im menschlichen Körper die 
Granulations-Entzündung sei, welche in Eiterung übergehe. 
Augenblicklich kann man der Meinung sein, besonders auf 
Grundlage der Untersuchungen von Johne und Moos- 
b r u g g e r, dass der erwähnte Unterschied mehr ein quan¬ 
titativer, als ein qualitativer ist. Beim Menschen ruft der 
Strahlenpilz ebenso zuerst die Bildung mehr oder weniger 
umfangreicher Granulome hervor, doch diese Granulome er¬ 
weichen bald stellenweise, zerfallen, geben eitrige Flüssig¬ 
keit, in welcher Actinomyceskörner schwimmen, — stellen¬ 
weise erfahren die Granulations-Elemente im Gegentheil 
weitere Umwandlung und führen zur Bildung eines reich¬ 
lichen faserigen narbigen Gewebes, wobei der Pilz an den 
betreffenden Stellen zu Grunde geht. Derart sehen wir bei 
der actioomycotischen Erkrankung des Menschen gleichzeitig 
progressive und regressive Erscheinungen. Alle diejenigen 
Fälle actinomycotischer Erkrankung aber, wo dieselbe den 
phlegmonösen Charakter mit beständigem und schnellem 
Uebergang in Eiterung angenommen hat, muss man schon 
als Mischinfecüon ansehen, d. h. in diesen Fällen hat sich 
zur actinomycotischen Erkrankung noch eine pyogene Er¬ 
krankung hinzugesellt, indem in die Gänge, weiche sich ge¬ 
bildet hatten, pyogene Mikroben eingewandert sind. Und 
in der That, von einigen Autoren wurde in solchen Fällen 
der Kettenkokkus der Eiterung gefunden. 

Nun einige Worte über die Aetiologie der Actinomycose . 
Kaum wurde es bekannt, auf Grundlage der Untersuchungen 
P o n f i c k’s , dass der Mensch durch einen solchen Para¬ 
siten erkranken könne, welcher hauptsächlich, und dabei 
nicht selten, beim Rindvieh gefunden wird, so bildete sich 
natürlich gleich bei Allen die Meinung, und sie sprachen die¬ 
selbe aus, dass der Mensch sich vom Thiere (Rindvieh, 
Schwein) mit dieser Krankheit inficirt, indem er bei der 
Pflege desselben in nahe Berührung mit ihm kommt, oder 
sich von dessen inficirtem Fleische nährt. f 

Augenblicklich, wo die Zahl der veröffentlichten Fälle von 
Actinomycosis beträchtlich gewachsen ist, wo bekannt ist, dass 
der grössere Theil der Kranken seinem Beruf nach in keine nä¬ 
here Berührung mit Rindvieh und Schweinen gekommen ist 
und das Fleisch kranker Thiere nicht essen konnte (das bezieht 
sich nach demZeugniss Israels hauptsächlich auf Hebräer, 
auf Viele seiner Patienten) — augenblicklich, sage ich, glau¬ 
ben viele Autoren (Israel, Moosbrugger u. A.), 
dass Mensch und Thiere sich mit dem Strahlenpilz aus irgend 
einer Beiden gemeinsamen Quelle inficiren. Es sind sehr 
beachtenswerthe Hinweise vorhanden, dass das Rindvieh sich 
an der oder jener Sorte Stroh inficirt, an einigen Körner¬ 
pflanzen, besonders Gerste (J e n 8 e n *°) io Dänemark). Die 
Gerstenkörner, mit langen scharfen Grannen versehen, ver¬ 
ursachen leichte Verletzungen auf der Schleimhaut des 
Mundes, welche der Einbettung und festen Ansiedlung des 
Strahlenpilzes Vorschub leisten, der oft auf Gerstenähren, 
einigen Strohsorten u. s. w. emporwächst. 

Mit dieser Thatsache von J e n s e n stehen die Beobach¬ 
tungen von J o h n e 81 ) in Uebereinstimmung, der häufig 
auf den Mandeln der Schweine Grannen von Kornähren, be¬ 
sonders von Gerste, gefunden hat, welche fast in ihrer gan¬ 
zen Länge mit einer besonderen Art Pilz besetzt waren, der 
sehr ähnlich, wenn nicht identisch war mit dem Strahlen¬ 
pilz. Bezüglich des Menschen ist der Fall von S o 11 - 
mann 82 ) bekannt, wo ein Knabe an Actinomycose er¬ 
krankte, bald nachdem er eine Aehre Mäusegerste, — eine 
Art, welche der gewöhnlichen Gerste sehr ähnlich ist — ver¬ 
schluckt hatte. Die Erkrankung zeigte sich unter Anderem 
auch als Abscess auf der Brust, bei dessen Eröffnung im 
Eiter ausser den Körnern der Actinomycosis, auch unbedeu¬ 
tende Reste der verschluckten Aehre gefunden wurden. 

So beginnt die Aetiologie der Actinomycosis auf Grund¬ 
lage der oben angeführten Thatsacben sich auf solider 
Grundlage aufzubauen. (Schluss folgt). 


Referate. 

Ernest Laplace: Saure Sublimat-Lösung als desinfici- 
rendes Mittel und ihre Verwendung in Verbandstoffen. 

* (Deutsche med. W. 1887. H 40). 

Iu letzter Zeit sind wiederholt Thatsacheu bekannt geworden, 
welche ein weniger günstiges Ortheil aber die allgemein verbreiteten 
Sublimat verbände in vol viren, als man es bisher au fällen gewohnt 
war. Om die Orsacben dieser Pacta an ergründen, unternahm Verf. 
unter Leitang von R. K o c b eine Reibe von Untersuchungen zur 
Beantwortung der Fragen, ob die zur Zeit iu der chirurgischen Pra¬ 
xis üblichen Sublimatverbände keimfrei, aseptisch ; und 2) ob die¬ 
selben auch keimtötend oder wenigstens keimwidrig, antiseptisch 
seien. Es zeigte sich bald, dass dieselben bei guter Zubereitung 
das erste Prädicat voll und ganz verdienen, dass sie aber, wenn ein¬ 
mal von Wundsecreten durch tränkt, eine Entwickelung von Keimen 
in denselben nicht verhindern können. Es beruht dies augenschein¬ 
lich auf dem hoben Ei weissgehalt dieser Flüssigkeiten, durch welchen 
das Sublimat der Verbandst«»He in unlösliche und darum auch un¬ 
wirksame Verbindungen übergeführt wird. Diesen üebelstand zu 
beseitigen gelang durch Zusatz eines passenden Quantums von Salz- 
oder Weinsäure zur LOsung, wobei übrigens letztere entschieden den 
Vorzug verdient. — Die Weinsänre-SnblimatlOsnng empfiehlt sich 
durch folgende Umstände: 1) Eine irgend erhebliche Vertheuerqng 
der Sublim&tlOsung findet nicht statt. 2) In der saueren Flüssigkeit 
löst eich das Snblimat erheblich besser als in Wasser (oder richtiger, 
es findet keine Umsetzung desselben in nnlOsliches Tetraoxychlorid 
statt, wie sonst bei hartem Wasser unvermeidlich. Ref.). Die Wein¬ 
säure bewirkt keine Zerstörung des Gewebes der Verbandstoffe, wie 
die Salzsäure , und verflüchtigt sich auch nicht mit der Zeit, wie 
diese. 4) Das Snblimat entfaltet in Folge des Sänrezusatzes auch 
in eiweisshaltigen Flüssigkeiten seine volle Wirksamkeit und man 
erhält daher sowohl bei Laboratorinmversnchen, als in der Praxis 
erheblich bessere Resultate, als mit den gewöhnlich gebrauchten an- 
tiseptiscben Mitteln. So wnrde z. B. bei einem Falle von Periproctitis 
der Abscess geöffnet, die Wundbohle ausgewaschen und ein Tampon, 
mit der LOsnng durchtränkt, eingeführt. Nach 6 Tagen war die 
Wunde ohne weitere Eiternng geheilt. Der Ferband war steril . 

5) Die Wunden werden durch LOsnng und Verbandstoffe nicht gereizt. 

6) Der Weinsäure-Shblimafcverband beschränkt in keiner Weise die 
sonst in der chirnrgischen Praxis üblichen Massregeln, den Gebrauch 
der Canstica, des Jodoforms etc. — Die vom Verf. als Wundwasser 
gebrauchte LOsnng enthielt 1,0 Sublimat und 6,0 Weinsäure auf 
1000,0 Wasser. Zur Zubereitung der Verbandstoffe bediente er sich 
einer Lösung von 5,0 Snblimat und 20,0 Acid. tartaric. auf 1000 flr 
Wasser, und zwar indem er entfettete neutrale Watte etc. etwa 
2 Stunden in dieser LOsnng liess, dann ansdrückte und trocknete. G. 

H. Curschmann: Einige Bemerkungen zur Behandlung 
des durch acuten Darmverschluss bedingten Ileus. 
(D. med. W. 1887. M 21). 

Anf zwei Methoden macht C. aufmerksam, die ihm in manchen Fäl¬ 
len gnte Dienste geleistet haben, und die er daher empfiehlt, um so 
mehr, als sie ungefährliche Eingriffe darstellen. Die erste ist die 
Punction des oberhalb befindlichen stark geblähten Darmes mit lan¬ 
ger P r a v a z’scher Nadel, die zweite ist Lufteinpumpung ins Rectum, 
— anstatt des Einfliessenlassens von Wasser — wenn das Hinderniss 
tief unten sitzt. Bei der Lnfteinpnmpnng schaltet er noch ein Rohr 
in den luftführenden Gnmmischlanch, welches es ermöglicht jeder¬ 
zeit die ins Rectum gepumpte Luft wieder abstrOmen zu lassen. Den 
anderen Methoden will C. dabei nicht zu nahe treten. 

Max Schmidt. 

E. Bull: Ueber Magenhusten. (Klinisk Arbog III. Nordiskt 
med. Arkiv XIX). 

Verf. bespricht die wichtigsten Angaben der Literatur über Magen¬ 
husten. Da ans diesen hervorgeht, dass unter normalen Verhält¬ 
nissen Hasten durch Reflex vom Magen ans nicht bervorgebracht 
werden kann, nimmt er an, dass bei einzelnen Individuen sehr gut 
eine Veränderung der Innervation denkbar sei, wodurch eine derar¬ 
tige Reflexwirkung möglich wird. Zur näheren Beleuchtung dieser 
Frage theilt er folgende Krankengeschichten mit: Bei einer 24-jähri - 
gen Magd, die lange Jahre an chlorotischen nnd dyspeptischen Be¬ 
schwerden gelitten hatte, trat ziemlich plötzlich ein eigenthümiicher, 
äusserst heftiger and anhaltender trockener Husten anf. Drnck auf 
die Cardia verstärkte den Hnsten auffallend, während Drnck an allen 
übrigen Körperstellen ohne jeglichen Einfluss war. Untersuchung 
der Lungen ergab freilich geringere Sonorität, etwas rauhe Inspira¬ 
tion nnd etwas verlängerte Exspiration in der rechten Fossa supra- 
clavicnlaris, aber keine Rasselgeräusche; Untersnchnng des Pha¬ 
rynx, Larynx nnd der Genitalien gab ein negatives Resultat; im 
linken Trommelfell fand sich eine kleine Oeffnnng, aber kein Sekret; 
Untersuchung der Ohren rief keinen Hasten hervor. Energische An¬ 
wendung von Narcoticls half nichts; als aber Pat. anf absolute 
Diät gesetzt warde beiOrd. von3Grm. Subnitras bismnthi 4 mal täg¬ 
lich, nahm der Husten schon nach dem ersten Pulver beträchtlich 
ab and verschwand in den folgenden Tagen ganz. Als Pat. begann 
aufrecht zu sitzen, traten heftige Schmerzen Tn der Cardia anf, etwas 
Bluterbrechen nnd derselbe heftige Hnsten ; um >|i Wiederholung 
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7 £ 


der Behandlung wieder zu schwinden. Pat. würde als geheilt ent- 
lassen, müsste aber nach 3 Tagen wieder anfgenommen werden, da 
der Hnsten sich wieder eingestellt hatte. Es wurde nun künstliche 
Fütterung, Milch und Fleischpulver, vermittelst der Sonde vorge- 
nommen, worauf der Hnsten schwand, nm nicht mehr wiederzu- 
kehren. Verf. hält den Magen, als einzig erkranktes Organ für den 
Sits des Leidens. Buch (Willmanstrand). 

Max Sänger: Ueber Perineorrhaphie durch Spaltung 
des Septum recto-vaginale und Lappenbildung. (Volk- 
m a n n s ’s Samml. klin. Vortr. H 301.1887). 

Verfasser bespricht in historischer Reihenfolge verschiedene Lap¬ 
penmethoden der Perioneoplastik d. h. solche Operationsverfahren, 
die ein Wegschneiden von Gewebe ausschliessen. Die meisten von 
ihnen sind so complicirt, dass sie für die Praxis keine Bedeutung 
haben. Etwas anderes ist es mit der Methode von LawsonTait, 
welche sich übrigens eng an das Verfahren von Simpson an- 
schliesst, nnr sehr viel einfacher ist. Verfasser erläutert die Methode 
durch Zeichnungen und Erklärungen dazu; Ref. möchte es ver¬ 
suchen auch ohne Zeichnungen eine richtige Vorstellung derselben 
zu erwecken. Denken wir uns eine mit inkompletem Dammriss 
behaftete Frau auf dem Operationstisch in üblicher Weise (Steiss- 
Rückenlage) gelagert; zieht man nun den hinteren (unteren) 
Theil der Vulva in der Richtung gegen die Tnbera Ischii nach 
beiden Seiten auseinander, so wird der noch erhaltene Damm 
breitgezogen, die Vulva gespreizt und die hintere Vaginalwand 
hoch hinauf frei gelegt, letzteres besonders, wenn man einen ange¬ 
seilten Tampon ins Rectum geschoben hatte. Man sucht sich nun 
die hintere Commissur auf d. h. die Grenze zwischen Dammhaut und 
Vaginalschleimhaut bzgw. Narbengewebe und stiebt nun die Spitze 
des unteren Blattes einer horizontal gehaltenen Scheere in der Median¬ 
linie (des Körpers) zwischen hinterer Commissur und Analrand die 
Mitte haltend c. 1,6 Cm. ein und schneidet, ohne die Vaginal- oder 
auch Rectalschleimhaut durch Durchstich zu verletzen, in horizon¬ 
talem Sinne das Septum recto-vaginale zuerst nach links hin, dann 
unter Wendung der Scheere nach rechts hin auseinander. Die End- 
uncte dieser transversalen c. 3,5—4 Cm. langen Schnittwunde wer- 
en bestimmt durch zwei vertikale Linien, welche man sich ein wenig 
nach aussen von der Vereinigung der kleinen mit den grossen Scham¬ 
lippen (L&bio-nymphalgrehze) nach abwärts gezogen denkt. Im 
Resultat ist die Scheidewand zwischen Vagina und Rectum bis zu 
einer gewissen Höhe in zwei gleich dicke Lamellen zerlegt und gleich¬ 
sam noch eine dritte Tasche zwischen Vagina und Rectum angelegt, 
ln der Richtung der oben beschriebenen vertikalen Linien wird nun 
der vaginale Lappen gebildet; man schneidet mit vertikal gehaltener 
Scheere von den Endpuncten des Dammquerschnitts nach vorn in der 
Regel bis zur Stelle, wo die kleinen Schamlippen in die grossen aus- 
laufen. Die Länge der vertikalen Schnitte beträgt 2,5 bis 3 Cm. Die 
ä Schnitte stossen rechtwinklig zusammen und es ist ein viereckiger 
Vaginallappen entstanden, der mit seiner oberen horizontalen Kante 
mit der Vaginalschleimhaut im Zusammenhänge bleibt und wie eine 
Schürze herabhängt. Ist der Lappen aus seinem Bette fertiggelöst, 
«o zieht er sich etwas zusammen, verliert seine Ecken und wird 
zungenförmig. Seine Dicke ist ungleichmässig, denn in den Seiten- 
theilen wird er massiger als in der Mitte sein, dem entsprechend ist 
auch das Bett, aus welchem er herausgeschnitten seitlich tiefer als 
in der Mitte. Der nunmehr zungenförmige Lappen wird an seiner 
Spitze (Mitte des ursprünglichen transversalen Schnittes) mit einer 
Pipcette gefasst und nach oben geschlagen. Es entsteht nun eine 
aiemlich grosse Wnndfläche, deren untere Hälfte auB dem Bette des 
Läppens, unten und seitlich von der Haut des Dammes begrenzt, und 
deren obere Hälfte von der blutenden Seite des emporgehobenen Lap¬ 
pens gebildet wird. Ferner wird die untere (hintere) horizontale Be¬ 
grenzung dieser Wnndfläche in ihrer Mitte gefasst und gegen den 
Anna gezogen; auf diese Weise wird die ursprünglich horizontale 
Wunde in eine vertikale umgewandelt und dem entsprechend vernäht. 
Die ungleichmässige Tiefe der Wunde würde ein exactes Vernähen 
auf gewöhnliche Weise sehr schwierig machen, daher näht La wson 
T a i t mit Silberdraht folgendermassen: die Stielnadel wird genau 
am linken Wundrand, doch innerhalb der Wundfläche, eingestochen, 
unter leicht hebelnden Bewegungen hinter derselben weggeführt, 
genau am rechten Wundrand ausgestochen und dann der in die Oese 
geschobene Silberdraht rückwärts durchgezogen. In der Regel ge¬ 
nügen vier Drähte. Einer von ihnen soll hinter der Stelle, bis wohin 
das Septum gespalten wurde (Umschlagstelle), weggeführt werden. 
Durch das Anziehen, Kreuzen undTorquiren der Silberdrähte werden 
flie seitlichen Wundränder aneinandergebracht. Die Drähte treten 
dann wie aus schmalen Lücken zwischen den Hauträndern heraus und 
letztere können sich nicht einrollen. L. T a i t braucht keine Zwischen¬ 
nähte, doch können solche in gewöhnlicher Weise angelegt werden. 
Bei kompletem Dammriss wird ebenso verfahren, nur dass ein unterer 
(hinterer) Mastdarm lappen hinzukommt. Die Schnitiftgur ist in 
diesem Fall einem H ähnlich. Der obere grössere Lappen wird vagi- 
nalwärts herauf und der untere kürzere analwärts herunter geklappt. 
Die Wundfläche wird durch Drähte seitlich zusammengezogen. Bei 
der Operation wird kein Gewebe geopfert, man gewinnt einen sehr 
breiten Damm und alle Nähte sind aussen angelegt, da weder Vaginal- 
noch Mastdarmnähte in Anwendung kommen. Die Resultate dieser 
dtperatiensmethode sollen ganz vorzüglich sein. L. T a i t operirt in 


4 Minuten. Verfässer hat in 19 Fällen mit sehr gutem Erfolge die 
Operation aisgeführt. —tz. 

A. F. R a 8 m a 8 8 e d : Eine neue Theorie fbr das Ent¬ 
stehen des Ulcus chronicum venlriculi. (Hospitals -Ti- 
dende B. 3. Bd. 4. Nordisk Med. Arkiv Bd. XIX). 

Verfasser hat bei Obdnctionen gewöhnlich eine Einschnürung auf 
dem Magen gefunden, welche er Druck von aussen zuschreiben wül und 
mit den Schnürfurchen anf der Leber parallelisirt. In einigen Fällen 
bat Verf. eine solche Schnürfarche von der Leber aus sich quer über 
den Magen fortpflanzen und auf das Colon descendens übergehen 
sehen. Längs der eingekerbten Partie des Magens fand R. die 
Serosa verdickt, die Mucosa dagegen atrophin. Verf. stellt die 
Hypothese anf, dass Druck auf den Magen in allen oder vielen Fällen 
den Grand zur Bildung des Ulcus veutriculi abgeben könnte. Er 
stützt diese Hypothese auf die Beobachtung, dass die Narben nach 
UIcub ventriculi sich oft symmetrisch auf der vorderen upd hinteren 
Magenwand finden and dass sie ihren Sits meist an der kleinen Curr 
vatur und häufiger auf der hinteren als auf der vorderen Wand haben, 
Stellen, welche besonders dem Druck aufgesetzt seien, während die 
Curvatura major beweglicher sei. B nc h (Willmanstrand). 


Bacher-Anzeigen und Besprechungen. 

Jacob Bruck: Ignaz Philipp Semmelweis. Eine 
geschichtlich-medicinische Studie. Wien and TeBchen 1887. 
Verl. v. Karl Prochaska. 121 8. 

Das vorliegende Werk ist eine deutsche Bearbeitung der von dem¬ 
selben Verf. vor 2 Jahren and im Verlage der ungarischen medic. 
Bücbereditionsgeeellscliaft znBudapest erschienen8tudie über Sem¬ 
mel w e i 8 (nicht Semmelweiss, wie der Name gewöhnlich, aber 
fälschlicher Weise geschrieben wird). Verf. hat sich dadurch ein 
hervorragendes Verdienst nicht nur um das Andenken jenes genialen 
Forschers und edeln Wohlthäters der Menschheit, sondern auch um 
die Geschichte des Puerperalfiebers erworben, indem er immer 
wiederkehrende Irrthümer and falsche Anschauungen, wie sie bei 
zahlreichen und hervorragenden Autoren über die Lehre Semmel¬ 
weis’ zu finden sind, berichtigt und mit grossem Fleisse das vielfach 
noch unbearbeitete Material, welches in der ungarischen Literatur 
und namentlich im „Orvosi hetilap“(med. Wochenschrift) sich findet 
und daher nnr einem sehr kleinen Kreise der Facbgenossen zugäng¬ 
lich ist, seiner Arbeit zu Grande legt und wissenschaftlich venverthet. 
— Der Name 8 e m m e 1 w e i s ist, wie bekannt, unzertrennlich mit 
der historischen Entwicklung der Aetiologie des Puerperalfiebers ver¬ 
knüpft, so sehr war sein ganzes, nnr leider allzu kurzes Leben und 
Streben auf dieses eine ideale Ziel, die Erforschung der wahren Ur¬ 
sachen und die erfolgreiche Bekämpfung des Puerperalfiebers, ge¬ 
richtet. So liegt es denn in der Natnr der Sache, dass Bruck in 
dem vorliegenden Werke nicht nur eine Biographie Semmelweis 1 , 
sondern anch, an der Hand letzterer, eine detailirte Schilderung ge¬ 
rade des interessantesten Abschnittes in der historischen Entwick¬ 
lung der hentigen Aetiologie des Puerperalfiebers glebt. Diese Um¬ 
stände, verbunden mit einer lebendigen und fesselnden Damellungs- 
weise lassen es fast selbstverständlich erscheinen, dass wir das Bach 
mit stetem und von 8eite za Seite wachsendem Interesse gelesen 
haben; wir sind überzeugt, dass es jedem der Fachgenossen ebenso 
wie uns ergehen dürfte, dass er das Bach, einmal zur Hand genom¬ 
men, nicht so leicht wieder fortlegen wird. 

Es thnt uns leid anf die reiche Fülle des gebotenen interessanten 
Materials ans Mangel an Raum nicht näher eingelen zu können, nnr 
einige wenige Puncte aus demselben bervorzuheben möge hier ge¬ 
stattet sein. 

„Es ist ungleich schwieriger eine alte Lüge auszurotten, als eine 
neue Wahrheit einzubürgern“, sagt treffend ein französischer Schrift¬ 
steller und anch die Geschichte der Semmelweis ’schen Lehren ist 
ein beredter Beweis für die Richtigkeit dieses Satzes. Es ist er¬ 
staunlich, dass selbst in neuester Zeit, wo die „neue Wahrheit“ 
längst Gemeingut der gesummten med. Welt geworden, wo jeder 
ABCschütz in den med. Disciplinen mit den Begriffen „Wundmfec- 
tion“, „Sepsis“ etc. vertrant ist, dass man immer wieder und bei 
hei vorragenden Autoren «proben Irrthümern hinsichtlich des Schöpfers 
dieser „neuen Wahrheit“ und seiner Lehren begegnet. So finden 
wir bei nirsch , in der II. Aufl. seines Handbachs der hist-geogr. 
Patbol. vom Jahre 1883, also nachdem die Monog.. ega'r’s 
über J. Ph. S e m m e 1 w e i 8 bereits erschienen war (1882) } folgenden 
Satz: „Allerdings war der Schluss, den Semmelweis ... gezogen 
hatte, ein einseitiger, indem er die Sepsis ausschliesslich aus Ueber- 
tragung des sog. Leichengiftes ableitete“ • Und HeinrichHaeser 
weise gar 1884 in seinem „Grundriss der Geschichte der Medicin“ 
nnr soviel von Semmelweis zn sagen, dass er sich ein unvergäng¬ 
liches Denkmal „durch seine lange verkannte Entdeckung einer der 
wichtigsten Ursachen des Kindbettfiebers, die Infection durch Leichen¬ 
gift, gegründet“. Aehnlichen frischen Anschauungen begegnet man 
auch bei Winkel, Kleinwäch ter, sogar im Schröder’schen 
Lehrbuch der Geburtshülfe (1877) und bei vielen Andern. Da ist es 
sicherlich Bruck als grosses Verdienst anznrechnen, wenn er es 
unternahm diese Irrthümer klarznstellen und an der Hand einer 

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Biographie Semmelweis’ zu zeigen, wie dessen Lehre im Jahre 
1846 entstand, wie er sie im Lanfe des folgenden Decenniums all- 
mfilig entwickelte nnd erweiterte nnd endlich zn dem machte, was 
sie anch heute noch ist: die Basis unserer Anschauungen über 
Wnndinfection und Wundbehandlung. In Betreff des Genaueren 
dieser LehrenSemmel weis’ müssen wir den Leser auf dasBruck- 
sche Buch und auf das Originalwerk Semmelweis’: „Die Aetiolo- 
gie.der Begriff nnd die Prophylaxis des Kindbettfiebers“ (Verl. v. 
C. Hartleben 1861) verweisen. Nur eins möchten wir noch hervor¬ 
heben, nämlich den Nachweis, welchen Bruck sowohl aus ver¬ 
schiedenen, in seinen8chriften verstreuten Aeusserungen Semmel¬ 
weis’, als auch ans den Protocollen der Wiener ärzt. Gesellschaft 
und anderen Quellen lieferte, dass 8emmelweis jene antisepti¬ 
schen Massnahmen, welche er in der Geburtsbülfe zur Geltung 
brachte, anch in die operative Gynäkologie einfübrte. Von der 
Ueberzeugung ansgehend, dass „Puerperalfieber“ und „Pyaemie“ 
identische Processe seien, war er auch bei gynäkol. Operationen be¬ 
strebt, die grösstmögliche Beinlichkeit walten zu lassen, um nicht 
etwa mit verunreinigten Händen oder Instrumenten den Keim 
der Infection auf das operirte Individuum zu übertragen. Unter 
solchen Umständen lag es nach unseren heutigen Anschauungen in 
der Natur der Sache, dass seine Operationsresnltate bessere waren, 
als auf anderen gynäkol. Kliniken „und diesen günstigen Erfolg“ — 
so schreibt Semmelweis selbst — „schreibe ich nur dem Umstande 
zu, dass ich mit reinen Händen operire“. 

Wir müssen es leider bei diesen wenigen Andeutungen bewenden 
lassen ; möge Jeder, der sich für die Entstehungsgeschichte unserer 
modernen Antiseplik interessirt, das Bruck’sche Buch zur Hand 
nehmen. Die Gediegenheit des Inhalts und Vollendung der Form 
desselben, denen sich eine schöne äussere Ausstattung würdig an¬ 
reiht, werden jeden Leser mit Befriedigung erfüllen. — ck. 

P. F ti r b r i n g er: Untersuchungen und Vorschriften über 
die Desinfection der Hände des Arztes neb6t Bemer¬ 
kungen über den bacteriologischen Charakter des Nagel¬ 
schmutzes. 8°. 55 Seiten. Wiesbaden 1888. J. F. Berg¬ 
mann. 

Verf. hatte sich die Aufgabe gestellt, eine Methode zur Beinigung 
der Hände zu finden, welche hei thunlichster Zeitersparnis und 
Schonung der Hände einen sicheren Desinfectionserfolg gewähr¬ 
leistet. Als Cnterinm dieser Sicherheit postnlirt er den Nachweis 
der Keimfreiheit des Unternagelraumes, geht also hierin beträchtlich 
weiter, als seine Vorgänger, in specie Kümmell und Förster, 
welche sich mit einer Controle durch Eindrücken der Finger in steri- 
lisirte Nährmedien begnügten. In einer Beihe von Vorversuöben 
konnte Verf. sieh von dem enormen Formenreichthum der aus dem 
Nagelschmutz cultivirbaren Bacteriengemische überzeugen, sowie 
von dem praktisch nicht unwichtigen Umstande, dass Manipulationen 
mit faulem Material (Section zersetzter Leichen, Operationen putri¬ 
der Abscesse und dergU) keineswegs immer, oder auch nur regel¬ 
mässig, eine besondere Vermehrung der Keime nach sich zogen ; und 
dass in specie der Staphylokokkus pyogenes aureus wiederholt auch 
da im Nagelscbmutze zu finden war, wo die Finger seit Tagen nicht 
mit Eiter in Berührung gekommen, nnd andererseits schon wenige 
Stunden nach Bespülnng der Hände mit grossen Eitermassen wieder 
verschwunden sein konnte, obgleich inzwischen keine irgend bemer- 
kenswerthe Desinfection der Hände vorgenommen war. Was letztere 
anbetrifft, so fand er bald, dass das Geheimniss des Erfolges darin 
liegt, die Haut bis in den tiefsten Grund des Unternagelraumes für 
die Desinfectionsflüssigkeiten benetzbar zu machen, wozu eine gründ¬ 
liche Entfernung der fettigen Hautsecrete erforderlich ist. Zu die¬ 
sem Zwecke fand er, behufs Abkürzung der Procedur, nach mecha¬ 
nischer Beinigung und Einwirkung einer Seife von möglichst hohem 
Gehalt an freiem Alkali noch den Gebrauch eines chemischen Fett¬ 
lösungsmittels nöthig, und bewährte sich ihm dazu am meisten Al- 
cohol von 80 %• Aether steht an Wirksamkeit hinter demselben be¬ 
deutend zurück, wahrscheinlich weil derselbe in Folge seiner grossen 
Flüchtigkeit die schon gelösten Fette nicht vollständig wegschwemmt, 
sondern durch Verdunstung zum Theil an Ort und Stelle wieder aus- 
fallen lässt 

Die Desinfectionsmethode des Veif., welche allen obigen Forde¬ 
rungen entspricht, besteht demnach : 1) in mechanischer Beinigung 
der Nägel von sichtbarem Schmutze ; 2) Abbürstung der Hände mit 
Seife und warmem Wasser, eine Minute lang; 3) ebenfalls eine Mi¬ 
nute langer Waschung derselben in Alcohol (nicht unter 80%) und 
4) gleichfalls minutenlanger Bearbeitung mit antiseptischer Flüssig¬ 
keit (3%Carbol- oder besser 2°/o* Sublimatlösung), und zwar ehe 
noch der Alcohol abgedunstet ist. Zu den übrigen Vorzügen dieser 
Methode kommt bei Verwendung von 8ublimatlösung noch der der 
Billigkeit, da man nach den Untersuchungen, die Verf. früher ge¬ 
meinschaftlich mit Stütz angestellt hat, zur Herstellung der Lö¬ 
sung sich jedes reinen Quell wassere bedienen kann, vorausgesetzt, 
dass man zuvor die etwa darin enthaltenen Bicarbonate alkalischer 
Erden, mit welchen sich das Sublimat zu unlöslichen Verbindungen 
zersetzt; durch Ansäuerung in andere Salze überführt. Am besten 
eignet sich nach neueren Untersuchungen von Ziegenspeck dazu 
die CitronenBäure, von welcher ein Zusatz von 0,5 pro Liter Wasser 
von 20 Härtegraden erforderlich ist. G. 


Vermischtes. 

— Die Dr. Dreypölcher von der Gesellschaft russischer Aeixte 
und von der Gesellschaft der Kinderärzte zugesandten Adressen 
haben nach dem «Wratsch» (Nr. 7) folgenden Wortlaut: 

l. Die Gesellschaft russischer Aerzte zu St. Petersburg, welcher 
die Begeln der Krankenvertheilung durch das frühere Erkundi- 
gungsbüreau, sowie die Beschränktheit der Hechte des Dejourarztes 
dieses Büreaus und das Fehlen jeglicher Mittel zur Fürsorge und 
zum Transport der sich daselbst zahlreich einstellenden Kranken 
hei der Unzulänglichkeit der Plätze in den Hospitälern, bekannt 
sind, kann keinen Grund für das über Sie vom Gerichte verhängte 
Urtheil finden und hält es für ihre Pflicht Ihnen, dem unschuldig 
leidenden Collegen, ihre Theilnahme auszusprechen mit dem Wunsche, 
dass bei Fortführung dieser Sache die verletzten Hechte des Ärzten 
und Menschen durch die Justiz wieder hergestellt werden möchten. 

n. Die Gesellschaft der Kinderärzte hat in ihrer ordentlichen 
Sitzung am 11. Februar einstimmig beschlossen Ihnen, hochgeehrter 
College, ihre Theilnahme auszusprechen in Anlass der betrübenden 
Gerichtsverhandlung, in welcher Sie schuldlos schwer gelitten haben, 
und Ihnen zu erklären, dass die Mitglieder der Gesdlschaft sich in 
Ihrer Person durch die Art und den Ausgang dieses Processes ver¬ 
letzt fühlen. 

m. Die Deutsche St. Petersburg. Zeitung bringt in ihrer Nummer 
52 nach den «Nowosti» die Adresse der Aerzte vom Hospital der Phi¬ 
lanthropischen Gesellschaft an den Consultanten desselben Hospitale 
Dr. Dreypölcher: 

Die zahlreichen Sympathiebezeugungen, die Ihnen anlässlich Ihres 
bedauemswerthen Processes von den hervorragendsten medicinischen 
Gesellschaften St Petersburgs und dem besseren Theil der Presse zu 
Theil geworden sind, legen Zeugniss dafür ab, wie tief die gesammte 
Gesellschaft und insonderheit unser Medicinerstand durch Ihr Un¬ 
glück betroffen sind. Ein so lebhaftes Interesse für Ihre Sache ist 
durchaus gerechtfertigt und nothwendig. Das öffentliche Gewissen 
und der gesunde Menschenverstand sind empört ob der Schuldig¬ 
sprechung eines offenbar unschuldigen Menschen und Arztes, dessen 
Gewissen vollständig frei ist von jeglichem Vorwurf; der Alles ge- 
than hat, was er im gegebenen Falle thun konnte und dem die Sün¬ 
den der Mangelhaftigkeit unseres Hospitalwesens zur Last zu legen 
unvernünftig ist Gestatten Sie, hochverehrter College, auch uns, 
Ihren Amtsbrüdern vom Hospital der Kaiserlichen Philanthropischen 
Gesellschaft, die wir Ihre Arbeit in diesem Hospital und ihre Pflicht¬ 
treue, was die Hilfeleistung an Patienten der armen Classe anbe¬ 
trifft, kennen, Ihnen die Gefühle unseres Beileids, anlässlich des un¬ 
verdienter Weise über Sie hereingebrochenen Kummers, unsere tiefe 
Verehrung Ihnen gegenüber als Arzt und Menschen und den Wunsch 
&U8zudrü<&en, Sie mögen Ihre Arbeit in unserem Hospital zum 
Besten der Leidenden möglichst lange fortsetzen. 

— Das vor kurzem erschienene Personalveneichniss der Universi¬ 
tät Dorpat für das erste Semester 1888 zeigt äusserlich dem vorigen 
Semester gegenüber ein im Wesentlichen wenig verändertes Bild, 
denn die Zahl der Lehrenden ist die gleiche geblieben und auch die 
Zahl der Studirenden bat sich nahezu auf der früheren Ziffer er¬ 
halten. 

Innerhalb der Studienfächer sind nach der <N. D. Ztg.»im Ver¬ 
gleich mit dem Semester vorher nur ganz unbedeutende Veränderun¬ 
gen in den Zahlenveihältnissen zu finden. Hervorgehoben zu werden 
verdient jedoch die Tbatsache, dass — wohl zum ersten Mal seit Jahr¬ 
zehnten — die Zahl der Medicinstudirenden keinen Zuwachs erfahren 
hat, sondern bei der gleichen Zahl (770) geblieben ist wie im vorigen 
Semester. Die Gesammtzahl der Studirenden beträgt jetzt 1693, 
überragt also die Zahl der Studirenden am 1. Sept. 1887 um 8. Die 
grösste Zahl weist nach wie vor die medicinische Facultät auf, näm¬ 
lich 770 Mediciner und 105 Pharmaoeuten. Die Zahl der Pharma- 
centen hat um 5 Studirende gegen das vorige Semester abgenommen, 

In Bezug auf die Herkunft der Studirenden sind die Verbältniss- 
zahlen fast unverändert geblieben. 

* Der Professor-Adjunct an der militär-medidnischen Academie, 
wirkl. Staatsrath Dr. I. K a rpinski, welcher Desmurgie und Me- 
channrgie vorträgt und dem chirurgischen Museum vorsteht, ist zum 
ausserordentlichen Professor dieser Academie gewählt worden. 
K. ist der älteste Adjnnct der Academie, denn er feierte bereits 
im vorigen Jahre sein 25-jähriges Jubiläum. 

— Mit Genehmigung der Conferenz der militär-medicinischen Aca¬ 
demie haben sich die DDr. K o h a n und Grammatikatials Pr»- 
vatdocenten an der genannten Academie habilitirt und zwar er- 
st*rer für allgemeine Pathologie, letzterer für Geburtshilfe und 
Frauenkrank beiten. 

— Der Oberarzt d. St. Panteleimon-Irrenanst., Dr. W.Tschish, 
hält in diesem Semester an der hiesigen Universität Vorträge über 
gerichtliche Psychopathologie für die Studirenden der Jurisprudenz» 

(Wr.) 

— In der vorigen Woche beging der bekannte Kliniker, Prof. 
Laschke wit sch in Charkow, sein 25-jähriges Jubiläum. Bei 
dieser Gelegenheit wurden dem Jubilar zahlreiche Ovationen dar¬ 
gebracht. 

— Ordensverleihung : Pen St . Wladimir- Orden III. Classe: 
dem Oberarzt in Grosny, Staatsrath Dr. A w d ako w. 

— Befördert: Zum wirklichen Staatsrath: der Oberarzt der 
Verwaltung des transkaspischen Gebiets, Dr.LGorbatschewskU 

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— Verstorben'. 1) Im Kirchdorf Lyskowo (Gouv. Nishni-Nowgo- 
rod) in hohem Alter der Arzt W. Kossolapo w. Der Verstorbene 
wer erst Stadt- und Kreisarzt in Makarjew, später Hansa»t der Grä¬ 
fin Tolstoi. 2) Der Kreisant in Kursk, S. Feoktistow. 3) In 
Ssarapnl der A»t I. Metaniew im 78 Lebensjahre. M. diente 
während des Krimkrieges in Sewastopol als Militärarzt, war darauf 
mehrere Jahre L&ndsohaftsarzt im SsarapnIschen Kreise und trat im 
letzten türkischen Kriege wieder in die kaukasische Armee als Mili¬ 
tärarzt ein, 4) In Nishni-Nowgorod der dortige freiprakticirende 
Arzt W. Eoguski, 47 Jahre alt, an der Lungenschwindsucht. Er 
hat seine Frau mit 3 Kindern ganz mittellos hinterlassen. Der Ver¬ 
storbene hatte eine ausgezeichnete Bildung erhalten and seine Stu¬ 
dien in Warschau, Berlin, Paris und London gemacht. Er war ausser 
der polnischen und russischen auch der deutschen, französischen, 
englischen, italienischen und schwedischen Sprache mächtig. Nach¬ 
dem er an der St. Petersburger medico-chirurgischen Academie den 
Arztgrad erlangt, praktidrte er anfangs in St. Petersburg, darauf in 
Bjbinsk und zuletzt in Nishni-Nowgorod. Es ging ihm aber überall 
mit der Praxis so schlecht, dass er in der grössten Armuth starb. 
{Buss. Med.) 

— Die GesamnUeaM der Kranken in den Cwü-Hospildlem 
JSt. Petersburgs betrug am 21. Februar d. J. 6784 (177 mehr als in 
der Vorwoche), darunter 569 Typhus- (12 weniger), 865 Syphilis- 
(16 mehr), 65Hcharlach- (3 mehr), 23 Diphtherie- (lmehr) und 12 
Pookevkiaake <6 mehr als in der Vorwoche). 

— Dr. Tury f warnt im „Wratsch“ die Collegen vor den Gauner¬ 
streichen eines jungen Hebräers, der in die Wohnungen der Aerzte 
unter dem Vorwände kommt, dass er sie zum Besuch seines kranken 
Vaters auffordern wolle, welcher angeblich auf der Eisenbahnstation 
Babino (an der Nikolaibahn) wohnt. Nachdem er sich mit dem Ant 
über das zu zahlende Honorar verständigt, setzt er sogleich ein Te¬ 
legramm an seinen Vater auf, in welchem er denselben von der An¬ 
kunft des Arztes benachrichtigt, bittet darauf aber den Ant ihm Geld 
zur Absendung des Telegramms zu leihen. 

Dr. T. sind bereits 5 Fälle bekannt, in welchen Ae»te für ihr Zu¬ 
trauen haben büssen müssen, wenn auch mit kleineren Summen. 

— Der „Wratsch“ entnimmt dem „Kasansohen Börsenblatt“ fol¬ 
gende nicht gerade erbauliche Mittheilung: Die Stadtduma von 
Tsohebokssary (Gouv. Kasan) hat den Beschluss gefasst, die Gage 
des Stadtarztes von 600 Rbl. auf 400 Rbl. herabzusetzen; gleich¬ 
zeitig hat diese Duma beschlossen, die Gage des Feldscheers von 
300 anf 360 Rbl. zu erhöhen. Diese fast unglaubliche Thatsache er¬ 
klärt der Correspondent dadurch, dass der Feldscheer (und zwar 
einer aus der Zahl der ganz unwissenden Regiments-Feldscheere) 
grosse Verbindungen in der Stadt hat und auf gespanntem Fasse mit 
dem Arst steht, welcher solche Verbindungen nicht besitzt. 

— Wie die Pharm. Ztg. f. Russl.“ dem Jahresbericht der Chinin- 
iabrik von C. F. Boehninger und Söhne in Mannheim entnimmt, 
ist der Chininverbrauch der Welt in steter Zunahme begriffen. Am 
stärksten ist daran Nord-Amerika betheiligt« Der Import der Ver¬ 
einigten Staaten war 1887 ein colossaler, nämlich 1,900,000 Unzen, 
während er im Jahre 1881 nur 600,000 Unzen betrug. Als verhält- 
nissmässig schwächster Consument wird Deutschland bezeichnet. 
Bezüglich des Cinohona-Anbaues, resp. des Rinden-Exportes werden 
folgende Mittheilungen gemacht: Ceylon exportirte v. Oct. 86 bis 
Oct. 87 gegen l 1 /* Millionen Pfd.; in Java wiesen die Cinchona-An- 
pflanzungen c. 34 Millionen Bäume auf und der Ertrag der dortigen 
Privatplantagen betrug 1886 : 756,000 Kilo und der Regierungsplan- 
tagen im I. Sem. 1887 : 270,000 Pfd. Jamaica lieferte 1886: 12,541 
Pfd. Rinde undBolivia 1887: 7,190 Colli. In Mexico, wo nach vielen 
Misserfolgen endlich die Anpflanzung gelungen ist, zählt bei Cordola 
bereits 20,000 Bäume bester Qualität. Bezüglich Russlands findet 
sich die Notiz, dass die s. Z. von den Zeitungen gebrachte Mittheilung 
über Anpflanzungen im Kaukasus als völlig aus der Luft gegriffen 
zu betrachten seien. Das Klima des Kaukasus eigne sich durchaus 
nicht zur Cinchona-Cultur. Dasselbe gelte auch von den Anpflan¬ 
zungen in Algier und Victoria (Austredien), wo man zur Ueber- 
zeugung von der Fruchtlosigkeit weiterer Anpflanzungsversuche ge¬ 
langt sein soll. 

— Das Organisation8-BÜreau des im Januar 1889 hiersei bst statt- 
ffndenden HI. Congresses russischer Aerzte wendet sich an alle ärzt¬ 
lichen Gesellschaften und an jeden einzelnen Arat Russlands mit der 
Bitte, zur wissenschaftlichen Organisation des Congresses durch Ein¬ 
sendung von etwaigen Mittheilungen und Vorschlägen beizutragen, 
damit die an den Congress gelangenden Vorlagen nicht den Charakter 
der Zufälligkeit tragen, sondern den Aufgaben des Congresses mehr 
entsprechend gewählt werden können. Etwaige Mittheilungen und 
Vorschläge sind an den Secretär des Büreaus Prof. K. F. S1 a w - 
jan ski (Liteiny-Prospect 26), oder an die Leiter der einzelnen Sec- 
tionen, welche wir hier nachstehend namhaft machen, einsusenden. 

I. Section für Anatomie und Anthropologie — A. J. Tarenetzki 
(Wyb. Seite, Ssimbirskaja Str. 55). U. Sect. für Histologie und 
Embryologie — F. F. Sawarykin (Wyb. 8., Nishegorod. Str., Ge¬ 
bäude des Veter.-Inst.) IH. Sect. für Physiologie — J, P. Tarch a- 
now (Petersb. S., Ssjeschinsk. Str. 32). IV. Sect. für allgemeine 
Pathologie — P. M. Aljbitzki (Ssergijewsk. Str. 79). V. Sect. 
für patholog. Anatomie — N. P. Iwanowski (Manesbni-Pereulok, 
H. 7, Q. 3). VI. Sect. für pharmac. Chemie und Pharmakognosie — 
A. W. Poehl (W.-O., 7. L., Andrejew. Apoth.). VH. Sect. für 


Pharmakologie mit medic. Hydrologie und Kliihatholo gie — P. P. 
Ssutschinski (Snam. und Basseinaja fl. 35, Q. 16). VDI. Sect. 
für Chirurgie — A. A. Trojanow (Ecke Kabinetsk. u. Iwanowsk. 
fl. 12—6, Q. 22) IX. Sect. für innere Krankheiten -N.J.Sso- 
k o 1 o w (Nadeshdinsk. 14). Untersectionen: 1) Elektrotherapie — 
W. WK Urnen ko (Furstadtqkaja H. 18, Q. 2). 2) Kehlkopf¬ 

krankheiten — N. P. Ssimanow s k i (Furstadtsk. 48,12). 3)Oh¬ 
renkrankheiten — A. F. Prussak (EokeBaskow-Per. und Nadesh¬ 
dinsk. 26—11, 8). 4) Infectionskrankheiteu — N. P. W a s s i 1 j e w 
(Nikolajewsk. 43). 5) Bacteriologie — J. F. Raptschewski 

(Dmitrowski-Per. 7, 6). X. Sect. für Geburtshilfe und Frauenkrank¬ 
heiten — J. M. Tarnowski (Nadeshdinsk. 3). XI. Sect. für Au¬ 
genkrankheiten — W. J. Dobrowolski (Liteiny-Prosp. 15, 14). 
XH. Sect. für Kinderkrankheiten — K. A. Rauehfuss (Kinder¬ 
hospital des Prinzen Peter von Oldenburg). XHI. Sect. für flaut- und 
venerische Krankheiten — W. M. Tarnowski (Moika 102, 4). 
XIV. Sect. für Neurologie — J. P. Mierzejewski (Wyborg. 8., 
Nishegorodsk. Str., Klinik für Geisteskrankheiten). XV. Sect. für 
gerichtl. Medicin — W. K. Anren (Kusnetschny-Pereul. 22, 1). 
XVI. Sect. für Hygiene und Epidemiologie —■ A. P. Dobrossla- 
win (Wyb. 8., Nishegor., Geb. des Veterin.-Inst.). XVII. Sect. für 
öffentliche Medicin — W. K. A n r e p (Kusnetschny-Pereulok 22,1). 
Untersectionen: 1) für Militär-Medicin — A. J. B e 1 j aj e w (Mocbo- 
waja 33—31, 3). 2) Für Marine-Medicin — W. S. Kudrin (Gaga- 
rinskaja 30). 3) Für Landschafts-Medicin — J. A. Dmitrijew 
(W.-O., 8. L., 43—42, 4). XVHI. Sect. füräntliche Standesfragen 
— A. G. Batalin (Platz am grossen Theater 6, 8). 

— Prof. Dr. R. Vi rcho w hat in der 8itzung der Berliner me- 
dicinischen Gesellschaft vom 25. Januar c. einen aus Plauen in 
Sachsen gebürtigen, 34 Jahre alten Mann, Namens August Maul, 
vorgestellt, welcher eine phänomenale Muskelentwickelung aufweist. 
Maul will schon als Kind eine ungewöhnliche Entwickelung seiner 
Muskeln gehabt haben, ist dann vom 14. bis 16. Lebensjahre Schlosser 
gewesen, hat das Handwerk aber bald aufjgegeben, weil sein Vater 
ein wohUituirter Mann war. Er ist später bei Gelegenheit einer 
Krankheit in Dresden von Birch-Hirschfeld «entdeckt» wor¬ 
den und hat seit dieser Zeit vielen hervorragenden Physiologen und 
Anatomen, Medicinern und Künstlern zum Problem gedient. Es ist 
in der That ein sehenswürdiges Subject, das in der Bildung seiner 
Musculatur an den Farnesischen Herkules erinnert. Er besitzt an 
einzelnen Stellen, namentlich am Rumpf und den Oberextremitäten, 
eine so mächtige Musculatur, dass er nicht im Stande ist, seine 
Arme gerade an den Leib zu legen. Die Muskeln bilden solche Pro¬ 
tuberanzen, dass er mit den Oberarmen immer in einer gewissen Ent¬ 
fernung vom Rumpfe bleiben muss. Die einzige Region, welche*fkst 
gar nicht an dieser Vergrösserung betheiligt ist, ist das Gesicht, 
oüwohlMoh da einige Muskeln bei mimischen Bewegungen erheblich 
i hervortreten. Verhältnissmässig weniger sind die unteren Extremi- 
: täten namentlich die Unterschenkelmuskeln entwickelt. Nichtsdesto- 
| weniger zeichnen sich audh da die Muskeln als vortretende Wülste. 

I Was seine Kräfte anbetrifft, so behauptet er, im Stande zu sein, 
recht grosso Leistungen zu vollbringen, s. B. ein Pferd zu heben, 
indess gesteht er zu, dass er nicht im Stande sein würde, etwa mit 
den Berliner Athleten in Concurrens zu treten, da ihm dazu die 
Uebung fehle. Immerhin ist es ganz interessant zu wissen, dass 
auch bei einer so ausgesprochenen Muskel vergrösserung «geübte 
Kraft», wie der Mann sich ausdrückt, nöthig ist, um die Möglich¬ 
keit des Kampfes mit geübten Ringkämpfern zu gewinnen. Am 
Deltamuskel und dem Triceps braebii sind die Sehnenspiegel sehr 
deutlich sichtbar. Die Zacken des Serratus liegen als dicke Wülste 
auf dem Brustkasten. Am Obliquas abdominis ext. sieht man ge¬ 
legentlich die Faserung spielen. (Sitzungsbericht i. d. Allg. m. 
C.-Ztg.). 

— In Algier gelangte kürzlich folgender interessante Fall zur 
Entscheidung. Eine Frau gebar ohne Beihilfe einer Hebamme, ob¬ 
gleich solche am Orte vorhanden war. Da die Gebärende heftige 
Schmerzen batte, wandte sich ihr Ehemann an den im benachbarten 
Städtchen wohnhaften Ant, Dr. Cus taud. Dr.C. machte sich auch 
unverzüglich auf den Weg zur Kranken, gelangte aber an einen in 
Folge von Regengüssen ausgetretenen Fluss, den er nur auf Umwe¬ 
gen hätte passiren können und weigerte sich daher weiter zu fahren. 
Erst am dritten Tage konnte er die Wöchnerin besuchen und 2 Wo¬ 
eben nach der Geburt starb die Patientin. Der Mann verklagte den 
Dr. C. und beschuldigte ihn, den Tod seiner Frau dadurch herbeige¬ 
führt zu haben, dass er nicht rechtzeitig ärztliche Hilfe geleistet. 
Das Gericht sprach den Angeklagten frei und motivirte die Frei¬ 
sprechung folgendermassen: l)Nach den französischen Ge¬ 
setzesbestimmungen sei der Arzt durchaus nicht 
verpfl iohtet jedem Rufe Folge zu leisten; verpflichtet 
hieran sei er nur in dem Falle, wenn er von einer Amtsperson aufge¬ 
fordert werde. 2) Es sei zwar richtig, dass die Aerzte in den Colo- 
nien Algiers verpflichtet seien, unentgeltlich den armen Kranken 
ärztliche Hilfe angedeihen zu lassen, aber der Kläger gehöre nicht 
dieser Krankenkategorie an und habe solches auch nicht einmal zu 
beweisen versucht. 3) Dr. C. habe sich unverzüglich nach der Auf¬ 
forderung zur Kranken aufgemacht, aber habe die Kranke aus von 
ihm unabhängigen Gründen nicht erreichen können. 4) Es sei durch 
nichts erwiesen, dass der Tod der Patientin duroh das Ausbleiben 
des Arztes verschuldet sei. (Bulletin m6dioal-Wr.) 


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Mortalität*-Bulletin St. Petersburgs 

für die Woche vom 14. bis 20. Pebr. 1888. 
Zahl der Sterbefälle: 

1 ) nach Geschlecht und Alter: 

Im Ganzen: . • »2 £2 t * h S * 6 


M. W. Sa. 


2 ) nach den Todesursachen 2 

— Typh. exanth. 0 , Typh. abd. 13, Febris recurrens 0 , Typhut 
ohne Bestimmung der Form 4, Pocken 0 , Masern 8 , Scharlach 15, 
Diphtherie 16, Croup 3, Keuchhusten 4, Croupöse Lungenentzün¬ 
dung 28, Erysipelas 2 , Cholera nostras 0 , Cholera asiatica 0 , Ruhr 0 
Epidemische Meningitis 0 , Acuter Gelenkrheumatismus 0 , Parotitis 
epidemica 0 , Rotzkrankheit 0 , Anthrax 0 , Hydrophobie 0 , Puerpe¬ 
ralfieber 1 , Pyämie u. Septicaemie 6 , Tubercu’ose der Lungen 114 
luberculose anderer Organe 4, Alcoholismus und Delirium tremens 


Nächste Sitzung des Vereins St. 
Petersburger Aerzte Dienstag den 1. März 
1888. 

Nächste Sitzung des deutschen 
ärztlichen Vereins Montag den 7. März 
1888. 


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dessen Kraft zu Schrift mit I f Ij 

alterirenj hier- rother I 'I FvSl 6 1 

mit leistete er \ Tinte. I Ü SKüL. 


2, Lebenuchw&che und Atrophia infantum 49, Marasmus senilis 
27, Krankheiten des Verdauungscanals 91, Tnüpihuii j 34. 


Mortalität einiger Hauptstädte Europas» 


Name 


London . . 
Paris . . . 
Brüssel . . 
Stockholm . 
Kopenhagen 
Berlin . . . 
Wien . . . 
Pest . . . 
Warschau . 
Odessa. . . 
St. Petersburg 


1 282 921 

2 260 945 
181 270 
216 807 
290 000 

1414 980 
800836 
442 787 
439 174 
268000 
861 303 


Woche 
(Neuer Styl) 


! 5.— 11 . Febr. 

I 5.— 11 . Febr. 
29.Jan.-4. Febr. 
29.Jan.-4. Febr. 
8.—14. Febr. 
5.—11. Febr. 
5.— 11 . Febr. 
29. Jan.-4. Febr. 
29.Jan.-4. Febr 
5.—11. Febr. 
12.—18. Febr. 


Lebend¬ 

geboren 


Summa 

0 w 
<3 

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4-» 

•0 

O 

H 

2830 

34,6 


1251 

28, t 

72 

108 

31,8 

5 

146 

34,» 

3 

192 

34,o 

7 

876 

32,^ 

34 

489, 

33,8 

31 

311 

36,6 

25 

373 

44,i 

18 

661 

36,9 

34 


IGestorb 


I »1 

S pH O 

S -g k 
0 0 0 

°° 


— 1838 22,* 


109 31.» 
122 29,» 
171 30,. 
547 20,. 
403 26,» 
306 35,» 
194 23,o 

617 37,> 


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wü Kronenqnelle mit 0,01140 wasserhaltigem doppelkohlensaurem Lithion 

a nnnoIV l, w 0.011528 in der Wilhelmsquelle hat nur 0,87264 was- 

serhaltiges doppelkohlensaures Natron gegenüber 2 191 659 in 

nnü \ nn^hph^ q ^ e ^ e * ’ ^ rsandt in i Litre-Glasflaschen durch alle Mineralwasser-Handlungen 
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XIII. Jahrgang. St. Petersburger Neue Folge. V. Jahrg. 

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unter der Redfiction von 

Prof. Ed. v. WAHL, Dr. Th. v. SCHRÖDER, 

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Die t St. Petersburger Medicinische Wochenschrift» erscheintjeden Sonn¬ 
abend. Der Abonnements - PreU ist in Bossland 8 Rbl. f8r das Jahr, 
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_d«ra 16 Mark jährlich, 8 Mark halbjährlich. Der Inserations - Preis für 
die 3 mal gespaltene Zeile in Petit ist 12 Kop. oder 30 Pfenn. — Den 
Autoren werden 25 Separatabzöge ihrer Original - Artikel zugesandt; 

Referate werden nach dem Satze von 16 Rbl. pro Bogen honorirt. 
Abonnements-Auftri ge bittet man an die Buchhandlang von 
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EfF Inserate werden ausschliesslich im Central-Annoncen-Bu- 
re» u von Friedrich Betrieb in St. Petersburg, Newsky-Prospect Jft 8, 
und in Paris bei unseren General- Agenten entgegengenommen. 
Los annonces franpaises sont regues exdusivement b Paris 
des Messieurs 6 . E. Puel de Lobei & Cie., RueLafayette 58. 
Ifanascrlpte sowie alle auf die Rednction bezüglichen Mittheilungeo 
littet man an den geschäftsführenden Redacteur Dr. Theodor 
v. Schröder (Malaja Italjanskaja, Haus 33, Quart. 3) zu richten. Sprech¬ 
stunden täglich von 2—4 .Uhr, ausser Sonntags. 


Ns 10. 


St. Petersburg, 5 (17.) März 


1888. 


Inhalts Prof. M. I. Afanassje w: Ueber die klinische Mikroskopie nnd Bacteriologie der Actinomycosis (Schluss). — Referate. 
Hjalmar Heiberg: Ueber Lepra mutilans und trophoneurotische Veränderungen bei Aussatz. — Horzetzky: Ueber Wirbelerkran¬ 
kungen Erwacbaener, namentlich auch von Soldaten, und deren Ursachen. — Himmel färb: Znr Casuistik des extra puerperalen Haema¬ 
toma vulvae. — Jaroschewski: Zur Frage der Behandlung der Intermittens mit Ergotiu. > James Israel: Ueber einige plastische 
Operationen. — Schönberg: Pemphigus bei Kindern, möglicherweise in Zusammenhang mit Ausschlag bei Thieren. — E. B u H: Einige 
Bemerkungen über Fisebpulver. — J.V. Wicbmanu. Schädliche Wirkung der senkrechten Extension in der Behandlung von Oberschenkel¬ 
brüchen rbachitischer Kinder. — Bücher-Anzeigen und Besprechungen . 0. Gerhardt: Handbuch der Kinderkrankheiten. — J. H 0 c k 
(Wien): Propädeutik für dasStudium der Augenheilkunde, bearbeitet fürStudrrende und Aente. — Bericht über die Siteungen der rus¬ 
sischen medicinischen Gesellschaften St. Petersburgs. — Protokolle des Vereins St. Petersburger Aerste. — Kermischtes. — Vacanzen . 
— Mortalität einiger Hauptstädte Europas. — Anzeigen. 


Ueber die klinische Mikroskopie und Bacteriologie der 
Actinomycosis. 

(Vorlesung, gebalten für den ärztlichen Cnrsns im klinischen Institut 
der Grossfttrstin Helene Pawlowna). 

Von 

Prof. M. I. Afanassjew. 

(Schloss.) 

Bezüglich der Behandlung der Actinomycosis bemerke 
ich in Kürze Folgendes: In allen den Fällen, wo dieKränk- 
heit frühzeitig erkannt wurde, wo sie noch einen localen 
Charakter hatte, wurde bei Anwendung der entsprechenden 
chirurgischen Behandlung (Entfernung aller Knoten und 
Nester der Actinomycosis unter strenger Antisepsis) voll¬ 
ständige Heilung erzielt. Solche günstige Behandlungs- 
resnlt&te beziehen sich insonderheit auf die Gruppe von acti- 
nomycotischen Erkrankungen, welche die am die Kiefer be¬ 
logenen Partien betrifft. In denjenigen Fällen jedoch, wo 
der actinomycoti3che Process sich auf eine weite Ausdehnung 
hin erstreckte, besonders wenn er aus einem localen zu einem 
allgemeinen geworden war, endlich in den Fällen von innerer 
Actinomycosis (Lungen, Pleura, Bauchorgane etc.) war ge¬ 
wöhnlich der Tod das Resultat jeglicher Behandlung. Aus 
diesen kurzen Hinweisen bezüglich der Behandlung ist schon 
ersichtlich, wie wichtig es in manchem Falle ist, die aller¬ 
ersten Stadien der actinomycotischen Erkrankung zu er¬ 
kennen. 

Die ersten beiden Fälle von Actinomycosis in Russland 
wurden von Dr. Florkewitsch in Warschau publicirt, 
bei Stellung der Diagnose war Prof. Hoyer bebülflicb. 
Dann wurde von Prof. K.N.Winogradow 34 ) Ende des 
Jahres 188b bei der Section eines Kranken ans der Klinik 
des Prof. D. J. K o s c h 1 a k o w ein Fall von Actinomycosis 
der Lungen, der Pleura und des Pericardiums diagnosticirt. 
Im Sommer des Jahres 1886 wurde von den Professoren 
E. E. E i c h w a 1 d **) und N. D. Monastyrski wäh¬ 
rend des Lebens ein Fall von Actinomycosis erkannt (aus 
der-Praxis des Dr. Piotrowski), welcher unter dem 
Bilde chronischer Pyämie verlief. Von mir wurde ein Stück 
Muskel mikroskopisch untersucht, welcher diesem Kranken 
während des Lebens ans einem Abscess am Unterschenkel 


I excidirt worden war, und welcher durchsetzt war von acti¬ 
nomycotischen Abscessehen. Die Zeichnungen der Drüsen, 
resp. Körner der Actinomycosis von den Präparaten dieses 
Falles sind von mir in meinem Artikel; «Erfolge der Bac- 
tenologie der infectiösen Krankheiten in den beiden letzten 
Jahren, mitgetheilt (cf. «Kalendar dl ja wratschei« für das 
Jahr 1888. Herausgeber K. L. Ricker). 

Im Herbste desselben Jahres wurde von Prof. N. D. Mo¬ 
na s t y r s k i**) auf Grundlage klinischer ThatBachen, und 
von mir auf Grundlage mikroskopischer Untersuchung die 
Diagnose Actinomycosis bei einem Kranken der chirurgi¬ 
schen Ambulanz im klinischen Institute gestellt. Die Krank¬ 
heit präsentirte sich als phlegmonöse Entzündung in der Ge¬ 
gend der linken Brustwarze mit zahlreichen FiBtelgängen, 
aus welchen auf Druck Eiter bervorquoll, der verkalkte 
Drüsen , resp. Körner der Actinomycosis enthielt. Im Fe¬ 
bruar 1887 wurde von mir in Gemeinschaft mit Dr. N. N. 
Jakimowitsch 31 )in einem Falle aus der Privatpraxis 
die Diagnose auf Actinomycosis der Lungen nnd der Pleura 
gestellt, fast ausschliesslich auf Grundlage der mikroskopi¬ 
schen Untersuchung des Auswurfs des Kranken, während 
bisher eine solche Diagnose immer auf Grundlage des Vor¬ 
handenseins von actinomycotischen Knoten oder Abscessen in 
der Brustgegend gestellt worden war. Nur in dem Falle 
von C a n a 1 i **) wurde die Diagnose einer actinomycotischen 
chronischen Bronchitis mit Absonderung von stinkendem 
Au8wurf auf Grundlage der Untersuchung des Auswurfs ge¬ 
stellt. In der letzten Zeit wurde von Prof. E. E. E i c h - 
w a 1 d im klinischen Institut ein Fall von Actioomycose der 
Lungen und der Pleura mit Bildung von Abscessen auf der 
Brust genau beobachtet und untersucht (aus der Praxis des 
Dr. W. A. S t a n g e). 

So sehen wir, dass die Zahl der Fälle von Actinomycosis, 
die in Russland beobachtet worden sind, beständig an¬ 
wächst und wahrscheinlich wird ihre Zahl noch sehr viel 
grösser werden, wenn die Aerzte sich mit der Krankheit 
besser bekannt gemacht haben werden, besonders mit der 
mikroskopischen und bacterioskopischen Untersuchung der¬ 
selben. Nur die mikroskopische Untersuchung der Pro- 
ducte der Actinomycose giebt uns unzweifelhafte Garantie 
dafür, dass wir es mit Actinomycose and nicht mit irgend 



















84 


einer anderen, ihr nahestehenden oder ähnlichen Krankheit 
zu thun haben. Verwechselung ist möglich mit chronischer 
Pyämie, Tuberculose, Rotz, Syphilis u. s. w. 

Gehen wir nun zur botanischen und bacteriologischen 
Seite der Frage über, speciell zur Morphologie des Pilzes, zu 
den Versuchen Reinculturen zu erhalten, und zu Ueber- 
impfungen derselben auf Thiere. 

Zum Schluss werden wir genau die Untersuchungsmetho¬ 
den des Pilzes im Eiter, Auswurf, Harn, Stühlen u. s. w. 
beschreiben. 

Aus der obigen Darlegung ist schon zu ersehen, dass die 
Autoren in Bezug auf den uns interessirenden pflanzlichen 
Paraateu vom botanischen Gesichtspuncte aus verschiedener 
Ansicht sind. Harz und nach ihm auch andere Botaniker 
(Ferd. Cohn, de Bary und Pringsheim* 9 ) und 
die Mehrzahl der Aerzte sahen in der ersten Zeit nach seiner 
Entdeckung diesen Parasiten für einen Schimmelpils an, 
oder jedenfalls für einen Pilz, der dieser Classe nahe steht. 
Der Parasit erscheint im Eiter, im Auswurf und in anderen 
pathologischen actinomycotischen Producten gewöhnlich in 
Form von ganzen Colonien. Im Inneren einer jeden solchen 
Colonie bemerkt man eine sehr dichte Verfilzung von Fäden, 
wie mit feinen Körnern bestreut, am Rande einer solchen 
Colonie sieht man in Art einer Einfassung besondere keulen¬ 
förmige, stecknadelkopflormige, bimförmige, kolbenförmige, 
flascbenförmige Bildungen, mattglänzend, die scheinbar aus 
dem inneren Theil der Colonie hervortreten und sich radien¬ 
artig zu ihrer Peripherie begeben. 

Diese keulenförmigen Bildungen gehen mit ihrem verjüng¬ 
ten Theil gleichsam unvermittelt in das dichte Fadengewirr 
des centralen Theiles der Colonie über und spalten sich an 
ihrem äusseren Theil in zwei oder drei quere Gliederchen. 
Diese eben beschriebenen verschiedenen Theile des Strahlen¬ 
pilzes kann man schon recht gut sehen und unterscheiden 
bei einer Vergrösserung von 300—500. Harz, ebenso 
wie die früheren Beobachter hielten den centralen Theil der 
Colonie für das Mycelium des Parasiten, die keulenförmigen 
Bildungen an der Peripherie aber — für die Konidien, oder 
Gonidien — die Vermehrungsorgane des Pilzes. Das Kör¬ 
nige im Centrum des Pilzes hielten sie entweder für Zerfall 
der Fäden des Myceliums, oder aber für irgend welche 
besondere Sporen. Einige der späteren Autoren, wie 
z. B. J. Is r a el hielten es für möglich, da sie die grosse 
Aehnlichkeit zwischen den Fäden der Leptotbrix und den 
Fädeo der Actinomycosis bemerkten, und fernerhin in Er¬ 
wägung zogen, dass auch die Leptotbrixfäden zuweilen in 
Form von Körnern angeordnet sind, wobei eines ihrer Enden 
dicker ist als das andere, — diesen Pilz nicht zur Gruppe 
der Schimmelpilze, sondern zur Gruppe der Faden Batte¬ 
rien zu rechnen: Leptothrix-Streptothrix. 

In letzter Zeit kam B o s t r Ö m **) auf Grundlage seiner 
Untersuchungen zu der Üeberzeugung, dass der Actinomyces 
durchaus kein Pilz ist, sondern eine sich verzweigende 
Faden-Bacterie, d. h. zur höchsten Gruppe der Bacterien 
Cladothrix — in Beziehung steht. Die keulenförmigen 
Verdickungen an der Peripherie der Colonien hält Bo¬ 
st r ö m für Involutionsformen , d. h. für Degenerationsfor¬ 
men der Fäden, welche daon für gewöhnlich auftreten, wenn 
die Bacterien keine ihrem Leben zusagenden Bedingungen 
finden. Hauptsächlich brachte ihn zu dieser Üeberzeugung 
der Umstand, dass diese keulenförmigen Bildungen die Ele¬ 
mente sind, welche am frühesten in der Colonie verkalken, 
und eine derartige Verkalkung, wie uns bekannt ist, gewöhn¬ 
lich an todten Theilen zu Stande kommt. Ferner wuchsen 
auf B o 81 r ö m ’s Culturen diese Bildungen auch nicht em¬ 
por, dagegen gedieh der centrale, aus Fäden bestehende 
Theil. Was mich persönlich angeht, bo schliesse ich mich 
auf Grundlage meiner eigenen bacterioskopischen Unter¬ 
suchungen und ebenso auf Grundlage der Thatsache, dass 
dieser Parasit verhältnissmässig leicht in Lymph- und Blut¬ 
gefässe gelangen, dann durch den ganzen Körper verschleppt 
werdeu und an verschiedenen Theilen metastatiache Herde 


bilden kann — eine Eigenschaft, die den Bacterien zukommt 
und wenig auf die Schimmelpilze passt — fast vollständig 
der Meinung B o s t r ö m ’s an, und halte den Actinomyces 
für eine sich verzweigende Faden-Bacterie aus der Gattung 

Cladothrix. 


Wsb die Culturen des Actinomyces in verschiedenen Nähr¬ 
medien anbetrifft, so haben verschiedene Autoren (Harz, 
Ponfick, J. Israel, 0. Israel 41 ), Johne, Bo¬ 
st r ö m u. A.) versucht Reinculturen dieses Pilzes auf Agar- 
Agar, Blutserum u. s. w. zu erhalten und haben diese Cul¬ 
turen beschrieben; ich halte jedoch auf Grundlage meiner 
eigenen Untersuchungen, die bald veröffentlicht werden 
sollen, alle diese Versuche für nicht gelungen, hauptsäch¬ 
lich deshalb, weil es noch keinem der genannten Autoren 
gelungen ist durch Impfung mit Reinculturen des Actino¬ 
myces eine actinomycotische Erkrankung hervorzurufen. 
Ferner sind auch die Beschreibungen der Autoren grössten- 
theils oberflächlich, halten der Kritik nicht Stand, oder aber 
sie sind in der Form einer vorläufigen Mittheilung veröffent¬ 
licht Uebrigens bin nicht ich allein dieser Meinung in Be¬ 
treff der Culturen der genannten Autoren, sondern auch ei¬ 
nige andere Autoren, wie z. B. F1 ü g g e 41 ), C. F r ä n - 
k e 1 °) u. A. 

In letzter Zeit gelang es mir augenscheinlich eine Reio- 
cultur der uns interessirenden Bacterie auf festem Blutse¬ 
rum, Agar-Agar und in Bouillon zu erhalten, wobei diese Bac¬ 
terie in Form ebensolcher Colonien, Körner resp. Drüsen 
wächst, wie sie in Wirklichkeit in den verschiedensten acti¬ 
nomycotischen Bildungen erscheinen. Ausserdem verkreiden 
diese Colonien ebenso wie die echten Drüsen der Actino- 
mycose. Zur Illustration, sowie zum Vergleich mit den 
folgenden Zeichnungen gebe ich hier die Zeichnung JA 1, die 
von mir nach einem Theilcben (Sector) einer solchen Rein- 
culturcolonie aufgenommen ist. 


Obgleich man bis in 
die letzte Zeit mit un¬ 
zweifelhafter Sicher¬ 
heit keine Reincultn- 
ren erhalten hatte, so 
ist dennoch das ur¬ 
sächliche Abhängig- 
keitsverhältniss zwi- 
scbendiesemParasiten 
und der durch den¬ 
selben hervorgerufe¬ 
nen Erkrankung von 
einigen Autoren voll¬ 
kommen sicher ge¬ 
stellt SoriefPon- 
fick, wenn er Käl¬ 
bern Theilchen von 
Geschwülsten, die ac¬ 
tinomycotische Kör¬ 
ner enthielten, unter 
die Haut, in das Blutgefässsystem und ebenso in die Bauch¬ 
höhle brachte, bei ihnen diese oder jene actinomycotische 
Erkrankungen hervor. J. Israel spricht sogar von er¬ 
folgreicher Impfung der Actinomycose auf ein Kaninchen, 
indem er ihm actinomycotischen Eiter in die Bauchhöhle 
einbrachte. Einige Impfungen von Actinomycosekörnera 
aus Eiter gelangen auch Johne. Meine eigenen Versuche 
mit Impfung der von mir erhaltenen Reincultur auf Thiere 
werden noch fortgesetzt*). 



Fig. 1. Reincultur des Actinomyces, von 
mir nwei Mal erhalten ans Eiter und ein 
Mal ans Sputnm von Actinomycose-Kran- 
ken. Vergrösserung ungefähr 500. 


*) 8eit diese Vorlesung zuerst in rassischer Sprache veröffentlicht 
wurde (Prakt. Med. 1887, N 12), sind ungefähr drei Monate ver¬ 
flossen. In dieser Zeit ist es mir gelungen die obenbescbriebene 
Reinkultur Thieren, speciell Meerschweinchen mit unzweifelhaftem 
Resultat einxnimpfen. Nachdem ich den letzteren in die Bauch¬ 
höhle Beinkultur der verästelten Fadenbacterie eingeführt batte, 
die von mir ans mehreren Fällen von Actinomycose bei Menschen ge¬ 
wonnen worden war und der man am besten den Namen Bacterium 
actinocladothrix geben müsste, erhielt ich folgendes positive Besnl- 

Digitized by ’ L.ocwle 


X 





85 


Ich gehe jetzt zur Untersuchung des Eiters, Auswurfs 
u. 8. w. auf Actinomyces über. 

Der Eiter aus actinomycotischen Abscessen pflegt meisten* 
theils dünnflüssig zu sein. Wenn man ihn in dünner Schicht 
aut einer Glasplatte mit untergelegtem schwarzem Papier 
ausgiesst, so kann man in ihm schon mit blossem Auge 
Körnchen von sehr verschiedener Grösse bemerken, von der 
Grösse des feinsten Sandkorns bis zur Grösse von i —1—2 
Mm. Diese Körnchen haben im Eiter oft einen gelblichen 
oder sogar leicht grünlichen Farbenton. Diese Körnchen 
sind auch, wie das Mikroskop zeigt, kleinste Colonien des 
Actinomyces, oder aber ganze Gruppen von solchen, Conglo- 
merate derselben. 


Der Auswurf bat bei Lungen-Actinomycose das allerver¬ 
schiedenste Aussehen: schleimig-eitrig, eitrig, mit Blutbei¬ 
mengung, zuweilen sogar dem rostfarbenen Sputum ähnlich, 
wie es bei Pneumonie vorkommt, oder gefärbt wie Johannis- 
beer-Gelöe, wie es zuweilen bei Lungenkrebs vorkommt. In 
diesem Auswurfe kann man immer, — wie auch sein Aus¬ 
sehen sein möge — augenscheinlich sogar in sehr frühen 
Stadien der Lungenerkrankung, die Actinomyces - Körner 
finden, wenngleich einigermaassen schwerer als im Eiter. 
Din Untersuchung muss man ebenso ausführen, wie das für 
den Eiter beschrieben wurde, nur muss man sich der Prä- 
parirnadeln bedienen um die Sputum-Schichten aus einan¬ 
der zu breiten und zu trennen und die einzelnen Körner in 
ihm zu isoliren. 


Es ist wahr, ausser den Actinomycose-Körnern finden sich 
im Sputum nicht selten auch andere Körner, die z. B. aus 
einer Ansammlung von Fetttropfen bestehen, aus anderen 
Speiseresten, besonders aber in einigen Fällen aus Lepto- 
thrix-Fäden. Daher ist es unumgänglich nothwendig, dass 
man cs versteht, diese Körner von einander zu unterscheiden, 
Bowobl mit blossem Auge, als auch mikroskopisch. 

Die Körner der Actinomycose sind im Auswurf gewöhn¬ 
lich von graulicher Farbe, etwas durchsichtig, übrigens zu¬ 
weilen auch von weisslicher oder gelblicher Farbe. Man un¬ 
terscheidet sie besser von anderen Körnern mit Hülfe einer 
Loupe. 

Unter dem Mikroskop kann man schon bei schwacher Ver- 
grösserung (50—100) die Körner der Actinomycose recht 
gut sowohl im Eiter, wie auch im Auswurf erkennen. Bei 
der Diagnose dieser Körner, speciell beim Studium derStruc- 
tür ihrer Ränder, ist aber die Gegenwart einer grossen Anzahl 
von Eiterzellen sehr störend, welche von allen Seiteu diesen 
Körnern sehr dicht anliegen. 

Daher ist es am besten, wenn 
man die aus Eiter oder Aus¬ 
wurf herausgefischten Kör¬ 
ner, welche verdächtig sind 
auf Actinomycose, zuvör¬ 
derst mit 1—2 Tropfen einer 
1—5 % Lösung von Aetzkali 
behandelt und darnach erst 
sie mit dem Deckgläschen 
bedeckt und unter das Mi¬ 
kroskop bringt. Bei dieser 
Untersuchung wird es sich 
herausstellen, dass wir Kör¬ 
ner zweierlei Art finden 
werden: Solche , die aus 
einer verschieden grossen 
Anzahl einzelner Colonien 
zusammengesetzt sind, und 



Fig. 2. Ein Actinomycose - Korn 
mit Keulchen, resp. Kölbchen an 
der Peripherie bei einer Vergröße¬ 
rung von 100 nach Behandlung mit 
Aetzkali. Einige Kölbchen haben 
sich abgelöst and liegen nabe dem 
Korn. 


tat: Die Bacterie wurde eingeimpft, erzeugte actinomycotiscbe Er¬ 
krankung des Periton&ums, des Mesenteriums der Därme nnd des Net¬ 
zes, und verursachte dadurch den Tod; in den zum Theil entzündli¬ 
chen Krankbeitsproducten fanden sich actinomycotiscbe Knoten, in 
welchen die für Actinomycose durchaus charakteristischen Körner 
enthalten waren. Eine eingehende Arbeit Uber diese Frage wird 
bald erscheinen. 



Fig. 3. Partikelchen desselben Korns bei einer 
Vergrössernng von ungefähr 500. Die Kölbchen 
an den Rändern und an der Oberfläche des Korns 
sind deutlich zu sehen. 

den zeigen, die radienförmig auseinander 
\ö i hoi Bohnnohor VornrÖBSArnnff und Fier, 


an ihrer Peri¬ 
pherie keulen¬ 
förmige Bildun¬ 
gen haben (cf. 
Fig. 2 bei schwa¬ 
cher Vergrösse- 
rung, und Fig. 
3 .bei starker 
Vcrgrösserunp), 
und andere eben¬ 
solche Gruppen 
von Colonien, 
die aber an dei 
Peripherie keine 
keulenförmigen 
Bildungen ha¬ 
ben, sondern im 
Gegentheil eine 
Reihe sich vet- 
zweigender Fü- 
gehen (cf. Figur 
. Jfe 5 bei starker 


Vergrössernng). 

Beide Arten Drüsen, resp. Körner der Actinomycose be¬ 
stehen in ihrer centralen Partie aus einer so dichten Vei- 
flechtung, man kann sagen, aus solch einem Filz von Fäden, 
dass es sehr schwer ist die Structur dieser centralen Partie 
gut zu unterscheiden. 



Fig. Al 4. Korn der Actinomycose ohne Kölbchen, bei einer Ver- 
grösserung von 100, nach Behandlung mit Aetzkali. 



Fig. Jt 5. Partikelcben desselben Korns bei einer Vergrösserung 
von 500. Am Rande sind dis sieb verzweigenden gewundenen Fäden 
ansgezeiebnet zn sehen. 

Es macht den Eindiuck, als sei das Innere recht körnig 

(cf. Figg. 3, 4 und 5); in Wirklichkeit aber ist wabrschein- 

Digitizea by vjvJv/V 




86 


lieb eine körnige Structur sehr oft g&rnicht vorhanden, da 
man beim Zerzupfen dieser Körner und bei Färbung der¬ 
selben mit verschiedenen Anilinfarben (schwache spirituöse 
Lösungen von Fuchsin, Gentiana- und Metbylviolett oder 
wässerige Lösungen derselben) solche Körnchen nicht beob¬ 
achtet. Dieses körnige Wesen hängt wahrscheinlich zum 
grössten Theil von der Kreuzung der gewundenen sich ver¬ 
zweigenden Fäden ab, ist folglich eine optische Erscheinung, 
und zum Theil ist es wahrscheinlich durch Veränderung des 
protoplasmatischen Inhalts der Fäden bedingt. 

Die solcher Art beschriebenen Körner der Actinomycose 
unterscheiden sich vollkommen klar von den Körnern der 
Leptothrix. Letztere bestehen gewöhnlich aus dickeren Fä¬ 
den, die dabei gerade sind, sich nicht verzweigen und mehr 
in B&schelform, als radienförmig angeorduet sind. 

J. Israel, welcher den Actinomyces übrigens zur Gruppe 
Lepthothrix zählt, hat augenscheinlich beide Arten Körner 
vermengt. Meinen Untersuchungen zufolge kommen solche 
Sputa vor, in welchen sich Leptothrixkörner befinden und 
keine Actinomyceskörner, uud umgekehrt. Nur dann, wenn 
Actinomvcosekörner vorhanden sind, kann man eine actino- 
mycotische Erkrankung diagnosticiren. Endlich kommen 
Sputa vor, in welchen man Körner der einen und der ande¬ 
ren Art findet. Natürlich muss man in solch' einem Falle 
die grössere Bedeutung den Körnern der Actinomycose zu¬ 
schreiben. 

Wenn die Drüsen, resp. Körner der Actinomycose ver¬ 
kalken, was im Eiter des Menschen selten, bei Thieren recht 
oft vorkommt, so werden sie uukenntlich. Ihre Oberfläche 
ist bedeckt mit amorphen Körnern oder öfter mit glänzen¬ 
den unregelmässigen Krystallen von Kalksalzen. Wenn man 
solche Drüsen mit schwacher Salzsäure behandelt, so lösen 
sich die Kalksalze auf und die pflanzliche Structur der 
Drüse wird deutlicher, obgleich nicht so deutlich, wie in den 
unverkalkten Drüsen. 

Ausser diesen grossen actinomycotischen Körnern oder 
Drüsen kann man im Eiter, resp. Sputum auch allerfeinste 
Körnchen finden, die mit blossem Auge kaum sichtbar oder 
garnicht sichtbar sind. Das sind die allerjüngsten Golonien 
des Parasiten. Sie bestehen gewöhnlich aus sehr gering¬ 
fügiger Ansammlung von gewundenen, sich verzweigenden 
Fäden. Nach B a b e s können solche Anhäufungen von 
Fäden oder sogar vereinzelte gewundene sich verzweigeude 
Fäden in solchen Fällen dazu dienen die Actinomycose zu 
diagnosticiren, wenn aus irgend welchem Grunde die oben 
beschriebenen echten Körner fehlen. Um solche feinste Co- 
lonien oder sogar Fäden von Actinomycose zu diagnosticiren, 
macht man am besten aus dem Sputum oder Eiter Trocken¬ 
präparate, färbt sie darauf in einer Lösung von Geotiana- 
oder Methylviolett in Anilinwasser, legt sie dann in eine 
Jod-Jodkalilösung für 3—& Minuten, entfärbt, macht die 
Doppelfärbuog in spirituöser Eosinlösung und untersucht 
zuletzt in Wasser nach Abspülung in Wasser, oder aber 
schliesst nach Austrocknung in Ganadabalsam ein und unter¬ 
sucht in demselben (von mir veränderte G ra m’scbe Me¬ 
thode. Beilage zum « Kalendar dlja wratschei» für 1886 
und 1888). Bei dieser Untersuchung erscheiuen die Acti- 
nomycesfäden dunkelblau, fast schwarz, während alle übri¬ 
gen Elemente des Sputums rosenroth sind, wodurch das Er¬ 
kennen der enteren leicht ist. 

_ Da die oben beschriebenen Conglomerate einzelner Colo- 
nien der Actinomycose, grosse, kleine und allerfeinste, dann 
einzelne gewundene sich verzweigende Faden im Eiter, resp. 
im Sputum nur bei actinomycotischen und sonst bei keiner¬ 
lei anderen ähnlichen Erkrankungen gefunden werden, so 
kann man sie als pathognomonisches Zeichen der Actino¬ 
mycose ansehen, und kann, wenn sie vorhanden sind, die 
exacte Diagnose der Actinomycose stellen. 

Ausser Eiter und Sputum ist in einigen Fällen auch der 
Urin auf Actinomyces untersucht worden, natürlich dann, 
wenn der actinomycotische Process sich in den Nieren ent¬ 
wickelte, — entweder in Folge von Verschleppung in die¬ 


selben oder in Folge unmittelbaren Ueberganges auf die¬ 
selben von den benachbarten Organen. Natürlich kann man 
in Fällen von präsumptiver Darm-Actinomycose auch die 
Fäces auf Actinomyces untersuchen. 

Literatur. 

1 ) B o 11 i n g c r : Ueber eine neue Pilzkrankheit beim Rinde. Cen- 
tralbl. für die med. Wissen sch. 1877. Nr. 27. Derselbe: Deutsch. 
Zeitschr. für Thiermedicin. Bd. III. 1877. 2 )JameslsraeI: Neue 
Beobachtungen auf dem Gebiete der Mycosen des Menschen. V i r c h/s 
Arch. Bd. LXXIV. 1878- Derselbe: Neue Beiträge zu den myco- 
tisclien Erkrankungen des Menschen. Virchow’s Archiv. Band 
LXXVII. 1879. 3) Ponfick: Ueber eine eigenthümliche Form 
prävertebraler Phlegmone. Berl. klin. Wochenschrift. 1879- p. 347- 
Derselbe: Ueber Actinomycose des Menschen. Ebendaselbst 1880- 
pag. 660. 4) J. Israel: Klinische Beiträge zur Kenntniss der Ac¬ 
tinomycose des Menschen. Berlin 1885. 5) Ponfick : Die Actino¬ 
mycose des Menschen, eine neue Pilzkrankheit etc. Berlin 1882. 
6 ) Rosenbach: Zur Kenntniss der Strahlenpilzerkrankungen beim 
Menschen. Centralbl. für Chirurgie Nr. 15. 1880. 7 )Partsch: 
Zwei Fälle von Actinomycosis. Bresl. ärztl. Zeitschr. III. Jahrgang. 
1881- 8) W c i ge r t: Vi rc h o w ’s Arch. f. pathol. Anat. 1881. Bd. 
LXXXIV. 9) Moosdorf und Birch-Hirschfeld — Ref. Cen¬ 
tralbl. 1882. Nr. 51. 10) K u n d r a t: Wiener med. Wochenschr. 
1883- Nr. 16. 11) Zemann: Wiener med. Jahrbücher. 1883. 
12 ) C h i’a r i: Prager med. Wochenschr. 1884- Nr. 10- 13) M i d d e 1 - 
d o r p f: Deutsche med. Wochenschr. 1884. Nr. 15 und 16. 14) F i r - 
ket: L 'actinomycose de l’homme et des animnux. Paris 1884. 
15) Rivolta: Virchow’s Arch. 1882. Bd. LXXXVIII. 16)Per- 
r o n c i t o: Deutsche Zeitschr. für Thiermed. 1879. Bd. V. 17) S o 11 - 
mann: Bresl. ärztl. Zeitschr. 1885. Nr. 3. 18)Canali: Rivista 
clinica. 1882. 19) Pal tauf: Semaine mGdicale. 1886- Nr. 6- 20) 
Conti: The London Med. Record. 1886. Febr. 15. 21) Moos- 
brugger: Ueber die Actinomycose des Menschen. Beiträge zur 
klin. Chirurgie, herausgegeben von Paul Bruns. Tübingen 1886- 

22) Jensen: cf. im Aufsatz von Bang: Die Strahlenpüzerkran- 
kung (Actinomycosis). Deutsche Zeitschr. für Thiermed. Band X. 

23) Johne: Deutsche Zeitschrift für Thiermedicin. Bd. VII. 1881« 

24) Marchand: Aufsatz: Actinomycosis inEulenburg’s ReaJ- 
Encyclopädie. 2. Auflage. 25) J o h n e: Ref. in Fortschr. der Med. 
1885- Band 3. pag. 751. 26) Saur: cf. in der Monographie von 
Moosbrugger pag. 343- 27) Roser: Deutsche med. Wochen¬ 
schr. 1886. 28)Chiari: cf. oben Nr. 12- 29) Babes: Virch/s 
Arch. Bd. 105. 1886. 30) Jensen: cf. Nr. 22. 31) Johne: cf. 
Nr. 23. 32) Sol t mann: cf. Nr. 17. 33) Flor kr witsch: Ga- 
zeta lekarska. 1885. Nrn. 45—47. 34) K. N. W i n o g r a d o w: Ac¬ 
tinomycose beim Menschen. Russ. Med. 1885. Nr. 47 und 1886. Nr. 1 
und 2. 35), 36) und 37) cf. im «Kalendar dlja wratschei» für da» 
Jahr 1888. Herausg. K. L. Ricker. 38) Canal i: cf. Nr. 18. 39) cf. 
oben in der Monographie P o n f i c k ’s Nr. 5, p. 65- 40) B o s t r ö m : 
Ueber Actinomycose. Verhanrfl. des IV. Congresses für innere Med. 

1885. pag. 94. 41) 0. Israel: Virchow’s Archiv. Band XCV. 
42) Flügge: Die Mikroorganismen. 2- Aufl. pag. 108. Leipzig 

1886. 43) C. Fränkel: Grundriss der Bacterienkunde. Berlin 

1887. 2. Auflage. 

Berichtigung: pag. 76, Sp. 1. Z. 3 muss es heissen: «infec- 
tiösen* statt «ansteckenden»: pag. 76, Sp. ]. Z. 9 muss es heissen: 
«infeotiöse» statt «ansteckende». 


Referate. 

Hjalmar IIeiberg: Ueber Lepra mutilans und tropho- 
neurotisebe Veränderungen bei Aussatz. (Klinisk Ar- 
bog III) Nordisk Med. Arkiv Bd. XIX. 

Verf. snebt in seiner Abhandlung zu beweisen, dass die znm Theil 
sehr bedeutenden Verkrüppelungen der Extremitäten bei Lepra rein 
trophoneurotisoher Natur sind, analysirt die Dystrophien nach trau¬ 
matischen Nervenläsionen, sowie Ch&rcot’s Beobachtungen über 
Artropathien der Tabetiker und giebt hierauf Zeichnungen und Be¬ 
schreibungen von leprösen atrophischen Händen und Füssen, welche 
eine auffallende concentrische Atrophie der Phalangen und verschie¬ 
dene Verkrüppelungen der Füsse sowieAtrophieen zeigen, die vollstän¬ 
dig mit Charcot’s„piedtabetiqne u übereinstimmen. Verf.schreibt 
dieselben einer leprösen Neuritis zu. Der Abhandlung ist der Quer¬ 
schnitt eines in hohem Grade afficirten Ulnarnerven beigefügt. Ba¬ 
cillen fanden sich nicht. Buch (Willmanstrand). 

Horzetzky: Ueber Wirbelerkrankungen Erwachsener, 
namentlich auch von Soldaten, und deren Ursachen. 
(Deutsche Militärärztliche Zeitschrift. 1887. Heft 9 und 10)- 
Verfasser unterscheidet 1) äussere Ursachen; Quetschungen und 
Verstauchungen, Knochenbrüche, Verrenkungen. 2)innere Ursachen: 
constitutioneile Ursachen, ererbte oder erworbene z. B. Tuberculose, 
Syphilis etc., welche chronische Entzündungsprocesse der Knochen 
mit dem Ausgang in Erweichung, Zerfall, Eiterbildung — Caries— 
veranlassen. — Eine recht grosse C&suistik wird angeführt und an 
den einzelnen Fällen erläutert Verf. seine Ansicht; er fasst sie am 
Ende der Schrift in 48 Sätzen zusammen, die im Text nachzulesen 

,ind - Digitized by 


87 


II i in im e i i u i l) / ur Ca8uistik des extrapuerperaleu 
llaoimitoma vulvae. (Med. Obsr. 23,1887). 

Am 19. Oct. 87 wurde in dasOdessaer Stadthospital eine 35-jährige 
Frau aufgenommen, welche über starke, plötzlich vor einer Woche 
aufgetretene Schmerzen an den äussern Genitalien klagte. Bei der 
Untersuchung fand sich im Bereiche der linken grossen Schamlefze 
eine stark mannsfaust grosse Geschwulst, welche die ganze Dicke 
des Labium einnimmt, vom Schambein zum Damme sich binzieht und 
der Art den Scheideneingang verschliesst, dass die Kranke beim Urini- 
ren die Geschwulst nach aussen schieben muss; sonst ist Alles an den 
Geschlechtstbeilen gesund. Aus der Anamnese ergiebt sich, dass 
eine Woohe vor ihrem Eintritt ins Hospital die Kranke einen Bei¬ 
schlaf mit einem Manne ausgeiibt habe, welcher sie gleich nach dem 
Coitus in den untern Theil der linken Schamlefze gebissen hatte. — 
Das Haematom wurde lege artis chirurgisch behandelt. Hz. 

J aroscliewski: Zur Frage der Behandlung der Inter- 
mittens mit Ergotin. (Med. Obsr. 23,1887). 

Dr. S s a w i z k i lobt ausnehmend im Wratsch 1886. A? 52 das Er¬ 
gotin als unfehlbares Mittel gegen Wechselfieber, was den Verf. ver¬ 
anlasst© dasselbe an 24 Kranken zu versuchen. Ein Tbeil derselben 
litt zum ersten Male an Intermittens und war 3—9 Tage krank, der 
andere aber zeigte Hecidive früher durchgemachten Wecbselfiebers. 
Verf. ist nun zu dem Resultate gekommen, dass das Ergotin bei In¬ 
termittens gänzlich unwirksam sei nnd auch die vergrösserte Milz 
nicht verkleinere; auch blieb es unwirksam, wenn es nach Chinin 
gegeben wnrde — die Anfälle bei den Kranken wurdeu immer durch 
Chinin geheilt. Hz. 

James Israel: lieber cinise plastische Operationen. 
(Langenbeck’s Arcli. XXXVI. 2). 

Verf. beschreibt eine glückliche Modification der von König an¬ 
gegebenen Methode znr Aufrichtung eingesunkener Nasen durch 
Bildung des Nasenrückens ans einem Hant-Periost-Knocheulappen 
der Stirn. (Cf. Referat in dieser Zeitschrift 1886 43). Er nahm 

zunächst den betreffenden Lappen erheblich schmaler, nicht ganz 
*1* Ctm. breit f vereinigte die Stirn wunde lineär und überliess den 
herabgekiappten und an der Nasenspitze fixirten Lappen der Ver¬ 
narbung, durch welche eine beträchtliche Heranziehung der Haut 
von der nnnmehr hinteren nach der vorderen entblössten Seite des¬ 
selben erzielt wurde. Nachdem dies geschehen, löste er die Haut 
von der medialen Narbe beiderseits wieder bis zum Rande des 
Knochens ab und schlug dieselbe zurück, um darüber die in der Me¬ 
dianlinie durcbtrennte Haut des alten Nasenrückens zu vereinigen. 
Das Resultat war ein ausserordentlich Bcbönes und bot, da die neue 
Nase nach innen und aussen normale EpidermiBbekleidung aufwies, 
bedeutende Garantien gegen narbige Schrumpfung. Die hässliche 
Narbe, welche König nach Eutnahme des zweiten grossen Decklap¬ 
pens aus der seitlichen Stirngegend nachbehielt, fiel ganz weg. Ferner 
war der Nasenrücken von vorn herein schmaler und die Warzel des- 
«eiben nicht so stark erhöht. 

Zweitens giebt Verf. eine neue Methode der Wangenplastik durch 
einen langen zungenförmigeü Lappen, dessen Stiel in der Gegend des 
Kieferwinkels liegt, und welcher bis zur Clavicula hinabreicht. Der 
Lappen wird nach der Wange hinaufgeklappt und so in den Defect 
genäht, dAss die haarlose Haut der Regio supraclavicularis die Stelle 
der Schleimhaut einnimmt. Gleichzeitig wird der Defect am Halse 
durch Etagennähte möglichst lineär vereinigt. Nach vollendeter 
Aubeilung wird dann der Stiel durchschnitten, die granulirende 
Wundseite des Lappens abgeschabt und derselbe doublirt, so dass 
das hintere Ende am Mundwickel auf dem vorderen Ende zu liegen 
kommt. Nachdem auch dieses Resultat durch Heilung gesichert ist, 
wird noch der Mundwinkel mit Lippenroth umsäumt und schliesslich 
die Oeffnung zwischen dem hinteren Rande des Doppellappens und 
dem aufsteigenden Kieferast geschlossen. Das Resultat in einem 
Falle des Verfassers war kosmetisch und functionell sehr befriedi¬ 
gend. G. 

Schönberg: Pemphigus bei Kindern, möglicherweise in 
Zusammenhang mit Ausschlag bei Thieren. (Norsk Mag. 
for Lägevid. 1886. S. 174). 

Verf. theilt zwei Fälle von Pemphigus mit, die wohl durch Infec- 
tion von Kühen entstanden waren. Im ersten Falle bekam ein 
5-jäbriger Knabe Pemphigus auf dem Rumpf, den Händen und Füs¬ 
sen und im Munde eine circuläre Stomatitis. Bei zwei Kühen des 
Gehöftes fand sich vesiculäres Exanthem auf dem Enter. Das Leiden 
begann mit einer Geschwulst an einem Finger, wo sich durch eine 
kleine Wunde wohl die Infection vollzogen hatte. Später sab Verf. 
eine vesiculöse Stomatitis bei einem Kinde , das 8 Tage laug Milch 
von einer Kuh erhalten batte, die eine vesicnlöse Eruption auf dem 
Euter hatte. Verf. deutet auf die Möglichkeit bin, dass Stomatitiden 
häufiger auf diese Weise zu Stande kommen könnten. 

Buch (WiDmanstraud). 

E. Bu 11: Einige Bemerkungen über Fischpulver. (Klinik 
Arbog 1886. Nordisk Med. Arkiv XIX). 

Verf. lenkt die Aufmerksamkeit auf ein neues norwegisches Er- 
nährangspräparat, das Fischpnlver. Er theilt eine Analyse desselben, 
das ausschliesslich ans dem Fleische des Gadus morrhua besteht, mit. 
Verf. hat an zweien seiner Assistenten eine Reihe ausführlich mitge« 


theilter Ernährungsversuche gemacht mit Rousseau’s Fleisch¬ 
pulver uud dem Fischpulver, aus denen hervorgeht, dass dieses dem 
Fleiscbpulver an Näurwerth nicht nachsteht. Verf. hat das Fisch¬ 
pulver auch bei einem Theile seiner Patienten im Hospitale ange¬ 
wandt, doch sind der Untersuchungen noch zu wenige, um sich näher 
über die Bedeutung aaszusprechen , welche das neue Mittel haben 
kann; jedoch glaubt Verf., dass es in vielen Fällen das theuere 
Fleischpulver ersetzen könnte, besonders bei nenrasthenischen nnd 
hysterischen Individuen, wie es auch auf Grnnd seines Reichthums 
au Phosphorsäure möglicherweise für Rhachitis von Bedeutung sein 
könnte. Buch (Willmanstrand). 

J. V. Wich mann: Schädliche Wirkung der senkrechten 
Extension in der Behandlung von Oberschenkelbrüchen 
rhachitischer Kinder. (Jahrb. f. Kioderheilk. XXVII. 3. 
1888. pag. 252—257). 

W. hält die senkrechte Extension für eine ganz vorzügliche Me¬ 
thode zur Behandlung von Oberschenkel brüchen bei nichtrhachiti- 
scheu Kindern, will dieselbe jedoch bei rhachitischen Kindern am 
liebsten vermieden sehen. Bei ö solchen, im Alter von 3 /4—l 3 /* Jah¬ 
ren, kam es schon nach 1—8 Tagen zu einer eigentümlichen Bieg¬ 
samkeit der UQterschenkelknochen und des Femur (bis zur Consistenz 
einer elastischen Schlundbougie), während die Diaphysen der ande¬ 
ren, nicht elevirten Extremität von normaler Starrheit blieben. Dabei' 
grosse Empfindlichkeit bei Flexionsversncben nnd bei selbst gelindem 
Druck. Wird die Elevation nicht aufgegeben, so tritt eine ganz ge¬ 
ringe Auftreibung der unteren Femur- und oberen Tibiaepiphyse 
hinzu mit abnormer Schlaffheit des Kniegelenkes ohne Erguss in das¬ 
selbe ; in einigen Fällen auch eine Verlängerung, au welcher Tibia 
nnd Femur participiren. Die Schnelligkeit, mit welcher diese Bieg¬ 
samkeit fortschreitet, ist ganz verschieden, ebenso der Grad, welchen 
sie erreicht. Bei einem Kinde, wo W. nach 4 Tagen Elevationsbe- 
handlung im Stande war die beginnende Resistenzverminderung nach¬ 
zuweisen, wurden die Knochen in den folgenden 24 Stunden schon 
koutscbukähnlich ; in anderen Fällen dauert dieses mehrere Wochen. 
Nach Aufgeben der Elevation werden die Knochen bald rasch wieder 
hart, in einem Falle schritt der Process trotzdem fort um erat nach 
etwa 6 Wochen rückgängig zu werden. Zur Ausheilung kamen 
schliesslich doch alle. Diese Ernährungsstörung, die klinisch einer 
localen Verschlimmerung des rhachitischen Processes ähnelt, trat bei 
allen rhachitischen Kindern auf (nnd nur bei diesen); unabhängig 
vom Stadium der Rhachitis, unabhängig von deren Behandlung, nur 
abhängig von der senkrechten Elevation. Alle mit Gypsb&udage be¬ 
handelten Kinder, selbst hochgradig rhachitische, zeigten keine 8pur 
dieser Erkrankung. Voss (Riga). 


BUcfier-Anzeigen und Besprechungen. 

C. Gerhardt: Handbuch der Kinderkrankheiten. Sechster 
Band. Erste Abtheilnng. Die chirurgischen Erkrankungen 
des Kindesaltyara. Erster Theil. Bearbeitet von C. Scbön- 
born (Würzburg), R. De mm8 (Bern), F. Weinlechner 
(Wien), E. v on Bergmann (Berlin), C. von Mosengeil 
(Bonn), 0. Witzei (Bonn). Tübingen 1887. Verlag der H. 
Laupp’schen Buchhandlung. 8°. 664Seiten. 38 Holzschnitte. 

Die erste Hälfte des nun vollständig vorliegenden Bandes ist be¬ 
reits im Jahre 1882 herausgegeben. Dieselbe umfasst die allgemeine 
Einleitung von Schönborn über Operationen, Verbände, Wunden 
etc. im Kindesalter, sowie die Kapitel über die Anaesthetioa (Dem- 
me), die chirurgischen Krankheiten der Haut (Weinlecbner) 
nnd die Erkrankungen der Lymphdrüsen (v. Bergmann). Die 
zweite neuerschienene Hälfte behandelt die Krankheiten der Wirbel¬ 
säule; und zwar sind von C. v. Mo sengeil die congenitalen Er¬ 
krankungen derselben (Spina bifida, Sacraltumoren etc.), sowie die 
Verkrümmungen, und von Witzel die erworbenen Krankheiten, 
in specie die Spondylitis, bearbeitet worden. Dass dies vom neuesten 
Standpuocte der Wissenschaft aus geschehen, ist wohl selbstver¬ 
ständlich. Im Uebrigen dürfte eine ausführlichere Würdigung dieses 
Sammelwerkes angesichts seines weitverbreiteten und wohlverdienten 
Rufes überflüssig erscheinen. Auch verbietet sich ein genaueres 
Referat über seinen Inhalt in Berücksichtigung des uns zugemessenen 
Raumes von selbst. G. 

J. H o c k (Wien): Propädeutik für das Studium der Augen¬ 
heilkunde bearbeitet für Studirende und Aerzte. Stutt¬ 
gart bei Ferdinand finke. 1887. 

Wie der Verfasser in der Vorrede sagt, hat er sich zur Herausgabe 
entschlossen, weil in der ophthalmologischen Literatur kein Buch 
existirt, welches obigen Stoff im Zusammenhänge gesondert behan¬ 
delt. Hiermit hat es seine Richtigkeit, und nicht ohne Interesse haben 
wir uns an die Lectüre gemacht. In neun Kapiteln werden sämmt- 
liche Untersucbungsmethoden in genügender Ausführlichkeit abge¬ 
handelt, und ist auch alles Neue, soweit es sich in der Praxis bereits 
bewährt hat, berücksichtigt worden. Im Kapitel über Tonometrie 
hätte wohl auch die M a k 1 a k o w ’ sehe Methode erwähnt werden 
können. Will man sich bei Bestimmung des intraoeulären Druckes nicht 
nur auf das eigene Gefühl verlassen, sondern Instrumente anwenden, 
so ist das M a k 1 a k o w ’ sehe wohl eines der handlich|tip^ G— n. 
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Bericht über die Sitzungen der russischen niedicini- 
schen Gesellschaften St. Petersburgs* 

Da die Zahl der in Petersburg bestehenden med. Gesellschaften in 
den letzten Jahren bedeutend zugenommen und überhaupt das wissen¬ 
schaftliche Leben einen regen Aufschwung genommen, scheint es uns 
zeitgeinäss auch in der «Pbg. med. W. > regelmässig kurze Berichte 
zu bringen, welche einen Einblick in das wissenschaftliche Leben und 
Treiben der einzelnen russischen med. Gesellschaften geben sollen. 
Vorläufig gedenken wir allmonatlich diese Berichte zu veröffent¬ 
lichen, wobei wir uns vorherrschend au die im * Wratsch» erschei¬ 
nenden Berichte anlehnen, da es dem Ref. unmöglich ist, selbst alle 
Vereine zu besuchen. 

I. Gesellschaft der russischen Aerzte. 

Sitzung den 7. Januar 1HHH. 

1 . Dr. Selenkow berichtet über einen «Fall von Blutcysten des 
Halses», den er im Obuchowhospital beobachtet hat. Es bandelte 
sich um einen 79 -jährigen Paralytiker, bei dem man an der linken 
Seite des Halses eine derbe, bewegliche, apfelgrosse, angeblich ca. 
\ Jahr bestehende Geschwulst bemerkte. Genauere Untersuchung 
ergab, dass sie hinter und unter dem linken Unterkieferwinkel lag, 
am Process. mastoid. begann und bis zum unteren { des M. sterno- 
cleidomastoid. hin reichte, die Grösse einer Weiberfaust hatte und 
zu fluctuiren schien. Nachdem die Probepunction eine klare, blu¬ 
tige Flüssigkeit ergeben, wurden am folgenden Tage per Dieulafoy 
einige Unzen einer blutigen Flüssigkeit entleert, die beim Kochen 
sich in Gallert verwandelte. Die raikroskop. Untersuchung ergab 
veränderte Blutkörperchen. Nachdem nun die Cyste zusammenge¬ 
fallen, konnte man Vergrösserung der längs der Gefässscheide lie¬ 
genden Lymphgefässe bis zu Taubeneigrösse nachweisen. Die Schild¬ 
drüse nicht verändert. 2 Tage darauf war die Cyste wieder prall 
gefüllt, es stellte sich linksseitiger Schmerz im Kopf und Hals ein, 
sowie Schlaflosigkeit. Die 2. Punction ergab dasselbe Resultat, wie 
die erste, doch trat bald wieder Füllung eiu. Pat. wurde (bei nor¬ 
maler Tempei atur) immer schwächer, das Herz arbeitete schlecht, 
häufig Cyanose; am 29. Nov. starb er. Die Diagnose war auf 
Haematocele colli (Michaux) gestellt. Die Section ergab, dass 
die Cyste aus 2 Theilen bestand, einem grösseren glattwandigen, 
mit Endothel und einem kleinen unebenen, mit kurzem Cylinder-Epi- 
thel ausgekleideten. Letzteres beweist, dass die Cyste aus einem 
versprengten Theil der Schilddrüse entstanden. 

Die Zahl derartiger Fälle in der Literatur ist eine äusserst geringe. 

2. Dr. N. Jaki raowi tsch theilt einen Fall von «Actinomycosis 
der Pleura und Lunge» mit, welcher zur Veröffentlichung im 
«Wratsch» bestimmt ist. 

3. Dr. Praksin demonstrirt einen Patienten mit «verheilter 
Schusswunde der rechten Schläfe und Orbita». Pat. wurde am 
13- Aug. in’s Marienhospital gebracht, unmittelbar nach der Ver¬ 
letzung. Er war bei vollem Bewusstsein, aus der Wunde und der 
Nase sickerte Blut. Das rechte Auge derartig vorgequollen, dass 
die Lider nicht geschlossen werden konnten (daher nach 3 Tagen Ul- 
ceration der Cornea). Rechts Blindheit. Vortr. nimmt au, dass die 
Kugel zwischen Auge und hinterer Orbitalwand durchgehend, den 
Nervus opticus durchtrennt habe. In 9 Wochen war die Wunde ver¬ 
heilt, das Auge atrophirt. 

In den ersten Tagen wusste Pat. nichts davon, was mit ihm vorge¬ 
gangen, nach l£ Monaten konnte Pat. nicht mehr bei geschlossenem 
Auge aufrecht stehen, sondern fällt nach vorn, rechterseits leicht 
verstärkter Kniereflex, das Muskelgefühl geschwunden, die Hnut- 
sensibilität unverändert. Pat. wurde in die Klinik des Prof. M i e r- 
shejewski transferirt. 

Sitzung den 21. Januar . 

1 . Privatdocent W. Popow zeigt einen Pat. mit «Verlagerung 
des einen Hodens». Pat. 24 Jahr alt, aus dem Gouv. Petersburg, 
kam wegen eines Hautleidens in die Klinik des Prof. B. Tar- 
nowski, wo man Folgendes constatirte: Das Scrotum normal ent¬ 
wickelt, desgleichen der rechte Hoden, in der linken Hälfte des 
Hodensackes ist kein Testikel zu finden, dagegen bemerkt man am 
Radix penis, etwas nach links, unter der Haut einen wallnuss¬ 
grossen Tumor von ovaler Form, offenbar der linke verlagerte Hoden, 
an welchem auch der Nebenhoden, sowie ein kurzer Samenstrang, 
der zum linken Inguinalcanal führt, nachweisbar. 

Prof. G r uber hat diesen Fall für ein Unicum erklärt. 

2. Dr. P. Fedoro w: «Ueber die Nahrung der Mönche des Ssolo- 
wezki-Klosters» (Gouv. Archangel). Mit geringen Aenderungeu be¬ 
steht sie an 278 Tagen des Jahres stets aus denselben Speisen und 
zwar aus Suppe aus Stockfisch, Grütze, kaltem und gekochtem Stock¬ 
fisch und Kohlsuppe. Salz und Gewürze werden nicht gespaart, des¬ 
gleichen viel Thee und Kwas verabreicht. Daher leiden 16—25% 
aller Kranken an chron. Magencatarrh und Obstipation. Merkwür¬ 
diger Weise kommt aber Scorbut unter den Mönchen garnicht vor, 
während derselbe unter dem Militär in Archangel alljährlich beob¬ 
achtet wird. 

U. Dr. A. Trojano w: «I Fall von Lochbruch des Schädels». 
Am 6 . Nov. 1887 wurde ein 19-jähriger Fleischer in’s Obuchow¬ 
hospital gebracht, weil ihm ein Freund mit einem eisernen Haken auf 
den Kopf geschlagen. Pat. war bewusstlos, Puls 84« Temp. 39,2, 
die Pupillen erweitert, reagiren nicht, unfreiwilliger Abgang von 
Harn und Fäces. 


An der Stirn, etwas nach links und unten von der Mitte der Su- 
tura coronalis eine kleine, mit grauem Schorf bedeckte Wunde, aus 
welcher sich ruckweise Eiter entleert, die Umgebung derselben in dem 
Umfange eines Hühnereies vorgequollen und erhöht. Beim Sondiren 
fand T. einen Defect im Stirnbein mit hineingedrtickten Knochen¬ 
splittern und beginnende Meningitis. T. machte Incision und ent¬ 
fernte die Splitter durch Trepanation, desgleichen eine Partie ge¬ 
quetschter Hirnmasse. Antiseptischer Sublimat-Verband. Genesung. 

II. Gesellschaft der Kinderärzte. 

Sitzung den 14. Januar . 

1 . Dr. W1 adimiro w stellt einen 13-jährigen Knaben vor, an 
welchem am 27. October 1887 im Kinderhospital de9 Prinzen von Ol¬ 
denburg die linksseitige «Thoracoplastik nach Estländer» mit 
Erfolg ausgeführt worden. Am 27. Nov. war die Wunde bereits 
vernarbt, obgleich die 4.-7. Rippe entfernt worden. Gegenwärtig 
hat eich die linke Lunge wieder recht gut ausgedehnt und Pat. fühlt 
sich wohl. 

Prof. Bystrow spricht seine Anerkennung über den günstigen 
Erfolg aus und fügt nur hinzu, man würde wohl viel seltener zur 
Rippenresection gezwungen sein, wenn die Eltern mehr mit radicaler 
Behandlung der frischen Pleuritis einverstanden wären. (Auch im 
vorliegenden Falle hatten die Eltern den Knaben vor 2 Jahren, als 
das Exsudat pnnctirt worden, zu früh aus dem Oldenburger Kinder- 
liospital herausgenommen'). 

2. Prof. By atro w theilt «3 Fälle von Meningitis bei Kindern» 
mit, von denen 2. darunter ein Fall von wahrscheinlicher M. tuber- 
culosa, in Heiluug übergingen. Desgleichen erinnert sich B. einiger 
Fälle aus seiner Praxis, wo er ebenfalls den Verdacht auf M. tuber- 
culosa hatte und die doch gesund wurden. 

Dr. Severin weist darauf hin, dass man bei der Section von Me¬ 
ningitis stets auch die Schädelknochen genau untersuchen müsse, da 
dort zuweilen die tuberculösen Herde zu finden seien. 

Dr. Tschoschin fügt noch hinzu, dass der tuberculÖ9e Herd, 
wie er das ein Mal beobachtet, auch in der Glandula pituitaria sitzen 
könne. 

Dr. Raucbfus8 hebt hervor, dass bei tuberculösen Kindern stets 
auch die Bronchialdrüsen afficirt seien und meint, wenn dieses 
Zeichen bei Meningitis fehle, könne man am tuberculösen Charakter 
derselben Zweifel erheben. 

Prof. Bystrow giebt Letzteres zu und meint, er habe die Colle- 
gen nur darauf aufmerksam machen wollen, dass es Fälle von Menin¬ 
gitis gäbe, die sehr viel Aehnlichkeit mit tuberculöser M. haben. 

III. Gesellschaft zur Wahrung der Volksgesundheit. 

Sitzung den 15. Januar. 

1 . Prof. Woislaw (vom Bergingenieur-Institut) berichtet über 
die «hydrotechnischen Untersuchungen der Mineralwässer von Poliu- 
strowo» (in nächster Umgebung von Petersburg). Die eisenhaltigen 
Wasser von Poliustrowo sind bereits zu Peter des Grossen Zeit be¬ 
kannt gewesen, dem sie von seinem Leibarzt Blum entrost zum 
Trinken verordnet wurden. Später geriethen sie in Vergessenheit. 
Erst der jetzige Besitzer des Landstückes, B r u s n i z i n , lenkte die 
Aufmerksamkeit wieder darauf und hat den Ref. zu neuen Unter¬ 
suchungen aufgefordert. Ref. fand eine vernagelte Badeanstalt mit 
8 Badezimmern vor, sowie einen kleinen Teich, der durch eine Quelle 
gespeist wird, die gegenwärtig kaum 14 Eimer pro Miuute giebt. 
Weitere Beobachtungen ergaben jedoch, dass bei entsprechender Or¬ 
ganisation es leicht dabin zu bringen wäre, dass man 30,000 Eimer 
pro die erhält; somit ist die Frage nach der Wasserquantität in 
günstigem Sinne zu entscheiden. 

2 . Dr. Brusjauin theilt die Resultate «der chemischen Unter¬ 
suchung des Eisenwassera von Poliustrowo» mit, die er im Laborato¬ 
rium des Prof. Dobroslawin vorgenommen : Das Wasser ist klar, 
geruchlos, farblos, beim Stehen steigen Gasbläschen auf und bildet 
sich eiu Bodensatz von Eisenoxyd. Temperatur 6,5° C. 

ln einem Liter Wasser sind enthalten: 

Fester Rückstand (bei 130° C.).0,1064 Grm. 

Feste Bestandteile. 0,1004 » 

Kohlensaures Eisenoxydul.0,0411 » oder 

Doppelkohlensaures Eisenoxydul .... 0,0634 » 

Kohleusaures Manganoxydul.0,0024 > 

Kohlensaurer Kalk.0,0195 * 

Kohlensaures Magnesium. 0,0049 » 

Chlornatrium.0,0121 > 

Kieselsäure.0,0155 > 

Salpeter- und salpetrige Säure. — » 

Organische Bestandteile. — » 

Freie und halbgebundene Kohlensäure . . 0,0422 > 

Im Vergleich mit anderen Eisenwassern ergiebt dich, dass die Po- 
liustrowoschen den Lipezk’schen und Franzensbädern gleichkommen. 

Sitzung den 22. Januar . 

1 . Dr. Globa macht Mittheilung «über eine neue Art des 
Tragens der Soldatenranzen», wobei es ihm darauf ankommt, die 
Schwere des letzteren möglichst gleichmässig zu vertheilen. Hierbei 
berücksichtigt er in erster Linie das Centrum der Schwere des 
menschlichen Körpers (in der Höhe des 3. Kreuzwirbels gelegen) 
und dann wünscht er das Gewicht auf eifie möglichst grosse Partie 
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der Körperoberfliiclie zu vertheilen. Sein System nähert sich sehr 
dem in der englischen Armee acceptirten. 

Aus der Discnssion ging hervor, dass die theoretische Frage, auf 
welcher 0. seine Schlüsse basirt, noch nicht als klargelegt auzu- 
seben ist. 

2. Dr. Li psk i berichtet über die «Sterblichkeit und Morbilität 
der Petersburger Bevölkerung», auf Grund der statistischen Berichte 
der Stadthospitäler (vide die gedruckten Berichte). 


Ventrikel .'dilatirt, das Ependym granulös, die Gyri deutlich atro- 
phirt. Diese Erscheinungen findet man gewöhnlich bei Paralysis 
asceudens der Geisteskranken. 

3 . Prof. Miershejewski stellt je einen Patienten mitSclerose 
en plaques und mit «Echolalia» (gedankenloses Wiederholen der vor- 
gesprocheneu Worte, nach Art eines Echo) vor. 

VI. Russische syphilidolog. und dermatolog. Gesellschaft. 


Sitzung den 29. Januar. 

1. Dr. Sudakow: «Ueber die Bestandteile einiger in St. Pe¬ 
tersburg verkäuflicher Weine». Er kommt zu dem Schluss, dass 
alle von ihm untersuchten Sorten als gefälscht auzuseben und daher 
für Kranke nicht zu gebrauchen seien, stets sind es niedrige Wein¬ 
sorten, mit Beimischung von Schwefelsäure oder Salicylsäure etc. Er 
spricht die Ansicht aus, es sei daher praktischer für die grossen 
Hospitäler in deren Apotheken selbst künstliche Weine berzn- 
stellen, aus Cognac oder Branntwein mit Zusatz von Acid. tartari- 
cum, Apfelsäure eto. [Ref. scheint uns mit den Hospitalverhältnissen 
wenig bekannt, denn die Apotheker sind bereits überhäuft mit Ar¬ 
beit und das niedere Personal sehr zweifelhafter Qualität in Folge 
der niedrigen Gehalte]. 

2. Dr. U s p e n s k i: < Ueber die antiseptische Wirkung einer Lö¬ 
sung von Sublimat und Kochsalz in Newa-Wasser». U. prüfte deren 
Wirkung an einer grossen Reihe verschiedener pathogener, sowie 
indifferenter Pilze und deren Sporen und erwies es sich, dass meist 
die Lösung 1:1000 völlig genügte bei einer ContactWirkung von 
5—10 Minuten. Beim Staphylokokkus pyogenes aureus bedurfte es 
nur Tödtung einer Lösung von 1 : 500 bei 10 Minuten langer Ein¬ 
wirkung. 

3. Dr. Potapow zeigte die Skizzen zn «einem neuen Wagen 
zum Transport Verwundeter». • 


Sitzung den 30 . Januar. 

1. Dr. Reschetnikow hält einen längeren zum Druck be¬ 
stimmten Vortrag : «Die Theorie der flg.-Wirkung bei Syphilis und 
die Behandlung derselben mit intramnsculären Injectionen von 
Hydrargyrum oxydat. flavuro». 

Die Arbeit ist von ihm in der syphilit. Abtheilung des städtischen 
Alexanderhospitals (zum Andenken an den 19. Febr. 1861) unter der 
Leitung Dr. Petersen’s ausgeführt. R. führt die Idee durch, dass 
wir es entschieden bei der Syphilis mit einer bacteriellen Krankheit 
zu thun haben und das Bg. unter Anderem parasiticid wirke. Die 
intramnsculären Injectionen von Hg. oxydat. flav. gaben sehr gün¬ 
stige Resultate und sind sie entschieden den Calomelinjectionen vor¬ 
zuziehen. 

Prof. Tarnowski spricht sich äosserst anerkennend über die 
Arbeit aus, bemerkt jedoch, dass gegen die Baoterientheorie bezüg¬ 
lich der Syphilis noch Vieles einzuwenden sei, z. B. die Heredität, 
sowie die hereditäre Immunität; die Sättigung deB gesunden Körpers 
mit Hg. schützt nicht vor Infection; während sonst die Sättigung 
eines Nährbodens mit Hg. das Wachsthum überimpfter Mikroorga¬ 
nismen verhindert, bewirkt bei Syphilis Uebenättigung mit Hg. zu¬ 
weilen Verschlimmerung des Leidens. 

VII. Gesellschaft der St. Petersburger Marine-Aerzte. 


IV. Russische chirurgische Pirogow-Gesellschaft. 

Sitzung den 20. Januar . 

1. Dr. Multanowski zeigt dem Verein seine, bereits vor 12 
Jahren vorgeschlagene «continuirüche Knotennaht», welche der Naht 
entnommen ist, die Schneider zum Benähen der Knopflöcher an¬ 
wenden. 

2. Dr. Lider wald: «Ein seltener Fall von Vesico-Vaginalfistel 
bei einem 19-jährigen Weibe», das am 1. Nov. 1887 in die Klinik des 
Prof. Lebedew aufgenommen wurde. Die Fistel soll angeblich 
vor 5 Jahren, nach dem Heben einer schweren Last, entstanden sein. 
Die Urethra erweist sich als sehr eng, die Blase als sehr klein, aus 
selben führt eine haardünne Fistel zur Mittellinie der Vagina. Die 
Operation missglückte, es trat Erbrechen ein und Schwund der Kräfte, 
am 13. Tage Tod. Die Section ergab ausser Peritonäaltuberculose 
Atresie des linken Ureters, Cysten der Nieren und Nephritis sup¬ 
purativa. 

Prof. Lebedew bemerkt zu diesem Falle, dass die Eiterherde in 
der Niere jedenfalls schon längere Zeit bestanden haben, wofür die 
Abmagerung der Pat. spricht. Bezüglich der Entstehung der Fistel 
neigt L. zu dem Verdacht, dass bei Masturbationen mit einer Haar¬ 
nadel leicht bis in die Blase gestochen worden sein kann 

Dr. Eber mann fügt noch hinzu, dass traumatische Vesico-Va- 
ginalfisteln nicht gerade sehr grosse Seltenheiten bilden. In einem 
Falle sah er übrigens auch eine Fistel entstehen in Folge von Druck 
eines Fibromyous auf die vesico vaginale Scheidewand. 

Darin stimmt Dr. E. dem Prof. Lebedew vollkommen bei, dass 
Haarnadeln eines der häufigsten Masturbationsinstrumente bilden. 
Einmal hat er als Kern eines Blasensteines eine Haarnadel gefunden. 
In einem anderen Falle fand er in der Blase ein Bündel Haar. 

V. Psychiatrische Gesellschaft. 

Sitzung den 30. Januar . 

1. Der Secretär, Dr. Rosenbach, verliest den Jahresbericht pro 
1887, aus welchem ersichtlich, dass die Gesellschaft aus 69 wirk¬ 
lichen Mitgliedern, 3 Ehrenmitgliedern und 29 correspondirenden 
Mitgliedern besteht. Auf 8 Sitzungen wurden 19 wissenschaftliche 
Mittheilungen gemacht. 

2. Dr. Rosenbach theilt folgenden «gerichtlich-psychiatrischen 
Fall» mit. Im Mai 1886 trat ein verabschiedeter Intendantur-Oberst 
in die Klinik des Prof. M i e r s h e j e w s k i ein und wurde die Diagnose 
auf ParaXysis ascendens gestellt. Später stellte eB sich heraus, 
dass er wegen Wechselfälschung unter Gericht stand und im De- 
cember 1886 wurde er in’s Gericht citirt. Obgleich er ein ent¬ 
sprechendes Zeugni88 aus der Klinik mitbrachte, konnten sich die 
Experten doch nicht von seiner Geisteskrankheit überzeugen und 
wurde Pat. nochmals der Klinik zu weiterer Beobachtung übergeben. 
Auch in der Sitzung des psychiatr. Vereins im Mai, in welcher R. 
den Pat. als «atypischen Fall von Paralysis» vorstellte, herrschte 
getheilte Meinung über die Diagnose. Im November 1887 wurde 
Pat. auch von den Gerichts-Experten für unzurechnungsfähig er¬ 
klärt. Am 15 Januar a. c. bekam Pat. einen epileptoiden Anfall, 
er fing an zu deliriren, die Kräfte verfielen, am 29. Januar trat Apo¬ 
plexie anf and 2 Stunden darauf starb er. Die Section bestätigte 
die Annahme von Gehirnaffection. Die Pia an verschiedenen Stellen 
verdickt, jedoch nicht mit der Corticalis verwachsen. Die Seiten 


Sitzung den 11. Januar. 

1. Dr. Us k o w : «1 Fall von Actinomycosis». 

Am 14. October 1887 wurde ein 46-jäbriger Pat. in’s Alexander- 
Parackenhospital wegen multipler Abscesse der reohten Hälfte der 
Bauchwandungen recipirt. Das Leiden bestand angeblich seit einem 
Jahre und machte den Eindruck einer Ileopsoas-Erkrankung mit 
Eiteransammlung unter dem Lig. Poupartii, wo auch ein Abscess 
eröffnet worden war. Die subcutanen Banchabscesse waren durch 
fistulöse Gänge verbunden. Die von Dr. Wassiljew vorgenom¬ 
mene mikroskopische Untersuchung des Eiters ergab (nach Gram 
gefärbt) sofort die filzartigen Geflechte des Actinomyces. Nach 40- 
tägigem Aufenthalt im Spital ging Pat. unter intermittirendem Fieber 
zu Grunde. Dr. U s k o w machte die Section, die Folgendes ergab: 
An der Bauchhaut sah man zahlreiche, theils runde, theils längliche 
(bis zu 2 Ctm.), oberflächliche, dunkelrosa Narben, auf einzelnen 
derselben Ulcerationen mit dünnen, leicht unterminirten Rändern. 
Mit der Sonde gelangt man theils unter die.Epidermis, theils unter 
die Haut in Gänge (bis zu 2-^ Ctm.), die bis zu den Muskeln reichen. 
In der rechten Scrotofemoralfalte und am Oberschenkel ähnliche Ul¬ 
cerationen. Von Letzteren aus geht die Sonde unter dem Lig. Poup. 
bis in die Beckenhöhle. Der Gang ist mit bröckligem Eiter bedeckt. 
In der Bauchdecke zwischen Rippenrand und Nabel — eine Eiter¬ 
höhle mit einem Durchmesser von 11 Ctm., die bereits bei Lebzeiten 
breit geöffnet ist. Am oberen Ende des Bodens der Höhle ist an 
vielen Stellen das Peritonäum perforirt. ln der Bauchhöhle bedeu¬ 
tende trübe Flüssigkeit, in welcher grosse Mengen schwefelgelber 
Körnchen suspendirt sind. Die Leber vergrössert (29—21—9*/» Ctm.) 
leicht parenchymatös degenerirt. Am vorderen Rande des rechten 
Lappens, entsprechend den multipeln Oeffnnngen im Peritonäum ist 
eine Partie der Leber durchweg von baufkorn- bis cedernussgrossen 
Abscessen durchsetzt. Das Coecum in seiner ganzen Ausdehnung 
mit der Bauch wand verwachsen, seine Schleimhaut in Narbengewebe 
umgewandelt, zum Theil mit Ulcerationen besetzt, deren Ränder 
unterminirt. Auch der Endtheil des Ileum (11 Ctm.) an die Bauch- 
wand angewachsen, auf der Mucosa 4 dunkele, oberflächliche Narben, 
z. Theil ulcerirt. Auf der Schleimhaut des S. romanum theils Narben, 
theils oberflächliche Ulcerationen. Die in eine dieser Ulcerationen 
eingeführte Sonde kommt in einen gewundenen Gang, welcher durch 
Narbengewebe fortziehend bis zum Nabel reicht, aus welchem bei 
Lebzeiten ebenfalls sich bröckliger Eiter absonderte, ln der Flexura 
colica dextra auf der Schleimhaut ist ebenfalls eine 1 */» Ctm. breite 
Narbe, in deren Mitte eine Oeffnnng, durch welche die Sonde wiederum 
in einen Gang kommt, der bis zu dem degenerirten Theil der Leber 
führt. — Somit ist es U s k o w gelungen eine primäre Erkrankung 
des Dickdarmes an Actinomycosis zu constatiren , von welchem aus 
sich die Wege der Ausbreitung deutlich verfolgen Hessen. Die 
nadelförmigen Strahlen des Pilzes lassen sich nach U. am Besten 
mit Alaun-Carmin färben und dann in Glycerin untersuchen. 

2) Dr. Fed oro w: * Ueber die Nahrung der Mönche des Ssolo - 
wezki-Klosters* (identisch mit dem in der Gesellsch. ross. Aerzte 
gehaltenen Vortrag). 

3) Dr. Murinow berichtet über die im Petersburger Marine- 
Kalinkinhospital angestellten Versuche mit dem vom Amerikaner 
Oemegan (?) vorgeschlagenen Verbandmaterial (Thierhaare, be¬ 
sonders bearbeitet). Nach M. hat dieser neue Verbandstoff nur nach¬ 
theilige Seiten. Die Haare sind ungenügend entfettet, trocknen 

, leicht an der Wundfläche an und reizen dann. 


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Sitzung d. 26, Januar . 

1) Dr. Bilibin macht die Mittheilung, dass im vergangenen 
Herbst bei Matrosen und Rekruten wiederholt Malaria beobachtet 
worden, jedoch liess es sich in allen diesen Fällen constatiren , dass 
sie aus Fiebergegenden stammen und bereits vor dem Eintritt in den 
Dienst an Malaria gelitten. Bei Allen fand Ref. auch vergrösserte 
Milz. Das Fieber trat theils typisch, theils atypisch auf. In letzteren 
Fällen war die Diagnose überhaupt nicht leicht, da keine klar aus¬ 
gesprochenen Symptome vorhanden, dagegen Kopfschmerzen, Durch¬ 
fell oder Obstipation, bei einem Pat. sogar eine Herzneurose, welche 
den Verdacht auf Herzfehler bedingte. Alle genannten Symptome 
schwanden jedoch prompt auf Chininbehandlung. 

2) Dr. M ur i n o w stellt folgende 3 Patienten vor. 1 )Ein Rekrut, 
welcher beim Heben des rechten Armes ein Geräusch bewirkt, wahr¬ 
scheinlich in Folge von Reibung der Scapula. Er wurde für dienst¬ 
tauglich erklärt, da er gut gebaut und ernährt, keine pathol. Er¬ 
scheinungen aufwies. 2) Ein Rekrut, welcher sich vor 8 Jahren den 
Vorderarm nach vorn luxirt hatte (in Folge eines Falles vom Pferde). 
Da sich Bewegungshindernisse vorfanden, wurde er vom Dienst be¬ 
freit. 3) Ein Fall von verheilter Fractur des Processus coronarius 
des Ellbogens. 

31 Dr. Rambach verlas eine Arbeit *über Gastein und seine 
Heilquellen » (zum Druck in den «Med. Pribawlenija Morsk. Sbor- 
nika> bestimmt). 0. P. 


Protokolle des Vereins St. Petersburger Aerzte. 

Sitzung am 24 . November 1887. 

1) Dr. Germann macht,, nach Verlesung des Protokolls der 
vorigen Sitzung, die Bemerkung, dass er in der von Prof. P o e h 1 
mitgetbeilten Methode der Hg. Analyse nichts wesentlich Neues 
finde, verweist auf die 1879 erschienene Dissertation des Dr. Oscar 
Schmidt „Ein Beitrag zur Frage der Elimination des Quecksilbers 
aus dem Körper“, aus welcher sich ergiebt, dass K1 e t z i n s k i bereits 
1858 die filectrolyse zur Hg. Analyse verwandt, dass Schneider 
1861 bereits Goldpl&ttchen dabei benutzt bat. 

2) Dr. Anders theilt in einem längeren Vortrage eingehende 
Studien über „die Bewegungen des menschlichen Hirns unter ver¬ 
schiedenen Einflüssen 11 mit, die er auf graphischem Wege an Kindern 
mit Schftdeldefecten im Laufe von 7 Jahren beobachtet und die sich 
sowohl auf den wachenden Zustand wie auch auf den Schlaf beziehen. 
Der Vortrag wird von Demonstration sehr zahlreicher äusserst in- 
structiver graphischer Curven begleitet. 

3) Dr. Magawly demonstrirt ein neues Instrument von 
H i ppel (Gies8en)zur Implantation der Cornea, welches den Vorzug 
hat, dass man genau die Dicke des herauszutrepanirenden Stückes 
dosiren und die Membrana Descemetii schonen kann. 

Sitzung rom 8. December 1887. 

1. Docent Tiling zeigt «einen Reitknochen> vor, den er am 
29- Noverab. a. c. exstirpirt hat dem Fürsten Z., Kaukasier, der sein 
Leben lang ungemein viel zu Pferde gesessen hat, und jetzt als Ca- 
vallerist am 23-Juli a. c. beim Setzen Über einen sehr breiten Graben 
plötzlich einen so heftigen SchmeTz in der linken Leistenbeuge ver¬ 
spürte, dass er genöthigt war vom Manöver nach Hause zu fahren. 
Die linke Leiste war geschwollen, schmerzhaft, in Folge dessen Pat. 
acht Tage unter kalten Compressen zu Bette lag. Im August konnte 
Pat. wieder gehen, wenn auch mit Schmerzen, ja ein paar Mal ver¬ 
suchte er zu reiten, aber mit grossen Beschwerden. Ende September 
sah Dr. Schmitz den Pat. und constatirte einige Zeit darauf, als 
die Schwellung in der linken Leistenbeuge zum Schwunde gebracht 
worden war, einen Reitknochen in den Adductoren des linken Ober¬ 
schenkels. Er sandte den Pat. in das Helenen-Institut zur Auf¬ 
nahme. Am 27. November ging Pat. am Stock langsam nnd mit Be¬ 
schwerden, beim Liegen auf dem Rücken sahen beide Schenkel gleich 
aus, abducirte man aber den linken, so prominirte deutlich ca. 
6—7 Ctm. unterhalb des Schambeins an der inneren, vorderen Fläche 
des Oberschenkels eine harte Spitze, die sich durch die Haut leicht 
durchfühlen liess und am Uebergang des horizontalen Schambein¬ 
astes in den absteigenden breit und fest inserirte; von vorne nach 
hinten schien der Knochen unbeweglich, von rechts nach links ein 
wenig beweglich. Wegen des Ortes der Insertion wurde die Diagnose 
.auf j HeiUnochen des m. adductr.r longus gestellt. Bei der Exstir¬ 
pation sah der flach pyramidale Knochen mit seiner grössten, platten 
Seitenfläche nach vorn und innen und lag nur unter Haut und 
Fascie, mit den beiden schmäleren Hinterflächen lag er dem M. 
adductor longns an, dessen musculöse Fasern von den beiden 
Hinterflächen abgeschnitten werden mussten. An der Aussen- 
fläche des Schambeins unter dem Rande desselben inserirte der 
Knochen derb faserig, so dass er ohne Meissei oder Säge abge¬ 
tragen werden konnte. Der entfernte Knochen stellt eine flache, 
dreiseitige Pyramide dar von 6 Ctm. Höhe und 4^- Ctm. Breite, die 
vordere Seite ist glatt und platt, die beiden hinteren rauh. Die 
Basis sehnig, bindegewebig, eine deutliche Corticalis existirt nicht, 
ebenso wenig eine Markhöhle; in der spongiösen Masse des Knochens 
finden sich eingesprengte bindegewebige Partien von ca. Erbsen¬ 
grösse. — Ob in diesem Falle der Reitknochen seine Existenz der 
Abreissung eines Periosttheiles vom Schambein und Wucherung des¬ 
selben, oder einer directen Verknöcherung der Fasern des M. adduct. 
long., also einer echten Myositis ossificansin Folge des Blutergusses I 


verdankt, wagt. T. nicht zu entscheiden; die bindegewebige Vereini¬ 
gung des Reitkrfochens mit dem Becken spräche für den zweiten Ur¬ 
sprung, wie beim Exercierknoehen des Deltoideus, Pectoralis maj., 
Turiiknoeheu des Brachialis internus, Rectus abdominis und bei den 
vielfachen Verknöcherungen auf kleine Traumen hin bei der Myo¬ 
sitis ossificans multiplex. 

2. Dr. Schmitz berichtet, ankntipfend an Poe. Ti 1 in g’s Mit¬ 
theilung, kurz über eine vor ca. 3 Jahren von ihm an einem 7-jähri- 
gen Mädchen beobachtete Ossification des Clavicular-Ansatzes des 
M. sternocleidomastoideus. Er entfernte operativ einen ca. 1 Ctm. 
langen und breiten bindegewebigen, ossificirten Strang. Der Fall 
verlief gut und beweist, dass man es in derartigen Fällen doch offen¬ 
bar mit Ablösung des Periostes (meist wohl in Folge nachweisbarer 
Traumen) als Ursache der Ossification zu thun habe. 

3. Dr. Petersen berichtet über einen jüngst von ihm operirten 
«Fall von Urethralstein* bedeutender Dimension, welcher in einem 
Divertikel in der Nähe der Pars bulbosa gelegen. Am 4. December 
trat in’s Alexanderhospital ein kräftiger 23-jähriger Bauer aus dem 
Gouv. Moskau wegen angeblicher Hodengeschwulst. Vor 16 Jahren 
waren dem Pat. mittelst Perinäal schnitt es 2 Steine aus der Blase 
entfernt worden. Seit 8 Jahren litt er wieder an Harnbeschwerden, 
die sich alljährlich gesteigert und schliesslich unerträglich geworden. 
Das Hanilassen war bald schwerer, bald leichter. Die Untersuchung 
ergab einen Tumor von Hühnereigrösse unterhalb der Pars pendula, 
eine bedeutende Cystitis und beim Einführen des Catheters stiess 
man kurz vor der Pars bulbosa auf ein in die Urethra hineinragendea 
Concrement. Am 6. December wurde der Serotalschnitt gemacht 
und ein hühnereigrosser, fest im Diverticulum sitzender Stein ent¬ 
fernt, welcher 60 Grm. wog. Nach genauer Exploration fand man 
noch einen 2. hasehmssgrossen Stein halb in der Urethra, halb im 
Divertikelhalse steckend, dessen dem Haupteoncreraent zugekehrte 
Fläche wie polirt erschien. Der Verlauf der Wundheilung ist gün¬ 
stig, die Blase wurde drainirt und täglich mit warmer Borlösung 
ausgespült, die Cystitis nimmt rapid ab. 

Die beiden Steine wurden demonstrirt. 

4. Anknüpfend an diesen Fall theilt Dr. Petersen noch einen 
«Fall von Fremdkörper in einem Perinäalabscess* mit. Im Sommer 
a. c. trat ein ziemlich heruntergekommener 26-jähriger Pat. mit 
einem Perinäalabscess in s Alexanderhospital ein. Bei der Eröflhung 
des Abscesses fand der Ordinator, Dr. Plotnikow, in demselben 
ein ca. 18 Ctm. langes Birkenreis, fünffach zusammengoknickt. 
Anamnestische Daten waren nicht zu emiren, offenbar hatte das 
Birkenreis seinen Weg durch die Urethra in die Perinäalgegend ge¬ 
nommen. 

5. Dr. v. Griinewaldt hält einen längeren, zum Druck be¬ 
stimmten Vortrag« über die vaginale Uterusexstirpation*. 

Dismssion. Dr. Wiedemann möchte sich im Allgemeinen 
vollkommen den von Dr. v. G r ü ne w al d t dargelegten Ansichten 
anschliesseu bezüglich der Uterus-Carcincme. Bei Fibromen des Ute¬ 
rus jedoch scheint ihm die Castration den Vorzug zu verdienen, da 
eine grosse Reihe von Fällen in der Literatur zeigen, dass die Ca¬ 
stration sehr günstig auf Verkleinerung der Uterinfibrome und die 
Blutung einwirke. Die Operation selbst ist sehr leicht und unge¬ 
fährlich, wenn die Ovarien nicht verwachsen sind. Die Mortalität 
nach Castration wegen Fibrom beträgt 5 %. 

Prof. Bidder entgegnet daranf, dass man höchst selten die Ova¬ 
rien bei gleichzeitigen Uteriufibromen ganz normal findet und auch 
nicht selten Verwachsungen vorhanden sind. 

Dr. D o m b r o w s k i hat sich viel mit der vaginalen Uterusexstir¬ 
pation beschäftigt und stimmt 'wesentlich mit Dr. v. G r ü n e w a 1 d t 
überein, glaubt jedoch, dass bezüglich der Indicationsstellung noch 
nicht das letzte Wort gesprochen ist. Gewiss werden oft nicht ope¬ 
rable Fälle operirt und geben dann einen schlimmen Ausgang. Jetzt 
wird von allen Seiten gemahnt, möglichst früh zu operiren, um auf 
diese Weise möglichst günstige Erfolge zu erzielen. 

Dr. D. war jüngst in der Lage ein Uteruscarcinom in recht frühem 
Stadium zu operiren und doch lehrte ihn dieseT Fall, dass auch bei 
den scheinbar leicht operablen Fällen der Ausgang in völlige Hei¬ 
lung sehr fraglich werden könne. 

Es handelte sich im erwähnten Falle um ein Carcinom der Vagi¬ 
nalportion, welche bekanntlich die günstigsten Erfolge geben. Der 
Uterus war klein, beweglich, die Parametrien völlig frei, der Uterus 
gut herabziehbar. Aber andererseits bestand recht bedeutende Anä¬ 
mie nnd ein gewisser Grad von Krebscachexie. Die Operation wurde 
am 30. September ausgeführt, in der bereits früher von D. mitge- 
theilten Weise. Der Puls, der schon vor der Operation ziemlich 
schwach war, wurde nach derselben noch schlechter. In der Nacht 
und am folgenden Tage stellte sich Erbrechen ein, das Sensorium 
nicht frei, Temp. 38,2. Am Abend des 2. Tages Besinnungslosigkeit. 
Temp. 38,5 und am Morgen des 4. Tages p. op. Tod. Bei der von 
Dr. de 1 a Croix vorgenommenen Secticn zeigte sich eitriger Be¬ 
lag des Peritonäum und einzelner Darmschlingen, jedoch kein Exsu¬ 
dat, es handelte sich um septische Peritonitis. Bei weiterer Unter¬ 
suchung fand man den rechten Ureter am Beckeneingang fixirt, er 
lag in (1er Höhe der Lin. inominat. in einem derben infiltrirten Binde¬ 
gewebe, welches, wie die mikroskopische Untersuchung ergab, bereits 
krebsig degenerirt war. Es war also bei intactem Parametrium schon 
Krebsmetastase im Becken aufgetreten. 

Dr. Dombrowski demonstrirt den exstirpirten Uterns. 

Prof. B i d d e r wendet sich gegen die von v. Grttnewaldt an- 


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91 


geregte Frage, welche Fälle als operabel, welche als inoperabel an- i 
*usehen seien. Dr. B. meint, diese Frage sei durchaus nicht so leicht 
zu entscheiden, weil namentlich die Beschaffenheit des Septum vesi- 
covaginale in vielen Fällen vor der Operation nicht zu eruiren ist. Je¬ 
denfalls hält B. es nicht für zweckmässig, bei Zusammenstellung 
von Operationsstatistikeu alle Fälle auszuschliessen, die sich im Sinne 
von Dr. v. Gr. als * inoperabel* bei der Operation heraussteilen. 
Dann bekommt man Resultate, die dem gegenwärtigen Stande un¬ 
seres Wissens und Könnens nicht entsprechen. Im Uebrigen will B 
die Totalexstirpation häutig und früh gemacht wissen, weil sie im¬ 
merhin mehr Chancen als die supravagiuale Amputation der Cervix 
bietet. Secretär: Dr. 0. Petersen. 

Vermischtes. 

— Die Bestattung der irdischen Hülle L e o p o 1 d v. H o 1 s t’s fand 
am Freitag d. 26. Febr. um -3 Ubr aus der Kirche des evangelischen 
Hospitals statt, wohin die Leiche am Abend vorher übergeführt worden I 
war. An dem mit vielen Kränzen geschmückten Sarge hatte sich ' 
ausser der Familie, der Wittwe und vier unmündigen Kindern, eine 
zahlreiche Trauerversammlnog von Verwandten, EVennden, Collegen 
und Patienten des Verstorbenen eingefunden , die Zeugniss ablegte ! 
von der Hochachtung un i Liebe, die er sich im Leben erworben 
hatte. In ergreifenden Worten gab Pastor von Rncktescbell ; 
dem Schmerze Aller über das zn frühe Hinscheiden dieses Mannes 
Ausdruck, der durch seine Wahrhaftigkeit in Wort und That, durch 
seine Treue in Beruf und Leben uns Allen als Beispiel dienen konnte; I 
in dem wieder ein rechter,treuer Sohn seiner baltischen Heimath dahiu- 
geschieden ist. — Nach Vollzug der Funeralien bewegte sich der 
Trauerzug auf den Smolenski-Kirchbof, auf dem der Verstorbene zur 
letzten Buhe gebettet wurde. Am offenen Grabe sprachen Dr. von 
Grüuewaldt und Dr. Metzler, die im Namen der Frennde und 
Oollegen dem theneren Dahingescbiedenen in bewegten Worten den 
letzten Grass, den letzten Dank aussprachen für Alles, was er ihnen 
im Leben gewesen. 

— Am 28. Februar fand bieselbst im Conseil-Saale der St. Peters¬ 
burger Universität die erste Sitzung der neugegründeten russischen 
anthropologischen Gesellschaft statt. Der Gedanke zur Gründung 
einer anthropologischen Gesellschaft in Russland war bereits auf dem 
letzten in St. Petersburg tagenden Congress der Naturforscher und 
Aerzte anfgetaucht, doch erst i J. 1886 trat ein Organisations- 
€omit6 unter dem Vorsitz von Prof. Inostranzew zusammen, 
welches die Ausarbeitung der Statuten in die Hand nahm. Die neue 
Gesellschaft hat sich zur Aufgabe gestellt: die Erforschung der 
menschlichen Racen, namentlich derjenigen, welche Russland be¬ 
wohnen, in anthropologischer Beziehung; die Verbreitung anthropo¬ 
logischer Kenntnisse in Russland durch Anlegung von anthropologi¬ 
schen Sammlungen und Veranstaltung öffentlicher Vorlesungen über 
Anthropologie, die Ausrüstung von Expeditionen u. s. w. Das kleine 
Häuflein der Gründer, welches sich znr Eröffnung der Gesellschaft 
eingefunden hatte, bestand vorzugsweise aus Professoren der hiesigen 
Universität und militär-medicinischen Ac&demie. Zum Präsidenten 
der Gesellschaft wurde der Prof, der St. Petersb. Universität A. 
Inostranzew (bekannt durch seine Arbeiten anf dem Gebiet 
der Anthropologie und Geologie) gewählt; znm Vicepräsidenten der 
Prof, der Anatomie an der mil.-med. AcademieTaranezki, zum 
Secretär der Docent der Academie S. D a n i 11 o und znm Cassirer die 
Ärztin P. Tarno wskaja. Wir wünschen dem neuen Verein das 
beste Gedeihen! 

— Die Conferens der hiesigen militär-medicinischen Academie hat 
den berühmten Physiologen und Ophthalmologen, Prof. Donders 
in Utrecht, anlässlich seines 40-jährigen Professoren-Jubiläums znm 
Ehrenmitglieds der Academie gewählt. 

— Zum diesjährigen Congress der französischen Chirurgen sind 
von der hiesigen militär-medicinischen Academie der Professor der 
CWnurgie N a s s i 1 o w und der Docent W. P o p o w ahdelegirt worden. 

— Der Medicinalinspector von Odessa Dr. Kor sch hat in der 
Eigenschaft eines Privatdocenten einen Cursus über gerichtliche 
Medicin für Stvdirende der Jurisprudenz ander dortigen Univer¬ 
sität eröffnet. 

— In Kasan bat sich Dr. A. Ponor mow als Privatdocent für 
interne Medicin habilitirt. 

— Die Gonferenz der militär-medicinischen Academie bat neuer¬ 
dings den Beschluss gefasst, nur denjenigen Privatdocenten das Lehr¬ 
jahr anzurechnen, welche ausser den bezahlten Cnrsen noch einen 
unentgeltlichen Cnrsns für die Stndirenden abhalten. Als Minimnm 
für einen solchen unentgeltlichen Cursus gilt eine Vorlesung 
wöchentlich im Laufe des Semesters. Auf die ausserhalb St. Peters¬ 
burgs lebenden Privatdocenten der genannten Academie erstreckt 
sich diese Bestimmung nicht. (Wr.) 

— 1 erstorben: 1) Am 14. Februar in Moskau der frühere Profes¬ 
sor der Therapie an der dortigen Universität, Dr. M.Toporow, im 
85. Lebensjahre. Der Verstorbene hat von 1832—1860 der Moskauer 
Universität als Lehrer angehört; in der letzten Zeit war er voll¬ 
kommen erblindet. — 2) In St. Petersburg am 18. Februar Staatsrath 
Dr. K. Z e p e r n i k. 3) In Woronesh der Geh ülfe des dortigen Gou¬ 
vernements - Medicinalinspectors, wirkl. Staatsrath Dr. Theod. 
Predtetschenski. 4) In Gries Dr. Franz Ritter v. Skoda, 
«in Bruder des verstorbenen berühmten Klinikers Prof. Skoda, im 


88 Lebensjahre. Der Dahingeschiedene war früher Protomedieur 
von Böhmen, hatte sich aber schon lange vom Dienst and der Praxis 
zurückgezogen. 5) In Philadelphia am 23. Januar d. J. Dr. med. 
Adolf Lippe. Derselbe entstammte der erbherrlich Weissenfeld- 
schen Linie des Fürstenhauses Lippe-Detmold und ist im Gothai^ 
sehen Hofkalender in der „Genealogie der europäischen Fürsten¬ 
häuser als der am 11 . Mai 1812 geborene Sohn des Grafen Ludwig 
aufgeführt Dr. Lippe gehörte zn den angesehensten Aerzten in 
Philadelphia; er war ein sehr getreuer nnd eifriger Anhänger der 
homöopathischen Heilmethode nnd hat sich auch als Schriftsteller 
durch Herausgabe eines umfangreichen nnd sehr beliebten, in meh¬ 
reren Auflagen erschienenen „Text-book of Materia medica u ausge¬ 
zeichnet. Bei seinem Uehertritt in das bürgerliche Berufsleben 
streifte er auch den ererbten Titel ab, verheirathete sich später 
bürgerlich und wurde ein entschiedener Republikaner. Die ameri¬ 
kanische Presse widmete dem Verstorbenen sympathische Nachrufe. 

— Der „Wiatsch“ ist in der Lage, nachstehende Daten über die 
medicinische Haupt-Unterstützungscasse für die Zeit vom Z. Ja¬ 
nuar bis zum 22, Februar d. J, zu bringen: Der Cassenbestand 
betrug am 1 . Januar 1888 in Werthpapieren 119,700 Rbl. nnd in 
baarem Gelde 2197 Rbl. 86 Kop.; eingeflossen sind: an Mitglieds¬ 
beiträgen ä 10 Rbl. 1200 Rbl.; ein Mitgliedsheitrag von 15 Rbl. nnd 
ein lebenslänglicher Beitrag von 200 Rbl., an Zinsen vom Kapital 
270 Rbl. 28 Kop. und aus der Tulaer-Casse 168 Rbl.; ferner wurden 
durch Dr. Frey 100 Rbl. in Wertpapieren gespendet nnd Werth¬ 
papiere im Betrage von 3000 Rbl. angekauft, so dass der Cassenbe¬ 
stand sieb auf 122,800 Rbl. in Wertpapieren nnd 4061 Rbl. 14 Kop. 
in baarem Gelde belief. In Ausgabe sind gekommen: an gezahlten 
Pensionen und Unterstützungen 2505 Rbl; 80 Kop., für die Aufbe¬ 
wahrung der Gelder in der Bank 7 Rbl. 60 Kop., verwandt znm An¬ 
kauf von Wertpapieren 1367 Rbl. 31 Kop. in baarem Gelde und 
1600 Rbl. in Wertpapieren, zu Kanzelleiausgaben 50 Rbl., im Gan¬ 
zen also verausgabt 3930 Rbl. 71 Kop. in baarem Gelde und 1600 
Rbl. in Wertpapieren. Zum 22 . Februar c. ist somit ein Cassen- 
hestand von 121,200 Rbl. in Wertpapieren and 130 Rbl. 43 Kop. in 
baarem Gelde verblieben. 

— Wir haben bereits früher gemeldet, dass der berühmte Geburts¬ 
helfer und Gynäkolog, Prof. Dr. v. Scanzoni in Würzburg, von 
seiner Lehrtätigkeit zurücktritt. Am 17. Februar hielt nun Prof, 
j v. Scanzoni seiue letzte Vorlesung an der geburtshilflichen Kli¬ 
nik, an welcher er 76 Semester gewirkt hat. Zn dieser Abschieds¬ 
vorlesung batten sich zahlreiche Znhörer eingefunden — alte und 
junge Schüler des beliebten Lehrers, v. Scanzoni gab in seiner 
Abschiedsrede einen hochinteressanten Rückblick anf sein wissen¬ 
schaftliches Leben. Er erzählte zunächst, wie er, zum Juristen be¬ 
stimmt, auf der Fahrt zur Prager Hochschule von einem für seine 
Wissenschaft begeisterten Mediciner für diese Wissenschaft gewon¬ 
nen worden sei. Zuerst habe er sich in allen möglichen Fächern der 
Medicin versucht, bis er endlich (mehr aas Zufall) sich der Geburts¬ 
hilfe und Gynäkologie zugewendet habe. Als Assistenzarzt an der 
Gebäranstalt in Prag, kaum 28 Jahre alt, an die Würzburger Hoch¬ 
schule berufen, fand er dort ein reiches Feld für seine wissenschaft¬ 
liche Thätigkeit. In diese Zeit — Anfang der fünfziger Jahre — 
fielen seine meisten, überaus werthvollen literarischen Leistungen : 
sein Lehrbuch der Geburtshilfe, seine gynäkologischen Beiträge. 
Seine Praxis sei damals noch wenig ansgebreitet gewesen. Da er¬ 
schien eines Tages ein Abgesandter der Kaiserin von Bussland bei 
ihm nnd überbrachte den ehrenvollen Antrag, der hoben Frau in 
geburtshilflicher Hinsicht zur Seite zn stehen. Von diesem Zeit- 
puncte an sei er, wie er wohl sagen dürfte, der gesuchteste Geburts¬ 
helfer in ganz Deutschland geworden, v. Sc. erzählte dann, dass 
sich in Würzburg oft gleichzeitig 40 und mehr Personen aus aller 
Herren Länder aufhielten, nm seinen ärztlichen Rath zu erholen. 
Diese Praxis nnd seine Lebrthätigkeit hätten ihn aber auch so in 
Anspruch genommen, dass er in letzter Zeit für die Förderung seiner 
Wissenschaft wenig mehr habe thnn können. Mit rührender Be¬ 
scheidenheit schloss Redner, dass er non nm seine Pensionirnng ein¬ 
gekommen sei, als er gemerkt habe, dass er seinen Schülern nicht 
mehr das sein könne, was dieselben von ihm zn verlangen berechtigt 
wären und w &3 er selbst ihnen zu sein wünschte; er habe deshalb 
beschlossen, sich zurückznzieben, nm als Bauer (Scan zoni besitzt 
bekanntlich mehrere grössere Güter) sein Leben zu bescbliessen. 

Diesen Worten Scanzoni’s folgten lebhafte Beifallsbezeugnngen 
der Zuhörer. 

— Als Nachfolger Prof. Scanzoni’s ist der Professor der Ge¬ 
burtshülfe in Breslau, Dr. Fri t sehe f in Aussicht genommen. 

— Dr. G. P. T h o m a s schlägt eine sehr einfache Methode die 
Pediculi pubis zu tödteu, vor, nämlich durch einmalige Application 
von Aether (als Spray). Jedenfalls ist die Aetherisirnng der Pediculi 
für die Haut unschädlicher als deren Chloroformirung, die anch zum 
Ziele führt. (Monatssehr. f. Dermatol.). 

— Der Handwerker St. in Mühlhausen (Thüringen) batte sich im 
letzten Kriege ein Leiden zugezogen, gegen welches ihm von den 
Aerzten Morphiumeinspritzungen verordnet worden waren. An¬ 
fangs wandte er diese selten an, seit dem Jahre 1884 aber in solcher 
Menge, dass bei ihm Morphinmsncbt sich ausbildete, nachdem er 
aus einer Drognenhandlnng täglich bis 17 Grm. Morphinm zu be- 
1 ziehen in der Lage war. Die Folge davon war seine Unterbringung 
' in einer Irrenheilanstait. Gegen den betr. Droguenkcfndler und 


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dessen Gehilfen wurde in Folge dessen die Anklage wegen fahr - 
lässiger Schädigung der Gesundheit des st. erhoben und dieselben 
*u Geldstrafen verurtbeilt. Die Verurtheilten brachten die Ange¬ 
legenheit vor das deutsche Reichsgericht nnd machten bei der Revi¬ 
sionsverhandlung geltend, dass die Körperverletzung nicht durch 
den Verkauf, sondern durch die Einspritzung erfolgt sei, sie also 
nicht die Thftter gewesen seien. Wenn 8 t. schon seit 1870 die Mor¬ 
phiumeinspritzungen gemacht, so hätten sie annebmen können, dass 
er damit vertraut sei und nicht über das rechte Maass hin ansgehen 
würde. Der Reichsanwalt gab dann auch zu, dass ein Verkäufer 
nicht verantwortlich gemacht werden könne für das, was ein erwach¬ 
sener Käufer mit dem Kaufobject vornehme; wie aber ein Waffcn- 
händler, der an Kinder Waffen verkauft, verantwortlich sei für alle 
Folgen, so sei es auch der Droguenhändler in vorliegendem Falle, da 
ja ein Erwachsener, der der JAorphiumsucht unterliegt, als ein Kind 
ansusehen sei. Daher sei auch mit Recht den Angeklagten die Schuld 
an der Zerrüttung der Gesundheit des St. aufgebürdet worden, weil 
Jeder von ihnen den strafbaren Erfolg zu verhindern in der Lage ge¬ 
wesen, aber keiner es gethan. — Dem Anträge des Reichsanwalts 
entsprechend, verwarf sodann das Reichsgericht die Revision . 

(Allg. med. Ctrl.-Ztg.). 

— Marson (Journ. de pbarmacie et de chimie) giebt folgende 

Reaction auf Zucker in diabetischem Harn an. Man löst 0,10 Fer¬ 
rum sulpburic. unter leichtem Eiwärmen in 8 Cc. Harn nnd fügt 
0,25 Kali causticum hinzu und kocht. Ist der Harn zuckerhaltig, so 
entsteht ein dunkelgrüner Niederschlag. Die oberhalb befindliche 
Flüssigkeit ist braunroth oder schwarz, je nach dem Zuckergehalt 
des Urins. Ist dieser zuckerfrei, so wird bei obigem Verfahren der 
Niederschlag grünlich-braun und die überstehende Flüssigkeit farb¬ 
los. (Bullet, de tbgrap. 1888. 2). Hz. 

— Traub, lösliches Eisensaccharat. (Bull, commercial de la 

Pharmacia centrale). Man löst einestheils loO,0 Fes CJa in 500,0 
Wasser, anderenteils 85,0 Natrum carbonicum (sons-carbonate de 
soude) in 500,0 Wasser und mischt beide Lösungen, Der gesammelte 
und gewaschene Niederschlag wird mit 100,0 gepulverten Zuckers 
verrieben, welchem vorher eine Lösung von 1,50 .Natrum causticum 
in 3,0 Wasser zugesetzt ist, die Mischung im Wasserbade getrocknet, 
gepulvert; man dosirt dann den Eisengehalt und setzt dann die ge¬ 
hörige Menge Zucker hinzu. Das Präparat ist titrirt nnd in Wasser 
vollkommen löslich. (Bullet, de tbörap. 1888. J6 2). Hz. 

— Dr. Drosch empfiehlt folgende einfache Methode, das 

Schnucken (Hoquet) zu unterdrücken. Man verstopft mit den Finger¬ 
spitzen beide äusseren Gehörgänge und drückt etwas; zu gleicher 
Zeit trinkt man in kleinen Zügen eine beliebige , von einer anderen 
Person dargereichte Flüssigkeit. (Bullet, de thörap. 1888. 4). Hz. 


— Ein scharfes Reagens auf Kupfersalze ist eine Mischung voa 
Pyrogallussäure mit einer kalt bereiteten Lösung von Natrum sul- 
phuricum, welche sich bei Spuren von Cn hochroth iärbt. (Repert. 
de pharmacie. Bullet, de thörap. 1882. A6 2). Hz. 


Vacanzen. 

— In JUossalsk (Gonv. Knioga) ist die Stelle eines Landschaft*- 
arztes vom 1. März d J. an rac&nt. Der Arzt ist verpflichtet, in 
der Stadt zu wohnen, 14 Gemeindebezirke zn besorgen and allmo¬ 
natlich ein Mal 2 Feldscheerpnncte im Bezirk zn befahren. Ferner 
muss er sowohl in der Stadt, als ancb in seinem Bezirk allen sich an 
ihn wendenden Kranken unentgeltlich ärztliche Hilfe leisten. Beim 
Auftreten einer Epidemie hat der Arzt Maasenahmen znr Unter¬ 
drückung derselben an Ort nnd Steile zn ergreifen nnd ferner in Ab¬ 
wesenheit der Hospitalärzte zeitweilig dieselben zn vertreten. Die 
jährliche Gage beträgt 1000 Rbl. nnd zn Fahrten werden 200 Bbl. 
angewiesen, Hieranf Beflectirende haben sieb za melden bei der 
„MoccajiCKaa Vts^Baa SencK&s Ynpana“. 


Mortalität einiger Hauptstädte Europas. 


Name 

Einwohner¬ 

zahl 

Woche 
(Neuer Styl) 

Lebend- j g 
geboren | J5 

öS Q P 

i ' § * i s 

i C.a ! ^ 

<§ ; 5 « |h 

London . . 

4 282 912 12.-18. Febr. 

2569 

31,« | — 

Paris . . . 

2 260 945 12.-18. Febr. 

1203 

27,« 1103 

Brüssel . . 

181 270 

4.—11. Febr. 

123 

33.» 10 

Stockholm . 

216 807 

4.—11. Febr. 

163 

39,o 10 

Kopenhagen 

290 000 15.-21. Febr. 

180 

32,9 4 

Berlin . . . 

1414 980 12.—18- Febr. 

898 

33,o ; 35 

Wien 

800 836 

12.—18. Febr. 

546 

35,« I 28 

Pest . . . 

442 787 

4.—11. Febr. 

292 

34,s 1 25 

Warschau . 

439 174 

4.—11. Febr. 

317 

37,5 i 24 

Odessa . . 

268 000 

12.—18. Febr. 

! — 

- 2 

St. Petersburg 

861 303 

18.-24. Febr. 

1 549 

33,« i 24 


Gestorben 


sj a 


1689 20 ,. 
1112 25,» 
96:27,. 
101124,* 
114'20.* 
537! 19,. 
431! 27,. 
269i 32,o 
220 ! 26,o 
102' 19,» 
i 559! 33,r 


Briefkasten. 
E. Braa tz in Liban : 


Herrn Dr. Andresen in Jalta nnd Dr. 
Mit Dank erhalten. 


Annahme von Inseraten ansschllesslich im Central-Annoncen-Comptoir von Friedrich Petrick 

St. Petersburg, Newsky-Prospeet 8. 


■W Nächste Sitzung des Vereins St. 
Petersburger Aerzte Dienstag den 15. März 
1888. 

•W Nächste Sitzung des deutschen 
ärztlichen Vereins Montag den 7. März 
1888. 


hi meinem Verlage ist soeben erschienen und 
in allen Buchhandlungen zu haben : 

Sammlung 

kurzer 

medicinischer Lehrbücher 

Band XI. 

Handbuch 

der 

Ohrenheilkunde. 

Für Aerzte und Studireude 
von 

Dr. Wilhelm Kirchner. 

Docenten für Ohrenheilkunde an der königl. 
Universität zu Würzburg. 

Mit 41 Abbildungen in Holzschnitt . 
Preis: geh. M. 4 . 60 , gebdn. M. 5 . 80 . 

Das hier angekündigte Werk hat sich durch 
seine praktische Brauchbarkeit so schnell Freunde 
geworben, dass schon nach zwei Jahren diese 
zweite vom Verfasser mit Sorgfalt durchgearbei¬ 
tete und auf den neuesten Stand seiner Wissen¬ 
schaft gehobene Auflage erscheinen kann. 

Da das W’erk im Wesentlichen die klinischen 
Vorträge des Verfassers enthält, so ist es auch 
als ein gutes Handbuch für Stuairende zu 
empfehlen. 

* Braunschweig, Februar 1888 . 

/ Friedrich Wreden. 


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XIII. Jahrgang. St. 


Petersburger Neue Folge. V. Jahrg. 


Uediciniscne 

unter der 

Prof. Ed. v. WAHL, 

Dorpat. 

Die «St. Petersburger Medicinische Wochenschrift» erscheint jedeD Sonn¬ 
abend. Der Abonnements - Preis ist in Russland 8 Rbl. für das Jahr, 
4 Rbl. für das halbe Jahr inclusive Post-Zustellung; in den anderen Län¬ 
dern 16 Mark jährlich, 8 Mark halbjährlich. Der Inserations - Preis für 
die 3 mal gespaltene Zeile in Petit ist ta Kop. oder 30 Pfenn. — Den 
Autoren werden 2$ Separatabzüge ihrer Original - Artikel zugesandt; 

Referate werden nach dem Satze von 16 Rbl. pro Bogen honorirt. 
Abonnements-Aufträge bittet man an die Buchhandlung von 
Carl Ricker in St. Petersburg, Newsky - Prospect AI 14 zu richten. 


Wochenschrift 

Redacuon von 

Dr. TH. v. SCHRÖDER, 

St. Petersburg. 

Inserate werden ausschliesslich im Central-Annoncen-Bu- 
re: u von Friedrich Petrick in St. Petersburg, Newsky-Prospect AI 8, 
und in Paris bei unseren General-Agenten entgegengenommen. 
Lus annonces frangaises sont regues exclusivement ä Paris 
clez Messieurs G. E. Puel de Lobei &> Cie., Rue Lafayette 58. 

Af an Uteri pte sowie alle auf die Redaction bezüglichen Mittheilungen 
littet man an den g e s ch ä f t s f ü h re n d e n Redacteur Dr. Theodor 
v. Schröder ( Malaja Italjanskaja, Haus 33, Quart. 3) zu richten. »Sprech¬ 
stunden täglich von 2— 4 Uhr, ausser Sonntags. 


NS 11. 


St. Petersburg, 12 (24.) März 1888. 


Iislmlti J. A. Anfimow: Ueber die pathologisch-anatomische Bedeutung der sogen. Vacnoienbildung in den Nervenzellen.— E. H e i n- 
r i ch’ Risch : Zur Therapie der übermässigen Fettleibigkeit. — Referate. Beloussow (Odojew): Beobachtungen über einige klinische 
Formen syphilitischer, extrasexuell erworbener, primärer Infection. — A. Wide (Stockholm): Ueber therapeutisches Nervdrücken. — 
JacquesBorelina: Ein Fall von Nabelverblutung bei einem 12-tägigen Kinde. — Bacher-Anzeigen und Besprechungen. G. B u n g e: 
Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie. — Verwischtes. — Mortalitäts-BuOetm St . Petersburgs. — Mortalität einiger 
Hauptstädte Europas. — Anzeigen. 


Ueber die pathologisch-anatomische Bedeutung der 
sogen. Vacuolenbildung in den Nervenzellen. 

(Untersuchungen ans der Klinik des Prof. J. P. Miershejewski). 

Von 

J. A. Anfimow, 

Ordinator der Klinik. 


In die Reibe der strittigen Fragen in der mikroskopischen 
Anatomie des Nervengewebes ist jüngst die sogen. Vacuolen¬ 
bildung der Nervenzellen getreten. Bekanntlich versteht 
man unter Vacuolen einen theilweisen Verlust des Zellen- 
Protoplasmas. Dieselben befinden sieb theils in der Periphe¬ 
rie, theils im Centrum des Zellenkörpers und stellen bedeu- : 
tende, ovale leere Räume dar. Zuweilen sind diese Hoblräume 
so zahlreich, dass die Zelle ein besonderes, siebförmiges Aus¬ 
sehen mit wellenförmigen Rändern und kuppelförmigen Ver¬ 
tiefungen annimmt. Die Ansichten der Autoren über die 
Bedeutung dieser Vacuolen gehen scharf auseinander; die ! 
einen sehen in ihnen den Ausdruck degenerativer Processe 
in den Nervenzellen, die anderen halten sie für ein Kunst- 
product durch die Anfertigung des Präparates oder für eine 
postmortale Erscheinung. Ein erhöhtes Interesse gewinnt 
die Frage durch den Umstand, dass sowohl die, so zu sagen, 
Gönner als auch die Gegner der Vacuolenbildung sich auf 
experimentelle Untersuchungen stützen. 

In der vorliegenden Arbeit beabsichtige ich eioestheils die 
in der Literatur vorhandenen Mittheilungen nach Kräften 
zu berücksichtigen, andererseits aber meine eigenen, an j 
Thieren (Hunden und Kaninchen) angestellten Untersuchun- : 
gen darzulegen. | 

Mir scheint, dass die Vacuolenbildung in ihrer Bedeu¬ 
tung für die Pathologie deshalb zu so verschiedenen An¬ 
sichten führte, weil das histologische Bild der Zelle stark 
verändert wird und das Auftreten eigenartiger Hohlräume 
nicht mit den bei anderen Entartungen, wie z. B. der fettigen, 
vorkommenden Bildern stimm (. Bei allen diesen Degenera¬ 
tionen wird die Integrität der Zelle allmälig gestört, diese bie¬ 
tet das Bild eines typischen moleculären Zerfalles des Proto- I 
plasmas dar; bei der Vacuolenbildung dagegen scheint es sich | 
um einen viel energischeren Process zu handeln; ein Theil des I 


Zellkörpers wird gewissermaassen necrotisirt und verschwit- 
det irgend wohin. Meiner Ansicht nach gewinnen die Gegner 
der Vacuolenbildung deshalb immer mehr die Oberhand, weil 
C Ma r c o t ‘) mit seiner gewichtigen Autorität zuerst den 
PftMogischen Uxsprung der Vacuolen bezweifelte. Ich 
komme später auf diesen Punct zurück und lasse vorläufig 
die Frage über die Entstehung der Vacuolen bei Seite; ich 
erlaube mir hier einige lehrreiche Thatsachen aus der Phy¬ 
siologie und Pathologie der Zelle im Allgemeinen anzu¬ 
führen, weil diese Abweichung die fernere Darstellung der 
uns interessirenden Erscheinung wesentlich erleichtert. 
Ich führe der Uebersicbtlichkeit wegen die Puncte an, bei 
welchen ich mich aufhalten will. 

1 ) Aus der näheren Einsicht in die neueste Literatur über 
die Untersuchungen des feineren Baues der Nervenzelle 
ergiebt sich, dass die Bedingungen zur Vacuolenbildung in 
der eigenartigen Structur der Zelle vorhanden sind. 

2) Es giebt im Leben einiger Zellen (Drüsen, Epithel u. 
a.) und einzelliger, frei lebender Organismen Augenblicke, 
in welchen die Vacuolenbildung das Resultat der innerlichen 
Arbeit darstellt. 

3) Wir finden in der mcdiciniscben Literatur Hinweise 
darauf, dass die Vacuolenbildung in Zellen anderer Gewebe 
eine pathologische Erscheinung darstellt. 

Ich will nun versuchen jede einzelne dieser Thesen zu 
entwickeln. 

Bis vor Kurzem herrschte fast als Axiom unter den Bio¬ 
logen die Ansicht, dass die Zelle (elementarer Organismus, 
Plastidium u. s. w.), als einfachste Trägerin der lebendigen 
Kraft, ganz structurlos sei. Das Protoplasma dieser Zelle 
besteht dieser Ansicht gemäss aus einem körnigen, structur- 
losen Stoffe, der aus einer Vereinigung der sogen, organoge- 
nen MÖlecüle 0, H, N, C, Pb, S u. a. entstehe. Dank 
der vervollkommneten mikroskopischen Technik hat sich 
durch eine Reihe sorgfältiger Untersuchungen jetzt die feste 
Ansicht gebildet, dass die Zelle einen zusammengesetzten 
histologischen Bau habe. Auf diese Weise ist die einfachste 
Erscheinung in der Natur gleichzeitig auch die complicir- 


•')Charcot: Klinische Vorträge Uber Krankheiten des Nerven¬ 
systems, Ubers, ron Tetz er. Stuttgart 1878. Bd. II. S. 200, 

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teste, wie Dove in seinen Vorlesungen über Meteorologie 
sagt. Wir besitzen augenblicklich eine sehr grosse Litera¬ 
tur über den Bau der Zelle ;*ich beschränke mich aber auf 
die Angaben von L e y d i g *) und Brass’i, welche diese 
ganze Lehre erschöpfen und für meine Zwecke besonders 
beweiskräftig sind. Nach L e y d i g besteht die Zelle aus 
folgenden Tbeilen: 

1) Aus relativ grossen Fasern, welche sich unter einander 
verflechten und an den Vereinigungsstellen kleine, knotige 
Verdickungen aufweisen ; diesen Theil nennt L e y d i g Sub- 
stantia opaca s. Spongioplasma (Protoplasma K u p f f e r, 
Mitoma F1 e m m i n g). 

2) Zwischen diesen Fasern befinden sich allerfeinste homo¬ 
gene Fasern» welche auch in Form von Querbalken, Stäbchen 
u. 8. w. unter einander verflochten sind. Diese stellen nach 
L e y d i g die Substantia hyalina oder Hyaloplasma ( Pa¬ 
raplasma K u p f f e r, Paramitoma F1 e m m i n g) dar. 

3) Zwischen diesen beiden Fasernetzen befinden sich Höh¬ 
lungen, welchen, nach Leydig, «man die herkömmliche 
Bezeichnung , Vacuoien* belassen kann» (1. c. p. 35). Sie 
bilden sich aus den Zwischenfasenäumen, durch deren Zu- 
sammenfliesseu die Secreträume oder Secrelblasen entstehen, 
welche ihrerseits ausserdem ein ganzes System von Gängen 
und Canälen enthalten; diese haben wahrscheinlicher Weise 
eine den Vacuoien gleiche Bestimmung. Dann beschreibt 
Leydig ebenso umständlich die anderen Theile der Zelle: 
die Kerne, die Kernkörpereben, die Umhüllung der Zelle 
u. a. Diese letzteren Bestandtheile lasse ich, als zu speciell, 
hier unberücksichtigt, da die angeführten Daten über den 
Bau der Zelle genügen, um das Zustandekommen der Va- 
cuolenbildung an den Nervenzellen zu erklären. 

Die B r a 8 s 'sehen Untersuchungen sind nicht minder in¬ 
teressant. Er stimmt in Bezug auf den allgemeinen Bau 
der Zelle mit L e y d i g , F1 e m m i n g u. A. überein und 
berücksichtigt besonders die Physiologie der Zelle. Seiner 
Ansicht nach wohnen jeder Zelle alle wichtigsten Functionen 
des zusammengesetzten Organismus — Bewegung, Athmüng 
und ThBilung d. h. Vermehrung — inne (1. c. p. 150). Durch 
seine Untersuchungen ist er zu der Ueberzeugung gekom¬ 
men, dass jeder der genannteu Thätigkeiten eine besondere 
Schicht entspräche, deren er 6 aufzählt: Kernplasma, Er¬ 
nährungsplasma, Nahrungsplasma, Athmungsplasma, Bewe- 
gungs- und endlich Hüllplasma (I. c. 17—19). Uns interes- 
sirt hier die dritte Schicht, das Nahrungsplasma, welche das 
Ernährungsmaterial der Zelle in Form von Kettkörnchen, 
ZWfcrtheilchen (pag. 146) und zuweilen Hohlräume ent¬ 
hält, iu welchen das Zellensecret sich ansammelt. Diese 
Hohlräume finden sich aut Tatei VIII, Fig. 7 in einer Zelle 
aus einem sogen. B id d e r 'sehen Organ, auf Taf. I, Figg. 
1, 9 uud 14 u. 8. w. an eiuzelligen Organismen. 

Brass führte seine Untersuchungen an Eizellen von 
Amphibien und an einzelligen Protozoen aus, ist aber davon 
überzeugt, dass alle die oben genanuten Schichten mit den 
ihnen innewohnenden Functionen sich auch an den Gewebs¬ 
zellen höherer Organismen vorfindeu, obgleich bei diesen die 
Differenzirung derselben äusserst schwierig ist. Leydig 
: teilte seine Untersuchungen auch an niederen Thierarten 
(Arthropoden, Mollusken, Würmer) an und giebt ganz ge¬ 
naue Auskunft über den Bau nervöser Elemente, welche 
zwischen den beiden Fasersystemen «Vacuoien» haben (cf. 
Beilage zu seiner Arbeit Taf. I, Fig. 2). 

Es ist mithin die Vacuolenbildung in den Nervenzellen 
nicht etwas Ungewöhnliches, soudern in einem gewissen 
Grade in den oben beschriebenen, zwischen den Fasern be¬ 
findlichen Hoblräumen, Gängen und Canälen Vorgebildetes. 
Es erübrigt darüber klar zu werden, ob wir ein Recht haben 
die Nervenzellen der höheren Wirbelthiere (Hund und Ka¬ 
ninchen) mit denen niederer Thiere zu vergleichen. Bei 


näherer Untersuchung stellt es sich heraus, dass diese 
Analogie schon durch die Aehnlichkeit der Structur bei bei¬ 
den Thierreihen vollkommen gerechtfertigt wird. Wir 
wissen, da3sder Körper der Nervenzellen bei höheren Thieren 
aus zwei Schichten besteht, 1) aus einer streifigen, offenbar 
direct mit den Axencylindern zusammenhängenden Structur 
(M. Sch ultze, Ran vier, Owsjannikow u. A.) 
und 2) aus einer körnigen Schicht, welche nach den Unter¬ 
suchungen von Leydig, Flemmingu. A. wahrschein¬ 
licher Weise aus einem äusserst dichten Netze allerfeinster 
Fasern besteht (Lawdowski 4 ) pag. 353). Es liegt so¬ 
mit kein Grund vor am Vorkommen von intrafibrillären 
Hohlräumen oder «Vacuoien» (Leydig) zu zweifeln, diese 
sind aber äusserst klein und können nur mit Hülfe starker 
Immersionssysteme gesehen werden, während diejenigen, 
von welchen bei uns die Rede ist, schon beim vierten System 
also bei geringer Vergrösserung sichtbar sind. Wir können 
hieraus mit grosser Wahrscheinlichkeit schliessen, dass die 
präformirten Vacuoien den Ausgangspunct bilden , v m dem 
aus sich unter pathologischen Verhältnissen (Myelitis) die 
Vacuoien im gewöhnlichen Sinne entwickeln. 

Bei der Besprechung des zweiten Punctes halte ich es auch 
für nothwendig die tür die niederen Organismen geltenden 
Thatsachen mitzutheilen. Es zeigt sich, dass bei einer 
ganzen Reihe wirbelloser einzelliger Thiere die Vacnolen 
eine physiologische Erscheinung bilden und durch die Le- 
bensthätigkeit des Protoplasmas bedingt werden. Wir finden 
in dem werthvollen Werke des Prof. N. P. W a g n e r *) in 
dieser Beziehung eine ganze Reibe von Angaben, so bei Ma- 
gosphaera planula (pag. 7), Protomyxa aurantiaca (pag. 39) 
u. 8. w. 

Diese Vacuoien, oder wie sie von den Zoologen genannt 
werden, «contractilen Bläschen» stehen ofleabar in einem 
zweckmässigen Verhältnisse zum Ernährungsprocesse der 
Zelle, weil sie sich in der Mehrzahl der Fälle zu der Zeit bil¬ 
den, wo die Zelle irgend welche Nährtheilchen verschluckt hat. 
Bei dieser Gelegenheit sagt Prof. Wagner: «Nach Ana¬ 
logie mit den höheren Formen der sarkodischeu Organismen 
können wir annehmen, dass in diesen Hohlräumen sich irgend 
eine Flüssigkeit ansammelt, welche der Monere (dem ein¬ 
fachsten einzelligen Organismus) unnütz ist und nach aussen 
abgeführt werden muss» (1. c. pag. 37). Als Beweis für eine 
solche Voraussetzung dient eine Beobachtung an Amöben 
von B r a 8 8, welcher sah, wie die oben beschriebenen Va¬ 
cuoien sich vom Centrum der Zelle (aus dem Nahrungs¬ 
plasma) zu ihrer Peripherie bewegten, sich hier öffneten und 
auf diese Weise ihren Inhalt nach aussen entleerten. 

Ausser diesen physiologischen Vacuoien kommen aber bei 
denselben einzelligen Wesen auch Hohlräume entschieden 
pathologischen Charakters vor. So führt Prof. Wagner 
die Abbildung eines Iofusoriums, Paramecium bursaria, vor, 
auf welcher neben den gewöhnlichen «contractilen Bläschen» 
noch zwei, aus dem Zellenkerne sich berausbildende Va¬ 
cuoien sichtbar sind. Er meint, freilich mit einem Frage¬ 
zeichen, dass letztere pathologische Erscheinungen seien, 
weil dieses Exemplar von Infusorium sich während der Be¬ 
obachtung im Mikroskop unter künstlichen Bedingungen be¬ 
funden hätte. 

Ausserdem wird in verschiedenen Zellen der Gewebe bei 
Embryonen höherer Tbierclassen Vacuolenbildung beobach¬ 
tet, welche von keinem Beobachter für ein Product der vor¬ 
herigen Bearbeitung des Präparates oder für eine postmor¬ 
tale Erscheinung gehalten wird, wie es für die Vacuolenbildung 
in den Nervenzellen von einigen Autoren angenommen wird. 
So kann man in den Epithelialzellen des Frosches, des Tri- 
I tons in der Periode des Verschwindens der sogen. Dotter¬ 
körperchen zweifellose Defecte der Zelle in Form von «Va¬ 
cuoien» sehen, weil offenbar die Dotterkörperchen zum Auf- 


’) Leydig: Zelle and Gewebe. Neue Beiträge rar Histologie 
des Thierkörpere. Bonn 1885. 

3 ) Brass: Biologische Stadien. Die Organisation der thierischen 
Zelle. Halle 11883, II 1884. 


4 ) Lawdowski: Grandriss der mikroskopischen Anatomie. 
Petersbarg. pag. 351 u. a. (Russisch). 

5 ) Wagner: Geschichte der Entwickelung des Thierreichs. 
Petersburg 1887. (Rassisch). 


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bau des sich entwickelnden Organismus verwendet wurden 
und leere Räume hinterliessen. Dasselbe kann man auch 
an Thieren aus anderen Classen beobachten (Wagner 
1. c. pag. 398); cf. Aurel von Török*) in dessen 
Untersuchungen Ober die Entwickelung von Siredon pisci¬ 
formis u. s. w. 

Solche Vacuolen kommen auch bei Wirbeltbieren in den 
Zellen verschiedener Dr&sengewebe bei verstärkter Thätig- 
keit und reichlicher Secretion vor und deuten auf Verbrauch 
des Zcllenprotopla8mas hin. (L a w d o w s k i I. c. pag. 
53-54). 

Zu derselben Kategorie von Vacuolen physiologischer Her¬ 
kunft können auch die Hoblröume der Lympbkörpercben 
höherer Thierarten während der verschiedenen Momente 
ihrer Thätigkeit als «Pbagocyten» (Prof. Metschni- 
kow 7 ) gezählt werden. Bei der Verkümmerung des 
Schwanzes der Froschlarven (in der Periode der Entwicke¬ 
lung des Frosches) kann man eine Menge amöboider Zellen 
(weisser Blutkörperchen) sehen, welche «ganze Stücke Ner¬ 
ven- und primitiver Muskelfasern» in sich enthalten; etwas 
Aehnlicbes sieht man bei der Metamorphose in der Familie 
der Ecbinodermata, wobei eine Menge Leucocyten in sich 
Theilchen zerfallener Zellen aufgenommen haben. In beiden 
Fällen liegen «die von den mesodermalen Zellen (Leucoyten 
oder weisse Blutkörperchen) verschlungenen fremden festen 
Substanzen* zuweilen nicht direct im Protoplasma, sondern 
in den Vacuolen 8 ). Die genannten Hohlräume in den Leu¬ 
cocyten enthalten zuweilen pathogene Bacterien, wie solches 
beim Milzbrand a ) beobachtet worden ist; diese von den 
Pbagocyten verzehrten Bacterien sind oft bereits zerfallen 
und erscheint deshalb die Vacuole entweder leer oder mit 
wenig körnigem Detritus angef&llt. 

Ich habe hier Beispiele von Vacuolenbildung in den aller¬ 
verschiedensten Zellenformen des Thierreichs angeführt und 
zwar bei freilebenden Zellen (einfachsten Organismen), im 
Epithel der Amphibien, in den Drüsenzellen höherer Thiere 
und endlich in den Leucocyten der Amphibien, Stachelhäuter 
und Wirbelthiere. Das Interesse dieser Daten liegt in dem 
Umstande, dass damit die Möglichkeit einer natürlichen Va¬ 
cuolenbildung und dazu im Körper lebender Zellen nachge¬ 
wiesen und damit die Annahme einer Entstehung solcher 
Hohlräume durch eine problematische Einwirkung von 
Chromsalzen auf die Gewebe oder durch postmortale Verän¬ 
derungen des Protoplasmas hinfällig wird. In Berücksich¬ 
tigung des Umstandes, dass die fundamentalen Eigenschaften 
des Protoplasmas in allen Zellen die gleichen sind, erlaube 
ich . .mir den Mechanismus der Vacuolenbildung per analo¬ 
giam auch bei den Zellen höherer Ordnung, wie die Ner¬ 
venzellen der Wirbelthiere anzunehmen. Die Arbeiten von 
M. Schnitze, Kühne, Brücke, Metschni- 
k o w u. A. haben, wie bekannt, erwiesen, dass «die Sarkode 
einzelliger Organismen, das Protoplasma der Pflanzenzellen 
und endlich die Thierzelle gleiche Eigenschaften besitzen — 
es ist eine und dieselbe Substanz, welche als Substrat der 
Lebenserscheinungen dient, kurz lebende Materie ist.» (Pe- 
remesbko 10 ): Lehre von der Zelle). Es kann als über¬ 
zeugender Beweis dieser Thesis das allgemein bekannte bio¬ 
logische Gesetz über die Entwickelungsgeschichte des Eies 
gelten: in frühen Perioden des embryonalen Lebens der 
höchsten Wirbelthiere wiederholt sich in gedrängter Form 
die Entwickelungsgeschichte des ganzen Thierreichs. Das 


“) Aurel von Török: Ueberformative Differenzirnngen in den 
Embryonalzellen ... (Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. 13. pag. 756. 
1877). 

7 ) Hetschnikow: Untersuchungen übermesodermePbagocyten 
einiger Wirbelthiere. (Bus. Med. 1884. JA 1). Russisch. 

*)Metschnikow; Untersuchungen über intracelluläre Ver¬ 
dauung bei Wirbellosen. (Rus. Med. 1883. Aj.V 3— 6. pag. 84). 
Russisch. 

*) Metschnikow: Ueber das Verhältnis der Phagocyten zu 
den Milzbrandbacillen. (Ibidem ü 24 u. 25. 1884). 

,u ) Lawdowskj: Lehrbuch der mikroskopischen Anatomie. I. c. 
pag. 51. 


Ei höherer Formen unterliegt ebenso denselben Erscheinun¬ 
gen der primären Theilung, wie die allereinfachsten Thier¬ 
formen, der Unterschied besteht aber darin, dass die letzte¬ 
ren auf der ersten Entwickelungsstufe stehen bleiben, wäh¬ 
rend jene sich weiter ausbilden. «Das Ei stellt, so Zusagen, 
ein Reaumö aller dieser mehr oder weniger langen Reihen 
dar». (Wagner 1. c. pag. 4). 

Meiner Ansicht nach ist die Annahme nicht abzuweisen, 
dass bei gewissen pathologischen Zuständen (Myelitis, Intoxi- 
cationen) in den Nervenzellen ein Zerfall gewisser Producte 
vor sich gehe, ähnlich demjenigen, welcher bei der Resorp¬ 
tion der Dotterkugeln im Froschei auftritt. Etwas Aehn- 
liches findet sich in den Beobachtungen von N e i b s e r ”); 
bei der Lepra sterben die Bacillen in gewissen Leprazellen 
(veränderten weissen Blutkörperchen) ab und hinterlassen 
beim Zerfalleu eine Vacuole; nach N e i s s e r erklärt sich 
auf diese Weise «die, die Gelehrten schon lange beschäfti¬ 
gende Vacuolenbildung». K ö b n e r ’*) meint, bei der Be¬ 
urteilung der N e i s s e r'schen Arbeit, auch, dass die Va¬ 
cuolen der beschriebenen Zellen den Ort der zerfallenen Ba¬ 
cillen darstellen. Freilich handelt es sich hier um Bacte¬ 
rien, einem dem Protoplasma fremden Producte, doch kön¬ 
nen ja die gleichen Folgeerscheinungen bei der Resorption 
pathologischer oder irgend welcher anderer (z. B. nutritiver) 
Producte auttreteu. Nach den Beobachtungen von Brass 
kann man in jeder Zelle ein Reservematerial annehmen; 
nach ihm kann jede Zelle, welche entweder grössere Arbeit 
leisten oder nach einiger Zeit einen neuen Organismus her¬ 
vorbringen muss, sich nicht mit dem aus dein Nachbarge¬ 
webe entnommenen Näbrmateriale begnügen, sondern muss 
durchaus in sich selbst Reservematerial beherbergen, 
welches in ihrem Nahrungsplasma in Form von Dotter oder 
als Fettkörper enthalten ist, wie es bei einigen Arthropoden 
beobachtet wird (1. c. pag. 145'—146). 

Ich gehe jetzt zum 3. Puncte über, der die Frage einer 
staben Vacuolenbildung in den Zellen behandelt, an deren 
pathologischer Herkunft, so viel mir bekannt, noch Niemand 
gezweifelt hat. Hier folgen einige Literaturangaben über 
diesen Gegenstand. 

■ M a r t i n i ,s ) fand in einem Falle von Pseudohypertro¬ 
phie der Muskeln eine eigenthümliche Veränderung der Pri- 
mitivfasern, welche er als «seröse Degeneration» zu bezeich¬ 
nen vorschlägt. Er sah auf Querschnitten einiger Muskel¬ 
fasern 10—12 ovale Oeffnungen und erinnerte der Quer¬ 
schnitt in diesen Fällen an eine Gitterplatte. Der Inhalt 
dieser Hohlräume war in frischem Zustande homogen, nach 
Härtung in Müller ’scher Flüssigkeit — trübkörnig und 
wird von Martini für eine albuminöse Flüssigkeit ge¬ 
halten. Offenbar haben wir hier das Bild der Vacuolenbil¬ 
dung auf der Stelle der Stützsubstanz der Muskeln (Prof. 
I w a n o w s k i ,4 ). 

S c h w a 1 b e )5 ) bat schon früher Vacuolenbildung in den 
Endothelzellen der Descemet’schen Membran beschrieben, 
welche er aber für Altersveränderungen hält, da er sie nur 
an den Augen alter Leute gesehen. 

E. Wagner’®) sah in einem Falle von progressiver 
Muskelatrophie dasselbe Bild wie Martini. 

Prof. Slawjanski ,T ) fand Vacuolenbildung in den 
Zellen der Serosa des Kaninebeneies. In einer gewissen 


1 ‘) N e i s s e r: Weitere Beiträge zur Aetiologie der Lepra. 
(V i rch. Arcb. Bd 84, pag. 520). 

'*) K Obner: Uebertragongeversuche von Lepra anf Thiere. 
(Vircb. Arcb. Bd 88. 1882. pag. 282). 

'*) Martiui: Zur Kenntnis» der Atrophie mnsculorum lipoma- 
toea. (Ceutralbl. f. d. med. Wiseenscb. 1871. JA 41). 

'*) Iwanoweki: Lehrbuch der allgemeinen pathologischen Ana¬ 
tomie. 8t. Petersburg 1865. pag. 704. (Rnssiscb). 

'*) Schwalbe: Untersuchungen über Lymphbahnen des Auges. 
(Arcb. f. mikrosk. Anat. 1870. Bd VI. Taf. II. Fig. 15). 

’ 6 ) E. Wagner;.Fall einer seltenen Muskelkrankheit. (Arch. d. 
Heilk. 1863. pag. 282). 

,7 ) Slawjanski: Zur Physiologie der Zelle. (Rudne w’s Jouro. 
für normale und pathologische Histologie 1873. Januar nnd Februar, 
pag. 41. (Russisch). 

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Entwickehingsperiode desselben degenerirt die Serosa, ver¬ 
schmilzt dabei mit anderen Geweben des Embryo und wird 
theilweise resorbirt. An diesen letzteren Stellen sab S1. im 
Plattenepithel eine Menge ovaler Oeffnungen im Centrum 
der Zellen. In späteren Stadien der Entartung erscheinen 
die Zellen derart vermehrt, dass das Präparat netzförmig 
erscheint, die Contouren der Zellen sich verwischen und die 
Vacuolen sich deutlich vergrössern. Aul der der Arbeit 
beigefügten Tafel giebt Fig. 3 ein Bild der beschriebenen 
Yacuolenbildung. 

N i k o 1 j s k i ,s ) injicirte Fröschen subcutan Chlorammo¬ 
nium und einige andere Stoffe, um deren Wirkung auf ver¬ 
schiedene Gewebe zu studiren, wobei er bemerkte, dass nach 
einiger Zeit (V* bis einige Stunden) die rothen Blutkör¬ 
perchen eine deutliche Vacuolenbildung darboten. In den 
ersten Augenblicken der Einwirkung des Chlorammoniums 
stellte die Vacuolenbildung helle Puncte dar, welche sich 
allmälig vergrösserten und schliesslich als bedeutende Hohl- 
r&ume im Protoplasma des Körperchens erschienen. Solche 
Vacuolen sah N. auch in den rothen Blutkörperchen von 
Hechten und Tauben, wozu aber eine grössere Menge Chlor¬ 
ammoniums erforderlich war. Die Vacuolenbildung in den 
Blutkörperchen verschwand einige Tage nach der letzten 
Injection. 

Ein besonderes Interesse bietet die Arbeit Friedrich 
Sc hultze’s**), welcher, wie wir weiter unten sehen 
werden, die Vacuolenbildung in den Nervenzellen für ein 
Kunstproduct durch Einwirkung der Erh&rtnngsflQssigkeit 
hält, während er den Vacuolen in den Muskelelementen bei 
der progressiven Muskelatrophie einen pathologischen Cha¬ 
rakter zuschreibt; auf Taf. II, Fig. 3 seiner Arbeit ist eine 
schöne Abbildung einer Vacuolenbildung. itLdeu bezeich neben 
Muskeltheileu zu sehen. Er hält die von ihm beschriebene 
Entartung des Muskelgewebes für analog der M a r ti n i - 
sehen «serösen Degeneration» (s. o-) und meint, dass man 
diese Vacuolenbildung weder von der Einwirkung der erhär¬ 
tenden Stoffe ableiten, noch als postmortale Erscheinung auf¬ 
fassen könne, weil die Muskeln rechtzeitig in die conservi- 
rende Flüssigkeit gelegt wurden; und wenn anch bei normalen 
Muskeln eine Andeutung der beschriebenen Erscheinung vor¬ 
handen war, so war sie lange nicht so bedeutend, wie an dem 
erkrankten Muskel (cf. pag. 17). Augenscheinlich hat F r. 
Sch u 1 tze im normaleu Muskelgewebe nie etwas von Va¬ 
cuolenbildung im gewöhnlichen Wortsinne gesehen, da er nur 
von einer «gewissen Andeutung« dieser Erscheinung spricht 
und ausserdem, seiner Meinung nach, weder die Müller'sehe 
noch andere Flüssigkeiten, bei der vorherigen Bearbeitung 
der Präparate, die gesunde contractile Substanz des Muskel¬ 
gewebes aufzulösen vermögen (pag. 24—25). Wenn er aber 
vom Nervengewebe spricht (s. u.), so zieht er die eben mit- 
getheilten Argumente zum Beweise einer völlig entgegenge¬ 
setzten Meinung heran: das äusserst zarte Gewebe des 
Rückenmarks beim Kaninchen unterliege sehr leicht der Ein¬ 
wirkung härtender Flüssigkeiten und bietet auf solche Weise 
eine günstige Gelegenheit zur Vacuolenbildung der nervösen 
Elemente. 

In der allerletzten Zeit hat E. Wagner*®) in einem 
Falle eine ähnliche Veränderung des Muskelgewebes be¬ 
schrieben, welcher er den Namen Polymyositis acuta (analog 
der Polyneuritis) gegeben hat. Die von ihm gefundenen 
pathologisch-anatomischen Veränderungen hält er für voll¬ 
kommen identisch mit den von F r. S c h u 1 tz e beschriebenen 
und bestanden diese in Folgendem: Auf Querschnitten zeig¬ 
ten die Muskelelemente kleinere und grössere, gewöhnlich 
scharf begrenzte, runde oder ovale Hohlräume; im letzteren 
Falle waren sie parallel der Längsaxe der Muskelfaser ge- 


*•) N i k o 1 j 8 k i: Zur Vocoolenbildniig in den rothen Blutkörper¬ 
chen. (Centralbl. f. d. med. Wissenscb. 1885. M 44). 

'•) Fr. Scbnlze: Oeber den mit Hypertrophie verbundenen 
progressiv*:!! Muskelschwund etc. Wiesbaden 1886. 

M ) E. Wagner: Ein Fall von acuter Polymyositis. (Deutsch. 
Arch. f. klin. Med. 1887. Bd 40, Ji 3 u. 4. S. 241). 


lagert. Diese Vacuolen befanden sich theils in der Peri¬ 
pherie, theils im Centrum der Muskelfaser, ihre Anzahl war 
verschieden, zuweilen traf man 10—30 auf einer Faser, 
wenn diese in ihrem Längsdurchmesser von einem Flächen¬ 
schnitte getroffen worden war. Diese Hohlräume waren 
entweder leer oder enthielten wenig körnigen Detritus, 
welcher wie zerfallene Kerne aussab. Wagner hat, 
ebenso wie Fr. S ch u 11 z e , seiner Abhandlung Zeich¬ 
nungen beigelegt; auf Fig. 1—3 kann man die von ihm be¬ 
schriebenen Veränderungen sehr deutlich sehen. 

(Schluss folgt). 


Zur Therapie der übermässigen Fettleibigkeit. 

Von 

Medicinal r ath Dr. E. Heinrich Kisch 
a. o. Professor der Prager Universität und dirigirender Hospital- und 
Brunnenarzt in Marienbnd. 


Im Jahrgange 1881 16 dieser Zeitschrift habe ich 

meine Methode der Cur der Fettleibigkeit in Marienbad 
mitgetheilt und ergänzend möchte ich in den folgenden Zeilen 
die Grundsätze darlegen, welche ich für jede diätetische 
Behandlung der Fettleibigkeit aufstelle und nach denen ich 
seit einer Reihe von Jahren verfahre. Die machtvolle Be¬ 
deutung der diätetischen Heilmethode für die in Rede stehende 
Stoffwechselerkrankung bedarf keiner weitläufigen Erörte¬ 
rung, nur über da3 Wie? gehen bekanntlich die Ansichten 
sehr weit auseinander. Die Postulate, welche ich auf Grund¬ 
lage physiologischer und Erfahrungsthatsacben erhebe, las¬ 
sen sich kurz in Folgendem zusammenfassen: 

1) Vermeidung jeden Uebermaasses im Genüsse der Nab¬ 
rungsstoffe, Herabsetzung der Menge der letzteren auf ein 
geringeres als-dem Fettleibigen bisher gewohntes Maass, 
jedoch mit Einhaltung der Grenze, bei welcher der Körper 
auf seinem stofflichen Bestände erhalten werden kaon. Der 
Fettleibige darf nur 3 bis 4 mal am Tage Mahlzeiten halten, 
in der Zwischenzeit aber keine Nahrungsmittel nehmen. 

2) Was die Qualität der Nahrungsstoffe betrifft, so lege 
ich das Hauptgewicht auf eine vollständig ausreichende, dem 
Ernährungszustände und den Lebensverhältnissen des Indi¬ 
viduums entsprechende Eiweisszufuhr , lasse nebenbei eine 
mässige Menge Kohlenhydrate geniessen und reducire die 
Fettzuführung auf ein Minimum. Der Küchenzettel muss 
genau vorgeschrieben werden, die Veränderung der bis 
iterigen Gewohnheiten ist dabei maassgebend. 

3) Die Flüssigkeitszufuhr wird durchaus nicht beschränkt, 
sondern die geeigneten Getränke (Alkoholgenuss ausgenom¬ 
men) werden nach Bedürfniss gestattet; nur während der 
Mahlzeiten soll wenig getrunken werden. Um das gesteigerte 
Dor8tgefübl zu mindern, andererseits aber um die Diurese 
anzuregen, empfehle ich reichlichen Genuss kalten und 
kohlensäurehaltigen Trinkwassers. Anaemische Fettleibige 
dürfen nicht so viel trinken wie plethorische. Wo Herzin- 
sufficienz vorhanden ist, bydraemische und bydropische Er¬ 
scheinungen auftreten, soll die Flüssigkeitszufuhr eine ge¬ 
ringere als in der Norm sein. 

4) Von Wichtigkeit sind systematisch geübte körperliche 
Bewegungen und Anstrengungen (Spazierengehen, Berg¬ 
steigen) mit besonders sorgfältiger Berücksichtigung drs 
Zustandes des Mastfettherzens. Dabei Anregung der geisti¬ 
gen Thätigkeit und völlige Umgestaltung der gewohnten 
Lebensweise. 

5) Herabsetzung der Dauer des Schlafes , Verbot des 
Schlafens bei Tage, Beschränkung desselben auf die Dauer 
von 6 bis 7 Stunden des Nachts. 

6) Anregung des Stoffwechsels durch Bäder von nieht 
hoher Temperatur und kalte Abreibungen; bei intactem 
Herz- und Gefässzustande Dampfbäder mit nachfolgender 
kalter Abreibung. Beförderung regelmässiger täglicher 
Stuhlentleerung. Mindestens zeitweiliger Aufenthalt in wald¬ 
reicher Gebirgsgegend. 

Bei der consequenten Durchführung dieser Principien der 
diätetischen Behandlung Fettleibiger habe ich eine allmälige 

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aber stetige, langsame aber dauernde Abnahme des über-, 
scbüssigen Fettes gesehen, ohne dass der Kräftezustand des 
Individuums dabei wesentlich herabgesetzt wurde. Will 
man nun intensivere Abnahme des Körperfettes erzielen und 
handelt es sich um hochgradige Formen von Fettleibigkeit, 
so empfiehlt sich mit dieser diätetischen Behandlung einmal 
im Jahre oder in 2 Jahren eine 4 bis 6 wöchentliche Brunnen- 
cur mit den kalten Glaubersalz wässern. Auf solche com- 
binirte Weise gelingt es oft ganz merkwürdige bedeutende 
Fettreduction herbeizuführen. So sind mir Fälle vorgekom¬ 
men, wo es gelang binnen Jahresfrist eine Herabrainderung 
des Körpergewichtes von 320 Pfund um 90 Pfund, eine Re- 
ducirung des Körpergewichtes von 286 Pfund um 74 Pfund 
u. ?. w. zu erzielen. 

Gewöhnlich findet bei einer diätetischen Behandlung der 
Fettleibigkeit die grösste Fettabnahme in der ersten Behänd- 
lung swoche, zuweilen in den ersten 2 bis 3 Tagen statt, 
dann ist die Abnahme in gewisser stetiger Weise alltäglich 
nachweisbar, hie und da bemerkt inan einen Stillstand durch 
einige Tage oder gar eine Zunahme des Körpergewichtes. 
Meistens ist nach einigen Wochen einer diätetischen fett¬ 
entziehenden Methode der tiefste Stand der Fettabnahme 
auf einige Zeit erreicht und es bleibt dann das Körperge¬ 
wicht auf diesem Niveau stehen. 

Systematische Körperwägungen sind dabei von grosser 
Bedeutung, um jede stärkere Fettansammlung zu controliren 
und derselben sogleich durch geeignete Maassregeln zu be¬ 
gegnen. Während der Behandlung muss täglich eiue solche 
Körperwägung vorgenommen werden, am besten des Morgens 
nüchtern und nach Entleerung der Blase. 


Referate. 

Beloussow (Odojew): Beobachtungen über einige klini¬ 
sche Formen syphilitischer, extrasexuell erworbener, 
primärer Infection. (Med. Obsr. 21). 

Vorliegender Aufsatz ist eine weitere Ausführung eines auf dem 
% Congresse russischer Aerzte gehaltenen Vortrags. Hier kann nur 
das Schlussresultat der sehr weitschichtigeu Arbeit gegeben werden; 
die anamnestischen Aufnahmen sind nach Verf.’s Versicherung mit 
der grössten Vorsicht und Sorgfalt gemacht worden. Im Ganzen sind 
11 Fälle beschrieben. 3 Mal befand sich die primäre Affection auf 
der Mamma iu der Nähe der Brustwarze, 1 Mal auf der Haut der 
Unterlippe, 1 Mal auf der Oberlippenschleimhaut an der Hautgienze, 
2 Mal auf der Zunge, 1 Mal auf dem vordern Gaumenbogen und einem 
Theil der Mandel, 4 Mal auf den Mandeln. Anf den Hautdecken er¬ 
schien in 4 Fällen 3 Mal die Primfiraffection als typischer harter 
Sonanker, 1 Mal als harte Papel, auf der Zunge ein Mal als eine etwas 
härtere Schleimpapel, ein Mal aber als fast trockene und sehr feste 
Papel. Auf der OberlippeuBchleimbaut war eine oberflächliche Erosion 
mit der Tendenz zur Umwandelung in eine Schleimpapel ohne jegliche 
Verhärtung vorhanden; ihr vorderer Hand aber zeigte alle die Charak¬ 
tere, welche den anf der Oberhaut auftretenden syphilitischen Primär- 
affectionen eigenthUmlicb sind. Zwei der erkrankten Mandeln waren 
vergrössert und etwas härter, doch nicht sklerosirt, in den beiden 
anderen Fällen and bei der Pnmäraffectiou am weichen Gaumen war 
weder Vergrössernng der Drüsen noch irgend eine Verhärtung zu 
sehen. Die-Gesch würe auf den Mandeln hatten mit einer Ausnahme 
mehr das Aussehen einer Erosion, welche vor dem Auftreten der 
Secnndftrerscheiuungen sich in Schleimpapeln umwandelten. Allen 
primärsyphilitischen Affectionen der Oberhaut und der Schleimhäute 
waren gemeii.sam: die Begrenzung der Erkankung, langsamer Ver¬ 
lauf, sehr geringe Empfindlichkeit, Mangel an allgemeiner Reaction 
in den ersten Wochen der Erkrankung und das laugsanie, schmerzlose 
Anschwellen der, dem locos affectiouis benachbarten Lymphdrüsen; 
ausserdem waren die primären Affectionen von Stauungshyperämie 
pingeben. 

Leider tdnd in den Krankengeschichten, trotz ihrer Vollständigkeit 
hinsichtlich des klinischen Bildes, keine vei werthbaren Daten über 
den Weg der Ansteckung zu finden; alle Kranken aber stammen aus 
Familien, in denen Syphilis noch herrscht oder geherrscht hat. Dem 
Geschlechte Lach waren unter den 11 Kranken 2 Männer (Knaben) 
und 9 Weiber, im Alter von 1, 4 < /a (beides Knaben) 20, 24, 26, 30, 
36, 37, 3*, 40 und 50 J&bren. Hz. 

A. Wide (Stockholm): üeber therapeutisches Nerv- 
dr Ücker. (Nord. med. Arkiv XIX. 10). 

(Die sog. schwedische Heilgymnastik ist nur zum Theil eine wirk¬ 
liche Gymnastik, zum grossen Theil gehören in das System derselben 
eine Beihe von sog. passiven Bewegungen, wo nur der Gymnast 
aktiv ist, die also in aas Gebiet dessen gehören würden , was heute 


Massage genannt wird. Zu diesen gehört auch das schon von L i n g g, 
dem Begründer des Systemes, als therapeutisches Mittel eingefübrte 
Nervdrücken. Dasselbe bestand bisher nur in einer manneilen Com- 
pression eines Nervenstammes meist in der Form des sog. Schüttel¬ 
oder Zitterdrückens. Obgleich das Mittel sehr häufig von den Heil¬ 
gymnasten angewandt wird, so existiren doch eigentlich Leine ge¬ 
nauen Indicationen dafür. Ref.). 

Dr. W i d e veröffentlicht imn 3 sorgfältig beschriebene Kranken¬ 
geschichten, wo das Nervdrücken, zum Theil von ihm modificirt, mit 
auffallendem Erfolge angewandt wurde. Der eine Fall von Verf. 
Pronations- und Supinationstremor genannt, Charcot’s Choree 
rhytmee nahestehend, in dem «Hand und Vorderarm beständig in 
ziemlich grossen und sehr raschen Pronations- und Sapinationsbe- 
wegungen hin und her bewegt wurden», wurde durch Nerven-Com- 
pression vollständig geheilt. Dies geschah durch ein Schraubentour- 
niquet, das auf den N. medianus und radial» ungefähr in der Mitte 
des Oberarmes einen mässigen aber oonstanten Druck ausübte, 2—8 
Stunden lang täglich. Der zweite Fall, Accessoriuskrampf betreffend, 
wurde in ähnlicher Weise behandelt, durch Druck auf den Accesso- 
riusstamm bei seinem Eintritt unter den M. cuculJaris und zwar 
mittelst eines Lederriemeus, der sich auf der genannten Stelle kreuzte. 
Der dritte Fall, Parese und Atrophie im Gebiet des rechten N. radial», 
wurde mittelst kurz dauernder etwa 100 mal in jeder Sitzung wieder¬ 
holter Reizungen an der Stelle, wo der Nerv den Sulcus spiralis 
humeri verlässt, geheilt, in der Weise «dass der Finger unter 
schwachem Druck quer über den Nerven geführt wurde, so dass der¬ 
selbe sich etwas verschob». Es wurde jede Reizung durch ziemlich 
kräftige Muskelcontractionen (bei elektrischer Entartungsreaction i 
beantwortet. Durch Versuche musste in allen 3 Fällen anfangs immer 
die Stelle ansfindig gemacht werden , von welcher der Effekt zu er¬ 
reichen war. Buch (Willmanstraud). 

Jacques Borelius: Ein Fall von Nabelverblutnng bei 
einem 12-tägigen Kinde. (üpsalerläkareför.förbandl.22, 
S. 40. Nordisk Med. Arkiv XIX). 

Das Kind war mehrere Wochen zu früh geboren und hatte 5—6 
Stunden aus dem Nabel geblutet, ehe Verf. gerufen wurde. Der 
äussere Nabel wurde durch mehrere Seidensuturen zusammenge- 
schnürt, doch_ stellten .sich, die Blutungen wieder ein und machten 
bald dem Leben des schwachen atrophischen Kindes ein Ende. Hemo- 
philie fand sich nicht in der Familie; Septicämie war nicht anzu- 
nehmen. Doch wurde der Vater des Kindes zur selben Zeit an secun- 
därer Syphilis behandelt. Buch (Willmanstraud). 


Bücher-Anzeigen und Besprechungen. 

G. Bunge: Lehrbuch der physiologischen und pathologi- 

1 " sehen Chemie. Leipzig 1887. — F. C. W. Vogel. 

«Ein Lehrbuch, sagt Verf. in dem Vorwort, hat die Aufgabe den 
Aufäuger in anregender Weise in den Gegenstand emzuführen, ihn 
mit defi Hauptergebnissen der Forschung nach deffi Zusammenhang 
der Erscheinungen vertraut zu machen. Eine Fülle zusammenhangs¬ 
loser Thatsachen und blosser Beschreibung würde den Anfänger er¬ 
müden, abspannen and abschrecken . Ist dagegen durch ein —auch 
noch so lückenhaftes, aber anregendes Lehrbuch das Interesse für den 
Gegenstand geweckt, so werden die Lücken nachträglich leicht durch 
häufiges Nachschlagen in den Handbüchern, am Besten aber durch 
lleissiges Studium der Originalarbeiteo ausgefttllt». Verf. hat die 
Aufgabe, welche er sich gestellt bat, ein anregendes Lehrbuch der 
physiologischen Chemie zu schreiben, in wahrhaft glänzender Weise 
gelöst. Man kann von dem Buch sagen, dass derjenige, welcher die 
Lectüre desselben begonnen hat, es nicht wieder aus der Hand legen 
wird — so fesselnd und interessant ist dieDarstellnngsweise. Mancher 
unserer Leser wird sich noch mit Freude der vortrefflichen physiolo¬ 
gisch-chemischen Vorträge erinnern, welche B n n g e als Docent seiner 
Zeit in Dorpat gehalten hat. Pie Zusammenstellung und Ansarbeitnng 
derselben stellt das vorliegende Werk dar. Dasselbe, 364 Seiten lang, 
handelt die gesammte physiologische Chemie in zwanzig Vorlesungen 
ab. Besonders gelangen sind die Kapitel, welche Gebiete behandeln, 
anf denen B n n g e selbst productiv gearbeitet bat, so z. B. dasjenige, 
in welchem die anorganischen Nahrungsstoffe nud unter diesen be¬ 
sonders eingebend das Kochsalz besprochen werden. Was die Dar* 
stellung8wei8e betrifft, so ist die Behandlnug der Fragen fast durch¬ 
gehend historisch-problematisch d. h. es wird in historischer Weise 
die allmälige Entwicklung der einzelnen physiologisch-chemischen 
Probleme resp. deren Beantwortung dargelegt, der augenblickliche 
Stand unseres Wissens und das, was als nächste Arbeitsanfgabe sich 
ergiebt, flxirt. Die Berücksichtigung der Literatur der letzten Jahr¬ 
zehnte ist eine sehr vollständige und B.’s Urtheil über die Verdienste 
der einzelnen Forscher ein billiges und gerechtes. Ferner muss au 
B.’s Arbeit rühmend hervorgehoben werden, dass alle Detailangaben, 
welche noch keine Verwerthung für allgemeine Gesichtspnncte zu¬ 
lassen, vermieden sind , so dass auch dem chemisch weuiger Bewan¬ 
derten das Bach verständlich ist. So können wir denn jedem Arzt 
B.’s Arbeit anf das wärmste und lebhafteste empfehlen — es ist eine 
classische Leistung. W. v. Schroeder (Strassburg). 


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Vermischtes. 

— Dr. Dreypölcber sind weitere Adressen von dem St. Peters¬ 
burger ärztlichen Verein (BpaneÖHaa OömuHa) nnd den Aerzten des 
Kasanschen Gouvernements-Landschaftshospitais zugegangen, welche 
ihm ihre Theilnahme in Anlass des über ihn verhängten gericht¬ 
lichen Unheils bezeugen. 

— Die Gesellschaft Archangelscher Aerzte hat den bekannten 
Professor der Chirurgie W. G r u be in Charkow anlässlich seines im 
Januar d. J. stattgehabten 35-jährigen Dienstjubiläums zu ihrem 
Ehrenmitgliede gewählt. 

— Dr. Scbt8chepotjew bat sich an der Universität Kasan als 
Privatdocent für Epidemiologie habilitirt. 

— Der bekannte Psychiater, Prof. L e i d e s d o r f in Wien, ist bei 
der Wiener medicinischen Facultät um Enthebung von seiner Lehr¬ 
tätigkeit eingekommen. 

— Der Professor der gerichtlichen Medicin an der Universität 
Giessen, Dr. Wilbrand, tritt mit dem Beginn des nächsten Se¬ 
mesters nach 50-jähriger Lebrthätigkeit wegen hohen Alters in den 
Ruhestand. 

— Prof. v. Bergmann, wie auch Dr. Bramann sind von der 
Behandlung des deutschen Kaisers Friedrich zurückgetreten, da die 
Wundbehandlung (nach der Tracheotomie) beendigt ist und ein ope¬ 
rativer Eingriff voraussichtlich in nächster Zeit nicht nöthig sein 
wird. Dr. B r a m a n n hat wieder die Leitung der chirurgischen Po- 
liklinik an der Berliner Universität übernommen. 

— Das Medicinaldepartement hat die Verordnung erlassen, dass 
in den Apotheken beim Ablassen einer Arznei mit Gewährung irgend 
eines Rabatts sowohl der nach der gesetzlichen Taxe berechnete 
Preis, als auch der in Wirklichkeit genommene Preis für die Arznei 
auf der Signatur zu vermerken ist. 

— Befördert : Zum wirklichen StaatsraHi: Der Oberarzt des 
Militärhospitals in Batum, Dr. S e w e r i n. 

— rerstorben : 1) In St. Petersburg der Arzt des hiesigen Ma- 
rine-Correctionsgefängnisses,Staatsrath N. B e tj u z k i, nach 38 jäh¬ 
rigem Dienste im Marineressort. 2) ln Reval der Divisionsarzt der 
23. Infanterie-Division, wirkl. Staatsrath Wierzbicki. 3) In 
Kamenez-Podolsk der Arzt am dortigen Gymnasium S. Jadlowkin 
im 50. Lebensjahre. 4) Am 14. Januar der trübere Oberarzt des 
Woroneshschen Disciplinar-Bataillons, Staatsrath J. Sil wand, im 
70. Lebensjahre. 

— Zum Nachfolger des verst. Klinikers Wagner in Leipzig ist 
Prof. v. Lieber meister aus Tübingen berufen worden; derselbe 
hat jedoch den Ruf abgelehnt. 

— Die Pariser medicinische Facultät bat für den durch V u 1 p i a n ’s 
Tod erledigten Lehrstuhl der experimentellen und vergleichenden 
Pathologie als ersten Candidateu Dr. Strauss und als zweiten 
Dr. Hanot aufgestellt. 

— Die Gesammteahl der Kranken in den Civil-Hospitälern 
St. Petersburgs betrug am 6. März d. J. 6432 (270 weniger als in 
der Vorwoche), darunter 573 Typhus- (7 weniger), 725 Syphilis- 
(103 weniger), 57 Scharlach- (4 weniger), und 9 Pockenkranke (2 we¬ 
niger als in der Vorwoche). 

— In der Jahresversammlung des St. Petersburger (russ.) 
medicinischen Vereins (BpaqeöHas OömHHa) wurde Dr. Iiinski 
zum Präsidenten, Dr. Bibinow zum Vicepräsidenten und Dr. Gal- 
dinski zum Secretär gewählt. In den Heilanstalten des Vereins 
ist im verflossenen Jahre gegen 8000 ambulatorischen Kranken ärzt¬ 
licher Rath ertheilt und in dem zum Andenken an Kaiser Alexan¬ 
der II vom Verein gegründeten Krankenasyl sind 80 Kranke sta¬ 
tionär behandelt worden. Ausserdem haben Glieder des Vereins 
mehr als 3u0 Visiten im Hause der Kranken in Fällen gemacht, wo 
schleunige ärztliche Hülfe nöthig war. 

Der Verein hat beschlossen , in dem laufenden Jahre 2 Sitzungen 
wöchentlich abznhalteu. 

— Der Plau der Errichtung eines gemeinschaftlichen l’ereins- 
Hauses für die wissenschaftlichen l er eine Berlins nähert sich 
seiner Verwirklichung. Die Entwürfe für den Bau sind bereits fertig¬ 
gestellt und von dem aus Vereinsmitgliedern, Architecten und Finanz¬ 
männern gebildeten Comitö geprüft worden. Das zu errichtende 
Gebäude , welches auf mehr als 2 Millionen Mark veranschlagt is<, 
wird Säle verschiedener Grösse, Bibliotheks- und Beratbungsräume 
enthalten, die den betheiligten wissensch. Vereinen für ihre Zwecke 
miethweise überlassen werden sollen. Die übrigen Räume (Läden 
etc.) sollen an Buchhändler, Mechaniker etc. behufs Ertragsgewin¬ 
nung vermietbet werden. 

— Der ärztliche Club in St . Petersburg . Wie bekannt, ist 
derselbe am 24. Januar dieses Jahres, dank der Initiative des hiesigen 
städtischen Medicinal-Inspectors, Dr. Batalin, eröffnet worden, 
jedoch Anden vorläufig nur Sonnabends die Zusammenkünfte statt, 
da bisher noch kein ständiges Local vorhanden ; ein solches ist aber 
bereits zum Herbst in Aussicht genommen. Am Eröffnungsabend 
füllten sich die Räume gegen 10 Uhr Abends gar bald und es war ein 
äusserst erfreulicher Anblick c. 160 Aerzte der verschiedensten 
Kreise und Fraktionen einmütig und g< müthlich beisammen zu 
sehen. Bunt durcheinander wogte es im grossen Saale der sonst zu 
verschiedenen Festlichkeiten bestimmten Localirät (Mochowaja Ecke 
der Panteleimonskoja ) auf und ab. Da sah man die verschiedenen 
Spitzen der ärztlichen Welt, Prof. Zdekauer, Dr. B y k o w (Prä¬ 
sident der militär-med. Academie), Dr. Rauchfass, verschiedene 


Professore, Oberärzte und daneben junge Oollegen, die ihre med, 
Thätigkeit wohl nur nach Wochen zählen konnten ; auch die weib¬ 
lichen Cullegen waren vertreten. Nachdem einige musikalische 
Vorträge ausgeführt, zogen sich die Freunde des Kartenspieles an 
die nicht geringe Zahl der grünen Tische zurück, während die junge 
Welt unter deu Klängen des Feuerwehr-Orchesters bald lebhaft ein 
Tänzchen unternahm. Es gab ein ganz eigenes Bild, so männliche 
nnd weibliche Collegen sich nach den Klängen eines Walzers drehen 
zu sehen. Um 1 Uhr wurde ein sehr guter Imbiss servirt und dann 
ging man befriedigt auseinander. — Seither haben noch 5 weitere 
Abende stattgefunden; die Betheiligung wird eine immer regere nnd 
der Charakter eiuer Familien-Gesellschaft tritt immer deutlicher her¬ 
vor; denn bereits am 2. Abend brachten sehr viele Collegen ihre 
Frauen und Töchter mit. Das stehende Programm bietet jedes Mal 
einen musikalischen Theil, Tanz, Kartenspiel und ungezwungene 
Heiterkeit im gemüthlichen Geplauder mit Collegen, nach des Tages 
Arbeit nnd Lasten. 

Wir können das Unternehmen nur mit grösster Freude begrüssen, 
es ist entschieden ein wichtiger Schritt vorwärts zur Einigung un¬ 
seres Standes, denn der bisherige Chaiakter schliesst jede Einseitig¬ 
keit (sei es in nationaler, sei es in sonstiger Richtung) aus, wir kön¬ 
nen die Collegen mit bestem Gewissen nur auffordern, die Mühe 
eines Besnches nicht zu scheuen. Da die Statuten des Clubs noch 
nicht officieü bestätigt sind, so kann jeder College hinkommen, der 
2 Rbl. pro Abend (incl. Thee und Abendessen) zahlen will. Je mehr 
Collegen sich betheiligen, nm so eher wird die Gesellschaft sich con- 
solidiren und ist dann Hoffnung im Herbst ein Gesellschaftslocal mit 
Lesezimmer, eigener Wirtschaft etc. zu erhalten, wo man in fried¬ 
licher Weise die vielen noch der Lösung harrenden Standesfragen 
allraälig der Klärung näher bringen k&nu. Die Aussichten dazu 
sind nm so günstiger, als anlässlich des unseligen Falles Dreypöl- 
cher der ärztliche Stand zum ersten Male bewiesen hat, dass er ev. 
bereit ist einmütbig für den Einzelnen einzutreten und die Rechte 
des Standes zu schützen. P. 

— In Strassburg i. E. fand am 3. März d. J das seitens der 
medicinischen Eacultüt der Universität dem Prof. Dr. K u ssm au 1 
aus Anlass seines Scheidens aus der akademischen Wirksamkeit und 
seiner Uebersiedelung nach Heidelberg bereitete Abschiedsfest statt. 
Die Reihe der Toaste eröffnete Prot. Goltz in seiner Eigenschaft 
als Decan der medicinischen Facultät. Mit der ganzen Fülle deä 
kaustischen Witzes, welcher alle Commers-Reden des beliebten Phy¬ 
siologen auszeichnet, wurde der Redner seiner Aufgabe gerecht. 
Und als er schliesslich der Ueberzeugung Ausdruck verlieh, dass 
K u s s m a u 1, wenn er auch vom Katheder steige . doch im edelsten 
Dienste der menschlichen Gesellschaft auch fürder den Marschallstab 
führen werde — der Redner schwang dabei einen riesigen Percus¬ 
sionshammer mit l’lessimeter , für dieses Fest an Stelle des Schlägers 
die Insignien des Präsidiums —, d \ verdichtete sich der Beifall, 
welcher Satz für Satz der Rede folgte, zu einem prasselnden Hagel¬ 
wetter der 400 Gläser zu Ehren des Gefeierten. — Rector Zöpf fei 
belegte sein uneingeschränktes Lob für den Charakter des Gefeierten 
mit dessen unbestrittener und allgemeiner Volkstümlichkeit in Stadt 
und Land. — Der Gynäkologe Prof. Freund erinnerte daran, wie 
ein Unglück , zeitweilige L&bmnng der Fttsse , einst den Gefeierten 
überhaupt zom Gedanken gebracht habe, sich der klinischen For¬ 
schung zu widmen und variirte in bumorsprühender Weise das Thema: 
„Wer weiss, wozu es gut ist“. Den Beifall und die Lacher hatte der 
feinsinnige Redner voll auf seiner Seite , als er des vor 1400 Jahren 
gelebt habenden Leibarztes des Kaisers Julian Apostata ge¬ 
dachte , dessen Beiname „Oribacins“ sich bis auf den heutigen Tag 
ei halten hat. Oribacius heisse zweifellos nichts anderes als „Kuss¬ 
mau 1“, nur dass der Ruhm des heute gefeierten Klinikers sich mit 
seinem Namen eiuer noch viel längeren Dauer erfreuen werde. — 
Prof. v. Recklinghausen, welcher der Familie des Collegen 
gedachte, sang dessen Lob vom Standpnncte des pathologischen Ana¬ 
tomen. Aber auch die Chirurgie —so spann Prof. Lücke deu 
Faden weiter — habe vollauf Grund, dem benachbarten Meister au 
danken, der sich niemals einer Einseitigkeit schuldig gemacht, son¬ 
dern allezeit dem Chirurgen gegeben , was des Chirurgen ist. Der 
Einigkeit in der Facultät weihte Redner sein Glas. 

— Dr. Roesen empfiehlt in der „Münch, med. Wochensehr.“ 
folgende Behandlung abnormer Gebilde der Epidermis, der 
Schwielen und Hühneraugen, sowie der Warzen, die er auf dev 
Klinik von Nu9sbaum vielfach erprobt hat: Das zn entfernende 
Gebilde wird mit einer aseptischen Lösnng (Bor oder Salicyl) etwas 
befeuchtet nnd dann mit einer ziemlich dicken (0,4—0,5 Cm.) Lage 
reiner, krystalliniscber Salicylsäure bedeckt. Hierauf legt mau als 
reizlosestes Verband mittel feuchten Borlint, vierfach zusammenge¬ 
legt, darüber ein gut deckendes Stück Guttapercha, so dass das Object 
nach allen Seiten gehörig abgeschlossen ist, und verbindet. Dieser 
Verband bleibt bei nicht zu dicken Hühneraugen, Schwielen, nicht 
zu grossen Warzen nur 5 Tage liegen. Man findet nach Abnahme 
desselben das Gebilde etwas geschrumpft nnd vollständig von seiner 
Unterlage abgehoben, darunter aber eine ganz unverletzte, nicht 
etwa angeätzte, feine Haut, die nirgends auch nur eine Spur von 
Blutung zeigt. Wenn das Gebilde besonders dick iBt, wie man dies an 
Fusssohlen häufig sieht, so ist es nöthig, entweder den Verband liegen 
zu lassen oder denselben nach 5 Tagen zu erneuern. Der Werth der 
Verbindung der Salicylsäure in Substanz mit dem feuchten Verbände 


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liegt in Folgendem : die zur Entfernung erforderliche Zeit ist sehr 
kurz (5Tage), die Ablösung der Wucherung von ihrem Boden ist 
eine gründliche und geschieht ohne eine Schädigung desselben oder 
seiner Umgebung und mau ist durch sie im Stai de, die Salicylsäure 
auch zur Entfernung von Wucherungen des Papillarkörpers, der 
Warzen, zu verwenden. 

— Vom deutschen Reichsgesundheitsamte ist eine Denkschrift 
über den Nutzen der schuUpockenimpfung ausgearbeitet worden, 
welche die wichtigsten in neuerer Zeit gegen die Impfung vorge- 
brachteu Einwände beleuchtet uud widerlegt. Dieselbe ist au die 
Mitglieder des deutschen Reichstages vertheilt worden. 

— In Honakong wurde im October des vorigen Jahres eine me- 
dicinische Schüfe für Chinesen eröffnet . Der Lehrplan ist ein recht 
umfassender. Der volle Cursns kostet 200 Dollars. 

— Das College of Surgeous f sowie das College of Physicians in 
London haben folgenden Beschluss gefasst: „Es ist nicht wünschens- 
wazth* 4asa Mitglieder des-Collagiuma für Blätter , die sich die Be¬ 
lehrung des grossen Publikums über medicinische Dinge zur Aufgabe 
machen, Beiträge medicinischen Inhalts liefern; auch sollen Mit¬ 
glieder ihre Namen in solchen Blättern weder selbst nennen , noch 
auch dessen Nennung gestatten 41 . 


Mortalitäts-Bulletin St. Petersburgs 

für die Woche vom 28. Febr. bis B. Mär z 1888. 
Zahl der Sterbefälle: 

1) nach Geschlecht und Alter: 


im Ganzen: 

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353 315 668 141 52 106 

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51 

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40 

1 

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29 

00 

13 


2) nach den Todesursachen: 

— Typb. exanth. 2, Typh. abd. 25, Febris recurrens 0, Typbus 
ohne Bestimmung der Form 1, Poeken 0, Masern 17, 8char)ach 11, 


Diphtherie 14, Croup 3, Keuchhusten 3, Croupöse Lungenentzün¬ 
dung 25, Erysipelas 2, Cholera nostras 0, Cholera asiatica 0, Ruhr 1, 
Epidemische Meningitis 0, Acuter Gelenkrheumatismus 0, Parotitis 
epidemica 0. Rotzkrankheit 0, Anthrax 0, Hydrophobie 0, Puerpe¬ 
ralfieber 1, Pyämie u. Septicaemie 4, Tubercn’ose ; :r Lungen 129, 
Tuberculose anderer Organe 7, Alcobolismus und Delirium tremens 
2, Lebensschwäche und Atropbia infantum 53, Marasmus senilis 
30, Krankheiten des Verdauungscanals 93, Todtgeborene 34. 


Mortalität einiger Hauptstädte Europas. 


Name 

Einwohner- j 
zahl j 

Woche 
(Neuer Styl) 

Lebend¬ 

geboren 

-g- 

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Gestorben 

Summa 

8 ** 
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Summa 

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Einw. 

London . . 

1 

4 282 912 19.—25. Febr. 

2473 

30,o 

T 

1772 

21,# 

Paris . . . 

2 260945 19.—25. Febr. 

1338 

31,» 

96 

1070 

34 Ä » 

Brüssel . . 

181 270 12.—18. Febr. 

121 

34.» 

4 

101 

29,o 

Stockholm . 

216807 12.- 18. Febr. 

141 

33,8 

3 

112 

26,• 

Kopenhagen 

300000 22.-28. Febr. 

215 

37,o 

5 

130 

22,8 

Berlin . . . 

1414 980 19—25. Febr. 

918 

33,7 

29 

491 

18,o 

Wien . . 

800 836 19.—25. Febr. 

544 

35 ,» 

31 

367 

21,7 

Pest . . . 

442 7fi7 12.—18. Febr. 

334 

39,t 

13 

304 

35,7 

Warschau . 

439 174 12.—18. Febr. 

420 

49,* 

15 

215 25,» 

Odessa . . 

268000 19.-25. Febr. 

— 1 

— 

9 

119 23,t 

St. Petersburg 

861 303 26. Febr.-2. März 

583 

35,7 

34 

565 34,. 


Briefkaston. Prof. Dr. D e h i o in Dorpat: Mit Dank 
erhalten. 

IC Nächste Sitzung des Vereins St. Petersburger Aerzte 
Dienstag den 15. März 1888. 

■C Nächste Sitzung des deutschen ärztlichen Vereins 
Montag den 4. April 1888. 


Adressen von Krankenpflegerinnen. 

•Adelheid Vogel, Wass. Ostr., 17 L. 
Haus 12. 

*0. JL KonjtpaTbeBa, Majaa HTajbau 

csaa 43 kb. 20. 

•LouiseLehmann, Kleine Morskaja 12, 
Quart. 22. 

•Frau Marie Kubern,B. 0 . yroxi 5 . jihh. 
h ARa^eM. nepeyj. *• )/6 kb. 21. 

Julie Blumbach, CnaccKaa yj., a- 19, 
kb. 6. 

T. Fischer, Cianais yA'hjibHaa KyöaHCK. 

U'M23. 

Wilhelmine Hensel, B. 0 . 17 jhh. 
y. 12 kb 13 ; 

AnrycTa^ezoDOBHa Kay<[)MaHi, no 
#OHTairfc 6z, Chmöohobck. m., ä- 22 kb. 9. 

JlyH3ft KapjoBHft MepTKe, TopoxoB. 
yj., A* 42 kb. 28 . 

H«Phctj&bi>, BBTeöCK. ja ,a *22 i b. 28 . 

Amalie Ritter, B. 0 . 17 i. a. 12 kb 37 . 

K). IÜTeflHi, Dpiejeßi» nep, a 7 kb. 12 . 

E. van der Vliet, Boaliu. MacrepcK&a, 
A. & 5 , KB. 49 . 

II. Sfipaxi, Hobck. npoen. a- 88 kb. 10. 

Amalie Schulze, Alexander Platz H. 
6 . Qn. 53 . 

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XIII. Jahrgang. St. Petersburger Neue Folge. V. Jahrg. 

Medicinische Wochenschrift 

ün^er der Redaction von 

Prof. Ed. v. WAHL," Dr. TH. v. SCHRÖDER, 

Dorpat. St. Petersburg. 


Die «St. Petersburger Medicinische Wochenschrift* erscheintjeden Sonn¬ 
abend. Der Abonnements - Preis ist in Russland 8 Rbl. für das Jahr, 
4 Rbl. für das halbe Jahr inclusive Post-Zustellung; In den anderen Län¬ 
dern 16 Mark jährlich, 8 Mark halbjährlich. Der Inserations - Preis für 
die 3 mal gespaltene Zeile in Petit ist 12 Kop. oder 30 Pfenn. — Den 
Autoren werden 2$ Separatabzüge ihrer Original - Artikel zugesandt; 

Referate werden nach dem Satze von 16 Rbl. pro Bogen honorirt. 
Abonnements-Aufträge bittet man an die Buchhandlung von 
Carl Rlcker in St. Petersburg, Newsky - Prospect Ai 14 zu richten. 


t/F* Inserate werden ausschliesslich im Central-Annoncen-Bu- 
reuu von Friedrich Petrick in St. Petersburg, Newsky-Prospect A6 8, 
und in Paris bei unseren General-Agenten entgegengenommen. 
Los annonces frangaises sont regues exclusivement ä Paris 
cbez Messieurs G. E. Puel de Lobel & Cie., RueLafayette 58. "W 
WanuScripte sowie alle auf die Redaction bezüglichen MittheilungeD 
littet man an den geschäftsführenden Redacteur Dr. Theodor 
v. Schröder (Malaja Italjanskaja, Haus 33, Quart. 3) zu richten. Sprech¬ 
stunden täglich von 2— 4 Uhr, ausser Sonntags. 


N2 12. St. Petersburg, 19. (31.) März 1888. 


Inhalts J. A. A n f i m 0 w: Ueber die pathologisch-anatomische Bedeutung der sogen. Vacaolenbildung in den Nervenzellen (Schluss). — 
Heferate. P. M. A w 1 0 k r a t.o w: Ueber den Einfluss der Exstirpation der Schilddrüse bei Thieren auf das Centralnervensystem. — R e i e r- 
s e n : Ueber die Behandlung von Nasendiphteritis. — Lemoine: Ueber die Temperatur in den einzelnen epileptischen Anfällen. — E. Hän¬ 
de 1 i n (Tiflis): Ein Fall von Lepra mixta. — Bücher-Anzeigen und Besprechungen. B a r n a c k: Die Grundztige der Chemie für Aerzte 
und Studenten, auch als Leitfaden für das Studium der Chemie. — H. v. Ziemssen: Klinische Vorträge VII.: Die Neurasthenie und ihre 
Behandlung. — E. Gurlt: Biographisches Lexicon der hervorragenden Aerzte aller Zeiten und Völker. — W.F. Loebisch: Die neueren 
Arzneimittel in ihrer Anwendung und Wirkung. — Vermischtes. — Vncanzen. — Mortalität einiger Hauptstädte Europas . — Anzeigen . 


. lieber die pathologisch-anatomische Bedeutung der 
sogen. Vacuolenbildung in den Nervenzellen. 

(Untersuchungen ans der Klinik des Prof. J. P. Miershejewski). 

Von 

J. A. Anfimow, 

Ordinator der Klinik. 


(Schlnss.) 

Nach Darlegung des vorhandenen reichlichen Materials 
bezüglich der Entstehung von Vacuolen in verschiedenartigen 
Zellen, unter physiologischen und pathologischen Bedingun¬ 
gen, wende ich mich jetzt zu der mich speciell beschäfti¬ 
genden Frage — die Bedeutung der Vacuolen in Nerven¬ 
zellen. 

In der Neuropathologie hängt diese Frage hauptsächlich 
mit der Entwickelung der Lehre von den Veränderungen 
des Rückenmarkes bei der Myelitis zusammen. Ich führe 
■von den darüber vorhandenen Angaben zuerst die von Ley¬ 
den 21 ) an: <Man beobachtet nicht selten 1—2, selten 3 
grosse, runde, blasenartige Vacuolen, meist mit fettig-kör¬ 
nigem Zerfall, z. B. bei Myelitis (traumatischer oder spon¬ 
taner (Taf. III, Fig. 1 b und bi). In der zuerst erschienenen 
Arbeit von F r o m m a n n * 2 ) ist noch keine Andeutung auf 
Vacuolenbildung vorhanden, wohl finden wir aber in den 
späteren bemerkenswerthen Veröffentlichungen desselben 
Autors ausgezeichnete Abbildungen von Zellen mit Vacuolen, 
so z. B. auf Taf. I, Fig. 10 seiner Arbeit über multiple Sde- 
rose des Gehirns und Rückenmarks 22 ). Hier finden wir 
drei Ganglienzellen, einem sclerotischen Herde im Nucleus 
dentatus des Kleinhirns entnommen, in welchem sich äus- 
serst deutlich Vacuolen hervorheben; ein ähnliches Bild sah 
er in den Zellen des verlängerten Marks und des Sehhügels 
bei einem in Folge eines Aneurysma arteriae basilaris ge¬ 
storbenen Subjecte 24 ). H a y e m * 4 ) beobachtete Vacuolen- 

'*) Leyden: Klinik der Bückenmarkskrankheiten. Berlin 1874. 
Bd. I, pag. 76 nnd Bd. II. Berlin 1876, pag. 129—130. 

T1 ) Frommann: Untersuchungen über die normale nnd pathol. 
Anatomie des Bttckenmarks. Jena 1864, pag. 81 n. a. 

з ) Derselbe: Untersuchungen über die Gewebsveränderungen 
bei der multiplen Solerose des Gehirns and Bückenmarks. Jena 1878. 

и ) Derselbe: Ibidem, cf. Taf. III, Fig. 18. 

**) Hayem: Gazette m6dic. de Paris 1874; 2. Fall. Archiv.de 
physiol. 1874, pag. 621. 


i bildung im Rückenmarke bei Myelitis hämorrhagica und in 
j einem Falle von Tetanus. G o w e r s 26 ) hat gleichfalls pa- 
I thologische Vacuolenbildung gesehen. Döjör ine 27 ) bringt 
sogar die von ihm in einem Falle von progressiver Muskel- 
Atrophie gefundene Vacuolenbildung mit der im Leben am 
Kranken beobachteten Paraplegie in Zusammenhang. Aehn- 
lich äussern sich Kahler und Pick 28 ), welche Vacuolenbil- 
dung bei Compressionsmyelitis in Folge eines Wirbelbruches 
in der Höhe der Halsanschwellung des Rückenmarks con- 
statirten, und zwar nicht allein am Orte des mechanischen 
Druckes, sondern auch in entfernteren Theilen; auf Taf. II 
dieser Arbeit ist die Vacuolenbildung in den Nervenzellen 
sehr deutlich zu sehen. Bei der Besprechung dieser Er¬ 
scheinung sagen die Verff., dass sie wohl schon früher, 
besonders an Greisengehirnen vacuolenenthaltende Gan¬ 
glienzellen gesehen, ihnen aber wegen des geringen Mate¬ 
riales keine pathologische Bedeutung zugeschrieben hätten. 
Im zuletzt beobachteten Falle seien aber die Vacuolen so 
zahlreich aufgetreten, dass sie in ihnen die Ursache einiger 
im Leben beobachteter Erscheinungen, wie z. B. der Para¬ 
plegie sehen müssen (pag. 101). 

Wir finden ausserdem in vielen Handbüchern Hinweise 
auf den pathologischen Charakter der Vacuolenbildung, so 
bei Erb* 9 ), Ziegler 80 ), Rindfleisch 81 ) u. A. 
Endlich ist die Vacuolenbildung im centralen Nervensystem 
experimentell atWThieren hervorgerufen worden, wie wir das 
aus einer Reihe von Arbeiten aus dem Laboratorium des 


M ) Go wers and Sankey: Lancet 1877. M XI (citirt bei Kah¬ 
ler und Pick (s. u.). 

”) D6j6rine: Atrophie mnscnlaire et paraplägiedans nn cas de 
syphilis maligne präcoce. (Arch. de physiol. norm, et pathol. 1876. 
pag. 430. cf. Tab. 20, Fig. 3.) 

>s ) Kahler nnd Pick: Beiträge zur Pathologie nnd patholo¬ 
gischen Anatomie des Centralnervensystems. Leipzig 1879. pag. 90. 
Ueber Vacaolenbildung in den Ganglienzellen .... 

* s ) Erb: Handbuch der Krankheiten des Nervensystems. Leipzig 
1876. Abth. n, pag. 17. 

»») Ziegler: Lebrb. der allgem. und speciellen patholog. Ana¬ 
tomie. Jena 1884. 


3< ) Bindfleiseh: Lehrbuch der pathol. Gewebelehre. Leipzig 
886 . 


1886. pag. 630. 


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102 


Prof. J. P. M i e r s b e j e w s k i **) ersehen können. (Da- 
nillo, Popow, Rosenbach (P.), Tsc h ish , 
Chardin, A n f i m o w). Die Nervenzellen boten hier¬ 
bei in Folge der experimentellen Einwirkung verschiedener 
Noxen auf das Centralnervensystem neben anderen Verän¬ 
derungen auch eine so deutliche Vacuolenbildung, dass sie 
vor Allem die Aufmerksamkeit der Beobachter auf sich zog. 
Jeder dieser letzteren stellte ausserdem Controlunter- 
suchungen sowohl an frisch isolirten, als auch an gehärteten 
Präparaten gesunder Thiere an. Bei der Vergleichung von 
Querschnitten des Rückenmarks sowohl von normalen Thie- 
ren, als auch von solchen, an welchen experimentirt worden 
war (Vergiftung mit Phosphor, Arsen, Atropin und dergl.), 
stellte sich eine bedeutende Verschiedenheit zwischen beiden 
Arten von Präparaten heraus, vor Allem fehlten die Vacuo- 
len in den, gesunden Thieren entnommenen Schnitten, wäh¬ 
rend sie in der anderen Kategorie von Schnitten unzweifel¬ 
haft vorhanden waren. Es ist das Verdienst des genannten 
Laboratoriums, dass in ihm die sorgfältigen Untersuchungen 
und die nicht weniger sorgfältigen, durch einige der Verff. 
mit Zeichnungen illustrirten Beschreibungen dieser Verän¬ 
derungen gemacht worden sind. 

Die oben angeführten Thatsachen sind allem Anscheine 
nach so überzeugend, dass die Vacuolenbildung mit vollem 
Rechte als besondere Form der Degeneration — vacuoläre 
Entartung — (Martini, Cbarcot) oder wenigstens 
als eine Varietät der albumiooiden Degeneration (Mar¬ 
tini, theilweise K a h 1 e r u. A.) aufgefasst werden kann. 
Auf diesem Standpuncte befand sich diese Frage bis zum 
Jahre 1883, als eine Reihe von Arbeiten rasch nach einander 
erschienen, welche der Vacuolenbildung die pathologische 
Bedeutung absprachen. 

Rieb. Schultz 33 ) untersuchte das Rückenmark von 
20, an verschiedenen Allgemeinerkrankungen gestorbenen 
Personen und fand in zweien zwei Ganglienzellen mit 3, resp. 
1 Vacuole. Ein Rückenmark stammte von einem an Lun- 
gentuberculose gestorbenen Greise, das andere von einem 
Manne, der im Leben an Endocarditis mit einer ganzen 
Reihe begleitender Erkrankungen parenchymatöser Organe 
gelitten hatte. Auf Grund dieser Befunde meint Schultz, 
dass die Vacuolenbildung ein durch die Erhärtungsflüssig¬ 
keiten erzeugtes Kunstproduct oder wenigstens eine Leichen- 
ersebeinung sei, weil sie an gesunden Rückenmarken gefunden 
worden sei. Die Structur des Rückenmarkes sei so zart, 
dass es besonders alterationsfähig sei und dass durch die 
Müller ’sche Flüssigkeit die Form seiner Zellen beein¬ 
flusst werden könne. 

Kreyssig 3 *) verificirte die Untersuchungen Da- 
n i 11 o ’s über den Einfluss des Phosphors auf das Nerven¬ 
system, stellte Controluntersuchungen an gesunden Thieren 
an und verglich die mikroskopischen Bilder der beiden Ka¬ 
tegorien von Rückenmarken mit einander. Er negirt im 
Allgemeinen die von D a n i 11 o und Popow gewonnenen 
Resultate und widmet dabei einige Zeilen der Vacuolenbil¬ 
dung. Er fand eine solche nur bei gesunden Thieren und 
hält sie, obgleich er sie, wie er selbst versichert, in unbedeu¬ 
tender Anzahl angetroffen, für ein Kunstproduct. Seiner 
Ansicht nach ist das Kaninchenrückenmark so zart und seine 


3a ) Danillo: Dissertat. St. Petereb. 1881.) 

N. Popow: Dissert. St. Petersb. 1882, I (Rassisch). 

Rosenbach: Dissert. St. Petersb. 1883 .) 

T s c h i sh: Ueber die Veränderungen des Rückenmarks nach Ver¬ 
giftung mit Morphium n. a. Medicin. Beilage zum Marinejournal 
1883. (Russisch). 

Chardin: Ueber Kohlendunsterkrankungen des Nervensystems. 
St. Petersb. 1885. (Russisch). 

Anfimow: Ueoer die Veränderungen im Centralnervensystem 
der Tbiere nach Firnissen. Dissert. St. Petersb. 1887. 

**) Ri c h. S c h u 11 z: Ueber artificielle, cadaveröse und patholo¬ 
gische Veränderungen des Rückenmarks. Nearol. Centralbl. 1883. 
M 23—24. 

**) Kreyssig: Ueber die Beschaffenheit des Rückenmarks bei 
Kaninchen und Hunden nach Phosphor. Virch. Arch. Bd. 102, 
H. 2. pag. 286. 


Consistenz in normalem Zustande so weich, dass es unter 
den Fingern zerfliesst; daher sei es nicht verwunderlich, 
wenn durch die M ül 1 er’sche Flüssigkeit seine Zellen zer¬ 
stört werden. Alle bisher üblichen Erhärtungsmethodeo 
seien nach seinen Erfahrungen nicht zweckentsprechend, am 
wenigsten die Ghromsäure und ihre Salze. 

Flesch und Kon eff 35 ) fanden bei ihren, an den 
Zwischenwirbelganglien,. Rückenmarken und Ganglia Gasseri 
ungestellten Untersuchungen gleichfalls Vacuolen in den 
Zellen gesunder Thiere, am häufigsten peripher, was ihrer An¬ 
sicht nach durch postmortale Schrumpfung des Protoplasmas 
entstehen soll. Zuweilen sahen sie an den Spinalganglien 
eine besondere Erscheinung: es zog sich von dem ge¬ 
schrumpften Zellkörper ein kleines, brückenförmiges Proto¬ 
plasmaplättchen zur Zellencapse! und waren mehrere solcher 
Plättchen vorhanden, so zeigte die Zelle eine periphere Va¬ 
cuolenbildung. Diese hängt bei gewissen Thierarten nach 
ihrer Meinung eng zusammen mit einigen günstigen, in der 
Structur der Zellen selbst liegenden Bedingungen (vergl. die 
Untersuchungen vonLeydig), wenigstens sahen sie die 
Vacuolen häufiger in den Ganglien des Ochsen und des Kal¬ 
bes, als bei andern Tbierspecies und fanden sie sogar die 
Vacuolenbildung selbst an frischen Präparaten, was früher 
nie beobachtet worden ist. 

Fr. S c h u 11 ze **) schliesst sich in einer zusätzlichen 
Bemerkung zum Kreyssig 'sehen Aufsatze der Ansicht 
dieses letzteren bezüglich der Vacuolenbildung, besonders 
in den Ganglienzellen des Kaninchens an. Er sagt: «Offen¬ 
bar wird besonders das schon in frischem Zustande so ausser¬ 
ordentlich weiche Kaninchenrückenmark mit seinen zarten 
Ganglienzellen viel energischer beeinflusst und in seinem 
histologischen Bau alterirt, als wir das bei dem menschlichen 
Rückenmarke zu sehen gewöhnt sind* (pag. 3G0). Wir 
haben früher gesehen, wie Fr. S c h u 11 z e die Möglich¬ 
keit einer Veränderung der Muskelelemente durch die Ein¬ 
wirkung der Chromsalze nicht zulässt, weil weder diese noch 
selbst andere Flüssigkeiten im Stande seien, gesundes Pro¬ 
toplasma aufzulösen. Er hätte wenigstens aut irgend ein 
Zeichen hinweisen müssen, durch welches das «zarte», für 
Härtung mit Chromsäure nicht taugliche Protoplasma von 
einem widerstandsfähigeren unterschieden werden könnte; 

I ein solches Zeichen giebt es aber nicht, weshalb ich hierzu 
weiter unten einige Bemerkungen machen möchte. Uebri- 
gens äussertsich Fr. Schultze zurückhaltender als R. 
Schultz und Kreyssig bezüglich der Vacuolenbildung 
und lässt die Möglichkeit einer deutlicher ausgeprägten und 
reichlicheren Vacuolenbildung in den Zellen kranker Sub- 
jecte zu. 

Endlich hat Trzebinski 37 ) bei der Controlirung der Ar¬ 
beiten von Kreyssig, Flesch u. A. auf Fr. Schultze’s 
Aufforderung im Arnold’schen Laboratorium Unter¬ 
suchungen über die Wirkung verschiedener erhärtender Rea- 
gentien auf die Structur des Rückenmarksgewebes ange¬ 
stellt. Er unterwarf die Rückenmarke einiger gesunder 
Hunde und Kaninchen, einer gesunden Katze und eines mit 
Phosphor vergifteten Kaninchens einer Härtung in M ü 11 er- 
scher Flüssigkeit, in Cbromsäure, in Alcohol und in Subli¬ 
matlösung und fand, dass die Vacuolen ebensowohl in den 
Rückenmarkszellen der gesunden Thiere, als auch in denen 
des vergifteten Kaninchens zu finden waren, nur wurde die 
centrale Vacuolenbildung in gesunden Zellen sehr selten ge¬ 
sehen. Am häufigsten fanden sich Vacuolen an in Chrom¬ 
säure gehärteten Präparaten, nie aber in solchen mit Subli¬ 
mat behandelten. Er zieht aus seinen Beobachtungen den 


3 ‘) Flesch und Koueff: Bemerkungen über die Strnctnr der 
Ganglienzellen. Nenrol. Centralbl. 1886. A» 7. 

33 ) Fr. Schnitze: Zusätzliche Bemerkungen zu dem Aufsätze 
des Herrn Dr. Kreyssig. Vircb. Arch. 1885, Bd. 102, pag. 
299-301. 

3T ) S. T r z e b i n s k i: Einiges über die Einwirkung der Härtungs- 
metboden auf die Beschaffenheit der Ganglienzellen im Rückenmark 

der Kaninchen und Hände.-. Virch. Arcb. 1887. Bd. 107, H. 1. 

Digitizecrby vjVjvJY l\L 



103 


Schluss, dass die Vacuolenbildung ein durch die Einwirkung 
der härtenden Agentien erzeugtes Artefact sei. 

In Anbetracht der im vorhergehenden dargelegten Wider¬ 
sprüche in den Ansichten über die Entstehung der Vacuolen 
in den Nervenzellen unternahm ich, einer Aufforderung des 
Prof. J. P. Miershejewski folgend, Controlunter- 
suchnngen an Gehirn, Rückenmark und Spinalganglien 
gesunder Thiere. Ich benutzte ausschliesslich letztere, 
weil nur normale Gehirne und Rückenmarke ein gewisses 
Interesse für die Vacuolenbildung in den Nervenzellen dar* 
bieten, während das pathologische Bild der Vacuolenbildung 
in den Ganglienzellen von Thieren, welche verschiedenen 
Experimenten unterworfen wurden (Vergiftung mit Phos¬ 
phor, Quecksilber, Atropin u. a.), im Laboratorium des 
Prof. J. P. Miershejewski keiner Anzweifelung mehr 
unterworfen ist. Sehr viele Aerzte, welche in diesem Labo¬ 
ratorium gearbeitet haben, bewahren so überzeugende Prä¬ 
parate auf, dass eine Wiederholung der Experimente voll¬ 
kommen unnütz sein würde. Es muss Einen nur sehr wun¬ 
dern, weshalb Kreyssig und folglich auch Prof. Fr. 
S c h u 11 z e der grosse Unterschied entgangen ist, welchen 
unter dem Mikroskope mit einander verglichene Präparate 
von gesunden und vergifteten Thieren darbieteo. Die Va¬ 
cuolenbildung in den Ganglienzellen von phosphorvergifteten 
Thieren tritt so reliefartig hervor, dass der erste in das Mi¬ 
kroskop geworfene Blick sofort den pathologischen Charakter 
derselben erkennen lässt; ich erhielt ähnliche Bilder nach 
Firnissen von Thieren. 

Ich benutzte zu meinen Untersuchungen gesunde Hunde 
und Kaninchen, welche auf die eine oder die andere Weise 
getödtet wurden, worauf das herausgenommene Gehirn oder 
Rückenmark auf verschiedene Weise gehärtet wurden. Es 
wurden nur die gebräuchlichsten Härtungsflüssigkeiten be¬ 
nutzt und zwar: 1) M ü 11 e r 'sehe Flüssigkeit, 2) 2 %, 3 % 
und 6% Lösungen von Kali bichromicum, 3) ebenso starke 
Lösungen von Ammonium. bichromicum, 4) 0,002% und 
0,003 % Lösungen reiner Chromsäure, 6) E r 1 i t z k i ’sche 
Flüssigkeit (2% Kali bichromicum und 0.25—1% Cuprum 
sulfuricum, 6) Spiritus Vini. Das heraäsgenommene Ge¬ 
hirn oder Rückenmark zerschnitt ich gewöhnlich in mehrere 
Stücke, von welchen ich je einige in die verschiedenen Flüs¬ 
sigkeiten einlegte, wodurch ich Gelegenheit erhielt, die Ein¬ 
wirkung verschiedener Reagentien auf ein und dasselbe Ge¬ 
hirn, resp. Rückenmark und die mikroskopischen Bilder 
zu studiren. Von jedem Stücke nahm ich aber einzelne 
frische Theile, welche einfach zerzupft und bei geringen 
Vergrösserungen untersucht oder nach Ran vier ver¬ 
kleinert mit Carrain und 1—2 Tropfen einer 1 % Osmium¬ 
säurelösung geschüttelt wurden. Die Schnitte wurden mit 
den Mikrotomen von Fritsch, Schanz und zuweilen 
von L o n g angefertigt, meistentheils mit neutralem Carmin, 
zuweilen aber mit Metbylgrün, Bleu de Quinolein, Eosin 
u. a. gefärbt. 

Meine ersten Untersuchungen datiren aus dem Frühjahre 
1886, wo ich an Rückenmärken von Hunden arbeitete, 
während ich im August 1887 Kaninchenrücken marke vor¬ 
nahm; im Ganzen gaben 6 Hunde und 3 Kaninchen den 
Stoff zu meinen Untersuchungen her. Als Beispiele führe 
ich einige Protokolle an. 

I. Versuch. 8. Mai 1886. Junger, weisBfelliger Hund 
wurde durch Herzstich getödtet, sofort secirt und das fast 
noch warme Rückenmark in Stücken in die oben genannten 
Flüssigkeiten eingesenkt, welche anfangs täglich, später über 
einen Tag u. s. w. gewechselt wurden. Am 24. Mai wurden 
die ersten Schnitte aus der, in E r 1 i t z k i ’scher Flüssig¬ 
keit befindlichen Halsanschwellung gemacht, also nach etwas 
über 2 Wochen; es gab diese Flüssigkeit gute Härtung; am 
27. Mai wurden Schnitte aus den in Cbromsäurelösung ge¬ 
härteten Theilen, nach 4 Wochen aus den in Kali bichromi- 
cutn und Mülle r’scher Flüssigkeit befindlichen Stücken 
augefertigt; die Präparate aus Ammonium-bicbromicumlö- 
bung waren erst nach 6 Wochen schnitttauglich. Die Spi¬ 


rituspräparate Hessen sich überhaupt schlecht schneiden, die 
Dauer der Härtung blieb hierbei fast ohne Einfluss. 

II. Versuch. 15. Mai 1886. Grosser schwarzer Hund 
wird durch Verblutung getödtet, durch die geöffnete Carotis 
communis wurde mittelst einer Canüle alles Blut herausge¬ 
lassen. Der Tod erfolgte nach 15 Minuten unter starken 
Krämpfen des Rumpfes und der Extremitäten. Das Rücken¬ 
mark wurde demselben Erhärtungsmodus unterworfen. 

V. Versuch. 20. Juni 1886. Grosser gelber Hund durch 
Chloroformirung getödtet, starb sehr rasch unter starker 
Narcose. Erhärtungsmodus derselbe. 

VIII. Versuch. 23. August 1887. Grosses, weisses, 
männliches Kaninchen durch Herzstich getödtet, Tod fast 
plötzlich, das warme Rückenmark wurde, wie schon ange¬ 
führt-, gehärtet. 

Ich habe diese Versuche deshalb angeführt, weil es mir 
schien, dass die verschiedenen Todesarten und die prämor¬ 
talen Erscheinungen nicht ohne Einfluss auf die mikrosko¬ 
pischen Bilder des Centralnervensystems bleiben dürften. 
Diese Voraussetzung bat sich in Bezug auf die Nervenzellen 
nicht bewahrheitet, es wurde an ihnen nichts Besonderes 
beobachtet. Nach dem Tode durch Chloroform und Ver¬ 
blutung wurde hier und da Austritt von weissen Blutkör¬ 
perchen constatirt. Hauptsächlich habe ich aber meine 
Aufmerksamkeit auf die Nervenzellen und die Vacuolenbil¬ 
dung in ihnen gerichtet und lege jetzt die von mir in dieser 
Hinsicht gewonnenen Resultate vor. 

Auf frischen, zerzupften oder nach R a n v i e r bearbei¬ 
teten Präparaten zeigten sich Eehr ccbön gefärbte Zellen 
mit vielen Ausläufern und ohne jegliche Andeutung von Va¬ 
cuolen (vergl. die Beobachtungen von F1 e s c h und K o - 
n e f f), mit einem Worte, sowohl die aus der Halsanschwel¬ 
lung des Rückenmarks, als auch die aus dem Gehirn von 
Kaninchen und Hunden stammenden Zellen waren ganz 
normal und gesund. 

An den, nach verschiedenen Methoden gehärteten Präpa¬ 
raten fand ich Folgendes: 

Die Schnitte aus Präparaten, welche in Kali bichromicum, 
Ammon, bichromic., Müller ’seber und E r 1 i t z k i’scher 
Flüssigkeit und theilweise in Alcohol gehärtet worden waren, 
boten niemals eine sogen, centrale Vacuolenbildung im 
Zellkörper dar. Sehr selten wurden periphere Usuren ge¬ 
sehen, welche man, nach Vorgang einiger Autoren, als pe¬ 
riphere Vacuolen bezeichnen kann und die an Rückenmarken 
vergifteter Thiere und bei Myelitis und dergl. beobachtet 
worden sind. Ich werde mich nicht weiter bei dem Unter¬ 
schiede in Färbung verschiedener Zellen, den Veränderun¬ 
gen an der streifigen Structur u. a. aufhalten, weil solches 
nicht in mein Programm gehört. 

Etwas deutlicher war die Einwirkung der Chromsäure auf 
die Nervenzellen. Erstens waren die pericellulären Räume 
deutlicher ausgeprägt als bei Anwendung anderer Härtungs¬ 
mittel, zweitens aber traf man an den Zellen häufiger peri¬ 
phere Usuren, welche man mit einigem guten Willen für 
deutliche periphere Vacuolenbildung halten konnte; man 
hätte übrigens diese Erscheinung eher als eine <Andeutung 
auf Vacuolenbildung» auffassen können, wie sich Prof. 
S c h u 11 z e (1. c.) bei Erwähnung der Veränderungen an 
den musculösen Elementen gesunder Subjecte durch die vor¬ 
läufige Bearbeitung der Präparate ausdrückt. Es versteht 
sich aber von selbst, dass diese Erscheinung nichts mit der 
echten Vacuolenbildung gemein hat, sie ist schon lange be¬ 
kannt und niemals als pathologisch aufgefasst worden. Beim- 
Schneiden mit dem Mikrotom kann man nicht darauf rech¬ 
nen, dass die Schnittfläche in Bezug auf die eine oder die 
andere Zelle ideal ausfalle, der Zellenkörper kann vom 
Schnitte im Winkel getroffen werden, es kann ein zum 
Schnitte rechtwinklig stehender Protoplasmafortsatz ab¬ 
brechen und dann eine Usur setzen, welche eine periphere 
oder auch selbst eine centrale Vacuole vortäuschen kann. 
Kurz, es können eine Menge Bedingungen Vorkommen, 
welche das Zustandekommen peripherer Usuren oder Va- 


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104 


coolen beeinflussen, doch muss ich hinzufügen, das letztere 
überhaupt in nur geringer Menge vorhanden waren und dass 
möglicherweise auch die Chromsäure selbst nicht ohne Ein¬ 
fluss auf die Zellen geblieben ist, worüber seiner Zeit schon 
S t i e d a u. A: Mittheilungen gemacht haben. 

Auf Grund meiner Untersuchungen behaupte ich nun, dass 
die Frage über die pathologisch anatomische Herkunft der 
im Laboratorium des Prof. J. P. M i e r s h e j e w s k i so 
sorgfältig studirten Vacuolenbildung keinem Zweifel mehr un¬ 
terliegt. Die widersprechenden Ansichten von R. S c h u lt z, 
Ereyssig, Fr. Schultzeu. A. können meiner An¬ 
sicht nach die schon längst klargestellte Frage über die 
Entstehung der Vacuolen in den nervösen und anderen 
Zellen nicht verändern. Ich werde die Arbeiten der ge¬ 
nannten Autoren weiter nicht berücksichtigen, weil dieses 
schon von P. Ro se n b ac h 88 ), Pick 88 ) und Pe cke r 40 ) 
geschehen ist und begnüge mich mit einigen Bemerkungen. 

Alle diese genannten Autoren finden den Grund der Ver¬ 
änderungen in den Nervenzellen in Folge der Einwirkung 
der erhärtenden Flüssigkeiten hauptsächlich darin, dass das 
Rückenmarksgewebe, besonders solcher Geschöpfe, wie das 
Kaninchen, sehr zart sei. So behauptet u. A. R. Schultz, 
dass das menschliche Rückenmark, Dank der Zartheit seines 
Baues, besondere Bedingungen für die Alterationsfäbigkeit 
darbiete, was Fr. S c h u 11 z e , wie wir oben gesehen haben, 
auch für das Kaninchen beansprucht; ähnlicher Ansicht 
sind Kreyssigu. A. Indessen beruht diese «problema¬ 
tische Zartheit» der Rückenmarkssubstanz meiner.Ansicbt 
nach auf einem Missverständnisse, wenigstens hinsichtlich 
der Erhärtungsflüssigkeiten. Interessant wäre es zu wissen, 
wie die genannten Autoren das Verhältniss der zarten Ge¬ 
hirnsubstanz zu den Erhärtungsflüssigkeiten sich denken? 
Verstehen sie unter Zartheit eine verminderte chemische 
Widerstandsfähigkeit und eine Neigung des Gehirngewebes 
zum Zerfalle unter der Einwirkung rein chemischer Agen- 
tien, so ist dieses kaum richtig. Thudichum 41 ) sagt, 
dass bei der gewöhnlichen Weise das Gehirn durch Spiritus 
(85 % Metbylalcohol oder gewöhnlicher 60—95 % Spiritus) 
zu erhärten, in den von den Präparaten abgegossenen und 
im Wasserbade abgedampften Portionen keine speäfischen 
Gehimbestandtheile, sondern nur einige Extractivstoffe und 
Salze enthalten seien (pag. 87). Thudichum sagt fer¬ 
ner, dass man häufig behauptet hätte, dass die Gehirnbe- 
standtheile wenig widerstandsfähig seien, er habe sich aber 
bei näherer Bekanntschaft mit den einzelnen Stoffen von der 
Grundlosigkeit einer solchen Behauptung überzeugt. Man 
muss ausserdem die Art kenden, in welcher Thudichum 
das Gehirn behufs chemischer Analyse zerkleinert. Er sagt, 
dass man aus einem unvollkommen zerkleinerten Gehirn 
keinen vollständigen Auszug aus den unmittelbaren Bestand¬ 
teilen erhalte (pag. 88). Schliesslich müsste, wenn von 
dem schädlichen Einflüsse der erhärtenden Flüssigkeit auf 
das zarte Rückenmarksgewebe geredet wird, die chemische 
Veränderung bezeichnet werden, welche das Gewebe z. B. 
durch die Chromsäure erleidet; dieses ist aber, so viel ich 
weiss, noch nicht bekannt und meint man, dass hierbei ein 
der Gerbung ähnlicher Process vor sich gehe. Sehen aber 
die genannten Autoren in der «Zartheit* der Gehirnstructur 
rein physikalische Eigenschaften, wie Dichtigkeit, Elasti- 
cität u. 8. f., so ist es kaum gestattet, bei der Erhärtung 
von diesen Eigenschaften zu sprechen, weil man hierbei die 
Präparate vorsichtig überträgt, in der Flüssigkeit nicht 
schüttelt und nach Möglichkeit eine Zerrung des Gewebes 


**) P. Rosenbach: Ueber die Bedeutung der Vacuolenbildung 
in den Nervenzellen. Neurol. Centralbl. 1884. JS 3. 

**) Pick: Bemerkungen zu dem Aufsatze.von B i c h a r d 

Schultz. Neuroh Centralbl. 1884. N 2. 

*°) Pecker: Kritische Bemerkungen betreffs der Bedeutung von 
Kunstproducten ..... im .Centralnervensystem. Westnik Psichia- 
trii i Newropathologii. 1886. 1. Lief., pag. 118. (Russisch). 

**). Thudichum: Physiologische Chemie des Gehirns. Aus dem 
Englischen Übersetzt von Dr. Lion. pag. 87. 


vermeidet. Ausserdem stellt die Zartheit des Rückenmarks¬ 
gewebes auch in rein physikalischem Sinne einen relativen 
Begriff dar, da uns Dichtigkeit und Elasticität der Nerven¬ 
zellen und der Axencylinder unbekannt sind. Berücksich¬ 
tigen wir das Verhalten der Nervenstämme, ferner der Ar¬ 
terien und Muskeln in Bezug auf ihre Tragfähigkeit, so 
finden wir, dass der Coefficient des Reissens bei den Nerven 
ein viel grösserer, als bei den Muskeln und Arterien ist: die 
Nerven reissen bei 135,000, die Arterien bei 13,700, die 
Muskeln aber bei 4500 Grammen Belastung (berechnet auf 
1 DCtm. Querschnitt 48 ). Betrachten wir nun die Dichtig¬ 
keit des Rückenmarks, so zerfliesst es nach Ereyssig 
unter den Fingern, und doch sind Axencylinder und Myelin 
der Nervenstämme mit den Nervenfasern und dem Myelin 
des Centralnervensystems identisch. Welche Bedeutung 
kann nun die «Zartheit» des Rückenmarksgewebes im Sinne 
der genannten Autoren haben? Offenbar hätten sie vom 
zarten Bau der Neuroglia und nicht von dem der Rücken¬ 
markszellen reden sollen. Aus den angeführten Zahlen ist 
es klar ersichtlich, dass die Dichtigkeit durch das Bindege¬ 
webe bedingt wird; die Intercellularsubstanz der Nerven¬ 
stämme ist unvergleichlich gröber als die Neuroglia des 
Rückenmarks, deshalb können wir doch nicht sagen, dass 
das Protoplasma der Nervenzellen und des Knorpelgewebes 
weniger zart sei, als das des epithelialen, was hätten aber 
E r e y s 8 i g und Schnitze beim Vergleiche des Knorpel¬ 
gewebes mit dem Rückemarksgewebe gesagt? 

Ich bin natürlich weit davon entfernt, die von Fr. 

S c h u 11 z e u. A. in normalen Rückenmarken beschriebene 
Vacuolenbildung abzuläugnen, doch meine ich, dass diese 
eine eiofache Zufälligkeit oder, wenn man sich so ausdrücken 
darf, eine zufällige pathologische Erscheinung darstelle. Es 
konnten ja in dem vollkommen gesunden Rückenmarke des 
Hundes oder des Kaninchens 2—3 Zellen krank sein und 
eine centrale Vacuolenbildung darbiaten und unter das Mi¬ 
kroskop gelangen. Vielleicht waren aber auch diese Zellen 
gesund, befanden sich jedoch in einer solchen Entwicke¬ 
lungsphase, in welcher der Zellenkörper viele widerstands¬ 
lose oder «passive» (Brass) Stoffe enthielt, wie etwa die 
Dotterkugeln im Nabrungsmateriale der sich bildenden 
Zelle. Mir scheint es, dass die Vacuolen in den krankhaft 
veränderten Zellen sich gleichfalls durch Zerfall und Auf¬ 
saugung des entarteten Productes im Zellenprotoplasma 
bilden. Die Vacuolenbildung kann aber, abgesehen von der, 
durch irgend einen krankhaften Process gesetzten Verände¬ 
rung im Zellenkörper, sich aus den Hohlräumen entwickeln, 
welche nach L e y d i g ’s Untersuchungen sich normaliter in 
dem Zellenkörper befinden und die Secreträume darstellen. 
Unter gewissen Bedingungen, z. B. beim Hungern kann das 
in diesen präformirten Hohlräumen befindliche Material ver¬ 
braucht werden, was eine Rarefaction des Zellenkörpers nach 
sich zieht. 

Zum Schlüsse halte ich es für nöthig, einige Worte über 
die Rolle zu sagen, welche die weissen Blutkörperchen bei 
der Vacuolenbildung spielen sollen. Nach den Beobach¬ 
tungen von L a w d o w s k i (I. c. pag. 72) können die Im¬ 
pressionen auf den Zellen von dem Hinüberwandern der Leu- 
cocyten über dieselben herstammen. Die Anwesenheit 
weisser Blutkörperchen in pathologisch veränderten Zellen 
ist von L. Popow 48 ) constatirt worden, wird aber von ihm 
in einer Weise erklärt, welche nicht mehr mit den neuesten 
Ansichten über Leucocyten übereinstimmt. A. F. Er- 
litzki hat gleichfalls den Eintritt weisser Blutkörperchen 
in den Zellenkörper constatirt; unter anderem bildet er auf 
einer dem Aufsatz beigegebenen Tafel ein Prachtexemplar 
einer halbzerstörten vacuolisirten Zelle ab, welche ein weisses 


**) Prof. Jegorow: Grundlage der medicinischen Physik. St. 
Petersburg 1886. I. Lief., pag. 75. (Russisch^ 

43 ) L. Popow: Ueber Veränderungen im Gehirn bei Abdomin&l- 
typhus und traumat. Entzündung. Virch. Archiv. .1875. Bd. 63. 


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105 


Blutkörperchen enthält Endlich hat Dr. L o m i n s k i **) 
das Rückenmark von Hunden und Fröschen untersucht, in 
welchem er künstlich durch ein eingeführtes Haarseil Ent¬ 
zündung hervorgerufen hatte; hierbei fand er sehr deutliche 
Väcuolenbildung in den Ganglienzellen. Dabei konnte er 
consequent die Entwickelung der Vacuolen während der 
verschiedenen Entzündungsstadien verfolgen. Anfangs sah 
er das Eindringen von Leucocyten in die Zellensubstanz, 
welche sich trübte, ihre Faserigkeit verlor u. s. w. In der 
Folge vergrösserte sich allmälig die Zahl der weissen Blut¬ 
körperchen und erschienen im Protoplasma der Zelle gleich¬ 
zeitig runde Defecte, welche den Lacunen in resorbirt wer¬ 
denden Knochen glichen. Diese Defecte stellen sich, seiner 
Ansicht nach, als typische Vacuolen dar. Der Autor meint, 
dass die Leucocyten in den veränderten Zellen als Phago- 
cyten Prof. Metschnikow’s auftreten, d. b. die verän¬ 
derte Zellensubstanz aufsaugen und auf diese Weise Va¬ 
cuolen produciren. 

Prof. Metschnikow giebt in der That viele That- 
sachen an, welche die Voraussetzungen L o m i n s k i ’s 
stützen; er bat beobachtet, dass «die Phagocyten sowohl 
fremde, als auch abgestorbene und abgeschiedene Elemente 
des Organismus verzehren». 

Wie weit diese Voraussetzung von der Entstehung der 
Vacuolen auf diesem Wege richtig sei, wird die Zukunft 
lehren. 


Referate. 

P. M. Awtokratow: Ueber den Einfluss der Exstirpation 
der Schilddrüse bei Thieren auf das Centralnerven- 

8 yStern. Vorlänfige Mittheilnng ans der Klinik dea Prof. 

Miershejewski. (Wratsch 1887. 45 sqq.). 

Verf. giebt zuerst ein topographisch-anatomisches Expose über die 
Lage der Schilddrüse, da diesbezüglich Irrthümer vorgekommen seien 
(Kauffmann , Tauber, Zesas). Dann geht er zur Beschreibung 
seiner Experimente (an Hunden) über. 

Vorhergehende Wägung der Thiere, Bestimmung von Temperatur, 
Puls, Respiration, galvanischer Erregbarkeit der peripheren Nerven, 
des physischen und psychischen Zustandes. Bei einigen Hunden 
wurde vorher noch die elektr. Erregbarkeit der Hirnrinde bestimmt. 
Die Exstirpation der Schilddrüse erfolgte erst nach vollständiger 
Heilung der Trepanationswunde. In diesen Fällen wurde einige 
Tage nach dem Auftreten der Erkrankungserscheinungen in Folge 
■der Exstirpation die Trepanation auf der anderen Schädelhälfte aus¬ 
geführt und das correspondirende Gebiet des Gehirns auf die elektr. 
Erregbarkeit geprüft. Bei zwei Hunden wurde die Schilddrüse in 
zwei Malen exstirpirt. Die partielle Exstirpation wurde anstandslos 
verwunden, nach der Exstirpation der zweiten Hälfte der Drüse Er¬ 
krankung, wie bei den anderen Hunden, denen die ganze Schilddrüse 
mit einem Male exstirpirt war. Operation ohne Narcose , unter an- 
tiseptizchen Cantelen. Schnitt 8—10 Cm. lang in der Medianlinie. 
Sorgfältige Unterbindung. 3—4 Nähte. Fast überall anstandslose 
Vernarbung in 4—5 Tagen. 

Nur ein Hund von den 14 Experimentthieren, denen die Totalex¬ 
stirpation der Drüse gemacht war, blieb am Leben. Die anderen 
gingen vom 7.—16., meist am 9.—10. Tage zu Grunde.- Doch auch 
dieser Hund ist nicht gesund geblieben. Jetzt, 47* Monate nach 
der Operation, ist er schlaff, schläfrig, apathisch (9 Stunden lang, 
ohne sich zu rühren, dasitzend), fast gar nicht anf Reize reagirend; 

, Defluvium capillorum greisenhaftes Aussehen, sonst gute Ernährung. 

Die übrigen Hunde wurden vom 3. Tage oder von Ende des 2ten 
schlaff und verloren ihre frühere Rührigkeit. Der Gang ungelenk, 
Bewegungen unsicher, Verlust des activen Willens. Am 3. Tage 
Muskelzittern der hintern Extremitäten, der Schläfemuskulatur und 
der der Zunge verschiedenen Grades, dann auch des ganzen Körpers. 
Die Untersuchung mit dem M a r r e y ’schen Apparat ergiebt ein 
Myogramm tonischer Krämpfe, di i durch clonische leichtern Grades 
unterbrochen werden. „Im Beginne des Krampfparoxysmus befinden 
sich die Muskeln im Zustande tonischer Contraction, wobei Zuckun¬ 
gen einzelner Muskelbündel beobachtet werden. Darauf nimmt die 
Dauer des tonischen Krampfes ab und es folgt eine Periode der Ruhe, 
die durch Muskelzittern unterbrochen wird. Bei der Abnahme des 
Krampfparoxysmus sieht man in den Muskeln ein rhythmisches 
Zittern mit Unterbrechungen von verschiedener Daner, von 1 bis zu 
10 Stunden. Die Zahl der Erzitterungen beträgt 8—10 in der 
Seonnde a . 

Verf. findet darin Aehnlichkeit mit den Formen der Basedow- 
schen Krankheit, wie sie Pierre Marie 1883 beschrieben hat. 


v u ) Lominski: Zur Lehre von der Degeneration der Nerven¬ 
zellen. Wratsch 1884. Ji 7. 


Auf einen solchen Paroxysmus folgt eine Pause von einigen Stun¬ 
den bis zu einem ganzen Tage, während der die Hunde jedoch nicht 
gesund erschienen. Dann tritt wieder der obige Paroxysmus, ge¬ 
steigert bis zu epileptischen Anfällen auf. Zuweilen der Tod wäh¬ 
rend dieses Anfalles oder aber allmälig unter allgemeiner Entkräf¬ 
tung. 

Allmälige Gewichtsabnahme vom 2. Tage an bis zu 5 Pfund in 
16 Tagen, obgleich die Hunde fressen. Der Puls während des An¬ 
falls beschleunigt bis zu 150 —160 in der Minute, arythmisch. 
Athmung beschleunigt. Temperatur normal oder kaum um 4° C. 
erhöht, 2—3 Tage vor dem Tode subnormal. Die Erregbarkeit der 
Hirnrinde erhöht; die elektrische Reizung der correspondirenden 
Partie der Rinde, die vor der Operation keinen epileptischen Anfall 
auslöste, verursacht nach der Operation schon während der ersten 
Krankheitserscheinungen schwere und anhaltende epileptische An¬ 
fälle. Die galvanische Erregung der peripheren Nerven wird stärker 
einige Stunden , ja einen ganzen Tag vor dem Zittern , wird aber 
darauf wieder geringer in der drauffolgenden anfallsfreien Pause u . 
Einige Mal wurde Conjunctivitis, einmal eitrige Keratitis beobachtet, 
ausserdem bei den meisten Hunden 3—4 Tage nach der Operation 
dünflüssige, äusserst stinkende Darmentleerungen. Alle diese Er¬ 
scheinungen waren nicht in toto bei jedem Experimente in gleicher 
Stärke, im Ganzen war das Bild aber ein einheitliches. 

DieSection, besonders bei den Hunden, wo die Anfälle stark waren, 
ergab Blutreichthum der Gefässe der Dura, ebenso des Gehirns, der 
Intervertebralgefässe der Hals- und Lendenwirbel. Im Wirbelcanal 
fanden sich zwischen Periost und Dura Blutextravasate. Das Rücken¬ 
mark zeigte makroskopisch keine Veränderungen. Die inneren 
Organe bis auf einen zuweilen bestehenden Dickdarmcatarrh mit 
oberflächlichen, punctförmigen Extravasaten oder in anderen Fällen 
einer leichten Anämie, unverändert. Milz normal, die Hypophysis 
cerebri auch wenig verändert. — Am Halse auch kein wesentlicher 
Befund. 

Auf diese Data hin ist Verf. geneigt anzunehmen, dass der Schild¬ 
drüse eine specielle Function eigen sei, deren Verlust eine ganze 
Reihe nervöser Störungen verursacht, die abgesehen von anderen 
concomitirenden Erscheinungen sich durch Krämpfe, erhöhte elek¬ 
trische Erregbarkeit der Hirnrinde (worauf schon Horsley hinge¬ 
wiesen hat) und erhöhte galvanische Erregbarkeit der peripheren 
Nerven äussert. Zugleich ist auch auf das Factum hinzuweisen, dass 
zwischen den Paroxysmen ganz von stürmischen Erscheinungen 
freie Intervalle existiren u . In dieser Periodicität sieht Verf. einen 
Hinweis darauf, dass bei Functionsaufhebung der Schilddrüse im 
Organismus sich irgend ein Gift entwickele, welches sog. cumulirende 
Wirkung besitze". 

Die genauere Analyse und die Resultate der mikroskopischen Unter¬ 
suchung der Centralorgane verspricht Verf. in einer weiteren Arbeit 
genauer darlegen zu wollen. N. 


Reiersen: üeber die Behandlung von Nasendiphteritis. 

(Nordiskt Med. Ark. Bd. XIX). 

Da es in vielen Fällen, namentlich bei Kindern sehr schwer ist die 
Nase mit desinficirenden Flüssigkeiten durchzuspritzen, so hat Verf. 
Bacilli aus Borsäure und Cocain machen lassen. Diese werden so 
tief in die Naslöcher eingeführt, dass sie aus den Choanae posteriores 
herausragen. Sie wirken nach Ansicht des Verf. sowohl durch den 
Druck, den sie ausüben als auch durch die desinficirenden Eigen¬ 
schaften der Borsäure, die beim Schmelzen der Stäbchen sich senkt 
und auch noch im Magen ihre desinficirende Wirkung auf die ver¬ 
schluckten Membranen Fortsätzen kann. Buch (Willmanstrand). 


Lemoine: Ueber die Temperatur in den einzelnen epilep¬ 
tischen Anfällen. (Progrds mädic. 1888. J# 5). 

Bourneville 1 ) hatte vor einiger Zeit in mehreren Publicationen 
die Thatsache festgestellt, dass während eines epileptischen Anfalls 
die centrale Körpertemperatur erhöht sei, was von Witkowski*) 
bestritten wurde. Nachd elf der Artikel des letzteren erschienen 
yrar j hat Bourneville über 200 Fälle veröffentlicht, welche seine 
Ansicht stützten. Um diesen Widerstreit der Meinungen aufzu¬ 
klären, hat L e m o i n e in der Irrenanstalt zu Armentidres an gegen 
200 Epileptikern Beobachtungen in dieser Richtung angestellt und 
zieht aus der, der vorliegenden Abhandlung beigefügten Tabelle von 
182 Beobachtungen folgende Schlüsse: 

1) Die epileptischen Anfälle steigern die Körpertemperatur, meist 
nur in den Grenzen 0,1°—1,5°, im Mittel 0,7°. 

2 ) Selten übersteigt die Temperatur während des Anfalls 39,0°. 

3) Die Temperatur während des Stertors beträgt ziemlich oft 36,0°. 
36,4°, was aber von einer niedrigen normalen Körpertemperatur und 
nicht von einem wirklichen Sinken derselben während des epilepti¬ 
schen Anfalls abhängt. 

4) Ein und derselbe Kranke kann eine verschiedene Temperatur 
bei den verschiedenen Einzelanfällen darbieten, es kann in dieser 
Beziehung eine grosse Unregelmässigkeit herrschen und bietet selten 
ein Epileptiker dieselbe Temperatursteigerung während verschiedener 
Anfälle. 


*) Bourneville: £tudes cliniques et thermomötriques sur les 
maladies du Systeme nerveux. Paris Delahaye 1872 fascic. II. — Pro- 
grds mddic. 1886. Ni 48 et 49 u. Arch. de neurol. 1888. 

*) Witkowski: Berlin, klin. Wochenschr. 1886. Ni 43 u. 44. 


e 




106 


5) Die Abhängigkeit der Temperaturerhöhung von dem Anfalle 
wird durch den Umstand bewiesen, dass die Temperatur häufig nach 
abgelanfenem Paroxysmns rasch fällt und selbst nach Verlauf einer 
Viertelstunde um ein Grad niedriger sein kann, als während des ster- 
torösen Stadiums. 

In einer redactionellen Bemerkung zu dem vorliegenden Artikel 
macht Bourneville darauf aufmerksam, dass er bereits in seiner 
oben citirten Arbeit auf die differentiell-diagnostische Bedeutung 
der Temperatursteigerung zwischen wahrer und simulirter Epilepsie 
aufmerksam gemacht bat und dass seine Behauptung von G o 11 a r d i 
(sur le diagnostic difförentiel entre Epilepsie vraie et l’dpiiepsie simu- 
löe in Arcb. mäd. beiges 1880 T. XVII. p. 323) bestätigt wird. Hz. 

E. Haudelin (Tiflis): Ein Fall von Lepra mixta. (Pmo- 

colle der Kaukasischen med. Gesellschaft. 1887—88. M 8). 

Während auf dem Gebiet der Lepra-Frage in den Ostseeprovinzen 
reges Leben herrscht 1 )) erfahren wir über die Lepra in Süd-Kussland 
kaum etwas. Die einzige Arbeit der letzten Jahre (Münch)giebt 
die Zahl der Leprösen in Süd-Bussland auf 139 an (eine entschieden 
viel zu gering gegriffene Ziffer). Um so dankenswerther ist es, dass 
ein so tüchtiger Forscher, wie Haudelin, sich der Frage annimmt. 
Bereits 1860 berichtete K o s 1 o w s k i über 95 Fälle im Terek-Gebiet 
des Kaukasus; seither hat man aber keine weiteren Nachrichten 
darüber. Um nun das Interesse für Lepra im Kaukasus zu wecken, 
stellte H. in der 8itzung des Kauk. med. Vereins am 16. Sept. 1887 
einen Lepra-Patienten vor und demonstrirte die mikroskopischen, 
bacillenhaltigen Präparate aus den Knoten und einer Inguinaldrüse 
des Pat. Es handelte sich um den 26-jäbrigen Armenier Chodar 
Chodawerdow aus dem Dorf Nasarahad (Kreis Nachitschewan). Die 
Eltern sind gesund und Pat. will auf einer seiner stetigen Fahrten 
als Fuhrknecht vor einigen Jahren erkrankt sein. Zuerst zeigten 
sich Knoten an den Ellbogen, dann an den Knien, worauf sie auch 
an den Lippen erschienen. Zuerst trat an den Händen und Füssen 
Hyperaesthesie, dann Anaesthesie auf. Stat. praes. Körperbau gut. 
Fettgewebe gering. Facies leonina, die Nase eingefallen, Bart una 
Augenbrauen geschwunden, ulcerirte Knoten an den Extremitäten, 
der weiche Gaumen fehlt zum Theil, Larynz afficirt, das ganze Ge¬ 
sicht und der grösste Theil der Extremitäten anästhetisch, dieTesti- 
kel mit Knoten durchsetzt, das Sexualgefühl seit3 Jahren geschwun¬ 
den. Des Weiteren giebt H. einige Daten über die Ausbreitong der 
Lepra in anderen Ländern und erinnert an die Thatsache , dass im 
13. Jahrhundert in Europa ca. 19000 Leproserien bestanden, denen 
es wohl zu verdanken, dass man die Lepra dort ausgerottet hat. Im 
Kaukasus bat eine Leproserie in der Staniza Naursk bei J^jatigorsk 
bestanden, sie wurde jedoch aufgehoben, weil man glaubte Lepra sei 
nicht infectiös, sondern erblich. 

An den Vortrag H a u d e 1 i n ’s knüpfte sich folgende Debatte : 

Dr. Korona meint, derartige Autoritäten wie Tarnowski und 
Sperk halten Lepra nicht für infectiös, sondern erblich. Die sta¬ 
tistischen Daten sprechen nicht für Infectiosität, denn die Zahl der 
Leprösen wächst allmälig durch die allgemeine Zunahme der Be¬ 
völkerung und oft werden auch Syphilitiker als Lepröse angesehen. 
Desgleichen spreche gegen Infection , dass Lepröse oft (?) gesunde 
Kinder geboren, wenn sie nicht in Lepra Gegenden wohnen. 

Dr. Haudelin bekämpft entschieden die ausgesprochene Ansicht, 
dass die Zahl der Vermehrung der Bevölkerung zunehme. 

Dr. Korona giebt die Möglichkeit der Infection per conta- 
gionem zu. 

Dr. Krassnogljadow hält die Infectiosität nicht für bewiesen. 
Bereits in den 20-er Jahren habe Prof. Kal i nski in Persien darü¬ 
ber Nachforschungen angestellt und nach negativem Resultate die Le¬ 
prösen ausderLeproseriebelreien lassen, da sie dort psychisch leiden. 

Dr. B. Tel jafuss theilt mit, dass man in Persien die Leprö¬ 
sen für so infectiös halte, dass man sie ans den Städten treibt, jdee 
Berührung vermeidet und ihre Sachen verbrennt. 

Dr. M. Myschkin fügt hinzu, dass in einer leprösen Gegend bei 
Samarkand die Eingeborenen die Lepra für äusserst infectiös halten. 
Während seines Aufenthaltes daselbst erinnert er sich einen Fall von 
Infection gesebeu zu haben ; es inficirte sich der Commandeur eines 
Schützen-Batallions und zog nach St. Petersburg fort, Hess sich dann 
in Pjatigorek behandeln und starb nach 12-jähriger Krankheit. P. 


Bücher-Anzeigen und Besprechungen. 

Harnack: Die Gründzfige der Chemie für Aerzte und 
Studenten, auch als Leitfaden für das Studium der 

Chemie. Ru88. Uebers. von J. Lamansbi. St. Petersbarg, 
K. Kicker 1887. VI. 8t 8. 

Wir sind wiederum der rührigen und thätigen Verlagsbuchhand¬ 
lung zu grossem Danke verpflichtet dass sie dieses prächtige Werk- 
chen dem russischen ärztlichen Publikum durch eine gute Ueber- 
setzung zugänglich macht. Wie der Verf. in der Vorrede richtig 
bemerkt, liegen die chemischen Kenntnisse der meisten Aerzte sehr 
im Argen und soll das vorliegende Buch diese Lücken ausfüllen, was 
es auch im vollsten Maasse thut. Die Grundzüge der Chemie sind 
in knapper, aber sehr klarer Form dargelegt, so dass man das Büch¬ 
lein mit Vergnügen und vielem Nutzen liest; es sei hiermit warm 
empfohlen. Hz. 

4 ) Ein ausführliches Referat darüber folgt in N» 13, 


H. v. Ziemssen: Klinische Vorträge VII. die Neurasthenie 
und ihre Behandlung. Leipzig Vogel 1888. 34 S. 

Sehr klare und recht ausführliche Darstellung der betreffende» 
Krankheit und deren Behandlung; der Vortrag wird gewiss von 
Vielen mit Vergnügen und Nutzen gelesen werden; Neues bringt er 
nicht, doch fasst er das bisher Bekannte und therapeutisch Bewährte 
sehr gut zusammen. Hz. 

Biographisches Lexicon der hervorragenden Aerzte aller Zeiten 
und Völker, unter der Special-Redaction von Prof. E. G u r 11, 
beransgegeben von Prof. A. Hirsch. Lieferungen 55—60. 
Wien und Leipzig. Urban & Schwarzenberg 1887—1888. 

In aller Stille haben die unermüdlichen Gelehrten Gurlt und 
Hirsch ein grossartiges, in seiner Art einziges Werk beendet, 
wir meinen das biograpb. Lexicon: jedoch nicht zufrieden mit dem 
bisher Geleisteten schliessen sie sofort an das Ganze einen Nachtrag, 
welcher, nach dem bisher Erschienenen zu urtheilen, ebenfalls eine 
ganze Reihe von Lieferungen in Anspruch nehmen wird. Nachdem 
wir nun einen Ueberblick über das ganze Werk gewonnen, können 
wir dem bisher bezüglich der einzelnen Lieferungen wiederholt aus¬ 
gesprochenen Urtheil kaum etwas hinzufügen. Eine derartige Fülle 
an historischem nnd litterärischem Material haben wir bisher noch 
in keinem Werke gefunden. Dieses Material bat einen bleibenden 
Werth für alle Zeit. Daher dürfte das besagte Werk in keiner grös¬ 
seren medicinischen Bibliothek fehlen. Der Preis pro Heft (NB. nicht 
Lieferung, denn meist enthält jedes Heft 2 Lieferungen) ist ein äua- 
ßerst bescheidener. 

Die Professoren G n r 11 nnd Hirsch haben sieb und der deutschen- 
Arbeitskraft durch dieses bedeutende Werk ein ehrenvolles bleibendes 
Denkmal geschaffen, desgleichen die Verleger Urban & Schwarzen¬ 
berg, welche stets bereit sind derartige Werke materiell zu stützen, 
ohne Hinblick darauf ob sie auch selbst dabei einen materiellen 
Nutzen ziehen oder nicht. P. 


W. F. Loebisch: Die neueren Arzneimittel in ihrer An¬ 
wendung und Wirkung. 3. gänzlich umgearbeitete und 
wesentlich vermehrte Auflage. Wien und Leipzig. Urban und 
Schwarzenberg 1888. 432 S. 

Das Erscheinen einer dritten Auflage des bewährten Handbuchs 
von Loebisch über die neoeren]Arzneimittel wird sicher von vielen 
praktischen Aerzten mit Freude begrüsst werden, denn bei der mit 
jedem Tage wachsenden Anempfehlung neuer Arzneikörper bedarf 
wohl kein Werk dringender der Umarbeitung und Ergänzung, als 
ein solches. Besonders der praktische Arzt ist dem Verfasser dieses 
Werkes zu Dank verpflichtet für die einheitliche Zusammenstellung 
der gebräuchlichsten neoen Arzneimittel, da er garnicht im Stande 
ist über die Wirkungs- nnd Anwendangsweise derselben sich aus den 
einzelnen Jonrnalartikeln zu informiren. Erfreulich ist es, dasa 
der Verfasser, welchem nach seinem Bernf eigentlich nur das phar¬ 
makologische Experiment am lebenden Thiere wichtig erscheinen 
musste, ancb auf die praktische Verwendung der einzelnen Arznei¬ 
körper am Krankenbette so grosses Gewicht legt, wobei ihm ein Kli¬ 
niker, Prof. Rokitansky, berathend zur Seite stand. 

Die einzelnen Arzneisubstanzen werden eingehend mit genauer 
und nahezu vollständiger Berücksichtigung der bezüglichen Litera¬ 
tur in Bezug auf ihre DarstellungBweise, ihre physikalischen, chemi¬ 
schen und physiologischen Eigenschaften nnd ihre tberapentische 
Anwendnng besprochen. Sehr gennu werden auch die einzelnen Prü¬ 
fungsmethoden auf die Reinheit der Arzneikörper und die toxischen 
Nebenwirkungen derselben berücksichtigt. Sehr zweckmässig sind 
das am Ende jedes, als abgerundete Monographie aufzufassenden 
Kapitels befindliche Literaturverzeichnis» und die beigegebenen mehr 
oder weniger in der Praxis bewährten Receptformeln. Sehr erfreu¬ 
lich ist die, wenn auch nicht vollständige Berücksichtigung der rus- 
sichen Literatur, welche gewöhnlich ziemlich stiefmütterlich behan¬ 
delt wird. Sehr eingebend sind bei der Beschreibung von Arznei¬ 
mitteln von ähnlicher therapeutischer Wirkung die Unterschieden 
derselben in klinischer Beziehung geschildert und die Cautelen betont, 
die man bei der Verordnung der einzelnen Arzneikörper am Kranken¬ 
bette beobachten muss. Auch wird beim Lesen dieses Buches häufig 
das Streben des Verfassers ersichtlich, die physiologische Wirkung 
eines bestimmten Arzneikörpers aus der chemischen Zusammen¬ 
setzung und den physikalischen Eigenschaften desselben abzuleiten, 
ein Streben der neueren Heilmitteluntersuchung, welches in der 
letzten Zeit so frachtbringend hinsichtlich der Auffindung und 
Empfehlung neuer und darunter sehr wichtiger Substanzen war. 

Die nene Auflage ist durch eine Reihe von in den letzten 4 Jahren 
vorgescblagenen Arzneimitteln vermehrt worden. Den Arzneikörpern 
ans der Fettreihe sind noch Paraldehyd, Urethan, Nitroglycerin und 
Amylenhydrat hinzugefügt. Die der aromatischen Reihe zugehörigen 
Arzneikörper sind auch durch eine Reihe neuer Repräsentanten be¬ 
reichert worden (wie z. B. Acetanilid, Aseptol, Hypnon, Salol, 
Saccharin u. a.). Ferner sind neu aufgenommen das Pyridin, die An- 
tipyretica ans der ChinoliLreihe, das Antipyrin und daslchtyol, von 
den Alkaloiden das Cocain und von den Pflanzendroguen der Stro- 
phanthns. 

Die Darstellung der physiologischen und therapeutischen Eigen- 


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107 


«chaften der einzelnen Arzneisubstanzen ist präcis nnd klar nnd sind 
die Ergebnisse der experimentellen nnd klinischen Forschungen ans 
den letzten Jahren eingehend berücksichtigt. Der Druck und die 
äussero Ausstattung des Buches sind ausgezeichnet. 

Das Werk ist Dank seinem reichhaltigen Inhalt in jeder Beziehung, 
besonders als Nachschlagebuch für den praktischen Arzt, empfehlens¬ 
werte —88. 


Vermischtes. 

— Die Gesellschaft der Aerste zu Wjatka hat in ihrer Sitzung am 
10. Februar beschlossen: „ihre Theilnahme dem hochgeschätzten, 
schuldlos schuldigen Collegen Dr. Dreypölcher auszudrücken“. 

Wr. 

— Medizinskoje Obosrenie bringt in ihrer AS 2 eine ausführliche 
Besprechung des „Falles Dreypölcher“, welche sich hauptsächlich 
auf die Mittheilung des Dr. Stol tz in Nowoje Wremja 16. Januar 
1888 stützt und die Einstimmigkeit der gesammten medicinischen 
Presse in der Auffassung betont, dass Dreypölcher unschuldiger 
Weise für schwere Sünden Anderer gebüsst hat. Besonders scharf wird 
das Verhalten der ärztlichen Zeugen und Experten getadelt und die 
feste Ueberzeugung ausgesprochen, dass alle medicinischen Gesell¬ 
schaften der vom Vereine St. Petersburger Aerzte am 19. Januar 
d. J. einstimmig gefassten Ehrenerklärung beipflichten werden. 

— Im Maimonat d. J. begeht der Präsident des Medicinalrathes, 
Prof, einer, wirkl. Geheimrath Dr. Zdekauer, das 50-jährige 
Jubiläum seiner ärztlichen und wissenschaftlichen Thätigkeit. 

— Der Ober- Militär - Medicinalinspector, Geheimrath Dr. Bern* 
mert, ist von der kaukasischen medicinischen Gesellschaft, deren 
Präsident er längere Zeit war, 2 um Ehrenmitgliede gewählt worden. 

— Der ältere Arzt der 8. Flotteneauipage, wirkl. Staatsrath G a - 
1 n si n8 ki, ist znm Gehülfen 'des Oberarztes des St. Petersburger 
Marinehospitals ernannt worden. 

— Am 9./21. März beging der berühmte Professor der Geschichte 
der Medicin an der Berliner Universität, Geheimrath Dr. A. H i r s c h, 
sein 25-jähriges Jübüäum als Professor an der Berliner Universität. 
Bei dieser Gelegenheit wurden ihm zahlreiche Ovationen dargebracht. 

— Der Gemeinderath von San Bemo hat Dr. Morel 1 Macken¬ 
zie das Ehrenbürgerrecht verliehen. 

— An Beiträgen für das auf den Namen des verdienten Professors 
Trapp zu gründende Stipendium sind bei der St. Petersburger 
PharmaceutischenGesellschaft bereits 3320 Rbl. 50 Kop. eingegangen. 

— Der Arzt der hiesigen Irrenanstalt Nikolai Tschudotworez, N. 
M. Popow, ist zum Professor der Psychiatrie und Nervenheilkunde 
an der Warschauer Universität ernannt worden. 

— Verstorben : 1) Am 29. Februar in St. Petersburg der Arzt am 
hiesigen Marien-Gebärhause, Dr. J. Garfunkel, an einem orga¬ 
nischen Herzfehler. Der Verstorbene, welcher seine medicinische 
Ausbildung an der medico-chirurgiscben Academie erhalten hatte, 
hat gegen 15 Jahre am Marien - Gebärhause gewirkt, die letzten 
Jahre als Docent der Geburtshülfe an der bei diesem Gebärhause 
bestehenden Hebammenschule. 2) In Dünaburg der Oberarzt des 
dortigen Militärhospitals wirklicher Staatsrath Dr. J. Archan¬ 
gelsks 3)InPodolien auf seinem Gute Dr. K. Dobrowolski 
im 86. Lebensjahre. D. hat seine medicinische Ausbildung an der 
früheren Wilnaschen Universität erhalten, wo er i. J. 1829 zum Dr. 
med. promovirt wurde. 4) In Brazlaw (Podolien) der dortige Stadt¬ 
arzt W. Kostezki am Flecktyphus, den ersieh im Gefängniss- 
hospital zugezogen hatte. Da seine Gage sehr kärglich war (35 R. 
monatlich), so hat er seine Frau mit einem Kinde ganz mittellos 
hinterlassen. 5) In München am 19. März n. St. der Senior der dor¬ 
tigen med. Facultät, Geheimrath Prof. Dr. Franz Gietl, im 85. 
Lebensjahre. Der Hingeschiedene war seit 1838 Director der medi¬ 
zinischen Klinik und noch länger Leibarzt der bayrischen Könige 
Maximilian und Ludwig II. 6) In Leipzig der verdienstvolle Or¬ 
thopäde, Docent für dieses Fach an der dortigen Universität, Dr. H. 
5 c h i 1 d b a c h, im 64. Lebensjahre. 

— Gegenwärtig tagt hiersei bst ein Congress der Bezirks^Ocu- 
listen sämmtlicher Militärbezirke des Reiches unter dem Vorsitz 
•des Ober-Militär - Medicinalinspectors. An den Arbeiten des Con- 
gresses nehmen auch Repräsentanten des Civil- und Marine-Medici- 
nal-Ressorts, sowie der Professor der Augenheilkunde an der militär- 
medicinischen Academie, Dr. Dobrowolski, Theil. Auf der Ta¬ 
gesordnung des Congresses stehen unter Anderem die Berathung 
über Maassregeln zur Unterdrückung der Augenkrankheiten sowolü 
in der Armee, als auch in der übrigen Bevölkerung des Reiches, der 
Ausarbeitung einer Instruction für die Bezirksoculisten, sowie einer 
Instruction für die Wehrpflichtcommissionen bezüglich der Augen¬ 
krankheiten, Maassregeln gegen das Trachom. 

— Wie der „Wratsch“ erfährt, ist auf Initiative des Ober-Militär- 
Medicinalinspectors eine besondere Commission zur Revision der 
Militär• Pharmacopoe unter dem Vorsitz des Professors der mil.- 
med. Academie Ssuschtschinski eiugesetztworden, weiche alles 
Veraltete aus der Pharmacopoe entfernen und dagegen Neues, das 
sich klinisch bewährt bat, aufnehmen soll. 

— Es soll definitiv beschlossen sein, in nächster Zeit im Militär- 
Medicinalressort das Dedmalgewicht einzuführen. 

— Nach der „D. Med.-Ztg.“ beträgt die Zahl der Aerzte in Ita¬ 
lien 17,568, in Deutschland 16,292, in Frankreich 14,316 und in 
•Oesterreich 11,000. 


— Die Heidelberger Ophthalmologische Gesellschaft wird ihr 
25-jähriges Bestehen in diesem Jahre dadurch feiern, dass sie die 
Augenärzte aller Länder auffordert ihren Sitzungen vom 9.—12. Aug. 
beizuwohnen nnd durch ihre Anwesenheit den jährlichen Heidelberger 
Ophthalmologen-Congress zu einem internationalen Corgress zu er¬ 
weitern. Der letzte, sechste international^Ophthalmologen-Congress 
hat i. J. 1880 in Mailand stattgefunden und ist in Folge verschiede¬ 
ner Umstände seitdem nicht wieder zusammengetreten. Derselbe 
soll nun bei dieser Gelegenheit zu neuem Leben erweckt werden. 
Das vorläufige Programm kündigt bisher an für: 9. Aug. Referat 
über Glaacom — Priestley Smith und Snellen, 10. Aug. 
Ref. über Cataract — Gayet(Lyon) und Schweigger,ll. Aug. 
Ref. über Bacteriologie — Leber und Sattler. 

— Die Verwaltung des zum Andenken an William F. Jenks 
gestifteten Preises , der alle drei Jahre im Betrage von 250 Dollars 
zur Vertheilung kommt, theilt uns mit, dass der nächste Preis dem 
Autor der besten Arbeit über *die Diagnose und Behandlung der 
Extrauterinschwangerschaft* zuertbeilt werden wird. Um den 
Preis kann sich Jeder bewerben. Die Arbeit muss englisch geschrie¬ 
ben, von einem mit dem Motto der Arbeit versehenen, versiegelten 
Couvert begleitet sein, das Namen und Adresse des Autors enthält, 
und ist bis zum 1. Januar 1889 einzusenden an das College of Physi¬ 
cians of Philadelphia, Pennsylvania U. S. A. unter Adresse von 
Ellwood Wil8on,M. D., Präses des Preis-Comitös. 

— Dem Rechtsschutzverein Berliner Aerzte wurden im J. 1887 
8023 ärztliche Honoraranforderungen im Betrage von 125,657 Mark 
zur Beitreibung übergeben. Davon sind 4294 Liquidationen im Be¬ 
trage von 75,702 Mark eingegaugen, wäbrend die übrigen Liquida¬ 
tionen noch in geschäftlicher Verhandlung sich befinden. Die Ein¬ 
nahmen des Bureaus betrugen pro 1887 10,528 Mark, die Ausgaben 
10,097 Mark, so däss ein Gewinn von 431 Mark erzielt wurde. (A. 
m. C. Ztg.). 

— Von Frau Mathilde Weber (Gattin des Universitätspro¬ 
fessors W. in Tübingen) ist eine kleine Broschüre erschienen, in 
welcher sie für die Zulassung der Frauen zum Studium der Medicin 
in Deutschland plaidirt und ausserdem verlangt, dass den in Zürich 
graduirten weiblichen Aerzten in Deutschland die Ausübung der 
Praxis gestattet werde.